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Neuerscheinungen im August 2009
2.7.2009 von Heidi Hof.
Teil 1
1. Schillers erste Heldin: Das Leben der Christophine Reinwald von Dieter Hildebrandt

Dieter Hildebrandt macht uns mit der Biographie einer Frau bekannt, wie wir sie viel eher in der Gegenwart als im 18. und 19. Jahrhundert vermuten würden.
2. Brüder von Hua Yu

“Brüder” ist die tragikomische Geschichte von Li und Sang, die die Schrecken der Kulturrevolution überleben und im neuen China ihr Glück versuchen. Yu Hua weiß um die Brisanz Chinas, aber er weiß auch, dass man den Humor nie verlieren darf. “Brüder” ist die Kehrseite des Wirtschaftsrausches in China - traurig, klug und sagenhaft komisch.
3. Leidenschaft von Irène Némirovsky

Dieser Roman gilt als dritter Teil des Weltbestsellers »Suite française«
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“Angstspiel” von Jonathan Nasaw
29.6.2009 von Heidi Hof.
Simon Childs ist ein Mann in den Fünfzigern, gut aussehend, wohlhabend – und ein Serienkiller. Er hat es auf Menschen mit ausgeprägten Phobien abgesehen, die er in seinem schalldichten Keller genüsslich zu Tode quält, indem er sie mit dem Gegenstand ihrer Ängste konfrontiert. Als nächstes Opfer hat er die unter einer Maskenphobie leidende Malerin Dorie auserkoren, die er vor Monaten bei einem Phobikerkongress kennen gelernt hatte. Doch Dorie ist inzwischen aufgefallen, dass mehrere der damaligen Teilnehmer durch bizarre Selbstmorde ums Leben gekommen oder auf mysteriöse Weise spurlos verschwunden sind. Die Polizei hält das für reinen Zufall, nur der kurz vor seiner Pensionierung stehende FBI-Agent Pender und seine neue, an Multiple Sklerose erkrankte Kollegin Linda Abruzzi schenken ihr Glauben. Sie ermitteln ohne das Wissen ihrer Vorgesetzten und kommen dabei Simon Childs empfindlich in die Quere. Er beschließt, Rache zu nehmen und weiß auch schon, wie. Denn schließlich hat jeder vor etwas Angst, man muss nur herausfinden, wovor…
Schade! Einen reichen psychopathischen Killer die „fette Ratte Langweile“ dadurch bekämpfen zu lassen, dass er Phobiker auf raffinierte Weise mit Hilfe ihrer Phobien ermordet, ist eine schöne und viel versprechende Idee. Leider hat der Autor nichts aus ihr gemacht. Kommt am Anfang und am Ende des Buches noch so etwas wie Spannung auf, plätschern die über 200 Seiten dazwischen müde dahin. Dabei hätte es ein aufregendes Katz- und Mausspiel zwischen dem Mörder und seinen Verfolgern werden können. Denn während Simon Child Informationen über Pender sammelt und ihm immer näher kommt, ziehen die Ermittler ihrerseits den Kreis um ihn enger und enger. Aber Nasaw bringt einfach keine Dramatik in die Handlung. Der Killer ermordet unterwegs zwar Diesen und Jenen, aber nicht mit Schmackes, sondern eher nebenbei und zum Teil auch recht unmotiviert. Ein Serienkiller, der nicht mit Liebe bei der Sache ist, macht einfach keinen Spaß. Der Verlauf der Geschichte ist ziemlich vorhersehbar, der Showdown am Schluss geht sehr schnell über die Bühne. Ein lieblos herunter geschriebener Krimi mit seltsam emotionslosen Figuren, die auch beim Leser kein Mitgefühl aufkommen lassen. Ich gebe dem Buch 2 bis 3 Sterne von 5, aber auch nur, weil der etwas ungeschlachte Special-Agent Pender mit seinem derben Witz mich entfernt an meinen Liebling Dalziel aus den Reginald Hill-Krimis erinnert.
Wenigstens lässt sich aus dem Buch eine wichtige medizinische Erkenntnis gewinnen: Man wird offenbar schlagartig von seiner Phobie geheilt, wenn man einem Serienkiller in die Hände fällt. Fragt sich nur, ob die Krankenkassen das als Therapie akzeptieren.
Monika
Heyne Verlag, 2006, Übersetzung: Sepp Leeb, Taschenbuch 8,95 €, 450 Seiten, ISB: 978-3453432017
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“Peer im Glück” von Hans Christian Andersen
26.6.2009 von Patrick.
„Der Glückspeter“ ist eines seiner wenigen Romane, die er neben seinen Märchen schrieb. Es war sein 5. Roman und zugleich auch sein Letzter. Allein der Titel könnte als weiteres Märchen verstanden werden und stellenweise liest es sich auch so. Diese Züge weichen jedoch nach der Hälfte des Buches einem sentimentalen Unterton. Was bleibt und hervorsticht, ist wohl größtenteils autobiographisch.
Die Erzählung („Roman“ wirkt auf gerade einmal 100 Seiten etwas bizarr) handelt von Peter oder Peer, wie er ursprünglich getauft wurde, den man in der Neuübersetzung wieder aufgegriffen hat. Peer also, der in ärmlichen Verhältnissen aufwächst und sich um eine Theaterkarriere bemüht. Er versucht sich im Ballett, doch erst durch seine glockenreine Stimme wird man auf ihn aufmerksam. Sie verschafft ihm Ruhm und Ansehen, bis seine Laufbahn durch den Stimmbruch jäh unterbrochen wird. Diese Situation verschafft ihm die Gelegenheit, sich eine Ausbildung anzueignen. Seine Rückkehr zur Bühne verschafft ihm Zutritt in hohe Gesellschaftskreise. Als Opernsänger wird er gefeiert und bejubelt.
“Was bist du noch jung, lieber Freund” sagte er, “dass du ein Vergnügen daran haben kannst, mit diesen Leuten zu verkehren! Sie mögen an und für sich gute Menschen sein, aber uns Bürgerliche übersehen sie! Wenn sie Künstler und im Augenblick gefeierte Persönlichkeiten in ihren Kreis aufnehmen, so ist das für einige von ihnen nur ein Ausdruck ihrer Eitelkeit, ein Amüsement, für andere dagegen eine Art Bildungsschild. Für sie gehören Künstler in den Salon wie Blumen in eine Vase, erst dienen sie als Schmuck, und dann werden sie fortgeworfen.”
Anscheinend fällt diesem Peer das Glück in den Schoß. Schon als Kind findet er in der Rinne Wertgegenstände, während andere Kinder bloß Glasscherben angeln. Das eigentliche Glück hingegen sind die Umstände, die auf dem ersten Blick beklagenswert, sich aber positiv auf längere Sicht entwickeln. So trifft er im Ballettunterricht auf Personen, die sein Gesangstalent entdecken. Die zweijährige Pause wegen seines Stimmbruchs begünstigt ihn insofern, als dass er auf einen ehrenwerten Professor trifft, der ihm die Grundlagen seines späteren Ruhmes beibringt. Peers Geleise in seinem Leben sind perfekt koordiniert, so dass er nur abzufahren braucht. Andersen sieht darin sein eigenes Glück, dass größtenteils vom Zufall geprägt war. Er stand meist zur rechten Zeit am rechten Ort. Dieses, sein Alterswerk, ist somit als Dankbarkeit bezeugender Rückblick zu verstehen.
Nun bleibt vielleicht noch zu klären, was für den Einzelnen ein Leben in Glück bedeutet. Mir fehlte in dieser Geschichte die Erfahrung der Liebe. Peer wurde von einer Frau abgewiesen, gewiss, damit seine Karriere den Siegeszug unbeschadet fortsetzen kann. Aber ist Glück vollkommen, ohne dieses Gefühl erlebt zu haben, ohne es gelebt zu haben? Für Andersen mag Berühmtheit bzw. beruflicher Erfolg ausgereicht haben, da er selbst nie eine Beziehung führte, aber lässt sich dieses individuelle Beispiel als generelle Maxime verstehen? Kann bzw. muss man Peer/Andersen nicht letzten Endes sogar insgeheim bedauern?
Manesse-Verlag, 2005, gebunden 19,90€ ISBN: 978-3717520641
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Neuerscheinungen im Juli 2009
24.6.2009 von Heidi Hof.
letzter Teil
1. Eine Biographie über Knut Hamsun: Schwärmer und Eroberer von Ingar Sletten Kolleon
2. Zwei an einem Tag von David Nicholls
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Der Weltensammler” von Ilija Trojanow
21.6.2009 von Heidi Hof.
Dieser Roman hielt nicht was er von der Presse her verspricht!
Ilija Trojanow erzählt fiktiv im „Weltensammler“ das Leben des Richard Burton. Der Roman ist in drei Teile untergliedert, die die Aufenthalte des Weltenbummlers aufzeigen: Indien, Arabien und Ostafrika. Dabei hält sich der Autor an ein Konzept, welches den Protagonisten von außen her beschreibt und die direkte Innensicht im Wechsel.
Der erste Teil liest sich wunderbar romanhaft, er lässt die Figuren leben und beschreibt das Land mit all seinen Eigenheiten und seinen Bewohner. Burton ist für seine Landsleute ein komischer Kauz, denn anstatt sich an ihre kolonialen Gepflogenheiten zu halten, studiert er lieber diese fremde Religion und die unterschiedlichen Sprachen Indiens. Sein erster Diener Naukaram wird ihm dabei eine wichtige Stütze. Durch ihn lernt er seinen Sprachlehrer kennen, ein indischer Gelehrter und Meister, sowie seine einzige Liebe im Leben. Eine Tempel-Tänzerin, die sich aus den Fängen der Priester befreien kann, und auch sie findet mit Burton ihre Liebe.
Dadurch dass sich der Engländer innerhalb kürzester Zeit in den Sprachen des Landes mit den Einheimischen gekonnt verständigen kann, zieht er das Misstrauen der englischen Krone auf sich. Unehrenhaft wird er nach acht Jahren aus dem Dienst entlassen, weil seine Ausflüge ins Land der Besetzten zu wilden Spekulationen verleiten. Auch wird ihm Unglaube nachgesprochen, stände ihm doch die neuen Götter näher als Gott. Eine Krankheit kommt der Krone ganz recht um diese Angelegenheit vertuschen zu können.
Dieser erste Abschnitt hat mir sehr gut gefallen. Die Sprache ist bunt und einfühlsam und liest sich sehr angenehm. Doch ab dem zweiten Teil missfiel mir das Buch immer mehr. Trojanow legt immer mehr Wert auf die Expeditionen Burtons, seine Beschreibungen werden komplizierter, so dass man gehörig aufpassen muss am Ball zu bleiben. Zudem trägt auch keine angenehme Geschichte mehr den Verlauf, und das ständige Hin-und-Her-Springen nervt.
Ilija Trojanow, 1965 in Bulgarien geboren, in Kenia aufgewachsen, studierte und arbeitete viele Jahre in Deutschland. Seit 1998 lebt er in Bombay. Ein Kosmopolit per excellence! Trojanow ist Autor, unter anderem bei Hanser, Herausgeber und Verleger des Marino Verlages in München, der 1999 dem Programm von Frederking & Thaler angegliedert wurde. Er beschäftigt sich schwerpunktmäßig mit afrikanischer Geschichte, Kultur und Literatur.
Heidi Hof
RM Buch + Medien Vertrieb GmbH, 2006, Hardcover vergriffen, 475 Seiten, Buch-Nr. 084372
Geschrieben in Heidi Hof, Roman | 2 Kommentare »
“Engel im Schnee” von Stewart O’Nan
18.6.2009 von Heidi Hof.
Es ist Mitte Dezember. Seit Wochen herrscht ein schneidend kalter Winter in der kleinen Provinzstadt Butler, Pennsylvania. Es ist ein Winter, der alle Dinge schmerzhaft scharf hervortreten lässt, ein Winter der erstarrten Gefühle und der abgestorbenen Hoffnungen.
Der 15jährige Arthur Parkinson probt gerade mit dem High School Orchester draußen auf dem Footballplatz, als im nahe gelegenen Waldgebiet mehrere Schüsse fallen. Er wird Ohrenzeuge des Mordes an Annie Marchant, der hübschen, rothaarigen Annie, die vor Jahren seine Babysitterin und sein erster Schwarm war. Es ist der Schlusspunkt einer sich seit Wochen anbahnenden Familientragödie.
Annie kommt mit ihren Leben nicht zurecht. Nach der Trennung von ihrem labilen, antriebsarmen Ehemann hat sie eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin begonnen. Doch im Grunde weiß Annie, dass auch Brock ihr nicht den Halt geben kann, nach dem sie verzweifelt sucht. Enttäuscht und verbittert über ihr Geschick, überzeugt von ihrer eigenen Unzulänglichkeit und überfordert durch die Doppelbelastung von Schichtdienst und Kindererziehung, lässt sie ihren Frust auch an ihrer kleinen Tochter Tara aus. Ihr Ex-Mann Glenn kann sich mit der Trennung nicht abfinden. Seine Hoffnung auf Versöhnung bleibt jedoch vergeblich und so überlässt er sich mehr und mehr religiösen Wahnvorstellungen. Brock schließlich bemüht sich zwar, Annie und ihrer Tochter zu helfen, aber er ist der Situation nicht gewachsen und beginnt eine Affäre mit einem Mädchen aus der Firma. Hilflos müssen Annies Mutter und Glenns Eltern mit ansehen, wie das Leben ihrer Kinder buchstäblich den Bach hinuntergeht.
Hilflos ist auch Arthur den Ereignissen dieses Winters ausgeliefert. Er muss nicht nur die Trennung seiner Eltern und den Umzug mit seiner Mutter in ein ärmliches Wohnviertel verkraften, sondern kommt auch auf eine sehr tragische Weise noch einmal mit dem Schicksal Annies in Berührung. Doch er bleibt allein mit seinen Ängsten. Seine Eltern kriegen ihre persönlichen Probleme nicht in den Griff, seine ältere, bei der Air Force in Deutschland stationierte Schwester bürdet ihm telefonisch die Verantwortung für die immer haltloser werdende Mutter auf, die Bemühungen eines Psychiaters, zu dem er geschickt wird, bleiben halbherzig. Arthur schottet sich ganz bewusst gegen das Chaos und den Zerfall um sich herum ab. Er ist wild entschlossen, sich durch nichts, was in diesem Winter geschehen ist, vom Glücklichsein abhalten zu lassen. Und so übt er weiter Posaune im Schulorchester, bekifft sich hin und wieder mit seinem Freund Warren und erlebt die erste Liebe mit einem Mädchen aus der neuen Nachbarschaft. Doch Arthur ist erst fünfzehn und kann nicht verhindern, dass die Ereignisse dieses Winters Spuren hinterlassen.
Stewart O’Nan’s erster Roman ist eine ruhig erzählte Geschichte von leiser Dramatik und Eindringlichkeit. Die Sprache ist klar und präzise, sie bleibt dicht an ihren Figuren, beschreibt nur und erklärt nicht. Die Bilder des Winters, der die Menschen wie in einem Albtraum gefangen hält, unterstreichen die beklemmende Stimmung von Unabwendbarkeit und hoffnungsloser Kälte. Da die Vorgänge aus der Sicht der Beteiligten gezeigt werden, erlebt der Leser Annies Verhängnis und den Zusammenbruch von Arthurs Welt Schritt für Schritt mit. Einfühlsam und doch immer mit einer gewissen Distanz schildert der Autor die Perspektivlosigkeit seiner Figuren, ihre Suche nach Geborgenheit und Glück, ihr vorprogrammiertes Scheitern bei dem Versuch, ihr chaotisches Leben in den Griff zu bekommen. Die unschuldigen Opfer sind Arthur und Annies kleine Tochter Tara, die mit Entwicklungen konfrontiert sind, auf die sie keinen Einfluss haben.
Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven. Die eine beschreibt Annies Schicksal. Sie ist in der dritten Person und im Präsens geschrieben, denn Annies Leben hat keine Zukunft und keine Vergangenheit mehr, es ist für immer erstarrt in der Kälte jenes Winters. Die andere gehört dem Ich-Erzähler Arthur, der bei einem Besuch in seiner Heimatstadt an den Schmerz und die Verzweiflung der letzten Tage seiner Kindheit zurückdenkt. Er beschließt seine Erinnerungen mit den Worten, er könne sich sehr genau vorstellen, “wie ich die Menschen, die ich liebte, jemals würde hassen können… und das würde sich sehr lange nicht ändern”. Eine bittere Feststellung, die die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse auf sein Leben andeutet und doch gleichzeitig schon die tröstliche Aussicht auf ihre Überwindung miteinschließt.
Monika
Rowohlt Verlag, 2000, OT: Snow Angels 1994, Übersetzung: Thomas Gunkel, broschiert 8,95 €, 250 Seiten, ISBN: 978-3499223631
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Neuerscheinungen im Juli 2009
15.6.2009 von Heidi Hof.
Teil 2
1. Einer von vielen von Norbert Zähringer

“In der deutschen Literatur passiert es selten, dass solche existenziellen Einsichten in einen leichten und auf verzweifelte Art auch noch komischen Roman verpackt werden. Norbert Zähringer ist eine Ausnahmeerscheinung.” (Kolja Mensing, Deutschland Radio Kultur)
2. Die Geschichte des Edgar Sawtelle von David Wroblewski

“Ich habe mich schlicht und einfach verliebt in ‘Die Geschichte des Edgar Sawtelle’. Das ist letztlich gar keine Geschichte über Hunde oder das Leben auf dem Lande in Amerika, das ist eine Geschichte über das Herz, das in unserer Brust schlägt, und die Geheimnisse, die es in sich trägt die wir verstehen, aber nicht zu artikulieren wissen Es gibt nicht viele Bücher, die ich mehr als einmal lese, dafür ist das Leben einfach zu kurz. Dieses hier aber werde ich definitiv noch einmal lesen.” (Stephen King)
3. Muttermilch von Edward St Aubyn

Kinder, Ehe, Ehebruch und Sterbehilfe es sind die großen Themen, die St Aubyn mit Hilfe seiner strahlenden Prosa ohne Narkose seziert. Kein Zweifel: Für den, der von dieser Muttermilch getrunken hat, bekommt der Begriff »postnatale Depression« eine ganz neue Bedeutung
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“Vogelsteins Verwirrung” von Luis Fernando Verissimo
12.6.2009 von Patrick.
Schon vor 25 Jahren hat der Übersetzer und Poe-Experte Vogelstein einen ersten schriftlichen Kontakt zu Jorge Luis Borges provoziert, als er bei der Übersetzung eines seiner Werke „chirurgische Eingriffe“ vornahm bzw. dem Buch ein Ende hinzudichtete, sehr zum Missfallen Borges. Trotz penetrantem Bemühen seitens Vogelstein, kam ein ordentlicher Dialog nie zustande.
Der Gott des Zufalls greift Vogelstein nun Jahre später unter die Arme, denn der Kongress zu Edgar Allen Poe findet diesmal in Buenos Aires statt, wo die internationalen Poe-Experten zusammen treffen. Entgegen aller Erwartung sitzt der blinde Borges dort an der Theke. Beide unterhalten sich und werden Zeuge eines Streites zwischen den drei wichtigsten und umstrittensten Koryphäen, die jeder für sich, mit einer neuen These aufwarten und damit ihr Renomee aufwerten wollen. Unglücklicherweise werden diese Streithähne im gleichen Hotel, im gleichen Gang untergebracht und so kommt es, dass in jener Nacht ein Mord geschieht.
Vogelstein schreibt nun diesen Brief an Borges, wurde er doch darum gebeten, alle Einzelheiten der ereignisreichen Woche niederzuschreiben. „Schreib, und du wirst dich erinnern.“
Und er erinnert sich, an die Stunden vor dem Mord, an dem Anblick der Leiche und an die Aufklärungsversuche von Borges, Mr. Cuervo (Rabe) und Vogelstein. Aber …
„… mir fiel ein, dass Poe, der bereits die Detektivgeschichte und die Parodie auf die Detektivgeschichte und die Anti-Detektivgeschichte erfunden hatte, in ihr eine der umstrittensten Regeln des Genres geschaffen hat, nämlich die des unzuverlässigen Erzählers.“
Wer Borges Werk kennt, weiß um die mathematische, linguistische und etymologische Theorie seines Kosmos, über Gott als Autor, die Bibliothek als Universum und das Universum als Spiegelkabinett. Diese Erkenntnisse vermischt Verissimo nun mit den Geschichten um Poe, und wirft noch einige Fakten aus der Weltliteratur hinterher. Die Rezeptur ist so einfach wie genial um aus einem simplen Krimi eine literarische Spurensuche zu kreieren. Ein winziges Beispiel hierzu ergibt sich aus der Bedeutung des „X“ am Tatort:
„In der Mathematik ist es das Symbol für die Unbekannte oder für eine variable Größe“ schlug Cuervo vor.
„Victor Hugo hat geschrieben, das X stehe für gekreuzte Schwerter, für einen Kampf mit ungewissem Ausgang, und deshalb versinnbildliche es für die Philosophen das Schicksal und für die Mathematiker die Unbekannte“ so mein Beitrag.
Cuervo: „Es kann das Kreuz darstellen, oder Christus …“ […]
„Von Sir Thomas Brown gibt es eine Abhandlung über das X, der zufolge es für die Verbindung von zeitlichem und magischem Wissen steht, die Pyramide von oben nach unten und die Pyramide von unten nach oben und zudem die Doppelung des V, des römischen Buchstabens mit der größten mystischen Bedeutung, steht er doch für die fünf Sinne des Menschen und gleichzeitig Form, Buchstabe und Zahl, oder Geometrie, Schrift und Mathematik, die drei Möglichkeiten zur Auslegung der Welt. Doch wir sollten lieber nicht auf diesen dunklen Pfad abschwenken. Denn soeben ist mir in den Sinn gekommen, dass es bei Poe eine Geschichte gibt, in der das X für das O steht. Sie heißt „der ge-x-te Ardickel“…“
Wieder einmal hat es Verissimo (nach “Meierhoffs Verschwörung) geschafft, mich zu überzeugen, indem er wieder Realität und Fiktion vermengt, indem er dem Leser wieder eine Verschwörung aufbindet, indem er wieder mit Anspielungen und Verweisen spielt. Ein Minimum an Vorwissen über Poe, Borges und anderer Weltliteraten wäre ratsam, da einem diese Anspielungen ansonsten entgehen könnten. Die Leser werden aber belohnt mit einem geistreichen, philosophisch motivierten und verspielten Autoren, der in gewisser Weise seine Parodie einer Detektivgeschichte vorlegt. Hoffentlich bleibt Verissimo hierzulande nicht länger ein Insider-Tipp.
“Nur weil wir nicht an diese unsichtbaren Mächte glauben, heißt das ja keineswegs, dass es sie nicht gibt.”
Droemer/Knaur 2004, gebunden, 163 Seiten ISBN: 978-3426626863
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Neuerscheinungen im Juli 2009
9.6.2009 von Heidi Hof.
Teil 1
1. Träume von Flüssen und Meeren von Tim Parks

Seine Romane wurden mit zahlreichen Preisen ausgezeichnet, u. a. mit dem Somerset-Maugham-Award.
2. Die Erfindung der Poesie: Gedichte aus den ersten viertausend Jahren von Roaul Schrott

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“Mann in der Schwebe” von Saul Bellow
7.6.2009 von Patrick.
Chicago, 1942. Es ist die Zeit der Helden und Hartgesottenen. Die propagandistische Suche nach neuen Kriegern ist in den USA angelaufen und kühner Patriotismus wird in jenen Tagen groß geschrieben. Kriegshelden, die eine ganze Epoche prägen werden.
“Hast Du Leidenschaften? Würg sie ab!“
Seit sieben Monaten wartet Joseph nun schon auf seine Einberufung zum Militärdienst, doch die Mühlen der Bürokratie mahlen langsam. Seitdem hängt er in der Luft, ohne Arbeit, ohne Ziel, ohne Motivation, in einer kleinen Pension zusammen mit seiner Frau Iva. Um die Zeit des Wartens auszufüllen, führt er Tagebuch, notiert Gedanken und Eindrücke, beobachtet sich und seine Umgebung, während dieser unsicheren Zeit.
“In einer Stadt, wo man fast sein ganzes Leben verbracht hat, wird man sich kaum jemals einsam fühlen, und doch bin ich in einem sehr realen Sinne genau das. Ich bin zehn Stunden täglich allein in einem einzigen Zimmer.“
Diese Aussage auf den ersten Seiten veranlasst mich dazu, in Joseph einen isolierten jungen Mann zu sehen und bin ein wenig enttäuscht, als diese Erwartungshaltung auf hinkendem Fuß steht, denn er ist in den kommenden Tagen und Wochen eigentlich nie zuhause. Lustlose Besuche bei Freunden, belanglose Gespräche in sehr einfach gestrickter Sprache werden in sein Tagebuch eingetragen. Und doch, beim Weiterlesen erkennt man sie, die Kritik, die verborgene Botschaft hinter der scheinbaren Bedeutungslosigkeit seiner Wortwahl. Die Isolation wird spürbar und das in einem Umfang, der meine Erwartung in den Schatten stellt.
Es ist der Verhaltenskodex der Gesellschaft, der kritisiert wird. Immer dazu verleitet, die gleichen Pfade entlang zu laufen und das auf unreflektierte und ignorante Weise. Bohrenden Fragen auszuweichen und Dinge als gegeben hinzunehmen, statt sie zu hinterfragen, lautet die Devise der Zeit. Es sind diese Denkmuster des modernen Menschen, die Joseph anprangert, wenn sich sogar schon 10-jährige Kinder abfällig über seine Arbeitslosigkeit äußern. Er sucht nach dem Zweck seines Daseins, versucht dem Menschen einen Sinn einzuverleiben. Einst in der Überzeugung, die Freiheit als höchstes Gut zu betrachten, wird sie nach seinen Überlegungen zum eigentlichen Fluch. Die Umwelt hat sich in Vorgänge und Routinen verhakt, in denen die Freiheit ihren Wert verliert. Der moderne Mensch muss sich den ungeschriebenen Gesetzen anpassen, sich ihnen unterwerfen, sonst scheitert er.
Joseph bittet um Beschleunigung seiner Einberufung, weil er sich einsam und ausgeschlossen fühlt. Er ist seiner Freiheit überdrüssig geworden, die doch nur Verwahrlosung zur Folge hat. Um Akzeptanz zu erlangen, nimmt er gar die Unterwerfung seines Geistes in Kauf.
“Das ist mein letzter Tag als Zivilist … Man kann mich nicht mehr für mich verantwortlich machen, dafür bin ich dankbar. Ich bin in anderen Händen, von der Selbstbestimmung erlöst, der Freiheit enthoben.
Ein Hoch dem geregelten Leben!
Und der Bevormundung des Geistes!
Lang lebe die straffe Ordnung!“
Kiepenheuer & Witsch, 2000, gebunden, 256 Seiten ISBN: 978-3462029208
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