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- 24.2.2010: "Austerlitz" von W. G. Sebald
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- 20.2.2010: "Die Tränen der Königin" von Christopher W. Gortner
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“Herztier” von Herta Müller
8.3.2010 von Heidi Hof.
Ein Genuss, wenn man sich auf diese schwere Kost einlässt.
Vier Freunde, die in einem rumänischen College Russisch studieren, kommen immer mehr ins Bedrängnis und werden vom Regime Ceausescus verfolgt und bespitzelt. Und dabei denken sie gar nicht revolutionär oder gefährlich, sondern die Jugendlichen denken und philosophieren einfach, schreiben Gedichte und führen Tagebuch.
Eine Kameradin, Lola, die sich ziemlich naiv, sie möchte noch etwas im Leben erreichen und sieht nur diese Möglichkeit, auf die Securitate einlässt, verübt einen augenscheinlichen Selbstmord. Eine Situation, die die Freunde wachrüttelt und sie zur Vorsicht zwingt. Aber ihre verschlossenen Koffer, werden dennoch geöffnet und Papiere verschwinden.
Und so überwacht und bespitzelt können die Menschen nur in einem hohen Maß mit Skepsis zueinander stehen, denn Verrat gibt es an jeder Ecke. Oder man schafft sich eine Parallelwelt mit einer codierten Sprache und bestückt Briefe mit Haaren.
Der Roman beginnt direkt mit der Codierungen: Was ist der Sack? Was hat es mit Maulbeerbäumen, Blättern und Gras auf sich? Haare und Nägel? Und die Dürre?
Der Leser steht vor einem Rätsel, und hier liegt der Schlüssel: Ob man nun das Buch angewidert in die Ecke wirft oder ob man gewillt ist das Rätsel zu knacken? Wenn man aber anfängt das Metaphernmosaik zu erobern, kann es leicht passieren, dass man Sätze, die 1:1 zu verstehen sind, auch enträtseln möchte.
„Und Lola hing an meinem Gürtel im Schrank.“
Herta Müller erreicht es durch ihren einmaligen Stil, dass der Leser dieses beklemmende Gefühl, die Furcht und das Entsetzen ganz real spürt. Man ist teilweise fast überfordert und fühlt die Spitzel, durch diese Verschlüsselung, überall. Es ist ein Kampf sich durch diese Lektüre zu wühlen, aber zum Schluss ist es eine Bereicherung, denn man erahnt die Qualen und kann das Leben in solchen Regimen nachvollziehen. Ganz schrecklich, aber wunderbar transportiert!
„Ich kann mir heute noch kein Grab vorstellen. Nur einen Gürtel, ein Fenster, eine Nuß und einen Strick. Jeder Tod ist für mich wie ein Sack.“
Heidi Hof
Fischer TB Verlag, 5. Auflage 2009, Taschenbuch €, 252 Seiten, ISBN: 978-3-596-17537-6
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Neuerscheinungen im April
6.3.2010 von Heidi Hof.
Teil 1/2
1. Juni von Gerbrand Bakker

Die Königin kommt. Und das Dorf im nördlichsten Zipfel der Niederlande steht kopf. Mitten drin im Trubel dieses Junitages 1969 ist die Familie Kaan. Zwei der Söhne schwenken Fähnchen vor dem Gemeindehaus, und der kleinen Tochter auf dem Arm ihrer Mutter Anna streicht Königin Juliana höchstpersönlich über die Wange.
2. Tagebuch 3 von Max Frisch

In einem der Öffentlichkeit nicht zugänglichen Teil des Max-Frisch-Archivs in Zürich war das Typoskript eines bisher unbekannten Werks des Schweizer Autors gefunden worden: 184 Seiten, von Frisch auf Tonband diktiert, von seiner Sekretärin in die Maschine getippt. Der Autor selbst hatte auf der Titelseite notiert: »Tagebuch 3.
3. Finish von Tom McNab

Ein grandioser Roman voller Leidenschaft, Witz und heroischer Momente, der eine legendäre Epoche der amerikanischen Geschichte wiederaufleben lässt: 1876, der Westen ist noch wild. Buck Miller und Billy Joe Speed leben auf Messers Schneide - Frauen, Schießereien, Indianer, Wettrennen. Am Ende müssen sie unter den Augen ihres Mentors Moriarty zum Lauf ihres Lebens antreten.
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“Leopard” von Jo Nesbø
4.3.2010 von Heidi Hof.
Nach seinem letzten Fall um den Schneemann brauchte Harry Abstand, Abstand zur Polizei, Abstand zu Norwegen, Abstand zu seinem bisherigen Leben. Die Trennung von Rakel und deren Sohn hat ihn sehr mitgenommen. Unterschlupf hat er in Hongkong gefunden. Aber in Ruhe leben kann er auch dort nicht. Alkohol, Opium und Pferdewetten sind für ihn zum Lebensinhalt geworden. Wegen seiner Schulden bei den Tiraden, der chinesischen Mafia, kann er auch das Land nicht verlassen, denn sie haben ihm seinen Pass als Pfand abgenommen. Die junge norwegische Ermittlerin Kaja Solness fliegt im Auftrag von Gunnar Hagen, Leiter des Morddezernates, nach Hongkong, um Hole zurück nach Norwegen zu holen, denn dort treibt erneut ein vermeintlicher Serienmörder sein Unwesen. Dies sind aber nicht die einzigen Handlungsorte, der Leser verfolgt die Ermittlungen noch in Ruanda, im Kongo und in Leipzig.
Gleich zu Beginn des Romans wird man Zeuge eines äußerst grausamen und perfide ausgeklügelten Mordes an einer Frau. War „Schneemann“ schon nichts für Zartbesaitete, empfand ich „Leopard“ im Vergleich zum Vorgängerbuch noch einmal als eine deutliche Steigerung.
Die Handlung verläuft in verschiedenen Strängen. Neben den Ermittlungen in den Mordfällen ging es in diesem Thriller auch um das Kompetenzgerangel zwischen dem Morddezernat und dem Kriminalamt.
Temporeich erzählt Jo Nesbø vom Fortschreiten der Ermittlungen, von Fehlschlägen und der behördlichen Rivalität. Mikael Bellman, Chef des Kriminalamtes und selbsternannter Platzhirsch, will mit seinem Team allein die Fälle lösen und erkennt die Kompetenz des Morddezernates nicht an. Ruhe kommt in dieses Buch immer dann, wenn Harry Hole seinen todkranken Vater am Sterbebett besucht. Es ist ein leises Abschiednehmen von Vater und Sohn, dass gefühlvoll und eindringlich beschrieben wurde. Eine weiter Handlungsebene ist die unvermeidliche Lovestory. Die gehört wohl einfach zu diesem Genre.
Prinzipiell hat mir „Leopard“ recht gut gefallen. Der Spannungsbogen wurde kontinuierlich aufgebaut und auch bis zum Ende hin gehalten. Die Morde sind zwar brutal, aber gerade noch erträglich und auch die Ermittler sind nicht zimperlich und müssen einiges einstecken. Jo Nesbø erzählt gekonnt und baut geschickte Cliffhanger ein, so lässt er dem Leser Zeit zum Durchatmen und zum stillen Weiterfiebern und hält ihn so vor allen Dingen bei der Stange. Der Thriller ist leicht und flüssig zu lesen, zieht den Leser schnell in seinen Bann und entwickelt dann eine gewisse Eigendynamik. Mir fiel es doch recht schwer, das Buch zur Seite zu legen. Nesbø nutzt intelligent die Zutaten, die einen guten Thriller ausmachen, durchkonstruierte Morde als Grundlage, ein bisschen Liebesgeflüster fürs Gefühl und einige unverhoffte Wendungen für die Spannung. Einzig die Figur des Harry Hole hat mir in diesem Fall nicht so zugesagt. Zwar gelingt es dem Autor gut, seine Sucht und Schwächen zu beschreiben, aber den Widrigkeiten seines Berufsalltags kann er trotzen, obwohl er psychisch und physisch sehr mitgenommen scheint. Nicht jeder kann seine persönlichen Defizite so gut überspielen.
„Leopard“ ist der 8., gut in Szene gesetzte Fall des Ermittlers Harry Hole. Wer sich nicht an der Spezifik des Ermittlers stört, rasante und blutige Kriminalromane bevorzugt und Liebhaber dieses Genres ist, für den wird dieses Buch kein Fehlgriff sein.
Über den Autor (Quelle: Wikipedia)
Jo Nesbø (* 23. März 1960 in Oslo) ist ein norwegischer Musiker und Autor.
Nach einer Ausbildung als Diplom-Kaufmann und Finanzanalyst an der Norwegischen Handelshochschule Bergen war er neben seiner Aufgabe als Sänger und Komponist der Popgruppe Di Derre als Makler und Journalist tätig.
Hauptperson von Nesbøs bisherigen Kriminalromanen ist der alkoholkranke, alleinstehende Hauptkommissar Harry Hole, der zumeist brutale Mordfälle lösen muss.
Nesbø erhielt als Auszeichnung den norwegischen Riverton-Preis und den skandinavischen Krimipreis (Glasnøkkelen) für seinen Debütroman Flaggermusmannen. Sein Roman Rotkehlchen brachte ihm 2000 den norwegischen Buchhandelspreis ein und wurde 2004 zum besten norwegischen Krimi aller Zeiten (Tidenes beste norske krim) gewählt. Seine Werke wurden in die schwedische, finnische, dänische, englische, niederländische, französische, polnische und deutsche Sprache übersetzt.
Zur Reihe um den Ermittler Harry Hole gehören:
1. Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
2. Kakerlaken (Kakerlakkene)
3. Rotkehlchen (Rødstrupe)
4. Die Fährte (Sorgenfri)
5. Das fünfte Zeichen (Marekors)
6. Der Erlöser (Frelseren)
7. Schneemann (Snømannen)
8. Leopard (Panserhjerte)
Heike
Ullstein Verlag 2010, Übersetzung: Günther Frauenlob und Maike Dörris, Hardcover 21,95 €, 698 Seiten, ISBN: 978-3550087745
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“Die Ringeltaube” von André Gide
1.3.2010 von Heidi Hof.
Ich denke mal, dass dieses Büchlein ein Bonbon für Gide-Kenner ist, aber nicht zum Einstieg gedacht ist.
Deshalb direkt zum Aufbau. Die 74 Seiten setzen sich folgendermaßen zusammen: Ein Vorwort von Catherine Gide, der Tochter und eine Vorrede von Jean-Claude Perrier von insgesamt 15 Seiten. Ein Nachwort von David H. Walker von starken 38 Seiten Länge, Nachweise und Anmerkungen 5 Seiten. Sinn und Zweck dieser ganzen Reden ist das Pro und Kontra, ob diese 15 Seiten „Die Ringeltaube“ die André Gide nicht zur Veröffentlichung frei gegeben hat, nachträglich veröffentlich werden durften?
Zu damaliger Zeit hätte diese Veröffentlichung wohl zu einer Verhaftung geführt, dafür sind die 15 Seiten zu eindeutig. Gide lernt den Teenager Ferdinand auf einem Fest kennen, „zufällig“ fahren sie gemeinsam nach Hause und verleben eine Nacht miteinander. In der heutigen Zeit nichts Außergewöhnliches mehr. Dennoch bleibt für mich einfach die respektvolle Frage, ob man sich nach dem Tod eines Autors über dessen Wünsche hinwegsetzen darf? (Max Frisch wird derzeit ja auch ausgeschlachtet.) Nun, darüber sollen sich andere die Köpfe einschlagen. Ich denke mal, dass es für richtige Gide-Fans ein Bonbon ist.
André Gide wurde 1869 in Paris geboren. Schon früh hatte er Kontakte zur französischen Avantgarde und schloß Freundschaft mit Mallarmé, Claudel, Valéry und Oskar Wilde. 1895 heiratete er seine Cousine Madeleine Rondeaux. Die Ehe war aufgrund seiner homosexuellen Neigung schwierig. 1909 begründete er als Herausgeber die Nouvelle Revue Francaise und war jahrzehntelang einer der wichtigsten Literaten seiner Zeit. Für sein literarisches Schaffen erhielt er 1947 den Nobelpreis. Gide starb 1952 in Paris.
Heidi Hof
DVA – München 2006, OT: Le Ramier 2002, Übersetzung: Andrea Spingler, Hardcover 9,90 €, 74 Seiten, ISBN: 3-421-05896-2
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“Phi Phi Island: Ein Bericht” von Josef Haslinger
27.2.2010 von Heidi Hof.
Ko Phi Phi ist eine Inselgruppe im Süden Thailands, bestehend aus den Inseln Ko Phi Phi Don und Ko Phi Phi Le. In dieser beschaulichen, idyllischen Gegend, die beim Film “The Beach” als Kulisse diente, wollte der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mit seiner Familie den Weihnachtsurlaub 2004 verbringen. Doch aus der beabsichtigten Reise ins Paradies wurde ein Höllentrip. Am 26.12. bricht die gewaltige Flut herein, zerstört alles und reißt Hunderte von Menschenleben mit sich. Josef Haslinger hatte Glück, großes Glück. Er konnte sich auf ein Dach eines Hotels retten und auch seine Frau und seine beiden Kinder überlebten. Die Flut erreichte dieses Dach nicht.
Schwer traumatisiert von diesem Ereignis legt der Schriftsteller zwei Jahre danach Bericht ab. Er erzählt sehr nüchtern und doch so beeindruckend von den unfassbaren Zuständen, von Menschen, die er in dieser Ausnahmesituation kennen gelernt hat, von Menschen, die er ertrinken hat sehen, für die jede Hilfe zu spät kam und die nicht so viel Glück hatten. Er berichtet aber auch von kleinen zwischenmenschlichen Erfahrungen, von einer ungeheuren Solidarität und Nächstenliebe, von selbstlosen Helfern und von der unendlichen Ohnmacht, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit und die Frage, die er sich immer wieder stellt: warum hat gerade er so viel Glück gehabt. Gedankensplitter rund um Land, Kultur und Mentaliätät ergänzen den Bericht, wer allerdings einen “Reiseführer” erwartet, wird enttäuscht sein.
Ein Jahr später kehrt Josef Haslinger mit seiner Frau an den Ort des Geschehens zurück und lässt das Erlebte Revue passieren. Er sucht die Stätten seiner Flucht auf, trifft Menschen, die überlebt haben, stellt Recherchen an. Ergebnis dieser Verarbeitung ist das vorliegende Buch, das in seiner Art einzigartig ist. Anhand von 3 Zeitsträngen (Weihnachten 2004, Weihnachten 2005 und die Zeit dazwischen) werden nüchtern und doch sehr persönlich Gedanken, Erlebnisse, Gefühle reflektiert, liebevolle Details erzählt, und dabei nie vergessen, welches Glück die Familie hatte. Von der Katastrophe blieb neben der Traumatisierung ein unbeweglicher Finger, der Haslinger das Betätigen der Umschalttaste auf der Tastatur erschwert, weshalb das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in Kleinbuchstaben geschrieben ist. Aber man hat als Leser das Gefühl, dass er diesen Finger gerne als “Andenken” mit sich herumträgt, als Andenken daran, wie knapp Glück und Unglück beieinander liegen, wie schnell alles ganz anders sein kann, und wie ungecht und willkürlich das Schicksal verteilt ist.
Über den Autor (von amazon.de)
Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman »Opernball«, 2000 »Das Vaterspiel«. Sein letztes Buch, »Zugvögel«, erschien im Frühjahr 2006. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels.
Christine
Fischer Taschenbuchverlag 2008, TB 9,95 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3596181827
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“Austerlitz” von W. G. Sebald
24.2.2010 von Heidi Hof.
Ein literarisches Gesamtkonstrukt aus feinstem Stahl, welches brillant und überbewältigend daherkommt, mir aber zu kalt ist!
Der scheinbar autobiographische Ich-Erzähler trifft im dunklen Bahnhof von Antwerpen Jacques Austerlitz, den er daraufhin immer wieder ganz zufällig in dieser Schilderung begegnet. Ein Unwohlsein begleitet den Erzähler nun fortwährend …
Austerlitz wird kurz vor Ausbruch des II. Weltkriegs mit fünf Jahren von Böhmen nach England „verfrachtet“ und findet bei einem calvinistischen Paar Zuflucht. Diese Geschichte, seine Lebensgeschichte, berichtet Austerlitz dem Erzähler, der erst in den 90 er Jahren seine Wurzeln sucht. Der Protagonist schildert seine Erinnerungen. Und diese literarische Erinnerungsreise, die der Autor teilweise mit Überblendungen deutlich macht, wenn sich ein Wartesaal ins Nocturama verwandelt, verwirrt den Leser im ersten Abschnitt heftig. Der Übergang wird höchstwahrscheinlich erstaunen, aber diese Technik gibt genau das wieder was unsere Erinnerungen aus der Wirklichkeit machen: Verknüpfungen und Überlagerungen. Die zeitliche Entfernung verzerrt den Blick.
Und verzerrt wird hier der Blick auch dadurch, dass zwar der Erzähler die Geschichte vorträgt, berichtet wird aber über Austerlitz, und der wiederum schildert die anderen handelnden Figuren. Dadurch erhält das ganze Werk etwas Unwirkliches, Unechtes, Verschwommenes, etwas Graues …
Mit diesen architektonischen Beschreibungen von Bahnhöfen und sonstigen Bauwerken konnte ich nicht viel anfangen, da ich mir Gegenstände nie visuell vorstellen kann. Aber nach weiteren Seiten erkennt man, dass man dies auch nicht braucht, sondern dass diese Bauten einfach einen Kern des Gesamtkonstrukts ausmachen. Zum Schluss schließt sich gar der Kreis wieder im Nocturama.
Die Sprache ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, gehört aber zum Gesamtkonzept, sie wechselt vom sachlichen Bericht ins ganz Bildhafte, Poetische, je nach dem was gerade beschrieben wird, und zieht damit Leser in ihren Bann oder lässt ihn auch rücksichtslos und eiskalt liegen.
Anspielungen oder Bildübertragungen findet man fast auf jeder Seite. Zum Beispiel lässt Sebald in jener Zeit die Fenster verschlossen: „Die Fenster des Krankenzimmer blieben ständig verschlossen, und der weiße Puder, der sich Gran für Gran überall ablagert hatte und durch den sich schon richtige Wegspuren zogen, hatte nichts von glitzerndem Schnee.“ Man möchte die zeitliche Situation vertuschen, aber so unschuldig wie Schnee war dann der Puder wohl doch nicht. „What was it that so darkened our world?” Hitler? Auf jedem Fall ist das der letzte Aufschrei einer hilflosen Frau, und zugleich auch das Leitmotiv.
Ein weiteres zentrales Motiv ist das Gefühl der Heimatlosigkeit, oder gar das Gefühl des überhaupt nicht recht Vorhandenseins, Austerlitz ist ein ziellos Gehetzter ohne wirkliches Eigenleben. Das daraus resultiert, dass er seine Geschichte nicht kennt, und auch nicht gewillt ist sie kennen zu lernen. Insekten vor einer Lampe: “Es sei an solchen unwirklichen Erscheinungen, …, am Aufblitzen des Irrealen in der realen Welt …”
Dies Werk ist ein literarisches Gesamtkonstrukt, ein Meisterwerk? So wie Sebald alles zusammengefügt hat, aus Fiktivem und Realem, aus anscheinend Autobiographischem, aus vielen Quellen und mit Fotos bestückt, die er zeitlebens zusammengesucht hat, ist es mir über manche Strecken zu viel und zu überladen gewesen. Zu viel gewollte Kunst! Das Werk wird von Seite zu Seite immer mehr ein Kunstwerk, dass es einem fast unheimlich wird. Ein Konstrukt aus kaltem Stahl ohne Leben! Mir fehlte das Persönliche, das Natürliche, das Erzählen des Erzählen Willens.
Heidi Hof
Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2008, Hardcover vergriffen, 417 Seiten, ISBN: 978-3-86615-543-5
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Heidi Hof | Keine Kommentare »
Neuerscheinungen im März
22.2.2010 von Heidi Hof.
Teil 4/4
1. Im freien Fall von Erich Wolfgang Skwara

»Im freien Fall« erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Kraft findet, sich spät noch einmal die ganz wichtigen Fragen zu stellen, der sich und seine Beweggründe kennt und weiß, was er vom Leben erwarten kann, und das auch will.
3. Am Beispiel meines Lebens von Uwe Timm

Uwe Timm wird siebzig. Statt einer Autobiographie, die es nach seiner Auskunft nicht geben wird, veröffentlicht KiWi zu diesem Anlass eine Sonderausgabe seiner autobiographischen Schriften: die römischen Aufzeichnungen “Vogel, friss die Feige nicht” und die Erzählungen “Am Beispiel meines Bruders” und “Der Freund und der Fremde”. Der Autor hat diese Texte neu durchgesehen und ergänzt.
3. Coco Chanel & Igor Strawinsky von Chris Greenhalgh

Ein einfühlsamer, sinnlicher und atmosphärisch dichter Roman über die Liebe zweier exzentrischer Künstlerpersönlichkeiten.
Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit: Coco Chanel und Igor Strawinsky hatten tatsächlich eine Affäre.
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“Die Tränen der Königin” von Christopher W. Gortner
20.2.2010 von Heidi Hof.
Johanna ist gerade mal 17 als sie Philip von Flandern heiratet.
Beide empfinden viel für einander, doch schon bald werden sie zu großen Feinden, als klar wird, dass beide in ihrem Leben etwas gänzlich anderes wollen: Philip will Macht und Reichtum, während Johanna nur eines will – ihre Heimat beschützen.
Der überwiegende Teil der historischen Romane spielt in Ländern wie England, Deutschland oder Frankreich.
Christopher W. Gortner entführt uns in Die Tränen der Königin in ein Stück Geschichte Spaniens.
Der Einstieg in den Roman fällt sehr leicht. Dem eigentlichen Roman ist ein Prolog voran gestellt, in dem Johanna selbst auftritt und ‘ankündigt’ ihre Geschichte aufzuschreiben.
Ab dem Zeitpunkt geht es komplett chronologisch im Leben Johannas weiter: sie schildert ihre Kindheit, wie sie ihren Mann trifft, was die beiden erleben und auch, wie ihr Leben endet.
Nach dem doch leichten Einstieg fällt es auch nicht schwer, die noch folgenden Seiten regelrecht zu verschlingen.
Bei der Gestaltung der Geschichte hält sich der Autor, wie er in einem Nachwort betont, genau an die historischen Fakten und Begebenheiten. Lediglich zum Schluss hat er die Zeit etwas gerafft.
Als fiktive Biographie von Johanna ist das Buch in der Ich-Form erzählt.
Dies hat natürlich starken Einfluss darauf, wie die im Roman vorkommenden Personen wirken, da sie vom Johanna für den Leser schon fertig eingefärbt wurden.
Das führte dazu, dass ich doch relativ häufig unzufrieden mit der Erzählperspektive war. Ich hätte mir öfter gewünscht, auch mal ein paar Seiten z.B. aus Philips Sicht zu lesen, um so Johannas Schilderungen so weit als möglich zu objektivieren.
Christopher W. Gortner ist dennoch ein unglaublich fesselnder Roman gelungen, der einem Spanien und eine seiner Königinnen, Johanna von Kastilien, näher bringt.
Der Autor erzählt ihre Geschichte auf eine einfühlsame und doch eindringliche Art und sorgt dafür, dass man den Roman so schnell nicht wieder aus der Hand legen kann.
Ich freue mich schon auf seinen nächsten Roman, der auch hoffentlich bald in einer deutschen Übersetzung erscheint!
Rebecca
Goldmann Verlag 2009, Übersetzung: Peter Pfaffinger, Taschenbuch 8,95, 544 Seiten, ISBN: 978-3442467747
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Neuerscheinungen im März
18.2.2010 von Heidi Hof.
Teil 3/4
1. Lied ohne Worte von Sofja Tolstaja

Mit dem spektakulären Erfolg ihres Romans «Eine Frage der Schuld» trat Sofja Tolstaja hierzulande aus dem Schatten ihres berühmten Ehemannes. Ihr zweites Buch erzählt erneut von der alles umstürzenden Macht der Leidenschaft - und wirft ein weiteres Schlaglicht auf das Eheleben der Tolstois. Jahrzehntelang schlummerte das Kleinod in einem Moskauer Archiv; nun wird es zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.
2. Der Ehemann erfährt’s zuletzt von Emmanouil Roidis

Emmanouil Roidis’ (1836–1904) Werk ist eine Provokation. Schon sein gewagter Romanerstling «Die Päpstin Johanna» trug dem Verfasser nicht nur Ruhm, sondern auch die Exkommunikation ein. Nicht weniger lustvoll und respektlos nimmt sich der Autor in seinen späten Erzählungen, für die er heute besonders geschätzt wird, der Horte bürgerlicher Moral an. Ob auf dem Hühnerhof oder dem Tanzparkett, in der Taverne oder im Boudoir, stets fördert der wache Blick des Erzählers Unvermutetes zutage. Gewandt wechselt der Autor zwischen geistreich plauderndem Exkurs und raffiniert gesetzter Pointe. Selbst harsche Kritik an sozialen Missständen verbindet er mit der abgeklärten Ironie des Weltmannes.
3. Der japanische Verlobte von Amélie Nothomb

Das Leben ist voller Überraschungen. Besonders, wenn man mit einem Menschen aus einer fremden Kultur zusammen ist. Die verrückte Liebesgeschichte zwischen einer Belgierin und einem Japaner.
4. Dunkle Tage, helles Leben von Nuala O’Faolain

Als Rosalynn Barry spürt, dass die Liebe zu Leo nach neun Jahren langsam erkaltet, kehrt sie in ihre Heimat Irland zurück. In Kilbride bei Dublin taucht die fünfzigjährige Journalistin in eine Vergangenheit ein, deren Schatten sie verfolgt haben, und entdeckt Wege der Liebe, die sie immer vermisst hat.
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“Praterveilchen” von Christopher Isherwood
15.2.2010 von Heidi Hof.
Eine raffinierte Ausgangssituation um ein prekäres Thema zu veranschaulichen.
London 1933, es soll der Film „Praterveilchen“ gedreht werden. Dazu wird der Autor Isherwood hinzu geladen, und gemeinsam mit dem Regisseur Bergmann soll das Projekt in Angriff genommen werden. „Praterveilchen“ ist ein Schnulze in dem das Veilchen-Mädchen vom Prater sich in einem Prinz verliebt …
Hinter Bergmann verbirgt sich der in Österreich geborene Jude Berthold Viertel, der wirklich in England gearbeitet hat, und später (1935) nach Amerika emigrierte.
So verknüpft der Autor Realität mit Fiktion auf ganz raffinierte Weise, denn diese oberflächliche Filmgesellschaft eignet sich bestens um die zeitliche Situation aufzudecken.
„ … Bomben mit tödlichen Bazillen abwerfen; die Eroberung ganz Europa in einer einzigen Woche; … die Hinrichtung der Intellektuellen, … Bücherverbrennungen …“ Seite 50 „Bergmann apokalyptische Schilderungen des Weltuntergangs machten die Vorstellungen eines Krieges nur noch unwirklicher, und daher verfehlten sie niemals, meine Laune zu heben.“ Seite 54
Niemand in dieser Filmgesellschaft nimmt Bergmann wirklich ernst, selbst als die Nazis in Österreich eindringen, können sie seine Situation nicht fassen. Es kommt sogar so weit, dass man ihn aus der Produktion herauswerfen möchte, doch da schlägt Bergmann zurück und wächst über sich selbst hinaus!
Isherwood klagt ganz deutlich sein eigenes Land an, man hat Hitler unterschätzt, und ist viel zu spät in den Krieg eingezogen. Den Blickwinkel aus dieser verblendeten Gesellschaft war 1945 eine sehr kluge Herangehensweise, das hat mir gut gefallen!
Heidi Hof
Suhrkamp Verlag 1998, OT: Prater Violet, Übersetzung: Hansi Bochow-Blüthgen, Hardcover vergriffen, 140 Seiten, ISBN: 3-518-22287-2
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