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“Sieben Jahre” von Peter Stamm
14.11.2011 von Krümel.
Dieses Buch war für mich wie ein Sog.
Alex, der sich selbst nicht wahr nehmen kann, der sich ein freies Leben wünscht, aber keine Ahnung hat, wie er dieses leben soll. Er läuft mit und funktioniert, bleibt dabei in der Mittelmässigkeit stecken, merkt zwar, dass es nicht das ist was er möchte, weiß nicht wie anders und wenig Energie hat, einen Weg zu finden. Er gibt eine mittelmässige Diplomarbeit ab, erst danach fließt es aus ihm heraus, kommen die Ideen, erst ohne alle Zwänge kann er wirklich zum Gestalter werden. Er stürzt sich ohne große Erwartungen und Vorstellungen in eine Beziehung mit Soja, er kennt sie, irgendwie wird erwartet, dass die beiden zusammen kommen. Er hinterfragt nichts. Auch sein Verhältnis zu Iwona lebt er einfach aus, denkt kaum darüber nach, merkt nur, er “braucht” sie, daher benutzt er sie, kann sich mit ihr wenigstens ab und an frei fühlen. Aber Iwona fordert auch nicht.
Alex schafft sich ständig sein eigenes Gefängnis - vielleicht fühlt er sich daher auch bei der Besichtigung des Gefänisses Chateau d’If eher geborgen als eingesperrt. Sonja ist wohl für ihn insofern die richtige Frau, da er ihre Lebensentwürfe einfach mitleben kann; heiraten, eigenes Büro, Erfolg, großes Auto, Haus am See, Kind.
Auch Sonja steht sich selbst im Weg. Eigentlich träumt sie davon, Architektur zu leben. Mit Alex sucht sie sich einen Mann, der ihr, egal was sie tun wird, nicht im Weg stehen wird, der mitläuft. Aber letztendlich schafft auch sie es nicht, ihren Weg zu gehen. Sie kommt aus Marseille zurück und funktioniert ebenfalls. Ich bin überzeugt, dass sie Alex auf ihre Art liebt; und doch kann ich nachvollziehen, warum sie ihm sein Verhältnis zu Iwona immer wieder verzeihen kann. Besitzanspruch an den Partner, glühende Leidenschaft, Familienglück sind nicht die Dinge, die wichtig für sie sind, und doch beginnt sie mit Alex ein Leben, das dies behinhalten sollte.
Am fatalsten stellt sich in dem Buch Iwona dar. Iwona, die irgendwann beschließt, sie liebt Alex und er ist ihr Mann. Nichts, aber auch gar nichts kann sie davon abbringen. Wahrscheinlich sieht sie die Demütigungen, die Alex ihr zufügt gar nicht. Sie erwartet nichts, sie fordert nichts - ob sie sich etwas in ihrem Leben wünscht, erfahren wir leider nicht - sie lebt einfach ihr Leben und wirkt dabei wie tot. Aber ist sie unglücklich?
Ich finde es einfach grandios wie Peter Stamm diese drei Menschen darstellt. Endlich mal keine Prototypen von Helden, Versagern und Menschen, die ihr Leben anpacken oder untergehen; Beschreibungen der Liebe und wie wir sie uns gemeinhin so vorstellen. Hier steckt für mich eine ungeheure Sensibilität. Für mich ein ganz, ganz tolles Buch.
Wenn dieses Buch hier als das schwächste von seinen Werken bezeichnet wird, bin ich auf die anderen gespannt!
Sigrid
S. Fischer Verlag 2009, Hardcover 18,95 €, 297 Seiten, ISBN: 978-3100751263
Geschrieben in Sigrid, Roman | Keine Kommentare »
“Bis(s) zum Morgengrauen” von Stephenie Meyer
2.2.2009 von Krümel.
Ich habe dieses Buch begonnen, als ich beruflich stark eingespannt war, kaum Zeit zu lesen hatte und mich auch nur schlecht konzentrieren konnte. Für diese Zeit war dieses Buch o.k.
Aber es ist mir wirklich ein Rätsel, warum um dieses Buch so ein “Hype” gemacht wird.
Vampire haben für viele Menschen - ja, auch für mich - oft einen sinnlichen, erotischen Reiz. Aber dazu gehört natürlich auch der “Biss” oder die Andeutung eines Bisses.
Dieses Buch hat für mich so viel Erotik und Sinnlichkeit wie eine Schuhsole. Selbst wenn ich mich an Zeiten erinnere in denen ich heillos in einen Jungen/Mann verliebt war, hier hat mir jedes Knistern, jede Erotik gefehlt. Allein die Beschreibungen, wie Edward mit kalten Lippen und kalten Fingern Bella berührt ist für mich wie ein Griff in ein Aquarium. Ständig wünschte ich mir, er würde endlich zubeißen, damit mal etwas Leben in diese Geschichte kommt.
Die Geschichte schleppt sich mühsam dahin, ständige Wiederholungen, ein ewiges Hin und Her zwischen Bella und Edward, unzählige Frage-Spielchen …. gähn!
Lediglich die Rückblicke, wie Edward und seine Familie zu dem wurden, was sie sind, sowie Einblicke “was” ein Vampir (nach Frau Meyers Auffassung) ist, bieten etwas Abwechslung.
Nun, irgend etwas musste ja auf diesen fast 500 Seiten noch geschehen, insofern war die Jagd auf Bella zwar genauso “platt” wie der Rest der Geschichte, bot aber wenigstens etwas Abwechslung - allerdings auch wieder mit einem sehr schnellen Happy End.
Wie gesagt, mir ist es unverständlich, warum dieses Buch solch ein Erfolg ist. Ich kann viele “Hypes” nachvollziehen, allen voran die “Harry-Potter-Reihe”, auch die “Pulmann-Trilogie” oder die “Tintenherz-Reihe” - aber hier habe ich nur ein großes Fragezeichen über meinem Kopf.
Sollte ich allerdings mal wieder eine Zeit haben, in der ich mich auf so gar kein Buch einlassen kann, lese ich vielleicht den 2. Teil …. aber ich hoffe, die nächsten Jahre nicht mehr so angespannt zu sein!!!
Sigrid
Carlsen Verlag, 2006, Übersetzung: Sylke Hachmeister, Hardcover 19,90 €, 500 Seiten, ISBN: 978-3551581617
Geschrieben in Sigrid, Roman | 1 Kommentar »
“Gott und die Wilmots” von John Updike
2.10.2008 von Krümel.

Die Wilmots, vier Generationen auf der Suche nach dem Sinn des Daseins, nach Führung, nach Halt, nach dem Übergeordneten, dem das alles zusammen hält.
Clarance Wilmot, Presbyterianischer Prediger, verliert eines Tages im Jahre 1910 seinen Glauben an Gott. Übrig bleiben Grausamkeit und Tod, Erleichterung, aber auch eine unendliche Leere. Trotz Widerstand seines Kirchenrates gibt er sein Amt, und damit einhergehend seine soziale Stellung nebst einträglichem Gehalt, auf.
Die Familie, zusehends verarmt, lebt nun hauptsächlich von den Näharbeiten der Mutter. Clarance hingegen zieht von Haus zu Haus und verkauft – meist erfolglos – Volksenzyklopädien.
Suchen die beiden älteren Kinder ihr Heil in der materiellen Welt, im Wohlstand und Konsum, hadert der jüngste Sohn Teddy mit Gott, der es versäumte, seinem Vater zur rechten Zeit ein Zeichen zu geben. Nur in Bewegung findet er Erleichterung; zurückgezogen und wenig am Leben anderer teilhabend ist er sein Leben lang Briefträger.
Esther, seine Tochter, ist vom Kino angezogen. Das ist ihre Welt, ihre Realität – in die sich auch in späten Jahren bereits ihr Großvater Clarance flüchtete – hier ist ihr Zuhause. Scheitert sie zwar noch bei der Wahl zur „Miss Delaware Pech 1947“, schafft sie es dennoch nach Hollywood, spielt neben Clark Gable und anderen Größen; nur im Scheinwerferlicht fühlt sie sich lebendig.
Ihr Sohn Clark zerbricht zunächst am Narzismus der Mutter, etliche Ersatzväter - die kommen und gehen - können ihm keine Richtung geben. Erst bei einer fundamentalistischen Sekte findet er Halt und Anerkennung.
Dieses Epos beginnt sehr schleppend. Lange, glaubensphilosophische Abhandlungen stehen leider eher im Vordergrund als die Seelenpein die Clarance Wilmot durchlebt, als er für sich erkennt: „es gibt keinen Gott“. Beinahe hätte ich das Buch abgebrochen. Zum Glück tat ich das nicht. Hatte Clarance erst einmal die Entscheidung, sein Priesteramt aufzugeben, getroffen, beginnt eine unglaubliche Familiengeschichte, die nahezu 70 Jahre umspannt.
Durchweg beleuchtet Updike mit feinsinniger psychologischer Schärfe das Seelenleben jedes einzelnen Familienmitglieds, sowie die Beziehungsgeflechte untereinander. Urteilsfrei erleben wir wie jeder Einzelne sein Glück, seinen Halt, seinen Glauben sucht – eben das, womit er sich seiner selbst bewußt werden kann.
Obwohl aus der Distanz gelesen, kam ich den Personen ganz nah.
Nebenbei erleben wir einen wunderbaren Abriss der Geschichte des Kinos, nehmen Einblicke in die Filmindustrie und erleben, welche Bedeutung diese „Parallelwelten“ für Menschen haben können, wie sie durchaus die eigentliche Realität ersetzen können.
Ich habe mich gefragt, warum sich Updike mit den ersten 100 Seiten, also Clarance’ Abkehr vom christlichen Glauben, so schwer tat, warum er hier – und nur hier – in philosophische Abhandlungen flüchtete. Updike ist selbst gläubiger Christ, vielleicht hat er sich ja mit dieser Thematik doch etwas übernommen, eventuell wurde sie ihm doch zu „heiß“. Dennoch, er hat hier ein sehr gutes Buch geschrieben, sein psychologisches Einfühlungsvermögen ist grandios. Vielleicht wage ich mich ja nun doch mal noch an die „Rabbit“-Reihe?
Sigrid
Rowohlt Tb Verlag, 1999, Übersetzung: Maria Carlsson, Taschenbuch 9,90 €, 734 Seiten, ISBN: 978-3499226861
Geschrieben in Sigrid, Roman | 2 Kommentare »
“Verkaufte Seelen” von Roger Morris
12.4.2008 von Krümel.
St. Petersburg. Dezember 1866.
Tief im Schnee sucht die ehemalige Prostituierte Soja Petrowa im Petrowski-Park Brennholz für ihren Ofen.
Direkt vor ihr, am Ast einer Birke, hängt die steifgefrorene Leiche eines Hünen von Mann; neben ihm ein Koffer, darin die Leiche eines Zwerges… doch Soja Petrowa findet noch anderes …
Erst durch einen anonymen Brief wird Porfiri Petrowitsch, Untersuchungsrichter und Ermittler der Stadt, auf die Toten aufmerksam. Erste Untersuchungen bringen scheinbar ein klares Ergebnis: Mord mit anschließendem Selbstmord.
Doch irgendetwas stimmt nicht an diesem Bild; Porfiri beginnt zu ermitteln, will wissen, wer diese beiden Personen waren, in welcher Beziehung sie zueinander standen.
Ein Pfandleihschein aus der Tasche einer der beiden Toten führt ihn zu dem verarmten, laudanumsüchtigen Studenten Pawel Wirginski, der die Identität der Leichen zuordnen kann.
Mehr und mehr Personen erscheinen, die in irgendeiner Beziehung zu den beiden standen. Welche Verbindung hat ein Verleger philosophischer Werke zu dem ermordeten Zwerg ? In welcher Beziehung steht Wirginski zu der Prosituierten Lilja Semjonowa? Inwieweit hat die Anzeige eines Höflings am Zarenhof bei den Mordermittlungen Relevanz?
Porfiri Petrowitsch ermittelt in Bordellen und Spelunken ebenso, wie er in einflussreichen Häusern nach Indizien und Motiven forscht. Dabei stößt er auf einen Abgrund von Gewalt, Perversität und Habgier. Kette rauchend, mit glasklaren Analysen löst er nach und nach die Verstrickungen und überführt in einem finalen Showdown einen Täter, der sich allzeit absolut sicher fühlte.
Porfiri Petrowitsch mag Liebhabern russischer Klassiker bekannt sein. Ist er doch DER Porfiri Petrowitsch der bereits in Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ermittelte. Auch Pawel Wirginski ähnelt zunächst dem dortigen, ebenfalls verarmten Studenten Raskolnikow. Hat Porfiri aus genau diesem Grund während der gesamten Ermittlungen ein ganz besonderes Verhältnis zu Wirginski?
Doch man muss Dostojewski nicht gelesen haben um an diesem Kriminalroman ein ganz besonderes Vergnügen zu finden.
Wunderbare Beschreibungen des zaristischen Russlands Mitte des 19. Jahrhunderts und eindrucksvolle Bilder aus den Häusern der Reichen stehen im krassen Gegensatz zu Bildern größten Elends in den Armutsquartieren.
Und neben einer wirklich absolut spannenden Handlung, die den Leser oftmals in die Irre führt, schwebt die Frage: „Kann man eine Seele verkaufen, wenn man gar nicht an eine solche glaubt?“
Ein absolut gelungenes Debüt des 1960 geborenen Briten Roger Morris!
Ich freue mich schon jetzt auf eine erneute Begegnung mit Porfiri Petrowitsch, an der der ehemalige Literaturdozent in Cambridge gerade schreibt.
Bis dahin werde ich vielleicht doch noch Dostojewskis Werk lesen?
Sigrid
Droemer Verlag, 2008, Übersetzung: Bernhard Robben, Hardcover 19,95 €, Seiten 409, ISBN: 978-3426197585
Geschrieben in Sigrid, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
“Lebe deinen Traum” von Reno Kassmann
25.1.2008 von Krümel.
Reno Kassmann, 54 Jahre alt, bereiste fast die Hälfte seines bisherigen Lebens die ganze Welt.
Mit dem 1. Band seiner Trilogie (Band 2 und Band 3 sind noch nicht veröffentlicht) will er uns an seinem Leben, seinen Erfahrungen, und natürlich in erster Linie, seinen Reisen teilhaben lassen.
Es sind vor allem die, oft Monate dauernden, Reisen, die dieses Buch prägen.
Er berichtet von zwei Afrikareisen, in denen er jeweils mit Auto oder Motorrad die Sahara durchquerte, zwei Aufenthalten in den USA, einer achtmonatigen Tour durch Kanada und Alaska, weiteren Reisen nach Australien und Tasmanien – sowie kürzeren Trips, wiederum nach Alaska, Südamerika und quer durch Europa.
Jeder der das Gefühl des „Fernweh“ kennt, wird dieses Buch interessiert zur Hand nehmen, so auch ich.
Da Reno Kassmann kein „Pauschalreisender“ ist, keinen Aufenthalt im Vorfeld minutiös plant, sondern sich auch einfach oft überraschen lässt, was da auf ihn zukommt, bin ich teilweise von seinen Berichten sehr beeindruckt.
Er sah Afrika nicht durch die Brille des Safari-Reisenden, sondern erlebte hautnah, wie dieser Kontinent, trotz seiner wunderbaren Natur, sein kann: brutal und gefährlich.
Bei seinen Reisen durch die USA schwingt, neben der atemberaubenden Landschaft, die er dort zu sehen bekommt, die großzügige Gastfreundschaft der Bewohner dieses Landes mit.
In Kanada und Alaska findet er Weite und Ruhe. Kontakte zur Bevölkerung sucht er in Australien vergebens, findet jedoch liebevolle Aufnahme und Interesse in Indonesien und Tasmanien.
Dennoch konnten mich seine Reiseberichte, seine Eindrücke, nicht so recht überzeugen - der Funke sprang nicht über.
Hier muss vielleicht erwähnt werden, dass Reno Kassmann die meisten Reisen mit dem Motorrad unternahm. Von jeher ein echter „Biker“, der ein Gefühl von Weite, Naturnähe und Fahrerlebnis vor allem auf dem Motorrad erlebt, verliert er sich über weite Teile in Beschreibungen zu diesen Themen. Zuviele Details über Motorräder, deren Reparatur und Wartung, Ersatzteilbeschaffung, Straßenzustandsberichte mit dementsprechendem Fahrverhalten stören das Bild.
Des Weiteren fehlen mir vor allem Informationen über die bereisten Länder, z.B. ein kurzer geschichtlicher Abriss, die aktuelle politische Lage, kulturelle Besonderheiten. Leider werden sexuelle Abenteuer auf den Reisen weit detailierter beschrieben als z.B. der Besuch einer Kultstätte.
Ein bisschen, so muss ich es leider sagen, fehlt mir das Feingefühl in den Reisebeschreibungen, die Faszination außerhalb des Fahrgefühls auf schwierigen Wegstrecken, das Kennenlernen der Menschen an diesen Orten. Hier spricht der Verfasser leider zuviel von sich selbst, anstatt uns an dem Gesehenen teilhaben zu lassen.
Kartenmaterial wäre zudem äußerst hilfreich gewesen.
Reno Kassmanns Buch berichtet aber nicht nur von seinen Reisen. In Einschüben, stilistisch sehr schön gemacht, erfahren wir mehr aus seinem Leben. Kurze Szenen aus seiner Kindheit und Jugend in Ostfriesland, der Ausbildung und seiner Entscheidung, nur selbständig zu arbeiten, seinen Freundinnen, seinen sexuellen Affären; wir lesen von Motorrad-Treffen, wilden Festen, seiner Heirat und vielem mehr.
Ja, er ist sicher ein Individualist, kann sich ein Leben in geplanter Struktur für sich nicht vorstellen. Aber auch hier fehlt mir oft die Tiefe in den Erzählungen. Lustige Anekdoten wechseln mit entscheidenden Stationen in seinem Leben. Aber bei nahezu allem bleibt die emotionale Wahrnehmung aussen vor.
Das gesamte Buch ist leicht und flüssig zu lesen, sehr angenehm, wenn man sich nicht davor scheut, dass er Dinge auch beim Namen nennt. Seine Sprache ist einfach, oft derb, aber direkt.
Reno Kassmanns Leben ist interessant, spannend – er hat es für sich gewählt und ist zufrieden damit, seinen Mut finde ich bemerkenswert.
Aber für mich ist mit Teil 1 der Trilogie auch schon schluss, ich werde die folgenden Bände nicht mehr lesen.
Dennoch denke ich, dass wahre Motorradfreunde und sonstige Individualisten, die das Leben weniger intellektuell angehen, sicherlich ihre Freude damit haben werden.
Sigrid
Bp-Verlag, 2007, Broschiert, 371 Seiten, ISBN: 978-3939691730
Geschrieben in Sigrid, Biographie | 3 Kommentare »
“Die grauen Seelen” von Philippe Claudel
4.12.2007 von Krümel.
Rowohlt Tb. Verlag, 2006 
Taschenbuch 8,90 € (252 Seiten)
ISBN: 978-3499237799
Mag auch die Welt in Schutt und Asche untergehen, der Mensch klebt in seiner ganz eigenen Welt, das Zentrum seines Universums. Wunderbar herausgearbeitet!
Während des I. Weltkriegs berichtet Claudel von einer kleinen Seelengemeinschaft im Osten Frankreichs. Draußen vor den Toren des Ortes findet das große Abschlachten statt, und innen leben die Menschen ihren gewohnten Alltag weiter.
Einzelne Figuren werden besonders hervorgehoben: der Staatsanwalt, Bürgermeister, Polizist und Gastwirt. Von ihnen ist die Rede, und von einem rätselhaften Mord an der zehnjährigen Tochter des Gastwirtes.
Der Ich-Erzähler lässt uns tiefe Einblicke in diese Personen gewähren; und in seine eigene Seele. Da reihen sich zahlreiche Einzelschicksale aneinander, und vermengen sich letztendlich doch wieder zu einem Ganzen. (Heidi Hof)
Dieses Buch hat mich wirklich sehr gefesselt.
Philippe Claudel schafft es Gefühle und Handlungen zu beschreiben, die viele von uns vielleicht nicht nachvollziehen können.
Die Menschen eines Ortes leben ihren Alltag, während in Hörweite die grausamen Schrecken des Ersten Weltkrieges toben.
Ein Mann, der in jungen Jahren seine über alles geliebte Frau verliert, versteinert nach deren Tod für den Rest seines Lebens, ist zu keinem Mitgefühl mehr fähig.
Menschen zerbrechen nach schrecklichen Erfahrungen und schaffen es nicht mehr, dem Leben Positives abzugewinnen, sich neu zu orientieren, ihr Leben neu zu gestalten.
Wir wollen diese Menschen oft nicht sehen, können ihre Hoffnungslosigkeit nicht verstehen; aber es gibt sie – nicht nur in schlechten politischen oder wirtschaftlichen Zeiten, es gibt sie immer.
Ich danke Claudel, dass er ihnen dieses Buch gewidmet hat. Ich bin begeistert, wie er es schafft, die Hoffnungslosigkeit der Protagonisten auf den Leser zu übertragen, auch wenn ich beim Lesen manchmal abbrechen und durchatmen musste.
Ein großartiges Buch! (Sigrid)
Geschrieben in Sigrid, Krümel, Roman | Keine Kommentare »
“Das Energiedilemma” von Jeanne Rubner
5.10.2007 von Krümel.
Pantheon Verlag, August 2007
Paperback 11,95 € (287 Seiten)
ISBN: 978-3570550373
„Ohne Atomkraftwerke wird es die Menschheit nicht schaffen, unabhängiger von fossilen Rohstoffen wie Erdöl, Erdgas und Kohle zu werden“.
Diese, besonders in Deutschland, wo der Ausstieg aus der Atomenergie für 2021 geplant ist, mutige Aussage stellt Jeanne Rubner ihrem Buch „Energiedilemma – warum wir über Atomkraft neu nachdenken müssen“ voran.
Die Notwendigkeit, sich mit Alternativen zu den bisherigen Formen der Energiegewinnung, sei es für Wärme, Strom oder Treibstoff, auseinander zu setzen, liegt in zwei nicht mehr zu leugnenden Tatsachen:
zum einen gehen die Rohstoffe (Erdöl, Erdgas und Kohle) zur Neige, d.h. sie werden nicht mehr in ausreichendem Maße bis zum Ende des 21. Jhd. zur Verfügung stehen. Zum anderen entsteht bei der Energiegewinnung durch fossile Rohstoffe das für das Klima schädliche CO2; eine Tatsache, die mittlerweile niemand mehr zu leugnen wagt.
Der erste Teil des Buches widmet sich diesen Themen.
Welche historischen und aktuellen Ereignisse führen dazu, dass sich die Nationen rund um den Globus mit dem Thema „Treibhauseffekt und Klimakatastrophe“ beschäftigen? Was planen die einzelnen Nationen, allen voran USA und Europa, welchen Einfluss hat der wirtschaftliche Aufschwung der Schwellenländer China und Indien ?
Der Scheitelpunkt der weltweiten Ölförderung ist nahezu erreicht, d.h. es wurde bislang mehr Öl gefördert als noch vorrätig ist. Insbesondere Europa, dessen Nationen nahezu keinerlei Erdöl- oder Erdgasvorkommen haben, steht in Abhängigkeit der Rohstoffländer, von denen die meisten keine politisch stabile Lage vorweisen können.
Deutschland verfügt zwar noch über ausreichend Stein- und Braunkohlevorräte, doch gerade dieser Energielieferant weist bei er Energiegewinnung den höchsten CO2-Ausstoß aller fossilen Brennstoffe aus.
Es ist eine Tatsache. Wir brauchen Alternativen.
Liegt die Lösung in den regenerativen Energien Solarkraft, Windenergie und Biomasse ?
Jeanne Rubner stellt diese Energielieferanten im Einzelnen vor, erzählt aus der Historie, beschreibt die Möglichkeiten der Realisierung, erwähnt Vor- und Nachteile.
Den letzten Teil ihres Buches widmet sie einer ebenfalls nahezu CO2-ausstoßfreien Energiegewinnung - der Atomenergie.
Deutschland, der weltweit viertgrößte Produzent des schädlichen Treibhausgases CO2, ist die einzige Industrienation, die den Schwenk von einer breiten Nutzung der Atomenergie hin zum Ausstieg plant.
Welche historischen Gründe liegen hinter diesem Plan? Worauf ist die große, weltweit einzigartige, Abneigung gegen diese Form der Energiegewinnung zurückzuführen ?
20 Jahre nach dem Unfall in Tschernobyl werden nun auch in Europa wieder neue Atomkraftwerke geplant und gebaut. Welche Risiken bestehen tatsächlich, wie hoch sind diese ? Welche Möglichkeiten gibt es, den atomaren Müll jahrtausendelang sicher zu lagern ?
Die große Frage bleibt: welche Lösungen können die Nationen rund um den Globus anstreben, eine Klimakatastrophe abzuwehren und sich von fossilen Brennstoffen unabhängig zu machen, wobei Energie weiterhin sicher zur Verfügung stehen und bezahlbar bleiben soll?
Jeanne Rubner, Jahrgang 1961, promovierte an der Technischen Universität München über Theoretische Biophysik. Seit 2005 ist sie als außenpolitische Redakteurin bei der Süddeutschen Zeitung tätig.
Für sie ist klar: die Atomenergie ist ein „Gebot der Vernunft“.
Dennoch bleibt es dem Leser selbst überlassen, zu welchem Schluss er kommt.
Dieses Buch soll informieren, es ist eine Anregung, anhand von Historien, Fakten und Zusammenhängen, die eigene Meinung neu zu überdenken.
Aufgrund der außerordentlichen Recherchearbeit, die noch dazu brandaktuell ist, sowie einer für den Laien gute Verständlichkeit technischer, wirtschaftlicher und politischer Zusammenhänge, kann dieses Buch jedem einen fundierten Überblick über eines der größten Probleme, die die Menschheit in naher Zukunft zu lösen hat, verschaffen.
Sigrid
Geschrieben in Sigrid, Sachbuch | Keine Kommentare »
“Marilyns letzte Sitzung” von Michel Schneider
18.9.2007 von Krümel.
btb Verlag, August 2007![]()
Hardcover 22,95 € (474 Seiten)
ISBN: 987-3-442-75192-1
Am 5. August 1962 wurde Marilyn Monroe, mit bürgerlichem Namen Norma Jeane Baker, tot in ihrer Wohnung nahe Los Angeles aufgefunden.
Marilyn – die Sexgöttin, aber auch Marilyn – die Kunstfigur war bereits im Alter von 36 Jahren ein lebender Mythos.
Unzählige Biografien, Artikel und Fotoserien beschäftigen sich bis heute mit ihrem Leben, ihren Filmen, ihren Ehen und Skandalen und vor allem mit ihrem nach wie vor ungeklärten Tod: Mord oder Selbstmord ?
Michel Schneider, Psychoanalytiker, Romanautor und Essayist, legt nun ein Werk vor, das sich mit einer bis heute wenig beachteten - aber für sie selbst essentiellen - Thematik im Leben Marilyn Monroes beschäftigt: der Einfluß und Stellenwert psychoanalytischer Therapien, vor allem die Beziehung zu dem Arzt und Analytiker Ralph Greenson, der sie die letzten vier Jahre ihres Lebens behandelte.
Ausgehend von diesen Sitzungen beleuchtet Michel Schneider in Vor- und Rückblenden das Leben und Verhältnis dieser beiden Menschen zueinander, die bald mehr als nur eine Arzt-Patienten-Beziehung miteinander verbindet.
Ralph Greenson, Psychoanalytiker nach den klassischen Lehren Sigmund Freuds und einer der anerkanntesten Ärzte auf diesem Gebiet in Los Angeles, schafft es in seiner Therapie nicht, die nötige Distanz zu seiner Patientin zu wahren. Er reagiert im analytischen Sinne nicht angemessen auf die Übertragungen Marilyns, im Gegenteil, er nimmt die ihm zugewiesenen Rollen an und wird Freund, Vaterfigur, Manager und Retter. Mehr und mehr trägt er Verantwortung im Leben Marilyn Monroes, zu manchen Zeiten war sie seine einzige Patientin, die mehrmals täglich zu Sitzungen kam. Greenson liebte Marilyn Monroe ohne jeglichen sexuellen Aspekt. Wie ein krankes, hilfloses, ausgesetztes Kind wurde sie in seine Familie aufgenommen und akzeptiert.
Fasziniert von der Traumfabrik Hollywood nimmt er zunehmend auch in diesem Bereich Einfluss, handelt Verträge aus, bestimmt Einstellungen verschiedener Szenen in denen Marilyn mitspielt, entscheidet in Fragen der Ausstattung und Gage.
Zunächst scheint diese Symbiose auch Marilyn gut zu tun, seit Jahren tablettensüchtig, neurotisch und unter tiefsten Depressionen leidend, gewinnt sie an Zuversicht, Lebensfreude und Selbstbewusstsein. So kommt ihr Tod für alle, vor allem für Greenson, unerwartet und plötzlich.
Obwohl auch Greenson für Marilyns Tod verantwortlich gemacht wurde, geht es Michel Schneider in seinem Buch niemals darum, „wer“ sie umbrachte, vielmehr versucht er darzulegen, „was“ sie tötete.
Mit ungeheurer Sensibilität, ohne Wertungen und Schuldzuweisungen und dank einer ausgezeichneten Recherche zeichnet er ein eindringliches Bild vom Leben und Sterben Marilyn Monroes, sowie der Arbeit, den Gedanken und Selbstvorwürfen ihres letzten Analytikers, der bis zu seinem eigenen Tod, 17 Jahre später, mit seiner Patientin verbunden blieb.
Darüber hinaus runden Einblicke in die klassische Psychoanalyse nach Sigmund Freud, Eindrücke aus der Filmfabrik Hollywood sowie Aufzeichnungen und Briefe beider Protagonisten das Bild ab. Somit entsteht ein ganzheitliches Bild dieser Personen in ihrem Umfeld, mit all ihren Stärken, Schwächen, Zweifeln, Träumen und Wünschen.
Trotz der objektiven und z.T. auch nüchternen Darstellung von Tatsachen weckt dieses Werk enorme Emotionen, bietet tiefe Einblicke in das Leben und die Verbindung zweier Menschen und entlässt mit dem Gedanken, dass ein Leben viele Facetten hat und nichts so eindeutig ist wie es scheint.
Zu recht erhielt dieses Buch einen der höchsten französischen Literaturpreise, den „Prix Interallié“.
Sigrid
Geschrieben in Sigrid, Biographie | 3 Kommentare »

