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Archiv der Kategorie Sachbuch

“Dunkelstein” von Robert Schindel

Wer ein Leben zerstört, zerstört die Welt, wer ein Leben rettet, rettet die Welt. Dieser Maxime zufolge lässt sich der Rabbiner Saul Dunkelstein von den Nazis zum Leiter der Auswanderungsbehörde befördern mit dem Auftrag, Wien zur „Auswanderungsmusterstadt“ zu machen. Was von den Juden Wiens als herber Verrat aufgefasst wird, nutzt Dunkelstein dazu, möglichst viele Juden zur raschen Auswanderung zu drängen und so vor der Deportation und dem sicheren Tod zu bewahren. Doch bald schon befindet er sich in einem unlösbaren Gewissenskonflikt: er kann nicht alle retten und muss auch Menschen für seinen Plan opfern.

Die Rahmenhandlung dieses als „Real-Farce“ betitelten Dramas in 3 Akten könnte origineller nicht sein: es soll ein Film über die Massenvernichtung gedreht werden. Am (hollywood-ähnlichen) Filmset treffen die Schauspieler aufeinander und während auf den Drehstart gewartet wird, erinnern sich die mitwirkenden Zeitzeugen und katapultieren den Leser bzw. das Publikum in das Jahr 1938. Im Stück selber wird die Geschichte rund um die Person Saul Dunkelstein geschildert.

Robert Schindel wertet nicht. Er überlässt es dem Leser, sich ein Bild über Dunkelsteins Motivation zu machen. Ist diese Kollaboration mit den Nazis uneigennützige Menschenliebe oder purer Egoismus zur Rettung der eigenen Haut? Ist es Verrat oder heiligt der Zweck in diesem Fall die Mittel? In einem ausführlichen Nachwort von Doron Rabinovici wird näher auf die Figur des Benjamin Murmelstein eingegangen, an die der Charakter des Saul Dunkelstein stark angelehnt ist.

Die originelle und unkonventionelle Aufbereitung der Thematik und ein sehr persönlicher Bezug des Schriftstellers Robert Schindel machen dieses Lesedrama zu einem Lesegenuss der ganz besonderen Art!

Über den Autor:
Robert Schindel, geboren 1944 in Bad Hall/Oberösterreich, lebt als Lyriker und freier Schriftsteller in Wien. Für seine Publikationen ausgezeichnet mit u. a. dem Erich-Fried-Preis 1993 und dem Eduard-Mörike-Preis 2000.

Christine

Haymon Verlag 2010, Hardcover 17,90 €, 124 Seiten, ISBN: 978-3852186450

“Granatapfeljahre/Vom Glück, unterwegs zu sein” von Sue Monk Kidd

Noch bevor ihr weltweiter Erfolg „Die Bienenhüterin“ entsteht, wird die Autorin Sue Monk Kidd 50 Jahre alt. Ein Alter, dass langsam aber sicher den Übergang von der jungen zur älteren Frau darstellt, wie die Autorin selber beschreibt. Für die Autorin ist es eine Phase im Leben, die sich nicht ohne weiteres annehmen kann, ein Bedürfnis verspürt sich neu zu erfinden.
Was sie zusätzlich quält ist das Bewusstsein, dass sich auch ihre Beziehung zu ihrer Tochter Ann verändert.

Ann wiederrum hat gerade das College abgeschlossen und verfällt in eine tiefe Depression, nachdem sie von der Uni abgelehnt wurde, die für sie die einzige Möglichkeit bot. Mit der Absage fühlt sie sich bestätigt: sie ist für diese Welt unzulänglich und strotzt nur so vor Fehlern. Auch sie ist, ähnlich wie ihre Mutter, auf der Suche nach einer Alternative, nach ihrer Identität.

Beide reisen zusamen immer wieder nach Griechenland und Frankreich und kommen sich als Mutter und Tochter wieder näher, aber finden auch sich selbst wieder…

Ich war seiner Zeit von Kidds Bienenhüterin sehr angetan und so habe ich nicht lange zögern müssen, als ich das Angebot bekam, das neuste Werk Granatapfeljahre zu rezensieren.

Während ich Die Bienenhüterin nicht aus den Händen legen konnte, war ich von diesem Werk erstmal sehr enttäuscht und war drauf und dran das Buch vorzeitig nach 130 Seiten zu beenden.
Natürlich war mir von Anfang an klar, dass ich hier keinen Roman lese, sondern eine Mischung aus einem Reisebericht und einem Erfahrungsbericht.
Dennoch waren grade die ersten 130 Seiten äußerst zäh: Auf diesen Seiten wird immer und immer wieder die Symbolik des Demeter/Persephone Mythos und die des Granatapfels erwähnt und immer wieder aufs neue erklärt. Hier muss ich zugeben, dass ich mir ein wenig für dumm verkauft vorkam, da die Wiederholung derart penetrant waren, dass es den Anschein hatte, als wollen die beiden Frauen auch sichergehen, dass wirklich jeder Leser versteht, was es mit beiden Symbolen auf sich hat.

Danach wird das Buch wesentlich lockerer und es wird nicht mehr so verkrampft an den oben genannten Symbolen festgehalten. Es macht dann wirklich Spaß mit beiden Frauen auf Reise zu gehen und durch Griechenland und Frankreich zu ziehen.

Der Klappentext ist meiner Meinung nach mal wieder – wie es leider häufig der Fall ist – leicht unzutreffend. Er verspricht folgendes: „Es [das Buch] gibt uns ein Rezept an die Hand, wie wir den Weg zu uns selbst am besten beschreiten.“
Das trifft meiner Meinung nach nicht ganz zu, denn ein Rezept gibt uns Zutaten mit festen Maßeinheiten an die Hand und sagt uns, was genau wir zu tun haben, damit das Gericht gelingt.
Doch genau das gibt uns das Buch nicht an die Hand: Der Leser begleitet zwar beide Frauen auf ihrem Weg zur Selbsterkenntnis, aber sie sagen nicht, dass dieser Prozess nur so und so laufen kann. Man kann als Leser nur versuchen eine Erkenntnis für sich aus dem Gelesenen abzuleiten und individuell anzupassen. Granatapfeljahre zeigt nur, wie der Weg zu uns selbst aussehen könnte und kann da für Orientierungslose eine kleine Hilfe sein, sich zu orientieren.

Was mir besonders gut gefallen hat, ist, dass Ann Kidd Taylor und Sue Monk Kidd abwechselnd erzählen und ihre Kapitel aufeinander aufbauen: man läuft so in der Chronologie ständig weiter und Wiederholungen finden dann nur noch statt, wo es wirklich sein muss.

Granatapfeljahre ist ein ruhiges Buch, das ich all jenen empfehlen kann, die an der Autorin Sue Monk Kidd interessiert sind, aber auch ganz allgemein am Menschen. Es lässt einen in die Gedanken- und Gefühlswelt zweier Frauen blicken und zeigt so, dass viele Probleme mit denen auch wir kämpfen, und für die wir uns evt. schämen, auch andere betrifft und es dafür eine Lösung gibt. Man muss sich nur sich selbst und seinen Problemen stellen.

Rebecca

btb Verlag 2010, Übersetzung: Ursula C. Sturm, Taschenbuch 9,95 €, 384 Seiten, ISBN: 978-3442740840

“Jüdisches Leben in Deutschland: Siebzehn Gespräche” von Ingrid Wiltmann

Ingrid Wiltmann wurde 1949 geboren und ist Schriftstellerin, Übersetzerin und Dozentin in der Erwachsenenbildung.

In diesem Buch führte sie siebzehn sehr persönliche Gespräche mit Persönlichkeiten des jüdischen Lebens in Deutschland, Persönlichkeiten die zu völlig unterschiedlichen Zeiten geboren wurden. Dadurch bekommt der Leser eine Bandbreite des jüdischen Lebens in Deutschlands, die vom Beginn der zwanziger Jahre des vorigen Jahrhunderts bis hin zum Ende des 20. Jahrhunderts reicht.

Die Gesprächspartner von Ingrid Wiltmann berichten aus ihrem Leben, nur selten von Zwischenfragen unterbrochen. Man trifft auf die unterschiedlichsten Sichtweisen. So unterscheiden sich beispielsweise die Ansichten von Ignaz Bubis und von Michael Wolffsohn ganz erheblich. Allen aber ist gemein, dass sie zu ihren jüdischen Wurzeln und zu ihrem Leben als Jude in Deutschland stehen. Und in der Mehrzahl sehen sie auch die Gefahr des Antisemitismus – nicht nur in Deutschland – sondern überall in der Welt. Es ist nicht der offene Antisemitismus der ihnen Sorge bereitet, es ist vielmehr der versteckte Antisemitismus dem wir überall immer wieder begegnen und der sich so meisterhaft zu tarnen versteht.

Interessant ist, dass die Gesprächspartner von Ingrid Wiltmann dem Staat Israel durchaus auch kritisch gegenüber stehen. Niemand verneint das Existenzrecht Israels, aber die gegenwärtige Politik Israels (Stand 1999 – denn da erschien dieses Buch) wird schon kritisch gesehen, es wird aber auch Notwendigkeit vieler Handlungen Israels eingesehen, selbst wenn diese in der Welt auf zum Teil heftige Kritik stoßen.

Aus keinem der Gespräche spricht Hass auf Deutschland, selbst dann nicht wenn fürchterliche Erlebnisse in Auschwitz und in anderen Konzentrationslagern Teil des eigenen Lebenslaufes waren. Ganz im Gegenteil. Viele sehen Deutschland nach wie vor als Vaterland und als wirkliche Heimat an, sie sind hier tief verwurzelt – und auch von einer Kollektivschuld sprechen die befragten Personen nicht. Das habe ich als sehr bemerkenswert empfunden.

Mit großer Sorge aber wird das Wiedererstarken des Antisemitismus zur Kenntnis genommen. Weg war er eh nie. Und es wird auch zur Kenntnis genommen, dass es heutzutage den Menschen leichter gemacht wird, sich zu ihrer rechtsradikalen Gesinnung zu bekennen. Rechtsradikal zu sein ist langsam auf dem Weg zur „Salonfähigkeit“.

Es ist ein wichtiges und ein sehr interessantes Buch. Den Antisemiten wird es nicht überzeugen, den Rechtsradikalen sicher nicht von seinem Kurs abbringen, aber vielleicht regt es ein wenig das notwendige Nachdenken an.

Jan

Suhrkamp Verlag 1999, Taschenbuch 5,99 €, 329 Seiten, ISBN: 978-3518395097

“Die Einflüsterer” von Klaus Norbert

Klaus Norbert ist ein deutscher Journalist, partei-, vereins- und verbandslos. Auch die Gewerkschaften zählen ihn nicht zu ihren Mitgliedern. Überrascht und dann auch verärgert von den immer dreister werdenden Manipulationen der Bürger dieses Landes, war der Grund dafür dieses Buch zu schreiben.

Auf der Rückseite des Buches liest man folgende Sätze:

„Die Gedanken sind frei. Nur aussprechen sollten wir sie nicht.“

Der Klappentext (endlich mal ein Klappentext der ein Buch gut beschreibt) sei hier einfach mal zitiert:

„Sie reden und reden, damit wir den Mund halten: Politiker, Wirtschaftsführer, Lobbyisten und andere Experten. Auf dem Bildschirm, in der Zeitung, im Radio und im Internet: überall dieselben Namen, dieselben Gesichter. Die Einflüsterer wollen uns gefügig machen – durch Verunsicherung, durch Angst, durch Ablenkung. Sie verbiegen Fakten und unterdrücken die Wahrheit. Sie pfeifen auf unsere Meinung und unterlaufen unsere Proteste. Sie drücken ihre Interessen durch, knallhart. Und zerstören, ganz nebenbei, unsere Freiheit und die Demokratie. Aber noch haben sie nicht gewonnen…..“.

Dieses Buch ist fesselnder als die meisten Thriller, es ist herrlich polemisch – und wo man denkt, da überzeichnet der gute Klaus Norbert aber mächtig, da wird man ganz schnell eines Besseren belehrt; denn wenn Klaus Norbert etwas nicht macht, dann ist überzeichnen. Er schildert die Dinge halt so wie sie sind, vertritt dabei aber eben auch vehement seine Meinung, reitet schon mal herrliche Attacken gegen eben die „Einflüsterer“.

Besonders hervorzuheben ist, dass Klaus Norbert eben auch sagt, wo die tatsächlichen Gefahren für unsere Demokratie liegen, wo diese Demokratie eben still und heimlich aber in Permanenz demontiert wird und das kaum jemand sich gegen diesen Demokratieabbau wehrt. Alles, einschließlich der einstmals kritischen Medien, ist in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen und den Menschen in diesem Land, genaugenommen nicht nur in diesem Land, wird weiterhin Sand in die Augen gestreut.

Klaus Norbert hat ein wichtiges, ein längst überfälliges Buch geschrieben. Ein Buch von dem man sich nur wünschen kann, dass es von möglichst sehr vielen Menschen gelesen wird.

Es ist ein sehr politisches Buch, aber auch interessant für denjenigen, der vielleicht von sich selbst sagt, dass sie/er sich nun gar nicht für Politik interessiert. Unsere kulturellen Werte, unsere demokratischen Errungenschaften gehen so langsam den Bach runter. Mario Barth und Heidi Klum als die Träger der „neuen“ deutschen Kultur. Und wo früher kritischer Journalismus alltäglich war, da wird nunmehr weichgespült und unter den Teppich gekehrt.

Klaus Norbert zeigt auch auf, wie die Menschen täglich belogen und betrogen werden und man ihnen dazu auch noch einredet, dass müsse so sein und sie müssten dafür dankbar sein – und sie es dann auch, dafür dankbar, dass man sie tagtäglich immer wieder neu hinters Licht führt.

Eine wirklich lesenswertes Buch, ein notwendiges und sehr wichtiges Buch. 10 Punkte sind eigentlich zu wenig.

Sicher wird man die eine oder andere Ansicht von Klaus Norbert nicht teilen; Meinungsvielfalt und Meinungsunterschiede sind ja in einer funktionierenden Demokratie auch wichtig. Aber darum geht es auch gar nicht in erster Linie, um die eventuellen Meinungsunterschiede in Bezug auf den Autor. Es geht darum, dass dem Leser hier für viele Dinge die Augen geöffnet werden, dass der Leser angeregt wird sich endlich einmal seines eigenen Denkapparates zu bedienen. Denn das schadet nun wirklich nicht, das Denken mit den eigenen dafür installierten Gehirnzellen.

Dieses Buch ist sehr, sehr zu empfehlen.

Jan

Heyne Verlag 2010, Taschenbuch 9,95 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3453601512

“Die taz. Eine Zeitung als Lebensform” von Jörg Magenau

Jörg Magenau wurde 1961 in Ludwigsburg geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik an der Freien Universität in Berlin. Er schrieb für den Freitag, die Wochenpost, die taz und für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Heute lebt er in Berlin und ist als freier Autor tätig. Unter anderem schrieb er Biographien über Christa Wolf und über Martin Walser. Magenau erhielt 1995 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Sachlich, ruhig und ein wenig nüchtern erzählt Jörg Magenau von den Anfängen der taz 1979 bis ins Jahr 2007. Wohl kaum ist die Geschichte dieser sicher nicht alltäglichen Tageszeitung irgendwo besser dargestellt worden. Einer Zeitung die seit ihrer Gründung mehr oder weniger immer um ihre Existenz kämpfen musste, die es aber immer schaffte, „am Leben“ zu bleiben. Anfangs verlacht und von der Konkurrenz nicht so sehr ernst genommen, ist die taz aus der heutigen Zeitungslandschaft in Deutschland nicht mehr weg zudenken.

Es ist das Verdienst der taz eben auch über Dinge zu berichten und zu schreiben, die in anderen Zeitungen keinen Platz finden oder die nicht in das politische Profil so manch anderer Tageszeitungen passen.

Angefangen hat eigentlich alles im Chaos. Friedensbewegte, Umweltaktivisten und andere Alternative gründeten eigentlich ausgestattet nur mit „Luft und Liebe“ diese alternative Zeitung. Endlose und harte Diskussionen wurden geführt und alles sah so aus als wäre dieses Projekt bereits vor seinem Start gescheitert. Aber man biss sich durch. Und immer musste die taz mit den Ansprüchen ihrer Leserschaft fertig werden. Wohl keine Zeitung wird so hart von der eigenen Anhängerschaft kritisiert wie diese Zeitung.

Jörg Magenau hat ein sehr informatives und aufschlussreiches Buch geschrieben. Man begleitet die taz auf ihrem Weg in die heutige Zeit und dabei fällt der Blick immer wieder auf die jeweils herrschenden Verhältnisse. Flüssig geschrieben und sehr ordentlich strukturiert ist dieses Buch von Jörg Magenau sehr gut zu lesen. Hervorzuheben ist hier die Sachlichkeit mit der der Autor zu Werke geht. Und er schafft es, neugierig auf diese doch „etwas andere“ Zeitung zu machen. Ein Buch auch über gelebte und erlebte Zeitgeschichte. Sehr lesenswert.

Es ist eine zeitgeschichtliche Reise, auf die uns der Autor mitnimmt. Es lohnt sich diese Reise zu machen.

Jan

Hanser Verlag 2007, Hardcover 21,50 €, 279 Seiten, ISBN:  978-3446209428

“Trotzdem: Menschen mit Lebensmut” von Christine Haiden und Petra Rainer

Christine Haiden, geb. 1962 ist eine renommierte österreichische Journalistin und berichtet in diesem Buch von 20 Menschen, die das Leben vor besondere Herausforderungen stellte. Sei es ein Unfall, die Diagnose einer schweren Krankheit, ein Unglück – das Leben der Betroffenen stand plötzlich still und wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt.
Zum einen sind es namhafte Persönlichkeiten, wie Erika Pluhar, die mehrere Tode, v.a. den ihrer einzigen Tochter zu beklagten hatte, oder Katrin Schmidt, über deren Schicksal man spätestens nach Verleihung des „Deutschen Buchpreises“ weiß, zum anderen sind es aber Menschen aus den verschiedensten Milieus – Sportler, Obdachlose, Bäuerinnen, Kinder; das Schicksal wählt nicht nach Status, Einkommen oder Beruf.

In persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen werden sensible Porträts geschildert, die weder nach Effekte haschen, noch nach Mitleid verlangen oder entblößen. Es sind keine „Übermenschen“, die Betroffenen haderten mit ihrem Schicksal, rangen und zweifelten, doch jeder fand „seinen Weg“, auch wenn dieser Weg zum „Annehmen“ ein sehr beschwerlicher und kräfteraubender war.

Ergänzt durch großartige und sehr stimmige Fotos von Petra Rainer ist den beiden ein Buch gelungen, das den Leser in seinem „gestressten“ Alltag und Hamsterrad innehalten lässt, nachdenken lässt, und einem Betroffenen Hoffnung und Lebensmut vermittelt, dass das Leben „trotzdem“ lebenswert ist. So formuliert eine an einer Muskelkrankheit Erkrankte ihre Antwort auf die Frage, „Was macht Ihr Leben lebenswert?“ folgendermaßen: „Der eine hat eine Freude mit einer Kreuzfahrt, der andere, wenn er sich wieder einen Tag lang die Gabel selbst halten kann.

Und wenn die WHO Gesundheit mit „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ definiert, dann bleibt mir nur zu sagen, diese Menschen sind alle gesund!

Ein Buch, das sich hervorragend als Geschenk für einen „Betroffenen“ eignet! Und die wunderschöne Aufmachung und hervorragende Qualität des Buches rechtfertigt auch den Preis!

Christine

Residenz Verlag 2009,  Hardcover 27,90 €, 156 Seiten, ISBN: 978-3701731497

“Die Musik der Primzahlen” von Marcus du Sautoy

Mag der Titel zunächst plakativ klingen, merkt der Leser von du Sautoys Buch schon bald wie er gemeint ist. Die Primzahlen, die elementaren Bausteine der Zahlen, lassen sich mit Schwingungen in Verbindung bringen. Schwingungen sind Töne und so kommt es, dass man die Primzahlen hören kann. Und doch sind diese Zusammenhänge noch nicht bis zum letzten durchschaut, vor 150 Jahren hat Riemann diesen Zusammenhang aufgedeckt und seine berühmte Vermutung aufgestellt. Mag die Riemannsche Vermutung nie in der breiten Bevölkerung die Bekanntheit erreicht haben wie die Fermatsche, so liegt dies daran, dass sie nicht so elementar darstellbar ist. 1 Million Dollar gewinnt derjenige, der sie als beweisen (oder widerlegen) wird. Doch auch ohne diesen Anreiz gilt sie als eine der interessantesten Vermutungen …

Das Übliche, was populärwissenschaftlicher mathematische Bücher so enthalten: wie die Griechen entdeckten, dass es unendliche viele Primzahlen gibt, Euklids Elemente, der junge Gauß, der blitzschnell die Zahlen von 1 bis 100 addieren konnte…..dachte ich zuerst! Doch du Sautoys Buch hebt sich auf angenehmste Weise aus der Masse hervor: dadurch, dass er sich auf ein enges Thema fokusiert und dessen Geschichte bis in die heutige Zeit detailliert nachvollzieht: Die Riemannsche Vermutung. Dadurch dass er trotz der Abstraktheit dieser Vermutung es schafft fast ohne Formeln und “Mathsprech” auszukommen. Was für mich manchmal gedankliche Übersetzungsarbeit bedeutete, ist für den mathematischen Laien mit Sicherheit eine große Erleichterung und trägt zum Fluss des Buchs bei. Angereichert mit Kurzbiographien und Anekdoten verliert das Buch trotzdem nie den roten Faden und stellt auch die großen Zusammenhänge her: wie das Zentrum der Mathematik über Paris und Göttingen in die USA wanderte, wie sich die “mathematische Philosophie” über die Jahrhunderte änderte.
Für mich ein großer Lesespaß, der Sehnsucht weckt meinen Kopf mal wieder mathematisch zu betätigen. Hier wird nicht versucht dem Leser mathematische Wissen zu vermitteln, sondern ein allgemeines Verständnis dafür geweckt, was mathematisches Denken ist. Sehr geglückt!

Kerstin

Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Übersetzung: Thomas Filk, TB 12,90 €,  400 Seiten, ISBN: 978-3423342995

“Phi Phi Island: Ein Bericht” von Josef Haslinger

Ko Phi Phi ist eine Inselgruppe im Süden Thailands, bestehend aus den Inseln Ko Phi Phi Don und Ko Phi Phi Le. In dieser beschaulichen, idyllischen Gegend, die beim Film “The Beach” als Kulisse diente, wollte der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mit seiner Familie den Weihnachtsurlaub 2004 verbringen. Doch aus der beabsichtigten Reise ins Paradies wurde ein Höllentrip. Am 26.12. bricht die gewaltige Flut herein, zerstört alles und reißt Hunderte von Menschenleben mit sich. Josef Haslinger hatte Glück, großes Glück. Er konnte sich auf ein Dach eines Hotels retten und auch seine Frau und seine beiden Kinder überlebten. Die Flut erreichte dieses Dach nicht.

Schwer traumatisiert von diesem Ereignis legt der Schriftsteller zwei Jahre danach Bericht ab. Er erzählt sehr nüchtern und doch so beeindruckend von den unfassbaren Zuständen, von Menschen, die er in dieser Ausnahmesituation kennen gelernt hat, von Menschen, die er ertrinken hat sehen, für die jede Hilfe zu spät kam und die nicht so viel Glück hatten. Er berichtet aber auch von kleinen zwischenmenschlichen Erfahrungen, von einer ungeheuren Solidarität und Nächstenliebe, von selbstlosen Helfern und von der unendlichen Ohnmacht, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit und die Frage, die er sich immer wieder stellt: warum hat gerade er so viel Glück gehabt. Gedankensplitter rund um Land, Kultur und Mentaliätät ergänzen den Bericht, wer allerdings einen “Reiseführer” erwartet, wird enttäuscht sein.

Ein Jahr später kehrt Josef Haslinger mit seiner Frau an den Ort des Geschehens zurück und lässt das Erlebte Revue passieren. Er sucht die Stätten seiner Flucht auf, trifft Menschen, die überlebt haben, stellt Recherchen an. Ergebnis dieser Verarbeitung ist das vorliegende Buch, das in seiner Art einzigartig ist. Anhand von 3 Zeitsträngen (Weihnachten 2004, Weihnachten 2005 und die Zeit dazwischen) werden nüchtern und doch sehr persönlich Gedanken, Erlebnisse, Gefühle reflektiert, liebevolle Details erzählt, und dabei nie vergessen, welches Glück die Familie hatte. Von der Katastrophe blieb neben der Traumatisierung ein unbeweglicher Finger, der Haslinger das Betätigen der Umschalttaste auf der Tastatur erschwert, weshalb das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in Kleinbuchstaben geschrieben ist. Aber man hat als Leser das Gefühl, dass er diesen Finger gerne als “Andenken” mit sich herumträgt, als Andenken daran, wie knapp Glück und Unglück beieinander liegen, wie schnell alles ganz anders sein kann, und wie ungecht und willkürlich das Schicksal verteilt ist.

Über den Autor (von amazon.de)
Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman »Opernball«, 2000 »Das Vaterspiel«. Sein letztes Buch, »Zugvögel«, erschien im Frühjahr 2006. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels.

Christine

Fischer Taschenbuchverlag 2008, TB 9,95 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3596181827

“Mein Jahrhundertbuch” von Iris Radisch

radisch.jpgIris Radisch hatte 51 Autorinnen und Autoren wie z.B. Siegfried Lenz, Maarten t´Hart, Louis Begley, Nadine Gordimer, Lars Gustafsson, Salman Rushdie angesprochen, welches ihr persönlich wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts wäre.
Herausgekommen ist ein wunderbarer persönlicher Kanon der Lieblingsbücher. Denn im Gegensatz zu dem bekannten Buch der “ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher” durfte hier nach Herzenslust ausgesucht werden, ohne das eine Jury über die Auswahl wachte.
Interessant welche Autoren ausgesucht wurden. “Der Weg, den der Leser durch diesen Garten zurücklegt, beginnt - und das ist sicher kein Zufall - bei Franz Kafka, biegt zielgerade ab zu Joyce, führt zu Robert Musil, landet weich bei Thomas Mann, macht zweimal Rast bei Albert Camus, taucht ein in den Strom der verlorenen Zeit des Marcel Proust und kehrt immer wieder zu Kafka zurück.”

Eine der weiteren wichtigen Erkenntnisse: “Was ein Jahrhundertbuch ausmacht, entscheiden nicht Experten, sondern die Zufälle und Bedingungen des privaten Lebens.” Denn die Auswahl wurde bunt und vielfältig. Nicht nur die bekannten Bücher der Weltliteratur, sondern auch “(…) Kindheitsbücher, Wörterbücher, Bücher von Freunden und Vorbildern, Bücher, die das Leben in wichtigen Jahren begleitet haben, Bücher von großer nationaler Bedeutung (…)” werden genannt.

51 kleine, höchstens 3 Seiten lange, Rezensionen, bei denen es mir persönlich immer wieder Freude macht, darin zu blättern und zu schmökern. Ein wahrer Fundus an Autoren und Büchern, der Appetit auf selbst entdecken und lesen macht.

Stefanie

Suhrkamp Verlag, 2003, Taschenbuch leider vergriffen, 196 Seiten, ISBN: 978-3518455548

“Im Irrgarten der Intelligenz/Ein Idiotenführer” - Hans Magnus Enzensberger

irrgarten.jpgAus meiner Sicht fördert dieses Büchlein nichts Neues zutage.

Was soll ich von einem Büchlein erwarten, welches gerade mal knapp 60 Seiten hergibt, und über ein solch brisantes Thema erzählt, es allerdings von einem klugen Kopf geschrieben worden ist? Nicht all zu viel, dann werden die Erwartungen auch nicht enttäuscht.
Mir diente es als praktische Handtaschenlektüre beim Arztbesuch, und die Stunden die ich dort verbringen musste, hat mir dieser Essay versüßt.

Enzensberger beschreibt zunächst sehr ausführlich woher überhaupt das Wort Intelligenz stammt, und dessen ursprünglicher Gedanke. Dann werden einige Namen erwähnt, die sich mit dem Intellekt und seinen Test zur Bestimmung auseinandergesetzt haben.
Der Teil wo es dann um die Bestimmung von der Größe des IQ´s ging, den fand ich eindeutig zu kurz geraten, denn das ist das Augenmerk, worauf es dem Leser eigentlich ankommt. Und da sagt uns der Autor eigentlich nur, das ein oder der IQ-Test nichts taugt, weil zahlreiche Talente ständig durch das Raster fallen, weil dieser Test stark subjektiv ist, und eigentlich nur die Anforderungen des Testersteller thematisieren. Das große Physiker-Genie kann dabei völlig unterdurchschnittlich abscheiden, und das Genie verkannt werden. Aber diese Aussage war mir schon lange bewusst, alleine deshalb, weil ich einen solchen Test auch schon gemacht habe, und musikalische Talente werden sicherlich nicht mit diesem Test erfasst ;-)

Heidi Hof

Suhrkamp Verlag, 2007, Taschenbuch 7 €, 59 Seiten, ISBN: 978-3-518-12532-8