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Archiv der Kategorie Sachbuch

„Selbst ist der Mensch“ von Antonio Damasio

damasio.gifInsgesamt bin ich enttäuscht!

Der erste Teil behandelt die Fragen: Wie baut das Gehirn einen Geist auf?
Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein? Er beschreibt die körperlichen Vorgänge wie Energiegewinnung (ATP), Atmung, Säuregehalt des Körpers und Temperaturregelung, also wieder die Homöostase (Regulation des Lebendigen), diesmal ausführlicher und dadurch noch verständlicher als im Buch „Descartes´Irrtum“, aber im Grunde reine Wiederholung.

>>Wir haben unseren Körper im Kopf, im Geist, weil uns das hilft, unser Verhalten in allen möglichen Situationen, welche die Unversehrtheit des Organismus gefährden und das Leben beeinträchtigen könnten, zu lenken.<<

Danach folgt im Teil II. eine hypothetische Aneinanderreihung wo und wie Geist gebildet wird. Verkettungen von CDR zu CDR und wilde Begrifflichkeiten erschweren dem Laien hier das Lesen und Verstehen.

Im dritten Teil zerstückelt Damasio schließlich den Begriff „Selbst“ in Kern-Selbst, Protoselbst und autobiographisches Selbst und macht seine Arbeit Körper und Geist zu vereinen meiner Meinung nach damit zunichte.

>>Es gibt tatsächlich ein Selbst, aber es ist kein Gegenstand, sondern ein Prozess, …<<

Am Ende bleibt folgende Fragestellung offen: Ein autobiographisches Selbst - aber was ist davon tatsächlich autobiographisch? Was bleibt, wenn man kulturelle Erziehung und Umwelt abzieht? Und wie viel bleibt übrig, wenn man auch noch die fehlerhaften Erinnerungen heraus nimmt. Was für ein Selbst bleibt stehen, welches wir wirklich unser eigen nennen können? Alles in allem bleibt ein ernüchterndes Gefühl übrig, und im Gegensatz zum Vorgänger Buch: Enttäuschung.

>>Hätte die Subjektivität nicht ihren radikalen Auftritt gehabt, es gäbe kein Wissen, und niemand würde es bemerken; entsprechend gäbe es auch keine Geschichte … und keinerlei Kultur.<<

Krümel

Büchergilde Gutenberg 2011, OT: Self Comes to Mind. Constructing the Conscious Brain 2010, Übersetzung: Sebastian Vogel, Hardcover €, 368 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6454-4

“Die Macht der Päpste” von Rudolf Lill

In seinem Buch „Die Macht der Päpste“ widmet sich Rudolf Lill der Geschichte des Papsttums. Er informiert über die einzelnen Päpste ebenso wie über das langsame Wachstum und die Ausdehnung der päpstlichen Macht von der späten Antike bis in die heutige Zeit und widmet seine besondere Aufmerksamkeit den Umbrüchen durch Konzile und Reformen in der Kirchengeschichte. Dabei möchte ich besonders die große Aktualität dieses Sachbuches hervorheben, schließt es doch die Amtszeit von Benedikt XVI. mit ein. Hochinteressant empfand ich die bemerkenswert kritischen Gedanken des Autors bezüglich des von den letzten beiden Päpsten zelebrierten Zentralismus und der doch recht rigiden Personalpolitik der katholischen Kirche. Die daraus die gezogenen Schlussfolgerungen begründet Lill sachlich und überaus kompetent.

Dieses Buch ist sicher nicht geeignet, um eine katholische Grundbildung zu erlangen, über diese sollte man bei der Auseinandersetzung mit dem Inhalt schon verfügen. Um einen komplexen Überblick über die päpstliche Macht im Wandel der Geschichte zu bekommen, ist es sehr zweckdienlich. Ich sehe Rudolf Lills Werk eher als eine Art Kompendium, in dem man bei Bedarf nachschlagen kann. Denn eine Lektüre von Anfang bis Ende fand ich trotz der nur 288 Seiten ein wenig beschwerlich. Das Buch ist klar und logisch gegliedert, ausführliche, als Anmerkungen beigefügte Quellen, zeigen, welchen Aufwand Rudolf Lill bei der Recherche zu diesem fundierten Sachbuch betrieb. Darüber hinaus sind im Anhang die Karrieren der Päpste und Kardinalssekretäre ab 1800 aufgeführt. „Die Macht der Päpste“ besticht nicht nur durch die Fülle der aufbereiteten Informationen, es ist auch augenscheinlich ein sehr ansprechendes Buch.

Rudolf Lill ist Professor emeritus für Neuere und Neueste Geschichte der Universität Karlsruhe, wo er die Forschungsstelle „Widerstand gegen den Nationalsozialismus im deutschen Südwesten“ leitete. Als Gastprofessor lehrte er an mehreren italienischen Universitäten und ist Lehrbeauftragter für italienische Geschichte der Universität Bonn. (Über den Autor (Quelle: amazon.de))

Heike

Butzon & Bercker Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3766615435

„Descartes´ Irrtum“ von Antonio R. Damasio

Dieses Buch ist für den Laien wunderbar verständlich geschrieben!

>>Aus dem Klappentext:
Antonio R Damasio stellt den Dualismus in Frage, der bis heute das westliche Denken beherrscht: Geist versus Körper, Verstand versus Gefühl, Biologie versus Kultur. Durch sein Buch erkenenn wir – möglicherweise zum erstenmal – die enge Verbindung zwischen unserem neutralen Gewebe und den Höhen und Tiefen menschlichen Erfahrens und Erlebens. (Howard Gardner)<<

Im ersten Teil zeigt uns Damasio anhand von Fallbeispielen wie unser Gehirn überhaupt arbeitet, und wie unser Gehirn vernetzt ist. Der mittlere Teil ist dann ein sehr theoretischer Ausflug, da stellt der Autor seine Hypothesen vor, die er wiederum mit vielen Beispielen aus der Praxis belegt. Und zum Schluss wird dann der Titel „Descartes´ Irrtum“ abgehandelt.

>>Die Unterscheidung zwischen Erkrankungen des Gehirns und des Geistes, zwischen neurologischen Leiden und psychischen bzw. psychiatrischen Problemen ist ein unglückliches kulturelles Erbe, das tief in der Gesellschaft und Medizin verwurzelt ist. Sie offenbart eine fundamentale Unkenntnis der Beziehung zwischen Gehirn und Geist.<<

Wie arbeitet unser Gehirn? Was Neuronen tun, hängt von ihrer Nachbarschaft ab (Neuronenkomplexe). Was Systeme/Komplexe tun, hängt davon ab wie sich Komplexe gegenseitig beeinflussen. Und wie diese Beeinflussung aussieht, hängt vom Ort ab. Alles ist miteinander verwoben und vernetzt!

>>… daß Vorstellungsbilder vermutlich den Hauptinhalt unserer Gedanken ausmachen, unabhängig davon …, ob sie einen konkreten Gegenstand gelten, einen Prozeß mit dem Gegenstand, oder ob sie mit Wörtern/Symbolen zu tun haben.<<

Evolution:
- der älteste Entscheidungsapparat für fundamentale biologische Regulation
– propft einen Apparat für persönliche und soziale Bereiche auf
— propft abstrakt - symbolische Operationen auf –> künstlerisches, wissenschaftliches Denken. Nichts geht ohne das andere!

>>Für uns gab es also zuerst das Sein und erst später das Denken. Und auch heute noch beginnen wir, wenn wir auf die Welt kommen und uns entwicklen, zunächst mit dem Sein und fangen erst später mit dem Denken an.<<

Es gibt keine Trennung zwischen Körper und Denken/Vernunft. Ohne einen Körper, gäbe es diese höheren Gedanken nicht! Das hat Damasio in langen Untersuchungsreihen herausgefunden, und alles spricht auch für diese Hypothese - aber letztendlich gibt es dafür noch keine belegbaren Beweise, weil das Warum leider noch fehlt. Das Warum - warum fühlen wir überhaupt, es sind nicht nur die Neurotransmitter die uns fühlen lassen, es gibt da noch mehr. Ich nenne es jetzt mal die Psyche, die aber nur körperlich zustande kommt, durch Erfahrungen und Vorstellungsbilder, sprich Erinnerungen, aber sich geistig ausdrückt. Sie entspringt quasi aus dem Körper!

Antonio R. Damasio ist Professor der Neurologie und leitet die Neurologische Abteilung der University of Iowa College of Medicine. Seine Forschungen zur Neuropsychologie von Sehen, Gedächtnis und Sprache und seine Forschungsergebnisse haben ihn zu einer international anerkannten Autorität gemacht. Er ist Träger des Beaumont-Preises und zusammen mit seiner Frau, der Neurologin Dr. Hanna Damasio, des Pessoa-Preises.

Krümel

List Verlag 1994, OT: Descartes´ Error, Reason and the Human Brain, Übersetzung: Hainer Kober, Hardcover vergriffen (TB 8,95 € ISBN: 3548604439), 378 Seiten, ISBN: 3-471-77342-8

“Die zitternde Frau” von Siri Hustvedt

Siri Hustvedt, amerikanische Romanautorin, beschäftigt sich schon seit längerem mit Neuropsychiatrie und hat in diesem Gebiet fleißig Fachliteratur gewälzt. Seit ihrer Kindheit leidet sie unter Migräne, Schwindelanfällen, an himmlischen Gefühlen von Levitation und visueller Halluzination, in der sie ein kleines rosa Männchen und einen rosa Ochsen auf dem Fußboden sieht. Das ist der Grund. „Ich erforschte mich selbst“, sagte schon Heraklit und Siri Husrvedt leistet einen enormen Energieaufwand, um auf die Spur ihrer Nerven zu kommen. Schon in ihrem Roman „Was ich liebte“ beschäftigte sich Frau Hustvedt mit Psychopathologie (und Bildender Kunst). In „Die Leiden eines Amerikaners“ nimmt ein Psychiater die Rolle des Protagonisten ein, der mit dem Tod seines Vaters konfrontiert wird. Auch Hustvedt, die nun eine Geschichte ihrer Nerven geschrieben hat, muss sich mit dem Tod ihres Vaters, der Universitätsprofessor in Minnesota gewesen war, aus einandersetzen. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters hält sie eine Gedenkrede und bekommt erstmals einen Zitteranfall, wobei ihr Bewustsein klar bleibt, sie auch weiterreden kann. Erst nach der Rede hört das Zittern auf. Siri Hustvedt vermutet eine (psychogene?) Reaktion auf den Tod ihres Vaters. Da ihr kein Arzt eine eindeutige Diagnose stellen kann, macht sich die Autorin auf der Suche nach ihrer Krankheit. Ihr Weg führt ausgehend vom Verdacht einer Konversionsstörung (dissoziative Störung), über Josef Breuers Bericht seiner Patientin Bertha Papenheim (als Anna O. in „Studien über Hysterie“, Freud/Breuer, 1895; zuvor auch schon mit Breuer veröffentlicht „Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene”, 1893), bis hin zu neurologischen Ausfällen, deren Symptomatik für uns Laien aufsehenderregend erscheinen, uns aber auch schon durch Bücher von Oliver Sacks (z.B. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) und Mark Solms/Karen Solms („Neuro-Psychoanalyse. Eine Einführung mit Fallstudien“) bekannt sein könnten. Weiterhin erzählt Siri Hustvedt von einem Experiment des Neurologen Vilayanur S. Ramachandran. Er behandelte eine Patientin, die linksseitig gelähmt war, sie dieses aber nicht glauben wollte. Das Experiment, welches Mark und Karen Solms in ihrem Buch beschreiben ist, dass die Patientin ihre Lähmung zugab, nachdem Ramachandran der Frau das linke Ohr mit Eiswasser gefüllt hat. „Rechtshemisphärische Schädigungen führen häufig zu …Anosognosie“, dem Leugnen der Krankeit. Da wir schon gerade bei Büchern sind, möchte ich auf zwei Bücher von Vilayanur S. Ramachandran hinweisen, die es im deutschen Sprachraum gibt: „Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn“ und „Die blinde Frau, die sehen kann. Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins“ - und damit haben wir uns schon ziemlich weit in das Buch hineingelehnt, Manchmal hatte ich den Eindruck, die Autorin schweift ein wenig von ihrem Thema, den seltsamen Zitteranfällen ab, kehrt aber immer wieder zu sich selbst zurück. Erzählt sie von Konversionsstörungen (Hysterie), ihr erster Verdacht als Ursache ihrer Zitteranfälle, dann erzählt sie gleich die Geschichte der Hysterie mit, und so erahnen wir als Leser, dass sie all dies mit Begeisterung tut, mit Wissensgier, wenn nicht gar mit Besessenheit im positiven Sinne.

Siri Hustvedt bezeichnet die zitternde Frau „als ein ungezähmtes anderes Selbst…eine Art Doppelgänger“, die in der Literatur Wünsche und Bestrebungen ihrer Originale meist quälen und sabotieren, und erwähnt Dostojewskijs Roman „Der Doppelgänger“:

>>Dostojewskijs geistig umnachteter Held, Herr Goljadkin, zittert im Sprechzimmer seines Arztes, kurz bevor der ehrgeizig, abgefeimte zweite Herr Goljädkin in Erscheinung tritt.<<

>>Seine grauen Augen funkelten ganz eigentümlich, die Lippen zitterten, alle Muskeln, alle Züge seines Gesichts gerieten in Bewegung. Er selber zitterte am ganzen Körper.<<

Manche Migräne Leidende sehen als Teil der Aura ein Doppel ihrer selbst, schreibt Hustvedt und erzählt von Breuers berühmter Hysteriepatientin Bertha Puppenheim. „Sie litt auch an dem, was Charcot, Janet, Freud und Breuer „doppeltes Bewußtsein“ nannten; sie erlebte zwei Ichs, eines Breuer zufolge „geistig ganz normal“ und ein anderes, das sie als ihr „schlimmes Ich“ bezeichnete.

Von Synästhesie spricht man, wenn sich Sinneswahrnemungen überschneiden, wenn z.B. „Farben schmecken“ oder „Töne sehen“ kann. Der russische Psychologe Alexander Romanowitsch Lurija, der als einer der Begründer der Neuropsychologie gilt, verfolgte 30 Jahre lang den Fall Sassezki, der die Fähigkeit besaß „lange Zahlenreihen und Wortlisten in ortsgebundene geistige Bilder zu konvertieren“ (vgl. „Kleines Portrait eines großen Gedächtnisses“ in „Der Mann, dessen Welt in Scherben ging“ ). Es wird auch auf ein Gedicht Rimbauds hingewiesen, welches Synästhesie aufweist: Die erste Strophe von „Vokale“:

>>A schwarz E weiß I rot U grün O blau - vokale

Einst werd ich euren dunklen ursprung offenbaren:
A: schwarzer samtiger panzer dichter mückenscharen
Die über grausem stanke schwirren · schattentale.<<
(Übersetzung: Stefan George)

Im Jahre 2005 wurde erstmals eine Mirror-touch, bzw. Berührungs-Synästhesie beschrieben und es stellte sich heraus, dass die Autorin dieses Buches von dieser Form der Synästhesie befallen ist, d.h., >>jeden Schlag, jeden Stoß, den andere bekamen, wie auch deren Stimmungen fast so mitgefühlt, als wäre ich selbst davon betroffen.<< , so auch Horrorfilme ihr unerträglich sind, da sie >>die Qualen der Opfer fühle.<<

Siri Hustvedt kommt öfters auf das dualistische Problem von Körper und Geist zu sprechen. Neuronen sind sichtbar, Gedanken unsichtbar. Sind Hirn und Geist eins oder zwei verschiedene Dinge, oder sind sie miteinander verbunden? Diese Frage muss natürlich offenbleiben, und obwohl dieses Problem des Dualismus für die Autorin wichtig ist, wird es leider doch nur gestreift, obwohl es doch interessant gewesen wäre, tiefer ins Detail zu gehen in der Frage, ob eine Trennung von psychogenen und neurologischen Ursachen in der Medizin sinnvoll und fragwürdig ist. Nach Francis Crick sind wir nur „eine riesige Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen.“ (aus Francis Crick: „Was die Seele wirklich ist“ ), doch was nützt uns so eine Aussage, wenn sie einfach in den Raum geworfen wird?

Wenn man gewillt ist, sich mit medizinischen Fremdwörtern zu konfrontieren und Interesse am Psycho/Neuro-Thema vorhanden ist, aber kein Mediziner ist, denn die lesen sicher anderes, kann das Buch sehr empfohlen werden. Ein Namensregister fehlt leider, sodass das Aufsuchen von Textstellen erschwert wird. Am Ende des Buches sind Anmerkungen, in denen uns offenbart wird, welche Fachbücher Siri Hustvedt gewälzt hat. Ist schon toll.mArtinus

Rowohlt Verlag 2010, Hardcover 18,95 €, 240 Seiten, ISBN: 978-3498030025

“Der Fall Dreyfus” von Louis Begley

Nach den Romanen von Louis Begley griff in nun zu diesem Essay. Darin stellt Louis Begley die Affäre um den wegen Landesverrat verurteilten und auf die Teufelsinsel verbannten französischen Juden Alfred Dreyfus den Vorgängen von Guantánamo gegenüber. Dabei deckt er Analogien auf, die man auf Anhieb nicht für möglich hält, trennen diese beiden Geschehnisse doch gut 100 Jahre. Aber Rechtsbeugung, Manipulation von Beweisen und weil nur sein kann, was auch sein darf ist die Wahrheitsfindung in beiden Fällen nicht vorurteilsfrei, die Folgen für die Betroffenen waren und sind jeweils unmenschliche Haftbedingungen. Begley beleuchtet die Dreyfus-Affäre wesentlich ausführlicher als das aktuelle Geschehen. Er sucht die Ursachen für Dreyfus’ Verurteilung bereits im deutsch-französischen Krieg von 1871 und analysiert den zunächst latenten, aber immer stärker werdenden Antisemitismus im Frankreich der damaligen Zeit. Louis Begley greift bei seinem Buch auf seine unfangreichen juristischen Erfahrungen und Kenntnisse zurück. Zwischen dem Schriftsteller und dem Rechtsanwalt kommt es zur fruchtbaren Symbiose. Das schlägt sich besonders in der guten Lesbarkeit und der aufgebauten Spannung dieses doch komplizierten Falles nieder. Die schier unübersichtliche Anzahl von Fakten, Beweisen und Originalzitaten werden durch den gelungenen populärwissenschaftlichen Stil leichter verdaulich. Im Vorwort seines in Buchform erschienenen Essays wird die Hoffnung deutlich, die er in die Präsidentschaft Barak Obamas setzt. Eine aktuelle Einschätzung der Lage im Lager Guantánamo durch Louis Begley würde mich schon sehr interessieren. Dieses Buch kann ich allen Politikinteressieren guten Gewissens empfehlen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Louis Begley wurde am 6. Oktober 1933 unter dem Namen Ludwik Begleiter als Sohn polnischer Juden in einer kleinen Stadt im Osten Polens (heute Ukraine) geboren. Er selbst und seine Mutter entgingen, als katholische Polen getarnt, dem Holocaust. Nach dem Ende des Krieges kam die Familie wieder zusammen. Vier Monate blieben sie in Paris, wo Vater und Sohn Englisch lernten. Im März 1947 siedelte die Familie Begleiter in die USA über und ließ sich in Flatbush/Brooklyn nieder, wo sie den Namen Begley annahm.1950 erhielt Louis Begley ein Harvard-College-Stipendium und wurde damit zum Harvard College zugelassen; 1954 legte er sein Examen in Englischer Literatur ab. Von 1956 bis 1959 studierte er an der Harvard Law School und arbeitete im Anschluss bis zum Jahr 2004 als Anwalt in der Kanzlei Debevoise & Plimpton. Ende der sechziger Jahre arbeitete er bei der französischen Niederlassung von Debevoise in Paris. 1991 legte Louis Begley seinen ersten Roman vor: Wartime Lies, (Lügen in Zeiten des Krieges), New York 1991 - Suhrkamp 1994. Er gilt als ein wichtiges Dokument der literarischen Erinnerung an den Holocaust. Louis Begley lebt in New York.

Heike

Suhrkamp Verlag 2009, Übersetzung: Christa Krüger, Hardcover 19,80 €,  247 Seiten, ISBN: 978-3518420621

“Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks” von Rebecca Skloot

skloot.jpgHenrietta Lacks war Mutter von fünf Kindern und spürte seit geraumer Zeit einen Knoten am Muttermund. Als es zu Blutungen kam, ging sie zur gynäkologischen Untersuchung ins John Hopkins Hospital. Der Befund war eindeutig: Gebärmutterhalskrebs. Henrietta war Afroamerikanerin und in den Genuss einer über das Allernotwendigste hinausgehenden Bildung kam sie nie. Auch im Krankenhaus erklärte ihr niemand, welche Untersuchungen erforderlich seien, warum sie wie therapiert würde und sie stellte keine Fragen. Ohne ihre Zustimmung wurden ihr zwei Gewebeproben entnommen, mit denen der Wissenschaftler Georg Gey forschte und mit denen es ihm als Ersten gelang, menschliche Zellen am Leben zu erhalten. Henrietta Lacks starb am 4. Oktober 1951, ihre Zellen leben heute noch und sind aus der modernen Medizin nicht wegzudenken.
HeLa-Zellen sind weltweit in allen Forschungslaboratorien unabdingbar. Sowohl die Medizin- als auch die Genforschung sind ohne sie nicht mehr vorstellbar. Sie wurden ins Weltall transportiert, um an ihnen die Wirkung der Schwerelosigkeit zu erforschen und wurden atomarer Strahlung ausgesetzt, um deren Folgen abschätzen zu können. Sie dienen der Erforschung von Impfstoffen ebenso wie der Entwicklung neuer Therapien gegen Krebs und AIDS. Rebecca Skloot hat sich mit ihrem Buch einem äußerst interessanten Thema zugewandt und es für die Leser sehr ansprechend und allgemeinverständlich umgesetzt. Als Sachbuch konzipiert, bietet es neben der Wissensvermittlung noch gute Unterhaltung. Leser, die sich für belletristisch umgesetzte Medizingeschichte interessieren, werden auch an diesem Werk Freude haben, denn es ist gleichzeitig eine Familiengeschichte. Die Impertinenz ehrgeiziger Mediziner wird in diesem Buch ebenso thematisiert wie ethische Fragen der Wissenschaft und der zu damaliger Zeit in den USA vorherrschende Rassismus. Rebecca Skloot macht öffentlich, was bislang nicht bekannt war. Sie schreibt von den immensen Summen, die mit diesen Zellen verdient wurden und werden und von der Armut der Familie Lacks, die davon keinen Cent sah und verdeutlicht damit die Kernfrage, wem gehören diese Zellen. Die Autorin bereitet dieses Thema nicht chronologisch auf. Aber als Orientierung ist zu Beginn eines jeden Kapitels am oberen Seitenrand ein Zeitstrahl abgedruckt, der über die in diesem Abschnitt behandelte Zeit Auskunft gibt.
„Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ein wissenschaftliches, spannendes und zutiefst menschliches Buch. Es informiert, macht nachdenklich und lässt sich darüber hinaus noch ausgezeichnet lesen. Ich empfehle es gern weiter.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Rebecca Skloot hat Biologie und Kreatives Schreiben studiert. Sie ist prämierte Wissenschaftsjournalistin und Bloggerin, deren Artikel unter anderem im „New York Times Magazine“, Discover Magazine“ und in „The Oprah Magazine“ veröffentlicht wurden. Als Korrespondentin hat sie für NPR’s RadioLab und PBS’s Nova ScienceNOW gearbeitet. Sie unterrichtet Naturwissenschaftler im kreativen Schreiben an der University of Memphis und an der University of Pittsburgh und hält zahlreiche Vorträge. “Die Unsterblichkeit der Henrietta Lacks“ ist ihr erstes Buch, an dem sie 10 Jahre gearbeitet hat und dem auf Anhieb der Sprung unter die Top Ten der New-York-Times-Bestellerliste gelang.

Heike

Irisiana Verlag 2010, Übersetzung: Sebastian Vogel, Hardcover 19,99 €, 512 Seiten, ISBN: 978-3424150759

“Idioten Made in Germany” von Klaus Norbert

Die Tendenz bzw. die Aussage dieses Buches von Klaus Norbert wird in der Einleitung vom Gitarristen der Rolling Stones – Keith Richards – sehr gut und in einfachen Worten sehr gut beschrieben.

„Dafür ist Schule in Wirklichkeit da: Es geht nicht um Geographie, Geschichte oder Mathe. Es geht darum die Kinder zu guten Fabrikarbeitern zu erziehen.“

Klaus Norbert sagt selbst über sein Buch, dass er zwar ein Sachbuch geschrieben habe, dass es trotzdem aber kein sachliches Buch sei. Und damit trifft er es punktgenau. Das Buch ist polemisch, provokant, aber klar und deutlich in seiner Aussage. Vielleicht muss man polemisch sein, damit man überhaupt ein wenig Gehör findet. Vielleicht muss man provozieren, damit man die Menschen wenigstens für einige wenige kurze Augenblicke aus ihrem Dornröschenschlag aufwecken kann.

Der Autor stellt die These auf, dass die Politik durch ihre Fixierung auf Normen und Turbo-Leistungen gezielt eine winzige Bildungselite begünstigt und den Rest einer ganzen Generation zu Versagern stempelt. Doch diese These steht nicht allein und einsam im Raum, sondern wird durch eine stimmige Argumentation nachdrücklich und eindrucksvoll untermauert. Allerdings hätte man sich als Leser das eine oder andere Mal um eine weniger aufgesetzte und auf „locker machende“ Sprache gewünscht. So hat das Wort „Idioten“ schon fast inflationären Charakter – was auch nicht damit zu entschuldigen ist, dass diese Vokabel Teil des Buchtitels ist.

Hervorzuheben ist, dass Klaus Norbert mit seiner Kritik vor nichts und niemanden Halt macht. Gradlinig und unbeirrbar geht er seinen – ganz sicher nicht – unbedingt leichten Weg. Denn er rüttelt mit seinem Buch und der Aussage dieses Buches schon an Pseudo-Werten, die den Menschen in Fleisch und Blut übergegangen sind, ohne dass sie jemals nach deren Sinn gefragt haben. Der Autor aber hinterfragt und findet zum Teil schon verblüffende Antworten.

Schule muss mehr sein als Disziplin und Lernfabrik, eine Lernfabrik in welcher viel Überflüssiges produziert wird und Notwendiges keinen Platz hat. Bildung darf nicht einer gut betuchten Elite vorbehalten bleiben, einer vermeintlichen Elite die aufgrund des Versagens des staatlichen Bildungsbetriebes auf teure Privatschulen ausweichen kann. Bildung muss für alle möglich und erschwinglich sein – Chancengleichheit für jedermann und jedefrau. Menschen müssen aufgrund ihrer Befähigung gefördert werden, nicht aber aufgrund des Gewichtes des Geldbeutels der Eltern.

Dieses Buch ist ein notwendiges Buch – auch dann, wenn man sicher nicht alle Aussagen des Autors teilt, aber es ist in jedem Falle eine großartige Diskussionsgrundlage. Denn die Diskussion über unser Bildungswesen muss endlich offen und schlagwortfrei geführt werden, mit dem Ziel, Bildung wirklich für alle möglich zu machen. Schule muss vielmehr sein als Fabrik die nach den Wünschen der Wirtschaft Arbeitskräfte produziert. Bildung ist ein ganz wesentlicher Teil des Lebens und die Schule muss endlich davon wegkommen, als oberstes Gebot den Schülerinnen und Schülern Disziplin einzutrichtern, sie also zu willfährigen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu machen. Schülerinnen und Schüler müssen neugierig sein und Freude am Lernen empfinden, Lernen soll keine Last sondern eine wirklich Freude sein. Dass das möglich wäre – das beschreibt Klaus Norbert u.a. auch in seinem Buch.

Der Autor macht auch klar, dass Bildung weit mehr sein muss als BILD, RTL, Lanz, Kerner aber auch mehr sein muss als SPIEGEL, FOCUS und ZEIT. Den Bildungspolitikern dieser Republik stellt er ein verheerendes Zeugnis aus – und nach der Lektüre dieses Buches kommt man, wenigstens ich kam zu dem Ergebnis: Der Mann hat Recht!

Diesem Buch seien viele Leserinnen und Leser gewünscht, damit eine längst überfällige Diskussion endlich in Gang kommt.

Klaus Norbert wurde 1962 geboren und ist Journalist und Musiker. Sich selbst bezeichnet er als „Bildungsrebell“. Er hat eine dreijährige Tochter und war viele Jahre als Berater für Großunternehmen im In- und Ausland tätig und betreute als Coach namhafte Führungspersönlichkeiten.

Jan

Knaur TB Verlag 2011, Taschenbuch 8,99 €, 384 Seiten, ISBN: 978-3426784693

“Verfahren” von Ludwig Laher

Welcher Willkür und welchen Bürokratismusmühlen ist man ausgesetzt, wenn man um Asyl ansucht? Jelena ist Kosovo-Serbin und gerät in ihrer Heimat zwischen die Fronten. Sie ist unvorstellbarer Gewalt ausgesetzt, verliert ihre Familie und landet in der Psychiatrie. Mit dem Scheitern eines zweiten Selbstmordversuches verliert sie auch den letzten Rest Selbstachtung und auf Anraten ihrer Ärztin gelingt ihr mit letzter Kraft die Flucht über die grüne Grenze nach Österreich. Sie wird in völlig traumatisiertem Zustand aufgegriffen und gerät nun in die Mühlen des österreichischen Asylgesetzes.

Ludwig Laher schreibt sehr eindringlich und thematisiert ein sehr aktuelles Problem - die Asylpolitik. Die traurige Geschichte der Jelena - sicherlich kein Einzelfall - wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und bedient sich der Autor mehrerer Stilmittel. Sachlich nüchtern, fast reportagenhaft berichtet er über die Zustände bei Gericht und der Abwicklung der Verfahren, wobei dem Begriff Verfahren mehrere Bedeutungen zukommt: Zum einen „Gerichtsverfahren“, aber auch das Verfahren (=der Umgang) mit den Asylwerbern und nicht zuletzt die Situation der heimatlosen Jelena, die ebenso als „verfahren“ bezeichnet werden kann.

Zu Wort kommt ein Asylrichter, der aus seinem beruflichen Alltag erzählt … sehr selbstgerecht, sich selber als Menschenfreund bezeichnend, weil er hin und wieder - willkürlich - einen positiven Bescheid ausstellt. Am Richtertisch entscheidet er über Leben anderer - es liegt in seinem Ermessen, ob der Mensch vor ihm (der der Einfachheit halber auf das Kürzel AW für Asylwerber, egal ob männlich oder weiblich, reduziert wird) bleiben darf oder nicht, ob dieser lügt, oder die Wahrheit sagt. Gerade dieser “Ermessensspielraum” macht die Angelegenheit so schwierig und zeigt auf, dass es hier keine Gerechtigkeit gibt, zeigt aber auch, dass den Vollstreckern unserer Gesetze die Hände gebunden sind.

Ludwig Laher bietet keine Lösung an und deutet auch an, wie vielschichtig die Thematik ist. Er möchte aufrütteln und zum Nachdenken animieren und wehrt sich gegen die Massenabfertigung, Anonymität und völligem Fehlen von Menschlichkeit, die sich bei den Gerichten abspielt. Jeder Fall ist ein Einzelfall und ein Einzelschicksal und kann nicht pauschal beurteilt werden.

Ein nicht einfach zu lesendes, aber sehr lesenswertes Buch!

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 180 Seiten, ISBN: 978-3852186801

“Geometrie des Universums” von Robert Ossermann

Die Welt ist eine Kugel. Wissen wir ja! Aber warum wussten es schon die alten Griechen? Und warum wurde es im Mittelalter wieder heftig bestritten? Wie kann man eigentlich feststellen, was für eine Form die Erde genau hat? Osserman beginnt sein Buch über die Geometrie des Universums auf der Erde und beschreibt, wie sich die Menschen dem Verständnis ihrer Form mit allen Irrwegen annähern. Dazu gehört auch eine Beschreibung, wie man sich ein zweidimensionales Abbild der Welt machen kann und warum alle Karten “fehlerhaft” (verzerrend) sind.
Dann wendet sich der Blick in die Ferne. Osserman erklärt, warum das “Retroversum” (der Teil des Universums, den wir beobachten können) eine Kugel bildet und fasst die Theorien über die Form des Universums als Ganzes zusammen. Dabei streift er nicht nur die Relativitätstheorie, sondern erklärt auch Fraktale, das Möbiusband und andere geometrische Phänomene.

Ossermans Buch ist im Fachverlag vieweg erschienen, war entsprechend teuer und auch wenn im Klappentext Lobeshymnen der New York Times und des Boston Globe erschienen sind, ist das Buch in Deutschland sicher kein Erfolg gewesen. Schade! Wie immer fehlt mir die Einschätzung wie schwer oder leicht sich das Buch ohne mathematische Vorkenntnisse liest, meine kaum vorhandenen physikalischen Vorkenntnisse haben jedenfalls genügt und ich war immer wieder beeindruckt, wie klar und deutlich Osserman erklären kann und welch treffenden Beispiele er auswählt.

Kerstin

Vieweg Verlagsgesellschaft 1997, Hardcover vergriffen, 188 Seiten, ISBN: 978-3528069025

“Eine Nacht mit Lolita” von Rick Gekoski

Dieses Buch habe ich unbesehen gekauft, weil es eine hübsche Leinenausgabe ist, billig war, “Lolita” im Titel hat und von Büchern handelt. Um was es wirklich ging, geht aus dem Rückentext nicht hervor, von Anekdoten ist da die Rede. Tatächlich ist Rick Gekoski, in England lebender Amerikaner, Buchhändler: er handelt mit Erstausgaben, signierten Büchern, teuren Einzelstücken bevorzugt des 20. Jahrhunderts. So geht es hier nicht um irgendeine Lolita-Ausgabe, sondern eine Graham Green gewidmete englische Erstausgabe! Die Preise die dabei genannt werden, lassen einen schaudern und den Aufpreis den Exemplare mit möglichst unversehrten Schutzumschlag versprechen, bringen mich fast dazu mit diesen Dingern in Zukunft besser umzugehen (aber nur fast).

In 15 Kapiteln geht es dabei jeweils um ein Buch, seine Veröffentlichungsgeschichte, die Exemplare, die Gekoski gekauft und verkauft hat. Denn als Händler muss er sich von den Büchern immer wieder trennen. Seine Kontakte zur Literatur- und Verlegerszene sind eng, so dass die ein oder andere Anekdote für den Leser heraus springt. Gekoski schreibt mit ironischem Augenzwinkern, das auch vor ihm selbst nicht halt macht: verpatze Gelegenheit sich Bücher von Tolkien signieren zu lassen, seine Fehleinschätzung des steigenden Werts von Harry-Potter-Erstausgaben.

Ein Buch, das mich in eine Welt der Bücher einführte, die ich noch nicht kannte, flott geschrieben, schnell gelesen. Eine positive Überraschung.

Kerstin

Claassen Verlag 2006, Übersetzung: Rainer Moritz, Hardcover vergriffen, 224 Seiten, ISBN: 978-3546004077