Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Roman.
- Biographie (38)
- Bücher-Tipps (176)
- Christine † (74)
- Daniel (9)
- deutschsprachige Gegenwartsliteratur (101)
- Erzählung/en (51)
- Gedicht (2)
- Heike (63)
- Highlights (9)
- History/Fantasy (40)
- Jan (61)
- Kalender (6)
- Kerstin (33)
- Klassiker (83)
- Krimi/Thriller (23)
- Krümel (272)
- Kurzportrait (5)
- Lesung (3)
- Literaturthemen (188)
- LS-Ticker (16)
- mArtinus (10)
- Monika (6)
- Patrick (36)
- Rebecca (42)
- Roman (274)
- Sabine (4)
- Sachbuch (32)
- Satire (5)
- Sigrid (8)
- Stefanie (1)
- Ursula (1)
- Uwe (1)
- Valerija (3)
- Werke (4)
- 22.5.2012: "Herr aller Dinge" von Andreas Eschbach
- 19.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 17.5.2012: "Die schöne Frau Seidenmann" von Andrzej Szczypiorski
- 15.5.2012: "Small Country" von NickHornby
- 12.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 10.5.2012: „Muttersohn“ von Martin Walser
- 8.5.2012: "Die Musterschüler" von Michael Köhlmeier
- 5.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 3.5.2012: "Imperium" von Christian Kracht
- 1.5.2012: "Der Schwarm" von Frank Schätzing
aktuelle Lektüre
Literatur-Links
Meine Seiten
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
- Dezember 2011
- November 2011
- Oktober 2011
- September 2011
- August 2011
- Juli 2011
- Juni 2011
- Mai 2011
- April 2011
- März 2011
- Februar 2011
- Januar 2011
- Dezember 2010
- November 2010
- Oktober 2010
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- März 2010
- Februar 2010
- Januar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- Oktober 2009
- September 2009
- August 2009
- Juli 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
- Dezember 2008
- November 2008
- Oktober 2008
- September 2008
- August 2008
- Juli 2008
- Juni 2008
- Mai 2008
- April 2008
- März 2008
- Februar 2008
- Januar 2008
- Dezember 2007
- November 2007
- Oktober 2007
- September 2007
- August 2007
- Juli 2007
- Juni 2007
- Mai 2007
- April 2007
- März 2007
- Februar 2007
- Januar 2007
- Dezember 2006
- November 2006
Archiv der Kategorie Roman
„Totentöchter“ von Lauren de Stefano
21.12.2011 von Krümel.
In einer nicht allzu fernen Zukunft: Wissenschaftler wollten den Menschen gegen Krankheiten alle Art immun machen. Für eine Generation ist dieser Wunsch auch geglückt, doch alle ihr nachfolgenden sterben in jungen Jahren: Männer im Alter von 25 Jahren und Frauen gerade mal mit 20 Jahren.
Die 16-jährige Rhine hat somit nur noch vier Jahre zu Leben, als sie entführt wird. Rhine und zwei weitere Mädchen werden die Bräute von Linden und sollen ihm möglichst viele Kinder gebären. Doch Rhine denkt gar nicht daran ihr restliches Leben in einem goldenen Käfig zu verbringen. Sie möchte frei sein und beschließt zu fliehen.
„Totentöchter“ ist – wie so viele Bücher in letzter Zeit – der Auftakt zu einer Trilogie. Und dieser Auftakt hat es in sich.
Alleine die Vorstellung, dass der Tod auf Grund eines Virus unausweichlich ist und wie eine Zeitbombe mit dem Erreichen des richten Alters losgeht, ist beängstigend. Jedoch ist es noch viel beängstigender wenn man bedenkt, dass diese Disutopie alles andere als abwegig ist.
Die Autorin schafft es, dass das beklemmende Gefühl, das einen alleine schon bei dieser Vorstellung ereilt, greifbar wird. Man spürt beinah die Enge des Hauses, in das Rhine gesperrt wird und hat ebenso wie sie Angst, dass die Fluchtpläne entdeckt werden.
Rhine selbst war mir von Anfang an sympathisch. Sie erzählt die Geschichte aus ihrer Sicht als Ich-Erzählerin. Somit hat man zwar einen leicht eingeschränkten Blickwinkel auf die Ereignisse, aber es macht die Erzählung gleichzeitig auch bedrückender, da man als Leser sich so wesentlich leichter und besser in die Situation hineinversetzen kann.
Die Handlung selbst ist spannend und ereignisreich. Schneller als man sich versieht, hat man wieder ein Kapitel beendet. Jedoch verliert die Handlung im letzten Drittel etwas von diesem Schwung, da Rhine sehr viel, beinahe zu ausführlich, über den Alltag berichtet.
Das Ende ist der Autorin sehr gut gelungen: Zum einen ist es schon in sich abgeschlossen. Leser, die kein Interesse mehr an den beiden Folgebänden haben, können es leicht mit „Totentöchter“ bewenden lassen. Gleichzeitig ist das Ende jedoch offen genug, sodass sich ein weiteres Abenteuer Rhines anschließen lässt.
Mir hat „Totentöchter“ sehr gut gefallen und ich freue mich jetzt schon auf den nächsten Teil.
Den Roman kann man als solchen lesen und genießen – soweit dies bei der Thematik möglich ist – zum anderen kann man sich von ihm jedoch auch zum nachdenken über das Leben anregen lassen.
Für mich ein gelungener Auftakt zu einer hoffentlich auch weiterhin spannenden Serie!
Rebecca
cbt Verlag 2011, Übersetzung: Catrin Fischer, Hardcover 16,99 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3570161289
Geschrieben in Rebecca, Roman | Keine Kommentare »
“Matigari” von Ngũgĩ wa Thiong’o
16.12.2011 von Krümel.
Was für ein Roman – seltsam, weil ein schwarzer Kämpfer, der gegen weiße Kolonisten gekämpft und gesiegt hat, seine Waffen vergräbt und nun um seine Lenden ein Band des Friedens trägt, in der zivilisierten Welt Kenias, und das ist das Seltsame, als ein Mensch erscheint, der an Jesus Christus erinnert. Er befreundet sich mit den Ärmsten der Armen, einem Jungen, der wie andere Jungen in einem Autowrack sein Hause gefunden hat, stolz darauf ist, dass es ein Mercedes Benz ist, und auch mit einer Prostituierten sich befreundet, die, um ihre Geschwister zu ernähren, sich verkaufen musste. Matigari, so heißt der kenianische Christus, vollbringt mutige Taten, ihm werden Wunder nachgesagt, niemand weiß, wer er wirklich ist, niemand weiß, ob er wirklich der wiedergeborene Christus ist, oder einfach nur ein mythischer Hoffnungsträger, der die Menschen aus ihrer Armut treiben könnte, ihm zugetraut wird, er könne Frieden und Gerechtigkeit ins Land bringen, das Volk darum hinter ihm steht. Eines der Großartigkeiten des Romans ist, dass der Schleier des Geheimnisvollen dem Matigari nie entrissen wird.
Weitaus gefehlt an einen frömmelnden Roman zu denken, an einem Jesus, der nun endlich gekommen ist um Kenia aus dem Sumpf von Korruption, Machtgier, verlogener Politik, Ungerechtigkeit und Bevölkerungsarmut zu ziehen. Himmel sei Dank. Trivialitäten sind aber keine Werkzeuge des Autors. Ngũgĩ wa Thiong’o verwendet die Figur des Matigari um auf die Missstände seiner Heimat aufmerksam zu machen, nicht zu warten auf das Neue Jerusalem, wo alles schöner sein soll als auf der versündigten Erde, sondern aufstehen, handlungsbereit und keine Angst zeigen, denn Angst lähmt.
Pazifisten werden aufmucken, weil nicht ganz eindeutig gezeigt wird, inwieweit Matigari wirklich zu Gewalt schreiten würde, um normale Rechte zu verteidigen. Die Kolonialisten, die ihm sein Haus geraubt haben, bringt er jedenfalls um. Das hätte Jesus nicht bewerkstelligt. Nun ist Matigari drauf und dran, die Söhne der Kolonisten zu vertreiben, weil sich inzwischen diese Halunken sich seines Hauses bemächtigt haben. Der Kampf geht also weiter.
„Der Baumeister baut ein Haus.
Jener, der beim bauen zugeschaut hat, zieht ein.
Der Baumeister schläft draußen,
ohne Dach über dem Kopf……..
……….
Der Arbeiter stellt Waren her.
Ausländer und Schmarotzer verfügen darüber.
Der Arbeiter steht mit leeren Händen da.“
Allein Wahrheit und Gerechtigkeit suchen und darüber reden hilft nicht, darum will Matigari wieder zu den Waffen greifen. Das ist die wichtige Konsequenz die Matigari zieht, und damit kritisiert der Autor meines Erachtens auch das Friedensgerede von Kirchenleuten, die nur reden können aber keinen Frieden, Gerechtigkeit o.ä. schaffen können. Auf der Erde muss man was dafür tun, im Himmel, möge es ihn geben, ist sowieso Frieden (über diese Thematik gibt es ein Gespräch zwischen Matigari und einem Pfarrer).
Glanzvoll dargestellt ist, wie ein totalitär fieser Staatsapparat funktioniert, der dann auch noch von den USA und von der Europäischen Gemeinschaft mit Waffen und Finanzspritzen versorgt wird. Das ist so gut erzählt, dass es jeder versteht. Wenn wir lesen, einige unbequeme Bürger werden als geisteskrank ins Irrenhaus gesperrt, so dürfen wir gerne an die DDR denken, auch wenn der Roman in Kenia spielt.
Ein politischer Roman mit einer Prise Abenteuer. Im Oktober 1986 erschien der Roman in Kenia. Sehr abenteuerlich mutet es an, als im Januar 1987 Berichte der Geheimpolizei erzählten, dass von Bauern in Zentralkenia ein Gerücht ausging, ein gewisser Matigari wandere durch das Land und fordere Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Polizei wurde beauftragt, diesen Matigari festzunehmen, bis sie darauf kamen, er sei nur eine Romanfigur. Buchhandlungen wurden durchsucht, der Roman wurde beschlagnahmt.
mArtinus
Hammer Verlag 1991, 210 Seiten, ISBN: 978-3872944498 - vergriffen
Geschrieben in mArtinus, Roman | Keine Kommentare »
“Der letzte bekannte Wohnsitz des Mickey Acuna” von Gib Dagoberto
14.12.2011 von Krümel.
Das YMCA von El Paso ist der Ort für hoffnungslos Gestrandete, billige Zimmer mit Bad im Flur, pappdünnen Wänden im trübsinnigen Anstrich voneinander getrennt. Mickey Alcuna möchte nur kurzzeitig einmieten, weil vielversprechende Post auf ihn wartet, dessen Inhalt ungewiss bleibt, womöglich ein mit Geld gefüllter Umschlag, um in seinem Leben endlich durchstarten zu können. So richtet er sich ein und überbrückt sein Warten mit den neuen Nachbarn, die sich mit Geschichten über Wasser halten, Geschichten über bessere Zeiten, die manchmal den realistischen Rahmen verlassen. Mickeys erlebte Erzählungen werden derart mit fiktiven Elementen verdünnt, bis es ihm unmöglich wird, von Erlebtem und Ausgedachten zu unterscheiden. Die misstrauischen Blicke seiner Freunde lassen ihn erkennen, dass er allmählich verrückt wird. Als Leser unterhaltsam, wenn sich angebliche Ereignisse als Missverständnisse herausstellen.
Sehr plastisch schildert Gilb diese Welt der Gescheiterten, die irgendwie alle auf Post warten, die einzig verbeibende Hoffnung auf den Freibrief aus der Misere. Und alle werden sie enttäuscht, wenn die Fächer leer bleiben. Es enthält etwas Absurdes à la Godot, der nie in Erscheinung tritt. Einziger Trost findet sich bei den abendlichen Flirts und in der Kantine des YMCA, wo regelmäßig Tischtennisturniere unter Bewohnern stattfinden - Spiel als existentieller Lebensinhalt, weil jeder Mensch mal einen Erfolg benötigt um nicht unterzugehen.
Patrick
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag 2003, Übersetzung: Werner Schmitz, TB vergriffen, 272 Seiten, ISBN: 978-3442761548
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
„Die Farben der Insel“ von Kristín Marja Baldursdóttir
7.12.2011 von Krümel.
Ganz so wunderbar geht es nicht weiter, der zweite Teil hat Längen.
Karitas kann sich von der Insel losreißen: die Kinder sind aus dem Haus, der Ehemann ist irgendwo in der Weltgeschichte und sie startet ihren zweiten Anlauf zum Erfolg in Paris. Doch da kommt ihr jüngster Sohn ihr in die Quere und hinterlässt ihr sein Kind damit er zur See fahren kann. Wild entschlossen nimmt sie ihr Enkelkind einfach mit nach Paris, mietet ein Atelier, lernt französisch und macht sich mit um mit einen Namen in der Kunstwelt.
Der zweite Teil ist nun in der Ich-Form geschrieben und die Kapiteleinführungen beschreiben Karitas Bilder:
>>Tinte und Aquarellfarben auf Papier
Die Farbe hat sich aus den Fesseln der Form gelöst, und zunächst scheint es sich um eine reine Abstraktion zu handeln, nur undeutliche Saiten, die an ein Instrument erinnern, verleihen dem Werk vielschichtigere Nuancen. Es kommt einer lyrischen, formauflösenden Abstraktion nahe, … <<
Der Mittelteil dieses Buches, also nachdem die Protagonistin wieder Daheim in Island ist und mit ihren Freundinnen sowie ihrem Enkelkind zusammen wohnt, der ist mir um viele Stellen zu lang gewesen. Diese Eintönigkeit vergällt einem den Lesespaß, doch der Schluss tröstet dann über vieles hinweg. Als Leser denkt man sich, „endlich! und warum erst so spät?“, denn die Eises-Kälte Karitas bleibt unerklärlich. Muss man dazu Isländerin sein?
Kristín Marja Baldursdóttir ist eine der bekanntesten Journalistinnen und Schriftstellerinnen in Island. Die Autorin lebt in Reykjavik. Weitere Romane sind: „Möwengelächter“, „Kühl graut der Morgen“, „Hinter fremden Türen“ und „Die Eismalerin“. Die Autorin lebt in Reykjavik.
Krümel
Krüger Verlag (S. Fischer) 2010, OT: Óreida á striga 2007, Übersetzung: Coletta Bürling, Hardcover €, 558 Seiten, ISBN: 978-3-8105-0264-3
Geschrieben in Krümel, Roman | Keine Kommentare »
“Der Friedhof in Prag” von Umberto Eco
5.12.2011 von Krümel.
Ein Roman, der lieber ein Sachbuch gewesen wäre!
Umberto Eco ist Autor von Sachbüchern, Essays und Romanen. Sein neuster Roman „Der Friedhof im Park“ handelt von fiktionalen Quellen, die eine Weltverschwörung der Juden belegen sollen. Dieses Pamphlet, eine Fälschung, entstand wenige Jahre nach 1897, dem zeitlichen Ende des Romans, in diesem Jahr der Protagonist des Romans, der Antisemit, Vielfraß und Frauenhasser Simone Simonini, in Paris sein Tagebuch schreibt, in dem er die Vorgeschichte dieser Fälschung darlegt, Die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Lügenwerk war den Nazis willkommen, einige Unverbesserliche halten diese Protokolle für wahr, wie der Holocaustleugner und Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson, der diesen Unsinn als „gottgesandt“ einstuft.
Der in Paris lebende Simone Simonini ist die einzige Figur des Romans, die Umberto Eco der Fantasie entsprungen ist, alle anderen Personen sind historisch belegt. Trotzdem ist Simonini auch nur eine Collage von mehreren Personen, die es im neunzehnten Jahrhundert gegeben hat. Ich gehe davon aus, und vieles spricht dafür, dass der Roman größtenteils aus Textcollagen besteht. Das ist eine Kunst, deren Thomas Mann sich auch gerne bedient hat. Schwierigkeiten, die bei der Lektüre vorkommen können, kann zu einem Teil einer historischen Unkenntnnis des Lesers ursächlich sein. Das schreibe ich mal so provokant hin, als ob man dem Leser Vorwürfe machen könnte. Das ist natürlich Unsinn. Es liegt immer noch in der Verantwortung eines Schriftstellers, wie er einen Roman konzipiert. Um es kurz zu machen: In den Kapiteln um Garibaldi und Napoleon III. begann es schon, dass ich inhaltlich den Faden verlor, vieles verständnislos wurde, weil meine Bildung (oder Unbildung) versagte. Nach der Lektüre ist man gescheit: Ach, hätte ich vor dem Schinken die Geschichte Italiens und Frankreichs studiert, dann hätte ich mehr vom Roman gehabt. Eine große Hilfestellung während der Lektüre war der wikipedia-Artikel „Protokolle der Weisen von Zion.“ Momentmal. Erstmals ist es mir passiert, dass ich einen Roman in etwa nur folgen konnte, weil ich einen bestimmten wikipedia- artikel zur Verfügung hatte. Das kann ich gar nicht gutheißen. Sicher, Eco hat recherchiert bis in die letzten Winkel. Sogar die Theosophin Madame Blavatzky findet Erwähnung, wir erfahren auch nebenbei, Simonini sei mit Alphonse Daudet befreundet, dieses aber hätte gar nicht erwähnt werden müssen, denn Daudet taucht im Roman niemals auf, Victor Hugo wird zweimal erwähnt, George Sand und Chopin dürfen natürlich auch nicht fehlen, natürlich auch nicht Charcot, Freud, Hysterieforschung, Mesmerismus. Was ich sagen will, Umberto Eco packt alles in dem Roman hinein, als ob er das ganze Paris in den Roman packen wolle, obwohl niemandem aufgefallen wäre, wenn Simonini mit Daudet nicht befreundet gewesen wäre. Das mag eine Liebelei von Umberto Eco sein, der aus Freude an seiner überaus großen Bildung alles in den Roman hineinfließen lassen wollte.. Unbedingt nötig ist das nicht, eher eine Überfrachtung, allerdings das herrliche wunderbare Kapitel um Freud, Charcot und Hysterie für den Roman unverzichtbar ist. Ja, naturlich. wunderbare literarisch gut ausgeformte Passagen gibt es natürlich wie auch der einführende Monolog Simoninis, auch wenn dieser Monolog an Gehässigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Dass sogar Dostojewskij (seltsamerweise?) für eine Weltverschwörung herhalten muss, hätte wohl niemand erwartet. Dostojewskij sei ein guter Rhetoriker heißt es. Erst zeige er Verständnis für die Juden und drücke seine Hochachtung aus,
>> dass alles, was Humanität und Gerechtigkeit erfordere, alles was Menschlichkeit und das christliche Gesetz erfordere, für die Juden getan werden muss…<<
und dann wird gesagt, Dostojewskij hätte ausführlich beschrieben,>>wie diese unglückliche Rasse darauf abziehlt, die christliche Welt zu zerstören.<<
Natürlich hätte ich gerne gewusst, wo diese Ausführungen Dostojewskijs im Werk dieses Schriftstelles zu finden ist, Eco allerdings in einem Roman nicht zu Quellenverweisen verpflichtet ist. Allerdings, wenn ich mir die zweite Hälfte des Romans anschaue, hätte ich mir gewünscht, Umberto Eco hätte sich für die Form eines Sachbuches entschieden. In der zweiten Hälfte des Romans verarbeitet Eco fast nur abstruse fiktive Ideen aus der Literatur, z,B. Hermann Goedsche, der in seinem Roman „Biarritz“ höchst seltsames über Juden verfasste und LéoTaxil, der abstruses über satanische Riten und Freimaurerei veröffentlicht hat, was nun ein gefundenes Fressen für den bösartigen Simonini ist. Allerdings ebbt dies bischen Romanhandlung im Roman ziemlich ab, dass ich mich wirklich fragen muss, warum dieses Buch nicht ein erstklassiges Sachbuch geworden ist, jetzt aber einen unausgegorener Roman vor uns liegt, dabei aber nicht vergessen werden darf, Umberto Eco den wunderbaren großartigen Roman „Der Name der Rose“ geschrieben hat. Ein Roman mit Historie, Theologie, Philosophie; dieses Werk aber ein großartiger Roman geworden ist, den ich ohne Sekundärliteratur inhaliert habe. Ein großes Vergnügen. Trotzdem hatte der Verlag eine „Nachschrift“ veröffentlicht.. Für „Der Friedhof im Park“ halte ich einen Kommentar mit Quellen für notwendig. Ein paar wikipedia-artikel als Sekundarmaßnahme ist mir einfach zu bleich.
mArtinus
Hanser Verlag 2011, Übersezung: Burkhart Kroeger, Hardcover 26 €, 528 Seiten, ISBN: 978-3446237360
Geschrieben in mArtinus, Roman | 6 Kommentare »
“Solar” von Ian McEwan
2.12.2011 von Krümel.
Michael Beard: Physiker, Nobelpreisträger, fünf Ehen, keine Kinder, ungezählte Affären. Ein Anti-Held, der sich arrogant und selbstsicher durch die Welt bewegt und Probleme am liebsten durch Ignorieren löst. Seine Karriere lebt von seiner einzigen, großen wissenschaftlichen Leistung, dem Beard-Einstein-Theorem, das ihm neben dem Nobelpreis, eine Vielzahl von Positionen im Wissenschaftsbetrieb eingetragen hat. Im Jahr 2000, als die Handlung beginnt, leitet er ein Institut für Erneuerbare Energie. Doch wissenschaftliche Arbeit im eigentlichen Sinne leistet er nicht: er gibt sein Renommee, andere denken und forschen. Auch das Thema “Klimawandel” interessiert ihn eigentlich nur randwertig. Mehr beschäftigt ihn (neben der nächsten Nahrungs- und Alkoholaufnahme) sein Privatleben: seine fünfte Frau Patrice legt sich ebenfalls einen Liebhaber zu und Michael entdeckt seine Leidenschaft für Sie neu. Doch dann spielt das Schicksal Michael eine Erfindung in die Hände, die das Zeug hat, die Sonnenenergie auf neue Art zu nutzen, den Klimawandel zu beenden und die Welt mit genug Energie zu versorgen….
In drei Teilen umfasst der Roman die Jahre 2000, 2005 und 2009 und begleitet sowohl Beard und “seine” Erfindung auf dem Weg zur Serienreife als auch Beards Privatleben, das er nie im Griff zu haben scheint.
Ein Roman, in dem die Ausnahme-Liegruppe E_8 erwähnt wird, hat natürlich meine besondere Sympathie verdient, aber das ist nicht der einzige Grund, warum ich ihn mag. Anfangs hab’ ich kaum verstanden, warum ich ihn eigentlich so gern lese: Slapstick und Klischees jagten einander; von Patrice’ bulligem Handwerkerliebhaber, der natürlich auch gern mal zuschlägt, angefangen, über den Todesfall, der in seinem Ablauf aus jedem schlechten Krimi stammen könnte, bis zur Zugszene, die nicht umsonst später als Urban Legend entlarvt wird. Warum mag ich das bei McEwan, wo ich einen Roman von John Irving für solche Szenen am liebsten an die Wand werfen würde? Weil bei McEwan das Klischee nicht Teil der Geschichte ist, sondern Teil einer Romankonstruktion, die der Autor mit Selbstironie und Augenzwinkern einzusetzen weiß. Sie sind nicht Selbstzweck, sondern entlarven den Anti-Helden Beard, sind Elemente einer bösen, englischen Satire, bei der linke Klimaschützer sich mit höchstem CO_2-Aufwand nach Spitzbergen begeben, um im nicht mehr ganz so ewigen Eis Tänze aufzuführen und Eispinguine zu schnitzen.
Neben dem Klimaschutz, werden der Wissenschaftsbetrieb und die Genderbewegung seziert.
Der ganze Roman unterliegt dem zweiten Hauptsatz der Thermodynamik: die Unordnung nimmt laufend zu!
Selten habe ich mich so gut amüsiert und dabei doch soviel zum Nachdenken gefunden.
Kerstin
Diogenes Verlag 2010, Übersetzung: Werner Schmitz, Hardcover 21,90 €, 405 Seiten, ISBN: 978-3257067651
Geschrieben in Kerstin, Roman | Keine Kommentare »
“Karte und Gebiet” von Michel Houellebecq
28.11.2011 von Krümel.
Jed Martin ist Sohn eines Architekten und einer Selbstmörderin, in guten Verhältnissen aufgewachsen, Absolvent der Ecoles des Beaux-Arts in Paris, und bereits als junger Künstler mit den Fotografien von Michelin-Straßenkarten, die er Satellitenbildern gegenüberstellt, sehr erfolgreich. Den großen Durchbruch feierte er allerdings mit seinen Gemälden, die Porträts von Menschen in ihrer Arbeitswelt zeigen. Bilder vom einfachen Handwerker oder Kellner bis zu Werken mit ebenso klingenden wie sperrigen Namen wie „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik” ,”Die Beate Uhse AG geht an die Börse” oder “Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf” gelangen zu Weltruhm und erreichen exorbitante Preise am Kunstmarkt.
Es gelingt ihm, den sehr kontrovers diskutierten und sehr bekannten, aber völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller Michel Houellebecq für die Verfassung eines Vorwortes für den Ausstellungskatalog zu gewinnen. Im Gegenzug soll der Schriftsteller, neben einer Gage von mehreren Hunderttausend Euro, ein Porträt – „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ erhalten. Im Zuge der Zusammenarbeit entwickelt sich eine distanzierte Freundschaft zwischen den beiden, die durch einen bestialischen Zwischenfall ein jähes Ende findet.
Ich möchte vorausschicken, dass es mein erstes Buch von Michel Houellebecq war. Er ist mir natürlich bekannt als „enfant terrible“, als extravaganter, provozierender und in der Tat sehr kontrovers diskutierter Schriftsteller. „Karte und Gebiet“ ist ein sehr gesellschaftskritisches Buch, doch ich fand es weder provokant, noch sexbesessen oder aggressiv. In manchen Buchbesprechungen wurde dieses Buch als „gemäßigt“ oder sogar „weichgespült“ bezeichnet, wie gesagt fehlt mir der Vergleich. Als Einstieg in Houellebecqs Werk halt ich es für nicht sehr geeignet. Zu sehr wird auf die Person des Michel Houellebecq Bezug genommen, der ja in diesem Buch eine tragende Figur spielt und ich kann nicht abschätzen, wie sehr diese Darstellungsweise ironisch, selbstkritisch oder gar arrogant gemeint ist. Ich habe aber schwer das Gefühl, dass Houellebecq seinen Kritikern mit diesem Buch eins auswischen will, hier auf seine eigene Art und Weise Stellung nimmt zu Unterstellungen und Gerüchten rund um seine Person.
Houellebecq zeichnet eine Vision der nahen Zukunft – wir sehen uns etwa im Jahr 2030. Das Künstlermilieu ist Hauptschauplatz, die Vereinnahmung und Vermarktung der Künstler durch die Medien und durch Agenturen im Blickpunkt. Es fallen viele Namen französischer Künstler, Medienstars und Institutionen mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Insider können mit diesen Informationen wohl mehr anfangen. Mit teils wehmütigem, aber immer sehr kritischem Blick wird die Gesellschaft analysiert, der Verlust der Kultur aufgezeigt, der sich nicht nur im Sterben der Kaffeehäuser oder im Überhandnehmen von asiatischen oder russischen Restaurantketten manifestiert. Kinder werden durch Hunde ersetzt, Familienleben, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften fallen der Schnelllebigkeit zum Opfer.
Houellebecqs glasklare Formulierkunst und prägnanter Stil konnten mich überzeugen, und ich möchte auf jeden Fall mehr von ihm lesen.
Christine
Dumont Buchverlag 2011, Übersetzung: Uli Wittmann, Hardcover 22,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3832196394
Geschrieben in Christine †, Roman | 3 Kommentare »
“Turgenjews Schatten” von William Trevor
23.11.2011 von Krümel.
William Trevor erzählt von Marie Louise Dallon, die mit dem Textilhändler Elmer Quarry eine Vernunftehe eingeht, um dem kargen Leben auf dem Bauernhof zu entfliehen . Ihr lockt das Leben in der Stadt, und Elmer, der übrigens 14 Jahre älter ist als das Bauernmädchen, heiratet sie aus Berechnung. Ihm geht es darum, die Fortführung seines Textilunternehmens zu gewährleisten. Die Ehe steht unter einem schlechten Stern. Schon körperlich passen sie nicht zusammen. Sie, ein zierliches Bauermädchen, er, ein dickleibiger kleinwüchsiger Herr im Anzug. Sie leben in zwar in einem Hause, aber getrennt. Elmers Schwestern Rose und Matilde mögen sie nicht, und haben ihn vor der Ehe mit ihr gewarnt. Sie wirken eher wie Hexen, die nur böses in Mary Louise sehen, aber auch Letty, Mary Louises Schwester, ist enttäuscht über diese Verbindung.
Ein typisch irisches Extra, der Konflikt der Konfessionen, wird im Roman gelegentlich angedeutet:
Unter den Hochzeitsgeschenken zu Lettys Hochzeit befindet sich
>>ein gerahmtes Bild der Jungfrau Maria mit einer Herz-Jesu Darstellung. Letzteres kränkte Mrs. Dallon. Es stammte entweder von jemandem, der nichts von Lettys Glauben wußte, oder aber von jemandem, der das Bildnis in dem Hausstand, der gegründet wurde, für unverzichtbar hielt. Letty würde es nicht aufhängen, sie würde es bestrimmt beiseite legen.<<
In erster Linie erzählt Trevor von Mary Louises unerfüllter Liebe zu ihrem Cousin Robert. Schon in ihrer Schulzeit war sie in ihn verliebt gewesen. Als sie ihn Jahre später wieder trifft, stellt sich heraus, dass Robert ihre Zuneigung erwiedert. Er liest ihr auf einem Friedhof aus Turgenjew vor. Nach ein wenig Recherche bin ich darauf gekommen, das Robert ihr aus dem Roman „Vorabend“ vorgelesen hat. Bei Trevor heißt es über Turgenjews Roman:>>Jelena Nikolajewna liebte Insarow, ohne es zu wissen.<<
So war ja Mary Louises Liebe zu Robert einige Jahre verschüttet gewesen. Auch Roberts Schicksal ähnelt dem Schicksal Insarows.
William Trevors Prosa erzählt von Liebesschmerz, Tod, Einsamkeit und Wahn, und wie er es erzählt, erinnert an Prosa des neunzehnten Jahrhunderts. Sehr nachvollziehbar ist das Zitat des Hessischen Rundfunks auf dem Klappentext.>>Turgenjews Schatten wirkt, als hätte William Trevor die Geschichte einer Madame Bovary aktualisiert und dadurch für die Leser das Erzählen traditionellen Stils in unsere Zeit hinübergerettet.<<
Um nochmal auf Turgenjews Roman „Vorabend“ zurückzukommen: Auch Jelena war brünnet wie Mary Louise. Das Jelena „ ein schwieriges Wesen hatte“, wie Trevor erzählt, gilt auch für Mary Louise.
Den Roman empfehle ich gerne weiter, nur rätsele ich darüber, warum bloß hat Mary Louise den Textilhändler geheiratet. Wohl aus “kindlicher Unschuld”.mArtinus
Hoffmann und Campe Verlag 2011, Übersetzung: Thomas Gunkel, Hardcover 19,99 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3455403428
Geschrieben in mArtinus, Roman | Keine Kommentare »
“Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ” von Jonas Jonasson
21.11.2011 von Krümel.
„Es ist wie es ist, und es kommt wie es kommt“ – dieser Leitspruch begleitet den mittlerweile 100-jährige Allan Emanuel Karlsson sein Leben lang, ein Leben das turbulenter nicht sein kann.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist Allan körperlich und geistig überaus agil, und um den angekündigten Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag, zu denen sich sogar der Bürgermeister angekündigt hatte, zu entkommen, springt er kurzerhand aus dem Fenster des Seniorenheimes und verschwindet Richtung Bahnhof. Dort wird ihm von einem etwas zwielichtigen Kerl dessen Koffer zum Aufpassen während des WC-Besuches überlassen, da aber Allans Bus ging und er denn Koffer nicht unbeaufsichtigt lassen konnte und auch ein bisschen deshalb, weil er sich im Koffer nützliche Utensilien wie Kleidung oder Schuhe erhoffte, nimmt er den Koffer mit, ohne zu ahnen, dass sich darin jede Menge Geld aus einem illegalen Drogendeal befindet. Sein Reiseziel wählte er willkürlich, dort trifft er zufällig auf Julius, einen liebenswerten Kleinkriminellen, der sich mit Gaunereien, Diebstählen und Betrügereien aller Art über Wasser hält. Für beide beginnt eine turbulente Flucht, die seinesgleichen sucht, einerseits vor der Drogendealer-Bande, die den Koffer zurückhaben will, andererseits vor der örtlichen Polizei und den Medien, da das Verschwinden des Hundertjährigen natürlich nicht unentdeckt blieb und großes Echo auslöste. Abwechselnd mit der Schilderung dieses urkomischen Roadtrips, der von neuen Freunden bereichert, von zwei Leichen gepflastert und jeder Menge Alkohol gezeichnet ist, wird aus dem nicht weniger turbulenten Leben des Allan Karlsson erzählt, den so schnell nichts mehr überraschen kann. Ohne selber allzuviel beizutragen, hatte er bei unzähligen historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts seine Finger im Spiel. Schicksal, Zufall und meist eine Verkettung von mehr oder weniger glücklichen Umständen lassen ihn auf den historischen Schauplätzen des 20. Jahrhunderts agieren. Selber zutiefst unpolitisch, war er auf Du und Du mit den Großen der Weltpolitik. Er rettete z.B. Franco das Leben, trank mit Truman und Stalin um die Wette, hatte bei der Erfindung der Atombombe die zündende Idee, spielte im Kalten Krieg eine entscheidende Rolle und mischte die Politik in Asien ordentlich auf.
Wenn auch die Idee nicht neu ist – wurde sie doch durch die Figur des Forrest Gump m.E. unübertrefflich abgehandelt – so bescherte mir Jonas Jonasson einen Lesegenuss der besonderen Art. Mit ungeheurer Phantasie und Kreativität, Situationskomik und Wortwitz wird hier eine absurde Lügengeschichte dermaßen ernsthaft und selbstverständlich erzählt, wie ich es bisher nur bei John Irving gelesen habe. Ohne Rücksicht auf historische Tatsachen und oft fast schon an der Grenze zur Geschmacklosigkeit werden Realität und Fiktion vermischt, werden historischen Personen besondere Eigenschaften und/oder Familienmitglieder angedichtet, werden Staaten verunglimpft und politische Systeme irrwitzig dokumentiert.
Stilistisch ist das Buch einfach gehalten, stellt keine allzu hohen Ansprüche und liest sich dementsprechend enorm flott. Wer unter diesen Voraussetzungen sich ein paar Stunden gut unterhalten lassen will, zudem Fan von John Irving und/oder Arto Paasilinna ist, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt!
Jonas Jonasson (Klappentext):
geb. 1962 im schwedischen Växsjö, arbeitete nach seinem Studium in Göteborg als Journalist. Später gründete er eine Medien-Consulting-Firma. Doch nach 20 Jahren in der Medienwelt verkaufte er alles und zog in den Schweizer Kanton Tessin, wo er sich seither dem Schreiben widmet. Zurzeit arbeitet Jonasson an seinem zweiten Roman.
Christine
carl’s books Verlag 2011, Übersetzung: Wibke Kuhn, Brochur 14,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3570585016
Geschrieben in Christine †, Roman | Keine Kommentare »
“Sieben Jahre” von Peter Stamm
14.11.2011 von Krümel.
Dieses Buch war für mich wie ein Sog.
Alex, der sich selbst nicht wahr nehmen kann, der sich ein freies Leben wünscht, aber keine Ahnung hat, wie er dieses leben soll. Er läuft mit und funktioniert, bleibt dabei in der Mittelmässigkeit stecken, merkt zwar, dass es nicht das ist was er möchte, weiß nicht wie anders und wenig Energie hat, einen Weg zu finden. Er gibt eine mittelmässige Diplomarbeit ab, erst danach fließt es aus ihm heraus, kommen die Ideen, erst ohne alle Zwänge kann er wirklich zum Gestalter werden. Er stürzt sich ohne große Erwartungen und Vorstellungen in eine Beziehung mit Soja, er kennt sie, irgendwie wird erwartet, dass die beiden zusammen kommen. Er hinterfragt nichts. Auch sein Verhältnis zu Iwona lebt er einfach aus, denkt kaum darüber nach, merkt nur, er “braucht” sie, daher benutzt er sie, kann sich mit ihr wenigstens ab und an frei fühlen. Aber Iwona fordert auch nicht.
Alex schafft sich ständig sein eigenes Gefängnis - vielleicht fühlt er sich daher auch bei der Besichtigung des Gefänisses Chateau d’If eher geborgen als eingesperrt. Sonja ist wohl für ihn insofern die richtige Frau, da er ihre Lebensentwürfe einfach mitleben kann; heiraten, eigenes Büro, Erfolg, großes Auto, Haus am See, Kind.
Auch Sonja steht sich selbst im Weg. Eigentlich träumt sie davon, Architektur zu leben. Mit Alex sucht sie sich einen Mann, der ihr, egal was sie tun wird, nicht im Weg stehen wird, der mitläuft. Aber letztendlich schafft auch sie es nicht, ihren Weg zu gehen. Sie kommt aus Marseille zurück und funktioniert ebenfalls. Ich bin überzeugt, dass sie Alex auf ihre Art liebt; und doch kann ich nachvollziehen, warum sie ihm sein Verhältnis zu Iwona immer wieder verzeihen kann. Besitzanspruch an den Partner, glühende Leidenschaft, Familienglück sind nicht die Dinge, die wichtig für sie sind, und doch beginnt sie mit Alex ein Leben, das dies behinhalten sollte.
Am fatalsten stellt sich in dem Buch Iwona dar. Iwona, die irgendwann beschließt, sie liebt Alex und er ist ihr Mann. Nichts, aber auch gar nichts kann sie davon abbringen. Wahrscheinlich sieht sie die Demütigungen, die Alex ihr zufügt gar nicht. Sie erwartet nichts, sie fordert nichts - ob sie sich etwas in ihrem Leben wünscht, erfahren wir leider nicht - sie lebt einfach ihr Leben und wirkt dabei wie tot. Aber ist sie unglücklich?
Ich finde es einfach grandios wie Peter Stamm diese drei Menschen darstellt. Endlich mal keine Prototypen von Helden, Versagern und Menschen, die ihr Leben anpacken oder untergehen; Beschreibungen der Liebe und wie wir sie uns gemeinhin so vorstellen. Hier steckt für mich eine ungeheure Sensibilität. Für mich ein ganz, ganz tolles Buch.
Wenn dieses Buch hier als das schwächste von seinen Werken bezeichnet wird, bin ich auf die anderen gespannt!
Sigrid
S. Fischer Verlag 2009, Hardcover 18,95 €, 297 Seiten, ISBN: 978-3100751263
Geschrieben in Sigrid, Roman | Keine Kommentare »

