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“Die schöne Frau Seidenmann” von Andrzej Szczypiorski
17.5.2012 von Krümel.
Opfer und Verbrecher, Helden und Verräter, Rebellen und Ignoranten bevölkern die Straßen Warschaus während der deutschen Besatzung. Dieses Buch beinhaltet 21 leicht miteinander verwobene Erzählungen, die sich im näheren Umkreis der polnischen Jüdin Seidenman bewegen. Durch unglückliche Umstände gerät sie in deutsche Gefangenschaft. Daraufhin wird eine zufällige Kette an Ereignissen mobilisiert, um sie zu befreien. Antrieb und Beweggründe eines jeden Invidiuums auf polnischer wie auf deutscher Seite beleuchtet Szczypiorski auf überzeugende und kritikfreie Weise. Prinzipientreue, Pflichtbewusstsein und Urteilvermögen, manchmal auch die Liebe und Barmherzigkeit zeichnen den Grenzverlauf zwischen der politischen und menschlichen Verantwortung. Kein Mensch ist ohne Sünde, Schuldzuweisung sucht man hier vergebens, und das macht es schwer vorauszusehen, auf welche Seite wir uns geschlagen hätten.
“Besser sein auf jedem Gebiet, unerreichbar sein, das ist deutscher Ehrgeiz. Am schönsten komponieren, am produktivsten arbeiten, am klügsten philosophieren, am meisten besitzen, am effektivsten totschlagen! Es gibt nichts Grausameres. Keine Moskauer Vorstellung kommt dieser geradlinigen, ehrlichen Leidenschaft zu führen gleich, die den deutschen Geist geprägt hat. Die Heuchelei des Moskowiters ist schrecklich und zerstörerisch, aber sie ist nie vollkommen, stets kann man einen Riss finden, einen Sprung, durch den ein klein wenig von der einfachen Menschenseele sickert.”
Deutschland von außen betrachtet, ein Blick ins polnische Ghetto riskiert und durch genaues Beobachten erkannt, dass der menschliche Kern auf beiden Seiten der Grenze noch nicht ausgetrocknet ist.
Patrick
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek 2004, Übersetzung: Klaus Staemmler, Hardcover vergriffen, 219 Seiten, ISBN: 978-3937793368
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„Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev
19.4.2012 von Krümel.
Zunächst einmal hat man ein schwarzes Buch in der Hand, und dann beginnt man zu lesen, stolpert über fehlende Absätze, wenn die Autorin von einer Figur zu nächsten springt - was kaum auffällt -, wenn da nicht unterschiedliche Namen wären, denn die Grundstimmung von allen drei Figuren ist gleich: schwarz wie das Buch.
Ich stelle nur eine Figur des Buches vor, stellvertretend für die anderen. Dina, die ungeliebte Tochter ihrer Mutter, verlässt als junge Frau einen Mann, der ihr alle Wünsche von den Lippen abliest, und fühlt sich von einem kühlen, introvertierten Fotografen angezogen. Ihr Studium hängt sie nach einem Zwischenfall an den Nagel, und wird Mutter. Doch sie wird Mutter nur einer Tochter, der Zwillingsbruder schafft es nicht … Und jetzt mit Mitte vierzig will sie diesen Jungen zurück haben! (Koste es was es wolle, sie will dieses Kind jetzt haben!) All ihre Fehlentscheidungen im Leben will sie mit dieser Adoption rückgängig machen, ihr verkorktes Leben in den Griff bekommen – Leben!
Und so liest man eine Familienkette, in der das Leid des einem auf die nächste Generation schwappt und wieder zum Leid des anderen wird. Man erkennt die Muster, die wohl anscheinend in jeder Familie in irgendeiner Form vorhanden sind. Man erkennt auch seine eigene Familie und ihre Grundzüge.
Das Buch zieht den Leser in einen Sog, düster und beklemmend, von dem man nicht ablassen kann, obwohl es einem nicht gut tut. Es existiert kein Hoffnungsschimmer: Der See ist trockengelegt, die Siedlungen nutzen die neuangelegte Fläche, besetzen fremdes Land … Bis zum Schluss bleibt diese Grundstimmung im Buch die gleiche.
Mir gefiel die Geschichte vom See, und wie er stellvertretend für das Land, seine Geschichte trägt. Und mir gefällt, dass die Autorin mit kleinen nebensächlichen Beschreibungen, doch so viel erzählt. Probleme hatte ich mit den Figuren, die mir bewegungslos erschienen, da in ihnen kein rechtes Leben aufkam, sondern nur Leid, verpasste Liebe und Trostlosigkeit. Steht das so für das Land?
Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren, lebt mit ihrer Familie in Jerusalem. Bekannt sie mit dem Bestseller „Liebesleben“, die folgenden Romane „Mann und Frau“ und „Späte Familie“ machten Zeruya Shalev zu einer der bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. (Klappentext)
Krümel
Berlin Verlag 2012, OT: Sche´arit Hachajim, Übersetzung: Mirjam Pressler, Hardcover 22,90 €, 521 Seiten, ISBN: 978-3-8270-0989-0
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“Das letzte Frühstück” von Cornelia Lotter
17.4.2012 von Krümel.
Auf den 142 Seiten dieses Buches haben sich 19 Erzählungen versammelt, in denen es um „die Liebe – oder was die Menschen dafür halten“ geht, so vermeldet es wenigstens der Klappentext. Geht es wirklich aber um die Liebe? Oder geht es in diesen Geschichten nicht vielmehr um das, was da zwischen Mann und Frau so alles passieren kann? Mag sein, dass ab und an auch mal die Liebe auf ein Minütchen vorbeischaut. Nach dem Lesen der einzelnen Erzählungen wird man merken, dass die Liebe in ihrer ursprünglichen Form, in ihrem eigentlich Sinn, eher nicht so präsent ist.
Nach der Lektüre dieses Buches, was in einem sehr angenehmen Stil geschrieben ist, bleibt dann doch eine leichte Enttäuschung zurück. Zuviel wird in schwarz/weiß gezeichnet, der Griff zu zwischentönigem Grau wäre an der einen oder anderen Stelle sicher nicht falsch gewesen.
Man hat den Eindruck, die Männer, hier insbesondere die Ehemänner, wären alle unsensibel, kahlköpfig, schnarchen, wollen ihre Ehefrau nur beherrschen, sind mit einem Wort alles ausgemachte Arschlöcher – während die Frauen dagegen, ewig ausgenutzt und gedemütigt werden, sich dem Diktat ihrer Ehemänner beugen müssen. Als Leser hätte man sich da schon etwas variantenreichere Geschichten gewünscht.
Da ist die Frau die ihren Mann verlassen will, es aber bleiben lässt als sie seinen Schlüssel im Türschloss sich drehen hört, dann ist da die Frau, die endlich mit dem Auto fahren und er nicht in der Lage ist ihre Fahrweise zu kommentieren, aber es wird auch von der Frau erzählt, die vom Schnarchen ihres Mannes sehr genervt ist. Und nicht zu vergessen die Frau, die mit ihrem zukünftigen Mann zu Besuch bei den zukünftigen Schwiegereltern ist und die sich vor den aufgetischten Kutteln ekelt – und damit sich wohl selbst ins Abseits tritt.
Es sind einfach zu viele klischeehafte Vorstellungen, die in den einzelnen Erzählungen beschrieben werden.
Männer sind mies – Frauen sind gut!
Wenigstens habe ich die Grundaussage dieses Buches so verstanden. Zwischentöne hätte diesem Buch, wie bereits eingangs erwähnt, ganz sicher nicht geschadet.
Natürlich gibt es auch positive Dinge über dieses Buch zu sagen. So sind manche Geschichten unterschwellig böse, wobei man das Böse erst sehr spät bemerkt und es das Lesen der jeweiligen Geschichte dadurch umso reizvoller macht. Bei diesen Erzählungen fällt die Autorin nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern baut zuerst eine Trugwelt aus vermeintlicher Harmonie auf, die dann – nicht unbedingt mit einem Knall – in sich zusammenfällt. Es sind gerade die leisen bösen Pointen, die einen ganz besonderen Lesereiz vermitteln.
Wie soll man ein Fazit zu diesem Buch formulieren? Die Autorin schreibt flüssig und in einem angenehmen Stil, sie hat aber noch viel Luft nach oben, es würde sicher auch nicht verkehrt sein, wenn die Zwischentöne einen etwas größeren Raum in ihren Erzählungen einnehmen würden.
Alles in allem – solider Durchschnitt, lesbar – wenn eben auch nicht der große Wurf.
Jan
Fhl Verlag Leipzig 2011, Broschur 11,95 €, 142 Seiten, ISBN: 978-3942829182
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“Kain” von von José Saramago
12.4.2012 von Krümel.
>> … ein kraftvolles, provozierendes Vermächtnis … << der Schwerpunkt liegt auf der Provokation!
Und schon nach dem ersten Kapitel hatte ich den Eindruck, dass hier jemand einen riesen Eindruck schänden möchte. Der Ton des Buches ist gestelzt und sehr konstruiert: Nachdem Kain seinen Bruder Abel umgebracht hat, wird er von Gott dazu verdonnert, ewig auf der Erde zu wandeln und rastlos zu sein. Und so begegnet er den großen Ereignissen des ATs. Er trifft auf Lilith und treibt es bunt mit ihr. Auf Abraham, auf Moses, auf Noah. Er ist in der letzten Stunde von Sodom und Gomorrha dabei, bei der Sohnesopferung von Abraham anwesend … Kain wird zu einer Art „Heilsbringer“, der Brudermörder, der Sünder wie du und ich. Und Gott bekommt überall sein Fett weg >wäre Gott Kain nicht in die Quere gekommen, hätte es der Junge weit gebracht<.
Saramago verarbeitet in seinem Roman das Problem der Theodizee, doch auf einer Art, die ich nicht befürworten kann. Denn dafür ist sie nicht sachlich genug, sondern oft nur trivial. Der Leser hätte auch ohne die vulgären Ausflüge die Intention des Autors erkannt. Dieses Aufblähen hätte er sich sparen können, seine Ansichten wären auch ohne erkennbar gewesen.
>>Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeit mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn.<<
„Die Stadt der Blinden“ hatte mir vor Jahren schon aus genau den Gleichen Grund nicht gefallen, ein Autor der schockt und provoziert, nur weil sich das gut verkaufen lässt. Nichts für mich.
Krümel
Hoffmann und Campe Verlag 2011, Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner, Hardcover 19,99 €, 175 Seiten, ISBN: 978-3-455-40295-7
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“Zwischenstationen” von Vladimir Vertlib
10.4.2012 von Krümel.
Im Jahr 1971 ist der damals 5-jährige Protagonist noch verwundert, warum am Bahnhof von Leningrad die ganze Verwandtschaft tränenreich Abschied von ihm und seinen Eltern nimmt, von einer Urlaubsreise war doch nur die Rede. Dass er seine Geburtsstadt bis auf Weiteres (genauer gesagt 25 Jahre) nicht mehr sieht, erfährt er erst im Zug. Sein Vater, ein Refjusinik (russischer Jude) hat endlich die heißersehnte Ausreisebewilligung erhalten und will das verhasste Russland hinter sich lassen. Israel ist das Ziel des glühenden Zionissten, in seinen Augen das „Gelobte Land“, in dem Juden willkommen sind und mit offenen Armen empfangen werden. Doch die Hoffnungen des Vaters werden rasch enttäuscht, vielmehr stellt sich für ihn Israel als „16. Sowjetrepublik“ heraus, ein unfertiges Land, geprägt von Bürokratismus und Korruption. Hier sieht er keine Zukunft für sich und seine Familie, es geht zurück nach Europa, einige Monate verbringen sie in Wien, das damals als Sprungbrett für Ausreisewillige galt, erklärtes Ziel ist Amerika. Der Vater ist nicht bereit, Opfer zu bringen, er lernt weder die Sprache noch gibt er sich Mühe, Arbeit zu finden. Er ist ein Phantast, seine einzige Beschäftigung ist das Schimpfen auf die Lebensumstände, das Hadern mit seinem Schicksal und das Träumen vom „Gelobten Land“, damit ist immer das nächste Ziel gemeint. Er verbringt Stunden und Tage auf diversen Behörden, während die Mutter sich mit den Umständen rasch arrangiert, die Familie ernährt. Obwohl sie studierte Mathematikern ist, ist sie sich für keinen Job zu schade, sieht das Leben pragmatisch, macht aus jeder Situation das Beste. Der Sohn läuft nebenher, bekommt kaum Aufmerksamkeit oder Geborgenheit, wird bei Nachbarn in Obhut gegeben und ständig darauf vertröstet, dass in der nächsten Heimat alles besser wird. Es folgen Aufenthalte in Amsterdam, in Ostia bei Rom, kurz wieder in Israel, dann wieder in Wien, zuletzt gelingt sogar eine Reise nach Amerika. Doch es sind nur Zwischenstationen, in keinem dieser Länder findet der Vater das, wonach er sucht, nirgends wird er mit offenen Armen empfangen, überall ist eigener Einsatz, Eigeninitiative gefragt. Der Sohn wird ständig aus einem Umfeld herausgerissen, auf seine Bedürfnisse wird keine Rücksicht genommen. Er hat nicht einmal die Gelegenheit, sich von seinen neuen Freunden oder Mitschülern zu verabschieden und ist diesem ständigen Ortswechsel völlig hilflos auseliefert. Doch auch der Junge zieht seine Schlüsse und beobachtet genau, und setzt am Ende des Buches (einen für mich etwas überzogenen) Schritt, der seine Eltern doch ein wenig vor den Kopf stößt.
Vladimir Vertlib erzählt die Odyssee dieser (seiner?) Familie distanziert und mit viel Humor, ohne zu moralisieren oder zu werten. Das Buch wird als „Roman“ bezeichnet, es lässt sich aber unschwer erkennen, dass hier Vertlib seine eigene Geschichte verarbeitet hat. Die Familie bleibt namenlos, und steht wohl für so viele Familien, die Ähnliches mitgemacht haben. Ein Leben, das aus Zwischenstationen besteht, geprägt von Heimatlosigkeit, Fremdheit, Zerrissenheit, Hoffnungen und vor allem Enttäuschungen. Ein leicht zu lesendes Buch, das fesselt und ein wenig Einblick darauf gibt, wie es ist, ständig „auf der Reise“ zu sein. Sehr lesenswert!
Vladimir Vertlib wurde 1966 in einer russisch-jüdischen Familie in Leningrad (UdSSR, heute: St. Petersburg) geboren. Seine Eltern waren Mitglieder einer illegalen zionistischen Organisation. 1971 emigrierte die Familie und kam über Israel, die Niederlande, die USA und Italien 1981 schließlich nach Österreich. Vertlib studierte in Wien Volkswirtschaftslehre und erhielt 1986 die österreichische Staatsbürgerschaft. Er war freier Mitarbeiter der japanischen Presseagentur Kyodo News Service, danach Statistiker bei der Österreichischen Kontrollbank und machte sich 1993 als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer selbstständig. ( Quelle )
Christine
Deutscher Taschenbuch Verlag 2005, TB 11,90 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3423133418
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“Stadt der Diebe” von David Benioff
27.3.2012 von Krümel.
Dieser Roman ist eine große Überraschung. Es wird nicht einfach nur ein tragisches Schicksal im Zweiten Weltkrieg erzählt, sondern David Benioff verbindet in einzigartiger Weise Kriegsgeschehen, Geschichte einer Jugendfreundschaft und Abenteuerroman. Einzigartig, weil mir in der deutschsprachigen Literatur in dieser Art noch nichts vor die Augen gekommen ist, in Deutschland solch ein Roman auch sicher nicht hätte geschrieben werden können. Humor, Witz, Ernsthaftigkeit, die absolute Bitternis und Unmenschlichkeit des Krieges, Brutalität, Sex und Überlebenskampf – alles das ist in diesem Roman in gekonnter Ausgewogenheit enthalten, der Autor außerdem einen Roman vorgelegt hat, der auf keiner einzigen Seite Langeweile aufkommen lässt. Spannung bis zum Schluss, ein rasanter Drive mit überraschenden Wendungen.
Brian Moore konnte auch spannungsgeladen schreiben, aber ich denke, dieser Benioff hat noch einen Tick mehr, zumal außerdem das Kolorit Leningrad im Jahre 1942 zur Zeit der Belagerung der Nazis für den deutschen Leser schon etwas besonderes ist ,und der Aufhänger des Romans ist einfach genial bemerkenswert, wie wir gleich sehen werden. Verdanken haben wir diese Lokalität Benioffs Großvater, der in Leningrad geboren ward und mit siebzehn Jahren ins berüchtigte Kresty- Gefängnis gesteckt wird, weil er einem deutschen Fallschirmspringer, der tot vom Himmel fiel, ein Messer klaute. Von diesem Großvater, der Lew heißt, handelt dieser Roman. Allerdings ist das schon Fiktion. Im Deutschlandfunk hat Benioff offenbart, sein Großvater sei nie in Leningrad gewesen. Trotzdem, im Roman sitzt Lew im Dunkel seiner Gefängniszelle:
>>Die Nacht würde niemals enden. Die Deutschen hatten die verdammte Sonne abgeschossen, die konnten das, klar doch, ihre Wissenschaftler waren die besten der Welt, die konnten das austüfteln. Die hatten herausgefunden, wie man die Zeit anhält. Ich war blind und taub. Nur die Kälte und mein Durst sagten mir, dass ich noch lebte. Mit der Zeit wirst du so einsam, dass du dich nach den Wärtern sehnst, nur um ihre Schritte zu hören, ihre Wodkafahne zu riechen.<<
Im Gefängnis begegnet er den etwas älteren und lebenserfahrenen Kolja, Angehöriger der Roten Armee, der einsitzt, weil er desertiert ist. Sie glauben, am nächsten Tag umgebracht zu werden, werden aber einem Oberst des Geheimdienstes vorgeführt, der ihnen Gnade verspricht, wenn sie für die Hochzeitstorte seiner Tochter in Leningrad zwölf Eier besorgen können. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn in Leningrad werden die letzten Hühner zu Suppen verkocht.
Benioff hat für seinen Roman recherchiert. So las er, wie er am Ende des Romans in den “Danksagungen” schildert “900 Tage. Die Belagerung von Leningrad” von Harrison E. Salisbury und das Buch “Kaputt” von Curzio Malapartes, in dem die Taktik der Deutschen mit den Partisanen geschildert wird. Einmal hören die Freunde Klaviermusik aus irgendeinem Fenster, und es wird bemerkt, Schostakowitsch wohne hier in der Nähe. Allerdings ist es die dichterische Freiheit des Autors, diese Szene in das Jahr 1942 zu verlegen. Historisch korrekt ist, Schostakowitsch befand sich im Jahre 1941 noch in Leningrad und spielte damals bei einer Gelegenheit aus der Leningrader Symphony vor. 1941 verließ er aber auch die Stadt und wohnte dann in Moskau. Roman ist eben Fiktion. Mir haben auch die Dialoge der Jungens gefallen. Natürlich geht es darin hauptsächlich um Frauen, Kolja in diesen Dingen überlegen ist. Diese Dialoge tragen Witz, Charme und sind so unverkrampft, dass es einfach herrlich zu lesen ist. David Benioff, der, wenn er nicht gerade an einem Roman sitzt, Drehbücher schreibt, ist ein begabter Dialogeschreiber. Aus den Dialogen und ihrem Verhalten bilden sich die Charaktere der Protagonisten. Dostojewskij hat auf diese Weise ebenso Charaktere geformt.
Von den Erlebnissen der Freunde möchte ich euch nichts verraten. Lasst euch lieber von diesem herrlichen ungewöhnlichen Roman überraschen.
mArtinus
Karl Blessing Verlag 2009, Übersetzung: Ursula-Maria Mössner, Hardcover vergriffen (TB 9,95 €). 384 Seiten, ISBN: 978-3896673947
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“Tortilla Flat” von John Steinbeck
20.3.2012 von Krümel.
John Steinbeck ließ sich in dem 1935 geschriebenen Roman von eigenen Erlebnissen inspirieren, die er als Gelegenheitsarbeiter in einer Zuckerfabrik mit mexikanischen Mitarbeitern erlebte. Steinbeck verlegt die Geschichte ins kaliforische Monterey, deren oberer Hügelbezirk „Tortilla Flat“ genannt wird. Dort leben Paisanos, Leute, mit einer „Mischung aus spanischem, mexikanischem und erlesenem kaukasischem Blut“. Der Roman handelt von Danny und seinen Freunden, einer Clique von Tagedieben, Habenichtsen, Landstreichern. Steinbeck zieht ausdrücklich eine Verbindung zu König Artus und seiner Tafelrunde.
Danny kehrt aus dem ersten Weltkrieg heim und erbt von seinem Großvater zwei Häuser. Für Danny, der in seinem Leben noch nie etwas besessen hatte, ist das natürlich etwas besonderes und sein Freund Pilon mahnt die Gefahren materiellen Besitzes: Besitz verändere den Menschen. Vorhaben, sein Eigentum mit seinen Freunden zu teilen, wenn man etwas hat, verfliegen, wenn man wirklich Eigentum besitzt. Danny werde nun seine Freunde verlassen, den Branntwein nicht mehr teilen. Danny verspricht das Gegenteil und schwingt sich zum Wohltäter auf. Ein Vagabund nach dem anderen wird irgendwo aufgelesen und zieht in das Haus ein. Großartige Stärke beweist Danny, als ein Haus infolge von Leichtsinn abbrennt. Das verlockt Danny zu einer Überlegung über die Vergänglichkeit irdischen Besitzes.
Auf den ersten Seiten des Buches ist schon klar, Steinbeck will nicht einfach eine Geschichte von Abenteurern erzählen, sondern er will den Lesern eine Botschaft vermitteln. Der Roman teilt sich in siebzehn einzelne Geschichten auf, manche könnten auch für sich alleine stehen, aber sie stellen letztlich doch ein Ganzes da. Die philosophischen Gedanken, die dem Roman sorgsam eingestreut sind, ohne das sie moralisierend wirken, machen den Roman lesenwert. Aber nicht nur das. Anstatt mit Moral sind die Abenteuer mit Humor gewürzt und einer manchmal seltsamen köstlichen Landstreicherlogik.
Der Roman hat einen religiösen Touch. So ist es unübersehbar, dass der Pirat, einer von Dannys Freunden, wie Franz von Assisi mit Tieren redet, und eine Frau, die nicht mehr weiß, von welchen Männern sie ihre Kinder hat, war zeitweise überzeugt, sie brauche dazu keinen Liebhaber mehr. Was für ein schelmischer Wink zur Jungfrau Maria. Manche Geschichten sind sehr wundersam und wirken mystisch.
Ganz bewusst gebe ich an dieser Stelle kaum Romaninhalt preis, weil ich der Meinung bin, damit einigen künftigen Leser um die Lesefreude zu bringen. Der Roman ist herzlich ironisch und ihr werdet bestimmt eure Freude an Steinbecks feinsinnigen Humor haben.
Im Fernsehen kann man gelegentlich Halbleichen-Promis sehen, die sich mit Gesichtsoperationen jung halten wollen und dicke Klunker um den Hals tragen. Was für eine widerliche Welt und schön sahen diese Frauen nicht aus. Natürlich denke ich dann an die Clique von „Tortilla Flat“, die solchen Mist nicht brauchen, auf Eigentum verzichten und trotzdem glücklich in den Tag hineinleben.
Am 27. Februar 2012 wäre er 110 Jahre alt geworden.
mArtinus
Deutscher Taschenbuch Verlag 1987, Übersetzung: Elisabeth Rotten, TB 7,90 €, 176 Seiten; ISBN: 978-3423107648
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“Vom Ende einer Geschichte” von Julian Barnes
6.3.2012 von Krümel.
Erzählt wird diese Geschichte von Tony Webster, einem Menschen, der erst sehr spät versteht und eigentlich doch auch nicht versteht.
Vor rund 40 Jahren kam Adrian Finn in die Klasse von Tony Webster. Schnell schließen die beiden Jungen Freundschaft, aber es ist keine ganz gleichberechtigte Freundschaft. Es ist Adrian der den Ton angibt, der offenbar dem anderen immer ein kleines Stück voraus ist. Auch nach der Schulzeit reißt die Verbindung nicht ab.
Tony ist zwischenzeitlich mit Veronica zusammen, einem irgendwie etwas seltsamen Mädchen. Als Veronica Tony ihren Eltern vorstellt, erlebt dieser ein Wochenende, dass ihn sein ganzes späteres Leben nicht mehr so richtig loslässt. Gerade auch Veronicas Mutter hinterlässt bei Tony einen bleibenden, wenn auch etwas zwiespältigen Eindruck. Tony und Veronica sind ein seltsames Paar; sie schlafen erst dann miteinander, als Tony die Beziehung beendet. Veronica geht dann eine Beziehung mit Adrian ein. Tony schreibt den beiden einen sehr verletzenden Brief. Nach einer Weile erhält Tony dann die Nachricht dass Adrian Selbstmord begangen hat.
Dann macht die Geschichte einen Sprung von etwa 40 Jahren. Tony ist verheiratet, geschieden und hat eine Tochter, die nun selbst verheiratet ist. Er hat eine normale berufliche Karriere gemacht und lebt ein geregeltes Leben. Dann jedoch erhält von einer Rechtsanwältin einen Brief. Diese teilt ihm mit, dass er von Veronicas Mutter, die zwischenzeitlich gestorben war, 500 Pfund und Adrians Tagebücher geerbt habe. Allerdings seien die Tagebücher bei Veronica.
Tony versucht nun wieder Kontakt zu Veronica aufzunehmen, um die Tagebücher zu erhalten. Doch die Kontaktaufnahme und der Kontakte verlaufen anders als er sich es wohl vorgestellt hat.
Im Laufe der Zeit muss Tony sehen, dass sich Sichtweisen, Eindrücke und auch vermeintliche Gewissheiten ändern können.
Julian Barnes hat ein nicht leicht zu greifendes Buch geschrieben. Er erzählt mit einer durchaus reizvollen Umständlichkeit und immer dann wenn man als Leser meint, nun käme er zum Punkt, dann macht er einen kleinen Schlenker und man bleibt ein klein wenig ratlos zurück. Der Autor lässt seine Leserschaft an den Gedankengängen seines Protagonisten Tony teilhaben, so dass der Leser genaugenommen immer auf demselben Wissensstand ist wie Tony selbst. Es ist aber auch das Buch über einen Menschen, der offenbar immer mit der Normalität zufrieden war, der nie nach dem Besonderen strebte und der in der täglichen Lebensroutine so etwas wie seine Lebenserfüllung fand; obwohl man manchmal zwischen den Zeilen meint herauslesen zu können, dass diese Lebenszufriedenheit vielleicht auch als „bequeme und milde Resignation“ hätte bezeichnet werden können. In jedem Falle ändert sich ab das unaufgeregte Leben von Tony Webster als er wieder in Kontakt mit Veronica kommt. Sie scheint im Laufe der Jahre allerdings noch merkwürdiger geworden zu sein.
Ein Buch über einen Menschen, der das in Zweifel ziehen muss, woran er eigentlich immer geglaubt hat, der das in Zweifel ziehen muss, was für ihn offensichtlich war.
Julian Barnes denkt gar nicht daran es seinen Lesern allzu leicht zu machen. Und das ist auch gut so. Er nimmt seine Leser an die Hand – aber denken und nachdenken, das müssen sie allein. Ein sehr lesenswertes Buch, dass unter Garantie aber nicht von jedem gemocht wird. Vielleicht auch nicht unbedingt ein „typischer“ Julian Barnes.
Jan
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Übersetzung: Gertraude Krueger, Hardcover 18,99 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3462044331
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“Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe” von Wolfgang Welt
31.1.2012 von Krümel.
Vorangestellt sei diese Feststellung: Dieses Buch von Wolfgang Welt ist ohne Frage für mich eines der Lesehighlights in 2011. In drei autobiographischen Romanen erzählt Wolfgang Welt aus seinem Leben. Es ist ein Leben, das den Autor sehr oft überforderte, dass er aber offensichtlich trotzdem gern gelebt hat und noch gern lebt.
Wolfgang Welt wurde 1952 in Bochum geboren, machte Abitur und begann dann mit dem Studium. Dieses Studium brach er dann relativ schnell ab und „tingelte“ als Musikjournalist für MARABO, SOUNDS und MUSIK EXPRESS durch die Lande. New Wave und Neue Deutsche Welle mussten sich von ihm so manchen kritischen Text gefallen lassen.
Wolfgang Welt nimmt kein Blatt vor den Mund, nimmt auf nichts und niemand Rücksicht – auch nicht auf sich selbst. So haben beispielsweise Peter Rüchel (Macher der WDR-Sendung ROCKPALAST) und auch Heinz Rudolf Kunze bei ihm absolut nichts zu lachen. Gerade Kunze scheint er mit Freuden „zu schlachten“. Dabei ist er von einer geradezu frappierenden Offenheit. Er beschreibt die Menschen so wie sie sind, dichtet ihnen keine Eigenschaften an nur um sie besser aussehen zu lassen, Wolfgang Welt ist ehrlich, teilweise von einer sehr verletzenden Ehrlichkeit.
In diesen drei Romanen beschreibt der Autor ein Leben, das ihn auch als Gehetzten zeigt. Immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen – als Musikredakteur ist kaum das große Geld zu verdienen – und immer auch auf der Suche und der Jagd nach dem nächsten Fick, wobei er dabei meistens auf die Schnauze fällt; die Damenwelt hat auf alles gewartet, garantiert aber nicht auf Wolfgang Welt. Aber Wolfgang Welt ist nicht nur ein Gehetzter, er ist auch ein Suchender, wobei ihm wahrscheinlich selbst nur schemenhaft klar ist, wonach er eigentlich sucht. Letztendlich landet er in der Psychiatrie. In großen Abständen schreibt er nach seinem Krankenhausaufenthalt dieses drei autobiographischen Romane.
Sein Elternhaus beschreibt er mit sehr viel Zuneigung. Es ist dieses Elternhaus, was für ihn immer wieder den sicheren Hafen darstellt, den man wohl braucht, wenn man ein solches Leben führt wie der Autor.
Die drei Romane in diesem Buch sind „Peggy Sue“, „Der Tick“ und es endet mit dem Roman „Der Tunnel am Ende des Lichts“. Dazu muss man wissen, dass Wolfgang Welt ein Hardcore Buddy-Holly-Fan ist und das der 3. Februar 1959 (an diesem Tag verunglückte Buddy Holly tödlich) für ihn ein schwarzer Tag ist. Wolfgang Welt ist zwar ein Hardcore-Fan, aber obsessiv verehrt er Buddy Holly nicht. Aber Wolfgang Welt ist auch ein großer Verehrer von Hermann Lenz und dessen Eugen-Rapp-Romane tauchen immer in diesem erzählten Leben auf.
Ein Buch von großer Ehrlichkeit, ein Buch mit Charakter. Ein Buch das eine Zeit wieder lebendig werden lässt die schon ziemlich lange zurückliegt oder die gerade erst vorbei ist – jede/jeder wird hier seine ganz eigene Sichtweise haben. Ein Buch das es unbedingt wert ist gelesen zu werden. Es passieren dort nicht die ganz großen Sachen, es passieren dort die Sachen die normal sind und es ist die Normalität die manchmal erschrecken kann, die manchmal ein lautes Lachen auslöst; es ist die Normalität die viele einfach banal als „Leben“ bezeichnen.
Und was macht Wolfgang Welt jetzt? Nachdem er 2002 ein Stipendium der Hermann-Lenz-Stiftung erhielt, arbeitet er jetzt als Nachtportier im Schauspielhaus von Bochum und hört regelmässig WDR 4.
Eine ganz persönliche Bemerkung: So leicht ist mir der Abschied von diesem Buch nach 488 Seiten nicht gefallen.
Jan
Suhrkamp Verlag 2006, Taschenbuch 15 €, 490 Seiten, ISBN: 978-3518457764
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“Seine Toten kann man sich nicht aussuchen” von Janine Binder
27.12.2011 von Krümel.
Janine Binder wurde 1981 geboren und ist seit 1998 als Polizeibeamtin im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen tätig. Wie sie selbst schreibt, versucht sie durch das Schreiben ihre dienstlichen Erlebnisse zu verarbeiten – und man kann eigentlich dankbar sein, dass sie diese Art der Verarbeitung gewählt hat, hätte sie etwas anderes gefunden um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, dieses Buch wäre wohl nicht geschrieben worden bzw. wäre wohl so nicht geschrieben worden.
Das Buch endet auf der Seite 252 mit dem Abschnitt „Feierabend“ – ich klappe das Buch zu versuche das Gelesene noch einmal Revue passieren zu lassen. Muss ich jetzt schnell in die Ordenskiste greifen und der Autorin für „großartiges Schreibwerk“ einen Orden verleihen oder soll ich den kritischen Gedanken, die sich immer mehr in den Vordergrund drängen, ein wenig mehr Raum geben? Ich denke, auch Kritisches sollte nicht verschwiegen werden – denn eine Lobeshymne zu schreiben hinter der man nicht voll steht, ist sicher nicht gewollt – wenigstens denke ich, dass die Autorin ein Recht auf eine ehrliche Meinung hat.
Janine Binder hat ein sehr interessantes Buch geschrieben und gibt ihren Lesern einen Einblick in die tägliche Arbeit der Polizei in unserem Lande. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Stadt Köln hier nur stellvertretend für die vielen Polizeistationen in Deutschland steht – die Arbeit wird wohl überall ähnlich sein.
Aber dieses Buch ist nicht nur interessant, es ist ganz sicher auch nicht alltäglich. In diesem Buch wird über einen Berufsstand berichtet, der im Laufe der Zeit sehr viele Nackenschläge und Kritik hat einstecken müssen und wenn ich zurückdenke mit wie viel Respekt man einem Polizisten in meiner Kindheit (die schon sehr lange zurückliegt) gegenübertrat, so ist von diesem Respekt leider nicht mehr viel geblieben. Dabei haben die Frauen und Männer die diesen Beruf ausüben unseren Respekt verdient – man muss sie nicht auf einen Sockel stellen, aber man sollte ihre Arbeitsleistung anerkennen, so wie man auch die Arbeitsleistungen vieler anderer Berufe anerkennen sollte. Aber leider ist es in unserer Zeit Mode geworden, ganze Berufsstände zu diskreditieren (man denke da beispielsweise an Lehrer, Zahnärzte, Beamte im Allgemeinen, Soldaten).
Highlight dieses Buches ist für mich ohne Frage die Geschichte „Ich hoffe, es geht dir besser, da, wo du jetzt bist“ – eine gefühlvoll erzählte Geschichte, ohne störende Sentimentalitäten und Weinerlichkeiten. Realistisch und zutiefst menschlich. Für mich ganz persönlich fast ein kleines Meisterwerk. Keine der anderen Geschichten wird in dieser fast schon unglaublichen Intensität erzählt. Vor der erzählerischen Leistung, jetzt bezogen auf diese Geschichte, kann man wirklich nur den Hut ziehen. Und auch nach mehrmaligen Lesen verliert diese Geschichte nicht ein Jota ihres ganz besonderen Flairs, ihrer ganz besonderen Atmosphäre.
Nach dem Zuklappen des Buches, nach dem Lesen der Seite 252 bleibe ich trotzdem ein wenig zwiespältig zurück. Es sind die kleinen Störfeuer, die kleinen Störgeräusche die meinen Leseeindruck, der auf den ersten Blick durchaus positiv ist, etwas eintrüben.
Es wird nicht leicht sein, dass zu erklären was mich stört.
Aber den Versuch einer Erklärung will ich gern wagen.
Das Buch vermittelt mir in seiner Gänze den Eindruck, es gebe zwei Arten von Menschen. Auf der einen Seite finden wir die Gutmenschen, die Polizeibeamtinnen und –beamten und auf der anderen Seite finden wir die Bürgerinnen und Bürger, die nur stören, die im Weg stehen, deren moralischen Werte völlig verschüttet sind und denen man immer wieder genau erzählen muss wie es denn im Leben so läuft.
Und das ist was ich hasse ohne Ende – wenn jemand mir versucht das Leben bzw. mein Leben zu erklären. Jetzt – nachdem ich kurz vor Beginn meines siebten Lebensjahrzehnts stehe, habe ich absolut keine Lust mir von irgendeinem picklichen Jüngling erklären zu lassen wie die Dinge laufen und wie ich mich seiner Ansicht nach zu verhalten habe. Wenn ich zu schnell gefahren bin, dann kann er mich gern belehren und im Rahmen der rechtlich geltenden Vorschriften tätig werden – was ich mir aber verbitte ist, das mir irgendwelche Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben werden – an die sie bzw. er sich wahrscheinlich selbst nicht hält.
Die Polizei ist keine Instanz zur Überwachung der moralischen Werte.
Ich hasse diese moralisierenden Polizeibeamten (vorzugsweise finden wir diese in irgendwelchen Fernsehserien) oder diese jungen Richterbengel, die meinen, sie wüssten wie die Dinge laufen. Sie wissen gar nichts!
Was ich sagen will ist – die Polizei in unserem Land ist die Ordnungsmacht, sie bestimmt aber eben nicht die kulturellen Wertmaßstäbe unserer Gesellschaft, die Polizei hat eine klar umrissene Aufgabe so wie beispielsweise die Schule auch. Diese Aufgaben sind gesetzlich geregelt und nicht von Gott gegeben.
Leider hat sich bei mir der Eindruck im Laufe meiner Lektüre verfestigt: Hier auf der einen Seite eben, wie bereits erwähnt die Gutmenschen und auf der anderen Seite die Anderen, die Doofen, die, die so gar nichts vom Leben wissen, die Unwichtigen halt.
Nichtdestotrotz hat Janine Binder ein lesenswertes Buch geschrieben und man darf gespannt sein wie es mit ihr „autorenmässig“ weitergeht. Sie schreibt klar, sie beschreibt präzise und schafft es eben auch mit Worten Bilder entstehen zu lassen.
Was gibt es noch zu sagen?
Auf der letzten Seite da wird dann einmal von den „schwarzen Schafen“ gesprochen. Aber schon im nächsten Satz wird dann schnell wieder relativiert. „Aber in der Hauptsache sind wir alle ganz in Ordnung…..“ ein Satz der so leider nicht unbedingt stimmt. Wer schon einmal in einer disziplinarrechtlichen Sache gegen den Korpsgeist der Polizei ermittelt hat, der weiß, wie ungeheuer schwierig das ist. Jahr für Jahr haben wir es mit einer ganzen Reihe von Disziplinarfällen zu tun – wobei natürlich nicht in jedem Fall ein tatsächliches Fehlverhalten einer Polizeibeamtin oder eines Polizeibeamten festgestellt wird.
Ich hätte mir – gerade auch in diesem Buch – ein wenig mehr Selbstreflexion gewünscht, jetzt auch bezogen auf die Polizei in ihrer Gesamtheit.
Das soll es jetzt ab auch gewesen sein.
Ein durchaus lesenswertes Buch – wer die Gelegenheit hat es zu lesen, der sollte es lesen – man erfährt eine ganze Menge über unsere Polizei und den wirklich harten Job, den die Beamtinnen und Beamten Tag für Tag verrichten.
Jan
Piper Verlag 2011, Taschenbuch 8,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3492273145
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