Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Patrick.
- Biographie (38)
- Bücher-Tipps (176)
- Christine † (74)
- Daniel (9)
- deutschsprachige Gegenwartsliteratur (101)
- Erzählung/en (51)
- Gedicht (2)
- Heike (63)
- Highlights (9)
- History/Fantasy (40)
- Jan (61)
- Kalender (6)
- Kerstin (33)
- Klassiker (83)
- Krimi/Thriller (23)
- Krümel (272)
- Kurzportrait (5)
- Lesung (3)
- Literaturthemen (188)
- LS-Ticker (16)
- mArtinus (10)
- Monika (6)
- Patrick (36)
- Rebecca (42)
- Roman (274)
- Sabine (4)
- Sachbuch (32)
- Satire (5)
- Sigrid (8)
- Stefanie (1)
- Ursula (1)
- Uwe (1)
- Valerija (3)
- Werke (4)
- 22.5.2012: "Herr aller Dinge" von Andreas Eschbach
- 19.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 17.5.2012: "Die schöne Frau Seidenmann" von Andrzej Szczypiorski
- 15.5.2012: "Small Country" von NickHornby
- 12.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 10.5.2012: „Muttersohn“ von Martin Walser
- 8.5.2012: "Die Musterschüler" von Michael Köhlmeier
- 5.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 3.5.2012: "Imperium" von Christian Kracht
- 1.5.2012: "Der Schwarm" von Frank Schätzing
aktuelle Lektüre
Literatur-Links
Meine Seiten
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
- Dezember 2011
- November 2011
- Oktober 2011
- September 2011
- August 2011
- Juli 2011
- Juni 2011
- Mai 2011
- April 2011
- März 2011
- Februar 2011
- Januar 2011
- Dezember 2010
- November 2010
- Oktober 2010
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- März 2010
- Februar 2010
- Januar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- Oktober 2009
- September 2009
- August 2009
- Juli 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
- Dezember 2008
- November 2008
- Oktober 2008
- September 2008
- August 2008
- Juli 2008
- Juni 2008
- Mai 2008
- April 2008
- März 2008
- Februar 2008
- Januar 2008
- Dezember 2007
- November 2007
- Oktober 2007
- September 2007
- August 2007
- Juli 2007
- Juni 2007
- Mai 2007
- April 2007
- März 2007
- Februar 2007
- Januar 2007
- Dezember 2006
- November 2006
Archiv der Kategorie Patrick
“Alias XX” von Joel Ross
30.1.2010 von Patrick.
Wir schreiben das Jahr 1941. Deutschlands Streitmächte überrollen unaufhaltsam den Kontinent. Der Osten bröckelt, der Norden kapituliert, der Westen kämpft ums Überleben. Der Sieg Hitlers rückt stetig näher. Seine Stärke wird intensiviert durch den Dreimächtepakt, zusammen mit Italien und Japan, während die USA beharrlich an ihrer Neutralität festhält. Doch hätte der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour niemals stattgefunden, wäre die USA jemals bereit gewesen, das Leben ihrer Männer an der Seite der Alliierten für Briten, Juden und Kommunisten aufs Spiel zu setzen?
Nach dem misslungenen Einsatz in Kreta im Mai 1941 wird Sergeant Tom Wall, Freiwilliger der kanadischen Armee, schwer verletzt in ein britisches Armeekrankenhaus eingeliefert. Im Dezember desselben Jahres, traumatisiert und durcheinander, setzt er sich von dort ab, um sich bei seinem Bruder Earl zu rächen, beschuldigt er ihn doch des Verrats an seine Einheit. Dieser jedoch ist vor einigen Tagen spurlos verschwunden.
Schlaflosigkeit und Schmerzen lassen Tom durch die zerbombten Straßen Londons umherirren auf der Suche nach Hinweisen und landet dabei in die Fänge des MI-6. Diese haben die geheime Organisation „Double Cross“ – die auch im englischen Buchtitel auftaucht – ins Leben gerufen, deren Zweck es ist, deutsche Agenten „umzudrehen“, sie für sich arbeiten zu lassen und somit gefälschte Informationen nach Deutschland zu versenden. Dieses Lügengerüst scheint nun in sich zusammenzubrechen. Der geheimnisvolle und teuflische Sondegger, ein deutscher Agent, dessen Mission es ist, das deutsche Spionagenetz auf britischem Boden zu überprüfen, befindet sich in Gewahrsam des MI-6 und soll den Aufenthaltsort seines Komplizen „Abendammer“ herausrücken. Tom soll dabei als Mittelsmann fungieren und verstrickt sich allmählich in einem Netz aus Lüge, Täuschung und Manipulation. Etliche Personen scheinen ein doppeltes Spiel zu führen und blenden dabei nicht bloß Tom Wall – auch der Leser wird in die Irre geführt!
Überaus authentisch lässt Ross seine fiktiven Figuren über die reale Bühne jüngster Vergangenheit wandeln und lässt die Szenerie der letzten Woche vor Japans Angriff auf Pearl Harbour sowie die Ursache des Kriegseintritts der USA in ein neues Licht tauchen.
Joel Ross’ Roman basiert auf das Ergebnis neuester Archivfunde. Herausgekommen ist ein spannender und wendungsreicher Spionagethriller.
„Ihre Abneigung gegen ihre rechte Hand hat etwas Biblisches, Mr. Wall. ‚Wenn dich deine Hand zum Bösen verleitet, dann hau sie ab.’ Verführt ihre Hand sie zum Bösen? Haben Sie Angst davor, was sie tun könnte, bedauern Sie, was sie bereits getan hat? Sie haben in der Liebe versagt, Mr. Wall. Sie haben im Krieg versagt. Sie sind ein vielschichtiger Mensch, aber nichts davon ist ganz. Sie straucheln, Sie fallen, Sie versagen …“
Droemer/Knaur, gebunden 2005, 445 Seiten, 19,90€, ISBN: 978-3426197028
Geschrieben in Patrick, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
“Der dritte Polizist” von Flann O’Brien
31.12.2009 von Patrick.
Die Schriften des Wissenschaftlers und Theoretikers de Selby beanspruchen Muße und Aufmerksamkeit, die unserem Ich-Erzähler über Jahre davon abhalten, sein Zimmer zu verlassen. Er überträgt die Verwaltung seines ererbten Anwesens dem ungehobelten Divney. Weil Letzterer bei der Instandhaltung schlampig haushält, beschließen Beide, einem wohlhabenden Zeitgenossen durch einen Raubmord um dessen Geldkassette zu erleichtern. Nach dreijährigem gegenseitigem Misstrauen wollen sie endlich die Beute teilen. Der Erzähler wird in das Haus des Ermordeten geführt und … was dort passiert, kann an dieser Stelle nicht verraten werden, denn als er das Anwesen wieder verlässt, kann er sich nicht einmal mehr an seinen Namen erinnern.
Die Geschichte erinnert an Alice im Wunderland, wo ihr nach dem langen Fall langsam dämmert, in eine verdrehte Welt gelandet zu sein. Die nachfolgenden Kapitel sind absurdes Theater à la Beckett, eine auf naturwissenschaftlichen Theorien basierende Konstruktion einer Welt, die eine neue Logik aufdeckt und erfordert. Der unglücklich gestrandete Held stützt sich bei seinen Beobachtungen auf seine Studien zu de Selby. Sie helfen zu begreifen, zumindest dem Leser. In ausführlichen Fußnoten definiert de Selby den Schlaf als eine Folge von Ohnmachtsanfällen, die Nacht als Verschmutzung der Atmosphäre und die Besessenheit zu Spiegeln führen zu der Behauptung, die Welt befinde sich eingeengt zwischen hölzernen Rahmen. Als Leser fragt man sich, ob es diesen Theoretiker wirklich gab, weil die Fußnoten sehr überzeugend zu Sekundärliteratur hinweisen, wo Zitate in Originalsprache wiedergegeben werden und wo selbst Streitgespräche unter Intellektuellen vermerkt sind – meist mit dem Hinweis angereichert, dass angegebene Manuskripte und Beweismittel nicht mehr aufzutreiben sind. Man kann sie als Verständnishilfe zum übrigen Text begreifen oder als wahnwitzige Satire auf den Wissenschaftsbetrieb.
Der gesamte Roman befindet sich auf einer abstrakten, schwebenden Ebene, die weder Realität noch Traum zu sein scheint. Eine Parallelwelt vielleicht, ein Bestrafungsritual für Verbrecher, Verdammung bis in Ewigkeit. Da ist von der Atomtheorie die Rede, bei der sich die Atome von Gegenständen bei kräftigen Erschütterungen vermischen. Ein Polizist auf seinem Fahrrad wird mit den Berufsjahren selbst zum Fahrrad – stützt sein Ellbogen gegen die Wand, um Halt zu finden, während das Fahrrad sich vermenschlicht und eingesperrt werden muss, damit es nicht verschwindet. Oder er berichtet von Handarbeiten des Polizisten, die nicht mehr im Bereich des Sichtbaren liegen. Die einzig rationell agierende Figur ist die reflektierende Seele des Erzählers. Dennoch führt kein Ausweg aus diesem verschachtelten Labyrinth heraus, denn ohne Name existiert er nicht, ohne Verständnis findet er keinen Halt in dieser Umgebung. Und er bleibt auf der Flucht vor seiner Verurteilung, auf ewig. Ein großer Spaß, dieses Buch zu lesen, wenn man sich auf in sich schlüssige, letzten Endes doch haltlose Thesen einlassen will.
Heyne, kartoniert 2007, 272 Seiten, 8,95€ ISBN: 978-3453811041
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Das periodische System” von Primo Levi
17.12.2009 von Patrick.
Sein turbulentes Leben hat Primo Levi in mehreren Büchern festgehalten. In „Ist das ein Mensch?“ zeichnet er seine Erfahrungen im KZ-Ausschwitz auf, in „Atempause“ berichtet er von der erschwerten Rückkehr nach Italien. „Das periodische System“ schließlich beleuchtet seine Tätigkeit als Chemiker, von einem Beruf und seinen Misserfolgen, seinen Siegen und seiner Not, eine Geschichte, die jeder erzählen möchte, wenn er fühlt, dass seine Laufbahn sich dem Ende zuneigt und die Kunst aufhört, endlos lang zu sein. Viele kleine Szenerien seiner Laufbahn greift er heraus und setzt sie lose nebeneinander zu einer Art Erzählband, berichtet über sein Heimatort, sein Studium, diversen Jobs vor, während und nach dem Krieg. Sein Leben und die Schwierigkeiten als Jude im faschistischen Italien werden nur angedeutet, doch reichen diese Einsprengsel aus, um ein beklemmendes Bild abzuliefern. Er selbst hingegen bleibt überraschend emotionslos, versucht sich einer objektiven Wahrnehmung, selbst, als er nach Jahren seinem früheren KZ-Aufseher über dem Weg läuft. Die Zeit der Gefangenschaft lässt er offen und verweist an der Stelle auf seine autobiographischen Schriften.
Jede Erzählung kreist um ein chemisches Element - sei es Argon, das träge Edelgas, welches keine Verbindung zu anderen Molekülen eingeht und er diese Charaktereigenschaft nutzt, um seine Familie zu beschreiben; sei es das Nickel, deren Abbau er als verdeckter Jude annimmt, ohne zu ahnen, dass er dem Krieg zur Aufrüstung verhilft; oder Cer, das ihn im KZ hat überleben lassen. Kleine Einführungen in seinem Beruf vermittelt er recht kurzweilig, er berichtet von Pannen und Erfolgen, von Reaktionen bestimmter Materialien und von der Ehrfurcht vor Rezepten, die nutzlose Zutaten enthalten. Neben den Geschichten seines Lebens gibt er noch einige Anekdoten aus seinem Bekanntenkreis zum Besten.
Primo Levi ist eine faszinierende Gestalt, die trotz Menschen verachtender Erfahrungen überhaupt kein schlechtes Wort über irgendjemanden verliert, als ob die Hoffnung an bessere Zeiten niemals ausgeschöpft wurde. Ein Buch, das mit seiner erfrischend angenehmen Sprache Lust auf mehr macht.
SZ-Bibliothek, gebunden 2005, 264 Seiten, vergriffen ISBN: 978-3937793474
Geschrieben in Patrick, Erzählung/en, Biographie | Keine Kommentare »
“Die Bücherdiebin” von Markus Zusak
1.12.2009 von Patrick.
Der Tod erzählt von der Kindheit eines Mädchens, nachdem es in eine Pflegefamilie aufgenommen wurde… und das zu einer Zeit, wo der Erzähler alle Hände voll zu tun hat – im Dritten Reich. Die intensive Freundschaft zu ihrem Pflegevater und dem Nachbarsjungen Rudi helfen ihr zu Glück und Geborgenheit, während im Hintergrund der Krieg tobt. Sie lernt lesen und stiehlt Bücher, ganz harmlos beginnt es mit dem Auflesen eines liegen gebliebenen Buches im Schnee oder in der Rettung eines Buches vor den Flammen auf dem Hauptplatz der Stadt. Jedes Buch scheint als Markierungspunkt in ihrem Leben zu dienen. Als die Familie sich schließlich dazu entschließt, einen Juden im Keller zu verstecken, gewinnt das Mädchen einen neuen Freund. Von ihm lernt sie die Macht und die Liebe zu gedruckten Wörtern kennen. Verschwunden die äußerliche Druckerschwärze auf Papier, hier bricht die Phantasie und Wortgewalt über das Kind - Worte, die Leben rettet und eine fiktive Welt jenseits der tödlichen Realität entstehen lässt.
Daneben nutzt der Tod die Gelegenheit, um mit einigen Vorurteilen aufzuräumen. Er erzählt von seiner Abneigung gegenüber seinem Beruf, besitzt in seinen Phrasen eine Art menschliches Mitgefühl, ja, eine gewisse Sympathie für den Menschen.
„Ich habe keine Sense.
Ich trage nur den einen schwarzen Kapuzenmantel, wenn es kalt ist.
Ich habe auch kein Totenschädelgesicht, das ihr mir so gerne andichtet.
Wollt ihr wissen, wie ich wirklich aussehe?
Ich sage es euch. Schaut in einem Spiegel.”
Zusak schafft es, einfühlsam und ergreifend zu schreiben, ohne die Verwendung von Pathos, ohne Abgleiten in Kitsch wird die Hochherzigkeit in ihrer ganzen Pracht transportiert. Menschlichkeit, Opferbereitschaft, Zusammenhalt, die jene Zeit erträglicher macht und ein Beweis dafür ist, dass die Hoffnung an das Gute noch nicht aufgegeben wurde. Nebenbei wird die Leidenschaft zur Literatur geboren. Gutes Buch, guter Autor.
Blanvalet, gebunden 2008, 592 Seiten, 19,95€ ISBN: 978-3764502843
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Das Doppelleben des Vermeer” von Luigi Guarnieri
18.11.2009 von Patrick.
„Endlich stand er vor dem Vermeer, den er strahlender in Erinnerung hatte, noch verschiedener von allem, was er sonst kannte, auf dem er aber dank dem Artikel des Kritikers zum ersten Mal kleine blaugekleidete Figürchen wahrnahm, ferner, dass der Sand rosig gefärbt war, und endlich auch die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks. Das Schwindelgefühl nahm zu; er heftete seine Blicke – wie ein Kind auf einem gelben Schmetterling, den es gern festhalten möchte – auf das kostbare kleine Mauerstück. So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. Meine letzten Bücher sind zu dürr, ich hätte die Farbe in mehreren Schichten auftragen, hätte meine Sprache so kostbar machen sollen, wie dieses kleine gelbe Mauerstück es ist.“
Aus Marcel Proust „Eine Liebe Swanns“.
Dieser Roman beginnt mit der Verhaftung von Han van Meegeren im Jahre 1945, dem man Handelsbeziehungen mit dem Feind vorwirft. Angeblich soll er dem Nazischergen und Kunstliebhaber Hermann Göring nationales Kulturgut, Vermeers Gemälde „Christus und die Ehebrecherin“ verkauft haben. Nach etlichen unerbittlichen Verhören der niederländischen Polizei, gesteht van Meegeren, dieses Bild selbst gemalt zu haben. Da niemand bereit ist, ihm zu glauben, sieht er sich gezwungen, sein Geständnis zu beweisen. Und dies ist schwieriger, als eine Fälschung zu verkaufen. Was folgt ist die unglaubliche Biographie des wohl bedeutendsten Kunstfälschers aller Zeiten.
Die verletzte Eitelkeit van Meegerens, oder VM – wie er konsequent in diesem Buch genannt wird – durch die vernichtende Kritik seiner Bilder, führt zu Auflehnung und Verachtung gegenüber der Meute von Koryphäen und Journalisten der Kunstwelt.. Er wagt den Entschluss, die gesamte Kunstszene unwiderruflich in ihren Grundfesten zu erschüttern, indem er sie bloßstellt und die Gesellschaft an deren Gutachten zweifeln lässt. Er wird ihnen ein verschollenes Werk des Jan Vermeer präsentieren, welches zweifellos aus dem 17. Jht stammen könnte und jeglicher Analyse standhalten wird. Der Leser darf VM während der Entstehung dieses Gemäldes über die Schulter blicken. Uns werden die verwendeten Farben, die Techniken, die möglichen Motive, die Signatur von Vermeer und das „Craquelé“ – die entstandenen Risse nach Trocknung der Farben fachmännisch nahe gelegt, so technisch und sachlich beschrieben wie aus der Diplomarbeit eines Kunststudenten. Die Besonderheiten der Vermeer-Gemälde werden erläutert und selbstredend – seine Biographie.
Die Fakten entsprechen der Realität, doch hätte dem Buch eine Prise Dichtung sicherlich gut getan. Der Lesespaß lässt kurzzeitig nach, wenn Guarnieri ausschweift und seine eigentliche Geschichte aus den Augen verliert. Kehrt er jedoch zurück zur Biographie des VM, kehrt mit ihr das Vergnügen des Lesers zurück.
„Mehr als zweihundert Jahre nach seinem Tod berührt uns Vermeer immer noch so sehr, weil seine Bilder – vielleicht – rückwärts gewandte Sehnsucht, unmögliche Liebe, Einsamkeit evozieren. Weil seine rätselhaften, stillen Gestalten traumhafte Darstellungen der Schönheit, der Leidenschaft, der Ewigkeit sind – das, was alle undeutlich und unbewusst suchen, ohne es finden zu können.“
Kunstmann-Verlag, gebunden 2005, vergriffen, 240 Seiten ISBN: 978-3888973819
Geschrieben in Patrick, Roman | 2 Kommentare »
“Zugvögel” von Josef Haslinger
23.10.2009 von Patrick.
Josef Haslinger schickt einen Ich-Erzähler auf Reisen, vielleicht ihn selber, trägt er doch in der letzten von insgesamt sieben Erzählungen seinen Namen. Seine Wege führen nach Ostdeutschland, an die kroatische Küste und sogar jenseits des Atlantiks. Nicht die Orte fallen in sein Blickfeld, vielmehr sind es die Menschen, die er dort trifft. Ein Wiedersehen an vergangene Zeiten. Menschen, die er aus den Augen verloren hat, und nun feststellen muss, wie die Zeit mit ihnen umgegangen ist.
„Ich hatte in Frankfurt zu tun“ oder „eine Nachricht meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter“ sind Anlass genug, um Haslinger zum Niederschreiben seiner Erlebnisse – oder die seines fiktiven Ich-Erzählers - zu bewegen. Ein Treffen mit seinem Jugendfreund, der heute nach einem Schlaganfall noch mit den Nachwirkungen kämpft und seinen Freund an Erinnerungen eines Mädchens wiederzubeleben versucht. Die Rückkehr zum Ort seiner Kindheit, wo er versucht, einen Nachbarstreit zu schlichten. Ein Besuch bei einem drittklassigen Musiker, um dort als Dealer verwechselt und als solcher unsanft behandelt zu werden.
Da die letzte Erzählung „Amerika – ein Reiseepos“ als reiner Text weniger überzeugt, liegt im Buch eine entsprechende CD bei, auf der der Autor diese eigens vorliest und sogar den Budweiser-Rap, nun ja, überaus… mutig vorträgt. Auf jeden Fall hörenswert.
Gemeinsam erlebte Augenblicke werden mit der nüchternden, heutigen Betrachtung gekreuzt, sporadisch niedergeschrieben, wobei die konsequente Kleinschreibung die Notizartigkeit der jeweiligen Erzählung verstärkt. Die Sätze sind recht einfach gehalten, hochgeschraubte Kunstformen weichen dem vertrauten Plauderton, um die Authentizität hervorzuheben. Haslinger präsentiert in diesem Buch den Alltag mit verschärftem Blick auf die unscheinbaren Dinge und macht einige (nicht alle!) der Erzählungen zu einem gelungenen Abbild des Lebens.
Ein weiterer Beweis, dass das Leben nicht aus weltbewegender Action bestehen muss, um erkennen zu lassen, ein gelebtes Leben für sich beansprucht zu haben.
Fischer- Verlag, kartoniert 2007, 203 Seiten, 8,95 €, ISBN: 978-3596154500
Geschrieben in Patrick, deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Erzählung/en | Keine Kommentare »
“Die toten Seelen” von Nikolai Gogol
8.10.2009 von Patrick.
Was ist schon eine Seele wert, wenn der Held der Geschichte vor den Gutsbesitzern Russlands tritt und wie Mephisto um die Seelen seiner Bauern feilscht? Nicht so viel wie man annehmen könnte, kriegt er sie meist schon geschenkt. Sein Augenmerk liegt auf die Namen und Seelen verstorbener Bauern, die in den Revisionslisten noch als lebend verzeichnet sind und für die der Gutsbesitzer bis zur nächsten Revision weiterhin Kopfsteuer zahlen muss. Aus dem Grund sind viele der Eigentümer dankbar, ihre Unterschrift unter dem Kaufvertrag setzen zu können. Der Leser erfährt erst spät, was den Helden antreibt, wie sein Lebenslauf aussieht und was es mit dem Kauf der Seelen auf sich hat – doch wird ihm sehr früh klar, dass er betrügt und über eine ausgeprägte teuflische Ader verfügt. Kein wahres Wort verlässt seine Lippen, keine Geste ist aufrichtig. Er übt seine Rolle in Perfektion aus, blendet seine Mitmenschen, indem er ihnen nach dem Mund redet, ihnen Interesse vortäuscht. Jedes seiner Reuebekenntnisse ist verflogen, sobald die sündhaften Luxusgüter der westlichen Welt seinen Blick streifen. Er schließt Bekanntschaft mit den Beamten, Politikern und Stadtverwaltern der Stadt, reist von Hof zu Hof um die Gutsbesitzer von seinem Vorhaben zu überzeugen. Diese aber reagieren und handeln ihrerseits eingegrenzt durch die Fesseln ihrer verwerflichen Eigenschaften. Geiz, Aberglaube, Wollust und Völlerei – um nur einige zu nennen, werden durch sie auf glänzende Weise karikiert, mit sehr viel Witz und Augenzwinkern vorgeführt. Dabei wirken diese stereotypen Menschen ironischerweise selbst wie leblose Gestalten. Oscar Wilde schrieb im „Brief aus dem Gefängnis“ an seinem Freund Alfred Douglas ziemlich treffend über ihn, was man auch für jene Gutsbesitzer hätte nutzen können, um sie zu beschreiben:
„Man kann Verblendung so weit treiben, dass sie grotesk wird, und eine phantasielose Natur, wenn nichts geschieht, was sie aufrüttelt, wird schließlich zu völliger Fühllosigkeit versteinern, so dass der Leib zwar essen und trinken und seinen Genüssen frönen mag, die Seele aber, die er beherbergt, wird gänzlich abgestorben sein, wie die Seele des Branca d’Oria bei Dante.“
Überhaupt verfügt Gogol über eine große Menschenkenntnis, weiß um deren Schwächen und Eigenarten, die er in grotesken Szenen und Beschreibungen auf die Spitze treibt; durch seine überzeichnete Weise wird umso deutlicher, dass der Mensch nur eine groteske Abbildung seiner Selbst darstellt. Der erste Teil des Buches ist faktisch ohne positive Figuren besetzt, was nicht bedeuten soll, dass diese Figuren grundlegend schlecht sind. Wenn der Geizhals den Schimmel vom Zwieback kratzt, um ihn dem Gast vorzusetzen, zeigt es die hilflose Versklavung seiner Lebensart. Doch schon der zweite Teil lässt hingegen einige viel versprechende Lichtblicke zu, sofern dieses löchrige Manuskript dies gestattet. Der fehlende Rest wurde Opfer der Flammen.
„Der jetzige feurige Jüngling wiche voller Entsetzen zurück, zeigte man sein Bild im Alter. Wenn ihr die sanften Jünglingsjahre verlasst und in das raue, hart machende Mannesalter eintretet, so nehmt alle menschlichen Regungen mit, lasst sie nicht am Wegrand liegen, ihr hebt sie dann nicht mehr auf! Furchterregend, entsetzlich ist das vor euch liegende Alter, und es gibt nichts wieder heraus oder zurück! Barmherziger als es ist das Grab, auf dem Grab steht: Hier liegt ein Mensch begraben! Doch nichts liest man in den kalten, gefühllosen Zügen des unmenschlichen Alters.“
Gogol wird nicht müde, vor den Gefahren der Verlockung des Bösen zu warnen. Er sieht den russischen Charakter in Drangsal, den er so wohlwollend ehrt und schätzt, ein Patriot seiner Herkunft. Das Buch ist durchtränkt von der Leidenschaft zu seinem Volk, seinem Land und es macht einfach Spaß, ihm dabei zuzuhören. Die Versuchungen westlicher Einflüsse schreibt er dem Teufel zu und kennt die Handhabung, ihnen zu entgehen:
„Ich weiß aus Erfahrung, Bruder: All die dummen Gedanken kommen einem nur in den Kopf, wenn man nicht arbeitet.“
Zu der Frage, ob man seine Zeit einem Fragment opfern soll, ihr kann ich heftig nickend zustimmen. Im ersten vollständigen Teil ist alles enthalten, was zu erfahren sich lohnt. Die Fortsetzung stellt den zukünftigen Werdegang Tschitschikows dar, der wohl zum ersten Mal mit einem frommen Menschen zusammentrifft, der aus Dostojewskis Feder entsprungen sein könnte. Insofern ist es nicht zu tragisch, wenn die Geschichte hier endet. Die Gefahr, in allzu christlich geprägten Ideologien zu stranden, wäre an dieser Stelle nicht gering.
Patrick
Geschrieben in Patrick, Klassiker, Krümel | Keine Kommentare »
“Carmen” von Prosper Mérimée
29.9.2009 von Patrick.
Die Zigeunerin Carmen hatte ihn davor gewarnt, sich in sie zu verlieben. Doch seine Liebe, dieser beharrliche Dämon, ließ keine andere Entscheidung zu. Er verzehrt sich nach ihr, ohne zu ahnen, dass er sich dadurch selbst vernichtet.
Der Dragonerkorporal Don José begegnet während der Bewachung einer Zigarrenfabrik dieser schicksalshaften Frau, die nach einem Zwischenfall festgenommen werden soll. Die Waffen einer Frau sind nicht unbekannt, so dass sie hier nicht explizit beschrieben werden müssen. Ihr gelingt durch Überredungskünste die Flucht. Seine Schwäche hat die Herabstufung des Dienstgrades zur Folge, sowie einen Monat Gefängnis.
„Jetzt stehst du schlecht da; wenn du deinen Ruf bei den Oberen wieder in Ordnung bringen willst, musst du zehnmal mehr arbeiten als am Anfang, wo du Rekrut warst! Und weswegen habe ich mir die Strafe zugezogen? Wegen einer Göre von Zigeunerin, die sich über mich lustig gemacht hat, und die in diesem Augenblick irgendwo in der Stadt stehlen geht. Und doch musste ich wieder an sie denken. Glaubt mir, Herr, ihre löchrigen Seidenstrümpfe, die sie mich bis oben sehen ließ, als sie flüchtete, die sah ich immer noch vor mir. Ich schaute zwischen den Gefängnisgittern auf die Straße hinab, aber ich sah unter den Passantinnen keine einzige, die es mit diesem Teufelsmädchen aufnehmen konnte.“
Dieses Ereignis hätte als belehrende Lektion in den Akten verschwinden können, wenn das Schicksal ihre Wege nicht ein weiteres Mal hätte kreuzen lassen. Ihretwegen vernachlässigt er seine Pflichten als Soldat und ihretwegen gerät er ins kriminelle Milieu, wo er zum Anführer einer Schmuggler- und Diebesbande avanciert. Seine unbezähmbare Leidenschaft treibt ihn ins persönliche Unglück, denn er plündert, mordet und merkt doch nicht, dass Carmen, der Inbegriff der Femme fatale, ihn als willenlose Marionette benutzt. Zu zügellos und freiheitsliebend sind ihre Gebaren, als dass sie sich ernsthaft auf eine feste Bindung einlassen könnte. Aber sie hatte ihn ja gewarnt, denn:
„Weißt du, mein Sohn, ich glaube, ich liebe dich ein bisschen. Aber das wird nicht halten. Hund und Wolf halten es nicht lange miteinander aus.“
Seine Liebe und somit auch die Eifersucht wachsen kontinuierlich, der gesellschaftliche Absturz und die Erniedrigung bestärken ihn zusätzlich, statt ihm die Augen zu öffnen. Er bringt seine Nebenbuhler um, unterliegt Carmens fast hypnotischer Macht und ist nicht mehr Herr seiner selbst.
Mérimée lässt aus einem eigentlich beflügelnden Gefühl wie der Liebe eine mitunter tödliche Krankheit keimen, so wie jede positive Eigenschaft unter bestimmten Umständen ins Negative umkippen kann. Nüchtern und klar ist seine Sprache, distanziert und um Authentizität bemüht, wie explizit anhand der beigefügten Daten bezüglich der Geschichte, Sprache und Lebensart der Zigeuner dargestellt wird. Carmen wird hier zum Symbol einer zerstörerischen Kraft emporgehoben, die in der späteren Literatur zum zentralen Motiv aufrückt - die Femme fatale. Die unkontrollierbare Psyche, der Verlust romantischer Richtlinien, die unbezähmbare Leidenschaft mit ihrem Hang zum Fatalismus und die Frage nach der persönlichen Freiheit machen „Carmen“ zu einem Schlüsselwerk in der Literatur.
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, weist die Liebe nicht nur schöne Seiten auf, sondern kann wie in diesem Roman auch eine diabolischen Macht aufweisen. Carmen fasziniert, im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie verzaubert die Männer in ihrem Umfeld, um sie für ihre Zwecke einzuspannen. Ernste Gefühle sind hier Fehlanzeige, denn ihre Selbstbestimmtheit und Freiheit sind für sie das höchste Gut. Sie verteidigt sie bis zum Schluss und bezahlt dafür mir ihrem Leben. Es ist ein unterhaltsames Buch, dessen nüchterne Sprache den Realismus und die Objektivität betonen soll. Erst durch die gleichnamige Oper wurde “Carmen” jedoch weltberühmt.
Diogenes, broschiert 2008, 126 Seiten, 6,90€ ISBN: 978-3257237702
Geschrieben in Patrick, Erzählung/en, Klassiker | Keine Kommentare »
“Schloss Gripsholm” von Kurt Tucholsky
2.9.2009 von Patrick.
Dieser federleichten Sommerkomödie ist ein fiktiver Briefverkehr zwischen dem Verleger Rowohlt und dem Autor vorangestellt, der ersucht wird, nach so viel politischen Romanen endlich wieder eine Liebesgeschichte zu schreiben. Etwas Romantisches, um es der Freundin zu schenken, mit buntem Cover versehen. Dabei, gibt Tucholsky zu, verstünde er doch nichts von Liebe.
„Ja, eine Liebesgeschichte … lieber Meister, wie denken Sie sich das? In der heutigen Zeit Liebe? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch?
Dann schon lieber eine Sommergeschichte.“
Die Briefe sind fiktiv, die anschließende Reise nach Schweden ebenfalls. Die Hauptfigur jedoch ist er selbst, Kurt Tucholsky, begleitet von seiner Freundin Lydia, genannt Prinzessin, inspiriert von seiner 4-jährigen Liebesbeziehung zur Verlegerin Lisa Matthias und seiner Schwärmerei zu Schweden. Beide sind sie auf dem Weg in den Urlaub, finden Unterschlupf in einem leer stehenden Anbau des „Schloss Gripsholm“, eine Attraktion für zahlende Touristen.
„Wie heißt er denn nun eigentlich?“ fragte Billy entrüstet. „Mal sagst du Peter zu ihm und mal Daddy und jetzt wieder Fritzchen…!“ – „Er heißt Ku-ert …“ sagte die Prinzessin. „Ku-ert … Dasha gah kein Nomen, - Wenn hei noch Fänenand oder Ullrich heiten deer, as Bürgermeister sinen!“
Nun, ist es denn eine Liebesgeschichte? Die Liebe schimmert durch jede Zeile hindurch, wenn Kurt kleine Marotten und Gewohnheiten seiner Freundin kommentiert und feststellt, gerade das liebe er an ihr. Diese kleinen unscheinbaren Details, die nur ein Liebender bemerkt. Neckende Dialoge zwischen Lydia und Kurt, die meist mit versöhnenden Worten und einem einlenkenden Mann enden. Tucholsky versucht zu deuten, oder vielmehr unternimmt er den Versuch, dem Grund seines Verhaltens zu folgen. Es ist ein Herantasten, inwieweit sich Liebe bemerkbar macht, und er stößt dabei auf sehr viel Weisheit und Wahrheit. Er denkt sich zurück an die Anfänge, die erste Begegnung mit ihr, sucht nach dem Ursprung aufkeimender Liebe, dem Grund irrationaler Handlungen. Er weckt sie sanft, nur um ihre Stimme zu hören, oder er sitzt einfach nur da und bewundert ihre Hände, während sie die Zeitung blättert.
„Ich sah die Prinzessin von der Seite an. Manchmal war sie wie eine fremde Frau, und in diese fremde Frau verliebte ich mich immer aufs Neue und musste sie immer aufs Neue erobern.“
Vordergründig bleibt es allerdings eine harmlose Sommergeschichte, denn es ist Urlaub, Urlaub in Schweden, fern aller Sorgen und Pflichten. Er bleibt dennoch seiner Rolle als Satiriker treu, wenn er unverständliche Ortsnamen, dem norddeutschen Dialekt seiner Freundin oder über Frauen im Allgemeinen auf die Schippe nimmt. Als Dichter entzückt er den Leser mit außergewöhnlichen Satzkonstruktionen, erdichtet hier den Ausspruch „Die Seele baumeln lassen“ und spart nicht an Komik.
„Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher Hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück.“
Die konservative und überholte Moral seiner Zeitumstände ist ein weiterer Punkt, den er thematisiert. Entsetzte Gesichter überall, wenn seine offene Beziehung zu Lydia angesprochen wird, oder er provoziert den Leser, indem er „unmoralisch“ eine Dreiecksbeziehung mit beiden Frauen eingeht. Aber vor allem will er seinen Urlaub genießen.
Er schafft zwar durch die lokale Veränderung einen Kontrast, kann seinem Berliner Alltag jedoch nicht entkommen, denn die Zeit der Rückkehr rückt unaufhaltsam näher. Wehmütig wird der Ton, wenn die Turmglocke ihn wieder daran erinnert, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Die Idylle seines Urlaubs gerät zudem durch die Erzieherin eines Kinderheims ins Wanken. Diese spiegelt die politische Gefahr auf die Demokratie wider, denn ihre brutale, stets übermenschlich korrekte und disziplinierte Art weisen sie symbolisch als nationalsozialistische Bedrohung aus. Die Errettung eines ihrer Schutzbefohlenen durch das Paar kann also als politische Anspielung gelesen werden. Die Geschichte bzw. aktuelle politische Situation ist demnach eine globale Gefahr, die vor keinem Land und keiner Urlaubsidylle halt macht.
„Um ein Haar hätte sie mir leid getan, aber ich wusste, wie gefährlich dieses Mitleid war und wie verschwendet.“
Süddeutsche Zeitung 2007, gebunden 5,90€ ISBN: 978-3866155145
Geschrieben in Patrick, Klassiker | Keine Kommentare »
“Der Immoralist” von André Gide
27.7.2009 von Patrick.
Wir Immoralisten! – Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu fürchten und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhörbare Welt feinen Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des »Beinahe« in jedem Betrachten, häklig, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie ist gut verteidigt gegen plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde! Wir sind in ein strenges Garn und Hemd von Pflichten eingesponnen und können da nicht heraus –, darin eben sind wir »Menschen der Pflicht«, auch wir! Bisweilen, es ist wahr, tanzen wir wohl in unsern »Ketten« und zwischen unsern »Schwertern«; öfter, es ist nicht minder wahr, knirschen wir darunter und sind ungeduldig über all die heimliche Härte unsres Geschicks. Aber wir mögen tun, was wir wollen: die Tölpel und der Augenschein sagen gegen uns »das sind Menschen ohne Pflicht« – wir haben immer die Tölpel und den Augenschein gegen uns!
(aus Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse)
Nietzsche behauptet, die Moral verneine das Leben, weil sie den Menschen in seinen Handlungen beschneidet. Die Moral ist ein Regelwerk, um das Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Der Immoralist hingegen widersetzt sich diesen Normen, er handelt rein egoistisch, nach seinen eigenen Bedürfnissen.
André Gide nimmt dieses Thema auf, in Form des Ich-Erzählers Michel, der nach einer schweren Krankheit das Leben lieben lernt. Vorher lebte er trotz Reichtum bescheiden; um seinen sterbenden Vater zu beruhigen, vermählt er sich mit Marceline. Aus freundschaftlicher Sympathie erwächst Liebe, aus Liebe entsteht ein neues Lebensgefühl.
„Seltsam, der erste Blutsturz hatte mich nicht so beeindruckt; ich erinnerte mich nun, dass er mich fast unberührt gelassen hatte. Woher kam dann jetzt meine Angst, mein Entsetzen? Ach, ich begann das Leben zu lieben! Daher kam es.“
Sie ziehen auf ein gewaltiges Weingut in der französischen Provence, Michel lässt sich von seiner Frau pflegen und genießt das Leben in der Natur. Er findet Freunde in den jungen Söhnen seiner Pächter, lässt sie zu sich nach Hause kommen, bewundert ihre Schönheit und Frische. Vor allem die lasterhaften Jungs haben es ihm angetan. Er schließt sich ihnen an, um gemeinsam auf seinem eigenen Grundstück zu wildern. Seine Freude über unmoralische Tätigkeiten beflügelt ihn richtiggehend.
„Vielleicht fiel mir dieser Zwang zur Lüge anfangs ein wenig schwer; aber ich kam schnell dahinter, dass die Dinge, die man für die schlimmsten ausgibt (die Lüge, um nur dieses eine zu nennen), nur schwierig sind, solange man sie nicht getan hat; dass aber jedes durch Wiederholung sehr schnell leicht, angenehm, köstlich und bald selbstverständlich wird.“
Vermehrt sucht er Gefallen an materiellen Dingen, die, anfangs noch unbedeutend, immer wichtiger erscheinen. Er sucht nach neuen Sinneswahrnehmungen, nach Glückseligkeit, doch er ist nicht imstande diese umzusetzen. Die wachsende Unruhe verhindert, dass er sich einer Tätigkeit hingeben kann. Er wechselt immer häufiger seinen Wohnort, fühlt sich gedrängt weiter zu ziehen, aus Angst, etwas zu verpassen. Dass seine Frau schwer erkrankt, interessiert ihn nicht. Ohne Rücksicht reist er von Ort zu Ort, opfert sie, um sein Glück zu finden. Im Orient schließlich lebt er seine homosexuellen Phantasien aus, ein weiterer Akt wider die Moral, die vom Christentum geprägt ist. So irrt er durch die Lande, frei von jeglichen Konventionen, doch seine erlangte Freiheit quält ihn, erdrückt ihn.
„Manchmal scheint mir, als hätte mein eigentliches Leben noch gar nicht begonnen. Reißt mich jetzt hier heraus, und gebt meinem Dasein einen Sinn. Ich selbst weiß keinen mehr zu finden. Ich habe mich befreit, das ist möglich; aber was bringt das? Ich leide unter dieser untätigen Freiheit. Glaubt nicht, dass ich meines Verbrechens müde wäre, wenn ihr es so zu nennen beliebt, aber ich muss mir selbst beweisen, dass ich mein Recht nicht überschritten habe.“
Gide demonstriert am Beispiel von Michel, dass die absolute Freiheit keine endgültige Befreiung bedeutet. Ohne höheren Zweck ist man verloren, ohne Halt, ohne Sinn. Die Moral dient hier als Brüstung, um nicht vollständig den Halt zu verlieren und in die Sinnlosigkeit abzustürzen.
DTV, kartoniert 1997, 144 Seiten, 8€ ISBN: 978-3423123457
Geschrieben in Patrick, Roman | 3 Kommentare »

