Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Patrick.
- Biographie (38)
- Bücher-Tipps (176)
- Christine † (74)
- Daniel (9)
- deutschsprachige Gegenwartsliteratur (101)
- Erzählung/en (51)
- Gedicht (2)
- Heike (63)
- Highlights (9)
- History/Fantasy (40)
- Jan (61)
- Kalender (6)
- Kerstin (33)
- Klassiker (83)
- Krimi/Thriller (23)
- Krümel (272)
- Kurzportrait (5)
- Lesung (3)
- Literaturthemen (188)
- LS-Ticker (16)
- mArtinus (10)
- Monika (6)
- Patrick (36)
- Rebecca (42)
- Roman (274)
- Sabine (4)
- Sachbuch (32)
- Satire (5)
- Sigrid (8)
- Stefanie (1)
- Ursula (1)
- Uwe (1)
- Valerija (3)
- Werke (4)
- 22.5.2012: "Herr aller Dinge" von Andreas Eschbach
- 19.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 17.5.2012: "Die schöne Frau Seidenmann" von Andrzej Szczypiorski
- 15.5.2012: "Small Country" von NickHornby
- 12.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 10.5.2012: „Muttersohn“ von Martin Walser
- 8.5.2012: "Die Musterschüler" von Michael Köhlmeier
- 5.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 3.5.2012: "Imperium" von Christian Kracht
- 1.5.2012: "Der Schwarm" von Frank Schätzing
aktuelle Lektüre
Literatur-Links
Meine Seiten
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
- Dezember 2011
- November 2011
- Oktober 2011
- September 2011
- August 2011
- Juli 2011
- Juni 2011
- Mai 2011
- April 2011
- März 2011
- Februar 2011
- Januar 2011
- Dezember 2010
- November 2010
- Oktober 2010
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- März 2010
- Februar 2010
- Januar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- Oktober 2009
- September 2009
- August 2009
- Juli 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
- Dezember 2008
- November 2008
- Oktober 2008
- September 2008
- August 2008
- Juli 2008
- Juni 2008
- Mai 2008
- April 2008
- März 2008
- Februar 2008
- Januar 2008
- Dezember 2007
- November 2007
- Oktober 2007
- September 2007
- August 2007
- Juli 2007
- Juni 2007
- Mai 2007
- April 2007
- März 2007
- Februar 2007
- Januar 2007
- Dezember 2006
- November 2006
Archiv der Kategorie Patrick
“Die schöne Frau Seidenmann” von Andrzej Szczypiorski
17.5.2012 von Krümel.
Opfer und Verbrecher, Helden und Verräter, Rebellen und Ignoranten bevölkern die Straßen Warschaus während der deutschen Besatzung. Dieses Buch beinhaltet 21 leicht miteinander verwobene Erzählungen, die sich im näheren Umkreis der polnischen Jüdin Seidenman bewegen. Durch unglückliche Umstände gerät sie in deutsche Gefangenschaft. Daraufhin wird eine zufällige Kette an Ereignissen mobilisiert, um sie zu befreien. Antrieb und Beweggründe eines jeden Invidiuums auf polnischer wie auf deutscher Seite beleuchtet Szczypiorski auf überzeugende und kritikfreie Weise. Prinzipientreue, Pflichtbewusstsein und Urteilvermögen, manchmal auch die Liebe und Barmherzigkeit zeichnen den Grenzverlauf zwischen der politischen und menschlichen Verantwortung. Kein Mensch ist ohne Sünde, Schuldzuweisung sucht man hier vergebens, und das macht es schwer vorauszusehen, auf welche Seite wir uns geschlagen hätten.
“Besser sein auf jedem Gebiet, unerreichbar sein, das ist deutscher Ehrgeiz. Am schönsten komponieren, am produktivsten arbeiten, am klügsten philosophieren, am meisten besitzen, am effektivsten totschlagen! Es gibt nichts Grausameres. Keine Moskauer Vorstellung kommt dieser geradlinigen, ehrlichen Leidenschaft zu führen gleich, die den deutschen Geist geprägt hat. Die Heuchelei des Moskowiters ist schrecklich und zerstörerisch, aber sie ist nie vollkommen, stets kann man einen Riss finden, einen Sprung, durch den ein klein wenig von der einfachen Menschenseele sickert.”
Deutschland von außen betrachtet, ein Blick ins polnische Ghetto riskiert und durch genaues Beobachten erkannt, dass der menschliche Kern auf beiden Seiten der Grenze noch nicht ausgetrocknet ist.
Patrick
Süddeutsche Zeitung / Bibliothek 2004, Übersetzung: Klaus Staemmler, Hardcover vergriffen, 219 Seiten, ISBN: 978-3937793368
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Mit brennender Geduld” von Antonio Skármeta
7.2.2012 von Krümel.
Mario Jiménez, der Sohn eines Fischers, möchte aus der Tradition der Familie treten und einem, wie er meint, ordentlichem Beruf nachgehen. Er bewirbt sich als Postbote und erhält eine Route, in der es bloß einen Kunden zu beliefern gibt: Den chilenischen Dichter Pablo Neruda. Langsam entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen beide Männer, gefestigt durch Nerudas Gedichtszeilen. Sie werden zum Auslöser jener ungleichen Beziehung und zum Köder für Marios zukünftige Frau. Sie sind es auch, die Mario in die Welt der Intellektuellen entführt.
Dieses Buch ist als Hommage an den weltberühmten Dichter gerichtet, wo die Verleihung des Nobelpreises ebenso Erwähnung findet wie seinen Einstieg in die Politik, wo er unter Allendes Regierungszeit als Konsul in Europa tätig war. Die fiktive Freundschaft zu Mario reißt nie ab, lässt sie so doch die Nähe zum chilenischen Volk erkennen, die Neruda angestrebt hat.
Fasziniert an diesem Buch hat mich die Sprache Skármetas, eine Schatulle voller Satzperlen. Ich frage mich, ob und inwieweit er von Nerudas Gedichten abgeschrieben hat um so gelungen jene aufkeimende Liebe zu beschreiben. Die politischen Streifzüge werden von einem nüchternden Ton übernommen, der Neruda bis zu den Füßen seines Grabes begleiten wird.
Der Buchdeckel spricht von einem Roman über Freundschaft und Liebe, über Poesie und Leidenschaft, über Freiheit und Politik.
Patrick
Piper Verlag 2004, Übersetzung: Willi Zurbrüggen, Taschenbuch 8,99 €, 160 Seiten; ISBN: 978-3492226783
Geschrieben in Patrick, Klassiker | Keine Kommentare »
“Der letzte bekannte Wohnsitz des Mickey Acuna” von Gib Dagoberto
14.12.2011 von Krümel.
Das YMCA von El Paso ist der Ort für hoffnungslos Gestrandete, billige Zimmer mit Bad im Flur, pappdünnen Wänden im trübsinnigen Anstrich voneinander getrennt. Mickey Alcuna möchte nur kurzzeitig einmieten, weil vielversprechende Post auf ihn wartet, dessen Inhalt ungewiss bleibt, womöglich ein mit Geld gefüllter Umschlag, um in seinem Leben endlich durchstarten zu können. So richtet er sich ein und überbrückt sein Warten mit den neuen Nachbarn, die sich mit Geschichten über Wasser halten, Geschichten über bessere Zeiten, die manchmal den realistischen Rahmen verlassen. Mickeys erlebte Erzählungen werden derart mit fiktiven Elementen verdünnt, bis es ihm unmöglich wird, von Erlebtem und Ausgedachten zu unterscheiden. Die misstrauischen Blicke seiner Freunde lassen ihn erkennen, dass er allmählich verrückt wird. Als Leser unterhaltsam, wenn sich angebliche Ereignisse als Missverständnisse herausstellen.
Sehr plastisch schildert Gilb diese Welt der Gescheiterten, die irgendwie alle auf Post warten, die einzig verbeibende Hoffnung auf den Freibrief aus der Misere. Und alle werden sie enttäuscht, wenn die Fächer leer bleiben. Es enthält etwas Absurdes à la Godot, der nie in Erscheinung tritt. Einziger Trost findet sich bei den abendlichen Flirts und in der Kantine des YMCA, wo regelmäßig Tischtennisturniere unter Bewohnern stattfinden - Spiel als existentieller Lebensinhalt, weil jeder Mensch mal einen Erfolg benötigt um nicht unterzugehen.
Patrick
Bvt Berliner Taschenbuch Verlag 2003, Übersetzung: Werner Schmitz, TB vergriffen, 272 Seiten, ISBN: 978-3442761548
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Perlmanns Schweigen” von Pascal Mercier
20.9.2011 von Krümel.
Erzählt wird die Geschichte Perlmanns, dessen Leidenschaft als renommierter Sprachwissenschaftler erloschen ist und sich durch seine Schwäche im Durchsetzen nicht imstande fühlt, es seinen Kollegen zu erklären. Und deshalb wird er an einem Seminar teilnehmen, wo neue Ideen besprochen werden sollen. Ideen, die Perlmann seit Monaten nicht aufs Papier gebracht hat. Die Erwartungshaltung seiner Kollegen treibt ihn in die Enge und zwingt ihn zu Handlungen, die seinen erfolgreichen Lebenslauf vernichten werden.
Mercier erschafft hier ein detailliertes Psychogramm, dass stellenweise an Dostojewskis “Schuld und Sühne” erinnert. Brilliant beschrieben die Hoffnungslosigkeit, die treibende Angst aufzufliegen, die ihn am Rand des Selbstmordes treiben. Allerdings braucht es einige Zeit, bevor der Roman an Fahrt gewinnt, Merciers Präzision lässt das Buch langatmig wirken, Wiederholungen stellen sich ein. Teil eins ist als Vorbereitung zu verstehen, Teil zwei als Ausführung, der wesentlich rasanter erzählt wird. Ein Krimi der Extraklasse.
Patrick
btb Verlag 1997, Taschenbuch 13 €, 640 Seiten, ISBN: 978-3442721351
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Allerseelen” von Cees Nooteboom
3.5.2011 von Krümel.
Nach dem tragischen Tod von Frau und Kind vor 10 Jahren, lebt der niederländische Filmemacher Arthur Daane isoliert im Nirgendwo. Getrieben von den Geistern seiner Vergangenheit reist er von einem Krisengebiet ins Nächste, um Dokumentarfilme für die breite Masse abzuliefern.
“Ich weiß, dass du zwei Pole in deinem Wesen hast” sagte der Redakteur, “Reflexion und Aktion; aber mit Reflexion schafft man nun mal keine Einschaltquoten.”
Sein Traum aber ist ein Film anderer Art. Ein privates Projekt gegen den oberflächlichen Mainstream. Er filmt die Stille, die Vergänglichkeit… und die findet er im winterlichen Berlin - die Stadt mit der noch frischen Narbe im Gesicht. Er schlendert durch die verschneiten Straßen und sammelt Eindrücke, Fragmente von Vergänglichkeit, die in seiner Wohnung meterhoch auf Filmrollen verstauben. Der Umgang mit Geschichte ist uns abhanden gekommen, der rasante Lebensstil legt die Belanglosigkeit eines Menschen offen, Todesopfer als Zahl reduziert, verlogene Mahnmale, unvollständige Statistiken in Geschichtsbüchern, zügiges Vergessen als Abwehrreaktion. Das kollektive Gedächtnis verblasst und verweht wie die flüchtigen Fußspuren im Schnee.
“Wir sind die größten Helden der Geschichte, wir müssten bei unserem Tod alle dekoriert werden. Keine Generation hat je soviel wissen, sehen, hören müssen, Leid ohne Katharsis, Scheiße, die man in den neuen Tag hinein schleppt.”
So bruchstückhaft wie seine Aufnahmen ist auch der Roman. Er lebt von den Überlegungen und Gedankenspielen seiner Freunde, die am Stammtisch jede Floskel nutzen, um metaphysische Gespräche zu führen, wo nicht selten Hegel und Nietzsche bemüht werden. Es macht Spaß, ihnen zuzuhören, wenn sie über Sinn und Unsinn des Lebens philosophieren. Auch das wiedervereinigte Deutschland wird gerne zum Thema herangezogen um über die paradoxe Haltung des Volkes hinzuweisen und deren Versäumnis:
“Ich bin darüber im Bilde, dass auf höheren Schulen in Holland Philosophie gar nicht oder nur wenig unterrichtet wird und vermutlich überhaupt keine deutsche Philosophie, aber Unwissenheit kann man auch übertreiben. Andererseits können Sie wahrscheinlich nicht viel dafür. Wie Heinrich Heine schon sagte: In den Niederlanden passiert alles immer erst fünfzig Jahre später.”
“Das ist dann wohl der Grund dafür, warum Mainz, Hamburg und Düsseldorf kein Heine-Standbild haben wollten und warum sogar noch 1965 Rektor und Senat ihre neue Universität nicht nach Heine benennen wollten und die überwiegende Mehrheit der Studenten auch nicht.”
“Sie wollen sagen, weil Heine Jude war?”
“Diese Schlussfolgerung überlasse ich ihnen. Ich denke, es kam daher, weil Heine ein intelligenter Spötter war und dass man hierzulande hundert - wie sie wissen, sind das zweimal fünfzig - Jahre später noch immer nicht erträgt. Das Standbild, von dem ich gerade sprach, steht inzwischen in New York, in der Bronx. Dort fühlt es sich wahrscheinlich auch wohler.”
Dieser Dialog zwischen Lehrer und Schüler erinnerte mich an Tucholsky, der irgendwo schrieb: “Die Zahl der deutschen Kriegerdenkmäler zur Zahl der deutschen Heine-Denkmäler verhält sich hierzulande wie die Macht zum Geist.”
Der Ton des Buches ist Schwermut und Melancholie über den mutwilligen Versuch, die Ereignisse vor dem Vergessen zu retten. Als Rahmenhandlung dient eine anrüchige Liebesbeziehung, die am Ende keine Spuren hinterlassen wird. Auch sie bildet ein weißes Blatt im großen Buch der Weltgeschichte.
Patrick
Suhrkamp Verlag 2000, Übersetzung: Helga von Beuningen, Taschenbuch 10 €, 440 Seiten, ISBN: 978-3518396636
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Der Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt
11.3.2011 von Krümel.
Eine Stadt im Bankrott erwartet Besuch eines Stadtkindes, das es zu Ruhm und viel Geld gebracht hat. Sie ist die einzige Rettung für die Stadt und deshalb wird sie auf Händen getragen. Und sie ist tatsächlich bereit, Geld zu investieren, eine halbe Milliarde für die Stadt und eine halbe Milliarde verteilt unter den Familien der Stadt… unter einer Bedingung: Ihr soll damaliges Unrecht widerfahren sein und fordert nun Gerechtigkeit, indem man den Schuldigen tötet.
Die Ausgangssituation wurde blendend ausgedacht. Wie verhalten sich die Bewohner nun, in Erwartung des Reichtums. Sind sie des Mordes fähig? Ein Spiel um die Moral und Ethik in der Gesellschaft. Kann man einen Menschen umbringen um 100 vor dem Elend zu retten? Nun, die Lösung ist um so vieles einfacher. Und die Idee wird selbst heute noch sehr erfolgreich angewendet. Eine simple Umformulierung der Fakten, eine Verlagerung der Umstände…
Die Geschichte wurde als Bühnenstück konzipiert, später ein wenig umgeändert, aber doch sehr flüssig lesbar. Das Stück ähnelt einem Musical, mit Refrain, Chor und Musik geformt aus Kirchturmbimmeln und Eisenbahngeräuschen.
Ein interessantes Buch, auch wenn ich gerne die Geschichte des Danach gelesen hätte, ab jenem Zeitpunkt, wo das Geld geflossen ist. Wer treibt die Wirtschaft an, wenn doch jeder genug hat? Wie würde sich eine Stadt im Reichtum verhalten? Wer ginge denn noch arbeiten? Insgesamt sehr lesenswert.
Patrick
Diogenes Verlag 1999, (Neufassung 1980), Taschenbuch 8,90 €, 155 Seiten, ISBN: 978-3257230451
Geschrieben in Patrick, Erzählung/en, Klassiker | Keine Kommentare »
“Ein Vater und seine Tochter” von Emmanuel Bove
15.10.2010 von Rebecca.
Der Kritiker Noel Labord spricht in seiner Rezension im Paris-Soir vom August 1930 von den Gesetzen der bovianischen Welt, in der das Glück keinen Einlass findet.
Bove schreibt über das Scheitern und von unglücklichen Helden, die ihren Platz im Leben verpassen. In dieser Erzählung berichtet Bove von Antoine About, wie er mit allen Mitteln versucht, der Mittelschicht zu entkommen. Doch alle Anstrengungen misslingen, seine Charakterzüge behindern ihn. Er, ein Mensch mit Kommunikationsschwierigkeiten und Minderwertigkeitskomplexen kann den Bedingungen der unbarmherzigen Welt nicht standhalten. Er ist ein Mann ohne Rückgrat, der sich aufgibt und erniedrigt, um zumindest seiner Frau ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Sie aber schämt sich für ihn und verlässt diesen Mann, der wegen seines unansehnlichem Äußeren und der gebückten Haltung “Spinnenbein” genannt wird. Jetzt gilt die ganze Aufmerksamkeit, all seine Liebe der Tochter. Er unterdrückt seine Bedürfnisse, stellt sie in den Mittelpunkt seines Lebens. Doch auch sie wird erwachsen und beginnt, sich für ihren Vater zu schämen. Als Antoine seine Tochter mit einem jungen Mann erwischt, dreht er durch und wirft sie aus der Wohnung. Jahre später nun erhält der einsamste Mensch der Welt ein Telegramm von seiner Tochter, der ihre Rückkehr ankündigt.
Die Erzählung lebt von den beeindruckend psychologischen Beobachtungen des Autors und wird mit Namen wie Proust, Balzac und Dostojewski verglichen. Erstaunlich tiefgründig und packend sein Sprachstil. Im Nachwort schreibt Bettina Augustin: “Wie Kafka, so beschreibt auch Bove das Ungeheuerlichste, als wäre es das Normalste, und der nüchtern-sachliche Ton, der dabei angeschlagen wird, macht die Beklemmung um so drückender. <<Roman begonnen. Ich habe 5 Zeilen geschrieben, aber ich glaube, den Ton gefunden zu haben<<, heißt es im Oktober 1936 in Boves Tagebuch. Dieser Ton ist es, der Bove heute seinen unbestrittenen Rang als großer Außenseiter der französischen Moderne sichert.”
Und dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen.
Geschrieben in Patrick, Klassiker | Keine Kommentare »
“Die dunkle Seite des Mondes” von Martin Suter
23.4.2010 von Krümel.
Ein erfolgreicher Wirtschaftsanwalt und Mittvierziger lernt eine neue Welt kennen, als er die junge Flohmarktverkäuferin trifft. Er ist begeistert vom lockeren Lebensstil dieser jungen Frau und beginnt die Struktur seines eigenen Lebens zu ändern. Eine gewöhnliche Mitlife-Krise, in die er steckt. Lucille, so der Name dieser Frau, lädt ihn eines Tages zu einer Drogenparty ein, die für ihn gründlich schief geht, hat er doch einen Pilz erwischt, der sich mit den anderen nicht verträgt. Durch jenen verhängnisvollen Rausch hat er sein Gewissen abgeschaltet und meuchelt sich nun hemmungslos durch den Tag. Ihm wird im Nachhinein bewusst, was er in Anwesenheit seiner Mitmenschen anstellt, trägt darum die Konsequenz und flüchtet in die Einsamkeit der Wälder. Nun versucht er die unmögliche Suche nach dem seltenen Pilz, um den Rausch zu wiederholen und die schadhafte Stelle seines Geistes zu reparieren.
Soweit die Story, mit der man einige spannende Stunden verbringen dürfte. Wenn sie denn ordentlich erzählt wird. Das aber hat Suter versäumt. Er nimmt sich ein psychologisches Thema vor, vergisst dabei aber die psychologischen Aspekte. Seine Figuren könnten platter nicht sein, nicht einmal ein Schwarz-Weiß-Profil ist erkennbar. Sie haben kein Profil, sie dienen dem Helden eigentlich nur als Richtungsweiser. Selbst der Schicksalsengel Lucille wird nach der Hälfte der Geschichte einfach fallen gelassen, nachdem sie ihre Arbeit, ihm den Weg zu weisen, getan hat. Statt einer ordentlichen Beschreibung der Figuren stopft Suter die Seiten mit völlig nichtigen, unnützen Informationen auf. Er könnte ein ganzes Kochbuch mit Gerichten, die seine Figuren auf ihren Tellern liegen haben, füllen. Anfangs liest sich das Buch noch ansatzweise reizvoll, zum Beispiel die Erkenntnis, dass seine Persönlichkeit einen Schaden genommen hat, später bleibt die Erzählung bloß noch für ambitionierte Pilzsammler und Amateure für Survivaltrainings anziehend. Wir erfahren, wie man Hasen von Eingeweiden befreit und welche Pilzarten in schweizerischen Wäldern heimisch sind, inkl. der lateinischen Bezeichnungen. Quälend lese ich mich durch etliche Wiederholungen, weil der Stoff nicht für 300 Seiten ausreicht und erhoffe mir zumindest ein überraschendes Ende. Doch auch hier werde ich Zeuge einer löchrigen, zufallsgesteuerten Jagd. Ein Buch, das in einer kalten Jahreszeit etwas Wärme zu spenden in der Lage ist - indem man es in den Ofen wirft.
Patrick
Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2006, Hardcover vergriffen (TB 9,90 €), 221 Seiten, ISBN: 978-3866152601
Geschrieben in Patrick, deutschsprachige Gegenwartsliteratur | Keine Kommentare »
“Die Perlmutterfarbe” von Anna Maria Jokl
13.4.2010 von Krümel.
Nach dem 2. WK wird dieses Buch zur meistgelesenen Lektüre in Deutschland. Der eigentlichen Handlung ist die abenteuerliche Rettung des Manuskripts aus dem NS besetzten Prag vorangesetzt. Sie schrieb, wie sie selbst sagt, einen Kinderroman für fast alle Menschen. Der Roman behandelt den Mechanismus und die Entstehung des Naziregimes Deutschlands und transferiert diese Epoche in einem Klassenzimmer. Zwei Schulklassen, die sich nach etlichen Missverständnissen bekriegen. Ganz harmlos steckt sich Alexander versehentlich das selbst gemischte Töpfchen Farbe seines besten Freundes in die Tasche. Zu Hause geschieht ihm ein Missgeschick und versucht nun, die Tat zu verschweigen. Schließlich weiß niemand, dass er die Farbe mitgenommen hat. Aus Feigheit ruht er auf seine Lüge aus, die sich zu seinem Schrecken verselbständigt. Der lange Gruber weiß von dem kleinen Geheimnis, nutzt die Gelegenheit dazu, diese Macht des Wissens auszuspielen und hetzt die Klasse A gegen die vermeintlichen Diebe der Klasse B auf. Alexander muss dieses Spiel mitspielen, wenn er die Aufdeckung seiner Tat vermeiden will. Er wird so gezwungen, gegen seinen besten Freund zu intrigieren. Alle möglichen Charaktere porträtiert Jokl auf überzeugende und authentische Weise. Da gibt es den machtbesessenen Anführer, den Aufrührer, den euphorischen Kämpfer, den Feigling, den Mitläufer, … und …
den neutralen Außenseiter:
“Man soll niemanden unterschätzen. Am wenigsten solche wie Meyer. Sie sind verschwunden, wenn es Gefahr gibt, sie sind immer auf der Seite, wo die Übermacht ist, sie haben die längsten Ohren, sie denken nicht über Recht und Unrecht nach.”
Während die B sich gegen die hetzerische Kampagne der A verteidigen muss und beide vor Blindheit jede Äußerung als Angriff auf sich interpretieren, spaltet sich eine kleine Gruppe von beiden Parteien ab, eine Art Resistance, um die Wahrheit ans Licht zu ziehen. Dabei müssen sie geschickt handeln, denn die Fronten verhärten sich mit jedem weiteren Tag, an dem Alexander schweigt.
Jokl hat eine gelungene Geschichte mit sehr einfachen Mitteln geschrieben. Ohne übertriebene Stilistik und verbale Kunststückchen erzählt sie eine packende Erzählung über Schuld und Verrat, Machtgier und Freundschaft, Misstrauen und Zusammenhalt.
“Die ganze A und B wachsen einem ans Herz, selbst die Schurken unter ihnen und die Drückeberger und Wichtigtuer.” (Die Zeit)
“Voller unvergesslicher Gestalten … Es gibt nicht viele Bücher, in denen ein ganzes Zeitalter vor uns aufersteht.” (SZ)
Patrick
Suhrkamp Verlag 2008, Taschenbuch 8,90 €, 280 Seiten, ISBN: 978-3518460399
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Wissenschaftliche Erzählungen” von Charles Howard Hinton
22.3.2010 von Krümel.
Einen fast vergessenen Autor hat J. L. Borges in seine Bibliothek von Babel aufgenommen. Ein britischer Mathematiker, der die Theorien seiner wissenschaftlichen Beobachtungen in die Erzählungen einfließen lässt. Wir dürfen gewiss sein, einem klugen Kopf Gehör zu verleihen, wenn sich sogar Albert Einstein von ihm inspirieren ließ. Sein Phantasiepotenzial ist gewaltig, allerdings bewegén sich diese Konstruktionen stets innerhalb mathematisch logischer Grenzen. Die erste Erzählung beschreibt die Vorgangsmechanismen einer flachen Welt. Zweidimensionale Figuren und Orte werden hin und her geschoben, durch Diagramme und Tabellen erklärt, gewürzt mittels dieser typischen mathematischen Lehrsätze, die wir noch aus der Schule kennen dürften. Wie verhält sich AB zu CD, … und ja, so trocken diese Sätze damals unter die Schüler gebracht wurden, so liest sich auch das Buch. Die anderen Erzählungen sind nicht anders gestaltet. In “Der König von Persien” strandet der König in einem abgeschotteten Tal, der dem Schöpfer begegnet und ihm ein neues Bewusstsein des Herrschens aufzeigt. Der ihm die Macht über den Menschen verleiht, die ihm nur gelingen soll, sobald er das Glück mit dem Schmerz in Balance gebracht hat. Dies gelingt ihm nur durch mathematische Berechnungen.
Die abstrakten Gebilde und Überlegungen sind wirklich spannend, nur muss man sich die Spannung selbst schaffen, indem man die gleichen Bahnen besteigt wie dieser Autor, die gleiche Phantasie aufbietet, damit seine Welten plastisch erscheinen können. Wer dieses Kunststück schafft, wird seine Freude an dem Buch haben. Ich kann wohl zugeben, dieser Aufgabe nicht gewachsen gewesen zu sein.
Patrick
Büchergilde 2007, Die Bibliothek von Babel Band 10, Leine gebunden Fadenbindung 14,90 €, 152 Seiten, Bestellnummer 158108
Charles Howard Hinton, geboren 1853, war Mathematiker. Er studierte in Oxford und war von 1880 bis 1886 als Lehrer tätig. In Amerika lehrte er zunächst Mathematik in Princeton; später arbeitete er als Patentprüfer in Washington/D.C. In seinem Artikel What is the Fourth Dimension? Von 1880 bezeichnete Hinton die Zeit als vierte Dimension. Diese Idee wurde von Albert Einstein in seiner Relativitätstheorie aufgegriffen. Seine Thesen erläuterte Hinton in mehreren Büchern, darunter eines mit Phantastischen Geschichten. Charles Hinton starb 1907 in Washington/D.C.
Geschrieben in Patrick, Erzählung/en | Keine Kommentare »

