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“Stadt der Diebe” von David Benioff

Dieser Roman ist eine große Überraschung. Es wird nicht einfach nur ein tragisches Schicksal im Zweiten Weltkrieg erzählt, sondern David Benioff verbindet in einzigartiger Weise Kriegsgeschehen, Geschichte einer Jugendfreundschaft und Abenteuerroman. Einzigartig, weil mir in der deutschsprachigen Literatur in dieser Art noch nichts vor die Augen gekommen ist, in Deutschland solch ein Roman auch sicher nicht hätte geschrieben werden können. Humor, Witz, Ernsthaftigkeit, die absolute Bitternis und Unmenschlichkeit des Krieges, Brutalität, Sex und Überlebenskampf – alles das ist in diesem Roman in gekonnter Ausgewogenheit enthalten, der Autor außerdem einen Roman vorgelegt hat, der auf keiner einzigen Seite Langeweile aufkommen lässt. Spannung bis zum Schluss, ein rasanter Drive mit überraschenden Wendungen.

Brian Moore konnte auch spannungsgeladen schreiben, aber ich denke, dieser Benioff hat noch einen Tick mehr, zumal außerdem das Kolorit Leningrad im Jahre 1942 zur Zeit der Belagerung der Nazis für den deutschen Leser schon etwas besonderes ist ,und der Aufhänger des Romans ist einfach genial bemerkenswert, wie wir gleich sehen werden. Verdanken haben wir diese Lokalität Benioffs Großvater, der in Leningrad geboren ward und mit siebzehn Jahren ins berüchtigte Kresty- Gefängnis gesteckt wird, weil er einem deutschen Fallschirmspringer, der tot vom Himmel fiel, ein Messer klaute. Von diesem Großvater, der Lew heißt, handelt dieser Roman. Allerdings ist das schon Fiktion. Im Deutschlandfunk hat Benioff offenbart, sein Großvater sei nie in Leningrad gewesen. Trotzdem, im Roman sitzt Lew im Dunkel seiner Gefängniszelle:

>>Die Nacht würde niemals enden. Die Deutschen hatten die verdammte Sonne abgeschossen, die konnten das, klar doch, ihre Wissenschaftler waren die besten der Welt, die konnten das austüfteln. Die hatten herausgefunden, wie man die Zeit anhält. Ich war blind und taub. Nur die Kälte und mein Durst sagten mir, dass ich noch lebte. Mit der Zeit wirst du so einsam, dass du dich nach den Wärtern sehnst, nur um ihre Schritte zu hören, ihre Wodkafahne zu riechen.<<

Im Gefängnis begegnet er den etwas älteren und lebenserfahrenen Kolja, Angehöriger der Roten Armee, der einsitzt, weil er desertiert ist. Sie glauben, am nächsten Tag umgebracht zu werden, werden aber einem Oberst des Geheimdienstes vorgeführt, der ihnen Gnade verspricht, wenn sie für die Hochzeitstorte seiner Tochter in Leningrad zwölf Eier besorgen können. Ein Ding der Unmöglichkeit, denn in Leningrad werden die letzten Hühner zu Suppen verkocht.

Benioff hat für seinen Roman recherchiert. So las er, wie er am Ende des Romans in den “Danksagungen” schildert “900 Tage. Die Belagerung von Leningrad” von Harrison E. Salisbury und das Buch “Kaputt” von Curzio Malapartes, in dem die Taktik der Deutschen mit den Partisanen geschildert wird. Einmal hören die Freunde Klaviermusik aus irgendeinem Fenster, und es wird bemerkt, Schostakowitsch wohne hier in der Nähe. Allerdings ist es die dichterische Freiheit des Autors, diese Szene in das Jahr 1942 zu verlegen. Historisch korrekt ist, Schostakowitsch befand sich im Jahre 1941 noch in Leningrad und spielte damals bei einer Gelegenheit aus der Leningrader Symphony vor. 1941 verließ er aber auch die Stadt und wohnte dann in Moskau. Roman ist eben Fiktion. Mir haben auch die Dialoge der Jungens gefallen. Natürlich geht es darin hauptsächlich um Frauen, Kolja in diesen Dingen überlegen ist. Diese Dialoge tragen Witz, Charme und sind so unverkrampft, dass es einfach herrlich zu lesen ist. David Benioff, der, wenn er nicht gerade an einem Roman sitzt, Drehbücher schreibt, ist ein begabter Dialogeschreiber. Aus den Dialogen und ihrem Verhalten bilden sich die Charaktere der Protagonisten. Dostojewskij hat auf diese Weise ebenso Charaktere geformt.

Von den Erlebnissen der Freunde möchte ich euch nichts verraten. Lasst euch lieber von diesem herrlichen ungewöhnlichen Roman überraschen.

mArtinus

Karl Blessing Verlag 2009, Übersetzung: Ursula-Maria Mössner, Hardcover vergriffen (TB 9,95 €). 384 Seiten, ISBN: 978-3896673947

“Tortilla Flat” von John Steinbeck

John Steinbeck ließ sich in dem 1935 geschriebenen Roman von eigenen Erlebnissen inspirieren, die er als Gelegenheitsarbeiter in einer Zuckerfabrik mit mexikanischen Mitarbeitern erlebte. Steinbeck verlegt die Geschichte ins kaliforische Monterey, deren oberer Hügelbezirk „Tortilla Flat“ genannt wird. Dort leben Paisanos, Leute, mit einer „Mischung aus spanischem, mexikanischem und erlesenem kaukasischem Blut“. Der Roman handelt von Danny und seinen Freunden, einer Clique von Tagedieben, Habenichtsen, Landstreichern. Steinbeck zieht ausdrücklich eine Verbindung zu König Artus und seiner Tafelrunde.

Danny kehrt aus dem ersten Weltkrieg heim und erbt von seinem Großvater zwei Häuser. Für Danny, der in seinem Leben noch nie etwas besessen hatte, ist das natürlich etwas besonderes und sein Freund Pilon mahnt die Gefahren materiellen Besitzes: Besitz verändere den Menschen. Vorhaben, sein Eigentum mit seinen Freunden zu teilen, wenn man etwas hat, verfliegen, wenn man wirklich Eigentum besitzt. Danny werde nun seine Freunde verlassen, den Branntwein nicht mehr teilen. Danny verspricht das Gegenteil und schwingt sich zum Wohltäter auf. Ein Vagabund nach dem anderen wird irgendwo aufgelesen und zieht in das Haus ein. Großartige Stärke beweist Danny, als ein Haus infolge von Leichtsinn abbrennt. Das verlockt Danny zu einer Überlegung über die Vergänglichkeit irdischen Besitzes.

Auf den ersten Seiten des Buches ist schon klar, Steinbeck will nicht einfach eine Geschichte von Abenteurern erzählen, sondern er will den Lesern eine Botschaft vermitteln. Der Roman teilt sich in siebzehn einzelne Geschichten auf, manche könnten auch für sich alleine stehen, aber sie stellen letztlich doch ein Ganzes da. Die philosophischen Gedanken, die dem Roman sorgsam eingestreut sind, ohne das sie moralisierend wirken, machen den Roman lesenwert. Aber nicht nur das. Anstatt mit Moral sind die Abenteuer mit Humor gewürzt und einer manchmal seltsamen köstlichen Landstreicherlogik.

Der Roman hat einen religiösen Touch. So ist es unübersehbar, dass der Pirat, einer von Dannys Freunden, wie Franz von Assisi mit Tieren redet, und eine Frau, die nicht mehr weiß, von welchen Männern sie ihre Kinder hat, war zeitweise überzeugt, sie brauche dazu keinen Liebhaber mehr. Was für ein schelmischer Wink zur Jungfrau Maria. Manche Geschichten sind sehr wundersam und wirken mystisch.

Ganz bewusst gebe ich an dieser Stelle kaum Romaninhalt preis, weil ich der Meinung bin, damit einigen künftigen Leser um die Lesefreude zu bringen. Der Roman ist herzlich ironisch und ihr werdet bestimmt eure Freude an Steinbecks feinsinnigen Humor haben.

Im Fernsehen kann man gelegentlich Halbleichen-Promis sehen, die sich mit Gesichtsoperationen jung halten wollen und dicke Klunker um den Hals tragen. Was für eine widerliche Welt und schön sahen diese Frauen nicht aus. Natürlich denke ich dann an die Clique von „Tortilla Flat“, die solchen Mist nicht brauchen, auf Eigentum verzichten und trotzdem glücklich in den Tag hineinleben.

Am 27. Februar 2012 wäre er 110 Jahre alt geworden.

mArtinus

Deutscher Taschenbuch Verlag 1987, Übersetzung: Elisabeth Rotten, TB 7,90 €, 176 Seiten; ISBN: 978-3423107648

“Schostakowitsch” von Krzysztof Meyer

Diese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche VorwürfeDiese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche Vorwürfr bodenloser Unsinn. Die Sowjetbonzen, das zeigt diese Biografie auch, hatten keine Ahnung von Musik und Kunst. In dem Artikel steht drin, die Musik verneine die Oper, der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist soll sich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw…

Wenn wir über Schostakowitchs Studienjahre lesen, können wir leicht erkennen, dass sich ein Generationswechsel von Komponisten vollzieht. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ähnlich erging es auch Maximillian Steinberg, Schostakowitschs Lehrer im und Konservatorium.

>>„Als Schostakowitsch kam und mir seine Aphorismen zeigte, sagte ich ihm, dass ich nichts davon verstünde, und dass mir diese Musik völlig fremd sei.“<<

Zeitweise musste Schostakowitsch Angst haben, selber verhaftet oder umgebracht zu werden. Künstler in seinem Umkreis fielen dem Stalinterror zum Opfer. Ab 1946 setzte eine harte Welle von Repressalien ein. Alles was aus dem Westen kam, wurde verteufelt: Jazz, Unterhaltungsmusik, Zwölftonmusik als Kakophonie verpönt. Besonders auch Literaten wurden verfolgt. Krzysztof Meyer hat den richtigen Weg eingeschlagen, und schreibt in Extrakapiteln über sowjetische Kulturpolitik. Natürlich dürfen wir nicht denken, Schostakowitsch habe unter dieser Diktatur keine Erfolge gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Im Grunde genommen galt Schostakowitsch den Sowjets sogar als Vorzeigekomponist, obwohl, dafür gibt es genügend Hinweise, der Komponist sich niemals der Kremldiktatur unterworfen hat. Das zeigt auch diese Biografie. Schostakowisch befand sich ständig im Kampf, sich nicht völlig unterkriegen zu lassen. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Stalingrad, erwarteten die Staatsbonzen eine heitere Symphonie des Sieges, Schostakowitsch aber einer sehr lange Symphonie des Trauers komponierte, die Achte, die zu den größten Meisterwerken des Komponisten zählt. Sie gedachte der Opfer. Die Symphonie Nr. 9, die dann wirklich den Sieg symbolisiert, ist zwar sehr heiter, aber ziemlich kurz. Ale er 1960 quasi mehr oder weniger gezwungen wurde, der Komunisischen Partei beizutragen, vergoss er sehr viele Tränen. Es ist kaum zu verstehen, wie Schostakowisch den Druck durch den Staat aushalten konnte. Immerhin schrieb er seit seit seinen Jüdischen Liedern, 1948, viele Jahre lang nur für die Schublade.

Da Krzysztof Meyer, der Autor dieser Biografie, selbst Komponist ist, erfahren wir über die Musik Schostakowitschs sehr viel. Viele Werke werden beschrieben, und dieses kann auch ohne große Bildung in Musiktheorie gut verstanden werden. Diejenigen, die Musiknoten lesen können, erfreuen sich sicher über die zahlreichen Notenbeispiele. Meyer ordnet ein, welche Stellung einzelne Musikwerke im Gesamtschaffen des Künstlers haben. Meiner Ansicht nach sollte während der Lektüre auch die besprochene Musik gehört werden. Eine gute Chance, sich in diese Musik zu vertiefen, da auch Meyer uns in seinen Beschreibungen einen Zugang zur Musik öffnet. Schostakowitschs Musik ist mal traurig, dann lustig, grotesk, witzig. Das Hörstudium seines Werkes hat mir deutlich gezeigt, dass seine Musik ein reichliches Spektrum von Emotionen ausdrückt. Einige Symphonien und andere Werke kannte ich ja schon, neu hinzugekommen ist besonders meine Aufmerksamkeit auf seine Streichquartette. Auch für Leser, die sich für ein Künstlerleben in der Sowjetunion interessieren, ist die Beschäftigung mit Schostakowitsch unerlässlich. Es ist natürlich verständlich, dass Meyer als Komponist insgesamt genauer über die Musik zu schreiben weiß als über Sowjethistorie. Als Ergänzung bieten sich Bücher des Historikers Kurt Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“) o.a. an. Wahrscheinlich ist es dem Autoren dieser Biografie nicht anzulasten, dass wir in dieser umfangreichen Biografie verhältnismäßig wenig persönliches über den Autor erfahren. Schostakowitsch war etwas schüchtern, hatte nur sehr wenig intimere Freundschaften, und zeigte sich in manchen Situationen doch etwas merkwürdig, was nicht unbedingt jeder außenstehende verstand. In dieser Hinsicht wissen wir sicher viel mehr über Beethoven, als über Schostakowitsch.

>>„Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.“<<

Der Anhang ist vorbildhaft. Neben Werkverzeichnis und anderen Selbstverständlichkeiten finden wir auch Inhaltsangaben der Opern „ Die Nase“ und „Lady Macbeth von Mzensk“.

mArtinus

Atlantis Musikbuch-Verlag 1998, Taschebuch 19,95 €, 608 Seiten, ISBN: 978-3254083760

“Die Ausgewanderten” von W. G. Sebald

In vier Erzählungen, mit einer kürzeren fängt es an, die folgenden Erzählungen werden immer länger. Sebald erzählt vier jüdische Schicksale, vier Menschen, die ihre Heimat verlassen mussten und daran zerbrechen.

Ich freue mich, wieder etwas von Sebald zu lesen, dessen Prosastil mir außerordentlich gefällt. In der ersten Erzählung um Dr. Henry Selwyn geht Sebald in detailierte Beschreibungen, verliert sich aber nicht darin. Ich war ja immer gespannt, wann wird denn endlich über den zweiten Weltkrieg erzählt? Und dann: Gar nicht. Das ist das außerordentliche an dieser Geschichte, sie kommt ganz leise daher und endet mit einem Knall. Während des Lesens habe ich mir keine Gedanken darüber gemacht, warum Selwyn im Garten liegt, warum er mit dem Gewehr in die Luft schießt. Erst so ziemlich am Schluss wache ich auf: Eine Scheidung und Selwyn spricht mit Pflanzen und Tieren. Jetzt erst wird die Psychodramatik des Herrn Selwyn erahnbar. Die Heimatlosigkeit hat ihn in die Einsamkeit getrieben, ließ er sich doch auch nur selten bei seinen Gästen blicken. Als er im Gras lag, na ja, da hat er mit den Pflanzen geredet, eine fast unerträglich schmerzvolle Metapher für das Abgedriftetsein aus dem Leben. Dass die Psychodramatik so still und leise herumschleicht ist das besondere an dieser Geschichte. Amüsant für mich dagegen, im Buch ein Bild von Vladimir Nabokov als Schmetterlingsfänger zu finden, welches mir zufällig bekannt ist.

So etwas besonders gelungenes, in der deutschsprachigen Literatur zu lesen, ist sehr erfreulich.

“..so kehren sie wieder die Toten”-

indem Sebald über Emigranten erzählt, die alle durch Suizid in den Tod gegangen sind, kehren eben auch diese Toten wieder. Der Verlust von Johannes Naegli, der in den Bergen umgekommen ist, war für Herrn Selwyn wie ein Stück Heimat, welches zu Bruch gegangen ist. Nach über siebzig Jahren kehrt dieser Tote wieder in das Bewusstsein von Menschen. Bemerkenswert auch die Auswanderung aus Litauen/Riga. Selwyn glaubt, er sei in New York, dabei ist er in London angekommen; das ist ein Bild von Verlust und Wirrnis in Zeiten der Emigration, wenn man so will eine Bodenlosigkeit, ein Leben in der Schwebe.

Die Erwähnung und Abbildung des Fotos von Nabokov mit Schmetterlingsnetz ist auch Programm, denn auch Nabokov war Emigrant, zumal außerdem noch in der zweiten Erzählung die Autobiografie des Exilrussen Erwähnung bekommt.

In der zweiten Erzählung geht es um den engagierten Dorfschullehrer Paul Bereyter, dem die Nazis ein Lehrverbot erteilt hatten, obwohl er zu dreivierteln doch ein Arier war. Warscheinlich war er noch nicht mal ein Jude sondern ein Katholik, der den Katholizismus erbittert bekämpfte, vielleicht inzwischen sogar ein Atheist, kannte er doch einen atheistischen Schusterund verfasste Pamphlete gegen die alleinseligmachende Kirche. Es wird ein Judenprogrom in der Heimatstadt seines Vaters erwähnt, der letzten Ende zwei Jahre später daran aus Wut und Furcht gestorben ist, dessen Frau eine Christin war. Hier wird natürlich der brutale Unsinn der Nazis vorgeführt. Das Böse ist immer unlogisch und dumm.

Natürlich ist es riskant, die Texte mehr und mehr zu zerpflücken. Der Lesefluss, dieses dahintreiben, ist wunderbar. Alles in einem Rutsch zu lesen, wäre eine Wohltat. Diese Zeit steht mir leider nicht zur Verfügung (vielleicht später mal, zwei Tage in der Klause oder so).

Was für eine schaurige Wahl der Todesart. Freiwillig lässt sich jemand in die Psychiatrie einweisen, mit Elektroschocks behandeln, genauer gesagt, zu Grunde richten, um aus dem Leben zu scheiden. Im Text schwingt eine Psychiatriekritik der alten Schule mit. Die Elektrokrampfbehandlung, angeblich ein Segen für die Psychiatrie der fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts, machte so manchen Patienten wie den Onkel des Erzählers, dem Herrn Ambrose Adelwarth, zum körperlich- und geistigen Krüppel, in unserer Geschichte vom Patienten allerdings gewollt, der, so scheint es, mit einer Fehldiagnose, also noch ein Schlag ins Gesicht der antiquierten Psychiatrieschule, in der Anstalt seinen Tod entgegenfiebert.

Bei Ambros, die gleichen Beobachtungen wie beim Dorfschullehrer Bereyter: er steht irgendwo und sein Gesicht von unendlichem Leid gekennzeichnet. Zu Beginn seiner Karriere war Ambros ein angesehener Koch in diversen Hotels in Europa/Japan. In der zweiten Erzählung wissen wir nicht, warum Bereyter wieder nach Deutschland gegangen ist, wir wissen auch nicht, was er genau im zweiten Weltkrieg erlebt hat. Bei Ambros Adelwarth wird auch einiges in der Schwebe gehalten. Im Zuge der großen Auswanderungswelle zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts kommt er nach Long Island, arbeite als Butler bei den Solomons, einer reichen jüdischen Bankiersfamilie. Wir wissen nicht, was für eine besondere Verbindung Ambros zu dem Solomon-Sohn Cosma hatte, nur, dass die Verbindung tragisch gewesen sein soll. Dem Vater fiel das auschweifende Leben des Sohnes, ein Leben ohne Zukunft auf, wollte dem Sohn die Geldzufuhr kappen, da beschließt Cosma, mit Ambros durch Europa zu reisen. Anhand dieser Reise macht Sebald deutlich, was für ein Riss der Welt bevorsteht. Wir befinden kurz vor dem Zweiten Weltkrieg. In Europa hat Cosma unverschämt viel Glück im Roulette, dass es schon entrückt und unrealistisch ist. Der Ausbruch des Krieges drängt ihn in eine erste Nervenkrise, an deren Folgen er erst viel später stirbt - Ambros, dann im Hause der Solomons wie eine entrückte einsame Gestalt seinen Dienst tut. Der Zusammenbruch der Familie Solomon als Metapher für eine zusammengebrochene Zeitepoche, die nie wieder auferstehen wird.

Auffallend ist, in dieser Erzählung erzählt nicht nur unser vertrauter Erzähler, sondern auch Onkel Kasimir und Tante Fini, auch der Psychiater Abramsky, die einiges über des Onkel Adelwarth zu sagen wissen. Es gibt hier also mehrere Ich-Erzähler, die Sebald geschickt im Text einverleibt.

Vielleicht ist ja die dritte Erzählung die schönste, obwohl es ja Unfug ist, hier noch die sog. schönste Erzählung herauszuperlen. Alle Erzählungen sind wunderbar. Sebald bleibt seinem Stil treu. Den Erzählungen liegen wahre Begebenheiten zu Grunde, diese Exilanten hat es wirklich gegeben. Ein Sebald-Lexikon klärt auch auf, wer Max Aurach war. Dieses hat mich doch erstaunt. Man könnte hier wirklich noch sehr viel entdecken. Seitdem ich “Austerlitz” gelesen habe, gehört Sebald für mich zu den großen Deutschen. Ein Platz in Walhalla gefällig?

Max Aurach ist der Maler Frank Auerbach. Aucherbachs Workaholic kommt auch in der Erzählung zur Geltung, er komme oft wochenlang nicht aus dem Haus und arbeite, wenn wir die herrliche Beschreibung von Aurachs Schaffen eines Portraits betrachten, sehr intensiv, wenn nicht verbissen:

>>Entschloß sich Aurach, nachdem er vielleicht vierzig Varianten verworfen beziehungsweise in das Papier zurückgerieben und durch weitere Entwürfe überdeckt hatte, das Bild, weniger in der Überzeugung, es fertiggestellt zu haben, als aus einem Gefühl der Ermattung, endlich aus der Hand zu geben, so hatte es für den Betrachter den Anschein, als sei es hervorgegangen aus einer langen Ahnenreihe grauer, eingeäscherter, in dem zerschundenen Papier nach wie vor herumgeisternder Gesichter.<<

Mir kommt dabei die Assoziation, hinter dem Portrait geistern Gesicher von Juden herum, die den Holocaust nicht überlebt haben. In dem oben gegebenen link zu den Werken des Malers, ist leider nicht das Schwarzweißportrait aufgeführt, welches im Buch angebildet ist, doch auch bei diesen abgebildeten Portraits hat man den Eindruck, der Maler habe diverse Vorstudien übermalt. Sebald hat wunderbar den Eindruck von Auerbachs Portraikunst charakterisiert.

mArtinus

Fischer Verlag 2002, Taschenbuch vergriffen, 368 Seiten, ISBN: 978-3596120567

“Die zitternde Frau” von Siri Hustvedt

Siri Hustvedt, amerikanische Romanautorin, beschäftigt sich schon seit längerem mit Neuropsychiatrie und hat in diesem Gebiet fleißig Fachliteratur gewälzt. Seit ihrer Kindheit leidet sie unter Migräne, Schwindelanfällen, an himmlischen Gefühlen von Levitation und visueller Halluzination, in der sie ein kleines rosa Männchen und einen rosa Ochsen auf dem Fußboden sieht. Das ist der Grund. „Ich erforschte mich selbst“, sagte schon Heraklit und Siri Husrvedt leistet einen enormen Energieaufwand, um auf die Spur ihrer Nerven zu kommen. Schon in ihrem Roman „Was ich liebte“ beschäftigte sich Frau Hustvedt mit Psychopathologie (und Bildender Kunst). In „Die Leiden eines Amerikaners“ nimmt ein Psychiater die Rolle des Protagonisten ein, der mit dem Tod seines Vaters konfrontiert wird. Auch Hustvedt, die nun eine Geschichte ihrer Nerven geschrieben hat, muss sich mit dem Tod ihres Vaters, der Universitätsprofessor in Minnesota gewesen war, aus einandersetzen. Zwei Jahre nach dem Tod ihres Vaters hält sie eine Gedenkrede und bekommt erstmals einen Zitteranfall, wobei ihr Bewustsein klar bleibt, sie auch weiterreden kann. Erst nach der Rede hört das Zittern auf. Siri Hustvedt vermutet eine (psychogene?) Reaktion auf den Tod ihres Vaters. Da ihr kein Arzt eine eindeutige Diagnose stellen kann, macht sich die Autorin auf der Suche nach ihrer Krankheit. Ihr Weg führt ausgehend vom Verdacht einer Konversionsstörung (dissoziative Störung), über Josef Breuers Bericht seiner Patientin Bertha Papenheim (als Anna O. in „Studien über Hysterie“, Freud/Breuer, 1895; zuvor auch schon mit Breuer veröffentlicht „Über den psychischen Mechanismus hysterischer Phänomene”, 1893), bis hin zu neurologischen Ausfällen, deren Symptomatik für uns Laien aufsehenderregend erscheinen, uns aber auch schon durch Bücher von Oliver Sacks (z.B. „Der Mann, der seine Frau mit einem Hut verwechselte“) und Mark Solms/Karen Solms („Neuro-Psychoanalyse. Eine Einführung mit Fallstudien“) bekannt sein könnten. Weiterhin erzählt Siri Hustvedt von einem Experiment des Neurologen Vilayanur S. Ramachandran. Er behandelte eine Patientin, die linksseitig gelähmt war, sie dieses aber nicht glauben wollte. Das Experiment, welches Mark und Karen Solms in ihrem Buch beschreiben ist, dass die Patientin ihre Lähmung zugab, nachdem Ramachandran der Frau das linke Ohr mit Eiswasser gefüllt hat. „Rechtshemisphärische Schädigungen führen häufig zu …Anosognosie“, dem Leugnen der Krankeit. Da wir schon gerade bei Büchern sind, möchte ich auf zwei Bücher von Vilayanur S. Ramachandran hinweisen, die es im deutschen Sprachraum gibt: „Eine kurze Reise durch Geist und Gehirn“ und „Die blinde Frau, die sehen kann. Rätselhafte Phänomene unseres Bewußtseins“ - und damit haben wir uns schon ziemlich weit in das Buch hineingelehnt, Manchmal hatte ich den Eindruck, die Autorin schweift ein wenig von ihrem Thema, den seltsamen Zitteranfällen ab, kehrt aber immer wieder zu sich selbst zurück. Erzählt sie von Konversionsstörungen (Hysterie), ihr erster Verdacht als Ursache ihrer Zitteranfälle, dann erzählt sie gleich die Geschichte der Hysterie mit, und so erahnen wir als Leser, dass sie all dies mit Begeisterung tut, mit Wissensgier, wenn nicht gar mit Besessenheit im positiven Sinne.

Siri Hustvedt bezeichnet die zitternde Frau „als ein ungezähmtes anderes Selbst…eine Art Doppelgänger“, die in der Literatur Wünsche und Bestrebungen ihrer Originale meist quälen und sabotieren, und erwähnt Dostojewskijs Roman „Der Doppelgänger“:

>>Dostojewskijs geistig umnachteter Held, Herr Goljadkin, zittert im Sprechzimmer seines Arztes, kurz bevor der ehrgeizig, abgefeimte zweite Herr Goljädkin in Erscheinung tritt.<<

>>Seine grauen Augen funkelten ganz eigentümlich, die Lippen zitterten, alle Muskeln, alle Züge seines Gesichts gerieten in Bewegung. Er selber zitterte am ganzen Körper.<<

Manche Migräne Leidende sehen als Teil der Aura ein Doppel ihrer selbst, schreibt Hustvedt und erzählt von Breuers berühmter Hysteriepatientin Bertha Puppenheim. „Sie litt auch an dem, was Charcot, Janet, Freud und Breuer „doppeltes Bewußtsein“ nannten; sie erlebte zwei Ichs, eines Breuer zufolge „geistig ganz normal“ und ein anderes, das sie als ihr „schlimmes Ich“ bezeichnete.

Von Synästhesie spricht man, wenn sich Sinneswahrnemungen überschneiden, wenn z.B. „Farben schmecken“ oder „Töne sehen“ kann. Der russische Psychologe Alexander Romanowitsch Lurija, der als einer der Begründer der Neuropsychologie gilt, verfolgte 30 Jahre lang den Fall Sassezki, der die Fähigkeit besaß „lange Zahlenreihen und Wortlisten in ortsgebundene geistige Bilder zu konvertieren“ (vgl. „Kleines Portrait eines großen Gedächtnisses“ in „Der Mann, dessen Welt in Scherben ging“ ). Es wird auch auf ein Gedicht Rimbauds hingewiesen, welches Synästhesie aufweist: Die erste Strophe von „Vokale“:

>>A schwarz E weiß I rot U grün O blau - vokale

Einst werd ich euren dunklen ursprung offenbaren:
A: schwarzer samtiger panzer dichter mückenscharen
Die über grausem stanke schwirren · schattentale.<<
(Übersetzung: Stefan George)

Im Jahre 2005 wurde erstmals eine Mirror-touch, bzw. Berührungs-Synästhesie beschrieben und es stellte sich heraus, dass die Autorin dieses Buches von dieser Form der Synästhesie befallen ist, d.h., >>jeden Schlag, jeden Stoß, den andere bekamen, wie auch deren Stimmungen fast so mitgefühlt, als wäre ich selbst davon betroffen.<< , so auch Horrorfilme ihr unerträglich sind, da sie >>die Qualen der Opfer fühle.<<

Siri Hustvedt kommt öfters auf das dualistische Problem von Körper und Geist zu sprechen. Neuronen sind sichtbar, Gedanken unsichtbar. Sind Hirn und Geist eins oder zwei verschiedene Dinge, oder sind sie miteinander verbunden? Diese Frage muss natürlich offenbleiben, und obwohl dieses Problem des Dualismus für die Autorin wichtig ist, wird es leider doch nur gestreift, obwohl es doch interessant gewesen wäre, tiefer ins Detail zu gehen in der Frage, ob eine Trennung von psychogenen und neurologischen Ursachen in der Medizin sinnvoll und fragwürdig ist. Nach Francis Crick sind wir nur „eine riesige Ansammlung von Nervenzellen und dazugehörigen Molekülen.“ (aus Francis Crick: „Was die Seele wirklich ist“ ), doch was nützt uns so eine Aussage, wenn sie einfach in den Raum geworfen wird?

Wenn man gewillt ist, sich mit medizinischen Fremdwörtern zu konfrontieren und Interesse am Psycho/Neuro-Thema vorhanden ist, aber kein Mediziner ist, denn die lesen sicher anderes, kann das Buch sehr empfohlen werden. Ein Namensregister fehlt leider, sodass das Aufsuchen von Textstellen erschwert wird. Am Ende des Buches sind Anmerkungen, in denen uns offenbart wird, welche Fachbücher Siri Hustvedt gewälzt hat. Ist schon toll.mArtinus

Rowohlt Verlag 2010, Hardcover 18,95 €, 240 Seiten, ISBN: 978-3498030025

“Matigari” von Ngũgĩ wa Thiong’o

Was für ein Roman – seltsam, weil ein schwarzer Kämpfer, der gegen weiße Kolonisten gekämpft und gesiegt hat, seine Waffen vergräbt und nun um seine Lenden ein Band des Friedens trägt, in der zivilisierten Welt Kenias, und das ist das Seltsame, als ein Mensch erscheint, der an Jesus Christus erinnert. Er befreundet sich mit den Ärmsten der Armen, einem Jungen, der wie andere Jungen in einem Autowrack sein Hause gefunden hat, stolz darauf ist, dass es ein Mercedes Benz ist, und auch mit einer Prostituierten sich befreundet, die, um ihre Geschwister zu ernähren, sich verkaufen musste. Matigari, so heißt der kenianische Christus, vollbringt mutige Taten, ihm werden Wunder nachgesagt, niemand weiß, wer er wirklich ist, niemand weiß, ob er wirklich der wiedergeborene Christus ist, oder einfach nur ein mythischer Hoffnungsträger, der die Menschen aus ihrer Armut treiben könnte, ihm zugetraut wird, er könne Frieden und Gerechtigkeit ins Land bringen, das Volk darum hinter ihm steht. Eines der Großartigkeiten des Romans ist, dass der Schleier des Geheimnisvollen dem Matigari nie entrissen wird.

Weitaus gefehlt an einen frömmelnden Roman zu denken, an einem Jesus, der nun endlich gekommen ist um Kenia aus dem Sumpf von Korruption, Machtgier, verlogener Politik, Ungerechtigkeit und Bevölkerungsarmut zu ziehen. Himmel sei Dank. Trivialitäten sind aber keine Werkzeuge des Autors. Ngũgĩ wa Thiong’o verwendet die Figur des Matigari um auf die Missstände seiner Heimat aufmerksam zu machen, nicht zu warten auf das Neue Jerusalem, wo alles schöner sein soll als auf der versündigten Erde, sondern aufstehen, handlungsbereit und keine Angst zeigen, denn Angst lähmt.

Pazifisten werden aufmucken, weil nicht ganz eindeutig gezeigt wird, inwieweit Matigari wirklich zu Gewalt schreiten würde, um normale Rechte zu verteidigen. Die Kolonialisten, die ihm sein Haus geraubt haben, bringt er jedenfalls um. Das hätte Jesus nicht bewerkstelligt. Nun ist Matigari drauf und dran, die Söhne der Kolonisten zu vertreiben, weil sich inzwischen diese Halunken sich seines Hauses bemächtigt haben. Der Kampf geht also weiter.

„Der Baumeister baut ein Haus.
Jener, der beim bauen zugeschaut hat, zieht ein.
Der Baumeister schläft draußen,
ohne Dach über dem Kopf……..
……….
Der Arbeiter stellt Waren her.
Ausländer und Schmarotzer verfügen darüber.
Der Arbeiter steht mit leeren Händen da.“

Allein Wahrheit und Gerechtigkeit suchen und darüber reden hilft nicht, darum will Matigari wieder zu den Waffen greifen. Das ist die wichtige Konsequenz die Matigari zieht, und damit kritisiert der Autor meines Erachtens auch das Friedensgerede von Kirchenleuten, die nur reden können aber keinen Frieden, Gerechtigkeit o.ä. schaffen können. Auf der Erde muss man was dafür tun, im Himmel, möge es ihn geben, ist sowieso Frieden (über diese Thematik gibt es ein Gespräch zwischen Matigari und einem Pfarrer).

Glanzvoll dargestellt ist, wie ein totalitär fieser Staatsapparat funktioniert, der dann auch noch von den USA und von der Europäischen Gemeinschaft mit Waffen und Finanzspritzen versorgt wird. Das ist so gut erzählt, dass es jeder versteht. Wenn wir lesen, einige unbequeme Bürger werden als geisteskrank ins Irrenhaus gesperrt, so dürfen wir gerne an die DDR denken, auch wenn der Roman in Kenia spielt.

Ein politischer Roman mit einer Prise Abenteuer. Im Oktober 1986 erschien der Roman in Kenia. Sehr abenteuerlich mutet es an, als im Januar 1987 Berichte der Geheimpolizei erzählten, dass von Bauern in Zentralkenia ein Gerücht ausging, ein gewisser Matigari wandere durch das Land und fordere Wahrheit und Gerechtigkeit. Die Polizei wurde beauftragt, diesen Matigari festzunehmen, bis sie darauf kamen, er sei nur eine Romanfigur. Buchhandlungen wurden durchsucht, der Roman wurde beschlagnahmt.

mArtinus

Hammer Verlag 1991, 210 Seiten, ISBN: 978-3872944498 - vergriffen

“Der Friedhof in Prag” von Umberto Eco

Ein Roman, der lieber ein Sachbuch gewesen wäre!

Umberto Eco ist Autor von Sachbüchern, Essays und Romanen. Sein neuster Roman „Der Friedhof im Park“ handelt von fiktionalen Quellen, die eine Weltverschwörung der Juden belegen sollen. Dieses Pamphlet, eine Fälschung, entstand wenige Jahre nach 1897, dem zeitlichen Ende des Romans, in diesem Jahr der Protagonist des Romans, der Antisemit, Vielfraß und Frauenhasser Simone Simonini, in Paris sein Tagebuch schreibt, in dem er die Vorgeschichte dieser Fälschung darlegt, Die Protokolle der Weisen von Zion. Dieses Lügenwerk war den Nazis willkommen, einige Unverbesserliche halten diese Protokolle für wahr, wie der Holocaustleugner und Bischof der Piusbruderschaft Richard Williamson, der diesen Unsinn als „gottgesandt“ einstuft.

Der in Paris lebende Simone Simonini ist die einzige Figur des Romans, die Umberto Eco der Fantasie entsprungen ist, alle anderen Personen sind historisch belegt. Trotzdem ist Simonini auch nur eine Collage von mehreren Personen, die es im neunzehnten Jahrhundert gegeben hat. Ich gehe davon aus, und vieles spricht dafür, dass der Roman größtenteils aus Textcollagen besteht. Das ist eine Kunst, deren Thomas Mann sich auch gerne bedient hat. Schwierigkeiten, die bei der Lektüre vorkommen können, kann zu einem Teil einer historischen Unkenntnnis des Lesers ursächlich sein. Das schreibe ich mal so provokant hin, als ob man dem Leser Vorwürfe machen könnte. Das ist natürlich Unsinn. Es liegt immer noch in der Verantwortung eines Schriftstellers, wie er einen Roman konzipiert. Um es kurz zu machen: In den Kapiteln um Garibaldi und Napoleon III. begann es schon, dass ich inhaltlich den Faden verlor, vieles verständnislos wurde, weil meine Bildung (oder Unbildung) versagte. Nach der Lektüre ist man gescheit: Ach, hätte ich vor dem Schinken die Geschichte Italiens und Frankreichs studiert, dann hätte ich mehr vom Roman gehabt. Eine große Hilfestellung während der Lektüre war der wikipedia-Artikel „Protokolle der Weisen von Zion.“ Momentmal. Erstmals ist es mir passiert, dass ich einen Roman in etwa nur folgen konnte, weil ich einen bestimmten wikipedia- artikel zur Verfügung hatte. Das kann ich gar nicht gutheißen. Sicher, Eco hat recherchiert bis in die letzten Winkel. Sogar die Theosophin Madame Blavatzky findet Erwähnung, wir erfahren auch nebenbei, Simonini sei mit Alphonse Daudet befreundet, dieses aber hätte gar nicht erwähnt werden müssen, denn Daudet taucht im Roman niemals auf, Victor Hugo wird zweimal erwähnt, George Sand und Chopin dürfen natürlich auch nicht fehlen, natürlich auch nicht Charcot, Freud, Hysterieforschung, Mesmerismus. Was ich sagen will, Umberto Eco packt alles in dem Roman hinein, als ob er das ganze Paris in den Roman packen wolle, obwohl niemandem aufgefallen wäre, wenn Simonini mit Daudet nicht befreundet gewesen wäre. Das mag eine Liebelei von Umberto Eco sein, der aus Freude an seiner überaus großen Bildung alles in den Roman hineinfließen lassen wollte.. Unbedingt nötig ist das nicht, eher eine Überfrachtung, allerdings das herrliche wunderbare Kapitel um Freud, Charcot und Hysterie für den Roman unverzichtbar ist. Ja, naturlich. wunderbare literarisch gut ausgeformte Passagen gibt es natürlich wie auch der einführende Monolog Simoninis, auch wenn dieser Monolog an Gehässigkeit wohl kaum zu überbieten ist. Dass sogar Dostojewskij (seltsamerweise?) für eine Weltverschwörung herhalten muss, hätte wohl niemand erwartet. Dostojewskij sei ein guter Rhetoriker heißt es. Erst zeige er Verständnis für die Juden und drücke seine Hochachtung aus,

>> dass alles, was Humanität und Gerechtigkeit erfordere, alles was Menschlichkeit und das christliche Gesetz erfordere, für die Juden getan werden muss…<<

und dann wird gesagt, Dostojewskij hätte ausführlich beschrieben,>>wie diese unglückliche Rasse darauf abziehlt, die christliche Welt zu zerstören.<<

Natürlich hätte ich gerne gewusst, wo diese Ausführungen Dostojewskijs im Werk dieses Schriftstelles zu finden ist, Eco allerdings in einem Roman nicht zu Quellenverweisen verpflichtet ist. Allerdings, wenn ich mir die zweite Hälfte des Romans anschaue, hätte ich mir gewünscht, Umberto Eco hätte sich für die Form eines Sachbuches entschieden. In der zweiten Hälfte des Romans verarbeitet Eco fast nur abstruse fiktive Ideen aus der Literatur, z,B. Hermann Goedsche, der in seinem Roman „Biarritz“ höchst seltsames über Juden verfasste und LéoTaxil, der abstruses über satanische Riten und Freimaurerei veröffentlicht hat, was nun ein gefundenes Fressen für den bösartigen Simonini ist. Allerdings ebbt dies bischen Romanhandlung im Roman ziemlich ab, dass ich mich wirklich fragen muss, warum dieses Buch nicht ein erstklassiges Sachbuch geworden ist, jetzt aber einen unausgegorener Roman vor uns liegt, dabei aber nicht vergessen werden darf, Umberto Eco den wunderbaren großartigen Roman „Der Name der Rose“ geschrieben hat. Ein Roman mit Historie, Theologie, Philosophie; dieses Werk aber ein großartiger Roman geworden ist, den ich ohne Sekundärliteratur inhaliert habe. Ein großes Vergnügen. Trotzdem hatte der Verlag eine „Nachschrift“ veröffentlicht.. Für „Der Friedhof im Park“ halte ich einen Kommentar mit Quellen für notwendig. Ein paar wikipedia-artikel als Sekundarmaßnahme ist mir einfach zu bleich.

mArtinus

Hanser Verlag 2011, Übersezung: Burkhart Kroeger, Hardcover 26 €, 528 Seiten, ISBN: 978-3446237360

“Turgenjews Schatten” von William Trevor

William Trevor erzählt von Marie Louise Dallon, die mit dem Textilhändler Elmer Quarry eine Vernunftehe eingeht, um dem kargen Leben auf dem Bauernhof zu entfliehen . Ihr lockt das Leben in der Stadt, und Elmer, der übrigens 14 Jahre älter ist als das Bauernmädchen, heiratet sie aus Berechnung. Ihm geht es darum, die Fortführung seines Textilunternehmens zu gewährleisten. Die Ehe steht unter einem schlechten Stern. Schon körperlich passen sie nicht zusammen. Sie, ein zierliches Bauermädchen, er, ein dickleibiger kleinwüchsiger Herr im Anzug. Sie leben in zwar in einem Hause, aber getrennt. Elmers Schwestern Rose und Matilde mögen sie nicht, und haben ihn vor der Ehe mit ihr gewarnt. Sie wirken eher wie Hexen, die nur böses in Mary Louise sehen, aber auch Letty, Mary Louises Schwester, ist enttäuscht über diese Verbindung.

Ein typisch irisches Extra, der Konflikt der Konfessionen, wird im Roman gelegentlich angedeutet:

Unter den Hochzeitsgeschenken zu Lettys Hochzeit befindet sich

>>ein gerahmtes Bild der Jungfrau Maria mit einer Herz-Jesu Darstellung. Letzteres kränkte Mrs. Dallon. Es stammte entweder von jemandem, der nichts von Lettys Glauben wußte, oder aber von jemandem, der das Bildnis in dem Hausstand, der gegründet wurde, für unverzichtbar hielt. Letty würde es nicht aufhängen, sie würde es bestrimmt beiseite legen.<<

In erster Linie erzählt Trevor von Mary Louises unerfüllter Liebe zu ihrem Cousin Robert. Schon in ihrer Schulzeit war sie in ihn verliebt gewesen. Als sie ihn Jahre später wieder trifft, stellt sich heraus, dass Robert ihre Zuneigung erwiedert. Er liest ihr auf einem Friedhof aus Turgenjew vor. Nach ein wenig Recherche bin ich darauf gekommen, das Robert ihr aus dem Roman „Vorabend“ vorgelesen hat. Bei Trevor heißt es über Turgenjews Roman:>>Jelena Nikolajewna liebte Insarow, ohne es zu wissen.<<
So war ja Mary Louises Liebe zu Robert einige Jahre verschüttet gewesen. Auch Roberts Schicksal ähnelt dem Schicksal Insarows.

William Trevors Prosa erzählt von Liebesschmerz, Tod, Einsamkeit und Wahn, und wie er es erzählt, erinnert an Prosa des neunzehnten Jahrhunderts. Sehr nachvollziehbar ist das Zitat des Hessischen Rundfunks auf dem Klappentext.>>Turgenjews  Schatten wirkt, als hätte William Trevor die Geschichte einer Madame Bovary aktualisiert und dadurch für die Leser das Erzählen traditionellen Stils in unsere Zeit hinübergerettet.<<
Um nochmal auf Turgenjews Roman „Vorabend“ zurückzukommen: Auch Jelena war brünnet wie Mary Louise. Das Jelena „ ein schwieriges Wesen hatte“, wie Trevor erzählt, gilt auch für Mary Louise.

Den Roman empfehle ich gerne weiter, nur rätsele ich darüber, warum bloß hat Mary Louise den Textilhändler geheiratet. Wohl aus “kindlicher Unschuld”.mArtinus

Hoffmann und Campe Verlag 2011, Übersetzung: Thomas Gunkel, Hardcover 19,99 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3455403428

“Das Mädchen” von Angelika Klüsendorf

In unserer Familie bin ich manchmal schief angesehen worden, wenn ich es wagte, das Wort „Scheiße“ in den Mund zu nehmen. Entschuldigt diesen einleitenden Satz, aber ich komme gleich zum Roman. Für mich hat es nie einen Grund gegeben, dieses Wort nicht zu benutzen, wenn es einen Grund dafür gegeben hatte. Wenn der Roman von Angelika Klüssendorf mit dem Euphemismus Scheibenkleister“ begonnen hätte, wäre es ein derber Fehlstart gewesen, denn nur das Wort „Scheiße“, mit dem der Roman beginnt, kann aussagen was gemeint ist. Die Kindheit des Mädchens, das unter Verwahrlosung und Gewalt aufwächst ist „Scheiße“, und im übertragenden Sinn ist auch die DDR gemeint, obwohl Verwahrlosung in Westdeutschland und in anderen Ländern genauso möglich ist.

Zu Beginn des Romans fliegen wirklich Exkremente „durch die Luft“ und all das „landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig.“

Seit Tagen sind das 12 jährige Mädchen und der sechsjährigen Bruder Alex in der Wohnung eingeschlossen. Da die Toiletten in diesen DDR-Mietshäusern immer ein halbes Stockwerk tiefer sind, müssen sie ihre Ausscheidungen in einem Eimer sammeln. Die Wohnung verdreckt, ein halbe Müllhalde, in der offenbar noch ein Fernseher funktioniert, denn aus dem Fernseher weiß das Mädchen, wie sich Frauen vor den Männern zeigen, wie sie sich halbnackig zeigen, um ihnen zu gefallen. Mit Büstenhalter, rotem Spitzenhöschen und knallrotem Lippenstiftmund bewegt sie sich vor dem Fenster und weiß, dass die Arbeiter aus der Werkzeugfabrik, die gleich Pause haben, zu ihr hinaufschauen werden. Dieses erste Kapitel schon zeigt in bitterer Realität die Verwahrlosung unmittelbarer Umgebung des geschlossenen Raumes und die geistige Verwahrlosung, fehlgeleitete Vorstellung ihrer Identität als künftige Frau durch die sexualisierte Präsentation des weiblichen Geschlechts unkontrolliert aus der Flimmerkiste eingetrichtert (dass sie dauernd vor dem Fernseher hängt, ist nur ganz herrlich fein angedeutet). Der Vater, betrunken, meist gar nicht zu Hause schlägt seine Frau, die Mutter prügelt mit einem Ledergürtel auf das Mädchen ein, die Schwester gibt Watschen an ihren Bruder weiter. Hier ist wirklich gar nichts mehr übrig, was wir als sozial bezeichnen würden. Man mag so etwas wie soziales Chaos bezeichnen. Alles, wirklich alles, gerät aus den Fugen. Der blondgelockte Bruder ist ein Liebling der Mutter und wird in den Augen der Mutter zum bösen Bastard, wenn sie ihre brutale Gewalt an ihm auslässt. Der Verwahrlosung dieser Menschen wird der ramponierte Zustand des Hauses gegenübergestellt, meines Erachtens ein deutlicher Hinweis dafür, dass hier Verwahrlosung als Metapher die ganze DDR als ein ziemlich desolater Staat gemeint ist. Insuffizient, brüchig, kurz und gut so, wie das erste Wort des Romans. Der Text um das brüchige Haus ist ein sehr schönes Beispiel für die Lakonie des Romantextes.

>>Das Haus unterscheidet sich nicht von den anderen Häusern in der Straße, Rußflecke, Einschusslöcher aus dem Krieg, abblätternder Putz.<<

Lest nach dem ersten Kapitel weiter, wenn ihr noch Nerven dazu habt, denn der Roman ist in seiner lakonischen Art wirklich gut geschrieben. Direkt bezieht sich auf die realistische, ehrliche Darstellung der Misere und vergessen wir jeden Anflug von illusionärer DDR – Romantik. Es war ein Graus damals, nichts anderes. Als das Mädchen ins Heim kommt, erzählen ihr die anderen Mädchen von ihren grausamen Erlebnissen zu Hause. Wenn sie das hört, „erscheint ihr das eigene Schicksal weniger schlimm, die erlebten Demütigungen fast bedeutungslos.“

Es ist schon ein Wunder, dass das Mädchen in dieser Düsternis Strategien entwickelt, um der Hölle zu entkommen. Sie wird von der Mutter geschlagen, und aus Brehms Tierleben kennt sie den Goliathkäfer.

>>„Sie stellt sich vor, sie hätte seine Flügel und könnte weit weg fliegen.“<<

mArtinus

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Hardcover 18,99 €, 182 Seiten, ISBN: 978-3462042849

“Der Mond und die Eiszeit” von Tomas Tranströmer

Tomas Tranströmer stand schon lange auf der Liste der Favoriten für den Literaturnobelpreis. Warum ich aber erst jetzt seine Gedichte lese, nachdem es durch die Welt ging, er bekomme diese Auszeichnung, weiß ich nicht. Immerhin habe ich den inzwischen vergriffenen Gedichtband „Der Mond und die Eiszeit“ aus der Reihe „Serie Piper“ zwei Tage vor der Bekanntgabe des Nobelpreises antiquarisch geordert. Also, gelesen hätte ich diese Gedichte sowieso, und jetzt lese ich sie und bin froh, obwohl, bange hätte ich werden können, denn da gibt es ein Gedicht über Schreibhemmung. Überdrüssig aller Wörter, denn sie können nicht eins zu eins die reale Welt darstellen, von der der Schreibende in dem Gedicht doch erzählen will, und weil er keine Worte findet, zeichnet Tranströmer in Bildern, erzählt, wie das literarische Ich auf eine schneebedeckte Insel fährt. „Das Wilde hat keine Wörter.“, heißt es, ja, diese Insel ist von natürlicher Wildnis, aber sie vom Schnee umhüllt ist, bleibt verborgen. Der Schreiber findet keine Worte. Nur die Sprache ist da, Rehhufen im Schnee – eines ist hier entlanggelaufen erzählt die Sprache der Natur.

Mein erster Eindruck der Gedichte des Frischgekürten: Er erzählt in eindrucksvollen Bildern, die gedeutet werden müssen. Lyrik muss man sich selbst erarbeiten, ich kann hier nur meine subjektiven nicht allgemeingültigen Eindrücke schildern. Ein Gedicht habe ich auf Anhieb lieb gewonnen: „Skizze im Oktober“. Ein klappriger rostiger Schleppdampfer, schrottreif, ist wie „eine schwere erloschene Lampe in der Kälte.“ Er nähert sich der Erde, dem Land, indem er vom Meer in einen Fluss einfährt. Die wilden Farben der Blätter künden den Tod an. In der zweiten Strophe kommt der Mensch ins Spiel. Tintenpilze, die durch Grasnarben schießen, sind wie hilfesuchende Finger von jemanden, der nun unter der Erde liegt. Wir werden eins mit der Erde, will das Gedicht uns sagen. Mich haben diese Bilder, wie Tranströmer sie lakonisch, aber trotzdem wuchtig malt, sehr beeindruckt. Dieses Gedicht zählt von Anbeginn schon zu meinen liebsten. In einem anderen Gedicht heißt es über den Tod: „ Doch im stillen wird der Anzug genäht.“

Ein jeder kennt das Gedicht „Ein Gleiches“: „Über allen Gipfeln / Ist Ruh.“ In diesem Gedicht geht der Spannungsbogen vom Himmel bis unter die Erde: „Warte nur, balde / Ruhest du auch“. In dem Gedicht „Atempause Juli“ von Tomas Tranströmer liegt jemand unter hohen Bäumen und schaut in die hohen Zweige. Er fühlt, er sitze „ in einem Schleudersitz, der in Zeitlupentempo wegfliegt.“ In der zweiten Strophe ist das Gedicht inhaltlich zur Erde geschwenkt, auf einem Bootssteg, der schneller altert als der Mensch. Und dann, man merkt vielleicht, dass Tranströmer Schwede ist, immer wieder Wasser, das Meer, die Kälte, in der dritten Strophe also die Vorstellung, wenn jemand mit einem Boot „über die glitzernden Buchten fährt“, dann wird derjenige „in einer blauen Lampe einschlummern“, und, im letzten Vers so eine typische bildhafte Fantasie Tranströmers: “..während die Inseln über das Glas kriechen wie große Nachtfalter.“ Geniales Bild. Wie sollen wir das aber entschlüsseln? Es geht hier wohl auch um den Tod. Die blaue Lampe könnte der kalte Tod sein, das Meer der Sarg unter den Schwingen des Nachtfalters. Alles muss man nicht verstehen, dass Entscheidende ist, Tranströmers Bilder bringen unsere Fantasie in Bewegung. Wir begegnen auch den Blick von ganz unten bis in die weiten des Kosmos: „Wir blicken nach oben: der Sternenhimmel durch das Abflussgitter.“

In diesem Band sind auch einige kurze Prosastücke enthalten, die wie seine Lyrik ebenso von knapper Verdichtung und assoziativwirkenden Bildern geprägt sind. Es sind wunderbare Bilder. Oder wundersame? In einem Gedicht schauen „Satelitenaugen“ auf den rauhen Boden der Erde, der kein Spiegelbild zulässt. „Nur die gröbsten Geister“, so heißt es, „spiegeln sich drauf: der Mond und die Eiszeit.“

mArtinus

Piper Verlag 1996, Broschur vergriffen, 118 Seiten, ISBN: 978-3492113793

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