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Archiv der Kategorie Krümel
„Jahrmarkt der Eitelkeit“ von Wiliam Makepeace Thackeray
23.2.2012 von Krümel.
Ein Roman mit einigen Längen!
Die Entwicklung insbesondere zweier Damen und anderen Figuren wird hier vom Autor beschrieben und von einem auktorialen Erzähler kommentiert. Rebecca, Tochter eines Malers und einer Balletttänzerin, wird in der gleichen Mädchenschule unterrichtet wie Amelia, die aus einer reichen Kaufmanns-Familie stammt. Rebecca ist eine sehr erfolgreiche Hochstaplerin, sie lässt ihr Äußeres immer für sie arbeiten, und in der Hoffnung auf eine gute Partie, angelt sie sich einen Spross einer adeligen Familie, doch seine Erbtante lässt durch diese Liaison ihren Neffen unberücksichtigt.
Amelias Verlobter aus Kindheitstagen wird ebenfalls enterbt aufgrund seiner Heirat, da ihr Vater eine große finanzielle Niederlage und seinen Ruin erlitten hat. Und so kämpfen vier Schicksale um ihr Auskommen, ihre Anerkennung und Stellung in der Gesellschaft. Das eine Paar auf hocherhobenen Füßen und voller Selbstbewusstsein, das andere in Selbstüberschätzung und genügsamer Demut.
Diese Ausgangssituation wird von historischen Ereignissen, die Schlacht bei Waterloo sowie Napoleons Untergang, eingerahmt. Alles in Allem ist das ein sehr interessanter Stoff für einen großen Roman! Wenn da nicht der leidige Kommentator wäre, der immer wieder die Handlung in die Länge zieht. So entsteht etwa in der Mitte des Geschehens (m. M. n.) ein großes Loch, da er dort in die Zukunft vorweg nimmt. Störend dabei ist, dass eben der Roman nicht von irgendeiner Atmosphäre, Sprache oder sonstige literarische Feinheiten getragen wird, sondern lediglich von den Figuren und deren Entwicklung im Rahmen ihrer Zeit. Durch das Einmischen des Kommentators nimmt sich der Autor selbst sein Spannungsfeld und dem Leser das Lesevergnügen.
Zum Schluss wird es teilweise nur noch nervend, wenn der Leser von einer Abschweifung in die nächste gezogen wird. Persönlich mag ich eigentlich den auktorialen Erzähler wie beispielsweise im „Zauberberg“, aber dieser hier ist mir am Ende arg aufgestoßen. Zu Beginn als er seinen „Jahrmarkt der Eitelkeit“ vorstellt, war er witzig, spritzig und oft auch ironisch, im Laufe des Geschehens werden seine Einmischungen immer mehr belehrend und aufdringlich!
Krümel
Kindle Edition aus dem Rowohlt Verlag 2011, 1289 KB, ASIN: B004UBDO1C
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„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge
16.2.2012 von Krümel.
Eine nachdenklich stimmende Familien-Chronik.
>>Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.<<
Der Protagonist dieser Chronik heißt Alexander. Im Jahr 2001 erhält er die Diagnose unheilbaren Lymphknotenkrebs, und dass sein Vater Kurt ihn höchstwahrscheinlich überleben wird. Um mit dieser Situation fertig zu werden, beschließ Alexander nach Mexiko zu reisen. Dort wandelt er auf den Spuren seiner Großmutter, allerdings entpuppt sich diese Spurensuche immer mehr einer Selbsterkenntnis. Und mit dieser Ausgangssituation eröffnet der Autor den Blick auf Alexanders Familie:
Charlotte, Alexanders Großmutter, mit ihrem zweiten Mann Wilhelm, der nicht der Großvater ist, sind leidenschaftliche Kommunisten, die nach dem II. Weltkrieg freiwillig in die Deutsche Demokratische Republik heimkehren. Zwei Söhne gab es aus erster Ehe, beide verbrachten Jahre in einem Gulag, aus dem nur Kurt zurück kehrte. Da bröckelt also schon der kommunistische Gedanke, und in der nächsten Generation ist er völlig abhanden gekommen, denn Alexander türmt 1989 in den Westen.
Das ist die schwierige Familiensituation, die der Autor gut gewählt mit „Zeiten des abnehmenden Lichts“ betitelt. Das utopische Licht, das einst so schön von Marx in die Welt gesetzt worden ist, und dennoch nie wirklich gestrahlt hat.
>>Der Letzte Satz, den Kurt zusammenhängend hatte sagen können war: Ich habe die Sprache verloren.<<
Der Roman beginnt mit einer sehr gehetzten und getrieben Sprache, die mit Assoziationsketten/Bewusstseinsstrom arbeitet. Sie ist etwas kompliziert zu lesen, passt aber hervorragend zum Protagonisten. Da aber der Autor auch andere Kapitel und Figuren zu Beginn in diesem Stil beschreibt, ihn nicht ausschließlich auf Alexander verwendet, sondern leider generell nach knapp 100 Seiten in einen weichen, erzählerischen Stil, der sich dann so richtig gut lesen lässt, verfällt, empfand ich als störend. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass die Kapitel 1. Oktober 1989 immer aus der Blickrichtung eines anderen Familienmitglied neu erzählt wurde. Der Leser bleibt nach der Lektüre mit einem vollen Gefühl und vielen guten Lesestunden zurück, so dass ich das Buch gerne weiter empfehlen kann.
Krümel
Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3-498-05786-2
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“Die Herrlichkeit des Lebens” von Michael Kumpfmüller
9.2.2012 von Krümel.
Eine angenehme fiktionale Nachempfindung!
Das letzte Jahr des Doktors umschreibt der Autor in diesem Buch. Und der Doktor ist kein anderer als Franz Kafka, der anhand vieler Briefe und Tagebucheinträgen sehr einfühlsam und prägnant auferweckt wird. 1923 lernt Kafka in einem Ostseebad Dora kennen. Beide spüren direkt, dass da zwischen ihnen so was wie eine Seelenverwandtschaft existiert und beschließen zusammen zu bleiben. Ein Unternehmen mit Hindernissen, denn der Doktor wird aufgrund seiner Erkrankung, Tuberkulose, stark von seiner Familie bestimmt. Seine Schwestern und Eltern kümmer sich in ihrer Art schon recht rührend um ihm, aber sie nehmen ihm auch den letzten Atem. Dora schenkt ihm diese Freiheit, und so setzt sich Kafka durch und zieht mit Dora nach Berlin, auch wenn es sich für seine Krankheit nachweislich als äußerst ungünstig erweist. Seine Tuberkulose bricht aus, er muss ins Sanatorium und stirbt kaum ein Jahr später.
>>Er wird sterben, wenn er jung ist, - , ohne die geringste Weisheit.<<
Das Buch besteht aus drei Teilen: kommen, bleiben und gehen. Der Autor erzählt diese Geschichte mit ganz feiner Hand, eindringlich spürt man die Leidenschaft dieser zwei Menschen, die sich beide aufopfern für den anderen, und so noch eine wunderbare Zeit in Berlin verleben. Leider sind die Briefe von Dora von der Gestapo 1933 bei einer Hausdurchsuchung konfisziert worden und seitdem verschollen.
Persönlich fand ich den letzten Teil etwas zu pathetisch, ansonsten war das Buch eine sehr angenehme und entspannende Lektüre.
Michael Kumpfmüller geboren 1961 in München, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Im Jahr 2000 debütierte er mit dem viel diskutierten Ost-West-Roman „Hampels Fluchten“. 2003 folgte das zweite Buch „Durst“ nach einem wahren Kriminalfall, 2008 der Gesellschaftsroman „Nachricht an alle“, der mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde.
Krümel
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Hardcover 18,99 €, 239 Seiten, ISBN: 978-3-462-04326-6
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“Der Hals der Giraffe” von Judith Schalansky
2.2.2012 von Krümel.
Dieser „Bildungsroman“ ist anstrengend zu lesen!
Die Protagonistin reflektiert drei Tage aus ihrem Leben. Sie ist Biologielehrerin irgendwo im vorpommerischen Hinterland und das seit über 30 Jahren. Verheiratet ist sie mit einem Straußenzuchtwart und ihre Tochter wohnt seit langem in Amerika. Sie, Inge Lohmark, unterrichtet die 9. Klasse in Biologie, in der nur noch 12 Schüler den Unterricht zieren, so dass in vier Jahren damit Schluss ist, das Gymnasium, an dem sie unterrichtet, wird geschlossen.
>>Es lohnte einfach nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Geborene Wiederholungstäter. Parasiten am gesunden Klassenkörper. Früher oder später würden die Unterbelichteten ohnehin auf der Strecke bleiben . <<
Das Buch ist eine Aneinanderreihung biologischer Einschübe, und diese sind dazu noch sehr oberflächlich, und beinhalten mehr oder weniger Schlagwörter aus dem Biologie-Leistungskurs-Standardwissen. Der Ton, in dem diese Triaden vorgetragen werden, ist anfangs noch frisch, wird aber im Verlaufe der Lektüre eintönig, wenn nicht sogar einschläfernd.
>>Wege zur sozialistischen Kuh. Langlebig, fruchtbar und robust. Drei Fliegen mit einer Klappe. Pralle Euter, starke Muskeln. Ein paar Jahre milchbetontes Mästen. Fertig war das vollkommene Zweinutzungsrind. Die eierlegende Wollmilchsau.<<
>>Was man alles nicht mehr sagen durfte: Neger, Fidschis, Zigeuner, Zwerge, Krüppel, Sonderschüler. Als ob damit irgendwem geholfen wäre. Sprache war doch dazu da, klarzumachen, was gemeint war.<<
Nach dem Lesen ist dem Leser bewusst wozu der biologische Teil im Buch dient, nämlich als Übertragung, und diese ist dann auch sehr raffiniert herausgearbeitet. Ein System gleicht dem anderen System, und überleben kann nur der Fitteste, die Mutation, die Vorteile bringt und der einzelne untergeht. Damit erhält der Roman auch seine Berechtigung in der Literatur, wenn er auch alles andere als gut lesbar ist. Allerdings steht meiner Meinung nach die Entwicklung der Protagonistin nicht so sehr im Rampenlicht, wie es bei einem „Bildungsroman“ der Fall sein müsste. Und ein Bildungsroman hat halt nichts mit bildenden Romanen zu tun, zumal die Biologie hier als Metapher dient. Fazit: Wenn man die Muse auf diese Zeilen hat, wird man am Ende ein wenig belohnt.
>>Neuerdings sollte es nicht mal mehr Menschenrassen geben. Wer das leugnete, war blind. Dass ein Neger anders als ein Eskimo aussah, war ja wohl offensichtlich.<<
Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman „Blau steht dir nicht“, erschien 2008. Für ihren „Atlas der abgelegenen Inseln“ wurde sie 2010 mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.
Krümel
Suhrkamp Verlag 2011, Hardcover €, 222 Seiten, ISBN: 978-3-518-42177-2
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“Jeder stribt für sich allein” von Hans Fallada
26.1.2012 von Krümel.
Eins meiner Highlights im Jahr 2011!
Eine ganz einfache, fast stillose Sprache, ziert diesen Roman. Daran muss man sich zu Beginn gewöhnen. Dafür sind seine Figuren ebenso authentisch wie lebendig, die Schauplätze fast plastisch und der ganze Roman wird von einer sehr dichten Atmosphäre getragen.
>>Die Vorübergehenden … vermieden es ängstlich, den im Dreck liegenden Unglücklichen anzusehen, denn sie wussten es ja, aus welchem gefährlichen Hause er hinausgeworfen war. Es war vielleicht schon ein Verbrechen, solchen Verunglückten mitleidig anzusehen, helfen durfte man ihm schon gar nicht.<<
Als Auftragsroman für die „Neue Berliner Illustrierte“ ist dieser Roman entstanden. Ausgangspunkt ist das Ehepaar Hampel und dessen Geschichte, beide sind am 8.04.1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Im Buch sind es dann die Quangels. Das Ehepaar verliert ihren einzigen Sohn an den Führer, und ein Standardschreiben unterrichtet sie – Ehre und Stolz für das Volk. Zorn und Wut bewegen das Paar zur Auflehnung gegen das Regime. Sie beschreiben Postkarten und legen diese in Treppenhäuser in ganz Berlin aus.
>>Nieder mit der Hitler Regierung! Nieder mit dem Zwangselend Diktat in unser Deutschland. Eine Hitler Regierung dürfen wir nicht entlasten!!<<
Einfache Leute aus der Arbeiterwelt lehnen sich gegen die „Schurkenbande“ auf. Fallada reißt damit ein Klischee aus den Angeln, denn die kollektiven Mitläufer werden zu Widerstandskämpfer.
>>“Du wirst es nicht nur anhören, du wirst es auch aushalten müssen, Kluge, einen Tag, zwei, drei, fünf Tage – immer, Tag und Nacht, und dabei werden sie dich hungern lassen, dass dein Magen zusammenschrumpft wie eine Bohne, dass du vor Schmerzen innen und außen umzukommen meinst. Aber du wirst nicht umkommen; so leicht lassen die einen, den sie mal in ihren Fängen haben, nicht los.“<<
Und heute bewegt dieser Aufstand gegen das Naziregime die ganze Welt, das Buch wird „zum internationalen Ereignis, zum Amazon-Toptitel und Spitzenreiter der einschlägigen Sellerlisten in zwanzig Ländern“.
Die neue Ausgabe des Aufbau-Verlags erscheint nun in ungekürzter Länge. Warum vor 60 Jahren so viel aus dem Roman herausgestrichen wurde, kann heute nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Fadenscheinige Ausflüchte wie „die objektive Kritik an Zeitromanen wurde überschritten“ oder „es sei ein Zuhälterroman mit politischen Aufputz“ werden angeführt.
Fakt ist, dass der Aufbau-Verlag der bekannteste Verlag in der ehemaligen DDR war, und das nächste Regime wieder Grund zum kritisieren und zensieren hatte.
>>Die aufgehobenen Streichungen verändern den Text nicht grundlegend, zeigen ihn aber rauher und authentischer, so wie Fallada ihn intendiert hatte.<<
Meine Gedanken zur Lektüre: Die Menschen gleichen drei verschiedenen Marionetten-Typen, den Mitläufern, den Augen und Ohren-Zuhalter und den Sich-Wehrer, aber allesamt sind sie irgendwie am Faden aufgereiht, grau und düster, aber nicht wirklich lebendig, denn sie leben irgendwie unter einer Glasglocke. Das ist reine Authentizität, Fallada erzeugt ein wahres und getreues Bild. Die Angst ist überall präsent. Und dann gibt es diesen Funken Hoffnung …
Oft wird Fallada als Trivialliterat bezeichnet, ich habe es in keinem Augenblick in diesem Werk so empfunden, sondern als echtes Zeitzeugnis aus einer ganz anderen Perspektive heraus. Das Buch hat mich tief bewegt hat – es ist mir ganz tief unter die Haut gegangen, und war so ein ganz besonderes Highlight in 2011!
Büchergilde Gutenberg 2011, Hardcover (leider schon vergriffen), 704 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6448-3
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„Descartes´ Irrtum“ von Antonio R. Damasio
12.1.2012 von Krümel.
Dieses Buch ist für den Laien wunderbar verständlich geschrieben!
>>Aus dem Klappentext:
Antonio R Damasio stellt den Dualismus in Frage, der bis heute das westliche Denken beherrscht: Geist versus Körper, Verstand versus Gefühl, Biologie versus Kultur. Durch sein Buch erkenenn wir – möglicherweise zum erstenmal – die enge Verbindung zwischen unserem neutralen Gewebe und den Höhen und Tiefen menschlichen Erfahrens und Erlebens. (Howard Gardner)<<
Im ersten Teil zeigt uns Damasio anhand von Fallbeispielen wie unser Gehirn überhaupt arbeitet, und wie unser Gehirn vernetzt ist. Der mittlere Teil ist dann ein sehr theoretischer Ausflug, da stellt der Autor seine Hypothesen vor, die er wiederum mit vielen Beispielen aus der Praxis belegt. Und zum Schluss wird dann der Titel „Descartes´ Irrtum“ abgehandelt.
>>Die Unterscheidung zwischen Erkrankungen des Gehirns und des Geistes, zwischen neurologischen Leiden und psychischen bzw. psychiatrischen Problemen ist ein unglückliches kulturelles Erbe, das tief in der Gesellschaft und Medizin verwurzelt ist. Sie offenbart eine fundamentale Unkenntnis der Beziehung zwischen Gehirn und Geist.<<
Wie arbeitet unser Gehirn? Was Neuronen tun, hängt von ihrer Nachbarschaft ab (Neuronenkomplexe). Was Systeme/Komplexe tun, hängt davon ab wie sich Komplexe gegenseitig beeinflussen. Und wie diese Beeinflussung aussieht, hängt vom Ort ab. Alles ist miteinander verwoben und vernetzt!
>>… daß Vorstellungsbilder vermutlich den Hauptinhalt unserer Gedanken ausmachen, unabhängig davon …, ob sie einen konkreten Gegenstand gelten, einen Prozeß mit dem Gegenstand, oder ob sie mit Wörtern/Symbolen zu tun haben.<<
Evolution:
- der älteste Entscheidungsapparat für fundamentale biologische Regulation
– propft einen Apparat für persönliche und soziale Bereiche auf
— propft abstrakt - symbolische Operationen auf –> künstlerisches, wissenschaftliches Denken. Nichts geht ohne das andere!
>>Für uns gab es also zuerst das Sein und erst später das Denken. Und auch heute noch beginnen wir, wenn wir auf die Welt kommen und uns entwicklen, zunächst mit dem Sein und fangen erst später mit dem Denken an.<<
Es gibt keine Trennung zwischen Körper und Denken/Vernunft. Ohne einen Körper, gäbe es diese höheren Gedanken nicht! Das hat Damasio in langen Untersuchungsreihen herausgefunden, und alles spricht auch für diese Hypothese - aber letztendlich gibt es dafür noch keine belegbaren Beweise, weil das Warum leider noch fehlt. Das Warum - warum fühlen wir überhaupt, es sind nicht nur die Neurotransmitter die uns fühlen lassen, es gibt da noch mehr. Ich nenne es jetzt mal die Psyche, die aber nur körperlich zustande kommt, durch Erfahrungen und Vorstellungsbilder, sprich Erinnerungen, aber sich geistig ausdrückt. Sie entspringt quasi aus dem Körper!
Antonio R. Damasio ist Professor der Neurologie und leitet die Neurologische Abteilung der University of Iowa College of Medicine. Seine Forschungen zur Neuropsychologie von Sehen, Gedächtnis und Sprache und seine Forschungsergebnisse haben ihn zu einer international anerkannten Autorität gemacht. Er ist Träger des Beaumont-Preises und zusammen mit seiner Frau, der Neurologin Dr. Hanna Damasio, des Pessoa-Preises.
Krümel
List Verlag 1994, OT: Descartes´ Error, Reason and the Human Brain, Übersetzung: Hainer Kober, Hardcover vergriffen (TB 8,95 € ISBN: 3548604439), 378 Seiten, ISBN: 3-471-77342-8
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“Aufzeichnungen aus dem Kellerloch” von Fjodor Dostojewski
29.12.2011 von Krümel.
Wegen der verstaubten Übersetzung ist die Anaconda Ausgabe, übersetzt von Hermann Röhl (übertragene Ausgabe von 1921 des Insel Verlags „Aus dem Dunkel der Großstadt“) nicht gerade angenehm zu lesen!
Der Protagonist erzählt aus seiner selbstgewählten Einsamkeit heraus über sein Leben. Er schimpft auf den Menschen und zählt all seine Untugenden auf: Genusssucht, Hass, Neid, Eitelkeit, Stolz, Überheblichkeit und Feigheit. Der erste Teil „Das Dunkel“ ist eine Auflistung solcher Garstigkeiten und der unendlichen Langeweile, wenn man in der Untätigkeit gefangen sitzt.
>>Ich übe mich im Denken, und folglich zieht bei mir jede uranfängliche Ursache sofort eine andere noch tiefer liegende Ursache hinter sich her, und so weiter bis ins Unendliche. Darin besteht eben das Wesen aller Erkenntnis und allen Denkens.<<
Im zweiten Teil „Bei nassem Schnee“ berichtet er dann, wie es zu diesen Rückzug gekommen ist: Er war wohl schon immer ein Sonderling, nicht äußerlich, sondern eher geistig, hat seine Welt um sich herum erkannt, die Schlechtigkeit gesehen, und sich vehement geweigert dort mitzumischen. Sein Leben schwankt zwischen Misanthropie und der Not dieser Einsamkeit zu entkommen, sich dem Menschen zuzuwenden.
Dabei zeigt dieser unbekannte Protagonist so wunderbar auf, welche Gemeinheiten in uns stecken, redet zynisch und böse und hält uns den Spiegel vor.
Ganz zum Schluss hätte er vielleicht aus dem Kellerloch heraus gekonnt, da war eine seelenverwandte Hand. Doch leider gab er das Treten von oben nach unten, die verletzende Erniedrigung, die er seit Kindesbeinen erlebt hatte, dann weiter.
>>Ich verstand eben nicht, dass sie absichtlich den Spott als Maske gebrauchte, dass dies der gewöhnliche letzte Kunstgriff schamhaft und keusch empfindender Menschen ist, in deren innerstes Empfinden sich jemand in roher, rücksichtsloser Weise eindrängt, und die sich aus Stolz bis zum letzten Augenblick nicht ergeben und sich scheuen, vor einem Fremden ihre Empfindungen zu äußern.<<
Diese kleine Novelle ist auch ein Anspielung auf den Leser überhaupt. Wie weit entwickeln wir uns zu diesem X, kapseln uns ab und leben lieber in der Vergeistigten-Welt als unter Menschen, die uns nicht verstehen wollen und können. Ich denke, jeder von uns hier, der eine mehr, der andere weniger, schafft sich seinen eigenen Raum und das ist auch gut so. Natürlich sollte man dabei das Leben neben der Kunst/Literatur noch wahrnehmen und leben. Diese Novelle stellt zwar eine arge Übertreibung dar, aber sie hält uns so humorvoll den Spiegel vor.
>>Jetzt ist es mir vollkommen klar, dass ich selbst infolge meiner grenzenlosen Eitelkeit und, im Zusammenhang damit, infolge der maßlosen Ansprüche, die ich an mich selbst stellte, mich sehr häufig mit einer grimmigen, bis zum Ekel gehenden Unzufriedenheit betrachtete …<<
Krümel
Anaconda Verlag 2008, OT: Sapiski is podpolja (Petersburg 1864), Übersetzung: Hermann Röhl, Hardcover 2,95 €, 191 Seiten, ISBN: 978-3-86647-307-2
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„Die Maske“ von Siegfried Lenz
19.12.2011 von Krümel.
Ein Erzählband mit 4 wunderbaren Geschichten!
Denn außer der letzten Erzählung „Das Interview“, die mich nicht erreichen konnte, weil sie ein wenig zu skurril konstruiert ist und der Lesefluss, der so schön mit den Vorgeschichten rhythmisch dahin floss, komplett verloren ging.
Doch die anderen Geschichten: „Rivalen“, „Die Maske“, „Die Sitzverteilung“ und „Ein Entwurf“ sind lebendige „Fiktionen“ eines älteren Autors, dessen Zeit und Leben man anhand dieser Erzählungen spüren, ja wahrnehmen kann, so plastisch sind sie transportiert. Sie zeugen von einer vergangenen Zeit (ohne Handy, Laptop und PC), in der Unterhaltung noch eine andere war, und menschliches Beisammensein und Miteinander aus heutiger Sicht, fast fremdartig erscheint. Eine tiefe Sehnsucht klingt immer mit, die allerdings beim Lesen ein wunderbares Gefühl erzeugt.
Siegfried Lenz, 1926 im ostpreußischen Lyck geboren, zählt zu den bedeutenden und meistgelesenen Schriftsteller der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur. Für seine Bücher wurde er mit vielen wichtigen Preisen ausgezeichnet, unter anderem mit dem Goethe-Preis der Stadt Frankfurt am Main, dem Friedenspreis des Deutschen Buchhandels und dem Lew-Kopelew-Preis für Frieden und Menschenrechte 2009. Der Autor lebt seit 1951 in Hamburg.
Krümel
Hoffman und Campe Verlag 2011, Hardcover €, 123 Seiten, ISBN: 978-3-455-40098-4
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„Die Farben der Insel“ von Kristín Marja Baldursdóttir
7.12.2011 von Krümel.
Ganz so wunderbar geht es nicht weiter, der zweite Teil hat Längen.
Karitas kann sich von der Insel losreißen: die Kinder sind aus dem Haus, der Ehemann ist irgendwo in der Weltgeschichte und sie startet ihren zweiten Anlauf zum Erfolg in Paris. Doch da kommt ihr jüngster Sohn ihr in die Quere und hinterlässt ihr sein Kind damit er zur See fahren kann. Wild entschlossen nimmt sie ihr Enkelkind einfach mit nach Paris, mietet ein Atelier, lernt französisch und macht sich mit um mit einen Namen in der Kunstwelt.
Der zweite Teil ist nun in der Ich-Form geschrieben und die Kapiteleinführungen beschreiben Karitas Bilder:
>>Tinte und Aquarellfarben auf Papier
Die Farbe hat sich aus den Fesseln der Form gelöst, und zunächst scheint es sich um eine reine Abstraktion zu handeln, nur undeutliche Saiten, die an ein Instrument erinnern, verleihen dem Werk vielschichtigere Nuancen. Es kommt einer lyrischen, formauflösenden Abstraktion nahe, … <<
Der Mittelteil dieses Buches, also nachdem die Protagonistin wieder Daheim in Island ist und mit ihren Freundinnen sowie ihrem Enkelkind zusammen wohnt, der ist mir um viele Stellen zu lang gewesen. Diese Eintönigkeit vergällt einem den Lesespaß, doch der Schluss tröstet dann über vieles hinweg. Als Leser denkt man sich, „endlich! und warum erst so spät?“, denn die Eises-Kälte Karitas bleibt unerklärlich. Muss man dazu Isländerin sein?
Kristín Marja Baldursdóttir ist eine der bekanntesten Journalistinnen und Schriftstellerinnen in Island. Die Autorin lebt in Reykjavik. Weitere Romane sind: „Möwengelächter“, „Kühl graut der Morgen“, „Hinter fremden Türen“ und „Die Eismalerin“. Die Autorin lebt in Reykjavik.
Krümel
Krüger Verlag (S. Fischer) 2010, OT: Óreida á striga 2007, Übersetzung: Coletta Bürling, Hardcover €, 558 Seiten, ISBN: 978-3-8105-0264-3
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“Die Hauptmannstochter” von Alexander Puschkin
30.11.2011 von Krümel.
Puschkin schreibt mit sehr viel Humor und Ironie diese Erzählung, die die Bauernaufstände von 1773 bis 75 als historischen Hintergrund aufweisen, und drum herum eine Liebesgeschichte umspannt.
Der Ich-Erzähler, ein junger Adeliger, soll zum Mann reifen und deshalb die Militär-Laufbahn absolvieren. Er wird von seiner Mutter getrennt und nicht nach Petersburg oder Moskau zum flanieren geschickt, sondern in die Provinz. Und dort übernimmt ein Hauptmann seine Erziehung!
>>„Ach laß doch“, erwiderte die Hauptmannsfrau, „ ´s ist alles nur Gerede, daß du den Soldaten was beibringst – weder werden die Leute draus klug noch verstehst du was davon. Solltest lieber zu Hause sitzen und beten, das wäre vernünftiger. <<
Mehrmals wurde ich in dieser Erzählung an den großen Roman „Krieg und Frieden“ von Tolstoi erinnert, denn das Truppenchaos in Russland muss es wirklich gegeben haben, da die Beschreibungen äußerst ähnlich sind.
>>Ein Kinderpelz, den ich einem Landstreicher geschenkt hatte, rettete mich vor dem Galgen, und ein Säufer, der sich von Schenke zu Schenke herumtrieb, belagerte Festungen und erschütterte den Staat!<<
Eine zauberhafte Geschichte, allerdings auch kurzweilig, vielleicht weil für uns das damalige (wie heutige) Russland immer etwas fremd bleibt, und eigentlich nur dieses märchenhaft verklärte in Erinnerung bleibt.
Krümel
Büchergilde Gutenberg 2009, Übersetzung: Arthur Luther, Illustrationen von Vitali Konstantinov, Gebundene Ausgabe €, 215 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6218-2
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