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Archiv der Kategorie Krümel

„Muttersohn“ von Martin Walser

Nachdem ich „Angstblüte“ und „Ein liebender Mann“ als eher senile Alterswerke eines Autors gelesen hatte, war ich nun auf den neuesten Roman von Walser doch wieder recht neugierig geworden, zumal ich ihn mir in meiner Stadtbibliothek ausleihen konnte.

>>Der unterdrückte Teil in uns ist erst das, was uns zu Menschen macht.<<

So las ich dann den ersten Teil „Dem Leben zu Liebe“, in dem fast alle Figuren des Werks vorgestellt werden und den Protagonisten Percy in den Mittelpunkt rückten. Für seine Zeugung brauchte es keinen Mann, so sagte es seine Mutter und für ihn wurde es zum Glauben. Nicht dass er davon wirklich überzeugt gewesen wäre, er sucht im ganzen Roman nach einem Vater, und drängt sich allen älteren Herren adoptionswillig auf. Ferner möchte er einfach keinem verletzen, auch seine Mutter nicht.

>>Dürfen wir etwas nicht glauben, weil andere nicht daran glauben wollen oder können?<<

Percy arbeitet als Pfleger in einer Nervenklinik, und hat mit sehr eigenwilligen Therapieansätzen so manche Erfolge gefeiert. Die Patienten lieben ihn in der Regel und laufen ihm auf dem Klinikgelände nach, erzählen von ihrem Leben, ihren Fortschritten und Fantasien.

>>Im Glauben erfahre ich, wer ich bin.<<

Der Professor der Klinik fördert ihn in jeglicher Weise, und beauftragt im ersten Teil den Protagonisten mit dem Fall des suizidgefährdeten Motorradfahrers. Percy schließt leise dessen Türe auf, setzt sich an den kleinen Tisch (der Patient liegt im Bett) und verharrt dort stumm mehr als 2 Stunden.
Später erfährt der Leser, dass seine Mutter diesen Ewald Kainz kannte. Nach und nach wird seine Geschichte aufgedeckt, und damit auch Percys Geschichte.

>>Wir glauben immer mehr als wir wissen.<<

Man hat aufgrund der unbefleckten Empfängnis und der Andeutung „Engel ohne Flügel“ schon eine Ahnung, worauf es in diesem Roman hinsteuert. Er ist eine Art Fürst Myschkin (Dostojewski „Der Idiot“), der keiner Figur widersprechen kann, der nur das Gute tun möchte und letztendlich wie alle Messiasfiguren tragisch ums Leben kommt. Ein echter Parzival, wie sein zweiter Vorname es schon belegt.

>> Der Wissende hat sein Wissen immer von einem anderen. Auf den kann er sich berufen. Der Glaubende beruft sich auf sich selber.<<

Ab dem zweiten Teil des Buches „Dieses Leben“ muss ich ganz ehrlich sagen, konnte ich nur noch wenig mit dieser Geschichte anfangen. Zu Sprunghaft und mit zu vielen Andeutungen gespickt, wurde ich ganz wirr beim Lesen. Dennoch habe ich das Werk beendet, und diese verkehre Verkettung der Zusammenhänge aufgelöst.

>>Ich habe nicht den mindesten Einfluss auf mich.<<

Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandel. (Klappentext) Bekannt wurde Walser durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen. (wiki)

Krümel

Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 24,95 €, 505 Seiten, ISBN: 978-3-498-07378-7

“Dämonen” von Fjodor Dostojewski

Mit den Dämonen sollte es wieder zur Versöhnung zwischen mir und Dostojewski kommen. Denn nach dem ich vor Jahren den „Idioten“ gelesen hatte, habe ich einen weiten Bogen um diesen Autor gemacht. Ich konnte mit der Figur des Fürst Myschkin so überhaupt nichts anfangen, zudem empfand ich die ganze Handlung als sehr übertrieben und diesen Messias als eher misslungen. Kürzere Prosa stimmte mich dann wieder auf Dostojewski ein („Die Sanfte“ und „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“). Jetzt las ich die „Dämonen“:

>> Ein Leben verging, und ein zweites begann; dann verging auch das zweite, und es begann ein drittes, und keines hatte einen rechten Abschluss. Der Abschluss war immer wie mit einer Schere weggeschnitten.<<

Im ersten Teil beschreibt der Autor die handelnden Figuren des Romans. Es fällt auf, dass der lebhafte Dialog, eigentlich ein Kennzeichen von Dostojewski, kaum verwendet wird. Und so wird der Leser ganz langsam (mancher würde es als schleppend empfinden) in die Handlung getragen. Die Hauptfigur im Roman ist Stepan Trofimowitsch Werchowenski, er ist vom Charakter dem Fürst Myschkin schon sehr ähnlich. Er treibt sein Unwesen als Liberaler im Haus der Witwe Warwara Petrowna Stawrogina mit ihrem Sohn Nikolai Stawrogin. Lebt auf deren Kosten, ist ein Träumer und versperrt sich gegen den Zeitgeist, den Stawrogin schon längst überwunden hat. Zurück bleibt bei Nikolai eine auffallend äußere Überheblichkeit gegen jegliche Gefühlsform und Gesinnungen. Stepan drückt also das Gestern und Nikolai das Übermorgen aus, das Heute kommt mit der Figur Pjotr Stepanowitsch Werchowenski ins Spiel und versetzt mit seiner nihilistischen Überzeugung die kleine Provinzstadt in Schrecken. Zum Schluss wird gemordet*, gelyncht und gestorben. Somit ist der Roman wie bei einem Drama in die drei Akte unterteilt.

*>>Bei dieser wahren Begebenheit wurde auf Veranlassung des skrupellosen Nihilisten Sergei Netschajew ein junges Mitglied seiner Gruppe, der Student Iwan Iwanowitsch Iwanow, von seinen Kameraden ermordet.<< (Quelle: wiki)

Das Ende des Buches empfand ich auch bei den „Dämonen“ als ein wenig zu „schmalzig“. Der Tod von Stepan Trofimowitsch wurde viel zu ausführlich beschrieben und in einem gewissen Tonfall, den ich als weinerlich empfinde, der des Nikolais war dann die Krönung, und beide hintereinander haben für mich persönlich den Roman gekippt.

Interessant im Buch finde ich die Auseinandersetzung mit dem Glaube, und so hat zum Beispiel die Figur Kirillow das Problem, eine innere Polarisierung, ein Gefühl, dass es ohne Gott auf der Welt nicht geht, weil der Mensch Mensch ist, und von seiner Logik her, vom Verstand, dass es eben keinen Gott gibt. Dieser Widerspruch, die innere Zerrissenheit, führt dazu, dass Kirillow sich umbringen will und muss, denn er sieht nur diese Möglichkeit aus diesem Dilemma zu entkommen und der Welt etwas auf zu zeigen.

Bei Stawrogin erfährt man während der Lektüre, dass er eben nicht nur gleichgültig und überheblich ist, sondern innerlich fast zergeht und zerfressen wird von seiner Reue.

>> Was das Verbrechen selbst anlangt, so sündigen auch viele andere in gleicher Weise, leben aber mit ihrem Gewissen in Ruhe und Frieden und halten das sogar für unvermeidliche Fehltritte der Jugend.<<

Überall spiegelt sich eine gewisse Diskrepanz zwischen Verstand und Gefühl/Glaube. Im Buch wird das mit Europa gegen Russland veranschaulicht, oder eben mit Atheismus und Frömmigkeit, oder mit den Figuren Stawrogin und Kirillow als Ganzes gezeigt. Das macht den Roman sehr aktuell, zeigt die große Sinnsuche, die historisch sowie gesellschaftlich gestützt wird und auf das 21. Jahrhundert durchaus übertragbar ist.

>> Der völlige Atheismus ist ehrenwerter als die weltliche Gleichgültigkeit …<<

Persönlich hat mich dieser Roman nicht so ganz versöhnt. Ich würde weiterhin behaupten, dass mich Tolstoi eher erreicht als Dostojewski, weil ich einfach diese klagende wehleidige Gefühlsduselei nicht besonders gut vertrage.

Krümel

Kindle Edition (Kommentierte Gold Collection) 2011, Übersetzung: Hermann Röhl, Dateigröße: 1558 KB, ASIN: B005MLAM46

„Für den Rest des Lebens“ von Zeruya Shalev

Zunächst einmal hat man ein schwarzes Buch in der Hand, und dann beginnt man zu lesen, stolpert über fehlende Absätze, wenn die Autorin von einer Figur zu nächsten springt - was kaum auffällt -, wenn da nicht unterschiedliche Namen wären, denn die Grundstimmung von allen drei Figuren ist gleich: schwarz wie das Buch.

Ich stelle nur eine Figur des Buches vor, stellvertretend für die anderen. Dina, die ungeliebte Tochter ihrer Mutter, verlässt als junge Frau einen Mann, der ihr alle Wünsche von den Lippen abliest, und fühlt sich von einem kühlen, introvertierten Fotografen angezogen. Ihr Studium hängt sie nach einem Zwischenfall an den Nagel, und wird Mutter. Doch sie wird Mutter nur einer Tochter, der Zwillingsbruder schafft es nicht … Und jetzt mit Mitte vierzig will sie diesen Jungen zurück haben! (Koste es was es wolle, sie will dieses Kind jetzt haben!) All ihre Fehlentscheidungen im Leben will sie mit dieser Adoption rückgängig machen, ihr verkorktes Leben in den Griff bekommen – Leben!

Und so liest man eine Familienkette, in der das Leid des einem auf die nächste Generation schwappt und wieder zum Leid des anderen wird. Man erkennt die Muster, die wohl anscheinend in jeder Familie in irgendeiner Form vorhanden sind. Man erkennt auch seine eigene Familie und ihre Grundzüge.

Das Buch zieht den Leser in einen Sog, düster und beklemmend, von dem man nicht ablassen kann, obwohl es einem nicht gut tut. Es existiert kein Hoffnungsschimmer: Der See ist trockengelegt, die Siedlungen nutzen die neuangelegte Fläche, besetzen fremdes Land … Bis zum Schluss bleibt diese Grundstimmung im Buch die gleiche.

Mir gefiel die Geschichte vom See, und wie er stellvertretend für das Land, seine Geschichte trägt. Und mir gefällt, dass die Autorin mit kleinen nebensächlichen Beschreibungen, doch so viel erzählt. Probleme hatte ich mit den Figuren, die mir bewegungslos erschienen, da in ihnen kein rechtes Leben aufkam, sondern nur Leid, verpasste Liebe und Trostlosigkeit. Steht das so für das Land?

Zeruya Shalev, 1959 in einem Kibbuz am See Genezareth geboren, lebt mit ihrer Familie in Jerusalem. Bekannt sie mit dem Bestseller „Liebesleben“, die folgenden Romane „Mann und Frau“ und „Späte Familie“ machten Zeruya Shalev zu einer der bedeutendsten Autorinnen unserer Zeit. (Klappentext)

Krümel

Berlin Verlag 2012, OT: Sche´arit Hachajim, Übersetzung: Mirjam Pressler, Hardcover 22,90 €, 521 Seiten, ISBN: 978-3-8270-0989-0

“Kain” von von José Saramago

>> … ein kraftvolles, provozierendes Vermächtnis … << der Schwerpunkt liegt auf der Provokation!

Und schon nach dem ersten Kapitel hatte ich den Eindruck, dass hier jemand einen riesen Eindruck schänden möchte. Der Ton des Buches ist gestelzt und sehr konstruiert: Nachdem Kain seinen Bruder Abel umgebracht hat, wird er von Gott dazu verdonnert, ewig auf der Erde zu wandeln und rastlos zu sein. Und so begegnet er den großen Ereignissen des ATs. Er trifft auf Lilith und treibt es bunt mit ihr. Auf Abraham, auf Moses, auf Noah. Er ist in der letzten Stunde von Sodom und Gomorrha dabei, bei der Sohnesopferung von Abraham anwesend … Kain wird zu einer Art „Heilsbringer“, der Brudermörder, der Sünder wie du und ich. Und Gott bekommt überall sein Fett weg >wäre Gott Kain nicht in die Quere gekommen, hätte es der Junge weit gebracht<.

Saramago verarbeitet in seinem Roman das Problem der Theodizee, doch auf einer Art, die ich nicht befürworten kann. Denn dafür ist sie nicht sachlich genug, sondern oft nur trivial. Der Leser hätte auch ohne die vulgären Ausflüge die Intention des Autors erkannt. Dieses Aufblähen hätte er sich sparen können, seine Ansichten wären auch ohne erkennbar gewesen.

>>Die Geschichte der Menschheit ist die Geschichte ihrer Uneinigkeit mit Gott, weder versteht er uns, noch verstehen wir ihn.<<

„Die Stadt der Blinden“ hatte mir vor Jahren schon aus genau den Gleichen Grund nicht gefallen, ein Autor der schockt und provoziert, nur weil sich das gut verkaufen lässt. Nichts für mich.

Krümel

Hoffmann und Campe Verlag 2011, Übersetzung: Karin von Schweder-Schreiner, Hardcover 19,99 €, 175 Seiten, ISBN: 978-3-455-40295-7

„Dumala“ von Eduard von Keyserling

Keyserling versteht es auf wenigen Seiten ein getreues psychologisches Profil zu schaffen!

In einer kleinen Gemeinde, irgendwo in den Bergen, in der Winterzeit … Der Pastor spornt wie rasend seinen Zweisitzer über die gefährliche, da morsch und baufällig, Brücke, die zwei Bergkämme miteinander verbindet. Er kommt soeben von der Gräfin von Dumala. Viele Abendstunden verbringt er auf dem Schloss, betrachtet wie gebannt das Antlitz der Gräfin, die ihrem kranken Gatten das Bein streichelt. Doch heute Abend war auch Graf Rast zu Besuch, und in wilder Eifersucht ergreift er die Flucht. Doch er fährt nicht nach Hause, wo seine junge und gefällige Ehefrau auf ihn wartet …

>>Seltsam - da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem anderen vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer dem anderen aus seiner Einsamkeit heraus.<<

Auch diese kurze Erzählung hat mich sehr beeindruckt. Stimmig und genau vermag es Keyserling Gefühle und Atmosphäre einzufangen. Psychologisch tief blickt er in die Abgründe der Menschen, und vermag das Hervorgeholte präzise in Worte zu fassen. Es werden sicherlich noch weitere Werke vom Autor hier erscheinen.

Krümel

Kindle Edition, 219 KB, ASIN: B004W9CK1C

„Gegen die Welt“ von Jan Brandt

Vielleicht sollte ich zunächst einmal ein wenig ausholen, und die Geschichte des Josua aus dem AT erwähnen. - Nach dem Tod von Moses wurde Josua sein Nachfolger, und wieder einmal wurde die Stadt „Jericho“ in Schutt und Asche gelegt. Es wurde gemordet, die Stadt wurde ausgeraubt und von Josua verflucht: „Verflucht sei, wer sich aufmacht, wer ihren Grund legt, dem soll der älteste Sohn sterben.“ Nebenbei sei auch noch erwähnt, dass Josua zuvor dem Tanz um das goldene Kalb als Diener von Moses, beiwohnte.
Und dann schreibe ich auch gleich, dass im „Buch Daniel“ die Geschichte des Sehers Daniel beschreibt >>„Sie enthalten u. a. umfangreiche Zahlenmystik, Symbolbilder und Metaphern, die auf die Endzeit gerichtet sind und in der Offenbarung des Johannes aufgegriffen werden.<< (wiki Buch Daniel)

So jetzt zum Buch!

Der Protagonist Daniel ist ein sonderlicher Junge. Er hat eine glänzende Phantasie, ist gerne für sich allein und schreibt seine Geschichten nieder. Richtig gute Freunde hat er nicht, wohl auch, weil er sich mit Ausgegrenzten beschäftigt. Neben Peter sitzt er in der Schule und mit Volker, dem Dickerchen, spielt er nach der Schule, das wird ein wenig geheim gehalten. Die Rabauken der Schule Eisen & Co. haben aus diesem Grund Daniel ganz oben auf ihrer Liste für Schikanen stehen.

Dann kommt der Tag in dem es in „Jericho“ (unsere fiktive Stadt Leer in Ostfriesland) mitten im September schneit, ein Maiskreis im Maisfeld entsteht und Daniel nur mit einem Handtuch bedeckt sowie mit zahlreichen blauen Flecken und einem Schleudertrauma verspätet nach Hause kommt.

Daniel wird verflucht und das gleich dreimal: Einmal von der Gemeinde als Unheilsbringer im Maisfeld, etwas später sogar vom Pastor, und letzlich von Peter mit den Worten „Du auch“.

Aber wie gesagt der ganze Ort „Jericho“ ist verflucht von Josua. Die ältesten Söhne werden sterben, denn das goldene Kalb tanzt wieder in der Gemeinde, denn der braune Rosing baut die Stadt wieder auf …

Das Buch ist genial! Noch nie habe ich so ein spannendes und zugleich auch noch ein so intelligentes Buch gelesen! Wirklich ein Ereignis und kein Debüt! Es ist ja noch nicht einmal der biblische Rahmen, der das Besondere ausmacht, nein der Stil des Buches mit unterteilten Ebenen, leeren Seiten und sehr schwach bedruckten Absätzen bringen zudem noch viel Atmosphäre ein. Außerdem wird der Leser in die Zeit der 80er katapultiert mit Fondor, Tschernobyl und dem Original Parker. Wie in einem Sog liest man die 900 Seiten runter wie nichts. Danach bleibt nur noch das Warten auf neuen Stoff, den uns Jan Brandt hoffentlich schnell vorlegt! (Obwohl, an diesem Buch hat er Jahre geschrieben.)

Jan Brandt, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland) und studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, London und Berlin und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Seine Erzählungen sind in der FAZ sowie SZ erschienen. „Gegen die Welt“ ist sein erster Roman.

Krümel

DuMont Verlag 2011, Hardcover 22,99 €, 927 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9628-8

„Selbst ist der Mensch“ von Antonio Damasio

damasio.gifInsgesamt bin ich enttäuscht!

Der erste Teil behandelt die Fragen: Wie baut das Gehirn einen Geist auf?
Wie sorgt das Gehirn in diesem Geist für Bewusstsein? Er beschreibt die körperlichen Vorgänge wie Energiegewinnung (ATP), Atmung, Säuregehalt des Körpers und Temperaturregelung, also wieder die Homöostase (Regulation des Lebendigen), diesmal ausführlicher und dadurch noch verständlicher als im Buch „Descartes´Irrtum“, aber im Grunde reine Wiederholung.

>>Wir haben unseren Körper im Kopf, im Geist, weil uns das hilft, unser Verhalten in allen möglichen Situationen, welche die Unversehrtheit des Organismus gefährden und das Leben beeinträchtigen könnten, zu lenken.<<

Danach folgt im Teil II. eine hypothetische Aneinanderreihung wo und wie Geist gebildet wird. Verkettungen von CDR zu CDR und wilde Begrifflichkeiten erschweren dem Laien hier das Lesen und Verstehen.

Im dritten Teil zerstückelt Damasio schließlich den Begriff „Selbst“ in Kern-Selbst, Protoselbst und autobiographisches Selbst und macht seine Arbeit Körper und Geist zu vereinen meiner Meinung nach damit zunichte.

>>Es gibt tatsächlich ein Selbst, aber es ist kein Gegenstand, sondern ein Prozess, …<<

Am Ende bleibt folgende Fragestellung offen: Ein autobiographisches Selbst - aber was ist davon tatsächlich autobiographisch? Was bleibt, wenn man kulturelle Erziehung und Umwelt abzieht? Und wie viel bleibt übrig, wenn man auch noch die fehlerhaften Erinnerungen heraus nimmt. Was für ein Selbst bleibt stehen, welches wir wirklich unser eigen nennen können? Alles in allem bleibt ein ernüchterndes Gefühl übrig, und im Gegensatz zum Vorgänger Buch: Enttäuschung.

>>Hätte die Subjektivität nicht ihren radikalen Auftritt gehabt, es gäbe kein Wissen, und niemand würde es bemerken; entsprechend gäbe es auch keine Geschichte … und keinerlei Kultur.<<

Krümel

Büchergilde Gutenberg 2011, OT: Self Comes to Mind. Constructing the Conscious Brain 2010, Übersetzung: Sebastian Vogel, Hardcover €, 368 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6454-4

„Klein und Wagner“ von Hermann Hesse

Bei dieser Erzählung steht ein innerer Konflikt im Vordergrund. Der Leser wird ganz tief, mit Hilfe des inneren Monologs, in die Gefühlswelt des Protagonisten Hans Klein gezogen. Klein ist von Daheim geflohen, hat Frau und Kinder zurück gelassen und bei seiner Bank irgendwie Geld unterschlagen, womit er jetzt im Zug nach Süden sitzt. Während der Fahrt kommt ihm ein gewisser Wagner in den Sinn, ein Lehrer über den er einen Artikel gelesen hat, dass er Frau und Kinder umgebracht hat – die zweite Ebene.
In Italien angekommen lernt Klein die Tänzerin Teresina kennen, und führt ein sehr trieb gesteuertes Beisammensein mit ihr.

Die Erzählung erinnert an eine Zergliederung aufgrund einer Psychotherapie, wie sie auch Hesse nach seiner gescheiterten Ehe mit C. G. Jung absolvierte. Somit hat von Wedel recht, dass die Werke von Hesse stark autobiographisch sind, denn „Klein und Wagner“ spiegelt das Innen und Außenleben des Autors wieder.

Krümel

Suhrkamp Verlag 1996 – Jubiläumsausgabe zum hundertsten Geburtstag von Hermann Hesse, Werkausgabe Hardcover im Schuber, ISBN: 3-518-03099-X

„Hermann Hesse“ von Ezzelino von Wedel

>>Warum der Dichter Glaube, Glück und Eigensinn empfahl<<

Eine kurze, aber doch eindrucksvolle Biographie über Hesse. Der Autor beschreibt das Leben anhand von Briefen und Tagebucheintragungen, aber er vergisst auch nicht, dieses in eine wohlgeformte Prosa einzubetten, so dass sich das Buch wirklich gut liest. Die Kindheit und Jugend erzählt er sehr einfühlsam, auch wie sich Hesse gefühlt haben muss im Pietistenhaushalt, der sehr streng und fromm gehalten wurde. Später als der junge Autor dann seine ersten kleinen Gedichte veröffentlichte, ging die Beziehung zum Elternhaus endgültig in die Brüche.
Mit dem Entstehen seiner Werke geht dann Wedel auch auf diese ein. Chronologisch wird das Leben und Werk des Künstlers vorgestellt. Für mich war es neu, dass seine Werke immer auch autobiographisch untermalt sind, dass Hesse seine Alltagsprobleme im Werk verarbeitet hat.
Daraufhin habe ich nun „Klein und Wagner“ gelesen, und kann dies bestätigen. In dieser Novelle wird das Scheitern der ersten Ehe und zugleich auch die neue Romance beschrieben.

Trotz des geringen Umfangs wird in diesem schmalen Büchlein der Auor Hermann Hesse und sein Werk wirkungsvoll umschrieben. Und als nächstes werde ich die Biographie von Hugo Ball noch als Ergänzung dazu lesen.

Ezzelino von Wedel, geboren 1946, evangelischer Pastor und Journalist, leitet von 1982 bis 2004 die Reaktion Religion und Gesellschaft bei Radio Bremen. Zuvor hatte er Erfahrungen als Mönch, Übersetzer und Popmusiker gesammelt. Er veröffentlichte unzählige Hörfunkfeatures und mehrere Bücher, u.a.: „Bonjour, mon amour“ und „Als Jesus sich Gott ausdachte“.

Krümel

Wichern Verlag 2011, Gebundene Ausgabe 14,95 €, 143 Seiten, ISBN: 978-3-88981-325-1

„Schwüle Tage“ von Eduard von Keyserling

Eine sehr einfühlsame Novelle!

Der junge Graf Bill hat sein Abitur nicht bestanden, und darf aus diesem Grund nicht wie üblich die Sommerferien am Meer verbringen, sondern muss mit seinem Vater aufs Land zum Familiensitz reisen. Dort angekommen wird Bill angewiesen zu büffeln, er bekommt einen Zeitplan für seine Studien, aber immer wieder wird dieser Plan von Familienbesuche bei den Cousinen unterbrochen. Bill hat ein Auge auf seine Cousine Gerda geworfen, und seine ältere Cousine Ellita ist verlobt mit Went. Doch irgendwie scheint es mit seiner Liebelei und die des anderen Paares nicht rund zu laufen – Bill macht eine folgenschwere Entdeckung!

Die Novelle schildert den Übergang vom Kind zum Mann, aber leider nicht im Sexuellen, sondern mit einem Schlag wird unser Protagonist erwachsen, er ist geprägt und wird diese Prägung sein Leben lang innehalten. Und dieses Geschehnis wird sehr einfühlsam vom Autor dargestellt. Es ist ein Sommer voller Erkenntnisse, die man nicht so schnell vergessen wird! Brillant erzählt!

Eduard von Keyserling (1855–1918) stammt aus altem baltischen Geschlecht, studierte Kunst und Jura und begann zugleich mit dem Schreiben. Als freier Schriftsteller lebte er zunächst in Wien, später in Italien und München, wo er zeitweise der Schwabinger Boheme angehörte. Durch eine Krankheit erblindet, vereinsamte Keyserling in den letzten Jahren seines Lebens zunehmend. (Quelle Amazon)

Krümel

Kindle Edition, 153 KB, ASIN: B004W9CKU8