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Archiv der Kategorie Klassiker
“Middlemarch” von George Eliot
9.11.2011 von Krümel.
Ein ermüdendes Gesellschaft.- und Sittenprotrait der Provinz im Viktorianischen England!
Über 1200 Seiten umfasst dieser meiner Meinung nach „historische Schinken“, der aus der Feder einer Frau entsprang – Mary Ann Evans – jedoch unter dem o.g. männlichen Pseudonym bekannt wurde. Der Roman umspannt vorwiegend das Thema Liebe, aber auch Standesdünkel, Politik und Gesellschaft, sowie Kunst und Religion. Drei Liebesverhältnisse tragen die Handlung, wobei Dorothea Brooke im Mittelpunkt steht.
Diese schöne junge Dame ist moralisierend wie eine Heilige, doch tief im Herzen lodert eine große Leidenschaft in ihr. Sie schwärmt für den Geistlichen Casaubon, der ihr Vater sein könnte und ein großes historisches Werk in Arbeit hat. Die Protagonistin verliebt sich in ein Bild, der dienenden Gattin, die ihren Mann zur Seite steht und mit ihm gemeinsam sein Lebenswerk vollbringen möchte. Also ihr Sein völlig aufopfert für sein Wohl.
Doch schon auf der Hochzeitsreise muss die junge Dame erkennen, dass ihr Gatte ihre bereitwillige Selbstaufgabe missversteht und ablehnt. Auch dass sein historisches Werk schon längst überholt ist, da er sich selbstüberschätzend Innovationen verwehrt.
>>Ich wenigstens habe viel damit zu tun, gewisse menschliche Schicksale zu verwirren und herauszufinden, wie sie gewoben und miteinander verwoben sind, so daß alles mir zu Verfügung stehende Licht auf dieses besondere Gewebe konzentriert werden muß über jene verlockende Reihe wichtiger Einzelheiten, das Universum genannt, zerstreut werden darf.<<
Dr. Lygate heiratet unterdessen die wunderschöne Rossamond, die mehr seiner adeligen Abstammung anhimmelt als seiner Berufung, der Medizin.
Und so tut sich um den Ort „Middlemarch“ ein gesellschaftliches Leben auf mit tiefen Charakterdarstellungen, Einblicke in die damalige politische Lage, das Leben in der Provinz zum Stadtleben. Alles in Allem trägt dieser Roman die Anlage eine fesselnde Lektüre zu sein, wenn nicht diese Protagonistin eine Heilige verkörpern würde.
Sie erzählt mit erhobenem Finger wie eine Moralapostelin, ihr Ton ist anklagend, drohend und belehrend, und das ermüdet. Ferner sind die Figuren im Roman entweder Schwarz oder Weiß und bleiben es auch. Grautöne gibt es nicht. Überraschende Wendungen sucht man vergebens, die Handlung ist immer voraussehbar!
Krümel
Anaconda Verlag 2010, OT: Middlemarch. A Study of Provincial Life (Edingburgh 1871/2), Übersetzung: Irmgard Nickel, Hardcover 9,95 €, 1207 Seiten, ISBN: 978-3-86647-553-3
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„Der Mensch erscheint im Holozän“ von Max Frisch
20.10.2011 von Krümel.
Herr Geiser, 74, Witwer, lebt alleine in einem Tal in den Tessiner Alpen. Ein Unwetter trennt nun zu Beginn der Geschichte das Tal von der Außenwelt ab und der Leser taucht in die Welt des Herrn Geiser ein:
Sehr sachlich analysiert Herr Geiser seine Situation, er listet die vorhandenen Lebensmittel auf und schreibt nebenher eine Liste über Donnerarten, die das Unwetter im Laufe der Tage über das Tal krachen lässt.
Nachdem er diese Donnerarten niedergeschrieben hat, entwickelt Herr Geiser ein großes Interesse an Wissen, vorwiegend geologisches Wissen, über die Erdgeschichte, aber auch über Dinosaurier und das Tessin. Er sammelt Fachwissen aus Lexika, später schneidet er sogar die einzelnen Artikel aus den Büchern heraus, und all sein „Wissen“ wird an den Wänden seines Hauses befestigt.
„Ob es Gott gibt, wenn es einmal kein menschliches Hirn mehr gibt, das sich eine Schöpfung ohne Schöpfer nicht denken kann, …“
Die Ebene, die sich speziell um den Witwer dreht, ist von einer präzisen Anmut gezeichnet, und spiegelt ein Menschenschicksal. Die philosophischen Gedanken des Herrn Geiser verkörpern eine weitere Ebene und darüber hinaus sind die Zettel an der Wand eine Ebene, die alles umfasst. Somit vereint dieses schmale Büchlein nicht nur einen Mikrokosmos eines einzelnen, sondern auch den Makrokosmos.
„Manchmal fragt sich Herr sich Herr Geiser, was er denn eigentlich wissen will, was er sich vom Wissen überhaupt verspricht.“
Meine Gedanken: Vielleicht erscheint der Mensch auf seinen geistigen Höhepunkt im Holozän, doch könnte es sein, dass all sein Wissen nicht an der Tatsache vorbeiführt, dass wir das gleiche Schicksal der Dinosaurier erleiden und ihnen folgen werden. Ist der Mensch genauso endlich wie der Mikrokosmos des Herrn Geiser?
„Was heißt Holozän! Die Natur braucht keine Namen. Das weiß Herr geiser. Die Gesteine brauchen sein Gedächtnis nicht.“
Krümel
Suhrkamp Verlag 2011, Taschenbuch 7 €, 146 Seiten, ISBN: 978-3-518-46238-6
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“Stiller” von Max Frisch
22.9.2011 von Krümel.
Die große Identitätskrise oder die Verurteilung zum Ich ohne Wandlungsmöglichkeit!
„Einer“ wird in der Schweiz verhaftet, da er „Stiller“ sein soll und irgendetwas auf dem Kerbholz (Spionage oder so) haben soll. Was allerdings unwesentlich ist, vielmehr dass dieser Einer fortwährend diese Identität abstreitet. Nun sitzt er in Untersuchungshaft und alle, der Verteidiger (dieser spricht ihn gleich mit „Stiller“ an – Situationskomik pur), der Staatsanwalt und gar seine Frau, Schwager, seine Freunde, sein Vater, alle lassen nicht davon ab, dass „Einer“ „Stiller“ ist. Nur dieser streitet das vehement ab, erzählt Geschichten über Geschichten, nennt sich Mr. White und schreibt den ersten Teil des Buches nieder.
>>… - diese Unmöglichkeit ist es, was uns verurteilt, zu bleiben, wie unsere Gefährten uns sehen und spiegeln, sie, die vorgeben, mich zu kennen, sie, die sich als meine Freunde bezeichnen und nimmer gestatten, daß ich mich wandle, …<<
Der Leser ist zunächst verunsichert, möchte er doch als neutraler Leser nicht diesen Fehler begehen und sieht den Verlauf der Handlung eher skeptisch. Später neigt man dann auch zu der Annahme, dass „Stiller“ „Stiller“ ist, aber es gibt auch immer wieder Situationen, bei denen man wieder zweifelt – was den Figuren im Buch nie in den Sinn kommt – wenn beispielsweise ein Zahn vorhanden ist, der gar nicht mehr vorhanden sein sollte.
Eindeutig wird die Identität nicht geklärt, aber spielt das eine große Rolle?
Im Buch geht es in der Hauptsache um die Beziehung zwischen Stiller und Julika. Fasziniert von diesem zarten blassen Wesen mit dem roten Haar, heiratet Stiller seine Göttin. Auch sie ist ihm still ergeben, aber das große Glück der Beiden bleibt aus. Sie erkrankt an Tuberkulose, muss in die Berge zu einer Kur, und er verlässt sie.
Als Begründung für diese Handlung wird immer wieder der Spanische Bürgerkrieg in der Vordergrund geschoben, in dem Stiller seine Pflicht nicht erfüllt und die „Feinde“ nicht erschossen hat. Schuldkomplexe tun sich auf und er ergreift die Flucht nach Amerika. Er bleibt sieben Jahre weg und nun hat man „Einen“ gefasst, der wie „Stiller“ aussieht.
Und es spielt doch gar keine Rolle, ob „Einer“ „Stiller“ ist oder nicht! Fakt ist doch, falls „Stiller“ „Stiller“ ist, hat er diese Identität abgelegt, oder er wünscht es sich diese Identität ablegen zu können, weil er damit nicht mehr leben wollte und konnte. Natürlich hat „Stiller“ dann eine Identitätskrise, wenn er „Stiller“ ist. Aber dies wird von außen nicht erkannt, geschweige akzeptiert. Einzig von Rolf dem Staatsanwalt, doch das klärende Gespräch wird erst geführt als Stiller zu Stiller verurteilt wird, damit leben muss und alles von vorne beginnt.
>>Sie (Julika und alle anderen) kann ihn nicht aus dem Bildnis befreien, das sie von ihm gemacht hat – dadurch steht sie auf der Seite der Gesellschaft und nicht auf der Seite ihres Mannes.<< (Wiki zu „Stiller“)
Ein beeindruckendes Werk, welches mir von den bisher gelesenen Büchern von Frisch („Homo Faber“, „Mein Name sei Gantenbein“ und „Der Mensch erscheint im Holozän“) am besten gefallen hat.
Krümel
Suhrkamp Verlag 2004, Sonderausgabe in Originalausstattung 1954, Hardcover 15 €, 577 Seiten, ISBN: 3-518-41661-8
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“Der kleine Herr Friedemann” von Thomas Mann
25.8.2011 von Krümel.
Eine sehr anmutige Novelle, die mich tief bewegt hat!
Diese Geschichte ist quasi Thomas Manns erste Veröffentlichung, sie erschien 1897 als Zeitungsartikel noch ein Jahr vor den „Buddenbrooks“, und ein Jahr später erst in Buchform.
„Der kleine Herr Friedemann“ ist ein Bucklinger, der kurz nach seiner Geburt gefallen war und seit dem nie wieder aufrecht stand. Er ist ein Außenseiter, auch etwas kleinwüchsig, aber mit schönen und weichen Gesichtszügen. Als seine Klassenkameraden sich zum weiblichen Geschlecht hingezogen fühlten, erntete er eine gemeine Erniedrigung von einem Mädchen und so schwört er sich, nie wieder eine solche Demütigung erleben zu müssen. Er lebte seit dem sehr zurückgezogen „glücklich“ mit seinen Schwestern. Doch dann …
Schon in diesem ersten Werk von Thomas Mann geht es um die „Heimsuchung“ vom weiblichen Geschlecht aus, von der Sexualität. Und tiefe Melancholie schwappt trotz des Friedens und der „Harmonie“ im mittleren Teil aus jeder Zeile heraus. Da ist etwas was brodelt, was unter der Oberfläche schwelt. Ein Feuer, eine Leidenschaft …. In vielen späteren Werken erscheint dieses Motiv dann wieder.
Mich hat dieses knappe Büchlein sehr bewegt, tiefe Empathie empfand ich für den Protagonisten, aber auch für den Autor, der wohl dieses Gefühl sein ganzes Leben lang mit sich trug.
Krümel
Büchergilde Gutenberg 2000, Hardcover 21,90 € mit Illustrationen von Karl-Georg Hirsch, 100 Seiten, ISBN: 3-7632-5000-X
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„Sommernacht“ Erzählungen von Elizabeth Bowen
14.7.2011 von Krümel.
Diese Short Story wird in Dialogform transportiert. Wortführend ist zunächst die männliche Seite, der Bruder, und der Leser seine Sicht vorgetragen bekommt: Seine Schwester ist altbacken, für eine Heirat zu alt geworden, eine alte Jungfer eben, vielleicht etwas dümmlich und nicht gerade das, was sich eben ein Mann unter eine gute Partie oder Frau vorstellt. Aus diesem Grund redet er auch betont überheblich, mit einem gönnerhaften Lächeln im Gesicht. Ihre Zukunft sieht er in dem gerade neu bezogenem Haus, an seiner Seite, in der gewohnten Zweier-Gemeinschaft.
Dann übernimmt ganz überraschend die Schwester das Zepter des Gesprächs an sich …
Nur wenige Seiten ist diese Geschichte lang, aber mit so viel Atmosphäre und Dichte, von der so mancher Roman träumt. Und die Pointe vom Feinsten!
Was Menschen Übles tun
Dies ist eine sehr raffinierte Geschichte, deren Plott ich nicht vorweg nehmen möchte. Bowen zeichnet hier geschickt eine Charaktere einer einsamen Frau, setzt damit wieder eine tiefe Atmosphäre, in der der Leser richtig hinein gezogen wird … Doch Achtung, eine Short Story ist erst eine gute Short Story, wenn da ein guter überraschender Wendepunkt kommt
Klasse Geschichte!
Es gab aber auch Erzählungen, die mir nicht so gut gefielen, beispielsweise „Charity“. In dieser Geschichte gibt es zwar einzelne Stimmungen, aber letztendlich sind sie nicht ausgereift. Es fehlt nicht an Fülle aber an Stimmigkeit. Mir schien es gerade bei dieser Geschichte, dass hier die Kürze nicht das richtige Maß für die Dichte des zu Erzählenden gewesen ist. Wäre ein ganzer Roman daraus entstanden, die vielen Figuren mit stichfesten Empfinden beschrieben … Mir fehlte dabei einfach das Runde, das Abgeschlossene.
Die Thematik der Geschichten kreisten alle um Konventionen, deren Überschreitungen oder Anpassungen. Insgesamt hat mich dieses Buch erreicht, und mir deutlich gemacht, dass ich von der Autorin noch einige Dinge lesen wollte und lesen werde.
Elizabeth Bowen wurde 1899 in Dublin geboren. Sie studierte nach dem I. Weltkrieg in London Kunst und veröffentlichte 1923 ihren ersten Erzählband. Insgesamt veröffentlichte sie 27 Bücher, wobei „Der letzte September“ von 1929 aber erst 2001 ins Deutsche übersetzt wurde. Ihr letzter Roman erschien 1968. 1973 verstarb die Autorin in England.
Krümel
Schöffling & Co. Verlag 2007, Übersetzung: Sigrid Ruschmeier mit einem Nachwort von Elsemarie Maletzke, Hardcover , 252 Seiten, ISBN: 978-389561-245-9
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“Aufzeichnungen eines Jägers” von Iwan Turgenjew
16.6.2011 von Krümel.
Turgenjew erzählt in seinen Aufzeichnungen von Bauern, die es verstehen zu Geld zu kommen, und von philosophischen Bauern, die zufrieden leben, von Zofen, die heiraten möchten, von Ärzten, die sich in ihre Patientinnen verlieben und von:
„Mein Nachbar Radilow“
Dieses Kapitel beginnt mit einer schönen Beschreibung von alten Lindengärten, die aus alten Zeiten, oft einzig, übrig geblieben sind. In einer solchen Gegend befindet sich der Jäger und schießt nach einer Schnepfe, aber „Ach“, er schießt ganz knapp an einer jungen Frau vorbei … man wird zu Tisch bei diesen Gutsleuten gebeten. Raff-zaff ohne große Erklärung. Man geht zu Tisch und Fjodor Michijitsch setzt seine Narrenkappe auf, tanzt und zupft an seiner Geige, er ist ein ehemaliger Gutsherr und lebt beim Gastgeber Radilow zur Belustigung. Dann wird Radikow kurz umschrieben, ein typischer Gutsherr, der beim Essen von der Landwirtschaft und Ernte, vom Krieg, vom Klatsch und den Wahlen spricht – Aber! innerlich selber keine Leidenschaft verspürt. Er schnauft und seufzt, hadert mit dem Schicksal, ist unzufrieden … Woran liegt es? Ist es die große Melancholie der Russen? Die politische Lage? – fragt sich der Leser. Doch dann erzählt Radilow, dass seine Frau bei einer Geburt verstorben ist und das ist sein Los und seine Traurigkeit – Alltäglichkeiten.
„Kassjan aus Krassiwaja-Metsch“
Eine wunderbare Geschichte, die so ganz klar und deutlich aufzeigt, wie anders denkende Menschen schnell ein Mäntelchen übergeworfen bekommen, dass sie nämlich dumm seien:
>>Ach was …! Wie kommt er dazu! So ein Mensch! Mich hat er übrigens von den Skrofeln geheilt … Wie kommt er dazu! Ein ganz dummer Mensch.<<
Kassjan lebt zurückgezogen, und legt ganz offensichtlich andere Ansichten und Denkweisen an den Tag. Beispielsweise nimmt er sein Patenkind nicht in der Kutsche mit, sondern lässt sie Zufußgehen. Der Jäger und der Leser erfahren in dieser Situation den Zusammenhang nicht, doch lässt uns gleich unser Vorurteil darauf schließen, dass dieser Kassjan nicht so richtig tickt. Dass es einen anderen, guten Grund haben könnte, darauf kann vielleicht der geneigte Leser kommen, dem Jäger kommt dieser Gedanke nicht. Mir persönlich hat dieser Kassjan sehr gut gefallen
Tatjana Borissowna und ihr Neffe
Turgenjew beginnt diese Geschichte wieder mit einer sehr schönen Naturbeschreibung, dann schwenkt er zu Tatjana, eine um die 50 Jährige, freundlich und gutmütig. Jedoch hat sie keine Erziehung genossen, spricht kein Französisch, war noch nie in Moskau, kurz sie ist völlig ungebildet, liest nicht, aber wer denkt sie wäre dumm, der liegt falsch! Tatjana hört Männern und Frauen zu, gibt Ratschläge und tröstet. Kurz gesagt >>In ihren Zimmern ist immer schönes Wetter.<< Doch jetzt lebt wieder ihr Neffe bei ihr …
Auch diesmal endet die Geschichte damit, dass im Gegensatz dazu was der Leser denkt die Russin ihren Neffen liebt und vergöttert. Frauen kommen generell bei Turgenjew charakterlich besser weg als Männer.
>>Sein (Turgenjews) Werk hatte großen Einfluss auf die Entwicklung des „melancholischen Impressionismus“ in Westeuropa- Die Erzählungen „Aufzeichnungen eines Jägers“ von 1852 wurden von vielen als Anprangerung der Leibeigenschaft und als soziale Anklage angesehen, in deren Mittelpunkt sehr individuelle, bäuerliche Figuren stehen. In seinen sechs Romanen schilderte Turgenev die Schicksale seiner Helden und verband sie mit sozialen, politischen und ideellen Strömungen im Russland der 1850er bis 1870er Jahre. In „Väter und Söhne“ (1862) verarbeitete er das Thema Generationskonflikt; in späteren Werken neigte er dagegen immer stärker zu Polemik und satirischer Darstellung der zeitgenössischen Probleme.<< (Klappentext)
Das gesellschaftliche Leben wird in den Geschichten gespiegelt und durchleuchtet, manchmal sehr direkt, andere Male auf Umwege. Turgenjews Russland von früher bis in seine Zeiten wird hinreichend unter die Lupe genommen, den Umbruch in Hinsicht auf den Westen und seine Zivilisation, womit das alte Russland so gar nichts anfangen konnte, wird immer wieder thematisiert. Manche Geschichte stecken voll von Übertragungen, so dass eine große Fülle an Interpretation und Deutungen möglich sind, man die Geschichten mit Wonne liest. Doch es gibt auch eine handvoll von Erzählungen die mir nicht zusagten. Diese sind dann zu sehr an Klischees gebunden oder erzählen von Geschichten, die man als Leser schon oft gelesen hat. Aber insgesamt sind die „Aufzeichnungen eines Jägers“ lesenswert.
Krümel
marixverlag 2008 „Aufzeichnungen eines Jägers“ und andere phantastische Erzählungen, Übersetzung: Alexander Eliasberg, Hardcover €, 477 Seiten, ISBN: 978-3-86539-170-4
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“Der letzte Tag eines Verurteilten” von Victor Hugo
9.6.2011 von Krümel.
Der Ich-Erzähler berichtet von seinen letzten Tag, eigentlich sind es 6 Wochen vor seiner Hinrichtung auf dem Schafott. Diese in Tagebuchform geschriebene Erzählung erschien 1829 in Paris und sorgte für Aufregung bei Justiz, Politik und Gesellschaft. Wobei Hugos Einleitung wohl voll den Zahn der Zeit traf. 1830 kurz nach der Julirevolution, die auch die „Todesstrafe“ abschaffen wollte, geht ein Antrag an die französische Kammer:
>>Vier Männer der Gesellschaft, mit denen man sonst in Salons höfliche Worte tauscht, hatten in hohen politischen Bezirken einen der kühnen Streiche versucht – die mit dem Tode<< geahndet werden sollten; die Todesstrafe abzuschaffen.
>>Nicht deinetwegen, liebes Volk, wollen wir die Todesstrafe beseitigen, sondern unsertwegen. – Wir wollen nicht, daß die oberen Klassen in die Maschine geraten, darum werden wir sie zerbrechen!<<
Dieser Antrag lief darauf hinaus, dass Hinrichtungen auf unbestimmte Zeit hinaus gezögert wurden. Ein Aufschub wurde gewährt, es entspann eine erneute Debatte, die aber zu keinem neuen Ergebnis führte und somit wurde die Todesstrafe eher verschärft als abgeschafft!
Und von dieser neuen Situation berichtet die Geschichte „Der letzte Tag eines Verurteilten“, die schon im Titel die Ungeheuerlichkeit trägt, den diese neue Grausamkeit des Wartens mit sich brachte.
In Amerika sitzen die Insassen in ihren Todeszellen oft Jahre bis Jahrzehnte … Victor Hugos Schrift gegen die Todesstrafe hat bis heute nicht an Aktualität verloren, sie ist genauso brisant wie einst und deshalb sehr empfehlenswert.
Krümel
Anaconda Verlag 2005, OT: Le dernier jour d´un condamné (Paris 1829), Übersetzung: Alfred Wolfenstein, Hardcover 2,95 €, 94 Seiten, ISBN: 3-938484-52-7
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“Der Zauberberg” von Thomas Mann
24.5.2011 von Krümel.
Hans Castorp, früh verwaist, hat gerade sein Studium als Schiffbauingenieur beendet und fährt für 3 Wochen nach Davos, um seinen Vetter Joachim Ziemßen zu besuchen, der dort im internationalen Sanatorium „Berghof“ seine Lungenerkrankung kuriert. Anfangs fühlt er sich fast wie ein Fremdkörper bei „Denen da oben“. Er hat Schwierigkeiten mit der Eingewöhnung, auch die ungewohnte Höhenlage macht im zu schaffen. Hofrat Behrens, leitender Arzt im „Berghof“, attestiert ihm bereits bei der ersten Begegnung, er sei total anämisch. Im Sanatorium lernt Hans den Humanisten Settembrini kennen, der ihm beizeiten rät, den Berg mit all seiner Morbidität zu verlassen. Aber Hans verliebt sich in die femme fatal, Clawdia Chauchat. Als Hans Castorp während seines Besuches infolge einer Erkältung selbst immer mehr Anzeichen für eine „schwere“ Erkrankung an sich entdeckt, lässt er sich eingehend untersuchen und nimmt, nachdem eine feuchte Stelle in seiner Lunge diagnostiziert wurde, von der geplanten Abreise Abstand und bleibt. Insgesamt 7 Jahre verbringt er in dem Sanatorium zwischen üppigen Mahlzeiten, Liegekuren und anregenden Gesprächen.
Der ursprünglich als Novelle konzipierte Roman entstand in der Zeit von 1913-1924 und sollte das groteske Gegenstück zu „Tod in Venedig“ sein. Inspiriert wurde Mann dazu während eines Besuches bei seiner Ehefrau, die sich wegen eines Lungenleidens in einem Davoser Sanatorium aufhielt. Dies war meine erst vollständige Begegnung mit dem Zauberberg, in jüngeren Jahren verfügte ich noch nicht über das Durchhaltevermögen, das einem dieser Roman abverlangt. Dabei ist es keinesfalls eine kompliziert gesponnene Handlung, die den Leser fordert, es ist das Textverständnis. Ungezählte Anspielungen, Bezüge, Symbole und Metaphern aus Philosophie, Mythologie, Theologie und Musik müssen erkannt und in ihren Zusammenhang mit dem Text gebracht werden. Ich bin keineswegs so vermessen, zu behaupten, ich hätte sie alle erkannt. Mir stellt sich eher die Frage, ob das vollständige Verstehen des Werkes wirklich möglich ist. Aber ich denke, mit jedem Lesen nähert man sich dem Kern des Buchs ein Stückchen mehr und so ist ein re-read schon vorprogrammiert. Deshalb werde ich hier keine Bewertung abgeben, sondern nur ein paar meiner Gedanken zum Zauberberg formulieren. Der wunderbare Umgang mit der Sprache, der Thomas Mann zu eigen ist, macht das Lesen des Romans zum Erlebnis. Stellenweise wirkt sie sehr künstlerisch künstlich, aufgesetzt und verkopft, dann wieder bissig ironisch, aber diese Art zu schreiben ist wohl einmalig. Oft wird der Leser vom Erzähler direkt angesprochen. Da sind Momente, in denen man förmlich spürt, wie nahe dieser seinem Protagonisten steht. Andererseits gibt es wieder Passagen, in denen der Erzähler ihn völlig neutral und mit großer Distanziertheit betrachtet. Dieser Spagat zwischen Nähe und Distanz ist grandios gelungen. Einen großen Teil von „Der Zauberberg“ nehmen Betrachtungen von Zeit und Raum, Leben und Tod ein, sei dies in Gedankenspielen des Hans Castorp während seiner Liegekuren, in der Unterhaltung mit seinem Vetter, Joachim Ziemßen, in den Gesprächen mit seinen um ihn buhlenden Mentoren Settembrini und Naphta, oder in deren oft hitzig geführten Debatten. Diese in die Handlung implizierten Gedankengänge sind es wert, Zeit darauf zu verwenden, sie mitzugehen und weiterzuspinnen.
Die im Roman agierenden Figuren kommen in meinen Augen alle nicht über menschliches Mittelmaß hinaus, ein Punkt, der bei Hans Castorp direkt angesprochen wird. Aber gerade diese Mittelmäßigkeit wurde von Thomas ganz phantastisch umgesetzt. Vor dem Hintergrund von Krankheit und Tod, als Metapher für Untergang und Verfall, fehlt es an der Lichtgestalt, der positiv besetzten Person und trotzdem leidet das Werk darunter nicht.
Ein weiterer Aspekt, der mich stark beeindruckt hat, ist der Handlungsort, diese scheinbare Parallelwelt, in der die Uhren anders ticken und die Zeit sich nicht an die physikalischen Gesetze hält. Nur selten wird die Hermetik des Berghofs verlassen, kaum wird über den Tellerrand geschaut. Auch dem Zeitfluss passt sich der Roman an. Liest man über Hans Castorps ersten Aufenthaltstag im Sanatorium über 3 Kapitel, vergehen die folgenden sieben Jahre in nur vier weiteren Kapiteln. Abschließend kann ich für mich feststellen, dass ich froh bin, dieses literarische Meisterwerk gelesen zu haben, es war eine wirkliche Bereicherung meines Leserlebens, ich werde wieder zu dem Buch greifen – vielleicht in sieben Jahren.
Über den Autor (Quelle: Amazon.de)
Bis heute gilt er vielen als der Inbegriff der deutschen Literatur: Thomas Mann (1875-1955), der Literaturnobelpreisträger von 1929. Diese höchste Auszeichnung erhielt er für seinen ersten Roman “Die Buddenbrooks”, ein Jahrhundertwerk, das als Schlüsselroman seiner Zeit gilt. Kurz nach diesem Triumph begann für Thomas Mann die Zeit des Exils, zunächst in der Schweiz, unterbrochen von Reisen in die USA, wo ihm 1938 die Ehrendoktorwürde der Columbia University, New York, verliehen wurde. 1941 siedelte er nach Kalifornien über, drei Jahre später wurde er amerikanischer Staatsbürger. 1952 kehrte Thomas Mann in die Schweiz zurück, wo er 1955 starb. Zu seinen bekanntesten Werken gehören “Der Tod in Venedig”, “Der Zauberberg” und “Die Bekenntnisse des Hochstaplers Felix Krull”.
Heike
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„Rauch“ von Iwan Turgenjew
17.5.2011 von Krümel.
Im 19. Jahrhundert ist die deutsche Stadt Baden-Baden ein angesagter Treffpunkt für Russen, die dem Westen zugeneigt sind. Und so trifft auch unser Protagonist Litwinow in Baden ein. Er wird in eine „intellektuelle“ russische Gesellschaft eingeführt, aus der er sich nur mit rollenden Augenbrauen verabschieden kann. Nur Potugin bleibt als Leidensgenosse daraus übrig. Mit diesem führt er ein sehr aussagekräftiges politisches Gespräch, reine Kritik am russischen Volk und System wird ausgesprochen, doch so ganz kann der Leser den Inhalt des Romans noch nicht folgen. Erst ein Blumenstrauß und eine Reise in die Vergangenheit eröffnen dann die Liebesgeschichte.
Litwinow, der zur Badener-Zeit mit Tatjana verlobt ist, trifft seine Jugendliebe Irina wieder, eine verhängnisvolle Begegnung!
>>, daß aus dieser ganzen toten Vergangenheit, aus all diesen – in Rauch aufgegangen und in Staub zerfallenen – Anfängen und Hoffnungen, ein lebendiges, unzerstörbares Etwas geblieben ist: Meine Liebe zu dir.<<
Der Roman ist sehr politisch und gesellschaftskritisch, und ich würde einmal sagen, dadurch zeichnet er sich aus. Große Gefühle und Emotionen transportiert er allerdings nicht. Es bleibt bei einer ganz großen Distanziertheit zwischen dem Erzähler und seinen Figuren, sie werden wie aus der Ferne beschrieben und ihre Gefühle erreichen dadurch den Leser nicht. Mich hat diese fehlende Atmosphäre beim Lesen sehr irritiert. Dies kann nun an der Übersetzung des Freiherrn von Kruedener-Struve liegen oder aber, dazu tendiere ich nun nach Beendigung des Romans, daran, dass auch die Figuren mehr der Übertragung gelten und eher als Spielfiguren der Gesellschaftskritik dienen als Inhalt einer Geschichte. Doch ohne einen Vergleich kann ich darüber nur spekulieren, auffallend ist auf jedem Fall Turgenjews Kritik am russischem Adel, wie dekadent und wie ein Fähnlein im Wind er in jener Zeit auftritt. Ferner Kritik an den damals von sich selber ernannten Möchte-gerne-Intellektuellen, die wohl nicht mehr als viel heiße Luft verschossen.
Krümel
Kiepenheuer Verlag Berlin 1941, OT: DYM, Übersetzung: Freiherr von Kruedener-Struve, gebundene Ausgabe 315 Seiten
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“Fantastische Erzählungen” von Iwan Turgenjew
5.5.2011 von Krümel.
Ein Traum (1876)
Der namenslose Protagonist und gleichzeitig Ich-Erzähler beschreibt zu Beginn seine Mutter: Eine immerwährende Traurigkeit umhüllt ihr wundervolles Antlitz, sie ist fortwährend in schwarz gekleidet, seit dem der Vater verstorben ist. Aber der Erzähler vermutet hinter dieser Traurigkeit weit mehr, denn manchmal überkommt sie ein Ekel und schrickt vor ihrem Kind zurück.
Ein Einzelkind ist der Protagonist gewesen, ein Sonderling. >Nicht verzogen, noch verbittert, aber Zerrüttet und von schwacher Gesundheit.< Ein Einzelgänger, der viel schläft und träumt. Und ein Traum verfolgt ihn schon recht lange: Der Vater ist nicht tot und er, das Kind, besucht ihn. Dieser ist nicht erfreut darüber, er brummt und geht. Das Kind läuft hinter dem Vater her, doch dieser ist plötzlich verschwunden und zurück bleibt nur das Brummen.
Eines Tages begegnet der Erzähler diesem Mann aus seinen Träumen!
>>Ich konnte mich unmöglich mit dem Gedanken abfinden, dass sich zu einen solchen übernatürlichen, geheimnisvollen Anfang ein solches sinnloses und gewöhnliches Ende schließen könne!<<
Was letztlich „Ein Traum“ ist und was nicht, ob die Wirklichkeit wahrlich existiert, und was mit surrealen Elementen lediglich gekoppelt, oder ein Traum im Traum geträumt wird, bleibt verborgen. Ein schönes Spiel hat sich da Turgenjew erdacht, rein fiktiv wie die meisten Geschichten.
Drei Begegnungen (1861)
Ein Jäger und auch wieder gleichzeitig der Ich-Erzähler begegnet auf dem Rückweg von einer Jagd wieder einmal den Alten, der wie so oft an der Mauer des Anwesen lehnt, und sie plaudern eine Weile miteinander. Anders als bei den anderen Begegnungen mit dem Greis entdeckt der Jäger Licht und auch Stimmen, er vernimmt gar Gesang im Herrenhaus. Ist die Herrschaft da? fragt er seinen Gesprächspartner. Ja, die Damen seien zu Besuch. Doch der Gesang erinnert den Jäger an eine junge Stimme aus Italien, eine sehr attraktive Persönlichkeit, der er vor ein paar Jahren begegnet ist. Und so macht er sich am nächsten Tag auf einen Erkundungszug durch das Dorf um heraus zu finden, wer der Besuch im Herrenhaus ist …
Diese Erzählung verdeutlichst sehr schön das Sprichwort >>wie der Zufall es so will<<, und fast ein Jeder kann eine solch seltsame Geschichte des Lebens erzählen und immer wieder ist man überrascht.
Visionen (1863)
Im Schlaf kommt dem Ich-Erzähler die Vision einer schönen Frau, die ihn bei der alten Eiche erwartet. Er geht aber viele Tage in der Abenddämmerung nicht zur Eiche und immer wieder erscheint ihm die Schönheit im Traum. Dann endlich kommt er der Verabredung nach und tatsächlich trifft er seine Vision an der Eiche. Sie flüstert ihm zu, er solle sich ihr hingeben. Und er geht darauf ein …
Krümel
Anaconda Verlag 2010, Fantastische Erzählungen, Übersetzung: Alexander Eliasberg, Hardcover 2,95€, 192 Seiten, ISBN: 978-3-86647-500-7
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