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“Dämonen” von Fjodor Dostojewski
26.4.2012 von Krümel.
Mit den Dämonen sollte es wieder zur Versöhnung zwischen mir und Dostojewski kommen. Denn nach dem ich vor Jahren den „Idioten“ gelesen hatte, habe ich einen weiten Bogen um diesen Autor gemacht. Ich konnte mit der Figur des Fürst Myschkin so überhaupt nichts anfangen, zudem empfand ich die ganze Handlung als sehr übertrieben und diesen Messias als eher misslungen. Kürzere Prosa stimmte mich dann wieder auf Dostojewski ein („Die Sanfte“ und „Aufzeichnungen aus dem Kellerloch“). Jetzt las ich die „Dämonen“:
>> Ein Leben verging, und ein zweites begann; dann verging auch das zweite, und es begann ein drittes, und keines hatte einen rechten Abschluss. Der Abschluss war immer wie mit einer Schere weggeschnitten.<<
Im ersten Teil beschreibt der Autor die handelnden Figuren des Romans. Es fällt auf, dass der lebhafte Dialog, eigentlich ein Kennzeichen von Dostojewski, kaum verwendet wird. Und so wird der Leser ganz langsam (mancher würde es als schleppend empfinden) in die Handlung getragen. Die Hauptfigur im Roman ist Stepan Trofimowitsch Werchowenski, er ist vom Charakter dem Fürst Myschkin schon sehr ähnlich. Er treibt sein Unwesen als Liberaler im Haus der Witwe Warwara Petrowna Stawrogina mit ihrem Sohn Nikolai Stawrogin. Lebt auf deren Kosten, ist ein Träumer und versperrt sich gegen den Zeitgeist, den Stawrogin schon längst überwunden hat. Zurück bleibt bei Nikolai eine auffallend äußere Überheblichkeit gegen jegliche Gefühlsform und Gesinnungen. Stepan drückt also das Gestern und Nikolai das Übermorgen aus, das Heute kommt mit der Figur Pjotr Stepanowitsch Werchowenski ins Spiel und versetzt mit seiner nihilistischen Überzeugung die kleine Provinzstadt in Schrecken. Zum Schluss wird gemordet*, gelyncht und gestorben. Somit ist der Roman wie bei einem Drama in die drei Akte unterteilt.
*>>Bei dieser wahren Begebenheit wurde auf Veranlassung des skrupellosen Nihilisten Sergei Netschajew ein junges Mitglied seiner Gruppe, der Student Iwan Iwanowitsch Iwanow, von seinen Kameraden ermordet.<< (Quelle: wiki)
Das Ende des Buches empfand ich auch bei den „Dämonen“ als ein wenig zu „schmalzig“. Der Tod von Stepan Trofimowitsch wurde viel zu ausführlich beschrieben und in einem gewissen Tonfall, den ich als weinerlich empfinde, der des Nikolais war dann die Krönung, und beide hintereinander haben für mich persönlich den Roman gekippt.
Interessant im Buch finde ich die Auseinandersetzung mit dem Glaube, und so hat zum Beispiel die Figur Kirillow das Problem, eine innere Polarisierung, ein Gefühl, dass es ohne Gott auf der Welt nicht geht, weil der Mensch Mensch ist, und von seiner Logik her, vom Verstand, dass es eben keinen Gott gibt. Dieser Widerspruch, die innere Zerrissenheit, führt dazu, dass Kirillow sich umbringen will und muss, denn er sieht nur diese Möglichkeit aus diesem Dilemma zu entkommen und der Welt etwas auf zu zeigen.
Bei Stawrogin erfährt man während der Lektüre, dass er eben nicht nur gleichgültig und überheblich ist, sondern innerlich fast zergeht und zerfressen wird von seiner Reue.
>> Was das Verbrechen selbst anlangt, so sündigen auch viele andere in gleicher Weise, leben aber mit ihrem Gewissen in Ruhe und Frieden und halten das sogar für unvermeidliche Fehltritte der Jugend.<<
Überall spiegelt sich eine gewisse Diskrepanz zwischen Verstand und Gefühl/Glaube. Im Buch wird das mit Europa gegen Russland veranschaulicht, oder eben mit Atheismus und Frömmigkeit, oder mit den Figuren Stawrogin und Kirillow als Ganzes gezeigt. Das macht den Roman sehr aktuell, zeigt die große Sinnsuche, die historisch sowie gesellschaftlich gestützt wird und auf das 21. Jahrhundert durchaus übertragbar ist.
>> Der völlige Atheismus ist ehrenwerter als die weltliche Gleichgültigkeit …<<
Persönlich hat mich dieser Roman nicht so ganz versöhnt. Ich würde weiterhin behaupten, dass mich Tolstoi eher erreicht als Dostojewski, weil ich einfach diese klagende wehleidige Gefühlsduselei nicht besonders gut vertrage.
Krümel
Kindle Edition (Kommentierte Gold Collection) 2011, Übersetzung: Hermann Röhl, Dateigröße: 1558 KB, ASIN: B005MLAM46
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„Dumala“ von Eduard von Keyserling
5.4.2012 von Krümel.
Keyserling versteht es auf wenigen Seiten ein getreues psychologisches Profil zu schaffen!
In einer kleinen Gemeinde, irgendwo in den Bergen, in der Winterzeit … Der Pastor spornt wie rasend seinen Zweisitzer über die gefährliche, da morsch und baufällig, Brücke, die zwei Bergkämme miteinander verbindet. Er kommt soeben von der Gräfin von Dumala. Viele Abendstunden verbringt er auf dem Schloss, betrachtet wie gebannt das Antlitz der Gräfin, die ihrem kranken Gatten das Bein streichelt. Doch heute Abend war auch Graf Rast zu Besuch, und in wilder Eifersucht ergreift er die Flucht. Doch er fährt nicht nach Hause, wo seine junge und gefällige Ehefrau auf ihn wartet …
>>Seltsam - da glaubt man, man sei mit einem anderen schmerzhaft fest verbunden, sei ihm ganz nah und dann geht ein jeder seinen Weg und weiß nicht, was in dem anderen vorgegangen ist. Höchstens grüßt einer dem anderen aus seiner Einsamkeit heraus.<<
Auch diese kurze Erzählung hat mich sehr beeindruckt. Stimmig und genau vermag es Keyserling Gefühle und Atmosphäre einzufangen. Psychologisch tief blickt er in die Abgründe der Menschen, und vermag das Hervorgeholte präzise in Worte zu fassen. Es werden sicherlich noch weitere Werke vom Autor hier erscheinen.
Krümel
Kindle Edition, 219 KB, ASIN: B004W9CK1C
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„Klein und Wagner“ von Hermann Hesse
15.3.2012 von Krümel.

Bei dieser Erzählung steht ein innerer Konflikt im Vordergrund. Der Leser wird ganz tief, mit Hilfe des inneren Monologs, in die Gefühlswelt des Protagonisten Hans Klein gezogen. Klein ist von Daheim geflohen, hat Frau und Kinder zurück gelassen und bei seiner Bank irgendwie Geld unterschlagen, womit er jetzt im Zug nach Süden sitzt. Während der Fahrt kommt ihm ein gewisser Wagner in den Sinn, ein Lehrer über den er einen Artikel gelesen hat, dass er Frau und Kinder umgebracht hat – die zweite Ebene.
In Italien angekommen lernt Klein die Tänzerin Teresina kennen, und führt ein sehr trieb gesteuertes Beisammensein mit ihr.
Die Erzählung erinnert an eine Zergliederung aufgrund einer Psychotherapie, wie sie auch Hesse nach seiner gescheiterten Ehe mit C. G. Jung absolvierte. Somit hat von Wedel recht, dass die Werke von Hesse stark autobiographisch sind, denn „Klein und Wagner“ spiegelt das Innen und Außenleben des Autors wieder.
Krümel
Suhrkamp Verlag 1996 – Jubiläumsausgabe zum hundertsten Geburtstag von Hermann Hesse, Werkausgabe Hardcover im Schuber, ISBN: 3-518-03099-X
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„Schwüle Tage“ von Eduard von Keyserling
1.3.2012 von Krümel.
Eine sehr einfühlsame Novelle!
Der junge Graf Bill hat sein Abitur nicht bestanden, und darf aus diesem Grund nicht wie üblich die Sommerferien am Meer verbringen, sondern muss mit seinem Vater aufs Land zum Familiensitz reisen. Dort angekommen wird Bill angewiesen zu büffeln, er bekommt einen Zeitplan für seine Studien, aber immer wieder wird dieser Plan von Familienbesuche bei den Cousinen unterbrochen. Bill hat ein Auge auf seine Cousine Gerda geworfen, und seine ältere Cousine Ellita ist verlobt mit Went. Doch irgendwie scheint es mit seiner Liebelei und die des anderen Paares nicht rund zu laufen – Bill macht eine folgenschwere Entdeckung!
Die Novelle schildert den Übergang vom Kind zum Mann, aber leider nicht im Sexuellen, sondern mit einem Schlag wird unser Protagonist erwachsen, er ist geprägt und wird diese Prägung sein Leben lang innehalten. Und dieses Geschehnis wird sehr einfühlsam vom Autor dargestellt. Es ist ein Sommer voller Erkenntnisse, die man nicht so schnell vergessen wird! Brillant erzählt!
Eduard von Keyserling (1855–1918) stammt aus altem baltischen Geschlecht, studierte Kunst und Jura und begann zugleich mit dem Schreiben. Als freier Schriftsteller lebte er zunächst in Wien, später in Italien und München, wo er zeitweise der Schwabinger Boheme angehörte. Durch eine Krankheit erblindet, vereinsamte Keyserling in den letzten Jahren seines Lebens zunehmend. (Quelle Amazon)
Krümel
Kindle Edition, 153 KB, ASIN: B004W9CKU8
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„Jahrmarkt der Eitelkeit“ von Wiliam Makepeace Thackeray
23.2.2012 von Krümel.
Ein Roman mit einigen Längen!
Die Entwicklung insbesondere zweier Damen und anderen Figuren wird hier vom Autor beschrieben und von einem auktorialen Erzähler kommentiert. Rebecca, Tochter eines Malers und einer Balletttänzerin, wird in der gleichen Mädchenschule unterrichtet wie Amelia, die aus einer reichen Kaufmanns-Familie stammt. Rebecca ist eine sehr erfolgreiche Hochstaplerin, sie lässt ihr Äußeres immer für sie arbeiten, und in der Hoffnung auf eine gute Partie, angelt sie sich einen Spross einer adeligen Familie, doch seine Erbtante lässt durch diese Liaison ihren Neffen unberücksichtigt.
Amelias Verlobter aus Kindheitstagen wird ebenfalls enterbt aufgrund seiner Heirat, da ihr Vater eine große finanzielle Niederlage und seinen Ruin erlitten hat. Und so kämpfen vier Schicksale um ihr Auskommen, ihre Anerkennung und Stellung in der Gesellschaft. Das eine Paar auf hocherhobenen Füßen und voller Selbstbewusstsein, das andere in Selbstüberschätzung und genügsamer Demut.
Diese Ausgangssituation wird von historischen Ereignissen, die Schlacht bei Waterloo sowie Napoleons Untergang, eingerahmt. Alles in Allem ist das ein sehr interessanter Stoff für einen großen Roman! Wenn da nicht der leidige Kommentator wäre, der immer wieder die Handlung in die Länge zieht. So entsteht etwa in der Mitte des Geschehens (m. M. n.) ein großes Loch, da er dort in die Zukunft vorweg nimmt. Störend dabei ist, dass eben der Roman nicht von irgendeiner Atmosphäre, Sprache oder sonstige literarische Feinheiten getragen wird, sondern lediglich von den Figuren und deren Entwicklung im Rahmen ihrer Zeit. Durch das Einmischen des Kommentators nimmt sich der Autor selbst sein Spannungsfeld und dem Leser das Lesevergnügen.
Zum Schluss wird es teilweise nur noch nervend, wenn der Leser von einer Abschweifung in die nächste gezogen wird. Persönlich mag ich eigentlich den auktorialen Erzähler wie beispielsweise im „Zauberberg“, aber dieser hier ist mir am Ende arg aufgestoßen. Zu Beginn als er seinen „Jahrmarkt der Eitelkeit“ vorstellt, war er witzig, spritzig und oft auch ironisch, im Laufe des Geschehens werden seine Einmischungen immer mehr belehrend und aufdringlich!
Krümel
Kindle Edition aus dem Rowohlt Verlag 2011, 1289 KB, ASIN: B004UBDO1C
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“Mit brennender Geduld” von Antonio Skármeta
7.2.2012 von Krümel.
Mario Jiménez, der Sohn eines Fischers, möchte aus der Tradition der Familie treten und einem, wie er meint, ordentlichem Beruf nachgehen. Er bewirbt sich als Postbote und erhält eine Route, in der es bloß einen Kunden zu beliefern gibt: Den chilenischen Dichter Pablo Neruda. Langsam entwickelt sich eine intensive Freundschaft zwischen beide Männer, gefestigt durch Nerudas Gedichtszeilen. Sie werden zum Auslöser jener ungleichen Beziehung und zum Köder für Marios zukünftige Frau. Sie sind es auch, die Mario in die Welt der Intellektuellen entführt.
Dieses Buch ist als Hommage an den weltberühmten Dichter gerichtet, wo die Verleihung des Nobelpreises ebenso Erwähnung findet wie seinen Einstieg in die Politik, wo er unter Allendes Regierungszeit als Konsul in Europa tätig war. Die fiktive Freundschaft zu Mario reißt nie ab, lässt sie so doch die Nähe zum chilenischen Volk erkennen, die Neruda angestrebt hat.
Fasziniert an diesem Buch hat mich die Sprache Skármetas, eine Schatulle voller Satzperlen. Ich frage mich, ob und inwieweit er von Nerudas Gedichten abgeschrieben hat um so gelungen jene aufkeimende Liebe zu beschreiben. Die politischen Streifzüge werden von einem nüchternden Ton übernommen, der Neruda bis zu den Füßen seines Grabes begleiten wird.
Der Buchdeckel spricht von einem Roman über Freundschaft und Liebe, über Poesie und Leidenschaft, über Freiheit und Politik.
Patrick
Piper Verlag 2004, Übersetzung: Willi Zurbrüggen, Taschenbuch 8,99 €, 160 Seiten; ISBN: 978-3492226783
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“Jeder stribt für sich allein” von Hans Fallada
26.1.2012 von Krümel.
Eins meiner Highlights im Jahr 2011!
Eine ganz einfache, fast stillose Sprache, ziert diesen Roman. Daran muss man sich zu Beginn gewöhnen. Dafür sind seine Figuren ebenso authentisch wie lebendig, die Schauplätze fast plastisch und der ganze Roman wird von einer sehr dichten Atmosphäre getragen.
>>Die Vorübergehenden … vermieden es ängstlich, den im Dreck liegenden Unglücklichen anzusehen, denn sie wussten es ja, aus welchem gefährlichen Hause er hinausgeworfen war. Es war vielleicht schon ein Verbrechen, solchen Verunglückten mitleidig anzusehen, helfen durfte man ihm schon gar nicht.<<
Als Auftragsroman für die „Neue Berliner Illustrierte“ ist dieser Roman entstanden. Ausgangspunkt ist das Ehepaar Hampel und dessen Geschichte, beide sind am 8.04.1943 in Berlin-Plötzensee hingerichtet wurden. Im Buch sind es dann die Quangels. Das Ehepaar verliert ihren einzigen Sohn an den Führer, und ein Standardschreiben unterrichtet sie – Ehre und Stolz für das Volk. Zorn und Wut bewegen das Paar zur Auflehnung gegen das Regime. Sie beschreiben Postkarten und legen diese in Treppenhäuser in ganz Berlin aus.
>>Nieder mit der Hitler Regierung! Nieder mit dem Zwangselend Diktat in unser Deutschland. Eine Hitler Regierung dürfen wir nicht entlasten!!<<
Einfache Leute aus der Arbeiterwelt lehnen sich gegen die „Schurkenbande“ auf. Fallada reißt damit ein Klischee aus den Angeln, denn die kollektiven Mitläufer werden zu Widerstandskämpfer.
>>“Du wirst es nicht nur anhören, du wirst es auch aushalten müssen, Kluge, einen Tag, zwei, drei, fünf Tage – immer, Tag und Nacht, und dabei werden sie dich hungern lassen, dass dein Magen zusammenschrumpft wie eine Bohne, dass du vor Schmerzen innen und außen umzukommen meinst. Aber du wirst nicht umkommen; so leicht lassen die einen, den sie mal in ihren Fängen haben, nicht los.“<<
Und heute bewegt dieser Aufstand gegen das Naziregime die ganze Welt, das Buch wird „zum internationalen Ereignis, zum Amazon-Toptitel und Spitzenreiter der einschlägigen Sellerlisten in zwanzig Ländern“.
Die neue Ausgabe des Aufbau-Verlags erscheint nun in ungekürzter Länge. Warum vor 60 Jahren so viel aus dem Roman herausgestrichen wurde, kann heute nicht mehr eindeutig nachvollzogen werden. Fadenscheinige Ausflüchte wie „die objektive Kritik an Zeitromanen wurde überschritten“ oder „es sei ein Zuhälterroman mit politischen Aufputz“ werden angeführt.
Fakt ist, dass der Aufbau-Verlag der bekannteste Verlag in der ehemaligen DDR war, und das nächste Regime wieder Grund zum kritisieren und zensieren hatte.
>>Die aufgehobenen Streichungen verändern den Text nicht grundlegend, zeigen ihn aber rauher und authentischer, so wie Fallada ihn intendiert hatte.<<
Meine Gedanken zur Lektüre: Die Menschen gleichen drei verschiedenen Marionetten-Typen, den Mitläufern, den Augen und Ohren-Zuhalter und den Sich-Wehrer, aber allesamt sind sie irgendwie am Faden aufgereiht, grau und düster, aber nicht wirklich lebendig, denn sie leben irgendwie unter einer Glasglocke. Das ist reine Authentizität, Fallada erzeugt ein wahres und getreues Bild. Die Angst ist überall präsent. Und dann gibt es diesen Funken Hoffnung …
Oft wird Fallada als Trivialliterat bezeichnet, ich habe es in keinem Augenblick in diesem Werk so empfunden, sondern als echtes Zeitzeugnis aus einer ganz anderen Perspektive heraus. Das Buch hat mich tief bewegt hat – es ist mir ganz tief unter die Haut gegangen, und war so ein ganz besonderes Highlight in 2011!
Büchergilde Gutenberg 2011, Hardcover (leider schon vergriffen), 704 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6448-3
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“Aufzeichnungen aus dem Kellerloch” von Fjodor Dostojewski
29.12.2011 von Krümel.
Wegen der verstaubten Übersetzung ist die Anaconda Ausgabe, übersetzt von Hermann Röhl (übertragene Ausgabe von 1921 des Insel Verlags „Aus dem Dunkel der Großstadt“) nicht gerade angenehm zu lesen!
Der Protagonist erzählt aus seiner selbstgewählten Einsamkeit heraus über sein Leben. Er schimpft auf den Menschen und zählt all seine Untugenden auf: Genusssucht, Hass, Neid, Eitelkeit, Stolz, Überheblichkeit und Feigheit. Der erste Teil „Das Dunkel“ ist eine Auflistung solcher Garstigkeiten und der unendlichen Langeweile, wenn man in der Untätigkeit gefangen sitzt.
>>Ich übe mich im Denken, und folglich zieht bei mir jede uranfängliche Ursache sofort eine andere noch tiefer liegende Ursache hinter sich her, und so weiter bis ins Unendliche. Darin besteht eben das Wesen aller Erkenntnis und allen Denkens.<<
Im zweiten Teil „Bei nassem Schnee“ berichtet er dann, wie es zu diesen Rückzug gekommen ist: Er war wohl schon immer ein Sonderling, nicht äußerlich, sondern eher geistig, hat seine Welt um sich herum erkannt, die Schlechtigkeit gesehen, und sich vehement geweigert dort mitzumischen. Sein Leben schwankt zwischen Misanthropie und der Not dieser Einsamkeit zu entkommen, sich dem Menschen zuzuwenden.
Dabei zeigt dieser unbekannte Protagonist so wunderbar auf, welche Gemeinheiten in uns stecken, redet zynisch und böse und hält uns den Spiegel vor.
Ganz zum Schluss hätte er vielleicht aus dem Kellerloch heraus gekonnt, da war eine seelenverwandte Hand. Doch leider gab er das Treten von oben nach unten, die verletzende Erniedrigung, die er seit Kindesbeinen erlebt hatte, dann weiter.
>>Ich verstand eben nicht, dass sie absichtlich den Spott als Maske gebrauchte, dass dies der gewöhnliche letzte Kunstgriff schamhaft und keusch empfindender Menschen ist, in deren innerstes Empfinden sich jemand in roher, rücksichtsloser Weise eindrängt, und die sich aus Stolz bis zum letzten Augenblick nicht ergeben und sich scheuen, vor einem Fremden ihre Empfindungen zu äußern.<<
Diese kleine Novelle ist auch ein Anspielung auf den Leser überhaupt. Wie weit entwickeln wir uns zu diesem X, kapseln uns ab und leben lieber in der Vergeistigten-Welt als unter Menschen, die uns nicht verstehen wollen und können. Ich denke, jeder von uns hier, der eine mehr, der andere weniger, schafft sich seinen eigenen Raum und das ist auch gut so. Natürlich sollte man dabei das Leben neben der Kunst/Literatur noch wahrnehmen und leben. Diese Novelle stellt zwar eine arge Übertreibung dar, aber sie hält uns so humorvoll den Spiegel vor.
>>Jetzt ist es mir vollkommen klar, dass ich selbst infolge meiner grenzenlosen Eitelkeit und, im Zusammenhang damit, infolge der maßlosen Ansprüche, die ich an mich selbst stellte, mich sehr häufig mit einer grimmigen, bis zum Ekel gehenden Unzufriedenheit betrachtete …<<
Krümel
Anaconda Verlag 2008, OT: Sapiski is podpolja (Petersburg 1864), Übersetzung: Hermann Röhl, Hardcover 2,95 €, 191 Seiten, ISBN: 978-3-86647-307-2
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“Die Hauptmannstochter” von Alexander Puschkin
30.11.2011 von Krümel.
Puschkin schreibt mit sehr viel Humor und Ironie diese Erzählung, die die Bauernaufstände von 1773 bis 75 als historischen Hintergrund aufweisen, und drum herum eine Liebesgeschichte umspannt.
Der Ich-Erzähler, ein junger Adeliger, soll zum Mann reifen und deshalb die Militär-Laufbahn absolvieren. Er wird von seiner Mutter getrennt und nicht nach Petersburg oder Moskau zum flanieren geschickt, sondern in die Provinz. Und dort übernimmt ein Hauptmann seine Erziehung!
>>„Ach laß doch“, erwiderte die Hauptmannsfrau, „ ´s ist alles nur Gerede, daß du den Soldaten was beibringst – weder werden die Leute draus klug noch verstehst du was davon. Solltest lieber zu Hause sitzen und beten, das wäre vernünftiger. <<
Mehrmals wurde ich in dieser Erzählung an den großen Roman „Krieg und Frieden“ von Tolstoi erinnert, denn das Truppenchaos in Russland muss es wirklich gegeben haben, da die Beschreibungen äußerst ähnlich sind.
>>Ein Kinderpelz, den ich einem Landstreicher geschenkt hatte, rettete mich vor dem Galgen, und ein Säufer, der sich von Schenke zu Schenke herumtrieb, belagerte Festungen und erschütterte den Staat!<<
Eine zauberhafte Geschichte, allerdings auch kurzweilig, vielleicht weil für uns das damalige (wie heutige) Russland immer etwas fremd bleibt, und eigentlich nur dieses märchenhaft verklärte in Erinnerung bleibt.
Krümel
Büchergilde Gutenberg 2009, Übersetzung: Arthur Luther, Illustrationen von Vitali Konstantinov, Gebundene Ausgabe €, 215 Seiten, ISBN: 978-3-7632-6218-2
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“Rot und Schwarz” von Stendhal
16.11.2011 von Krümel.
Ich begann meine Lektüre mit der Albatros Ausgabe, die von Walter Widmer übersetzt ist, und kam gar nicht in das Buch hinein. Die Sprache war kompliziert gesetzt und sehr umständlich zu lesen.
>>Will ich von ihnen und auch vor mir geachtet sein, so muß ich ihnen zeigen, daß meine Armut mit ihren Reichtum einen Handel eingegangen ist, daß aber mein Herz himmelhoch über ihrer frechen Anmaßung erhaben ist und ihre kleinlichen Bezeugungen von Gunst oder Verachtung es nicht erreichen können.<<
Zudem hatte ich von Anfang an Schwierigkeiten mit dem Protagonisten, denn ich konnte seinen Charakter nicht nachvollziehen. Alleine auf Juliens Erziehung und Kindheit, was evtl. das Zornige und Aufbrausende erklärte, auch die Gier nach Anerkennung war verständlich, aber all diese Hinterlist, das Berechenbare, erklärte dann das Jämmerliche und Weinende nicht. Woher stammt der ganze Hass? Auch sein ganzes Äußere, zierlich, weiches Gesicht, sinnlich und schüchtern, passte nicht zur Gestalt, die da im Buch vorgestellt wurde.
Nach dem ersten Viertel las ich dann in der dtv Ausgabe, übersetzt von Elisabeth Edl, weiter. Sprachlich scheint diese Übersetzung näher am Werk zu sein, und sie liest sich auch wesentlich flüssiger. In dieser Ausgabe ist ein ausführliches Nachwort zu finden, was so einiges Unklare im Werk aufschlüsselt und versucht ins helle Licht zu rücken. Dennoch war ich nie irgendwie begeistert vom Werk als es mir dort nahegelegt wurde.
>>Nicht nur Beyles (Stendhal) Freunde, auch die meisten Zeitungskritiker nahmen vor allem Anstoß an der, ihrer Meinung nach, übertriebenen, unwahrscheinlichen Figur der Mathilde, an dem widerwärtigen Arrivisten Julien, der verzerrten, outrierten Darstellung der Pariser Gesellschaft. … Nur wenige Zeitgenossen konnten Stendhals Roman positive Seiten abgewinnen, zu ihnen gehörte Balzac.<<
Die einzige Erklärung für die Missgestaltung der Figuren im Buch scheint mir, dass Stendhal hier eher Übertragungen entwirft um seine Gesellschaftskritik anzubringen als wirkliche Charakteren zu entwickeln.
Nur mit Mühe und Ausdauer habe ich dieses Werk beendet und schon jetzt ist es mir vom Inhalt her nur vage im Gedächtnis. Es hat also keinen bleibenden Eindruck hinterlassen.
Krümel
Deutscher Taschenbuch Verlag 2010, OT: Le Rouge et le Noir, Übersetzung: Elisabeth Edl, TB €, 872 Seiten, ISBN: 978-3-423-13525-2
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