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Archiv der Kategorie Kerstin
“Die Liebesblödigkeit” von Wilhelm Genazino
16.11.2010 von Krümel.
Ein Mann, Anfang 50, zwei Frauen, die er beide liebt, mit beiden führt er glückliche Beziehungen, die sich nicht in die Quere kommen. Doch wenn so ein Mann von Beruf Apokalyptiker ist, sich sein Geld also damit verdient, dass er in verschiedenen Hotels und minderwertigen Akademien die Ängste der Menschen bestätigt, dann ist es nur konsequent, dass er die Gefahren sieht, die mit dem Alter auf ihn zukommen: Was wäre, wenn er ins Krankenhaus müsste (und sei es nur, um endlich seine Krampfadern ziehen zu lassen), wie sollte er da ein Treffen von Sandra und Judith verhindern.
Es hilft nichts: von einer der beiden wird er sich trennen müssen.
Genazinos Ich-Erzähler hält über 200 Seiten einen Monolog, dem ich immer gerne zugehört habe. Dass der Roman “handlungsintensiv” sein, wie der Text aus dem Tages-Anzeiger auf dem Buchrücken behauptet, würde ich nicht unterschreiben, unterhalten habe ich mich trotzdem.
Es ist ein Buch über einen Mann, der spürt, dass er altert, der merkt, dass sein Lebensentwurf ihn aber nicht ins Alter tragen wird. Ohne Rentenversicherung mit zwei halben, statt einer ganzen Beziehung. Feigheit hat sein ganzes Leben begleitet, die Angst zum Arzt zu gehen, sich zu entscheiden, sich gegen Unarten des Vaters zu wehren.
Der Ich-Erzähler beobachtet seine Umwelt und sich ironisch, so dass das Buch ohne im eigentlichen Sinne witzig zu sein, und trotz der apokalytischen Grundstimmung immer flott liest.
Genazino Stil gefällt mir daher sehr und Romane von ihm wird sicher irgendwann in meinem SUB landen.
Kerstin
Deutscher Taschenbuch Verlag 2007, dtv 8,90 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3423135405
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“Hundertundelf Jahre ohne Chauffeur” von Muriel Spark
28.10.2010 von Krümel.
12 Geschichten auf gut 120 Seite umfasst der Band der Schottin Muriel Spark. Einige bleiben realistisch während in anderen Gespenster, Erscheinungen oder anderes Unheimliches vorkommt. Es sind Liebesgeschichten und Anti-Liebesgeschichten, Geschichten von Besessenen, Morden; Kafkaeske Szenarien auf einer Polizeistation. In einigen der Geschichten spielt Spark (oder ein ihre ähnliches Alter Ego) die Hauptrolle, verfolgt von Snobs oder Figuren einer unvollendeten Geschichte.
In vielem haben die Erzählung mich an Raold Dahl erinnert, haben sie doch oft auch einen überraschenden Dreh am Ende, oft ins Umheimliche, oft ins Komische. Und genauso machen ihre Geschichten Spaß, reichen hinter die Kulisse, zeigen die Abgründe hinter der Fassade. Vielleicht war es das Wetter, vielleicht meine Müdigkeit, dass ich keine Muse hatte, mich darauf wirklich einzulassen, stattdessen bin ich über die Geschichten hinweggefegt.
Das war nette Unterhaltung, hat aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Kerstin
Diogenes Verlag 2002, Übersetzung: Hans-Christian Oeser, Taschenbuch 7,90 €, 123 Seiten, ISBN: 978-3257234770
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“Alle Menschen lügen” von Alberto Manguel
19.10.2010 von Krümel.
Alejandro Bevilaqua starb eines mysteriösen Todes: er stürzt von einem Balkon. Ein Unfall, Mord oder Selbstmord? Ein Journalist namens Teradillos versucht Jahre später die Geschichte Bevilaquas nachzuvollziehen und setzt sich dazu mit vier Menschen in Verbindung, die jeweils ihre Version darlegen. So entsteht ein Geflecht aus ganz persönlichen, sich ergänzenden und widersprechenden Eindrücken, aus denen sich der Leser sein eigenes Bild zusammenbaut. Ist Bevilaqua ein Frauenheld oder Versager gewesen, ein genialer Schriftsteller oder wollte er sich das Werk “Lob der Lüge” eines anderen aneignen?
Die Handlung spielt in Buenos Aires während der Militärdikatur der 70er Jahre und in der Exilantenszene in Madrid. Von Folter und Unterdrückung ist die Rede, aber ebenso vom Misstrauen unter den Exilanten. Dasselbe Misstrauen befällt den Leser wie Teradillos: wer erzählt die Wahrheit, wer lügt? Wie wahr sind Erinnerungen nach 25 Jahren? Ist es überhaupt möglich die Biographie eines Menschen zu schreiben?
Manguels Roman erzählt nicht nur eine Geschichte, sondern zeigt uns die Vielschichtigkeit und Schwierigkeit zwischen Wahrheit und Lüge zu unterscheiden. Roman und Wirklichkeit verschmelzen hier, einerseits ist einer der Erzähler ein gewisser Alberto Manguel, andererseits fragt sich der Leser unwillkürlich wie “wirklich” unsere Wirklichkeit tatsächlich ist.
Sprachlich ein Genuss (übersetzt von der Übersetzerin des Don Quichotte Susanne Lange), philosophisch, spannend, argentinische Zeitgeschichte: Manguel gelingt ein anspruchsvoller Lesegenuss, den ich ganz uneingeschränkt empfehlen möchte.
Kerstin
Fischer Verlag 2010, Übersetzung: Susanne Lange, Hardcover 19,95 €, 240 Seiten, ISBN: 978-3100487575
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“Die Rumpelhanni” von Lena Christ
13.10.2010 von Rebecca.

Johanna Rumpl, die “Rumplhanni”, praktisch elternlos, ist bei der Großmutter aufgewachsen und gewohnt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. In Öd in Oberbayern arbeitet sie als Magd beim Hauser-Bauern, doch steht ihr der Sinn nicht danach ihr Leben lang Dienstbotin zu sein. Den Simmerl, den Sohn des Hofs, heiraten, selbst Hauserin werden, ist ihr Ziel. Doch der Erste Weltkrieg ist gerade ausgebrochen und das Heiratsversprechen, das ihr der Simmerl am Abend bevor er in der Krieg zieht, ist nicht viel wert. Was, wenn Simon fällt? So beginnt Hanni den alten Hauser zu umgarnen, damit der zum Notar geht und die Heiratsabsicht schriftlich festhält. Doch dabei treibt sie ein so gefährliches Spiel, dass sie schließlich den Hof verlassen muss. In München versucht sie ihr nun ihr Glück…
Vorab eine Warnung: Nicht-Bayern werfen lieber vorher einen Blick in den Roman. Die Volksschriftstellerin Lena Christ schreibt alle Dialog so wie ihre Charaktere nun mal sprechen: auf Bayerisch. Mir fällt es schwer zu beurteilen, wie ungewohnt sich dies für des Bayerischen nicht Mächtige liest
Die “München erlesen”-Reihe der SZ-Bibliothek rückt einige Romane wieder ins Blickfeld. Lena Christ, die ich schon von ihren “Lausdirndl-Geschichten” her kannte, gelingt es ihre Zeit auch fast hundert Jahre später ihrem Leser nahezubringen: Die kleine Welt des Dorfes, mit Nachbarschaftsstreit, Tratschereien und harter Arbeit auf dem Hof und die Welt der großen Stadt mit ihrem sozialen Gefälle. Mit Hanni hat sie eine autobiographisch inspirierte Figur geschaffen, die in ihrem Streben nach oben moralische Bedenken manchmal zur Seite fegt, naiv ist, aber nicht dumm.
Ich habe den dünnen Roman mit großem Vergnügen und Anteilnahme gelesen und empfehle ihn gerne weiter. “Die Erinnerungen eine Überflüssigen” sind auf meinem Wunschzettel deutlich nach oben gerückt!
Kerstin
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“Der Eissturm” von Rick Moody
23.9.2010 von Krümel.
1973, eine amerikanische Kleinstadt, zwei Familien. Während die Eltern in ihren erstarrten Ehen mit Alkohol, sexuellen Abenteuern und Partyspielchen zu vergessen versuchen, entdecken die pubertierenden Kinder der beiden Familien das andere Geschlecht. Die Situation erhält durch einen verheerenden Eissturm, der Telefone und Strassen unbenutzbar macht, noch zusätzlich an Brisanz. Oder anders: das Wetter draußen spiegelt das Innere der Bewohner New Canaan wieder.
1968 klingt in der Provinz noch spät nach, der Watergate-Skandal bewegt Presse und Menschen, die starren 50er und 60er Jahre sind aus den Köpfen noch nicht entfernt. Moody gelingt ein klares und eindringliches Zeitbild.
Erzählt wird die Geschichte, die nur einen Tag umfasst, wechselnd aus der Perspektive der vier Hoods: der Vater Benjamin, der sein berufliches Abseits nicht artikulieren kann und mit Alkohol betäubt, seine Frau Elena, die ihre Gefühl nur schwer zeigen kann, der Sohn Paul, der mit 16 zwischen seinen Comics und erster Liebe laviert, die frühreife Tochter Wendy, die ersten sexuellen Experimenten nicht abgeneigt ist.
Rick Moodys Roman hat mich positiv überrascht. Die Vergleiche mit John Updike, die mehrere Amazon-Rezensenten erwähnen, kann ich gut nachvollziehen, auch wenn Moody eine tristere, kühle Atmosphäre schafft. Seine Charaktere sind nachvollziehbar und dass manche Szenen aus zwei Perspektiven geschildert werden, macht sie plastischer. Jeder Charakter ist von der Sehnsucht nach Nähe, Emotion, Liebe geprägt, aber einfacher geworden ist es in der freieren Zeit nicht. Ein dichtes und packendes Buch, das mir sehr gut gefallen hat.
Piper Verlag 2005, Übersetzung: Nikolaus Stingl, Taschenbuch 9,90 €, 316 Seiten, ISBN: 978-3492222778
Rick Moody, geboren 1961, gilt in den USA als einer der aufregendsten Entdeckungen der letzten Jahre. Bereits sein Debütroman »Garden State« erhielt zahlreiche Auszeichnungen. Rick Moody lebt als freier Schriftsteller in Brooklyn. Auf deutsch liegen außerdem seine Romane »Der Eissturm« und »Ein amerikanisches Wochenende« sowie der Erzählungsband »Bis ich nicht mehr wütend bin« vor
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“Frau Sartoris” von Elke Schmitter
31.8.2010 von Krümel.
Frau Sartoris war als junge Erwachsene schön, intelligent, selbstständig - sie verliebte sich zunächst glücklich, alles schien perfekt. Erst als ihr Freund, der aus besseren Kreisen stammt, sie abrupt verlässt, ist sie so tief gekränkt, dass sie Ernst heiratet. Den lieben Vereinsmeier Ernst Sartoris mit der Beinprothese und der netten Mutter, der sie auf Händen trägt, dessen abenteuerlichstes Attribut sein Nachname ist: dies verspricht ein einfaches Leben im kleinen Landstädtchen. Damit ist Fr. Sartoris erstmal zufrieden. Jahre später, die Tochter bereits in der Pubertät, verliebt sie sich: Michael, der Theaterwissenschaftler, auf einmal scheint ein aufregenderes Leben wieder möglich.
Elke Schmitters dünner Roman wird von Fr. Sartoris selbst erzählt, kurze Absätze sind eingestreut, die einen Verkehrsunfall andeuten, dessen Bedeutung erst im Lauf des Romans klar wird. Geschildert wird ein ganz normales Leben, die Spießigkeit und Muffigkeit der 60er Jahre und eine Frau, die sich verletzt, eigentlich genau wissend, was sie erwartet, darauf einlässt. Ob es die Kriminalromanelemente wirklich gebraucht hätte? Sie machen das Buch spannend, haben mich aber irgendwie an Ingrid Nolls “Der Hahn ist tot” erinnert. Was aber wahrscheinlich weniger an der Ähnlichkeit der beiden Bücher, als an meiner Verweigerung Kriminalromane zu lesen, liegt, da fehlen mir die Vergleichsmöglichkeiten. Tatsächlich fand ich die Auflösung etwas unbefriedigend, obwohl das auch wieder sehr gut zum Leben der Fr. Sartoris passt. Und dieser ganze Vorabendkrimi-Handlungsstrang gut zur spießigen Atmosphäre der Kleinstadt.
Die Grundhandlung “unzufriedene Frau in der Provinz nimmt sich Liebhaber” lässt natürlich im Hintergrund Flaubert anklingen, eine moderne Bovary sozusagen (auch eine Begegnung mit einer Kutsche darf da natürlich nicht fehlen). Da zielt Fr. Schmitter mit Fr. Sartoris natürlich hoch, aber in weiten Zügen gelingt ihr das auch, auch wenn Sie sich manchmal hart an der Grenze zum Klischee rumtreibt.
Alles in allem eine spannende, gut geschriebene Lektüre für einen langen Nachmittag auf der Couch. Ich hab’ es sehr gerne gelesen!
Berliner Taschenbuch Verlag 2004, TB 7,50 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3833301193
Geschrieben in Kerstin, Roman | Keine Kommentare »
“Ihr werdet (noch) merken, wie schnell wir sind” von Dave Eggers
23.5.2010 von Krümel.
Was für ein seltsamer Titel, was für ein atemloses Buch! Will und Hand, 27, gehen auf Weltreise: eine Woche haben Sie Zeit, ihr Ziel ist es 32 000 $ an Menschen zu verschenken. Nur mit einem kleinen Rucksack geht es auf den ersten Flug nach Grönland - der gleich mal wegen Wind ausfällt, so dass sie lieber nach Dakar fliegen. Symptomatisch wird dies für den Rest der Reise: so spontan zu reisen, ist gar nicht so einfach, wie die beiden sich das vorstellten, Flugpläne, Visa, Wartezeiten, damit hatten sie nicht gerechnet. Und auch Geld zu verschenken erweist sich als schwieriger als erwartet: wem schenkt man es und wie, ohne sich komisch dabei zu fühlen?
Erst nach und nach erfährt der Leser, was die beiden jungen Männer so umtreibt, insbesondere den Ich-Erzähler Will, dessen Gedanken, Selbstgespräche, fiktive Gespräche mit anderen, der Leser hautnah mitbekommt. Der Tod ihres besten Freundes Jack, dem dritten im Freundschaftsgespann, wenige Monate zuvor. Sie fliehen vor ihren Gedanken, Sie fliehen vor ihrem langweiligen Leben und treiben eine Woche rastlos durch die Welt, wo ihnen immer wieder verschiedene und doch gleiche Menschen und Landschaften begegnen.
Eggers Roman beginnt bereits auf dem Cover, passend zur (meist) schnellen Sprache, die Hektik und Rastlosigkeit unserer Reisenden unterstreichend. Trotz all seiner amüsanten Stellen - Geld, das an Ziegen geklebt wird, Verfolgungjagden, die keine sind - ist dies ein zutiefst trauriges Buch. Ein Buch über eine leidende Seele, einen jungen Mann, der sich von seiner Vergangenheit gezeichnet ist, der - vielleicht typisch für unsere Zeit? - mit Mitte 20 noch alles andere als erwachsen fühlt, denkt und handelt. Ein Buch über einen Verlust, eine sinnlose Suche.
Als Randbemerkung: schön, dass Droemer das englische Originalcover 1:1 übernommen hat, es gefällt mir sehr gut. Schade, dass die Übersetzung des Titels so missglückt ist. Erst gegen Ende wird erklärt, woher der Titel kommt: der Wahlspruch eines vor den Spaniern fliehenden südamerikanischen Indianerstammes, übersetzt von einem amerikanischem Wissenschaftler: “You Shall Know Our Velocity” hat einen biblische Ton, der in der mit Klammern verunstalteten deutschen Übersetzung völlig untergeht. Schade!
Selten hat mich ein Buch so in sein Tempo eingebunden, ich habe es sehr schnell gelesen, mich oft genauso gehetzt gefühlt wie die beiden Protagonisten. Eine Empfehlung? Mir hat’s gut gefallen, auch wenn es mich ein bisschen ratlos zurücklässt und mit zwei, drei Seiten Probelesen hat man einen guten Eindruck, ob der Roman und seine Sprache einem zusagt.
Kerstin
Kiepenheuer & Witsch 2006, OT: You shall know our velocity, Übersetzung: Timmermann und Wasel, broschierte Ausgabe 12,95 €, 495 Seiten, ISBN: 978-3462037340
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“Die Musik der Primzahlen” von Marcus du Sautoy
29.4.2010 von Krümel.
Mag der Titel zunächst plakativ klingen, merkt der Leser von du Sautoys Buch schon bald wie er gemeint ist. Die Primzahlen, die elementaren Bausteine der Zahlen, lassen sich mit Schwingungen in Verbindung bringen. Schwingungen sind Töne und so kommt es, dass man die Primzahlen hören kann. Und doch sind diese Zusammenhänge noch nicht bis zum letzten durchschaut, vor 150 Jahren hat Riemann diesen Zusammenhang aufgedeckt und seine berühmte Vermutung aufgestellt. Mag die Riemannsche Vermutung nie in der breiten Bevölkerung die Bekanntheit erreicht haben wie die Fermatsche, so liegt dies daran, dass sie nicht so elementar darstellbar ist. 1 Million Dollar gewinnt derjenige, der sie als beweisen (oder widerlegen) wird. Doch auch ohne diesen Anreiz gilt sie als eine der interessantesten Vermutungen …
Das Übliche, was populärwissenschaftlicher mathematische Bücher so enthalten: wie die Griechen entdeckten, dass es unendliche viele Primzahlen gibt, Euklids Elemente, der junge Gauß, der blitzschnell die Zahlen von 1 bis 100 addieren konnte…..dachte ich zuerst! Doch du Sautoys Buch hebt sich auf angenehmste Weise aus der Masse hervor: dadurch, dass er sich auf ein enges Thema fokusiert und dessen Geschichte bis in die heutige Zeit detailliert nachvollzieht: Die Riemannsche Vermutung. Dadurch dass er trotz der Abstraktheit dieser Vermutung es schafft fast ohne Formeln und “Mathsprech” auszukommen. Was für mich manchmal gedankliche Übersetzungsarbeit bedeutete, ist für den mathematischen Laien mit Sicherheit eine große Erleichterung und trägt zum Fluss des Buchs bei. Angereichert mit Kurzbiographien und Anekdoten verliert das Buch trotzdem nie den roten Faden und stellt auch die großen Zusammenhänge her: wie das Zentrum der Mathematik über Paris und Göttingen in die USA wanderte, wie sich die “mathematische Philosophie” über die Jahrhunderte änderte.
Für mich ein großer Lesespaß, der Sehnsucht weckt meinen Kopf mal wieder mathematisch zu betätigen. Hier wird nicht versucht dem Leser mathematische Wissen zu vermitteln, sondern ein allgemeines Verständnis dafür geweckt, was mathematisches Denken ist. Sehr geglückt!
Kerstin
Deutscher Taschenbuch Verlag 2006, Übersetzung: Thomas Filk, TB 12,90 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3423342995
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“Judiths Liebe” von Meir Shalev
15.10.2009 von Krümel.
Sejde hat drei Väter und eine Mutter, Judith. Drei Männer beanspruchen Judiths Liebe und damit auch die Vaterschaft für ihren Sohn. Auf Mosche Rabinowitz Hof leben Judith und Sejde, der bullige Witwer mit der ruhigen Art bietet Unterkunft, Arbeit und Versorgung. Dagegen sorgt der Viehhändler Globerman für genügend Geld. Er war derjenige, der in seiner eher groben Art sehr direkt um Judith geworben hat. Und dann ist da noch Jakob, der ruhige zurückhaltende Jakob, der obwohl mit der schönsten Frau im Dorf verheiratet sich unsterblich in Judith verliebte und auf ungewöhnlichste Weise um ihre Liebe kämpfte. Nach Judiths Tod bereitet er vier Festmahle für seinen Drittelsohn Sejde zu, diese Treffen bilden den erzählerischen Rahmen, in dem Sejde, die Geschichte seiner Mutter und seiner Väter erzählt.
Shalevs Roman ist von orientalischem Erzählreichtum, erfrischend, geheimnisvoll, lebensfroh und doch zutiefst melancholisch. Der Tod lauert immer im Hintergrund, nur der kleine Sejde (dessen Namen “Großvater” bedeutet) ist sicher vor ihm.
Es ist eine enge Welt, in der der Roman spielt, ein hebräisches Dorf mit seinen teils schrullig, liebenswerten Charakteren. Langsam baut Shalev aus einzelnen Andeutungen, Episoden seine Handlung auf,erfüllt seine Charaktere und ihre Welt mit Leben.
Ich mag diese jüdische Erzähltradition wie ihr wisst ja sehr gerne, am türkischen Strand, die oft erwähnten Granatäpfel ganz nahe, war es eine ideale und entspannende Lektüre. Eine Geschichte zum Eintauchen, zum Mitleiden und Mitfreuen!
Kerstin
Diogenes Verlag 1999, Übersetzung: Ruth Achlama, broschiert 11,90 €, 395 Seiten, ISBN: 978-3257231199
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South of the Border, West of the Sun (Gefährliche Geliebte) von Haruki Murakami
16.8.2009 von Krümel.
Hajime ist 36 und führt ein scheinbar perfektes Leben: glücklich verheiratet, zwei kleine Töchter, Besitzer zweier Jazz-Bars - er hat das einsame Leben seiner Studienzeit und der Jahre danach abgestreift. Und doch verfolgen ihn die Schatten seiner Vergangenheit. Da ist einmal Izumi, seine erste Freundin, die er betrogen hat und dadurch ihr Leben fast zerstört. Und Shimamoto, die er mit 12 das letzte Mal gesehen hat, eine Kindheitsliebe “nur”, die ihm aber nichts desto trotz nicht aus dem Kopf geht. Als Shimamoto eines Tages in seiner Bar auftaucht, droht sein Leben aus seinen eingefahrenen Gleisen zu geraten.
Murakami verzichtet in diesem Roman (fast) auf die phantastischen Elemente, die seine Bücher sonst oft so speziell machen. Er erzählt eine Geschichte eines zweifachen Erwachsenwerdens und eine bewegende Liebesgeschichte mit einer mysteriösen Frau.
“Gefährliche Geliebte” war mein erster Murakami, den ich vor fast 10 Jahren gelesen habe. (An dieser Stelle unverständiges Kopfschütteln über den deutschen Titel) Ich war überrascht, wie schnell er mich beim Wiederlesen gepackt hat. Als Shimamoto wieder auftauchte, ließ dies nach — tatsächlich schafft es Murakami wie kaum ein zweiter, mich durch seine Romane herunterzuziehen (auf “Naokos Lächeln” habe ich ähnlich reagiert). Auch wenn mir das in diesem Fall das Lesen schwer gemacht hat, zeigt es doch wie sehr mich seine Geschichten packen.
Murakamis kurzer Roman lässt wie so oft viele Fragen offen. Motive, die zu Beginn wichtig sind (z. B. das Einzelkind-Sein oder später die Firma, die der Vater in Hajimes Namen gründet), werden weiter hinten nicht mehr aufgenommen. Dies kann man sicher negativ sehen, aber für mich gibt es dem Leser Spielraum sich seine eigenen Gedanken zu machen. Wer sind diese drei Frauen in Hajimes Leben, was bedeuten sie? Etwas Geheimnisvolles durchdringt Murakamis Welt auch wenn er wie meist nüchtern und sachlich erzählt.
Vielleicht nicht Murakamis bester Roman (da schließe ich mich der gängigen Meinung an: “The Wind-Up-Bird Chronicle”), für mich damals ein guter Einstieg und jetzt eine schöne Wiederentdeckung.
Völlig unverständlich ist mir weiterhin, warum sich damals im Literarischen Quartett ausgerechnet an diesem Buch dieser unsägliche Streit Löffler/Reich-Ranicki entspann. Es gibt “nur” eine große Sexszene und ich wüsste nicht, was an der ist, um sich daran besonders zu reiben. Es ist eine Geschichte aus Männersicht, Yukikos und Izumis zurückhaltende Art ist mir sicher ebenso fremd wie Shimamoto … daran habe ich mich aber nicht gestört, das zentrale Thema sind nicht diese konkreten Frauen, sondern verpasste Chancen im Leben, ob und wie man sie nachholen kann, den Einfluss den eigenen Entscheidungen auf das Leben anderer haben.
Kerstin
Harvill Press 2000, Übersetzung: Philip Gabriel, Taschenbuch 9,97 €, 192 Seiten, ISBN: 978-0099448570
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