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“Der Blütenstaubmörder” von Markus Ridder
16.8.2011 von Krümel.
Zwei Frauen werden ermordet. Zuerst trifft es die Künstlerin Lisa Huber und dann ist Helen Bachmann das nächste Opfer. Die Frauen werden entführt und nach einigen Tagen werden sie dann tot aufgefunden. Was mag dahinter stecken?
Die Polizei ermittelt fieberhaft, kommt aber nicht recht weiter. Hauptkommissar Heiko Plossila und sein Kollege Dollerschell tappen im Dunkel. Auch ihre neue Kollegin Jenny Biber kann nicht sehr viel zur Klärung des Falles beitragen. Noch neu im Geschäft wird sie eh von ihren beiden männlichen Kollegen nicht für voll genommen.
Wo ist die Verbindung zwischen den beiden Morden? Eine Gemeinsamkeit gibt es und die trägt den Namen Konrad Kister. Ein Krimischriftsteller der sich in aller Ruhe seinem nächsten Buch widmen möchte und sich dazu in der Pension zum „Alten Hasen“ einquartiert. Außerdem braucht er Abstand von seiner gescheiterten Beziehung zu Lisa Huber. Helen Bachmann lernt er als Teilnehmerin seines Kurses über „Kreatives Schreiben“ kennen. Die attraktive Frau ist sehr von Krister angetan und macht ihm klare Avancen.
Als Jenny Biber merkt, dass die Ermittlungen auf der Stelle treten meldet sie sich in Kristers Kurs an und schnell kommen sich die beiden näher. Doch dann verschwindet auch Jenny Biber. Niemand hatte sie etwas von ihren eigenmächtigen Ermittlungen erzählt und Plossila und Dollerschell sind in großer Sorge um die Kollegin. Wird sie das dritte Opfer des Blütenstaubmörders werden? Ist Krister etwa der gesuchte Blütenstaubmörder? Ein Mörder der seine Opfer immer mit einem ganz bestimmten Blütenstaub bestäubt.
Markus Ridder hat einen lesenswerten Krimi geschrieben, einen Krimi der sich hinter seinen deutschen „Buch-Kollegen“ nicht zu verstecken braucht. Zwar mag dem Leser das eine oder andere Klischee bekannt vorkommen, beispielsweise der Person des Hauptkommissars Plossila scheint man schon das eine oder andere Mal begegnet zu sein, geschieden und desillusioniert und immer mit einem leeren Kühlschrank, dazu eigenbrötlerisch und etwas depressiv. Aber das trübt das Lesevergnügen in keiner Weise. Die Handlung ist sehr ordentlich aufgebaut und das Buch liest sich sehr flüssig. Es ist doch immer wieder schön wenn man einen Autor trifft, der nicht wie betrunken durch die deutsche Sprache irrt. Markus Ridder kann ohne Frage schreiben und schafft es, seine Leser spannend zu unterhalten. Nicht unbedingt eine Selbstverständlichkeit.
Der Schluss des Buches ist dem Autor wirklich ordentlich gelungen. Er wirkt nicht wie ein Fremdkörper in der Geschichte sondern passt sehr gut in den Handlungsablauf. Markus Ridder verzichtet hier lobenswerterweise auf irgendwelche peinlich konstruierten Szenen, die den Gesamteindruck trüben könnten. Handlungsablauf einschließlich des Schlusses der Geschichte passen gut zusammen und bilden eine erzählerische Einheit.
Bei der „beamtenrechtlichen“ Recherche hätte man vielleicht etwas sorgfältiger arbeiten können. Der Vater des Hauptkommissars Plossila ist aus Finnland nach Deutschland eingewandert und dann Polizeibeamter geworden. Leider war das damals unmöglich. Beamter konnte nur der werden, der Deutscher war und dessen Eltern ebenfalls die deutsche Staatsangehörigkeit besaßen. Es gab Ausnahmen, aber die bezogen sich auf Wissenschaftler, die auch als Ausländer Beamte werden konnten, aufgrund herausragender Leistungen. Aber das ist natürlich jetzt nur eine marginale Anmerkung meinerseits.
Ein lesenswerter Krimi und man darf auf weitere Bücher mit dem hier ermittelnden Trio gespannt sein. Dieser Krimi von Markus Ridder ist im Mittelfeld der ersten deutschen Krimiliga anzusiedeln. Wer dieses Buch kauft, tätig keinen Fehlkauf – so viel kann garantiert werden.
Jan
Pendragon Verlag 2011, Taschenbuch 12, 95 €, 368 Seiten, ISBN: 978-3865322555
Geschrieben in Krimi/Thriller, Jan | Keine Kommentare »
“Dat Leven is en Achterbahn” von Hermann Bärthel
26.7.2011 von Krümel.
Hermann Bärthel wurde 1932 in Hamburg geboren. Sein Abitur machte er an einem Abendgymnasium und studierte dann Germanistik, Anglistik und Erziehungswissenschaften. Bis zu seiner Pensionierung im Jahre 1995 war er Lehrer am Gymnasium Hamburg-Meiendorf.
In seinen Geschichten schildert der Autor in humorvoller Art den Alltag seiner Mitmenschen. Dabei trifft er fast jedes Mal den Kern der Dinge punktgenau. In diesem vorliegenden Buch beschreibt er den Alltag, der von der Werbung und den Klischees in der Werbung beherrscht wird. Er schnallt die Werbung auf den Prüfstand und hat sie dabei so fest an den Balken geschnürt, dass die Werbung ihm nicht durch die Lappen gehen kann. Sie – die Werbung – muss sich mehr oder weniger hilflos gefallen lassen wie ihr in bestem Hamburger Platt ordentlich die Leviten gelesen werden. Ein hinreißendes Buch, zum Schmunzeln – aber auch diese durchweg heiteren Episoden laden zum Nachdenken ein.
Da es sich um ein Buch in Plattdeutscher Sprache handelt wäre es doch mal etwas anderes , wenn man das Wesentliche dieser Buchvorstellung auch in Hamburger Platt schreibt:
In sine Geschicht vertellt us de Schriever in sin humorige Art und Wiis wat da weer mit de Alltag von de anner Lüüd. He sächt wat los weer in de Welt vun de Werbung un wat se us as den Wohrheid vertellen. He hädd da all so utklamüstert as dat weer. Dor blivt nichts voor den Dör. Een Book dat Sposs mogt, da aver oak son beeten ton nodenken anregen deit. Een Book nich nur för den Hamburgers, een Book för all den Lüüd die se mogt, die plattdütsche Sprock.
Ein kleiner Spass mehr nicht. Ich spreche zwar Platt, kenne mich aber in der plattdeutschen Schreibweise nur sehr unzureichend aus. In jedem Falle eignen sich die Geschichten von Hermann Bärthel auch sehr gut zum vorlesen.
Hermann Bärtel wurde insbesondere auch bekannt durch die plattdeutsche Hörfunksendung „Hör mol beten to“.
Für alle, die die plattdeutsche Sprache mögen ganz sicher ein schönes Leseerlebnis.
Jan
Quickborn Verlag 2008, Taschenbuch 8,80 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3876513324
Geschrieben in Erzählung/en, Jan | Keine Kommentare »
“Die Frau, für die ich den Computer erfand ” von Friedrich Christian Delius
21.7.2011 von Krümel.
„Nie war Delius so heiter, entspannt und politisch unkorrekt.“ So urteilte die BERLINER ZEITUNG über dieses Buch – und sie hat damit vollkommen Recht. In diesem Buch geht es um den (zum großen Teil erfundenen?) autobiographischen Monolog des Erfinders des Computers, Konrad Zuse (1910 – 1995). Grundlage dieses Monologs ist ein Gespräch des Autors im Sommer 1985 mit Konrad Zuse und der Vortrag Zuses aus dem Jahre 1994 zum Thema „Faust, Mephisto und der Computer“ (Vortrag offenbar verschollen lt. Delius) sowie dessen Buch „Der Computer – Mein Lebenswerk“ aus dem Jahre 1984.
Inwieweit es sich hier um tatsächliche autobiographische Erfahrungen oder um Fiktion handelt, das mag dahin gestellt bleiben und ist auch für das Lesevergnügen an diesem Buch auch kaum von Belang.
Wer aber ist nun die Frau, um die es hier geht. Man mag es kaum glauben, aber bei der Frau handelt es sich um Ada Lovelace (1815 – 1852), die Tochter Lord Byrons. Die Programmiersprache „Ada“ wurde nach ihr benannt. Ada Lovelace hat zudem die mechanische Rechenmaschine „Analytical Engine“ mehrmals schriftlich kommentiert und war so etwas wie die erste weibliche Programmiererin.
Der „vermeintliche“ Konrad Zuse nimmt kein Blatt vor den Mund und manchmal kommentiert er Ereignisse und Personen bissig, in einigen Fällen sogar ätzend, fast an der Grenze zur Bösartigkeit (hier sein als Beispiel Goethe und dessen „Faust“ angeführt). Dieses Buch ist ein wahres Lesevergnügen, dabei eben alles andere als „politisch korrekt“ (wie die BERLINER ZEITUNG so richtig feststellte) – es ist auch ein Rundumschlag gegen die Computerhörigkeit in unserer Zeit.
Dieses Buch ist höchst unterhaltsam und nebenbei erfährt der Leser so allerlei Wissenswertes über die Dinge die zur Erfindung des Computers führten.
Friedrich Christian Delius ist ein wunderbarer Erzähler, der mit diesem Buch seine Leserschaft glänzend unterhält. An keiner Stelle, zu keiner Zeit wird dieses Buch und natürlich auch seine Leser ein Opfer irgendwelcher „Langeweile-Dämonen“ – nein, ganz im Gegenteil. Das sehr flüssige geschriebene Buch lässt sich wunderbar „in einem Rutsch“ lesen. Sehr empfehlenswert für denjenigen, der anspruchsvolle Unterhaltung schätzt.
Jan
rororo Verlag (2009 als Hardcover) 2011, Taschenbuch 8,99 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3499252396
Geschrieben in Jan, Roman | 1 Kommentar »
“Rohrkrepierer - Eine Jugend auf St. Pauli” von Konrad Lorenz
12.7.2011 von Krümel.
Kalle durchlebt im St. Pauli der Nachkriegszeit eine besondere Kindheit: besonders dreckig, hungrig, spießig und versaut. Er wächst im Spannungsfeld von Mutter, Großmutter und dem aus der Gefangenschaft heimkehrenden Vater auf. Kalles Entwicklung passiert in einer Welt aus Kleinbürgern, Prostitution und Seeleuten. Er lernt auch den Trennungsschmerz der ersten Liebe kennen.
Der Autor Konrad Lorenz wurde 1942 in St. Pauli am Hein-Köllisch-Platz geboren. Er studierte Schiffsmaschinenbau und fuhr dann als Ingenieur zur See.
Konrad Lorenz hat einen autobiographischen Roman geschrieben, einen Roman, der authentisch ehrlich und bodenständig wirkt. Er vermeidet die großen Worte und Gesten, er schreibt mehr so, wie ihm der „Schnabel gewachsen“ ist. Dadurch gewinnt dieses Buch seinen ganz besonderen Reiz. Hier schreibt jemand über St. Pauli der diesen Stadtteil wirklich kennt und wohl auch verinnerlicht hat. Konrad Lorenz akzeptiert die Menschen so wie sie sind, egal ob Prostituierte, Penner oder Kleinbürger. Sein Blick auf die Menschen ist nicht durch irgendwelche Vorurteile getrübt – allein schon aus diesem Grunde wirkt dieses Buch so überzeugend.
Durch dieses Buch lernt man das Nachkriegs-St. Pauli wirklich kennen. Keine wissenschaftliche Studie hätte hier mehr bewirken können. Die Menschen in diesem Buch „leben“ – und man merkt mit jedem Satz, die Zuneigung des Autors zu seinen handelnden Personen. Für jede Bürgerin für jeden Bürger von St. Pauli ist dieses Buch fast so etwas wie ein „unbedingtes Muss“.
Als sehr gelungen fand ich die plattdeutschen Sprechsequenzen. So manche direkte Rede ist in plattdeutscher Sprache geschrieben, und zwar Hamburger Platt. Ihren besonderen Reiz entfaltet diese Sprache erst dann, wenn man sich diese Sequenzen selbst laut vorliest. Ein sehr lesenswertes Buch, nicht nur für Hamburger oder St. Paulianer. Allerdings hätte man die eine oder andere Stelle etwas mehr kürzen können – ein paar wenige Längen hat dieses Buch schon, aber das schmälert den Lesegenuss in keiner Weise.
Jan
Edition Temmen 2011, Broschüre 12,90 €, 375 Seiten, ISBN: 978-3837820058
Geschrieben in Jan, Roman | Keine Kommentare »
“Bekenntnisse eines Zuhälters” von Laszlo Vegel
5.7.2011 von Krümel.
So ganz klar ist mir während der Lektüre dieses Buches nicht geworden, wieso der Titel mit „Bekenntnisse eines Zuhälters“ gewählt wurde. Der Erzähler Blue ist nämlich alles andere als ein Zuhälter. Da ich der ungarischen Sprache nicht mächtig bin, kann ich auch nicht sagen, ob der Titel auch im Original so lautet oder ob der Übersetzer bei der Übersetzung des Titels evtl. besoffen gewesen. Möglich wäre es.
Worum geht es nun in diesem Buch.
Im Mittelpunkt steht eine Gruppe von Jugendlichen Mitte bis Ende der sechziger Jahre im damals noch sozialistischen Ungarn. Sie kümmern sich kaum um ihr Studium, sondern um die in ihren Augen wahren Dinge des Lebens was da sind: Frauen, Alkohol und Geld. An den gesellschaftlichen Verhältnissen sind sie weniger interessiert, haben sie doch eh keine Möglichkeit diese in irgendeiner Form zu ändern. Also lassen sie sich treiben, verwechseln oftmals Liebe mit Sex und umgekehrt und leben einfach so in den Tag hinein.
Peter Esterhazy, der bekannte ungarische Autor, hat dieses Buch wie folgt bewertet:
„Ein schönes Buch, es atmet Freiheit. Ein Meilenstein für die moderne ungarische Literatur.“ Dieser Bewertung kann man im Grunde nur zustimmen.
Hinzu kommt, dass dieses Buch nach wie vor nichts von seiner Aktualität verloren, gerade auch im Hinblick auf die jetzt in Ungarn herrschenden gesellschaftlichen Verhältnisse. Ungarns jetzige Regierung demontiert die Freiheitsrechte Stück für Stück, die Presse wird zensiert und vieles erinnert im jetzigen Ungarn an die Zeit kurz nach dem Prager Frühling.
Laszlo Vegel hat diesen Roman 1967 veröffentlicht. Er wurde 1941 geboren und lebt als Angehöriger der ungarischen Minderheit in Novi Sad.
Vegel macht mit und durch diesen Roman deutlich, wie eingeschränkte junge Menschen in ihrem Drang nach Freiheit im sozialistischen Ungarn waren, wie sie von allen Seiten gegängelt wurden und wie sehr schnell resigniert feststellen mussten, dass revoltieren total sinnlos gewesen war. Also flüchteten sie in eine Scheinwelt aus Oberflächlichkeiten, Sex - begossen mit viel Alkohol - und unternahmen keine Anstrengungen das Bestehende zu ändern oder auch nur aufzuweichen.
Ein sehr lesenswertes Buch – mit dem Ärgernis des Titels, weil mit diesem etwas suggeriert wird was einfach nicht vorhanden ist und insofern eine Käuferschicht anlocken könnte, die etwas gänzlich anderes erwartet haben.
Wenn die zeitgenössische ungarische Literatur mehr solche Autoren wie Laszlo Vegel aufweisen könnte/kann, dann darf man aus dieser Richtung noch so einiges erwarten.
Jan
Matthes & Seitz Verlag 2011, Übersetzung: Lacy Kornitzer, Hardcover 19,90 €, 251 Seiten, ISBN: 978-3882216295
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“Idioten Made in Germany” von Klaus Norbert
23.6.2011 von Krümel.
Die Tendenz bzw. die Aussage dieses Buches von Klaus Norbert wird in der Einleitung vom Gitarristen der Rolling Stones – Keith Richards – sehr gut und in einfachen Worten sehr gut beschrieben.
„Dafür ist Schule in Wirklichkeit da: Es geht nicht um Geographie, Geschichte oder Mathe. Es geht darum die Kinder zu guten Fabrikarbeitern zu erziehen.“
Klaus Norbert sagt selbst über sein Buch, dass er zwar ein Sachbuch geschrieben habe, dass es trotzdem aber kein sachliches Buch sei. Und damit trifft er es punktgenau. Das Buch ist polemisch, provokant, aber klar und deutlich in seiner Aussage. Vielleicht muss man polemisch sein, damit man überhaupt ein wenig Gehör findet. Vielleicht muss man provozieren, damit man die Menschen wenigstens für einige wenige kurze Augenblicke aus ihrem Dornröschenschlag aufwecken kann.
Der Autor stellt die These auf, dass die Politik durch ihre Fixierung auf Normen und Turbo-Leistungen gezielt eine winzige Bildungselite begünstigt und den Rest einer ganzen Generation zu Versagern stempelt. Doch diese These steht nicht allein und einsam im Raum, sondern wird durch eine stimmige Argumentation nachdrücklich und eindrucksvoll untermauert. Allerdings hätte man sich als Leser das eine oder andere Mal um eine weniger aufgesetzte und auf „locker machende“ Sprache gewünscht. So hat das Wort „Idioten“ schon fast inflationären Charakter – was auch nicht damit zu entschuldigen ist, dass diese Vokabel Teil des Buchtitels ist.
Hervorzuheben ist, dass Klaus Norbert mit seiner Kritik vor nichts und niemanden Halt macht. Gradlinig und unbeirrbar geht er seinen – ganz sicher nicht – unbedingt leichten Weg. Denn er rüttelt mit seinem Buch und der Aussage dieses Buches schon an Pseudo-Werten, die den Menschen in Fleisch und Blut übergegangen sind, ohne dass sie jemals nach deren Sinn gefragt haben. Der Autor aber hinterfragt und findet zum Teil schon verblüffende Antworten.
Schule muss mehr sein als Disziplin und Lernfabrik, eine Lernfabrik in welcher viel Überflüssiges produziert wird und Notwendiges keinen Platz hat. Bildung darf nicht einer gut betuchten Elite vorbehalten bleiben, einer vermeintlichen Elite die aufgrund des Versagens des staatlichen Bildungsbetriebes auf teure Privatschulen ausweichen kann. Bildung muss für alle möglich und erschwinglich sein – Chancengleichheit für jedermann und jedefrau. Menschen müssen aufgrund ihrer Befähigung gefördert werden, nicht aber aufgrund des Gewichtes des Geldbeutels der Eltern.
Dieses Buch ist ein notwendiges Buch – auch dann, wenn man sicher nicht alle Aussagen des Autors teilt, aber es ist in jedem Falle eine großartige Diskussionsgrundlage. Denn die Diskussion über unser Bildungswesen muss endlich offen und schlagwortfrei geführt werden, mit dem Ziel, Bildung wirklich für alle möglich zu machen. Schule muss vielmehr sein als Fabrik die nach den Wünschen der Wirtschaft Arbeitskräfte produziert. Bildung ist ein ganz wesentlicher Teil des Lebens und die Schule muss endlich davon wegkommen, als oberstes Gebot den Schülerinnen und Schülern Disziplin einzutrichtern, sie also zu willfährigen Mitgliedern dieser Gesellschaft zu machen. Schülerinnen und Schüler müssen neugierig sein und Freude am Lernen empfinden, Lernen soll keine Last sondern eine wirklich Freude sein. Dass das möglich wäre – das beschreibt Klaus Norbert u.a. auch in seinem Buch.
Der Autor macht auch klar, dass Bildung weit mehr sein muss als BILD, RTL, Lanz, Kerner aber auch mehr sein muss als SPIEGEL, FOCUS und ZEIT. Den Bildungspolitikern dieser Republik stellt er ein verheerendes Zeugnis aus – und nach der Lektüre dieses Buches kommt man, wenigstens ich kam zu dem Ergebnis: Der Mann hat Recht!
Diesem Buch seien viele Leserinnen und Leser gewünscht, damit eine längst überfällige Diskussion endlich in Gang kommt.
Klaus Norbert wurde 1962 geboren und ist Journalist und Musiker. Sich selbst bezeichnet er als „Bildungsrebell“. Er hat eine dreijährige Tochter und war viele Jahre als Berater für Großunternehmen im In- und Ausland tätig und betreute als Coach namhafte Führungspersönlichkeiten.
Jan
Knaur TB Verlag 2011, Taschenbuch 8,99 €, 384 Seiten, ISBN: 978-3426784693
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“Unvollständige Erinnerungen” von Inge Jens
26.5.2011 von Krümel.
Inge Jens wurde 1927 in Hamburg geboren. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik. 1953 promovierte sie.
Es wäre unfair und auch unredlich, würde man Inge Jens jeweils nur auf ihre Stellung als „die Ehefrau von Walter Jens“ versuchen zu definieren. Inge Jens ist weitaus mehr, eine selbständige und emanzipierte Frau, die nur zufällig mit Walter Jens verheiratet ist. Schließlich war es Inge Jens, die die Tagebücher von Thomas Mann herausbrachte – es war nicht Walter Jens der sich dieser gewaltigen Arbeit unterzog.
In dieser Autobiographie schaut Inge Jens auf ein langes und interessantes Leben zurück. Anfangs geschieht dieses sehr distanziert, fast schon kühl. Am Ende aber, als sie sich intensiv mit der Demenzerkrankung ihres Mannes befasst, da öffnet sie sich, da schildert sie wie es ist mit einem Partner zu leben, der schwer demenzkrank ist. Hervorzuheben ist, dass sie sich hier nicht als die Ehefrau gibt, die sich ohne Ende grenzenlos aufopfert; ganz im Gegenteil. Sie macht deutlich, wie schwer es ihr fällt, ihr eigenes Leben aufgrund dieser Krankheit stark zu beschneiden, sie schildert ihre Gereiztheit, ihre Ungeduld – aber gerade auch aus diesen sehr menschlichen und sehr persönlichen Schilderungen vermag man zwischen den Zeilen die große Hingabe zu lesen, die sie mit ihrem Mann verbindet. Gerade der letzte Teil dieser Autobiographie berührt.
Inge Jens ist ohne Frage eine der ExpertenInnen für in Bezug auf Katia Mann und auf deren Mutter. Ihre Bücher „Frau Thomas Mann“ und „Katias Mutter“ gehören in meinen Augen in die oberste Klasse der Biographieliteratur.
Inge Jens hat den Spagat geschafft. Den Spagat zwischen Mutter und Ehefrau auf der einen Seite und der Arbeit als Biographin und Schriftstellerin auf der anderen Seite.
Eine faszinierende Autobiographie die uneingeschränkt empfohlen werden kann.
Jan
rororo Verlag 2010, Taschenbuch 9,95 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3499626104
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“Ein französischer Roman” von Frédéric Beigbeder
14.4.2011 von Krümel.
Vor einigen Jahren wurde der französische Autor Frederic Beigbeder auf offener Straße erwischt, als er gerade Kokain schnupfte. 48 Stunden wurde er in polizeilichen Gewahrsam genommen. Ein Erfahrung die ihn veranlasste eine Rückschau auf sein Leben vorzunehmen. Allerdings konzipierte er diesen Blick auf sein Leben als Roman. Insofern ist auch nicht klar, was nun erfunden und was nun autobiographischer Natur ist.
An einer Stelle seines Buches sagt Beigbeder:
„Was hier erzählt wird, ist nicht unbedingt die Wirklichkeit, aber es ist meine Kindheit, wie ich sie wahrgenommen und tastend rekonstruiert habe.“
Genau genommen schaut Beigbeder nicht auf sein gesamtes Leben zurück, vielmehr versucht er sich an einer Bestandsaufnahme seiner Kindheit. Eingangs schrieb er noch dass er eigentlich keine Erinnerungen an seine Kindheit hätte.
In diesem Buch lernt man das „Entfant terrible“ der neueren französischen Literatur von einer ganz anderen Seite kennen. Hier provoziert Beigbeder nicht, hier wirkt er nicht cool oder distanziert und die Gesellschaft verachtend, hier, in diesem Buch scheint sich Beigbeder wirklich zu öffnen. Hier beschreibt er, wie sehr er unter der Scheidung seiner Eltern gelitten hat und versucht Antworten im Hinblick auf seine eigene Scheidung zu finden. Keine billige Rechtfertigung, vielmehr suchend und tastend nach echten Antworten.
In diesem Buch lernt man einen anderen Beigbeder kennen. Es scheint so, als sei dieses Buch von einem anderen Autor als dem Autor von „39,90“ geschrieben. Beigbeder von einer sehr sensiblen, verletzlichen Seite ist eine ganz neue Leseerfahrung. Auch den oftmals bei Beigbeder anzutreffenden Sarkasmus, findet man in „Ein französischer Roman“ nur in sehr leichten Ansätzen. Ein Autor auf der Suche nach sich selbst? Man könnte es fast vermuten.
Ein sehr interessantes Leseerlebnis, durchaus empfehlenswert.
Frederic Beigbeder wurde 1965 in Neuilly-sur-Seine geboren. Er studierte Politikwissenschaft und lebt als Kritiker und Schriftsteller in Paris.
Jan
Piper Verlag 2010, Übersetzung: Brigitte Große, Hardcover 19,95 €, 245 Seiten, ISBN: 978-3492054140
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“Heldenangst” von Gabriel Chevallier
14.3.2011 von Krümel.
Dieses Buch ist sicher nicht das, was man sonst von Gabriel Chevallier gewohnt ist. Der 1895 in Lyon geborene und 1969 in Cannes verstorbene Autor wurde weltbekannt durch seinen Roman „Clochemerle“. Als „Heldenangst“ in einer Neuausgabe im Jahre 2008 erschien, da wurde dieses Buch begeistert gefeiert. Ursprünglich wurde der Roman zuerst im Jahre 1930 veröffentlicht.
Anhand des jungen Studenten Jean Dartemont schildert Chevallier die Schrecken des ersten Krieges, Schrecken, die auch stellvertretend für die Schrecken aller Kriege stehen könnten. Er beschreibt die Angst der „normalen“ Soldaten, die von ihren Generälen immer wieder in sinnlose Gefechte geschickt werden und die dafür einen erschreckend hohen Blutzoll zahlen mussten. Es ist gerade die grenzenlose Dummheit und Selbstüberschätzung degenerierter Generäle auf beiden Seiten, die diesen ersten Weltkrieg zu einem militärtaktischen Desaster werden ließ. Willkür und Borniertheit der Armeeführung war an der Tagesordnung.
Gabriel Chevallier beschreibt die Dinge so wie sie waren. Er beschreibt sehr anschaulich die grenzenlose Angst der Soldaten, er beschreibt die Kälte und die grassierenden Durchfallerkrankungen und er macht dabei sehr deutlich, dass das Leben des Einzelnen absolut nichts zählt und überhaupt nichts mehr wert ist. Es ist diese schonungslose Offenheit, die dieses Buch zu einem beeindruckenden Leseerlebnis werden lässt. „Heldenangst“ geht weiter als „Im Westen nichts Neues“, es versucht das Unbegreifbare begreifbar zu machen und mit jedem Satz merkt man, dass der Autor eigenes Erleben niedergeschrieben hat. War er doch selbst, nur mit einer kurzen Unterbrechung, vier Jahre Infanterist in diesem Krieg.
Erwähnenswert ist noch, dass dieses Buch bei seinem Erscheinen aufgrund seiner direkten Sprache einen Skandal auslöste. 1939 wurde dieses Buch im Angesicht des drohenden Krieges zurückgezogen. Sollte wohl niemand davon beeinflusst werden, dass Krieg gleichbedeutend mit Angst ist. Auf diese sehr einfache Formel läuft in „Heldenangst“ eigentlich alles hinaus.
Ein beeindruckend und bedrückendes Buch, sehr empfehlenswert.
Jan
Nagel & Kimche Verlag 2010, Übersetzung: Stefan Glock, Hardcover 24,90 €, 425 Seiten, ISBN: 978-3312004416
Geschrieben in Jan, Roman | Keine Kommentare »
“Rabenliebe” von Peter Wawerzinek
14.2.2011 von Krümel.
Peter Wawerzinek hat ein wirklich beeindruckendes Buch geschrieben, ein echtes Lesehighlight. Der Autor wurde 1954 unter dem Namen Peter Runkel in Rostock geboren. Er wuchs in verschiedenen Heimen und bei verschiedenen Pflegefamilien auf.
Er wurde vor über 50 Jahren von seiner Mutter verlassen, die in den Westen übersiedelte und ihn in der DDR zurückließ. Er war noch ein Kleinkind als die Mutter ihn im Stich ließ. Seit dieser Zeit sucht Peter Wawerzinek Antworten auf die Frage, warum seine Mutter ihn so handelte.
In einer außergewöhnlichen Sprache beschreibt Peter Wawerzinek sein Leben. Auch wenn es sich bei diesem Buch um einen Roman handelt, so dürfte es sich aber in jedem Falle um einen autobiographischen Roman handeln. Die Sprache des Autors ist anfangs gewöhnungsbedürftig, aber schnell lernt man als Leser ihre ganz besondere Intensität zu schätzen. Man hat den Eindruck, als hätte der Autor jedes der Wörter genauestens angepasst, als hätte er sprachlich nichts dem Zufall überlassen. Es passt einfach. Jedes Wort genau da wo es hin gehört.
Aber nicht nur die Sprache besticht durch ihre Intensität auch die ganze Geschichte ist von einer sehr emotionalen Tiefe, ohne dabei aber weinerlich über überbordend sentimental zu sein. Vielleicht könnte man hier von einer rationalen Emotionalität sprechen. Peter Wawerzinek lässt den Leser teilhaben an seiner zerrissenen Gefühlswelt, an seinem stetigen Suchen nach Antworten. Dabei biedert er sich nicht an, ganz im Gegenteil.
Ein Kind auf der Suche nach Mutterliebe. Ein Kind auf der Suche nach Antworten, ein Kind das nicht begreifen kann, warum er ohne Mutter aufwachsen muss und das aber trotzdem unbewusst begreift, dass nur die leibliche Mutter auch die eingeforderte Mutterlieben geben könnte.
Kurz nach dem Mauerfall traf er dann seine Mutter. Aber dann war er diesem „Mutterbild“ nicht gewachsen, zu viel stürzte auf ihn, zu viel musste verkraftet werden. Weitere Begegnungen gab es nicht.
Ein sehr lesenswertes Buch, ein Buch das aufwühlt, ein Buch das es wert ist gelesen zu werden und sei es nur wegen der sehr intensiven Sprache. Peter Wawerzinek hat ein wunderbares Stück deutscher Literatur geschaffen. Sehr, sehr lesenswert.
Jan
Galiani Verlag 2010, Hardcover 22,95 €, 428 Seiten, ISBN: 978-3869710204
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Jan, Roman | Keine Kommentare »

