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“Imperium” von Christian Kracht

Der Schweizer Autor Christian Kracht wurde 1966 in Saanen geboren und hat mit diesem Buch das „Deutsche Feuilleton“ in helle Aufregung versetzt.

Was war passiert?
Christian Kracht erzählt in diesem Buch die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt. Engelhardt kauft sich ein kleines Eiland in der Südsee und widmet sich fortan dem Ernten und Verarbeiten von Kokosnüssen. Zudem will dieser fast schon fanatische Vegetarier einen „sonnenanbetenden Kokosnussorden“ gründen – Engelhardt predigt die Kokosnuss als alleinige Nahrung. Darüber hinaus sind auch Nacktheit und Naturnähe Eckpfeiler seiner Ordensphilosophie.

Die Geschichte spielt um 1902 und die Person des August Engelhardt soll historisch verbürgt sein.

Nun hat sich auch ein Rezensent des SPIEGEL dieses Buches angenommen und man fragt sich, welches Buch der SPIEGEL-Rezensent Georg Diez eigentlich gelesen? „Imperium“ von Kracht kann es schwerlich gewesen sein.
Diez tituliert Kracht in diesem Buch „als Türsteher rechten Gedankenguts“, wirft ihm vor „Sympathisant für koreanische Diktatoren“ zu sein und fragt nach der Geisteshaltung des Autors im Zusammenhang mit dem Briefwechsel im Jahre 2004 mit dem politischen Wirrkopf David Woodhard.

Namhafte Autoren sprangen Kracht zur Seite. In einem offenen Brief nannten sie die Kritik „bösartig und perfide“. Unterzeichner dieses Briefes waren u.a. Daniel Kehlmann, Peter Stamm, Monika Maron, Elfriede Jelinek, Kathrin Schmidt und Feridun Zaimoglu.
Es geht hier auch um die Frage, ob man den Autor eines Buches auch für die Äußerungen seiner Protagonisten „haftbar“ machen kann.
Und auch die oftmals Unsinn schreibende Iris Radisch meinte, auch sie müsse sich zu Wort melden. Sie fragt wie „….politisch Literaturkritik sein darf….“ schafft es dann aber nicht eine vernünftige Antwort zu geben.
Sie wirft den Verfassern des offenen Briefes vor, diese würden sich anmaßen, zu wissen was Literaturkritik darf, kann und was dort erlaubt sei.

Radisch schreibt wörtlich:
„Das ist zwar korrektes Literaturseminarwissen, aber dennoch Unsinn. Figurenrede, Ironie, Maskenspiel und die Freiheit der Kunst machen einen Roman und seinen Verfasser nicht per se unangreifbar. Sie sind kein ästhetischer Schutzwall, hinter den kein Kritiker mehr einen Blick werfen darf, ohne Angst vor Beschwerden bei seinen Vorgesetzten haben zu müssen.“

Leider hat Radisch – wie so oft – mal wieder überhaupt nichts begriffen. Aber wer auf der ZEIT-Gehaltsliste steht, darf offensichtlich Unsinniges daher schwafeln.

Kritik an einem Buch muss erlaubt sein, die Kritik kann auch gern vernichtend sein – aber trotzdem darf Kritik nicht irgendwelche Unwahrheiten oder der Unwahrheit nahekommende Spekulation und Unterstellungen das Wort reden. Und genau das ist es was Diez macht. Vielleicht sollte der SPIEGEL zukünftig seine Hände von literarischen Themen weglassen; in der Vergangenheit hatten sie davon schon keine Ahnung und das Beispiel „Imperium“ zeigt, dass sich daran auch nichts geändert hat.

So ist dieser „vermeintliche Literaturskandal“ nichts anderes als ein laues Lüftchen im Wasserglas. Aber so durften sich wohl die Verkaufszahlen über sehr schöne Zuwächse freuen.

Christian Kracht schreibt in einer „leicht verdrechselten“ Sprache, etwas ungewohnt aber nicht unangenehm und einige seiner Episoden erinnerten mich an die Karikaturen aus dem „Simplicissimus“, der politisch-satirischen Zeitschrift, die bis zum Ende der Weimarer Republik existierte. Kracht schafft es, wenn auch eher unterschwellig ironisch, das wilhelminische Zeitalter mit einem leicht amüsierten Hauch zu schildern, wobei er aber hier nicht durchgängig in dieser Form erzählt.

Im Ergebnis ist dieser Roman angenehm zu lesen; ein Highlight der Literatur wird er aber ganz sicher nicht werden und der Verlag müsste dem SPIEGEL für dessen Peinlichkeit doch eigentlich dankbar sein; denn kann es eine bessere Werbung geben?

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Meinungen des „Kollegiums der Literaturkritik-Kardinäle“. Wo die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hellauf begeistert ist, ist die TAZ eher ernüchtert und enttäuscht. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint feststellen zu müssen, dass der Autor noch nie so „locker und freudvoll“ geschrieben hätte. Die ZEIT sieht nicht nur Anklänge bei Mann, Kafka und Hesse, nein, sie holt auch noch Fontane und von Keyserling mit ins Boot. Naja – die ZEIT eben.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU scheint in Person der Rezensentin Sabine Vogel ein wenig genervt von diesem Buch. Vogel bemängelt, den Versuch von Kracht in „Thomas-Mann-Ton“ zu schreiben. Die kühle Zeichnung der Figuren sieht sie als „unlebendig und staffagenhaft“. Ihr Urteil gipfelt darin, dass sie das pathetische Schwadronieren von Krachts Hauptfigur als „grauenhaften Rollenprosakitsch“ ansieht und das „Imperium“ für sie nichts anderes ist als „gedrechselter Quatsch“.

Mich hat dieses Buch gut unterhalten und genau genommen ist auch das allein für mich wichtig. Was habe ich letztendlich mit diesen Literaturkritikern zu tun? Glücklicherweise nichts.

Für dieses Buch gibt es von mir eine freundliche Leseempfehlung und den Rat, vielleicht das SPIEGEL-Abo zu kündigen.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2012, Hardcover 18,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3462041316

“Das letzte Frühstück” von Cornelia Lotter

Auf den 142 Seiten dieses Buches haben sich 19 Erzählungen versammelt, in denen es um „die Liebe – oder was die Menschen dafür halten“ geht, so vermeldet es wenigstens der Klappentext. Geht es wirklich aber um die Liebe? Oder geht es in diesen Geschichten nicht vielmehr um das, was da zwischen Mann und Frau so alles passieren kann? Mag sein, dass ab und an auch mal die Liebe auf ein Minütchen vorbeischaut. Nach dem Lesen der einzelnen Erzählungen wird man merken, dass die Liebe in ihrer ursprünglichen Form, in ihrem eigentlich Sinn, eher nicht so präsent ist.

Nach der Lektüre dieses Buches, was in einem sehr angenehmen Stil geschrieben ist, bleibt dann doch eine leichte Enttäuschung zurück. Zuviel wird in schwarz/weiß gezeichnet, der Griff zu zwischentönigem Grau wäre an der einen oder anderen Stelle sicher nicht falsch gewesen.

Man hat den Eindruck, die Männer, hier insbesondere die Ehemänner, wären alle unsensibel, kahlköpfig, schnarchen, wollen ihre Ehefrau nur beherrschen, sind mit einem Wort alles ausgemachte Arschlöcher – während die Frauen dagegen, ewig ausgenutzt und gedemütigt werden, sich dem Diktat ihrer Ehemänner beugen müssen. Als Leser hätte man sich da schon etwas variantenreichere Geschichten gewünscht.
Da ist die Frau die ihren Mann verlassen will, es aber bleiben lässt als sie seinen Schlüssel im Türschloss sich drehen hört, dann ist da die Frau, die endlich mit dem Auto fahren und er nicht in der Lage ist ihre Fahrweise zu kommentieren, aber es wird auch von der Frau erzählt, die vom Schnarchen ihres Mannes sehr genervt ist. Und nicht zu vergessen die Frau, die mit ihrem zukünftigen Mann zu Besuch bei den zukünftigen Schwiegereltern ist und die sich vor den aufgetischten Kutteln ekelt – und damit sich wohl selbst ins Abseits tritt.

Es sind einfach zu viele klischeehafte Vorstellungen, die in den einzelnen Erzählungen beschrieben werden.
Männer sind mies – Frauen sind gut!
Wenigstens habe ich die Grundaussage dieses Buches so verstanden. Zwischentöne hätte diesem Buch, wie bereits eingangs erwähnt, ganz sicher nicht geschadet.

Natürlich gibt es auch positive Dinge über dieses Buch zu sagen. So sind manche Geschichten unterschwellig böse, wobei man das Böse erst sehr spät bemerkt und es das Lesen der jeweiligen Geschichte dadurch umso reizvoller macht. Bei diesen Erzählungen fällt die Autorin nicht gleich mit der Tür ins Haus, sondern baut zuerst eine Trugwelt aus vermeintlicher Harmonie auf, die dann – nicht unbedingt mit einem Knall – in sich zusammenfällt. Es sind gerade die leisen bösen Pointen, die einen ganz besonderen Lesereiz vermitteln.

Wie soll man ein Fazit zu diesem Buch formulieren? Die Autorin schreibt flüssig und in einem angenehmen Stil, sie hat aber noch viel Luft nach oben, es würde sicher auch nicht verkehrt sein, wenn die Zwischentöne einen etwas größeren Raum in ihren Erzählungen einnehmen würden.
Alles in allem – solider Durchschnitt, lesbar – wenn eben auch nicht der große Wurf.

Jan

Fhl Verlag Leipzig 2011, Broschur 11,95 €, 142 Seiten, ISBN: 978-3942829182

“Vom Ende einer Geschichte” von Julian Barnes

Erzählt wird diese Geschichte von Tony Webster, einem Menschen, der erst sehr spät versteht und eigentlich doch auch nicht versteht.

Vor rund 40 Jahren kam Adrian Finn in die Klasse von Tony Webster. Schnell schließen die beiden Jungen Freundschaft, aber es ist keine ganz gleichberechtigte Freundschaft. Es ist Adrian der den Ton angibt, der offenbar dem anderen immer ein kleines Stück voraus ist. Auch nach der Schulzeit reißt die Verbindung nicht ab.

Tony ist zwischenzeitlich mit Veronica zusammen, einem irgendwie etwas seltsamen Mädchen. Als Veronica Tony ihren Eltern vorstellt, erlebt dieser ein Wochenende, dass ihn sein ganzes späteres Leben nicht mehr so richtig loslässt. Gerade auch Veronicas Mutter hinterlässt bei Tony einen bleibenden, wenn auch etwas zwiespältigen Eindruck. Tony und Veronica sind ein seltsames Paar; sie schlafen erst dann miteinander, als Tony die Beziehung beendet. Veronica geht dann eine Beziehung mit Adrian ein. Tony schreibt den beiden einen sehr verletzenden Brief. Nach einer Weile erhält Tony dann die Nachricht dass Adrian Selbstmord begangen hat.
Dann macht die Geschichte einen Sprung von etwa 40 Jahren. Tony ist verheiratet, geschieden und hat eine Tochter, die nun selbst verheiratet ist. Er hat eine normale berufliche Karriere gemacht und lebt ein geregeltes Leben. Dann jedoch erhält von einer Rechtsanwältin einen Brief. Diese teilt ihm mit, dass er von Veronicas Mutter, die zwischenzeitlich gestorben war, 500 Pfund und Adrians Tagebücher geerbt habe. Allerdings seien die Tagebücher bei Veronica.
Tony versucht nun wieder Kontakt zu Veronica aufzunehmen, um die Tagebücher zu erhalten. Doch die Kontaktaufnahme und der Kontakte verlaufen anders als er sich es wohl vorgestellt hat.
Im Laufe der Zeit muss Tony sehen, dass sich Sichtweisen, Eindrücke und auch vermeintliche Gewissheiten ändern können.

Julian Barnes hat ein nicht leicht zu greifendes Buch geschrieben. Er erzählt mit einer durchaus reizvollen Umständlichkeit und immer dann wenn man als Leser meint, nun käme er zum Punkt, dann macht er einen kleinen Schlenker und man bleibt ein klein wenig ratlos zurück. Der Autor lässt seine Leserschaft an den Gedankengängen seines Protagonisten Tony teilhaben, so dass der Leser genaugenommen immer auf demselben Wissensstand ist wie Tony selbst. Es ist aber auch das Buch über einen Menschen, der offenbar immer mit der Normalität zufrieden war, der nie nach dem Besonderen strebte und der in der täglichen Lebensroutine so etwas wie seine Lebenserfüllung fand; obwohl man manchmal zwischen den Zeilen meint herauslesen zu können, dass diese Lebenszufriedenheit vielleicht auch als „bequeme und milde Resignation“ hätte bezeichnet werden können. In jedem Falle ändert sich ab das unaufgeregte Leben von Tony Webster als er wieder in Kontakt mit Veronica kommt. Sie scheint im Laufe der Jahre allerdings noch merkwürdiger geworden zu sein.

Ein Buch über einen Menschen, der das in Zweifel ziehen muss, woran er eigentlich immer geglaubt hat, der das in Zweifel ziehen muss, was für ihn offensichtlich war.

Julian Barnes denkt gar nicht daran es seinen Lesern allzu leicht zu machen. Und das ist auch gut so. Er nimmt seine Leser an die Hand – aber denken und nachdenken, das müssen sie allein. Ein sehr lesenswertes Buch, dass unter Garantie aber nicht von jedem gemocht wird. Vielleicht auch nicht unbedingt ein „typischer“ Julian Barnes.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Übersetzung: Gertraude Krueger, Hardcover 18,99 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3462044331

“Buddy Holly auf der Wilhelmshöhe” von Wolfgang Welt

Vorangestellt sei diese Feststellung: Dieses Buch von Wolfgang Welt ist ohne Frage für mich eines der Lesehighlights in 2011. In drei autobiographischen Romanen erzählt Wolfgang Welt aus seinem Leben. Es ist ein Leben, das den Autor sehr oft überforderte, dass er aber offensichtlich trotzdem gern gelebt hat und noch gern lebt.

Wolfgang Welt wurde 1952 in Bochum geboren, machte Abitur und begann dann mit dem Studium. Dieses Studium brach er dann relativ schnell ab und „tingelte“ als Musikjournalist für MARABO, SOUNDS und MUSIK EXPRESS durch die Lande. New Wave und Neue Deutsche Welle mussten sich von ihm so manchen kritischen Text gefallen lassen.

Wolfgang Welt nimmt kein Blatt vor den Mund, nimmt auf nichts und niemand Rücksicht – auch nicht auf sich selbst. So haben beispielsweise Peter Rüchel (Macher der WDR-Sendung ROCKPALAST) und auch Heinz Rudolf Kunze bei ihm absolut nichts zu lachen. Gerade Kunze scheint er mit Freuden „zu schlachten“. Dabei ist er von einer geradezu frappierenden Offenheit. Er beschreibt die Menschen so wie sie sind, dichtet ihnen keine Eigenschaften an nur um sie besser aussehen zu lassen, Wolfgang Welt ist ehrlich, teilweise von einer sehr verletzenden Ehrlichkeit.

In diesen drei Romanen beschreibt der Autor ein Leben, das ihn auch als Gehetzten zeigt. Immer auf der Suche nach neuen Einnahmequellen – als Musikredakteur ist kaum das große Geld zu verdienen – und immer auch auf der Suche und der Jagd nach dem nächsten Fick, wobei er dabei meistens auf die Schnauze fällt; die Damenwelt hat auf alles gewartet, garantiert aber nicht auf Wolfgang Welt. Aber Wolfgang Welt ist nicht nur ein Gehetzter, er ist auch ein Suchender, wobei ihm wahrscheinlich selbst nur schemenhaft klar ist, wonach er eigentlich sucht. Letztendlich landet er in der Psychiatrie. In großen Abständen schreibt er nach seinem Krankenhausaufenthalt dieses drei autobiographischen Romane.

Sein Elternhaus beschreibt er mit sehr viel Zuneigung. Es ist dieses Elternhaus, was für ihn immer wieder den sicheren Hafen darstellt, den man wohl braucht, wenn man ein solches Leben führt wie der Autor.

Die drei Romane in diesem Buch sind „Peggy Sue“, „Der Tick“ und es endet mit dem Roman „Der Tunnel am Ende des Lichts“. Dazu muss man wissen, dass Wolfgang Welt ein Hardcore Buddy-Holly-Fan ist und das der 3. Februar 1959 (an diesem Tag verunglückte Buddy Holly tödlich) für ihn ein schwarzer Tag ist. Wolfgang Welt ist zwar ein Hardcore-Fan, aber obsessiv verehrt er Buddy Holly nicht. Aber Wolfgang Welt ist auch ein großer Verehrer von Hermann Lenz und dessen Eugen-Rapp-Romane tauchen immer in diesem erzählten Leben auf.

Ein Buch von großer Ehrlichkeit, ein Buch mit Charakter. Ein Buch das eine Zeit wieder lebendig werden lässt die schon ziemlich lange zurückliegt oder die gerade erst vorbei ist – jede/jeder wird hier seine ganz eigene Sichtweise haben. Ein Buch das es unbedingt wert ist gelesen zu werden. Es passieren dort nicht die ganz großen Sachen, es passieren dort die Sachen die normal sind und es ist die Normalität die manchmal erschrecken kann, die manchmal ein lautes Lachen auslöst; es ist die Normalität die viele einfach banal als „Leben“ bezeichnen.

Und was macht Wolfgang Welt jetzt? Nachdem er 2002 ein Stipendium der Hermann-Lenz-Stiftung erhielt, arbeitet er jetzt als Nachtportier im Schauspielhaus von Bochum und hört regelmässig WDR 4.

Eine ganz persönliche Bemerkung: So leicht ist mir der Abschied von diesem Buch nach 488 Seiten nicht gefallen.

Jan

Suhrkamp Verlag 2006, Taschenbuch 15 €, 490 Seiten, ISBN: 978-3518457764

“Seine Toten kann man sich nicht aussuchen” von Janine Binder

Janine Binder wurde 1981 geboren und ist seit 1998 als Polizeibeamtin im Dienst des Landes Nordrhein-Westfalen tätig. Wie sie selbst schreibt, versucht sie durch das Schreiben ihre dienstlichen Erlebnisse zu verarbeiten – und man kann eigentlich dankbar sein, dass sie diese Art der Verarbeitung gewählt hat, hätte sie etwas anderes gefunden um ihre Erlebnisse zu verarbeiten, dieses Buch wäre wohl nicht geschrieben worden bzw. wäre wohl so nicht geschrieben worden.

Das Buch endet auf der Seite 252 mit dem Abschnitt „Feierabend“ – ich klappe das Buch zu versuche das Gelesene noch einmal Revue passieren zu lassen. Muss ich jetzt schnell in die Ordenskiste greifen und der Autorin für „großartiges Schreibwerk“ einen Orden verleihen oder soll ich den kritischen Gedanken, die sich immer mehr in den Vordergrund drängen, ein wenig mehr Raum geben? Ich denke, auch Kritisches sollte nicht verschwiegen werden – denn eine Lobeshymne zu schreiben hinter der man nicht voll steht, ist sicher nicht gewollt – wenigstens denke ich, dass die Autorin ein Recht auf eine ehrliche Meinung hat.

Janine Binder hat ein sehr interessantes Buch geschrieben und gibt ihren Lesern einen Einblick in die tägliche Arbeit der Polizei in unserem Lande. Man kann wohl davon ausgehen, dass die Stadt Köln hier nur stellvertretend für die vielen Polizeistationen in Deutschland steht – die Arbeit wird wohl überall ähnlich sein.
Aber dieses Buch ist nicht nur interessant, es ist ganz sicher auch nicht alltäglich. In diesem Buch wird über einen Berufsstand berichtet, der im Laufe der Zeit sehr viele Nackenschläge und Kritik hat einstecken müssen und wenn ich zurückdenke mit wie viel Respekt man einem Polizisten in meiner Kindheit (die schon sehr lange zurückliegt) gegenübertrat, so ist von diesem Respekt leider nicht mehr viel geblieben. Dabei haben die Frauen und Männer die diesen Beruf ausüben unseren Respekt verdient – man muss sie nicht auf einen Sockel stellen, aber man sollte ihre Arbeitsleistung anerkennen, so wie man auch die Arbeitsleistungen vieler anderer Berufe anerkennen sollte. Aber leider ist es in unserer Zeit Mode geworden, ganze Berufsstände zu diskreditieren (man denke da beispielsweise an Lehrer, Zahnärzte, Beamte im Allgemeinen, Soldaten).

Highlight dieses Buches ist für mich ohne Frage die Geschichte „Ich hoffe, es geht dir besser, da, wo du jetzt bist“ – eine gefühlvoll erzählte Geschichte, ohne störende Sentimentalitäten und Weinerlichkeiten. Realistisch und zutiefst menschlich. Für mich ganz persönlich fast ein kleines Meisterwerk. Keine der anderen Geschichten wird in dieser fast schon unglaublichen Intensität erzählt. Vor der erzählerischen Leistung, jetzt bezogen auf diese Geschichte, kann man wirklich nur den Hut ziehen. Und auch nach mehrmaligen Lesen verliert diese Geschichte nicht ein Jota ihres ganz besonderen Flairs, ihrer ganz besonderen Atmosphäre.

Nach dem Zuklappen des Buches, nach dem Lesen der Seite 252 bleibe ich trotzdem ein wenig zwiespältig zurück. Es sind die kleinen Störfeuer, die kleinen Störgeräusche die meinen Leseeindruck, der auf den ersten Blick durchaus positiv ist, etwas eintrüben.
Es wird nicht leicht sein, dass zu erklären was mich stört.
Aber den Versuch einer Erklärung will ich gern wagen.

Das Buch vermittelt mir in seiner Gänze den Eindruck, es gebe zwei Arten von Menschen. Auf der einen Seite finden wir die Gutmenschen, die Polizeibeamtinnen und –beamten und auf der anderen Seite finden wir die Bürgerinnen und Bürger, die nur stören, die im Weg stehen, deren moralischen Werte völlig verschüttet sind und denen man immer wieder genau erzählen muss wie es denn im Leben so läuft.
Und das ist was ich hasse ohne Ende – wenn jemand mir versucht das Leben bzw. mein Leben zu erklären. Jetzt – nachdem ich kurz vor Beginn meines siebten Lebensjahrzehnts stehe, habe ich absolut keine Lust mir von irgendeinem picklichen Jüngling erklären zu lassen wie die Dinge laufen und wie ich mich seiner Ansicht nach zu verhalten habe. Wenn ich zu schnell gefahren bin, dann kann er mich gern belehren und im Rahmen der rechtlich geltenden Vorschriften tätig werden – was ich mir aber verbitte ist, das mir irgendwelche Lebensweisheiten mit auf den Weg gegeben werden – an die sie bzw. er sich wahrscheinlich selbst nicht hält.
Die Polizei ist keine Instanz zur Überwachung der moralischen Werte.
Ich hasse diese moralisierenden Polizeibeamten (vorzugsweise finden wir diese in irgendwelchen Fernsehserien) oder diese jungen Richterbengel, die meinen, sie wüssten wie die Dinge laufen. Sie wissen gar nichts!
Was ich sagen will ist – die Polizei in unserem Land ist die Ordnungsmacht, sie bestimmt aber eben nicht die kulturellen Wertmaßstäbe unserer Gesellschaft, die Polizei hat eine klar umrissene Aufgabe so wie beispielsweise die Schule auch. Diese Aufgaben sind gesetzlich geregelt und nicht von Gott gegeben.
Leider hat sich bei mir der Eindruck im Laufe meiner Lektüre verfestigt: Hier auf der einen Seite eben, wie bereits erwähnt die Gutmenschen und auf der anderen Seite die Anderen, die Doofen, die, die so gar nichts vom Leben wissen, die Unwichtigen halt.

Nichtdestotrotz hat Janine Binder ein lesenswertes Buch geschrieben und man darf gespannt sein wie es mit ihr „autorenmässig“ weitergeht. Sie schreibt klar, sie beschreibt präzise und schafft es eben auch mit Worten Bilder entstehen zu lassen.

Was gibt es noch zu sagen?
Auf der letzten Seite da wird dann einmal von den „schwarzen Schafen“ gesprochen. Aber schon im nächsten Satz wird dann schnell wieder relativiert. „Aber in der Hauptsache sind wir alle ganz in Ordnung…..“ ein Satz der so leider nicht unbedingt stimmt. Wer schon einmal in einer disziplinarrechtlichen Sache gegen den Korpsgeist der Polizei ermittelt hat, der weiß, wie ungeheuer schwierig das ist. Jahr für Jahr haben wir es mit einer ganzen Reihe von Disziplinarfällen zu tun – wobei natürlich nicht in jedem Fall ein tatsächliches Fehlverhalten einer Polizeibeamtin oder eines Polizeibeamten festgestellt wird.
Ich hätte mir – gerade auch in diesem Buch – ein wenig mehr Selbstreflexion gewünscht, jetzt auch bezogen auf die Polizei in ihrer Gesamtheit.

Das soll es jetzt ab auch gewesen sein.
Ein durchaus lesenswertes Buch – wer die Gelegenheit hat es zu lesen, der sollte es lesen – man erfährt eine ganze Menge über unsere Polizei und den wirklich harten Job, den die Beamtinnen und Beamten Tag für Tag verrichten.

Jan

Piper Verlag 2011, Taschenbuch 8,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3492273145

“Der ultimative Ratgeber für alles” von Dieter Nuhr

„Dieses Buch ist etwas völlig Neues. Denn es macht schlau. Man liest ja kein ganzes Buch um am Ende immer noch blöd zu sein wie ein Sack Dinkelmehl.“

Diesen Satz findet man auf dem Klappentext zu diesem Buch. Und weiter kann man zu diesem Buch noch lesen:

„Dieter Nuhr gibt Ratschläge zur Reinkarnation, dem Umgang mit Alkohol, Hautcreme, dem Schöpfer, Privatfernsehen, Weinbrandbohnen und dem Leben an sich.“

Man kann der BERLINER MORGENPOST nur beipflichten, die da schreibt, dass „Komik und Intelligenz sich nicht ausschließen“. Intelligenter Humor, das ist es, was dieses Buch wirklich lesenswert macht. Wer allerdings diesen primitiven Humor eines Mario Barth erwartet, wer diesen grässlichen „humorlosen“ Humor eines Michael Mittermeier erwartet oder wer gar diesen peinlichen Humor dieser schlimmen Cindy aus Marzahn erwartet, der sollte dieses Buch wohl besser nicht lesen.
Denn dieses Buch ist weder primitiv, noch humorlos, noch ist es peinlich. Dieter Nuhr feuert unzählige Breitseiten intelligenten Humors auf seine Leser ab. Und wenn man sich dann noch seine Stimme dazu vorstellt, wenn man seine Mimik und Gestik vor Augen hat, dann kann man sich schon in einem Liveauftritt von Dieter Nuhr wähnen.

Dieter Nuhr verletzt nicht, aber er kennt auch keinen Respekt. Nichts und niemand ist vor ihm sicher. Dabei hat er es aber nicht nötig, in die untersten Schubladen der deutschen Klamaukkomik zugreifen – alles was er sagt resp. schreibt macht Sinn und regt durchaus auch zum Nachdenken an. Nuhr rückt so manches Ding wieder gerade, das macht er aber auf eine ganz feine Art, so dass man oftmals gar nicht merkt, dass da gerade wieder etwas zurechtgerückt wurde. Aber Dieter Nuhr kann nicht nur feinsinnig, ganz im Gegenteil, wenn notwendig kann er auch mal die Keule schwingen und ordentlich draufhauen. Allerdings wirkt es bei ihm nie gewöhnlich oder billig, wie leider bei so vielen anderen deutschen Witzfiguren (auch in Neudeutsch „Comedian“ genannt).

Ein Buch, das den Leser herzlich lachen lässt, das aber nachdem Lachen durchaus auch zu neuen Erkenntnissen und eventuellen „Aha-Erlebnissen“ führen kann.

Eigentlich passen intelligenter Humor und Deutschland nicht so richtig zusammen; dieses Buch von Dieter Nuhr aber zeigt, dass es vielleicht doch noch zu einem Schulterschluss kommen kann bzw. kommen könnte.

Jan

Bastei Lübbe Verlag 2011, Taschenbuch 12,99 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3785760550

“Für´ne Moment” von Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken wurde 1951 in Köln geboren, studierte von 1970 bis 1976 Freie Malerei an der FHBK Köln. Bekannt wurde er aber als Frontmann der deutschen Rockband BAP, deren Texte ausschließlich in Kölschen Dialekt vorgetragen werden. Trotzdem wurde diese Gruppe weit über die Grenzen auch Deutschlands hinaus bekannt und verkümmerte nicht als nur mässig bekannte Regionalband.

BAP ist ohne Wolfgang Niedecken nicht denkbar und ohne ihn hätte es diese Band auch nicht gegeben. Er ist der Kopf der Gruppe – ein echter Leader.

In seiner Autobiographie erzählt Wolfgang Niedecken aus seinem bewegten und sehr interessanten Leben. Dabei ist hervorzuheben, dass er sich niemals in Selbstbeweihräucherung auf einen Sockel stellt – ganz und gar nicht. Dieser Mensch Wolfgang Niedecken ist ein Mensch wie du und ich, der auch durch seine Bekanntheit niemals abgehoben hat. Er ist immer authentisch geblieben, vertritt seinen Standpunkt, auch wenn dieser vielen unbequem ist, hat sich nie verbiegen lassen und hat sich auch nie für etwas Besseres gehalten. Niedecken steht zu seinen Wurzeln, zu seinen Irrtümer und zu den Fehlern die er im Laufe seines Lebens gemacht hat. Er beschönigt nichts, sucht nicht nach billigen Ausreden oder faden Entschuldigungen. Er übt aber da Kritik wo er meint das sie angebracht ist, nimmt auch keine Rücksicht auf vermeintlich große Namen.

Wolfgang Niedecken erzählt nicht chronologisch. Er schreibt so wie man vielleicht in einem direkten Gespräch auch erzählen würde. Seine erzählerische Unordnung wirkt trotzdem sehr geordnet. Niemals verliert man als Leser den Faden oder ärgert sich über Zeitsprünge – vielmehr hat man den Eindruck, dass alles irgendwie zueinander passt, dass alles genau da aufgeschrieben wurde wo es letztendlich auch hingehört.

Wenn man mit dem Alter von Wolfgang Niedecken fast im Gleichklang marschiert, dann ist das Lesen dieser Autobiographie fast wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Man versteht Zusammenhänge, begreift das Besondere an gewissen Lebenssituationen. Man erinnert sich an die Fernsehsonnabende im Kreise der Familie, man konnte sich auch ohne Handy und Internet mit Freunden verabreden, man hatte schwerer gegen starre Konventionen zu kämpfen als es heute der Fall ist. Wolfgang Niedecken schafft es mit seiner Autobiographie vieles wieder lebendig werden zu lassen, was schon als verstaubte Erinnerung ganz nach hinten in den Erinnerungsschrank geschoben worden war.

Wolfgang Niedecken macht auch deutlich, dass man Stellung beziehen muss will man nicht als unzufriedener Mitläufer enden. Engagement ist nicht nur für diese oder jene Sache wichtig sondern auch für einen selbst.

Dieses Erinnerungsbuch ist eine Autobiographie der besonderen Art. Hier schreibt jemand der um seine Fehler und Irrtümer weiß, der sich aber nie gescheut diese einzugestehen und der immer nach seinem ganz persönlichen Weg gesucht hat – auch wenn er dabei auf die Nase bekommen hat.

Sehr lesenswert; ist es doch auch ein Stück erlebter und aufgeschriebener Rockgeschichte. Und es ist ein Buch eines Mannes, der aus seiner kritischen Liebe zu seiner Heimatstadt Köln keinen Hehl macht.

Übrigens: Der Besuch eines BAP-Konzert lohnt sich immer……ich habe diese Gruppe schon viele Male live erleben dürfen; es war nie langweilig.

Jan

Hoffmann und Campe Verlag 2011, Hardcover 24 €, 527 Seiten, ISBN: 978-3455501773

“Waldwinter” von Paul Keller

1902 erschien dieser Roman zum ersten Mal. Er begründete die Popularität dieses schlesischen Schriftstellers, der aber in heutiger Zeit in Vergessenheit geraten ist.

In diesem Buch schildert Paul Keller die Erlebnisse eines Schriftstellers, der sich in den Wintermonaten in der Burg eines Freundes einquartiert. Er nimmt regen Anteil am Leben der Dorfbewohner und natürlich auch am Leben der Burgbewohner. Das Leben gestaltet sich ruhig und erst als eine junge Frau nach dem Tode ihrer Mutter ebenfalls in der Burg aufgenommen wird, ändert sich das Leben des Schriftstellers von Grund auf.

Paul Keller hat sich eines Themas angenommen, dass auch in heutiger Zeit durchaus noch aktuell ist. Es geht darum, dass ein Mensch versucht wieder zu sich selbst zu finden, sich auf die wirklich wesentlichen Dinge des Lebens zu konzentrieren, weg vom oberflächlichen Treiben einer hektischen Welt.

Paul Keller ist ein blendender Erzähler, jemand der die Sprache beherrscht, der ruhig erzählt, der nie dazu neigt zu schnell oder zu hektisch erzählen zu wollen. Es ist nicht nur die erzählerische Ruhe die dieses Buch zu einem sehr schönen Leseerlebnis werden lässt, es ist auch die großartige Beschreibung damaliger Lebensform, die dem Leser eine Welt eröffnet, die er nur vom Hörensagen kennt. Paul Keller verbreitet eine ganz besondere Stimmung, die ohne Frage an Ganghofer oder auch an Marlitt erinnert.

Eines steht aber wohl fest: Paul Keller ist zu Unrecht in heutiger Zeit vergessen.

Jan

Bergstadt Verlag 2000, Broschur 10 €, 315 Seiten, ISBN: 978-3870570767

“Ein anderes Leben” von Per Olov Enquist

Per Olov Enquist wurde 1934 in einem nordschwedischen Dorf geboren. Er lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt ohne Frage heute zu den bedeutendsten europäischen Autoren.

Per Olov Enquist erzählt aus seinem Leben. An sich ist das ja nichts Ungewöhnliches, wenn ein Schriftsteller seine Autobiographie schreibt. Diese Autobiographie von Enquist allerdings unterscheidet sich dann doch von den Erinnerungen so vieler seiner Kolleginnen und Kollegen. Denn Enquist schreibt nicht in der Ich-Form, nein, er erzählt sein Leben so, als würde er nur über jemanden berichten, Enquist hat dieses Buch in der dritten Person geschrieben. Dadurch liest es sich wie ein Roman. Und die von ihm gewählte Erzählweise führt in jedem Falle auch dazu, dass er das „ich“ eben nicht pausenlos in den Mittelpunkt oder auf einen Sockel stellt. Vielleicht sieht man das eigene Leben, den eigenen Lebensweg auch kritischer, wenn man es quasi von außen, fast so wie ein Zuschauer und Begleiter, anschaut.

Es ist ein beeindruckendes Buch geworden, ein Buch das auch hinter die Kulissen schaut, ein Buch das nichts und niemanden schont und das auch die Fehler der verantwortlichen Handelnden auflistet und diesen dann ein wenig von ihrem (verdienten?) Glanz nimmt.

Per Olov Enquist hat ein aufregendes Leben gelebt, war immer neugierig und hat sich nicht mit Vordergründigem abspeisen lassen, er wollte den Dingen immer auf den Grund, manchmal auch noch etwas tiefer, gehen. Mit hohlen Phrasen hat er sich nie zufrieden gegeben. Trotzdem meint man herauszulesen, dass Enquist ein eher schüchterner Mensch ist, der sich nicht in die Öffentlichkeit drängt, der aber immer dann aufsteht wenn es etwas zu sagen gibt, etwas das nicht im Verborgenen bleiben soll. Er kratzt auch am Lack des eigenen Landes, dessen ach so hehre Einstellung wohl oft auch nur mehr Wunschdenken gewesen ist.

Ein sehr lesenswertes Buch – unterscheidet es sich doch so wohltuenden von diesen schlimmen, sich selbst beweihräuchernden Lebenserinnerungen-Schreiberlingen und- schreiberlingenginnen.

Jan

Fischer Verlag 2011, Übersetzung: Wolfgang Butt, Taschenbuch 9,95 €, 541 Seiten, ISBN: 978-3596186006

“Die Freude und der Tod” von Alfred Grosser

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt/Main geboren und war Professor am Institut d’etudes politiques in Paris. In Deutschland wurde er vor allen Dingen für seine Zeitungsartikel, Reden und Bücher bekannt, die seit den Fünfzigern verfasste.

Dieses Buch ist keine Autobiographie, auch wenn sie sehr viel Autobiographisches enthält. Es ist – wie der Untertitel schon sagt – eine Lebensbilanz. Alfred Grosser schaut auf sein publizistisches Leben zurück, schaut auf die Ereignisse, zu denen er Stellung bezogen hat und überprüft seine geäußerten Ansichten.

Bescheidenheit allerdings gehört ganz sicher nicht zu seinen hervorstechendsten Eigenschaft, ganz im Gegenteil. Alfred Grosser ist sehr von sich überzeugt und hat auch keine Probleme damit, die eigene Person für alle sichtbar auf einen Sockel zu stellen. Trotzdem wirkt er nicht unsympathisch. Das mag seinen Grund in seiner Ehrlichkeit und Prinzipientreue haben. Verbiegen lassen hat er sich nie. Überall hat er stets seine ehrliche Ansicht geäußert und hat seine Überzeugungen nie für irgendwelche Posten oder Pöstchen geopfert. So wie er schreibt, so ist er auch. Von sich überzeugt, klar und unbeugsam in der Argumentation und immer bereit sich zu allen Fragen des täglichen Lebens zu äußern.

Alfred Grosser gehört zu den Menschen, die sehr viel nach dem zweiten Weltkrieg für die deutsch-französische Verständigung getan haben. Er hat nicht nur darüber geredet – er hat auch gehandelt. Die Versöhnung und Aussöhnung der beiden Erzfeinde war ihm immer eine echte Herzensangelegenheit – was ihn aber nicht daran hinderte, den Regierenden auch unbequeme Wahrheiten ins Stammbuch zu schreiben.

Als Jude geboren, hat sich Alfred Grosser klar zum Atheismus bekannt. Religion war nie Motor seines Handelns. Genaugenommen war er ein Moralist, ein Mahner – aber kein Besserwisser oder Miesmacher. Er ist tolerant, aber auch seine Toleranz kennt Grenzen. Totalitarismus ist ihm ein Greuel und auch Fanatismus lehnt er ab. Sehr kritisch ist seine Haltung zum christlichen Glauben und zu den verschiedenen Religionen insgesamt. Hier zeigt er Widersprüche und Ungereimtheiten schonungslos auf.

Alfred Grosser hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, wenn man so will, sogar ein aufregendes Buch. Gerade seine Sicht der Dinge lässt den Leser so manches Mal das eigene Denken kritisch überprüfen. Manche Dinge sieht man da schon mal in einem anderen Licht.

1975 erhielt Alfred Grosser den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Jan

Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3498025175