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Archiv der Kategorie Erzählung/en
“Der Besuch der alten Dame” von Friedrich Dürrenmatt
11.3.2011 von Krümel.
Eine Stadt im Bankrott erwartet Besuch eines Stadtkindes, das es zu Ruhm und viel Geld gebracht hat. Sie ist die einzige Rettung für die Stadt und deshalb wird sie auf Händen getragen. Und sie ist tatsächlich bereit, Geld zu investieren, eine halbe Milliarde für die Stadt und eine halbe Milliarde verteilt unter den Familien der Stadt… unter einer Bedingung: Ihr soll damaliges Unrecht widerfahren sein und fordert nun Gerechtigkeit, indem man den Schuldigen tötet.
Die Ausgangssituation wurde blendend ausgedacht. Wie verhalten sich die Bewohner nun, in Erwartung des Reichtums. Sind sie des Mordes fähig? Ein Spiel um die Moral und Ethik in der Gesellschaft. Kann man einen Menschen umbringen um 100 vor dem Elend zu retten? Nun, die Lösung ist um so vieles einfacher. Und die Idee wird selbst heute noch sehr erfolgreich angewendet. Eine simple Umformulierung der Fakten, eine Verlagerung der Umstände…
Die Geschichte wurde als Bühnenstück konzipiert, später ein wenig umgeändert, aber doch sehr flüssig lesbar. Das Stück ähnelt einem Musical, mit Refrain, Chor und Musik geformt aus Kirchturmbimmeln und Eisenbahngeräuschen.
Ein interessantes Buch, auch wenn ich gerne die Geschichte des Danach gelesen hätte, ab jenem Zeitpunkt, wo das Geld geflossen ist. Wer treibt die Wirtschaft an, wenn doch jeder genug hat? Wie würde sich eine Stadt im Reichtum verhalten? Wer ginge denn noch arbeiten? Insgesamt sehr lesenswert.
Patrick
Diogenes Verlag 1999, (Neufassung 1980), Taschenbuch 8,90 €, 155 Seiten, ISBN: 978-3257230451
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“Schlaf” von Haruki Murakami
22.2.2011 von Krümel.
Eine wunderbare Parabel!
Das Wunderbare daran ist, dass die Ich-Erzählerin lange selber gar nicht erkennt wie ihr Leben verläuft, sondern „flüchtet“ und dadurch ihr Leben anders gestaltet. Sie greift wieder zum Buch, zur Schokolade und auch zum Alkohol und genießt ihr Alleinsein. „ … ich wollte etwas aus meinem Körper ausstoßen, indem ich ihn bis zum Exzess trieb.“ Das Erkennen und was sie da austreibt vollzieht der Leser direkt. Bei der Erzählerin braucht es da einen größeren Anstoß …
Ich denke, es gibt sehr viele Menschen, die gar nicht bewusst wahrnehmen in welchen Bahnen ihr Leben treibt, und wie weit sie sich selbst aufgegeben haben. „Ich spürte, dies war die Person, die ich eigentlich sein sollte. Durch den Verzicht auf Schlaf hatte ich mich selbst erweitert.“ Wunderbar wenn man sich selber so erschaffen kann, doch das Leben ist leider anders und darüber kann man nach der Lektüre dann nachdenken
„Was als biologisch natürlich gilt, ist letztlich doch nur eine empirische abgeleitete Schlussfolgerung. Ich aber befinde mich jenseits solcher Schlussfolgerungen. Man könnte mich als das transzendentale Modell eines menschlichen Evolutionssprungs betrachten. Die Frau, die niemals schläft. Die Erweiterung des Bewusstseins.“
Haruki Murakami, 1949 in Kyoto geboren, ist der gefeierte und mit höchsten japanischen Literaturpreisen ausgezeichnete Autor zahlreicher Romane und Erzählungen.
Krümel
DuMont Verlag 2009, OT: Nemuri 1990, Übersetzung: Nora Bierich, Illustrationen von Kat Menschik, Gebundene Ausgabe €, 79 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9525-0
Gilfaen
”Schlaf” ist ja auch eine Erzählung, die in dem Sammelband “Der Elefant verschwindet” schon vorher publiziert wurde, was mich ein wenig über die Veröffentlichungs- und Preispolitik des Dumont-Verlages seufzen lässt (Das erinnert mich an den Hanser-Verlag, der eine Novelle T.C. Boyles - “Das wilde Kind” - einzeln veröffentlicht hat, ohne auch die restlichen Geschichten des Bandes zu verlegen bzw. vorher zu übersetzen und dafür auch 12,90 Euro verlangt hat…).
Ich bedanke mich dennoch für die Rezension!
Eine Frage sei gestattet: Sind denn die Illustrationen sehr ansprechend bzw. gefallen dem Leser / unterstützen gut den Text? Oder sind sie eher schmückendes Beiwerk oder störendes Element?
Die komplette Ausstattung dieses kleinen feinen Büchleins ist sehr ansprechend, festes Glanzpapier und Illustrationen in blau-silber gehalten, modern, ich fand diese Kombination sehr geschmackvoll.
Krümel
PS Ich weiß auch nicht warum das System diesen Kommentar partout nicht annehmen will und wollte, ich habe ihn jetzt einfach angehangen. Tut mir leid.
Geschrieben in Erzählung/en, Krümel | Keine Kommentare »
“Eine Reise mit Alice” von Diane Broeckhoven
14.12.2010 von Krümel.
Die Geschichte um und mit Alice geht weiter. Jules Tod hat sie, so gut man es eben kann, verkraftet. Verreisen wollte sie eigentlich nicht mehr, weil sie dieses Glücksgefühl, dass sie bei den Reisen mit Jules empfand, verbannen wollte. Aber dann entschließt sie sich doch noch einmal nach Paris zu fahren, zu schauen, ob es die kleine Pension, in der sie ihre Hochzeitsnacht verbrachten, noch gibt. So fährt sie mit den Thalys von Antwerpen nach Paris. Nur einen Tag soll ihre Reise dauern, am Abend will sie wieder daheim sein. Aber in der unbekannt gewordenen Metropole findet sie sich nicht mehr zurecht. So bleibt sie in einem Café und gibt ihre Suche auf.
Auch auf einer zweiten Reise darf der Leser die alte Dame begleiten. Alice hat ihre Schwester Esther auf deren Drängen nach Ostende begleitet. Hier merkt sie, wie sehr ihr Jules doch fehlt, wie sie seine Rechthaberei, aber auch seine Ruhe vermisst. In der Gegenwart ihrer Schwester fühlt sie sich einsam, das erträgt sie irgendwann nicht mehr, sie packt ihre Sachen und fährt heim und bereitet sich dort innerlich auf eine weitere Reise vor.
Ganz feinfühlig beschreibt Diane Broeckhoven die Beschwerlichkeiten des Alters. Sie zeigt sowohl die körperlichen als auch die psychischen Grenzen von Alice auf, die mit dem Tempo des Lebens vor ihrer Wohnungstür nicht mehr mithalten kann. Dieses Buch zeigt aber auch die Prägnanz von gemeinsamen Erlebnissen, egal wie viel Zeit seitdem verstrichen ist.. Das macht besonders das Kapitel über die Reise mit ihrer Schwester deutlich. Ähnlich wie schon in „Ein Tag mit Herrn Jules“ ist auch dieses ein äußert gefühlvolles, leises Buch. Mit sehr viel Einfühlungsvermögen, Achtung und Verständnis nähert sich die Autorin ihrer Protagonistin, die sich auch mit einer gewissen Portion Selbstironie auf ganz sympathische Weise ihrem Alltag stellt.
„Eine Reise mit Alice“ ist ein Buch der leisen Töne und tiefen Gedanken. Ganz poetisch ist das Ende, das mich mit einen Gänsehautgefühl und einem Kloß im Hals zurück ließ.
Heike
rororo Verlag 2008, Übersetzung: Isabel Hessel, Taschenbuch 6,95 €, 96 Seiten, ISBN: 978-3499247712
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“Geschichten aus dem Hinterhalt” von Teddy Podgorski
2.12.2010 von Krümel.
„Und dann gibt es Anekdoten, die ausschließlich davon leben, dass man mit den handelnden Personen vertraut ist“ – (Vorwort). Schon im Vorwort schreibt der 1935 geborene Teddy Podgorski über das Geschichtenerzählen im Allgemeinen und seine Sammlung von Anekdoten im Speziellen. Es ist eine sehr nostalgische Reise in die Vergangenheit und zugleich eine Reise zu den Wurzeln des ORF, den ich fast als „Heimat“ Podgorskis bezeichnen möchte. Sei es die Geburtsstunde der „Zeit im Bild“ oder Erinnerungen an die Sendung „XY ungelöst“, Teddy Podgorski, „Urgestein“ des ORF, war immer mit dabei und erzählt humorige, nostalgische, persönliche und teils fast skurrile Anekdoten über Polizeipräsidenten, Leichenbestatter, über Helmut Qualtinger und die Wiener Seele schlechthin. Seine Leidenschaft zu fahrbaren Untersätzen findet ebenso gebührend Niederschlag wie sein Verkehren in Wiens „In-Lokalen“ und der Theater- und Prominentenszene.
Insgesamt ein sehr nett zu lesendes Buch, das einen Hauch von Nostalgie mit sich zieht und vor allem Lesern der älteren Generation große Freude bereiten wird.
Teddy Podgorski, geboren 1935 in Wien, ist Rundfunkjournalist, Schauspieler, Regisseur und Autor. Er war langjähriger ORF-Mitarbeiter, u.a. der erste Redakteur der Sendung “Zeit im Bild”, deren Titel er erfand, und von 1986 bis 1990 ORF-Generalintendant. Er kreierte Sendereihen wie “Greatest fights of the century”, “Panorama”, “Seitenblicke”, “Seinerzeit”, “Jolly Joker”, “Universum” und “Bundesland heute”. Nach seiner Tätigkeit beim Rundfunk machte er Karriere als Schauspieler und Regisseur für TV und Theater. Für seine Arbeiten wurde er u.a. mit dem Bambi, der Goldenen Kamera, dem Sport Oscar und dem Filmpreis von Oberhausen ausgezeichnet.
Christine
Haymon Verlag 2010, Hardcover 17,90 €, 164 Seiten, ISBN: 978-3852186443
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“Hundertundelf Jahre ohne Chauffeur” von Muriel Spark
28.10.2010 von Krümel.
12 Geschichten auf gut 120 Seite umfasst der Band der Schottin Muriel Spark. Einige bleiben realistisch während in anderen Gespenster, Erscheinungen oder anderes Unheimliches vorkommt. Es sind Liebesgeschichten und Anti-Liebesgeschichten, Geschichten von Besessenen, Morden; Kafkaeske Szenarien auf einer Polizeistation. In einigen der Geschichten spielt Spark (oder ein ihre ähnliches Alter Ego) die Hauptrolle, verfolgt von Snobs oder Figuren einer unvollendeten Geschichte.
In vielem haben die Erzählung mich an Raold Dahl erinnert, haben sie doch oft auch einen überraschenden Dreh am Ende, oft ins Umheimliche, oft ins Komische. Und genauso machen ihre Geschichten Spaß, reichen hinter die Kulisse, zeigen die Abgründe hinter der Fassade. Vielleicht war es das Wetter, vielleicht meine Müdigkeit, dass ich keine Muse hatte, mich darauf wirklich einzulassen, stattdessen bin ich über die Geschichten hinweggefegt.
Das war nette Unterhaltung, hat aber keinen nachhaltigen Eindruck hinterlassen.
Kerstin
Diogenes Verlag 2002, Übersetzung: Hans-Christian Oeser, Taschenbuch 7,90 €, 123 Seiten, ISBN: 978-3257234770
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“Gewaltige Hölle” von Guillermo Martínez
21.9.2010 von Krümel.
Guillermo Martinez wurde 1962 geboren und gehört zu den wichtigsten zeitgenössischen Autoren Argentiniens. Bekannt wurde er durch den Roman „Die Pythagoras-Morde“, der mit John Hurt und Elijah Wood in den Hauptrollen verfilmt wurde.
In diesem Erzählungsband zeigt sich Guillermo Martinez von einer etwas anderen Seite. Seine Erzählungen sind zum Teil leicht grotesk, angereichert mit einer Prise Surrealismus und machen den Irrsinn der Realität deutlich. Es sind Erzählungen die sicher nicht unbedingt jedermanns Ding sind. Wer nicht bereit ist auch mal ein wenig über das Gelesene hinaus zu denken, der sollte wohl besser zu einem anderen Buch greifen – wer aber bereit ist auch mal nicht so ausgetretene Literaturpfade zu begehen, für den könnte dieses Buch eventuell etwas sein.
Das Geschehen in den einzelnen Erzählungen ist nicht vorhersehbar und das Ende kommt überraschend, meist anders als man es erwartet und oftmals ist es ein Ende welches gar nicht als Ende erkennbar ist. So manche Erzählung macht eine Vollbremsung und das war es dann, weitere Erklärungen zum Verständnis sucht man vergeblich – hier kommt dann der Punkt wo man den eigenen „Denkapparat“ einschalten muss, wo vielleicht auch andere Sichtweisen angedacht werden sollten.
Martinez schreibt eher distanziert, er wirkt wie der sachliche Chronist der genau beobachtet, die Bewertung seiner Beobachtungen aber dem Leser überlässt.
Ein Buch, dass sicher nicht jedermann begeistern wird, es ist auch vorstellbar, dass so mancher ein wenig den Kopf über das Gelesene schüttelt – aber eines sind diese Erzählungen ganz gewiss nicht: Sie sind nicht alltäglich. Dieses Buch ist in jedem Falle den Versuch wert auch mal „das etwas Andere“ zu lesen.
Jan
Eichborn Verlag 2010, Übersetzung: Angelica Ammar, Hardcover 18,95 €, 200 Seiten, ISBN: 978-3821861159
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“Herz der Finsternis” von Joseph Conrad
3.8.2010 von Krümel.
Eine Reise ins Innere der Seele.
Der Held dieser Erzählung Marlow schafft es von einer belgischen Handelsgesellschaft als Kapitäns eines Kongo-Frachtboot für einen Handelsposten eingestellt zu werden. Voller Eifer und Elan macht sich der junge Mann auf den Weg und muss allerdings schnell erkennen, dass in der dunklen Wildnis Afrikas die Kolonialisten einen barbarischen Handel betreiben. Ein einzelnes schwarzes Menschenleben zählt nicht mehr als Schlachtvieh zum Verzehr.
Immer wieder hört Marlow den Namen Mr. Kurtz. Mr. Kurtz der bald die gesamte Organisation beherrschen werde. Wer ist dieser Mann? Und warum wird er so geheimnisvoll beschrieben?
Was und Wie es letztendlich zu dem kam, dessen Rätsel der Leser auf der Spur ist, kann nur erahnt und zwischen den Zeilen heraus gelesen werden. Aber die Reise ins Innere unserer Seele hat Conrad sehr anschaulich heraus gearbeitet.
Conrad verteufelt weder noch verherrlicht er etwas, und diese Haltung gefiel mir sehr bei dieser Novelle, die ich gerne weiterempfehlen kann.
Annaconda Verlag 2006, OT: Heart of Darkness 1899, Übersetzung: Elli Beger, Werner Beyer + Lore Krüger, Hardcover 2,95 €, 141 Seiten, ISBN: 3-938484-79-9
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“Wir fliegen” von Peter Stamm
26.7.2010 von Krümel.
In 12 kurzen Erzählungen begegnen wir typischen Stamm-Figuren aller Gesellschafts- und Altersschichten, einsame Menschen und Menschen, die mitten im Leben stehen, Menschen, die still ihr Leben ertragen und andere, die aufbrechen wollen. Und es wäre nicht Peter Stamm, würde dieser Aufbruch immer gelingen. Die Personen führen allesamt ein unbefriedigendes Dasein, oft selbstverschuldet, leiden leise, träumen, fantasieren und werden begleitet von mehr oder weniger heftigen Neurosen. Es sind keine spektakulären Geschichten, manche muten fast banal an, als könnten sie auch dir und mir passieren. Es geht um das Erwachsenwerden und das Altern, Einsamkeit, unvergessliche Jugendlieben, verpasste Chancen, zerstörte Hoffnungen, Ängste, Sehnsüchte, Identitätssuche, Scheitern und oft nur um das schlichte Bewältigen des Alltags. Einfach und fast lakonisch werden diese Lebenswege und Lebenswendungen beschrieben, schnörkellos, atmosphärisch dicht und sehr eindringlich. Sehr lesenswert!
Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psychologie, Psychopathologie und Wirtschaftsinformatik. Längere Aufenthalte in Paris, New York und Skandinavien. Seit 1990 freier Autor und Journalist. Verfasste mehrere Hörspiele, ein Theaterstück und arbeitet seit 1997 als Redakteur für die Literaturzeitschrift “Entwürfe für Literatur”. Peter Stamm lebt heute in Zürich.
Christine
Fischer Verlag 2009, Taschenbuch 8,95 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3596178032
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“So zärtlich war Suleyken” von Siegfried Lenz
15.7.2010 von Krümel.
Mit jeder Geschichte spinnt sich ein detailgetreues Gemälde um die Masuren.
Des Erzählers Großvater wird nach Kulkaken zum Kommandant Trunz beordert, er solle einen Oberfüsilier ersetzen, der krank geworden ist. Und so macht sich der Großvater mit seiner Schrotflinte und einem Stück Rauchfleisch auf den Weg. Als er in der Garnison eintrifft sitzen die anderen Kammeraden in einem Vortrag, wozu er sich auch gesellt. Trunz nimmt auch direkt den Neuling dran, fragt seine Reden ab, die der Großvater selbstverständlich nicht mitbekommen hat. Dieser aber nicht auf den Mund gefallen, plappert freudig drauf los, und bringt damit den Kommandant auf die Palme. Ein Wutanfall, Trunz flippt aus …
Lange Rede kurzer Sinn, Opa geht schlafen, er ist platt von der langen Anreise. Er legt sich ins Bett und schläft direkt ein. Am anderen Morgen eine ähnliche Situation: Trunz unterrichtet wie man Schmuggler überführt, und unser Held gerät wieder mit dem Kommandant aneinander. Daraufhin schnappt sich der Großvater seine Flinte und geht … Wie unter Schafen im Schafspelz erwischt er die anderen getarnten Schafe und bringt sie Trunz, die Schmuggler.
„Übrigens blieb er bei den Kulkaker Füsilieren nicht bis zu seinem Tode; im Frühjahr verschwand er eines Tages zum Kartoffelpflanzen und kam nicht mehr zurück.“
So das ist eine der zwanzig masurischen Geschichten. Alle hängen sie zusammen, oft sind es die gleichen Figuren, und zum Schluss kann man sich ein wirklich gutes Bild über Land und Leute machen. Ein wenig überzogen sind die Geschichten/Figuren alle, denn mit sehr viel klugen Humor werden ihre Charakteren gezeichnet. Ihre Begriffsstutzigkeit wird oft nur als Vorwand benutzt, denn darin steckt oft eine gute Portion Alltagsweisheit. Mir hat dieses Büchlein richtig gut gefallen!
Krümel
Büchergilde Gutenberg 2008, Erstveröffentlichung 1955, Fadenbindung Hardcover €, 173 Seiten, ISBN: 978-3-7632-5947-2
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“Der liebe Gott macht blau” von Arto Paasilinna
18.6.2010 von Heike.
Der liebe Gott ist seiner Schöpfung überdrüssig, von den Menschen genervt und möchte sich für ein Jahr eine Auszeit nehmen, um Abstand zu gewinnen und wieder Kraft zu tanken. In einem komplizierten Auswahlverfahren wird der finnische Kranführer Pirjeri Ryynänen als seine Vertretung bestimmt, der mit tatkräftiger Unterstützung von Petrus und dem Erzengel Gabriel die Geschäfte übernehmen soll.
Pirjeri ist voller Tatendrang und setzt sich als vorrangiges Ziel die Wiederherstellung des Weltfriedens und die Beseitigung der Armut. Doch bevor er diese großen Taten setzen kann muss er sich mit allerlei Kleinkram beschäftigen: Löschen eines Buschbrandes in Australien, Reparatur des Fahrrades eines alten Chinesen, Heilen von diversen Wehwehchen, … die Liste der Gebete, die eintreffen, ist unendlich. Zudem sitzt sein Freund, der unbeholfene aber größenwahnsinnige Geschäftsmann Torsti Rahikainnen ständig in der Klemme und begleitet und beschäftigt Pirjeri während dessen Amtszeit als Gott.
Bei seinem Vorhaben, Missstände aufzudecken und zu bereinigen merkt er rasch, dass es selbst als Gott gar nicht so einfach ist, festgefahrene Praktiken und Institutionen zu verändern. Er mischt sich in die Belange Indiens ein und wird von den Hinduisten ordentlich zurechtgewiesen, er lernt Mose kennen der ihm erklärt, warum er sich als Hauptverantwortlicher des Nahost-Konfliktes fühlt, er prangert die Bürokratie und Haltung des Vatikans an und schafft es dabei kaum, zu einer Audienz des Papstes vorgelassen zu werden. Zudem hat er mit der steten Versuchung des Satans, der überall seine Finger im Spiel hat, zu kämpfen. Pijeri muss eingestehen, „dass Gutes seine Zeit braucht und dass der ständige Kampf gegen das Böse undankbar und ermüdend ist“ (Seite 279).
Mit tiefschwarzem Humor zeigt Paasilinna die menschlichen Schwächen und die Missstände auf Erden auf und verschont dabei auch sein eigenes finnisches Völkchen nicht. Dennoch lässt sich immer wieder seine Verbundenheit zu Finnland herauslesen, nicht zuletzt als Pijeri alles daran setzt, den Himmelsthron von Bulgarien nach Finnland zu verlegen. Paasilinnas Auseinandersetzung mit der Gottesherrschaft ist ebenso skurril wie erschreckend real, ohne jemals die Pietät, die der Thematik zusteht, zu verlieren, ohne jemals in Geschmacklosigkeit abzugleiten.
Für mich war es das erste Kennenlernen des finnischen Erfolgsautors und es macht jedenfalls Lust auf mehr!
Christine
Bastei-Lübbe, 2008, 288 Seiten, Gebundene Ausgabe, ISBN: 978-3785716212
Geschrieben in Erzählung/en, Christine † | Keine Kommentare »

