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Archiv der Kategorie deutschsprachige Gegenwartsliteratur

“Das Mädchen” von Angelika Klüsendorf

In unserer Familie bin ich manchmal schief angesehen worden, wenn ich es wagte, das Wort „Scheiße“ in den Mund zu nehmen. Entschuldigt diesen einleitenden Satz, aber ich komme gleich zum Roman. Für mich hat es nie einen Grund gegeben, dieses Wort nicht zu benutzen, wenn es einen Grund dafür gegeben hatte. Wenn der Roman von Angelika Klüssendorf mit dem Euphemismus Scheibenkleister“ begonnen hätte, wäre es ein derber Fehlstart gewesen, denn nur das Wort „Scheiße“, mit dem der Roman beginnt, kann aussagen was gemeint ist. Die Kindheit des Mädchens, das unter Verwahrlosung und Gewalt aufwächst ist „Scheiße“, und im übertragenden Sinn ist auch die DDR gemeint, obwohl Verwahrlosung in Westdeutschland und in anderen Ländern genauso möglich ist.

Zu Beginn des Romans fliegen wirklich Exkremente „durch die Luft“ und all das „landet auf dem Strohhut einer jungen Frau, klatscht auf den Bürgersteig.“

Seit Tagen sind das 12 jährige Mädchen und der sechsjährigen Bruder Alex in der Wohnung eingeschlossen. Da die Toiletten in diesen DDR-Mietshäusern immer ein halbes Stockwerk tiefer sind, müssen sie ihre Ausscheidungen in einem Eimer sammeln. Die Wohnung verdreckt, ein halbe Müllhalde, in der offenbar noch ein Fernseher funktioniert, denn aus dem Fernseher weiß das Mädchen, wie sich Frauen vor den Männern zeigen, wie sie sich halbnackig zeigen, um ihnen zu gefallen. Mit Büstenhalter, rotem Spitzenhöschen und knallrotem Lippenstiftmund bewegt sie sich vor dem Fenster und weiß, dass die Arbeiter aus der Werkzeugfabrik, die gleich Pause haben, zu ihr hinaufschauen werden. Dieses erste Kapitel schon zeigt in bitterer Realität die Verwahrlosung unmittelbarer Umgebung des geschlossenen Raumes und die geistige Verwahrlosung, fehlgeleitete Vorstellung ihrer Identität als künftige Frau durch die sexualisierte Präsentation des weiblichen Geschlechts unkontrolliert aus der Flimmerkiste eingetrichtert (dass sie dauernd vor dem Fernseher hängt, ist nur ganz herrlich fein angedeutet). Der Vater, betrunken, meist gar nicht zu Hause schlägt seine Frau, die Mutter prügelt mit einem Ledergürtel auf das Mädchen ein, die Schwester gibt Watschen an ihren Bruder weiter. Hier ist wirklich gar nichts mehr übrig, was wir als sozial bezeichnen würden. Man mag so etwas wie soziales Chaos bezeichnen. Alles, wirklich alles, gerät aus den Fugen. Der blondgelockte Bruder ist ein Liebling der Mutter und wird in den Augen der Mutter zum bösen Bastard, wenn sie ihre brutale Gewalt an ihm auslässt. Der Verwahrlosung dieser Menschen wird der ramponierte Zustand des Hauses gegenübergestellt, meines Erachtens ein deutlicher Hinweis dafür, dass hier Verwahrlosung als Metapher die ganze DDR als ein ziemlich desolater Staat gemeint ist. Insuffizient, brüchig, kurz und gut so, wie das erste Wort des Romans. Der Text um das brüchige Haus ist ein sehr schönes Beispiel für die Lakonie des Romantextes.

>>Das Haus unterscheidet sich nicht von den anderen Häusern in der Straße, Rußflecke, Einschusslöcher aus dem Krieg, abblätternder Putz.<<

Lest nach dem ersten Kapitel weiter, wenn ihr noch Nerven dazu habt, denn der Roman ist in seiner lakonischen Art wirklich gut geschrieben. Direkt bezieht sich auf die realistische, ehrliche Darstellung der Misere und vergessen wir jeden Anflug von illusionärer DDR – Romantik. Es war ein Graus damals, nichts anderes. Als das Mädchen ins Heim kommt, erzählen ihr die anderen Mädchen von ihren grausamen Erlebnissen zu Hause. Wenn sie das hört, „erscheint ihr das eigene Schicksal weniger schlimm, die erlebten Demütigungen fast bedeutungslos.“

Es ist schon ein Wunder, dass das Mädchen in dieser Düsternis Strategien entwickelt, um der Hölle zu entkommen. Sie wird von der Mutter geschlagen, und aus Brehms Tierleben kennt sie den Goliathkäfer.

>>„Sie stellt sich vor, sie hätte seine Flügel und könnte weit weg fliegen.“<<

mArtinus

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Hardcover 18,99 €, 182 Seiten, ISBN: 978-3462042849

“Und nehmen was kommt” von Ludwig Laher

Die Kindheit des Roma-Mädchens Monika ist geprägt von einem ständig betrunkenen Vater und einer völlig überforderten Mutter, Armut, Hunger, von geistiger und körperlicher Verwahrlosung und Vernachlässigung. Welche Zukunft hat ein Mädchen, dem keinerlei Bildung oder Weltgewandtheit zuteil wurden? – Eigentlich keine. Und so landet Monika im Kinderheim, macht erste Drogenerfahrungen und lässt sich durch das schnelle Geld am Straßenstrich blenden. Sie wird von einem Zuhälter zum nächsten weitergereicht, ihre Gutgläubigkeit und Naivität, ihre absolute Ahnungslosigkeit was die Dinge des Lebens anbelangt, bringen sie immer näher an den Abgrund, jeder selten auftauchende Lichtblick wird zu einer weiteren herben Enttäuschung. Alkohol und Drogen machen ihr dieses Leben zumindest ertragbar, oft sieht sie den letzten Ausweg nur noch im Suizid, doch auch diese Versuche misslingen.

Ludwig Laher, bekannt dafür, stets heikle Themen (Asylthematik in „Verfahren“ oder Behinderung in „Einleben“) in Angriff zu nehmen, erzählt fast dokumentarisch und sehr im Detail den traurigen Lebensweg der Monika und zugleich eine Gesellschaftsstudie über das Leben der Roma. Mit feiner psychologischer Klinge lässt er den Leser teilhaben an diesem fast unabwendbaren Schicksal einer eigentlich starken Frau mit viel Selbstdisziplin, die aber dem Leben nicht gewachsen ist, die den Weg aus der Schlinge einfach nicht findet und immer an die falschen Personen – meist Männer – gerät. Insgesamt ein fesselndes Buch, wenn auch an manchen Stellen zu viel erklärt, zu viel dokumentiert wird, dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken gegeben wird und ein etwas märchenhaft anmutender Schluss den Lesegenuss etwas schmälern.

Ludwig Laher wurde Ende 1955 in Linz an der Donau geboren. Nach Volksschule und Gymnasium studierte er in Salzburg Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie, unterrichtete an einem Salzburger Gymnasium, immer wieder auch als Lehrbeauftragter an div. Universitäten. Derzeit arbeitet er parallel als Autor und Lehrer. Zuletzt erschien das Buch “Verfahren”, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 schaffte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Broschur 9,95 €, 221 Seiten, ISBN: 978-3852188850

“Big Sue” von Zora del Buono

Mit dem Rechercheauftrag zur Sprache westafrikanischer Einwanderer, Gullah, im Gepäck reist die Erzählerin, eine unbenannte deutsche Journalistin, die des Schreibens müde geworden ist und nun Rechercheaufträge ausführt, nach Savannah. Bereits auf dem Flug dorthin lernt sie den schweizer Kunsthistoriker Carl Fenner kennen, der einerseits den Auftrag hat, die Geschichte der Villa auf Humphrey Island und somit die der gesamten Familie aufzuschreiben, andererseits Unannehmlichkeiten in der Heimat aus dem Weg gehen will. Besagte Villa ist, in einem Sumpf liegend, seit Generationen im Besitz der Familie und auch Carl Fenner findet dort Unterkunft. Allerdings muss er mit der Beschränkung leben, die untere Etage nicht zu betreten, auch Bewohner des Hauses trifft er nicht. Nachts dringen aber Geräusche, die eindeutig sexuellen Ursprungs sind, zu ihm durch und er beobachtet das Kommen und Gehen diverser Männer. Die Familiengeschichte der Humphreys erweist sich deutlich komplexer als erwartet.

Mit „Big Sue“ legte Zora del Buono ihren zweiten Roman vor. Auf nur 192 Seiten schafft sie es, eine vielschichtige Familiengeschichte auszubreiten, die manch eine Überraschung für die Beteiligten und die Leser aufweisen kann. Dabei gelingt es ihr , die stickig-schwüle Südstaatenatmosphäre zu transportieren. So ist der Leser schnell gefangen in einem diffizilen Geflecht aus familiären Abgründen, Rache und Leidenschaft. Der Erzählstil ist gefällig und sehr gut lesbar. Sie deutet Irrationales an, das ganz rational erklärt wird. Gezielt eingesetzte Ironie, das Quäntchen Erotik und gelungene Naturbeschreibungen runden das Buch ab. Einzig die Figur des Carl Fenner blieb für mich unzugänglich, farblos, und fremd. Er weckte in mir keinerlei Emotionen, sein Schicksal blieb mir merkwürdig gleichgültig. Da dies aber in totalem Gegensatz zu der Romanhandlung steht, bin ich mir ziemlich sicher, dass dies von der Autorin so beabsichtigt war.

Mit „Big Sue“ wurde ich auf eine mir bisher unbekannte Autorin aufmerksam (gemacht), deren weiteres Schaffen ich mit Interesse verfolgen werden. Dieses atmosphärisch so dichte Buch habe ich mit viel Freude gelesen.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Zora del Buono, geboren 1962, wuchs in Zürich auf und lebt seit 1987 in Berlin. Nach ihrem Architekturstudium an der ETH Zürich arbeitete sie mehrere Jahre als Architektin und Bauleiterin, bevor sie sich zu einem Berufswechsel entschloss und mit dem Schreiben begann. Sie ist Gründungsmitglied der Zeitschrift mare und betreut das Kulturressort. 2008 erschien im mareverlag ihr erster Roman Canitz Verlangen.

Heike

Mare Verlag 2010, Hardcover 18 €, 192 Seiten, ISBN: 978-3866481350

„Die Augenbliche des Herrn Faustini“ von Wolfgang Hermann

faustini.jpgKleine Alltäglichkeiten werden zum Mittelpunkt des Lebens!

Denn Herr Faustini hat sich selber verloren. Er weiß nicht mehr, wann es genau begonnen hat, aber es hat sich in seinem Inneren ein Riss aufgetan, so dass er sich selber beobachten kann. Er steht neben sich und ruht nicht mehr in sich: >>er sieht sich selbst beim Leben zu<<. Und das ist ein ganz unangenehmer Zustand! Herr Faustini sieht sich gezwungen eine Psychotherapie zu belegen.

Frau Nussbächle, seine Therapeutin, hört sich seine Sachlage sehr ernst und gewissenhaft an, doch da sie selber dringend Abwechslung braucht, schickt sie ihren Patienten auf eine Reise. Und so tippt Herr Faustini mit dem Zeigefinger auf eine Landkarte – es geht nach „Edenkoben“!

>>Würde es in einem Netzkartenleben außer der Zeit des Fahrplans noch den Augenblick geben? Die Zeit, die immerzu nachwuchs, würde sich in einem Netzkartenleben ordnungsgemäß nach Fahrplan abrollen. Aber wo würden in der sich von selbst abrollenden Zeit die Augenblicke bleiben?<<

Die Erzählung wird in einem einmalig idyllisch-ironischen Ton geschrieben, der nur manchmal etwas zur Melancholie neigt und in der Regel heiter ist.

Herr Faustini lernt auf seiner Reise den Kleinbahnliebhaber Emil kennen, tanzt auf der „Rheingold“ zur Goldhochzeit und sieht die Frau mit dem wehenden Gang …

>>Wie konnte er erwarten, dass sich für ihn, den Unruhegeist, die Parallelen im Unendlichen berühren, dass die Dinge aus der Stille zu sprechen anheben, oder vielmehr im Lärm der Dinge die große Stille wachsen würde, die alles zur Ruhe brächte?<<

Ganz zu Beginn liest der Protagonist in einem Magazin über sein Heimatsdorf „Dornbirn“, welches in Wirklichkeit ganz anders aussieht als das Hochglanz-Magazin es vortäuscht. So verhält es sich auch mit den Alltäglichkeiten, die Reise verhilft unserem Helden zu einem Blick „auf die kleinen Dinge der Welt“, was letztlich sehr heilsam wirkt …

Krümel

Haymon Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 135 Seiten, ISBN:978-3-85218-696-2

“Letzte Ausfahrt vor der Grenze” von Irene Prugger

Das Leben ist wie eine Autobahn …. es gibt immer wieder die Möglichkeit, die breite, geradlinige und sicher ans Ziel bringende Straße zu verlassen, um sich über eine verzweigte, schmale Ausfahrt einen neuen Weg zu suchen, oder aber auf der sicheren, bekannten Fahrbahn bleiben, die einem sicher und komplikationslos ans Ziel bringt. Ein Zurück gibt es nicht, die Entscheidung verbleibt beim Fahrer, der Beifahrer muss mit ….. dieser Vergleich fällt mir ein, nachdem ich diese Kurzgeschichtensammlung gelesen habe. Die 18 Stories lesen sich rasch weg, unter dem Motto „eine geht noch“ habe ich sie binnen 24 Stunden gelesen. Sie sind sehr unterschiedlich und abwechslungsreich, obwohl sie doch vom gleichen Thema handeln: Beziehungen, bevorzugt langjährige Paarbeziehungen mit all ihren Schikanen. Die Charaktere sind aus dem Alltag gegriffen, man erkennt Herrn Huber und Frau Maier aus der Nachbarschaft wieder, und hin und wieder auch sich selber. Die Geschichten können jederzeit und jeden Tag irgendwo in der Nähe passieren, und doch wird es nicht langweilig, sie zu lesen! Sei es das Ehepaar, das sich nach vielen Ehejahren eine Woche getrennten Urlaub gönnt, eine Politikergattin, die genug vom Schattendasein hat und sich einen Geliebten zulegt und dabei einen kapitalen Fehler macht, ein Selbstmörder, der für 3 Stunden Zugverspätung sorgt, der ledige Bauer, der alle Liebeshoffnung auf eine Osteuropäerin aus dem Internet setzt oder die Lehrerin, die alle Hoffnungen in einen kleinen Jungen setzt ….. Mit einem ordentlichen Schuss Witz und Ironie garniert verleiht die Autorin jeder Geschichte trotz schnökelloser, oft nüchtern-distanzierter Erzählweise einen besonderen Charme und auch Tiefgang und lässt sie nicht “alltäglich” wirken. Einzig das sich ständig wiederholende Rollenbild, das man in vielen der Geschichten vorfindet - beruflich erfolgreicher Mann, der sich die eine oder andere Freiheit herausnimmt und duldsame, schweigende, fast demütige Frau die sich um Haushalt und Kinder kümmert - hat mich am Ende doch gestört. Insgesamt ein nettes Büchlein für Zwischendurch!

Irene Prugger: geb. 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin, verfasst Prosa, Hörspiele und Theatertexte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 184 Seiten, ISBN: 978-3852186993

“Der Mond und das Mädchen” von Martin Mosebach

madchen.jpgUmgekehrt ist es eigentlich häufiger!

Das erste Drittel des Buches stellte für mich eine Tortur dar. Zunächst diese affektierte Sprache und dann bediente sich der Autor an zahlreichen Klischees.

Der junge Hans, soeben taufrischer Banker, heiratet seine Ina. Eine blutjunge, schöne und reiche Kindfrau. Seine erste Anstellung kann Hans in Frankfurt antreten, eine „dreckige Stadt“ wie ihm seine Schwiegermutter mitteilt.
Jetzt sucht er eine Wohnung für sich und seine Ina, die unterdessen mit ihrer Mutter in Italien weilt und es sich gut gehen lässt. `Na wenn das mal nicht schief geht, denkt sich der Leser.`
Sicherlich geht das schief! Wie sollte es auch anders sein?!

Eine Bruchbude im Bahnhofsviertel wird ihr Domizil, wo sich Multi-Kulti die Hände reichen. Mosebach beschreibt das Viertel, die Menschen und natürlich auch die Wohnung so gekonnt klischeehaft, dass ich beinahe den Deckel des Buches für immer zugeschlagen hätte.

Aber Gott sei Dank bin ich ja mittlerweile ein etwas geduldigerer Leser geworden und las enttäuscht weiter. Schade wäre es gewesen (an die manierierte Sprache hatte ich mich gewöhnt) – denn nun tauchten sehr interessante und schrullige Figuren auf und es entstand Schritt um Schritt ein Handlungsgeflecht, welches auf eine raffinierte Pointe zulief …

Das letzte Drittel las ich gar sehr gerne. Umgekehrt habe ich dergleichen schon oft gelesen: toller Anfang und dann geht dem Autor die Puste aus. Hier verhielt es sich anders, lauer Beginn, der gekonnt beendet wurde!

Martin Mosebach, geboren 1951 in Frankfurt am Main, lebt dort als Schriftsteller nach dem Studium der Rechtswissenschaften. Zahlreiche Buchveröffentlichungen. Auszeichnungen: 1980 Förderpreis der Jürgen-Ponto-Stiftung, 1999 Heimito-von-Doderer-Preis und 2002 Heinrich-von-Kleist-Peis, 2006 Großen Literaturpreis der Bayerischen Akademie der Schönen Künste, 2007 Georg-Büchner-Preis. (Quelle: wiki)

Krümel

Hanser Verlag 2007, Hardcover 17,90 €, 191 Seiten, ISBN: 978-3-446-20916-9

“Wasserwelten” von Siegfried Lenz

wasserwelten.jpg>>Hier aus dem Watt, …, soll sich … der Aufbruch vollzogen haben: wer atmen konnte und all das, erhob sich eines Tages vom Meeresboden, wanderte über den amphibischen Gürtel an den Strand, wusch sich den Schlamm ab, entfachte ein Feuer und kochte Kaffee.<< (Meer und Küste)

Stimmungen der See

In dieser Geschichte treffen sich drei Männer zur Flucht. Sie haben vor mit einem Ruderboot hinaus auf´s Meer um einen Fischkutter zu treffen. Dieser Kutter soll sie über die Ostsee nach Schweden bringen, in die Freiheit, in die neue Zukunft … Aber der Fischkutter kommt nicht! - Kommt nicht – nein er ist nicht in Hörweite, geschweige Sichtweite.
Und obwohl die Männer Nordländer sind, etwas rauh und mundfaul, bringt Lenz wunderbar diese tiefe kühle Emotion rüber. Man bemerkt die völlige Anspannung der Drei, dass ihre Nerven zum Bersten sind und wie sie in ihr tragisches Schicksal treiben …

Einstein überquert die Elbe bei Hamburg

Diese Geschichte präsentiert sich wie ein Kunstwerk, Strich für Strich erahnt man langsam die Handlung, die Emotionen der Figuren, eine dichte Atmosphäre tut sich auf …

Beispielsweise so: Eine Fähre (Strich), eine Frau, (Strich), eine Frau auf der Fähre – eine schwangere Frau – eine hochschwangere Frau – auf der Fähre – die kurz vor der Geburt steht – auf der Überfahrt – wahrscheinlich gebiert sie währenddessen – doch sie will es unterdrücken. Ist das die Frau von Einstein? Kollidiert die Fähre mit einem Dampfer? … lest selber!

Ich habe die für sich stehenden Geschichten in diesem Werk allesamt gerne gelesen, doch gibt es davon nicht all zu viele. Zum größten Teil besteht das Buch aus Auszügen aus Romanen von Lenz. Und diese Bruchstücke aus ihrem Kontext gerissen standen ziemlich hilflos im freien Raum. Nach einer Weile habe ich diese überschlagen und nur noch die in sich geschlossenen Geschichten gelesen.

Krümel

Hoffmann und Campe Verlag 2010, Hardcover 22 €, 351 Seiten, ISBN: 978-3-455-40048-9

“Was davor geschah” von Martin Mosebach

Am Swimmingpool der großbürgerlichen Familie Hopstens trifft sich wöchentlich eine illustre Gästeschar. Die Gastgeberin Rosemarie Hopstens liebt es, von wohlwollenden Menschen umgeben zu sein, sich bewundern zu lassen und ihre nach außen hin perfekte Ehe zur Schau zu stellen. Der Ich-Erzähler ist neu in der Stadt und wurde von Titus Hopstens, dem Sohn der Familie erstmalig zu so einer Party eingeladen. Aus der Rolle des Beobachters gibt er in diesem Buch seiner Freundin Einblicke in den Mikrokosmos dieser Runde, von den Beziehungen zueinander, den verbindenden und trennenden Personen und v.a. vom Kakadu der Familie, der mit scharfen Augen die Vorgänge beobachtet.

Es ist Martin Mosebachs unbeschreiblichem Sprachgeschick zu verdanken, dass dieses Buch trotz einer Aneinanderreihung von Banalitäten und einer Handlung, die quasi nicht vorhanden ist und eher einer 0/8/15-Seifenoper gleicht, so lesenswert ist. Thema des Buches sind Belanglosigkeiten, Befindlichkeitsstörungen, kleine Intrigen, Seitensprünge und Geltungsdrang der Protagonisten und das sind eigentlich Dinge, dir mich normalerweise nicht begeistern können. In einer Rezension wird dieses Buch mit dem „Zauberberg“ von Thomas Mann verglichen, diesem Vergleich stimme ich uneingeschränkt zu.

Und auch wenn der Inhalt dieses immerhin knapp 330 Seiten umfassenden Buches rasch in Vergessenheit geraten wird, es wird mir als außergewöhnliches, sprachästhetisches Buch in Erinnerung bleiben.

Christine

Carl Hanser Verlag 2010, Hardcover 21,90 €, 336 Seiten, ISBN: 978-3446235625

“Ludwigs Zimmer” von Alois Hotschnig

Kurt Weber erbt von seinem Großonkel Georg bzw. seiner Großtante Anna ein altes Haus in Landskron. Die Familie war sehr groß und gab es unzählige Familientreffen, an die er sich aber nicht sehr gerne erinnert. Er versuchte – wie so oft in seinem Leben – dies allem zu entkommen. Als er nun dieses Haus bezieht, wird er schief angesehen von den alt eingesessenen Nachbarn. Viel zu wenig hätte er sich gekümmert um seine Verwandtschaft, jeder seiner Schritte wird bemängelt, kommentiert und begutachtet. Viele Bäume stehen rund ums Haus, Kurt beginnt sie zu fällen. Jeder dieser Bäume steht für einen Verwandten. Kurt erinnert sich an lange Spaziergänge mit Georg, der ihm die Familiengeschichte erzählt. Mit der Erkundung der Räume und der hinterlassenen Habseligkeiten werden diese Erinnerungen wieder wach, Kurt dringt immer tiefer in die Familiengeschichte ein, verstörende Abgründe werden bloß gelegt, mysteriöse Todesfälle, und eine sehr belastete Vergangenheit, die bis in die NS-Zeit zurückreicht ranken sich um „Ludwigs Zimmer“.

Das Buch ist fast durchgehend als innerer Monolog eines deprimierten, einsamen, hoffnungslosen, sich vom Leben nichts erwartenden Protagonisten geschrieben und liest sich demgemäß unbehaglich. Das Aufstöbern alter Erinnerungen geht einher mit einer Reise in die Vergangenheit seiner Vorfahren, mit jeder Seite dringt Kurt tiefer vor, verwebt sich immer mehr, blickt hinter das Schweigen, das seine Kindheit so geprägt hat.
Mir war das Buch dann doch etwas zu pessimistisch und lastet der Mantel des Schweigens, der Unbehaglichkeit und der Verstörung zu schwer auf diesem Buch und ich kann es deshalb, obwohl literarisch sehr ausgefeilt, nur eingeschränkt weiterempfehlen.

Christine

Haymon Verlag 2011, Sondereinband 9,95 €, 134 Seiten, ISBN: 978-3852188539

„Vier Arten meinen Vater zu beerdigen“ von Liane Dirks

arten.gifDies ist bestimmt ein Roman, der die Leserwelt in zumindest zwei Lager spaltet. Die einen werden das Buch nach ein paar Seiten beiseitelegen, die anderen werden es zuende lesen. Ich gehöre zu der zweiten Gruppe, da ich ja wusste was mich bei Dirks erwartet, und zwar Minimalismus auf höchstem Niveau.

Auf 240 Seiten schildert die Autorin in diesem Werk gleich drei Generationen, den Großvater Johannes Dirks, seinen Sohn Günther Dirks und dann die zwei Töchter von Günther, wobei die >Kleine< auch gleichzeitig die Erzählerin ist. Und so wird das vergangene Jahrhundert anhand derer abgehandelt. Der Mittelpunkt stellt im Roman Günther dar, der nicht nur von seinem Vater gequält und missbraucht wird, sondern im II. Weltkrieg gleich ein ähnliches Schicksal erleidet. Was kann er seinen Töchtern mit diesem Hintergrund bieten? Er, der selber ein menschliches Wrack ist. Als er nach dem Krieg als Koch für längere Zeit auf Barbados mit seiner Familie lebt, eskaliert die Situation!

Zum Schluss liegt Günther auf Barbados im Sterben und die >Kleine< kehrt Heim …

Eindrucksvoll schildert die Autorin das Leben von Günther, ein Opfer, welches zum Täter wird. Durch ihren minimalistischen Stil, im grunde wirft sie mit lauter Bildern um sich, entsteht eine wahre plastische Erzählung, ja ein Kopfkino der feinsten Art. Und Zweidrittel des Buches hat es mich tief in seinem Bann gezogen. Der Schluss dann, als sie ihre eigene Geschichte erzählt und man sie als das letzte vorhandene Opfer wahrnehmen sollte, da versagt ihre Stimme. Das betitelte Beerdigungsritual wird nicht mehr von dieser Fülle getragen.

Krümel

Büchergilde Gutenberg 2002, Hardcover vergriffen, 245 Seiten, ISBN: 3-7632-5331-9