Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie deutschsprachige Gegenwartsliteratur.
- Biographie (38)
- Bücher-Tipps (176)
- Christine † (74)
- Daniel (9)
- deutschsprachige Gegenwartsliteratur (101)
- Erzählung/en (51)
- Gedicht (2)
- Heike (63)
- Highlights (9)
- History/Fantasy (40)
- Jan (61)
- Kalender (6)
- Kerstin (33)
- Klassiker (83)
- Krimi/Thriller (23)
- Krümel (272)
- Kurzportrait (5)
- Lesung (3)
- Literaturthemen (188)
- LS-Ticker (16)
- mArtinus (10)
- Monika (6)
- Patrick (36)
- Rebecca (42)
- Roman (274)
- Sabine (4)
- Sachbuch (32)
- Satire (5)
- Sigrid (8)
- Stefanie (1)
- Ursula (1)
- Uwe (1)
- Valerija (3)
- Werke (4)
- 22.5.2012: "Herr aller Dinge" von Andreas Eschbach
- 19.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 17.5.2012: "Die schöne Frau Seidenmann" von Andrzej Szczypiorski
- 15.5.2012: "Small Country" von NickHornby
- 12.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 10.5.2012: „Muttersohn“ von Martin Walser
- 8.5.2012: "Die Musterschüler" von Michael Köhlmeier
- 5.5.2012: Neuerscheinungen im Juni
- 3.5.2012: "Imperium" von Christian Kracht
- 1.5.2012: "Der Schwarm" von Frank Schätzing
aktuelle Lektüre
Literatur-Links
Meine Seiten
- Mai 2012
- April 2012
- März 2012
- Februar 2012
- Januar 2012
- Dezember 2011
- November 2011
- Oktober 2011
- September 2011
- August 2011
- Juli 2011
- Juni 2011
- Mai 2011
- April 2011
- März 2011
- Februar 2011
- Januar 2011
- Dezember 2010
- November 2010
- Oktober 2010
- September 2010
- August 2010
- Juli 2010
- Juni 2010
- Mai 2010
- April 2010
- März 2010
- Februar 2010
- Januar 2010
- Dezember 2009
- November 2009
- Oktober 2009
- September 2009
- August 2009
- Juli 2009
- Juni 2009
- Mai 2009
- April 2009
- März 2009
- Februar 2009
- Januar 2009
- Dezember 2008
- November 2008
- Oktober 2008
- September 2008
- August 2008
- Juli 2008
- Juni 2008
- Mai 2008
- April 2008
- März 2008
- Februar 2008
- Januar 2008
- Dezember 2007
- November 2007
- Oktober 2007
- September 2007
- August 2007
- Juli 2007
- Juni 2007
- Mai 2007
- April 2007
- März 2007
- Februar 2007
- Januar 2007
- Dezember 2006
- November 2006
Archiv der Kategorie deutschsprachige Gegenwartsliteratur
„Muttersohn“ von Martin Walser
10.5.2012 von Krümel.
Nachdem ich „Angstblüte“ und „Ein liebender Mann“ als eher senile Alterswerke eines Autors gelesen hatte, war ich nun auf den neuesten Roman von Walser doch wieder recht neugierig geworden, zumal ich ihn mir in meiner Stadtbibliothek ausleihen konnte.
>>Der unterdrückte Teil in uns ist erst das, was uns zu Menschen macht.<<
So las ich dann den ersten Teil „Dem Leben zu Liebe“, in dem fast alle Figuren des Werks vorgestellt werden und den Protagonisten Percy in den Mittelpunkt rückten. Für seine Zeugung brauchte es keinen Mann, so sagte es seine Mutter und für ihn wurde es zum Glauben. Nicht dass er davon wirklich überzeugt gewesen wäre, er sucht im ganzen Roman nach einem Vater, und drängt sich allen älteren Herren adoptionswillig auf. Ferner möchte er einfach keinem verletzen, auch seine Mutter nicht.
>>Dürfen wir etwas nicht glauben, weil andere nicht daran glauben wollen oder können?<<
Percy arbeitet als Pfleger in einer Nervenklinik, und hat mit sehr eigenwilligen Therapieansätzen so manche Erfolge gefeiert. Die Patienten lieben ihn in der Regel und laufen ihm auf dem Klinikgelände nach, erzählen von ihrem Leben, ihren Fortschritten und Fantasien.
>>Im Glauben erfahre ich, wer ich bin.<<
Der Professor der Klinik fördert ihn in jeglicher Weise, und beauftragt im ersten Teil den Protagonisten mit dem Fall des suizidgefährdeten Motorradfahrers. Percy schließt leise dessen Türe auf, setzt sich an den kleinen Tisch (der Patient liegt im Bett) und verharrt dort stumm mehr als 2 Stunden.
Später erfährt der Leser, dass seine Mutter diesen Ewald Kainz kannte. Nach und nach wird seine Geschichte aufgedeckt, und damit auch Percys Geschichte.
>>Wir glauben immer mehr als wir wissen.<<
Man hat aufgrund der unbefleckten Empfängnis und der Andeutung „Engel ohne Flügel“ schon eine Ahnung, worauf es in diesem Roman hinsteuert. Er ist eine Art Fürst Myschkin (Dostojewski „Der Idiot“), der keiner Figur widersprechen kann, der nur das Gute tun möchte und letztendlich wie alle Messiasfiguren tragisch ums Leben kommt. Ein echter Parzival, wie sein zweiter Vorname es schon belegt.
>> Der Wissende hat sein Wissen immer von einem anderen. Auf den kann er sich berufen. Der Glaubende beruft sich auf sich selber.<<
Ab dem zweiten Teil des Buches „Dieses Leben“ muss ich ganz ehrlich sagen, konnte ich nur noch wenig mit dieser Geschichte anfangen. Zu Sprunghaft und mit zu vielen Andeutungen gespickt, wurde ich ganz wirr beim Lesen. Dennoch habe ich das Werk beendet, und diese verkehre Verkettung der Zusammenhänge aufgelöst.
>>Ich habe nicht den mindesten Einfluss auf mich.<<
Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandel. (Klappentext) Bekannt wurde Walser durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen. (wiki)
Krümel
Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 24,95 €, 505 Seiten, ISBN: 978-3-498-07378-7
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Krümel | Keine Kommentare »
“Die Musterschüler” von Michael Köhlmeier
8.5.2012 von Krümel.
In einem katholischen Heim für männliche Gymnasiasten in Tirol herrschten Anfang der 1960er Jahre harte Sitten. Vor den Ferien mussten sich die Jungen Lateinprüfungen stellen und sich mit guten Noten die Heimfahrt verdienen. Vor den Ferien zu Allerheiligen 1963 fand diese Prüfung für Gebhard Malins Klasse als Folge eines Jungenstreichs gar nicht erst statt. Damit waren die freien Tage für alle gestrichen. Nach drei Wochen intensivstem Lateinstudium wurde die Prüfung nachgeholt. Der Präfekt und Lateinlehrer erwartete sehr gute Leistungen, die auch alle erzielten – außer Gebhard Malin, eigentlich ein sehr guter Lateinschüler, er bekam ein „Nicht genügend“ bescheinigt. Wieder wird vom Präfekten eine Kollektivstrafe verhängt, keine Heimreise bis zum Weihnachtsfest, kein Besuch, kein Essen in den nächsten zwei Tagen, die Jungen sollen beweisen, dass sie eine Gemeinschaft sind. Dann kommt von ihm noch die Aufforderung: „Züchtigt ihn!“
25 Jahre später werden die damals beteiligten Jungen von einem unbenannt bleibenden Erzähler zu dem Vorfall befragt. Keiner will mehr so recht wissen, was damals geschah, wer das Heft in die Hand nahm, die Schuld der Einzelnen ist verdrängt worden, das Erinnern fällt schwer und ist unangenehm.
Michael Köhlmeier ist für mich ein großer Erzähler. Seine Bücher sind schwer vergleichbar, gerade das mag ich an seinem Stil. Mit „Die Musterschüler“ habe ich eine wahre Herausforderung gefunden. Die Seiten flogen nicht so dahin beim Lesen. Ich musste mir das Buch erarbeiten. Mundgerecht war es wirklich nicht, aber trotzdem fand ich es beeindruckend. Köhlmeier erzählt die Geschichte nicht geradlinig, sondern eher verwinkelt und konstruiert. Er weicht immer wieder vom roten Faden ab und schiebt neue, aber auch bereits bekannte Episoden aus dem Schul- und Heimalltag ein. Die häufigen Wiederholungen, die mitunter auch nur um kleinste Informationen verändert wurden, lassen den Roman mitunter etwas zäh erscheinen. Besonders ist auch die Erzählform des Romans, der Autor schrieb ihn in Form eines Interviews. Fragen und Antworten wechselten sich ab. Erst ganz zum Schluss bekommt der Leser einen Hinweis darauf, wer der Fragende sein könnte. Aber worum geht es in diesem Roman? Es geht um Schuld, um die Schuld des Einzelnen, mehr jedoch um die Schuld der Gemeinschaft und es geht um die Verantwortung, die aus der Schuld heraus übernommen werden muss. Es geht aber auch um die Rolle von Außenseitern, die Gruppendynamik und die Schuld von Höherstehenden, in diesem Falle, die des Präfekten. Assoziationen zu Morton Rhue’s „Die Welle“ blieben dabei nicht aus.
Durch die Frage-Antwort-Situation kommt schnell ein Gefühl der Vertrautheit und Nähe zu den ehemaligen Schülern auf. Doch gibt es auch immer wieder Überraschungsmomente, die eine neue Sicht auf die Geschehnisse vor 25 Jahren erlauben.
„Die Musterschüler“ ist ein interessanter, überzeugend real wirkender und nachdenklich machender Roman, der stellenweise dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Am Ende hat sich das Durchhalten dennoch gelohnt.
Über den Autor
Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Man s-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet. (Quelle: amazon.de)
Heike
Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, TB 11,90 €, 608 Seiten, ISBN: 978-3423138000
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Heike | Keine Kommentare »
“Imperium” von Christian Kracht
3.5.2012 von Krümel.
Der Schweizer Autor Christian Kracht wurde 1966 in Saanen geboren und hat mit diesem Buch das „Deutsche Feuilleton“ in helle Aufregung versetzt.
Was war passiert?
Christian Kracht erzählt in diesem Buch die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt. Engelhardt kauft sich ein kleines Eiland in der Südsee und widmet sich fortan dem Ernten und Verarbeiten von Kokosnüssen. Zudem will dieser fast schon fanatische Vegetarier einen „sonnenanbetenden Kokosnussorden“ gründen – Engelhardt predigt die Kokosnuss als alleinige Nahrung. Darüber hinaus sind auch Nacktheit und Naturnähe Eckpfeiler seiner Ordensphilosophie.
Die Geschichte spielt um 1902 und die Person des August Engelhardt soll historisch verbürgt sein.
Nun hat sich auch ein Rezensent des SPIEGEL dieses Buches angenommen und man fragt sich, welches Buch der SPIEGEL-Rezensent Georg Diez eigentlich gelesen? „Imperium“ von Kracht kann es schwerlich gewesen sein.
Diez tituliert Kracht in diesem Buch „als Türsteher rechten Gedankenguts“, wirft ihm vor „Sympathisant für koreanische Diktatoren“ zu sein und fragt nach der Geisteshaltung des Autors im Zusammenhang mit dem Briefwechsel im Jahre 2004 mit dem politischen Wirrkopf David Woodhard.
Namhafte Autoren sprangen Kracht zur Seite. In einem offenen Brief nannten sie die Kritik „bösartig und perfide“. Unterzeichner dieses Briefes waren u.a. Daniel Kehlmann, Peter Stamm, Monika Maron, Elfriede Jelinek, Kathrin Schmidt und Feridun Zaimoglu.
Es geht hier auch um die Frage, ob man den Autor eines Buches auch für die Äußerungen seiner Protagonisten „haftbar“ machen kann.
Und auch die oftmals Unsinn schreibende Iris Radisch meinte, auch sie müsse sich zu Wort melden. Sie fragt wie „….politisch Literaturkritik sein darf….“ schafft es dann aber nicht eine vernünftige Antwort zu geben.
Sie wirft den Verfassern des offenen Briefes vor, diese würden sich anmaßen, zu wissen was Literaturkritik darf, kann und was dort erlaubt sei.
Radisch schreibt wörtlich:
„Das ist zwar korrektes Literaturseminarwissen, aber dennoch Unsinn. Figurenrede, Ironie, Maskenspiel und die Freiheit der Kunst machen einen Roman und seinen Verfasser nicht per se unangreifbar. Sie sind kein ästhetischer Schutzwall, hinter den kein Kritiker mehr einen Blick werfen darf, ohne Angst vor Beschwerden bei seinen Vorgesetzten haben zu müssen.“
Leider hat Radisch – wie so oft – mal wieder überhaupt nichts begriffen. Aber wer auf der ZEIT-Gehaltsliste steht, darf offensichtlich Unsinniges daher schwafeln.
Kritik an einem Buch muss erlaubt sein, die Kritik kann auch gern vernichtend sein – aber trotzdem darf Kritik nicht irgendwelche Unwahrheiten oder der Unwahrheit nahekommende Spekulation und Unterstellungen das Wort reden. Und genau das ist es was Diez macht. Vielleicht sollte der SPIEGEL zukünftig seine Hände von literarischen Themen weglassen; in der Vergangenheit hatten sie davon schon keine Ahnung und das Beispiel „Imperium“ zeigt, dass sich daran auch nichts geändert hat.
So ist dieser „vermeintliche Literaturskandal“ nichts anderes als ein laues Lüftchen im Wasserglas. Aber so durften sich wohl die Verkaufszahlen über sehr schöne Zuwächse freuen.
Christian Kracht schreibt in einer „leicht verdrechselten“ Sprache, etwas ungewohnt aber nicht unangenehm und einige seiner Episoden erinnerten mich an die Karikaturen aus dem „Simplicissimus“, der politisch-satirischen Zeitschrift, die bis zum Ende der Weimarer Republik existierte. Kracht schafft es, wenn auch eher unterschwellig ironisch, das wilhelminische Zeitalter mit einem leicht amüsierten Hauch zu schildern, wobei er aber hier nicht durchgängig in dieser Form erzählt.
Im Ergebnis ist dieser Roman angenehm zu lesen; ein Highlight der Literatur wird er aber ganz sicher nicht werden und der Verlag müsste dem SPIEGEL für dessen Peinlichkeit doch eigentlich dankbar sein; denn kann es eine bessere Werbung geben?
Interessant sind in diesem Zusammenhang die Meinungen des „Kollegiums der Literaturkritik-Kardinäle“. Wo die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hellauf begeistert ist, ist die TAZ eher ernüchtert und enttäuscht. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint feststellen zu müssen, dass der Autor noch nie so „locker und freudvoll“ geschrieben hätte. Die ZEIT sieht nicht nur Anklänge bei Mann, Kafka und Hesse, nein, sie holt auch noch Fontane und von Keyserling mit ins Boot. Naja – die ZEIT eben.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU scheint in Person der Rezensentin Sabine Vogel ein wenig genervt von diesem Buch. Vogel bemängelt, den Versuch von Kracht in „Thomas-Mann-Ton“ zu schreiben. Die kühle Zeichnung der Figuren sieht sie als „unlebendig und staffagenhaft“. Ihr Urteil gipfelt darin, dass sie das pathetische Schwadronieren von Krachts Hauptfigur als „grauenhaften Rollenprosakitsch“ ansieht und das „Imperium“ für sie nichts anderes ist als „gedrechselter Quatsch“.
Mich hat dieses Buch gut unterhalten und genau genommen ist auch das allein für mich wichtig. Was habe ich letztendlich mit diesen Literaturkritikern zu tun? Glücklicherweise nichts.
Für dieses Buch gibt es von mir eine freundliche Leseempfehlung und den Rat, vielleicht das SPIEGEL-Abo zu kündigen.
Jan
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2012, Hardcover 18,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3462041316
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Jan | Keine Kommentare »
„Gegen die Welt“ von Jan Brandt
29.3.2012 von Krümel.
Vielleicht sollte ich zunächst einmal ein wenig ausholen, und die Geschichte des Josua aus dem AT erwähnen. - Nach dem Tod von Moses wurde Josua sein Nachfolger, und wieder einmal wurde die Stadt „Jericho“ in Schutt und Asche gelegt. Es wurde gemordet, die Stadt wurde ausgeraubt und von Josua verflucht: „Verflucht sei, wer sich aufmacht, wer ihren Grund legt, dem soll der älteste Sohn sterben.“ Nebenbei sei auch noch erwähnt, dass Josua zuvor dem Tanz um das goldene Kalb als Diener von Moses, beiwohnte.
Und dann schreibe ich auch gleich, dass im „Buch Daniel“ die Geschichte des Sehers Daniel beschreibt >>„Sie enthalten u. a. umfangreiche Zahlenmystik, Symbolbilder und Metaphern, die auf die Endzeit gerichtet sind und in der Offenbarung des Johannes aufgegriffen werden.<< (wiki Buch Daniel)
So jetzt zum Buch!
Der Protagonist Daniel ist ein sonderlicher Junge. Er hat eine glänzende Phantasie, ist gerne für sich allein und schreibt seine Geschichten nieder. Richtig gute Freunde hat er nicht, wohl auch, weil er sich mit Ausgegrenzten beschäftigt. Neben Peter sitzt er in der Schule und mit Volker, dem Dickerchen, spielt er nach der Schule, das wird ein wenig geheim gehalten. Die Rabauken der Schule Eisen & Co. haben aus diesem Grund Daniel ganz oben auf ihrer Liste für Schikanen stehen.
Dann kommt der Tag in dem es in „Jericho“ (unsere fiktive Stadt Leer in Ostfriesland) mitten im September schneit, ein Maiskreis im Maisfeld entsteht und Daniel nur mit einem Handtuch bedeckt sowie mit zahlreichen blauen Flecken und einem Schleudertrauma verspätet nach Hause kommt.
Daniel wird verflucht und das gleich dreimal: Einmal von der Gemeinde als Unheilsbringer im Maisfeld, etwas später sogar vom Pastor, und letzlich von Peter mit den Worten „Du auch“.
Aber wie gesagt der ganze Ort „Jericho“ ist verflucht von Josua. Die ältesten Söhne werden sterben, denn das goldene Kalb tanzt wieder in der Gemeinde, denn der braune Rosing baut die Stadt wieder auf …
Das Buch ist genial! Noch nie habe ich so ein spannendes und zugleich auch noch ein so intelligentes Buch gelesen! Wirklich ein Ereignis und kein Debüt! Es ist ja noch nicht einmal der biblische Rahmen, der das Besondere ausmacht, nein der Stil des Buches mit unterteilten Ebenen, leeren Seiten und sehr schwach bedruckten Absätzen bringen zudem noch viel Atmosphäre ein. Außerdem wird der Leser in die Zeit der 80er katapultiert mit Fondor, Tschernobyl und dem Original Parker. Wie in einem Sog liest man die 900 Seiten runter wie nichts. Danach bleibt nur noch das Warten auf neuen Stoff, den uns Jan Brandt hoffentlich schnell vorlegt! (Obwohl, an diesem Buch hat er Jahre geschrieben.)
Jan Brandt, geboren 1974 in Leer (Ostfriesland) und studierte Geschichte und Literaturwissenschaft in Köln, London und Berlin und besuchte die Deutsche Journalistenschule in München. Seine Erzählungen sind in der FAZ sowie SZ erschienen. „Gegen die Welt“ ist sein erster Roman.
Krümel
DuMont Verlag 2011, Hardcover 22,99 €, 927 Seiten, ISBN: 978-3-8321-9628-8
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Krümel | Keine Kommentare »
„In Zeiten des abnehmenden Lichts“ von Eugen Ruge
16.2.2012 von Krümel.
Eine nachdenklich stimmende Familien-Chronik.
>>Zwei Tage lang hatte er wie tot auf seinem Büffelledersofa gelegen. Dann stand er auf, duschte ausgiebig, um auch den letzten Partikel Krankenhausluft von sich abzuwaschen, und fuhr nach Neuendorf.<<
Der Protagonist dieser Chronik heißt Alexander. Im Jahr 2001 erhält er die Diagnose unheilbaren Lymphknotenkrebs, und dass sein Vater Kurt ihn höchstwahrscheinlich überleben wird. Um mit dieser Situation fertig zu werden, beschließ Alexander nach Mexiko zu reisen. Dort wandelt er auf den Spuren seiner Großmutter, allerdings entpuppt sich diese Spurensuche immer mehr einer Selbsterkenntnis. Und mit dieser Ausgangssituation eröffnet der Autor den Blick auf Alexanders Familie:
Charlotte, Alexanders Großmutter, mit ihrem zweiten Mann Wilhelm, der nicht der Großvater ist, sind leidenschaftliche Kommunisten, die nach dem II. Weltkrieg freiwillig in die Deutsche Demokratische Republik heimkehren. Zwei Söhne gab es aus erster Ehe, beide verbrachten Jahre in einem Gulag, aus dem nur Kurt zurück kehrte. Da bröckelt also schon der kommunistische Gedanke, und in der nächsten Generation ist er völlig abhanden gekommen, denn Alexander türmt 1989 in den Westen.
Das ist die schwierige Familiensituation, die der Autor gut gewählt mit „Zeiten des abnehmenden Lichts“ betitelt. Das utopische Licht, das einst so schön von Marx in die Welt gesetzt worden ist, und dennoch nie wirklich gestrahlt hat.
>>Der Letzte Satz, den Kurt zusammenhängend hatte sagen können war: Ich habe die Sprache verloren.<<
Der Roman beginnt mit einer sehr gehetzten und getrieben Sprache, die mit Assoziationsketten/Bewusstseinsstrom arbeitet. Sie ist etwas kompliziert zu lesen, passt aber hervorragend zum Protagonisten. Da aber der Autor auch andere Kapitel und Figuren zu Beginn in diesem Stil beschreibt, ihn nicht ausschließlich auf Alexander verwendet, sondern leider generell nach knapp 100 Seiten in einen weichen, erzählerischen Stil, der sich dann so richtig gut lesen lässt, verfällt, empfand ich als störend. Ausgesprochen gut gefallen hat mir, dass die Kapitel 1. Oktober 1989 immer aus der Blickrichtung eines anderen Familienmitglied neu erzählt wurde. Der Leser bleibt nach der Lektüre mit einem vollen Gefühl und vielen guten Lesestunden zurück, so dass ich das Buch gerne weiter empfehlen kann.
Krümel
Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3-498-05786-2
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Krümel | 3 Kommentare »
“Die Herrlichkeit des Lebens” von Michael Kumpfmüller
9.2.2012 von Krümel.
Eine angenehme fiktionale Nachempfindung!
Das letzte Jahr des Doktors umschreibt der Autor in diesem Buch. Und der Doktor ist kein anderer als Franz Kafka, der anhand vieler Briefe und Tagebucheinträgen sehr einfühlsam und prägnant auferweckt wird. 1923 lernt Kafka in einem Ostseebad Dora kennen. Beide spüren direkt, dass da zwischen ihnen so was wie eine Seelenverwandtschaft existiert und beschließen zusammen zu bleiben. Ein Unternehmen mit Hindernissen, denn der Doktor wird aufgrund seiner Erkrankung, Tuberkulose, stark von seiner Familie bestimmt. Seine Schwestern und Eltern kümmer sich in ihrer Art schon recht rührend um ihm, aber sie nehmen ihm auch den letzten Atem. Dora schenkt ihm diese Freiheit, und so setzt sich Kafka durch und zieht mit Dora nach Berlin, auch wenn es sich für seine Krankheit nachweislich als äußerst ungünstig erweist. Seine Tuberkulose bricht aus, er muss ins Sanatorium und stirbt kaum ein Jahr später.
>>Er wird sterben, wenn er jung ist, - , ohne die geringste Weisheit.<<
Das Buch besteht aus drei Teilen: kommen, bleiben und gehen. Der Autor erzählt diese Geschichte mit ganz feiner Hand, eindringlich spürt man die Leidenschaft dieser zwei Menschen, die sich beide aufopfern für den anderen, und so noch eine wunderbare Zeit in Berlin verleben. Leider sind die Briefe von Dora von der Gestapo 1933 bei einer Hausdurchsuchung konfisziert worden und seitdem verschollen.
Persönlich fand ich den letzten Teil etwas zu pathetisch, ansonsten war das Buch eine sehr angenehme und entspannende Lektüre.
Michael Kumpfmüller geboren 1961 in München, lebt als freier Schriftsteller in Berlin. Im Jahr 2000 debütierte er mit dem viel diskutierten Ost-West-Roman „Hampels Fluchten“. 2003 folgte das zweite Buch „Durst“ nach einem wahren Kriminalfall, 2008 der Gesellschaftsroman „Nachricht an alle“, der mit dem Alfred-Döblin-Preis ausgezeichnet wurde.
Krümel
Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Hardcover 18,99 €, 239 Seiten, ISBN: 978-3-462-04326-6
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Krümel | Keine Kommentare »
“Der Hals der Giraffe” von Judith Schalansky
2.2.2012 von Krümel.
Dieser „Bildungsroman“ ist anstrengend zu lesen!
Die Protagonistin reflektiert drei Tage aus ihrem Leben. Sie ist Biologielehrerin irgendwo im vorpommerischen Hinterland und das seit über 30 Jahren. Verheiratet ist sie mit einem Straußenzuchtwart und ihre Tochter wohnt seit langem in Amerika. Sie, Inge Lohmark, unterrichtet die 9. Klasse in Biologie, in der nur noch 12 Schüler den Unterricht zieren, so dass in vier Jahren damit Schluss ist, das Gymnasium, an dem sie unterrichtet, wird geschlossen.
>>Es lohnte einfach nicht, die Schwachen mitzuschleifen. Sie waren nur Ballast, der das Fortkommen der anderen behinderte. Geborene Wiederholungstäter. Parasiten am gesunden Klassenkörper. Früher oder später würden die Unterbelichteten ohnehin auf der Strecke bleiben . <<
Das Buch ist eine Aneinanderreihung biologischer Einschübe, und diese sind dazu noch sehr oberflächlich, und beinhalten mehr oder weniger Schlagwörter aus dem Biologie-Leistungskurs-Standardwissen. Der Ton, in dem diese Triaden vorgetragen werden, ist anfangs noch frisch, wird aber im Verlaufe der Lektüre eintönig, wenn nicht sogar einschläfernd.
>>Wege zur sozialistischen Kuh. Langlebig, fruchtbar und robust. Drei Fliegen mit einer Klappe. Pralle Euter, starke Muskeln. Ein paar Jahre milchbetontes Mästen. Fertig war das vollkommene Zweinutzungsrind. Die eierlegende Wollmilchsau.<<
>>Was man alles nicht mehr sagen durfte: Neger, Fidschis, Zigeuner, Zwerge, Krüppel, Sonderschüler. Als ob damit irgendwem geholfen wäre. Sprache war doch dazu da, klarzumachen, was gemeint war.<<
Nach dem Lesen ist dem Leser bewusst wozu der biologische Teil im Buch dient, nämlich als Übertragung, und diese ist dann auch sehr raffiniert herausgearbeitet. Ein System gleicht dem anderen System, und überleben kann nur der Fitteste, die Mutation, die Vorteile bringt und der einzelne untergeht. Damit erhält der Roman auch seine Berechtigung in der Literatur, wenn er auch alles andere als gut lesbar ist. Allerdings steht meiner Meinung nach die Entwicklung der Protagonistin nicht so sehr im Rampenlicht, wie es bei einem „Bildungsroman“ der Fall sein müsste. Und ein Bildungsroman hat halt nichts mit bildenden Romanen zu tun, zumal die Biologie hier als Metapher dient. Fazit: Wenn man die Muse auf diese Zeilen hat, wird man am Ende ein wenig belohnt.
>>Neuerdings sollte es nicht mal mehr Menschenrassen geben. Wer das leugnete, war blind. Dass ein Neger anders als ein Eskimo aussah, war ja wohl offensichtlich.<<
Judith Schalansky, 1980 in Greifswald geboren, studierte Kunstgeschichte und Kommunikationsdesign. Ihr literarisches Debüt, der Matrosenroman „Blau steht dir nicht“, erschien 2008. Für ihren „Atlas der abgelegenen Inseln“ wurde sie 2010 mit dem 1. Preis der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet. Sie lebt als freie Schriftstellerin in Berlin.
Krümel
Suhrkamp Verlag 2011, Hardcover €, 222 Seiten, ISBN: 978-3-518-42177-2
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Krümel | Keine Kommentare »
“Unterwegs im Namen des Herrn” von Thomas Glavinic
9.12.2011 von Krümel.
Mit seinem Freund Ingo meldet sich der Ich-Erzähler und Atheist, der überraschenderweise Thomas Glavinic heißt, zu einer Busreise nach Medjugorje an. Weil er sehen möchte, „welche Menschen Pilgerreisen unternehmen“, und er erfahren will, „ wie es auf einer solchen Reise zugeht“. Er will „Menschen in ihrem Glauben erleben“, vielleicht auch, weil er sie „irgendwo tief in sich drin darum beneidet“. Soviel zu seinem frommen Wunsch. Eigentlich hätte es Lourdes werden sollen, doch die lange Anreise schreckt ihn ab, so wird Medjugorje als Ziel gewählt, und wie sich herausstellt, ist die Reise lange genug. Vor allem für den Leser. Denn der ungläubige Thomas, wie er sich gerne selber bezeichnet, wird nicht müde, Belanglosigkeiten und oberflächliche Beschreibungen der Mitreisenden zum Besten zu geben und nebenbei immer wieder zu betonen, wie trinkfest er nicht ist. Zudem sieht er sich als Nabel des Universums, sieht ständig die Blicke des Reiseleiters auf sich gerichtet, fühlt sich ständig persönlich angesprochen, was weniger auf sein gewinnendes Wesen als vielmehr auf seine ausgeprägte, ich würde sagen fast krankhafte, Egomanie zurückzuführen ist.
Und so begleitet der ungläubige Thomas diese – vor Klischees nur so strotzende – Pilgergruppe, die hauptsächlich aus alten frommen Bäuerinnen zu bestehen scheint, die rosenkranzbetend die Fahrt verbringt. Endlich am Ziel angekommen wird er von einer Angina dazu gezwungen, neben Alkohol auch noch Unmengen an Schmerztabletten zu konsumieren, sodass der Wallfahrt ein jähes Ende beschieden ist und er auf Freunde seines Vater zurückgreifen muss, die ihn über Mafia-Umwege nach Wien zurückbringen.
Aus der Thematik dieses Buches kann ein talentierter Schriftsteller viel herausholen. Wallfahrten und Pilgertum geben genug Stoff für eine gleichsam ironische wie auch ernsthafte Betrachtungsweise, doch was Glavinic hier vorlegt, hat mich eher fassungslos zurückgelassen. Das Buch ist lieblos, oberflächlich und belanglos, seine halbherzigen Versuche, die Angelegenheit mit Humor zu betrachten, scheitern kläglich. Er beleuchtet weder die Menschen, die Pilgerreisen unternehmen, er möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie es auf so einer Reise zugeht, noch weniger will er Menschen in ihrem Glauben erleben. Es dreht sich einzig und allein alles um einen Herrn Thomas Glavinic, der hauptsächlich mit seinem Handy befasst ist, sms-schreibend oder auf Netzsuche, und dessen Augenmerk in erster Linie darin liegt, den Alkoholfluss nicht versiegen zu lassen.
Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass Herr Glavinic noch schnell ein Buch veröffentlicht hat, um vielleicht als Trittbrettfahrer ein wenig auf dem einträglichen (aber sinkenden) Markt der Pilgerberichte mitzufahren. Für mich ist das Buch eine Enttäuschung, ich kann den Hype rund um den Autor nicht nachvollziehen, und ich lasse nun endgültig die Finger von ihm.
Christine
Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 3446237399
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Christine † | Keine Kommentare »
“Katzenberge” von Sabrina Janesch
25.11.2011 von Krümel.
Nele Leipert, eine junge, in Berlin lebende Journalistin, hat ihre familiären Wurzel im Oberschlesischen. Als sie die Nachricht vom Tod ihres geliebten Großvaters erhielt, führ sich nach Polen zu dessen Beerdigung. Schnell kommen Fragen nach dessen Vergangenheit auf und so beschloss Nele, weiter Richtung Osten zu reisen, in die Ukraine, dem ehemaligen Galizien. Von dort wurde die Familie nach dem 2. Weltkrieg nach Polen vertrieben.
Sabrina Janesch legt mit „Katzenberge“ einen beachtenswerten Debütroman vor. Sie erzählt einerseits die Geschichte der Nele Leipert, die sich selbst als in Deutschland angekommen betrachtet, von den Deutschen und den Polen jedoch immer der anderen Seite zugeordnet fühlt. Viele der beiderseitig gängigen Vorurteile werden bedient und mit den dazugehörigen Klischees ad absurdum geführt. Die Autorin erzählt aber gleichzeitig die Lebensgeschichte von Neles Großvater. Mit Neles Reise ins frühere Galizien lichten sich nach und nach die Schleier, die über dessen Vergangenheit lagen. Durch die gekonnten Beschreibungen fühlt man sich als Leser schnell in die harte Nachkriegszeit hineinversetzt. Gelegentlich hatte ich den Eindruck, dass die verschiedenen Zeiten ineinander verlaufen, ebenso wie die Grenzen zwischen Realem und Mystischem. Diese etwas rätselhaften Elemente haben mich überhaupt nicht gestört, sie stehen für sich und sind nach der Lektüre des Buches selbsterklärend.
Der Roman ist wegen der angenehmen Sprache und der unterschwelligen Ironie sehr gut und flüssig zu lesen. Er besitzt eine ganz eigene Spannung, die es einem schwer machte, das Buch zur Seite zu legen. Die Charaktere sind lebensnah, wenn auch nicht alle bis zur letzten Konsequenz für mich greifbar waren.
Nicht anfreunden konnte ich mich mit den immer wieder im Buch vorkommenden polnischen Redewendungen und Floskeln. Auch ohne diese wären ihm weder Glaubwürdigkeit noch Authentizität verlorengegangen.
„Katzenberge“ ist eine sehr schöne Reise in die Vergangenheit, in dieser Richtung wird die Geschichte erzählt. Schuld, Vertreibung, ein Familienfluch und die große Liebe einer Enkelin zu ihrem verstorbenen, geheimnisvollen Großvater sind die tragenden Pfeiler in diesem Roman, den ich mit viel Freude gelesen habe und gern anderen Lesern empfehle.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Sabrina Janesch studierte Kreatives Schreiben und Kulturjournalismus in Hildesheim, außerdem Polonistik in Krakau. U. a. Gewinnerin des O-Ton Literaturwettbewerbes des NDR, Stipendiatin des Schriftstellerhauses Stuttgart und des LCB. Sie war erste Stadtschreiberin von Danzig und erntete dabei viel Medienaufmerksamkeit. Zurzeit arbeitet sie an ihrem zweiten Roman. http://www.sabrinajanesch.de
Heike
Aufbau Verlag 2010, Hardcover 19,95 €, 273 Seiten, ISBN: 978-3351033194
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Heike | Keine Kommentare »
“EisTau” von Ilija Trojanow
7.11.2011 von Krümel.
Zeno Hintermeier, „Mr. Iceberg“ ist Gletscherforscher, Glaziologe, und eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Zeit seines Lebens verbrachte er mit dem Beobachten und Studieren von Gletschern. Als sich aber seine Arbeit immer mehr darauf konzentriert, das Schmelzen des ewigen Eises zu beobachten und er erkennt, dass er bestenfalls protokollieren, aber nichts ändern oder gar aufhalten kann, sieht er seine Grenzen als Wissenschaftler erreicht, seine Trauer wird zur Wut, er gibt seinen Beruf auf und heuert auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis als Expeditionsleiter an, um den Passagieren die unberührte Natur der Antarktis näher zu bringen und v.a. sein großes Anliegen, die Umweltproblematik zu thematisieren. Doch dieser Job ist so unbefriedigend wie zermürbend, Zeno scheitert an der Ignoranz der Passagiere, der Gleichgültigkeit der Spaßgesellschaft, der jegliche Respekt vor der Natur abhanden gekommen ist, die sich an Walfang-Praktiken ergötzt, Pinguine „zum Angreifen“ sucht, Souvenirshops am Ende der Welt stürmt und das feudale Leben an Bord genießt. Als dann auch noch ein Aktionskünstler in der Antarktis (und mit der Antarktis) Kunst inszenieren will, platzt ihm der Kragen ….
„Der einzelne Mensch ist ein Rätsel, einige Milliarden Menschen, organisiert in einem parasitären System, sind eine Katastrophe“ ( S.167). Ilija Trojanow thematisiert in seinem Buch - auch mit viel Zynismus und Ironie - die Umweltthematik, die sukzessive Zerstörung der Umwelt durch den Menschen und gleichzeitig die Ignoranz, die Gleichgültigkeit, mit der wir diese Zerstörung zulassen. Das Buch ist unangenehm, sehr unangenehm sogar, denn die Ausrede, man fahre ja nicht mit einem Luxusdampfer in die Antarktis, gilt nicht. Ein Leben ohne oder gegen die Natur ist nicht möglich, Umweltzerstörung geschieht jeden Tag zu jeder Zeit auf jedem Flecken der Erde. Trojanow prangert v.a. die Ignoranz der Gesellschaft an, zweifelt aber gleichzeitig auch an seinen Möglichkeiten als Schriftsteller, hier eine Lösung anbieten zu können: ”
„Lebende Autoren hingegen, das erfuhr ich, wann immer ich die Zeitung aufschlug, sollen sich bescheiden, ein wenig anregen, ein wenig erregen, ein wenig aufregen, aber auf gar keinen Fall die Welt verändern wollen. Wie soll man noch zu Lebzeiten aufrütteln? Beschämung funktioniert nicht, da sich jeder selbst öffentlich bloßstellt, Pathos funktioniert nicht, da alles kleingeredet wird. Und Gewalt? Gewalt ist die einzige Sprache, die noch nicht von den Etiketten der Sponsoren überklebt ist.“ (S. 146)
Das Buch ist mit seinen knapp 170 Seiten, eingeteilt in 12 Kapitel, verhältnismäßig dünn. Jedem Kapitel ist eine Art „Logbuch“ angehängt, ein Sammelsurium aus wirren Schlagzeilen, Seemannsfloskeln und Funksprüchen, das eklatante Stilbrüche darstellt und den Erzählfluss stark hemmt, doch das Buch soll ja nicht nur inhaltlich, sondern auch lesetechnisch unangenehm sein.
Eine Leseempfehlung an jedermann!
Christine
Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 18,90 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3446237575
Geschrieben in deutschsprachige Gegenwartsliteratur, Christine † | Keine Kommentare »

