Infos

Sie befinden sich in den Archiven der Kategorie Christine †.

Calendar
Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Kategorien

Archiv der Kategorie Christine †

“Nichts: Was im Leben wichtig ist” von Janne Teller

«Nichts bedeutet irgendetwas, das weiß ich seit langem. Deshalb lohnt es sich nicht, irgendetwas zu tun» mit diesen Worten verabschiedet sich der 13-jährige Pierre Anthon aus dem Klassenraum um auf einen Pflaumenbaum zu klettern und von nun an seine Klassenkameraden mit nihilistischen Weisheiten und reifen Pflaumen zu bewerfen.

Um ihm das Gegenteil zu beweisen, beginnt die Klasse in einem verlassenen Sägewerk Dinge zu sammeln, die von Bedeutung sind. Jeder muss seinen Teil beisteuern, wer sein Opfer gebracht hat, darf den nächsten und dessen Opfer bestimmen. Die Spirale beginnt mit harmlosen Gegenständen wie Sandalen, Ohrringen oder Bücher, dreht sich aber immer intensiver und fordert sehr persönliche Dinge, den Gebetsteppich, Haustiere, und …. und eskaliert schließlich. Je größer der Schmerz, desto größer ist die Bedeutung. Längst geht es nicht mehr darum, Pierre Anthon zu überzeugen (der auch völlig unbeeindruckt bleibt), es entwickelt sich eine Gruppendynamik und eine Spirale der Gewalt die von Neid, Rache und Willkür bestimmt wird. Erwachsene spielen in diesem Buch eine untergeordnete Rolle, sie greifen nicht als moralische Instanz ein.

Janne Teller begibt sich in ihrer Parabel mit dem Leser auf ein radikales Gedankenexperiment das aufgrund von Stil und Formulierung einen Sog entwickelt, dem man sich kaum entziehen kann und thematisiert in ihrem Buch Themen, die die Welt seit Menschengedenken beschäftigen … Was ist der Sinn des Lebens, hat es überhaupt einen Sinn, worin liegt der Sinn, kann man ihn fassbar machen. Antwort hat sie keine gefunden, aber jede Menge Denkanstöße, wie man der Angst vor der großen Leere begegnen und den Pierre Anthon, den wohl jeder mehr oder weniger in seinem Kopf hat, ruhigstellen bzw. sich mit ihm versöhnen kann.

Janne Teller, geb. 1964, stammt aus einer österreichisch-deutschen Familie. Als Makroökonomin arbeitete sie von 1988 bis 1995 als Beraterin für die EU und für die UNO in Dar-es-Salaam, Brüssel, New York und in Mosambik. Seit 1995 widmet sie sich ganz ihrer Tätigkeit als Schriftstellerin und lebt abwechselnd in New York, Mailand, Paris und Kopenhagen. Werke von Janne Teller wurden in zwölf Sprachen übersetzt, darunter ins Englische, Deutsche, Französische, Italienische und Spanische. (von wikipedia)

Christine

Carl Hanser Verlag 2010, Übersetzung: Sigrid Engeler, Taschenbuch 12,90 €, 144 Seiten, ISBN: 978-3446235960

“Was davor geschah” von Martin Mosebach

Am Swimmingpool der großbürgerlichen Familie Hopstens trifft sich wöchentlich eine illustre Gästeschar. Die Gastgeberin Rosemarie Hopstens liebt es, von wohlwollenden Menschen umgeben zu sein, sich bewundern zu lassen und ihre nach außen hin perfekte Ehe zur Schau zu stellen. Der Ich-Erzähler ist neu in der Stadt und wurde von Titus Hopstens, dem Sohn der Familie erstmalig zu so einer Party eingeladen. Aus der Rolle des Beobachters gibt er in diesem Buch seiner Freundin Einblicke in den Mikrokosmos dieser Runde, von den Beziehungen zueinander, den verbindenden und trennenden Personen und v.a. vom Kakadu der Familie, der mit scharfen Augen die Vorgänge beobachtet.

Es ist Martin Mosebachs unbeschreiblichem Sprachgeschick zu verdanken, dass dieses Buch trotz einer Aneinanderreihung von Banalitäten und einer Handlung, die quasi nicht vorhanden ist und eher einer 0/8/15-Seifenoper gleicht, so lesenswert ist. Thema des Buches sind Belanglosigkeiten, Befindlichkeitsstörungen, kleine Intrigen, Seitensprünge und Geltungsdrang der Protagonisten und das sind eigentlich Dinge, dir mich normalerweise nicht begeistern können. In einer Rezension wird dieses Buch mit dem „Zauberberg“ von Thomas Mann verglichen, diesem Vergleich stimme ich uneingeschränkt zu.

Und auch wenn der Inhalt dieses immerhin knapp 330 Seiten umfassenden Buches rasch in Vergessenheit geraten wird, es wird mir als außergewöhnliches, sprachästhetisches Buch in Erinnerung bleiben.

Christine

Carl Hanser Verlag 2010, Hardcover 21,90 €, 336 Seiten, ISBN: 978-3446235625

“Abschied von der Schwester” von Gabriele Wohmann

Klappentext:
Eine außergewöhnlich große Vertrautheit und Zuneigung verbindet die beiden Schwestern seit der Kindheit. Als bei der Älteren ein inoperabler Gehirntumor diagnostiziert wird, beginnt eine Zeit der Angst, des Hoffens und des Abschiednehmens. Wie vielschichtig und wechselhaft die Gefühle sind, die bei der Kranken, den Angehörigen und Freunden aufbrechen, bringt Gabriele Wohmann in verschiedenen Texten eindrucksvoll und mit ihrem ganzen erzählerischen Können zum Ausdruck. Schonung oder Konfrontation, was ist der Kranken, was einem selbst zuzumuten? Kann man Schmerz und Angst überhaupt teilen? Was bleibt, wenn nicht nur der körperliche Verfall fortschreitet, sondern sogar das Sprechen, Schreiben, Lesen unmöglich wird?

Nicht immer ist es ratsam, den Klappentext zu lesen. Bei diesem Buch ist es meiner Meinung nach unabdinglich. Ansonsten läuft man Gefahr, völlig orientierungslos das Buch abzubrechen oder in die nächste Ecke zu feuern. Mit dem Wissen aber, dass Gabriele Wohmann mit diesem Buch den Tod ihrer Schwester, mit der sie eine fast symbiotische Beziehung verbindet, verarbeitet, wird diese – ich nenne sie mal „Textsammlung“ - zu einem Beispiel dafür, welche Möglichkeiten Literatur und Sprache bieten, mit dem Thema „Tod“ umzugehen, aber auch. welche Möglichkeiten und Herangehensweisen das Leben bietet.

Zwischen stichwortartigen Tagebucheintragungen von Gabriele Wohmann, die dafür stehen, dass trotz der niederschmetternden Diagnose die Welt sich weiterdreht, erzählt die Autorin in von der gemeinsamen Kindheit, der ersten Diagnose, die Zerrissenheit zwischen Bangen und Hoffen und auch, wie die Umwelt auf diese Diagnose reagiert. Von Mitleid bis Solidarität, von der Angst vor der Realität, dem Hoffen auf Wunder dreht sich alles um die Frage: wie gehe ich mit der Situation um, wie begegne ich als Außenstehender dem Betroffenen.

Das Buch empfand ich als sehr schwierig zu lesen, die Personen wechseln ständig, auch gibt es - ausgenommen die Tagebucheintragungen – keinen chronologischen Ablauf. Ich gebe zu, einiges nicht (richtig?) erfasst und verstanden zu haben, doch insgesamt konnte ich mir die eine oder andere Anregung mitnehmen, und v.a. gab es den einen oder anderen Denkanstoß über eigenes Verhalten und Denkweisen.

Als Wohmann-Einstieg vielleicht nicht unbedingt empfehlenswert – ich werde aber auf jeden Fall Ausschau nach weiteren Büchern der Autorin halten!

Christine

Pendo Verlag 2001, Hardcover vergriffen, 224 Seiten, ISBN: 978-3858423962

“Ludwigs Zimmer” von Alois Hotschnig

Kurt Weber erbt von seinem Großonkel Georg bzw. seiner Großtante Anna ein altes Haus in Landskron. Die Familie war sehr groß und gab es unzählige Familientreffen, an die er sich aber nicht sehr gerne erinnert. Er versuchte – wie so oft in seinem Leben – dies allem zu entkommen. Als er nun dieses Haus bezieht, wird er schief angesehen von den alt eingesessenen Nachbarn. Viel zu wenig hätte er sich gekümmert um seine Verwandtschaft, jeder seiner Schritte wird bemängelt, kommentiert und begutachtet. Viele Bäume stehen rund ums Haus, Kurt beginnt sie zu fällen. Jeder dieser Bäume steht für einen Verwandten. Kurt erinnert sich an lange Spaziergänge mit Georg, der ihm die Familiengeschichte erzählt. Mit der Erkundung der Räume und der hinterlassenen Habseligkeiten werden diese Erinnerungen wieder wach, Kurt dringt immer tiefer in die Familiengeschichte ein, verstörende Abgründe werden bloß gelegt, mysteriöse Todesfälle, und eine sehr belastete Vergangenheit, die bis in die NS-Zeit zurückreicht ranken sich um „Ludwigs Zimmer“.

Das Buch ist fast durchgehend als innerer Monolog eines deprimierten, einsamen, hoffnungslosen, sich vom Leben nichts erwartenden Protagonisten geschrieben und liest sich demgemäß unbehaglich. Das Aufstöbern alter Erinnerungen geht einher mit einer Reise in die Vergangenheit seiner Vorfahren, mit jeder Seite dringt Kurt tiefer vor, verwebt sich immer mehr, blickt hinter das Schweigen, das seine Kindheit so geprägt hat.
Mir war das Buch dann doch etwas zu pessimistisch und lastet der Mantel des Schweigens, der Unbehaglichkeit und der Verstörung zu schwer auf diesem Buch und ich kann es deshalb, obwohl literarisch sehr ausgefeilt, nur eingeschränkt weiterempfehlen.

Christine

Haymon Verlag 2011, Sondereinband 9,95 €, 134 Seiten, ISBN: 978-3852188539

“Freiheit” von Jonathan Franzen

Anhand der Berglunds, einer typischen amerikanischen Familie mit schwedischen Wurzeln erzählt Franzen in seinem neuen Epos den “American Way of Life” des beginnenden 21. Jh. Im Zentrum die Ehe zwischen dem ruhigen, verlässlichen, vernünftigen Walter Berglund und seiner Frau Patty, ehemals erfolgreiche Basketballspielerin, Tochter aus angesehenem Hause, in Jugendjahren vergewaltigt, nun ganz darauf bedacht, den beiden Kindern Joey und Jessica eine gute Mutter zu sein. Am Rande des Geschehens aber nicht unerheblich ist die Figur des zur Exzentrik neigenden Musikers Richard Katz. Walter als sein bester Freund und moralischer Rückhalt und Patty, die sich zeit ihrer Bekanntschaft zu ihm hingezogen fühlt. In Rückblenden wird von der Geschichte der Familien erzählt, aber auch von den großen Erwartungen, die in die Nachkommen gesetzt werden und wurden. Sex, Drugs und Alcohol scheinen nicht nur bei Richard Katz auf der Tagesordnung zu stehen. Der Leser begleitet die Familie bei ihrem zweifelhaften Aufstieg bis zu ihrem Zerfall.

Es sind die typischen Themen der zeitgenössischen amerikanischen Literatur, denen sich Jonathan Franzen bedient. In teils sehr gelungenen, authentischen Passagen gelingt es ihm großartig, das amerikanische Lebensgefühl einzufangen. Die europäischen Wurzeln, der Drang, sich von diesen zu lösen, die Beschreibung des American Way of Life (die meiner Meinung nach Franzen ganz hervorragend gelingt!), sehr zeitkritisch und ungewohnt satirisch in Bezug auf Politik, Globalisierung, Gesellschaft, Kapitalismus usw. Inwiefern hier mit Stereotypen und mit Klischees gearbeitet wird, kann ich schwer beurteilen, aber ich fand, dass Franzen den Puls der Zeit sehr gut trifft und mir schon begreiflich machen konnte, wie die Amerikaner (oder der Großteil davon) so ticken.

In allen möglichen Varianten und Definitionen wird man mit dem dem Begriff “Freiheit” konfrontiert, ohne dass dieser überstrapaziert wird. Sei es politische, persönliche, sexuelle Freiheit oder Gedanken- und Meinungsfreiheit. Sei es die Freiheit,selber eine Entscheidung zu treffen oder auch die Freiheit dies nicht zu tun und die Konsequenzen auf sich zukommen zu lassen. Und trotzdem gibt es die allgemein gültige Freiheit nicht bzw. stellt sich heraus, dass die persönlich empfundene Freiheit mit vielen Unfreiheiten verbunden ist.

Ein großes Minus gibt es einerseits für das allzuvorhersehbare und wenig originelle Ende, für die eine oder andere Länge im Buch, aber auch für die teilweise grottenschlechte deutsche Übersetzung.

Christine

Rowohlt Verlag 2010, Übersetzung: Bettina Abarbanell und Eike Schönfeld, Hardcover 24,95  €, 736 Seiten, ISBN: 978-3498021290

“Theo. Antworten aus dem Kinderzimmer” von Daniel Glattauer

Theo hats gut. Theo hat einen Onkel, der Journalist ist und Daniel Glattauer heißt und im Jahr 1994, als Theo geboren wurde, Kolumnen für eine österreichische Tageszeitung schrieb. Daniel Glattauer war beeindruckt von diesem so kleinen und doch so perfekten Lebewesen („Er lag im Brutkasten, maß 47,5 Zentimeter Länge und behauptete 2570 Gramm Körpergewicht. Neugeborener ging es nicht. Er war seiner geplanten Gegenwärtigkeit im Lichte der Welt stolze dreißig Tage voraus. Ein Vorsprung, den er bis heute nicht eingebüßt hat.“) Glattauer beschließt, das Heranwachsen seines Neffen publizistisch zu begleiten, herausgekommen sind regelmäßige Kolumnen über den heranwachsenden Jungen bis zu einem Alter von 14 Jahren oder eben bis 2008, die nun in diesem vorliegenden Buch gesammelt nachzulesen sind.
Daniel Glattauer hat gut beobachtet und erzählt liebevoll und ausführlich über Theos Leidenschaft für Autos und fürs Einkaufen, Urlaube am Meer, Begegnungen mit Erwachsenen, die der kleine Kerl ganz schön auf Trab hält. Die schulischen Erfolge finden ebenso Niederschlag wie die Haustiere, die er hält und seine Karriere am Fußballplatz. Die ersten 3 Lebensjahre werden fast lückenlos und in kurzen zeitlichen Abständen beschrieben, während die restlichen 11 Jahre rückblickend in einem jährlichen Bericht festgehalten werden.

Ich kann mir gut vorstellen, dass dieses Buch – häppchenweise genossen (oder eben in regelmäßigen Kolumnen) - ein netter und kurzweiliger Begleiter ist. Ich habe es (leider?) in einem gelesen und habe mich nach einigen Kapiteln „abgelesen“. Glattauer erzählt nichts Neues und fand ich seine Glossen nur bedingt witzig. Aber vielleicht bin ich nach bzw. mitten in der Erziehung von 3 Kindern derart hartgesotten und abgebrüht, dass mich seine neckischen Kinderantworten, philosophischen Abgründe und kindliche Logik nicht mehr begeistern können? Sei es wie es sei, als Geschenk für werdende Eltern allemal geeignet, aber die Erziehung und das Leben mit Kindern ist im „wirklichen Leben“ spannender, interessanter, kurzweiliger und meistens auch lustiger! Einen Vorteil aber hat das Buch: Man kann es zuklappen, ganz hinten ins Regals stellen, oder sogar verkaufen oder verschenken.

Christine

Deuticke Verlag 2010, Hardcover 14,90 €, 268 Seiten, ISBN: 978-3552061408

“Aushäusige” von Sabine Gruber

Ihrem Vater konnte Rita nie etwas recht machen, weder durch ihre Berufswahl und schon gar nicht durch ihre Heirat mit dem venezianischen Fischhändler, Ennio. Auf der Suche nach der eigenen Identität und als Flucht aus dem dominanten Elternhaus verlässt Rita das bäuerliche Südtiroler Dorf, um in der Stadt ihrer Träume – Venedig – an ihrer Zukunft zu schmieden. Nach der Hochzeit lernt sie rasch den Alltag kennen, der Flair der Stadt verliert sich, trotz aller Anstrengungen und Anbiederungen fühlt sie sich entwurzelt, heimatlos, einsam – aushäusig eben. Ennio sagt immer mehr dem Alkohol zu, die Ehe scheitert, aus Zuneigung wird Abscheu, manchmal auch Hass. Lange Zeit kann sich Rita dieses Scheitern nicht eingestehen, doch dann entschließt sie sich, nach Wien zu ihrem Bruder Anton, der ebenfalls negativ von seiner Kindheit geprägt ist und nun als Journalist versucht, Fuß zu fassen und auf eigenen Beinen zu stehen, zu flüchten.

Abwechselnd und ohne Übergang kommen Rita und Anton zu Wort, wer gerade erzählt, ergibt sich oft erst nach mehreren Absätzen. Vergangenes vermischt sich mit Gegenwärtigem, Gefühle und Gedanken fließen in Handlungen ein. Kindheitserinnerungen werden wach, von einem dominanten Vater ist die Rede und davon, dass man ihm die Genugtuung nicht vergönnt und ihm deshalb nicht vom Scheitern der Ehe erzählt. Stakkatomäßig, fast atemlos reihen sich die Monologe aneinander, um abschließend noch einmal von einer dritten Person – quasi einem Außenstehenden - aus der Perspektive von Rita und Anton geschildert zu werden.

Anstrengend, und oft auch verwirrend, liest sich dieses Buch. Den Gedanken ist nur schwer zu folgen und oft zermartern sie einem das Gehirn. Dennoch übt dieses Buch einen gewissen Reiz aus, was weniger auf den Inhalt als vielmehr auf den Stil des Buches zurückzuführen ist. Bücher über Befindlichkeitsstörungen, Identitätssuche und –krisen gibt es genug, da erzählt Sabine Gruber nicht viel Neues. Stilistisch lässt sie allerdings mit diesem 1996 erstmals erschienenen Roman – aufhorchen. Dieser Roman wurde jetzt - wohl aufgrund des großen Erfolges der Nachfolgeromane - neu aufgelegt. Für mich war das Lesen des Erstlings natürlich ein Muss, wenn er auch nicht so ausgefeilt und perfektionistisch ist wie ihre Nachfolgeromane „Die Zumutung“ oder das für mich alles überragende „Über Nacht“ ist.

Christine

Haymon Verlag 2011, Broschur 9,95 €, 126 Seiten, ISBN: 978-3852188690

“Verfahren” von Ludwig Laher

Welcher Willkür und welchen Bürokratismusmühlen ist man ausgesetzt, wenn man um Asyl ansucht? Jelena ist Kosovo-Serbin und gerät in ihrer Heimat zwischen die Fronten. Sie ist unvorstellbarer Gewalt ausgesetzt, verliert ihre Familie und landet in der Psychiatrie. Mit dem Scheitern eines zweiten Selbstmordversuches verliert sie auch den letzten Rest Selbstachtung und auf Anraten ihrer Ärztin gelingt ihr mit letzter Kraft die Flucht über die grüne Grenze nach Österreich. Sie wird in völlig traumatisiertem Zustand aufgegriffen und gerät nun in die Mühlen des österreichischen Asylgesetzes.

Ludwig Laher schreibt sehr eindringlich und thematisiert ein sehr aktuelles Problem - die Asylpolitik. Die traurige Geschichte der Jelena - sicherlich kein Einzelfall - wird aus verschiedenen Perspektiven beleuchtet und bedient sich der Autor mehrerer Stilmittel. Sachlich nüchtern, fast reportagenhaft berichtet er über die Zustände bei Gericht und der Abwicklung der Verfahren, wobei dem Begriff Verfahren mehrere Bedeutungen zukommt: Zum einen „Gerichtsverfahren“, aber auch das Verfahren (=der Umgang) mit den Asylwerbern und nicht zuletzt die Situation der heimatlosen Jelena, die ebenso als „verfahren“ bezeichnet werden kann.

Zu Wort kommt ein Asylrichter, der aus seinem beruflichen Alltag erzählt … sehr selbstgerecht, sich selber als Menschenfreund bezeichnend, weil er hin und wieder - willkürlich - einen positiven Bescheid ausstellt. Am Richtertisch entscheidet er über Leben anderer - es liegt in seinem Ermessen, ob der Mensch vor ihm (der der Einfachheit halber auf das Kürzel AW für Asylwerber, egal ob männlich oder weiblich, reduziert wird) bleiben darf oder nicht, ob dieser lügt, oder die Wahrheit sagt. Gerade dieser “Ermessensspielraum” macht die Angelegenheit so schwierig und zeigt auf, dass es hier keine Gerechtigkeit gibt, zeigt aber auch, dass den Vollstreckern unserer Gesetze die Hände gebunden sind.

Ludwig Laher bietet keine Lösung an und deutet auch an, wie vielschichtig die Thematik ist. Er möchte aufrütteln und zum Nachdenken animieren und wehrt sich gegen die Massenabfertigung, Anonymität und völligem Fehlen von Menschlichkeit, die sich bei den Gerichten abspielt. Jeder Fall ist ein Einzelfall und ein Einzelschicksal und kann nicht pauschal beurteilt werden.

Ein nicht einfach zu lesendes, aber sehr lesenswertes Buch!

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 180 Seiten, ISBN: 978-3852186801

“Nordlicht” von Melitta Breznik

Der Arbeitsalltag im Krankenhaus, der immer mehr aus Zettelkram und Bürokratie besteht, erschöpft die Neurologin Anna, und aus ihrer Ehe mit ihrem um einiges älteren Mann ist die Luft raus. Und so beschließt die Ärztin, sich eine Auszeit zu nehmen. Zu ihrer inneren Stimmung passend fährt sie im Herbst auf die Lofoten, das fehlende Tageslicht entspricht ihrem Gemüt und sie hofft, dort die innere Ruhe wiederzufinden. Sie richtet sich in einer Hütte ein, lebt einsam und zurückgezogen, knüpft nur die wichtigsten Kontakte zur Bevölkerung. Bis Dezember verharrt sie dort und verbringt die Zeit mit Lesen und Schlafen, Nichtstun und Nachdenken. Ständiger Begleiter sind die Tagebuchaufzeichnungen ihres bereits verstorbenen Vaters, der während des 2. Weltkrieges in Norwegen stationiert war und stets befangen und nie offen über diese Zeit reden konnte. Mit zunehmendem Tageslicht hebt sich ihre Stimmung und steigt auch ihr Bedürfnis nach sozialen Kontakten, nach Menschen, nach Aufgaben. Am Nachbarhof lernt sie Giske kennen, die dort im Haus ihrer Mutter lebt. Auch sie hat eine gescheiterte Ehe hinter sich und blickt zudem auf eine sehr schwere Kindheit als ungeliebtes und von allen geächtetes „Deutschenbalg“ zurück.

Die Ausgangssituation dieses Romans hat mich gleich angesprochen und finde ich die Charakterisierung der rastlosen, überlasteten Ärztin Anna, ihren inneren Beweggründen und äußeren Umständen in den ersten Kapiteln sehr gelungen. Die Entscheidung, alles hinter sich zu lassen, hat sie sich nicht leicht gemacht und findet sie offenbar in ihrem Domizil in Norwegen die innere Ruhe und Ausgewogenheit, die sie sucht. Die Stimmung des „Nordlichts“ wird wunderbar eingefangen und auf Annas Gemüt projiziert, anhand von Rückblenden wird aus ihrer Kindheit erzählt, dem schweigenden Vater, den unausgesprochenen Kriegsgräueln und die dadurch sehr belastete familiäre Situation.
Doch mit dem Auftreten von Giske verliert der Roman an Stimmung und an Atmosphäre. Zu oft wird in der Vergangenheit gestöbert, zu oft wird die Vergangenheit verantwortlich für die Gegenwart gemacht, und ein sehr melancholischer Grundton nimmt überhand. Anna selber tritt im zweiten Teil des Buches in den Hintergrund, was ich sehr schade fand. Die Verknüpfung der beiden Frauenschicksale gelang meiner Meinung nach nicht, alles wirkt konstruiert und bemüht und das (sehr triviale) Ende setzt dieser Entwicklung leider noch das i-Tüpfelchen auf.

Der Name Melitta Breznik war neu für mich, es war das Cover, das mich in der Bücherei sozusagen ansprang. Die Österreicherin Melitta Breznik ist 1961 geboren, studierte Medizin und hat seit dem Jahr Jahr 2004 eine Praxis als Fachärztin für Psychiatrie und Psychotherapie in der Schweizer Stadt Chur.

Christine

Luchterhand Literaturverlag 2009, Hardcover 17,95 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3630872872

“Sommerlügen” von Bernhard Schlink

Wie auch in seinen anderen Büchern beschäftigt sich Bernhard Schlink in seinem neuesten Buch mit Vergangenheitsbewältigung. Doch diesmal geht es nicht um politische – deutsche – Vergangenheitsbewältigung sondern um private. Auf 7 Schauplätzen, vorwiegend in Deutschland und New York – setzen sich seine hauptsächlich männlichen Helden mit ihren Leben auseinander, mit Vergangenem und Gegenwärtigem. Sei es das Ende einer Beziehung, das Eintreten eines großen Erfolges, der bevorstehende Tod aufgrund einer Krebserkrankung oder die Begleiterscheinungen des Äter-Werdens, angesichts einer Zäsur, die im Leben eintritt, wird die Lüge zum Mittel, um Unangenehmem aus dem Weg zu gehen, Entscheidungen hinauszuzögern oder Geschehenes zu beschönigen. „Sommerlügen“ nennt sie der Autor, denn eingebettet in einem Rahmen von Sommerwind, idyllischer Landschaft, Urlaub und Unbeschwertheit lügt es sich offenbar ein bisschen leichter, doch die hier präsentierten Lügen ziehen weite Kreise und greifen ganz tief und massiv in das Leben der Figuren ein.

Bernhard Schlink versteht das schriftstellerische Handwerk. Prägnant, schnörkellos und flott erzählt er seine Geschichten, erklärt die Beweggründe und Entscheidungen seiner Figuren, nimmt den Leser an die Hand und führt ihn durch die Geschichten, ohne dass sich dieser selbst allzu viele Gedanken machen muss. Gedanken worüber eigentlich? Es sind keine schwerwiegenden Probleme, mit denen die Figuren – die durchwegs der gehobenen Mittelschicht entstammen - kämpfen, vielmehr sind es Befindlichkeitsstörungen und Sinnkrisen. Diesem „Jammern auf hohem Niveau“ wurde ich schnell müde, keine der Figuren ging mir ans Herz, kein Schicksal berührte mich tiefer, zudem es sich bei den Personen durchwegs um klischeebehaftete Stereotypen handelt. Ein stets durchklingender erhobener Zeigefinger hinsichtlich moralischem Anspruch macht diesen Erzählband für mich zu einem Buch, das man nicht wirklich gelesen haben muss.

Christine

Diogenes Verlag 2010, Hardcover 19,90 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3257067538