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Archiv der Kategorie Christine †

“Small Country” von NickHornby

Willkommen - wiedermal - in Nick Hornbys Mikrokosmos! In diesem Sammelband von 4 Erzählungen trifft man typische Hornby-Kreaturen, bevorzugt aus der unteren gesellschaftlichen Mittelschicht, etwas naiv gestrickt, doch mit genug Hausverstand ausgestattet, um den Widrigkeiten des Lebens, die so daherkommen, entgegenzustehen und das Beste daraus zu machen.

So erfährt die Mutter eines Halbwüchsigen ausgerechnet von der sensationslüsternen Nachbarin davon, dass ihr Sohn angeblich der Hauptdarsteller in einem Pornofilm ist und reagiert auf ihre Weise, ein 11jähriger Junge aus dem kleinsten Land der Welt lernt erste Grundzüge von solidarischem Zusammenleben, und versteht sich auch darauf, seine Talente letztendlich richtig einzusetzen, jener Schüler, der mit seinem Aufnahmegerät in Zukunft schauen kann, möchte die verbleibenden 6 Monate noch ausgiebig nützen und nicht zuletzt geht es darum, wer bestimmt, was Kunst ist.

Neben den typischen Hornby’schen Figuren kommen auch die typischen Hornby’schen Themen nicht zu kurz: Fußball, Kunst, Jugend, Pubertät, Eltern-Kind-Beziehungen gemischt mit leichter Provozierung und gesellschaftlichen Seitenhieben, die sich wie ein roter Faden durch die Stories ziehen, ebenso wie der schriftstellerische Kniff, sich direkt mit dem Leser in Verbindung zu setzen - teils um Sachen zu erklären, teils um Mitgefühl und Verständnis zu erheischen - und man langsam aber sicher auch als Leser Teil von Hornby’s small country wird.

Für Hornby-Liebhaber ein weiteres Stück in der Sammlung (wobei anzumerken ist, dass die letzte Erzählung “Nipple-Jesus” nicht neu ist und bereits im Jahr 2001 in einem Erzählband (”Speaking with an Angel”) auf deutsch erschienen ist. Eingefleischte Hornby-Fans mag ich vorwarnen, dass sich dieses Buch nicht als “Mogelpackung” entpuppt, den die beiden ersten Geschichten “Not a Star” und “Otherwise Pandominium” erschienen bereits in einem extra Sammelband auf englisch unter dem Titel “Otherwise Pendominium” im Jahr 2005 bei pocket penguins.

Für alle, die Nick Hornby (noch) nicht kennen ist es sicherlich ein netter Einstieg, allerdings würde ich in erster Line zu seinen Romanen (Fever Pitch, A long way down, About a boy, etc.) raten.

Christine †

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Übersetzung: Blumenbach und Hellmann, Hardcover 16,99 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3462043211

“Zwischenstationen” von Vladimir Vertlib

Im Jahr 1971 ist der damals 5-jährige Protagonist noch verwundert, warum am Bahnhof von Leningrad die ganze Verwandtschaft tränenreich Abschied von ihm und seinen Eltern nimmt, von einer Urlaubsreise war doch nur die Rede. Dass er seine Geburtsstadt bis auf Weiteres (genauer gesagt 25 Jahre) nicht mehr sieht, erfährt er erst im Zug. Sein Vater, ein Refjusinik (russischer Jude) hat endlich die heißersehnte Ausreisebewilligung erhalten und will das verhasste Russland hinter sich lassen. Israel ist das Ziel des glühenden Zionissten, in seinen Augen das „Gelobte Land“, in dem Juden willkommen sind und mit offenen Armen empfangen werden. Doch die Hoffnungen des Vaters werden rasch enttäuscht, vielmehr stellt sich für ihn Israel als „16. Sowjetrepublik“ heraus, ein unfertiges Land, geprägt von Bürokratismus und Korruption. Hier sieht er keine Zukunft für sich und seine Familie, es geht zurück nach Europa, einige Monate verbringen sie in Wien, das damals als Sprungbrett für Ausreisewillige galt, erklärtes Ziel ist Amerika. Der Vater ist nicht bereit, Opfer zu bringen, er lernt weder die Sprache noch gibt er sich Mühe, Arbeit zu finden. Er ist ein Phantast, seine einzige Beschäftigung ist das Schimpfen auf die Lebensumstände, das Hadern mit seinem Schicksal und das Träumen vom „Gelobten Land“, damit ist immer das nächste Ziel gemeint. Er verbringt Stunden und Tage auf diversen Behörden, während die Mutter sich mit den Umständen rasch arrangiert, die Familie ernährt. Obwohl sie studierte Mathematikern ist, ist sie sich für keinen Job zu schade, sieht das Leben pragmatisch, macht aus jeder Situation das Beste. Der Sohn läuft nebenher, bekommt kaum Aufmerksamkeit oder Geborgenheit, wird bei Nachbarn in Obhut gegeben und ständig darauf vertröstet, dass in der nächsten Heimat alles besser wird. Es folgen Aufenthalte in Amsterdam, in Ostia bei Rom, kurz wieder in Israel, dann wieder in Wien, zuletzt gelingt sogar eine Reise nach Amerika. Doch es sind nur Zwischenstationen, in keinem dieser Länder findet der Vater das, wonach er sucht, nirgends wird er mit offenen Armen empfangen, überall ist eigener Einsatz, Eigeninitiative gefragt. Der Sohn wird ständig aus einem Umfeld herausgerissen, auf seine Bedürfnisse wird keine Rücksicht genommen. Er hat nicht einmal die Gelegenheit, sich von seinen neuen Freunden oder Mitschülern zu verabschieden und ist diesem ständigen Ortswechsel völlig hilflos auseliefert. Doch auch der Junge zieht seine Schlüsse und beobachtet genau, und setzt am Ende des Buches (einen für mich etwas überzogenen) Schritt, der seine Eltern doch ein wenig vor den Kopf stößt.

Vladimir Vertlib erzählt die Odyssee dieser (seiner?) Familie distanziert und mit viel Humor, ohne zu moralisieren oder zu werten. Das Buch wird als „Roman“ bezeichnet, es lässt sich aber unschwer erkennen, dass hier Vertlib seine eigene Geschichte verarbeitet hat. Die Familie bleibt namenlos, und steht wohl für so viele Familien, die Ähnliches mitgemacht haben. Ein Leben, das aus Zwischenstationen besteht, geprägt von Heimatlosigkeit, Fremdheit, Zerrissenheit, Hoffnungen und vor allem Enttäuschungen. Ein leicht zu lesendes Buch, das fesselt und ein wenig Einblick darauf gibt, wie es ist, ständig „auf der Reise“ zu sein. Sehr lesenswert!

Vladimir Vertlib wurde 1966 in einer russisch-jüdischen Familie in Leningrad (UdSSR, heute: St. Petersburg) geboren. Seine Eltern waren Mitglieder einer illegalen zionistischen Organisation. 1971 emigrierte die Familie und kam über Israel, die Niederlande, die USA und Italien 1981 schließlich nach Österreich. Vertlib studierte in Wien Volkswirtschaftslehre und erhielt 1986 die österreichische Staatsbürgerschaft. Er war freier Mitarbeiter der japanischen Presseagentur Kyodo News Service, danach Statistiker bei der Österreichischen Kontrollbank und machte sich 1993 als Schriftsteller, Journalist und Übersetzer selbstständig. ( Quelle )

Christine

Deutscher Taschenbuch Verlag 2005, TB 11,90 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3423133418

“Unterwegs im Namen des Herrn” von Thomas Glavinic

Mit seinem Freund Ingo meldet sich der Ich-Erzähler und Atheist, der überraschenderweise Thomas Glavinic heißt, zu einer Busreise nach Medjugorje an. Weil er sehen möchte, „welche Menschen Pilgerreisen unternehmen“, und er erfahren will, „ wie es auf einer solchen Reise zugeht“. Er will „Menschen in ihrem Glauben erleben“, vielleicht auch, weil er sie „irgendwo tief in sich drin darum beneidet“. Soviel zu seinem frommen Wunsch. Eigentlich hätte es Lourdes werden sollen, doch die lange Anreise schreckt ihn ab, so wird Medjugorje als Ziel gewählt, und wie sich herausstellt, ist die Reise lange genug. Vor allem für den Leser. Denn der ungläubige Thomas, wie er sich gerne selber bezeichnet, wird nicht müde, Belanglosigkeiten und oberflächliche Beschreibungen der Mitreisenden zum Besten zu geben und nebenbei immer wieder zu betonen, wie trinkfest er nicht ist. Zudem sieht er sich als Nabel des Universums, sieht ständig die Blicke des Reiseleiters auf sich gerichtet, fühlt sich ständig persönlich angesprochen, was weniger auf sein gewinnendes Wesen als vielmehr auf seine ausgeprägte, ich würde sagen fast krankhafte, Egomanie zurückzuführen ist.
Und so begleitet der ungläubige Thomas diese – vor Klischees nur so strotzende – Pilgergruppe, die hauptsächlich aus alten frommen Bäuerinnen zu bestehen scheint, die rosenkranzbetend die Fahrt verbringt. Endlich am Ziel angekommen wird er von einer Angina dazu gezwungen, neben Alkohol auch noch Unmengen an Schmerztabletten zu konsumieren, sodass der Wallfahrt ein jähes Ende beschieden ist und er auf Freunde seines Vater zurückgreifen muss, die ihn über Mafia-Umwege nach Wien zurückbringen.

Aus der Thematik dieses Buches kann ein talentierter Schriftsteller viel herausholen. Wallfahrten und Pilgertum geben genug Stoff für eine gleichsam ironische wie auch ernsthafte Betrachtungsweise, doch was Glavinic hier vorlegt, hat mich eher fassungslos zurückgelassen. Das Buch ist lieblos, oberflächlich und belanglos, seine halbherzigen Versuche, die Angelegenheit mit Humor zu betrachten, scheitern kläglich. Er beleuchtet weder die Menschen, die Pilgerreisen unternehmen, er möchte eigentlich auch gar nicht wissen, wie es auf so einer Reise zugeht, noch weniger will er Menschen in ihrem Glauben erleben. Es dreht sich einzig und allein alles um einen Herrn Thomas Glavinic, der hauptsächlich mit seinem Handy befasst ist, sms-schreibend oder auf Netzsuche, und dessen Augenmerk in erster Linie darin liegt, den Alkoholfluss nicht versiegen zu lassen.

Es drängt sich mir der Verdacht auf, dass Herr Glavinic noch schnell ein Buch veröffentlicht hat, um vielleicht als Trittbrettfahrer ein wenig auf dem einträglichen (aber sinkenden) Markt der Pilgerberichte mitzufahren. Für mich ist das Buch eine Enttäuschung, ich kann den Hype rund um den Autor nicht nachvollziehen, und ich lasse nun endgültig die Finger von ihm.

Christine

Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 3446237399

“Karte und Gebiet” von Michel Houellebecq

Jed Martin ist Sohn eines Architekten und einer Selbstmörderin, in guten Verhältnissen aufgewachsen, Absolvent der Ecoles des Beaux-Arts in Paris, und bereits als junger Künstler mit den Fotografien von Michelin-Straßenkarten, die er Satellitenbildern gegenüberstellt, sehr erfolgreich. Den großen Durchbruch feierte er allerdings mit seinen Gemälden, die Porträts von Menschen in ihrer Arbeitswelt zeigen. Bilder vom einfachen Handwerker oder Kellner bis zu Werken mit ebenso klingenden wie sperrigen Namen wie „Bill Gates und Steve Jobs unterhalten sich über die Zukunft der Informatik” ,”Die Beate Uhse AG geht an die Börse” oder “Damien Hirst und Jeff Koons teilen den Kunstmarkt unter sich auf” gelangen zu Weltruhm und erreichen exorbitante Preise am Kunstmarkt.
Es gelingt ihm, den sehr kontrovers diskutierten und sehr bekannten, aber völlig zurückgezogen lebenden Schriftsteller Michel Houellebecq für die Verfassung eines Vorwortes für den Ausstellungskatalog zu gewinnen. Im Gegenzug soll der Schriftsteller, neben einer Gage von mehreren Hunderttausend Euro, ein Porträt – „Michel Houellebecq, Schriftsteller“ erhalten. Im Zuge der Zusammenarbeit entwickelt sich eine distanzierte Freundschaft zwischen den beiden, die durch einen bestialischen Zwischenfall ein jähes Ende findet.

Ich möchte vorausschicken, dass es mein erstes Buch von Michel Houellebecq war. Er ist mir natürlich bekannt als „enfant terrible“, als extravaganter, provozierender und in der Tat sehr kontrovers diskutierter Schriftsteller. „Karte und Gebiet“ ist ein sehr gesellschaftskritisches Buch, doch ich fand es weder provokant, noch sexbesessen oder aggressiv. In manchen Buchbesprechungen wurde dieses Buch als „gemäßigt“ oder sogar „weichgespült“ bezeichnet, wie gesagt fehlt mir der Vergleich. Als Einstieg in Houellebecqs Werk halt ich es für nicht sehr geeignet. Zu sehr wird auf die Person des Michel Houellebecq Bezug genommen, der ja in diesem Buch eine tragende Figur spielt und ich kann nicht abschätzen, wie sehr diese Darstellungsweise ironisch, selbstkritisch oder gar arrogant gemeint ist. Ich habe aber schwer das Gefühl, dass Houellebecq seinen Kritikern mit diesem Buch eins auswischen will, hier auf seine eigene Art und Weise Stellung nimmt zu Unterstellungen und Gerüchten rund um seine Person.

Houellebecq zeichnet eine Vision der nahen Zukunft – wir sehen uns etwa im Jahr 2030. Das Künstlermilieu ist Hauptschauplatz, die Vereinnahmung und Vermarktung der Künstler durch die Medien und durch Agenturen im Blickpunkt. Es fallen viele Namen französischer Künstler, Medienstars und Institutionen mit denen ich nicht viel anfangen konnte. Insider können mit diesen Informationen wohl mehr anfangen. Mit teils wehmütigem, aber immer sehr kritischem Blick wird die Gesellschaft analysiert, der Verlust der Kultur aufgezeigt, der sich nicht nur im Sterben der Kaffeehäuser oder im Überhandnehmen von asiatischen oder russischen Restaurantketten manifestiert. Kinder werden durch Hunde ersetzt, Familienleben, zwischenmenschliche Beziehungen, Freundschaften fallen der Schnelllebigkeit zum Opfer.

Houellebecqs glasklare Formulierkunst und prägnanter Stil konnten mich überzeugen, und ich möchte auf jeden Fall mehr von ihm lesen.

Christine

Dumont Buchverlag 2011, Übersetzung: Uli Wittmann, Hardcover 22,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3832196394

“Der Hundertjährige, der aus dem Fenster stieg und verschwand ” von Jonas Jonasson

„Es ist wie es ist, und es kommt wie es kommt“ – dieser Leitspruch begleitet den mittlerweile 100-jährige Allan Emanuel Karlsson sein Leben lang, ein Leben das turbulenter nicht sein kann.
Trotz seines fortgeschrittenen Alters ist Allan körperlich und geistig überaus agil, und um den angekündigten Feierlichkeiten zu seinem 100. Geburtstag, zu denen sich sogar der Bürgermeister angekündigt hatte, zu entkommen, springt er kurzerhand aus dem Fenster des Seniorenheimes und verschwindet Richtung Bahnhof. Dort wird ihm von einem etwas zwielichtigen Kerl dessen Koffer zum Aufpassen während des WC-Besuches überlassen, da aber Allans Bus ging und er denn Koffer nicht unbeaufsichtigt lassen konnte und auch ein bisschen deshalb, weil er sich im Koffer nützliche Utensilien wie Kleidung oder Schuhe erhoffte, nimmt er den Koffer mit, ohne zu ahnen, dass sich darin jede Menge Geld aus einem illegalen Drogendeal befindet. Sein Reiseziel wählte er willkürlich, dort trifft er zufällig auf Julius, einen liebenswerten Kleinkriminellen, der sich mit Gaunereien, Diebstählen und Betrügereien aller Art über Wasser hält. Für beide beginnt eine turbulente Flucht, die seinesgleichen sucht, einerseits vor der Drogendealer-Bande, die den Koffer zurückhaben will, andererseits vor der örtlichen Polizei und den Medien, da das Verschwinden des Hundertjährigen natürlich nicht unentdeckt blieb und großes Echo auslöste. Abwechselnd mit der Schilderung dieses urkomischen Roadtrips, der von neuen Freunden bereichert, von zwei Leichen gepflastert und jeder Menge Alkohol gezeichnet ist, wird aus dem nicht weniger turbulenten Leben des Allan Karlsson erzählt, den so schnell nichts mehr überraschen kann. Ohne selber allzuviel beizutragen, hatte er bei unzähligen historischen Ereignissen des 20. Jahrhunderts seine Finger im Spiel. Schicksal, Zufall und meist eine Verkettung von mehr oder weniger glücklichen Umständen lassen ihn auf den historischen Schauplätzen des 20. Jahrhunderts agieren. Selber zutiefst unpolitisch, war er auf Du und Du mit den Großen der Weltpolitik. Er rettete z.B. Franco das Leben, trank mit Truman und Stalin um die Wette, hatte bei der Erfindung der Atombombe die zündende Idee, spielte im Kalten Krieg eine entscheidende Rolle und mischte die Politik in Asien ordentlich auf.

Wenn auch die Idee nicht neu ist – wurde sie doch durch die Figur des Forrest Gump m.E. unübertrefflich abgehandelt – so bescherte mir Jonas Jonasson einen Lesegenuss der besonderen Art. Mit ungeheurer Phantasie und Kreativität, Situationskomik und Wortwitz wird hier eine absurde Lügengeschichte dermaßen ernsthaft und selbstverständlich erzählt, wie ich es bisher nur bei John Irving gelesen habe. Ohne Rücksicht auf historische Tatsachen und oft fast schon an der Grenze zur Geschmacklosigkeit werden Realität und Fiktion vermischt, werden historischen Personen besondere Eigenschaften und/oder Familienmitglieder angedichtet, werden Staaten verunglimpft und politische Systeme irrwitzig dokumentiert.

Stilistisch ist das Buch einfach gehalten, stellt keine allzu hohen Ansprüche und liest sich dementsprechend enorm flott. Wer unter diesen Voraussetzungen sich ein paar Stunden gut unterhalten lassen will, zudem Fan von John Irving und/oder Arto Paasilinna ist, dem sei dieses Buch sehr ans Herz gelegt!

Jonas Jonasson (Klappentext):
geb. 1962 im schwedischen Växsjö, arbeitete nach seinem Studium in Göteborg als Journalist. Später gründete er eine Medien-Consulting-Firma. Doch nach 20 Jahren in der Medienwelt verkaufte er alles und zog in den Schweizer Kanton Tessin, wo er sich seither dem Schreiben widmet. Zurzeit arbeitet Jonasson an seinem zweiten Roman.

Christine

carl’s books Verlag 2011, Übersetzung: Wibke Kuhn, Brochur 14,99 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3570585016

“EisTau” von Ilija Trojanow

Zeno Hintermeier, „Mr. Iceberg“ ist Gletscherforscher, Glaziologe, und eine Koryphäe auf diesem Gebiet. Zeit seines Lebens verbrachte er mit dem Beobachten und Studieren von Gletschern. Als sich aber seine Arbeit immer mehr darauf konzentriert, das Schmelzen des ewigen Eises zu beobachten und er erkennt, dass er bestenfalls protokollieren, aber nichts ändern oder gar aufhalten kann, sieht er seine Grenzen als Wissenschaftler erreicht, seine Trauer wird zur Wut, er gibt seinen Beruf auf und heuert auf einem Kreuzfahrtschiff in der Antarktis als Expeditionsleiter an, um den Passagieren die unberührte Natur der Antarktis näher zu bringen und v.a. sein großes Anliegen, die Umweltproblematik zu thematisieren. Doch dieser Job ist so unbefriedigend wie zermürbend, Zeno scheitert an der Ignoranz der Passagiere, der Gleichgültigkeit der Spaßgesellschaft, der jegliche Respekt vor der Natur abhanden gekommen ist, die sich an Walfang-Praktiken ergötzt, Pinguine „zum Angreifen“ sucht, Souvenirshops am Ende der Welt stürmt und das feudale Leben an Bord genießt. Als dann auch noch ein Aktionskünstler in der Antarktis (und mit der Antarktis) Kunst inszenieren will, platzt ihm der Kragen ….

„Der einzelne Mensch ist ein Rätsel, einige Milliarden Menschen, organisiert in einem parasitären System, sind eine Katastrophe“ ( S.167). Ilija Trojanow thematisiert in seinem Buch - auch mit viel Zynismus und Ironie - die Umweltthematik, die sukzessive Zerstörung der Umwelt durch den Menschen und gleichzeitig die Ignoranz, die Gleichgültigkeit, mit der wir diese Zerstörung zulassen. Das Buch ist unangenehm, sehr unangenehm sogar, denn die Ausrede, man fahre ja nicht mit einem Luxusdampfer in die Antarktis, gilt nicht. Ein Leben ohne oder gegen die Natur ist nicht möglich, Umweltzerstörung geschieht jeden Tag zu jeder Zeit auf jedem Flecken der Erde. Trojanow prangert v.a. die Ignoranz der Gesellschaft an, zweifelt aber gleichzeitig auch an seinen Möglichkeiten als Schriftsteller, hier eine Lösung anbieten zu können: ”

„Lebende Autoren hingegen, das erfuhr ich, wann immer ich die Zeitung aufschlug, sollen sich bescheiden, ein wenig anregen, ein wenig erregen, ein wenig aufregen, aber auf gar keinen Fall die Welt verändern wollen. Wie soll man noch zu Lebzeiten aufrütteln? Beschämung funktioniert nicht, da sich jeder selbst öffentlich bloßstellt, Pathos funktioniert nicht, da alles kleingeredet wird. Und Gewalt? Gewalt ist die einzige Sprache, die noch nicht von den Etiketten der Sponsoren überklebt ist.“ (S. 146)

Das Buch ist mit seinen knapp 170 Seiten, eingeteilt in 12 Kapitel, verhältnismäßig dünn. Jedem Kapitel ist eine Art „Logbuch“ angehängt, ein Sammelsurium aus wirren Schlagzeilen, Seemannsfloskeln und Funksprüchen, das eklatante Stilbrüche darstellt und den Erzählfluss stark hemmt, doch das Buch soll ja nicht nur inhaltlich, sondern auch lesetechnisch unangenehm sein.
Eine Leseempfehlung an jedermann!

Christine

Carl Hanser Verlag 2011, Hardcover 18,90 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3446237575

“Wiedersehen in Fiumicino” von Reinhard Kaiser-Mühlecker

In seinem dritten Roman verlässt Reinhard Kaiser-Mühlecker den immer sehr beschaulich dargestellten Schauplatz Österreich seiner beiden Romane „Der Gang über die Stationen“ und „Magdalenaberg“ und führt den Leser nach Argentinien. Im Mittelpunkt steht Joseph, zurückhaltender und etwas zielloser Wiener Agraringenieur, der in Buenos Aires an einer Studie der Lebensmittelindustrie arbeitet, akribisch das Sortiment von Supermarktketten durchforstet und sich überdies den Anbau von Gen-Soja erforscht. So konsequent, genau und verlässlich er seine Arbeit erledigt (über die man leider nicht viel erfährt), so nachlässig, fahrlässig und egoistisch regelt er seine privaten Dinge. Seine Wiener Freundin hat er von seinem Auslandsaufenthalt nicht informiert, und in Buenos Aires zieht er nach wenigen Tagen zu Savinia, einer begabten Musikerin, die allerdings an ihr Talent nicht glaubt, die er dort kennenlernt, um sie aber kurz später genauso schnell wieder zu verlassen.

Während dieser Zeit in Buenos Aires kreuzen sich die Lebenswege der insgesamt vier Protagonisten, die alle irgendwie mit Joseph verbunden sind. Sein ehemaliger Wiener Freund Hans Kramer ist schon vor Jahren ausgewandert, nennt sich Juan und arbeitet als Museumswärter, Augusto ist Arzt und Sohn eines argentinischen Großgrundbesitzers, der mit seinem Vater aufgrund dessen Profitstreben gebrochen hat.

Die Protagonisten kommen abwechselnd – jeweils in der Ich-Form – zu Wort, Joseph steht immer im Fokus des Erzählten. Genau dieser Kniff macht dieses Buch zu etwas Besonderem, ist aber gleichzeitig auch das größte Problem. Ein und dieselbe Situation wird im nächsten Kapitel aus der Sichtweise eines anderen erzählt, wird dadurch viel plastischer und stellt sich plötzlich ganz anders dar. Der Einstieg fällt sehr schwer, zu Beginn tummeln sich die vielen „Ichs“ und sind nur schwer einzuordnen. Doch mit den Kapiteln lernt man die Charaktere näher kennen und kann so auch die Erzählenden besser zuordnen. Das Buch liest sich aufgrund der ständig wechselnden Perspektiven sehr kurzweilig, der Sprachstil ist ausgefeilt und detailverliebt, und dennoch fehlte mir das gewisse Extra, bleibt es mir ein wenig zu sehr an der Oberfläche. Ob es an der sehr betonten Bemühung, dem Buch einen Touch von Globalisierung zu verleihen, oder ob es einfach nur daran liegt, dass man vielleicht zu viele Themen auf 300 Seiten verpackt hat , kann ich nicht sagen. Dennoch sehr lesenswert, wenn auch meiner Meinung nach nicht das beste Buch des Schriftstellers!

Christine

Hoffmann und Campe Verlag 2011, Hardcover 20 €, 318 Seiten, ISBN: 978-3455403091

“Und nehmen was kommt” von Ludwig Laher

Die Kindheit des Roma-Mädchens Monika ist geprägt von einem ständig betrunkenen Vater und einer völlig überforderten Mutter, Armut, Hunger, von geistiger und körperlicher Verwahrlosung und Vernachlässigung. Welche Zukunft hat ein Mädchen, dem keinerlei Bildung oder Weltgewandtheit zuteil wurden? – Eigentlich keine. Und so landet Monika im Kinderheim, macht erste Drogenerfahrungen und lässt sich durch das schnelle Geld am Straßenstrich blenden. Sie wird von einem Zuhälter zum nächsten weitergereicht, ihre Gutgläubigkeit und Naivität, ihre absolute Ahnungslosigkeit was die Dinge des Lebens anbelangt, bringen sie immer näher an den Abgrund, jeder selten auftauchende Lichtblick wird zu einer weiteren herben Enttäuschung. Alkohol und Drogen machen ihr dieses Leben zumindest ertragbar, oft sieht sie den letzten Ausweg nur noch im Suizid, doch auch diese Versuche misslingen.

Ludwig Laher, bekannt dafür, stets heikle Themen (Asylthematik in „Verfahren“ oder Behinderung in „Einleben“) in Angriff zu nehmen, erzählt fast dokumentarisch und sehr im Detail den traurigen Lebensweg der Monika und zugleich eine Gesellschaftsstudie über das Leben der Roma. Mit feiner psychologischer Klinge lässt er den Leser teilhaben an diesem fast unabwendbaren Schicksal einer eigentlich starken Frau mit viel Selbstdisziplin, die aber dem Leben nicht gewachsen ist, die den Weg aus der Schlinge einfach nicht findet und immer an die falschen Personen – meist Männer – gerät. Insgesamt ein fesselndes Buch, wenn auch an manchen Stellen zu viel erklärt, zu viel dokumentiert wird, dem Leser kaum Raum für eigene Gedanken gegeben wird und ein etwas märchenhaft anmutender Schluss den Lesegenuss etwas schmälern.

Ludwig Laher wurde Ende 1955 in Linz an der Donau geboren. Nach Volksschule und Gymnasium studierte er in Salzburg Germanistik, Anglistik und Klassische Philologie, unterrichtete an einem Salzburger Gymnasium, immer wieder auch als Lehrbeauftragter an div. Universitäten. Derzeit arbeitet er parallel als Autor und Lehrer. Zuletzt erschien das Buch “Verfahren”, das es auf die Shortlist des Deutschen Buchpreises 2011 schaffte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Broschur 9,95 €, 221 Seiten, ISBN: 978-3852188850

“Drei starke Frauen” von Marie NDiaye

Drei Frauen, drei Leben, drei Schicksale. Drei eigenständige Geschichten, die subtil miteinander verwebt sind.

Norah ist Rechtsanwältin, ihr Vater hat seine Frau und die beiden Töchter verlassen, den Sohn hat er mitgenommen. Norah wurde nichts geschenkt im Leben und als sie jetzt ihr Vater, zu dem sie jahrelang keinen Kontakt hatte, zu sich bittet um ihn bzw. seinen Sohn aus der Klemme zu helfen, regt sich in ihr großer Widerstand, alte Wunden reißen auf und der Fokus wird auf Vorfälle in ihrer Kindheit gerichtet, die sie lieber vergessen würde…

Fanta ist die zweite Protagonistin. Ihre Geschichte erfährt man von ihrem Ehemann Rudy, einem suspendierten Französischlehrer, der voller Mannesstolz Fanta aus dem Sumpf geholt hatte, den großen Gönner gespielt hat und ihr die Welt zu Füßen legen wollte, ehe er von seiner Vergangenheit eingeholt wurde und sein wahres Ich zum Vorschein trat, Aggressivität und Gewalt überhand nehmen und er das Leben beider zerstörte.

Die dritte Geschichte erzählt von Khady. Nach dem Tod ihres Mannes wird die kinderlos gebliebene Frau von dessen Familie nur geduldet, um diesem Schicksal zu entrinnen begibt sie sich in die Hände von Schleppern, die sie nach Frankreich bringen sollen. Sie ist fürchterlichen Zuständen ausgesetzt, wird betrogen, ausgenutzt und landet schließlich als Prostituierte in einem Durchgangslager.

Alle drei Schicksale spielen sich zwischen Senegal und Frankreich ab und führen in diesen – zumindest mir - so fremden Kulturkreis. Allen drei Frauen ist von kleinauf ein Schicksal in einem von Männern und von Gewalt beherrschten Umfeld auferlegt, dem es kein Entrinnen gibt. Keine der drei Frauen stellt sich aktiv gegen dieses Schicksal, sie ertragen Erniedrigungen, Demütigungen und Gewalt. Dennoch erscheinen sie als starke Frauen, den sie behalten sich bis zuletzt und in jeder Situation ihre Würde und Menschlichkeit und lassen so die Männer – seien es Väter oder Ehegatten – schwach aussehen. Sie dulden das Schicksal, nehmen seelische und körperliche Verletzungen mit einer erstaunlichen Gelassenheit hin, ohne aber passiv zu wirken, ohne sich geschlagen zu geben.

Sprachlich ausgefeilt, detailreich, mit manch magischen Elementen gespickt und sehr elegant schildert Marie NDiaye die Gefühlswelten der Protagonistinnen, doch für mich wirken dadurch die Bitterkeit, die Tristesse, die Härte und die Grausamkeit noch beklemmender. Das Buch berührte mich tief und ich halte es mit der Sabine Rohlf (Berliner Zeitung) die meinte „Mit ihrer eindringlichen und ziemlich schonungslosen Wirklichkeitsnähe sagt NDiaye sehr viel über eine Welt, in der die einen vom Design ihrer Einbauküche, die anderen vom schlichten Überleben träumen

Inwieweit Marie NDiaye, geb. 1967, aufgewachsen in einem Vorort von Paris, der Vater verließ die Familie Richtung Senegal als sie ein Jahr alt war, ihre senegalesischen Wurzeln und ihre Familiengeschichte verarbeitete, lässt sich nur erahnen. Sie lebte in vielen Ländern Europas ehe sie sich vor einigen Jahren mit ihrer Familie in Berlin niederließ. Für “Drei starke Frauen” erhielt sie den Prix Goncourt 2010, sehr verdient, wie ich meine!

Christine

Suhrkamp Verlag 2010, Übersetzung: Claudia Kalscheuer, Hardcover 22,90 €, 342 Seiten, ISBN: 978-3518421659

“Letzte Ausfahrt vor der Grenze” von Irene Prugger

Das Leben ist wie eine Autobahn …. es gibt immer wieder die Möglichkeit, die breite, geradlinige und sicher ans Ziel bringende Straße zu verlassen, um sich über eine verzweigte, schmale Ausfahrt einen neuen Weg zu suchen, oder aber auf der sicheren, bekannten Fahrbahn bleiben, die einem sicher und komplikationslos ans Ziel bringt. Ein Zurück gibt es nicht, die Entscheidung verbleibt beim Fahrer, der Beifahrer muss mit ….. dieser Vergleich fällt mir ein, nachdem ich diese Kurzgeschichtensammlung gelesen habe. Die 18 Stories lesen sich rasch weg, unter dem Motto „eine geht noch“ habe ich sie binnen 24 Stunden gelesen. Sie sind sehr unterschiedlich und abwechslungsreich, obwohl sie doch vom gleichen Thema handeln: Beziehungen, bevorzugt langjährige Paarbeziehungen mit all ihren Schikanen. Die Charaktere sind aus dem Alltag gegriffen, man erkennt Herrn Huber und Frau Maier aus der Nachbarschaft wieder, und hin und wieder auch sich selber. Die Geschichten können jederzeit und jeden Tag irgendwo in der Nähe passieren, und doch wird es nicht langweilig, sie zu lesen! Sei es das Ehepaar, das sich nach vielen Ehejahren eine Woche getrennten Urlaub gönnt, eine Politikergattin, die genug vom Schattendasein hat und sich einen Geliebten zulegt und dabei einen kapitalen Fehler macht, ein Selbstmörder, der für 3 Stunden Zugverspätung sorgt, der ledige Bauer, der alle Liebeshoffnung auf eine Osteuropäerin aus dem Internet setzt oder die Lehrerin, die alle Hoffnungen in einen kleinen Jungen setzt ….. Mit einem ordentlichen Schuss Witz und Ironie garniert verleiht die Autorin jeder Geschichte trotz schnökelloser, oft nüchtern-distanzierter Erzählweise einen besonderen Charme und auch Tiefgang und lässt sie nicht “alltäglich” wirken. Einzig das sich ständig wiederholende Rollenbild, das man in vielen der Geschichten vorfindet - beruflich erfolgreicher Mann, der sich die eine oder andere Freiheit herausnimmt und duldsame, schweigende, fast demütige Frau die sich um Haushalt und Kinder kümmert - hat mich am Ende doch gestört. Insgesamt ein nettes Büchlein für Zwischendurch!

Irene Prugger: geb. 1959 in Hall/Tirol. Seit 1988 freie Journalistin und Schriftstellerin, verfasst Prosa, Hörspiele und Theatertexte.

Christine

Haymon Verlag 2011, Hardcover 19,90 €, 184 Seiten, ISBN: 978-3852186993