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Archiv der Kategorie Biographie

“Abschied von der Schwester” von Gabriele Wohmann

Klappentext:
Eine außergewöhnlich große Vertrautheit und Zuneigung verbindet die beiden Schwestern seit der Kindheit. Als bei der Älteren ein inoperabler Gehirntumor diagnostiziert wird, beginnt eine Zeit der Angst, des Hoffens und des Abschiednehmens. Wie vielschichtig und wechselhaft die Gefühle sind, die bei der Kranken, den Angehörigen und Freunden aufbrechen, bringt Gabriele Wohmann in verschiedenen Texten eindrucksvoll und mit ihrem ganzen erzählerischen Können zum Ausdruck. Schonung oder Konfrontation, was ist der Kranken, was einem selbst zuzumuten? Kann man Schmerz und Angst überhaupt teilen? Was bleibt, wenn nicht nur der körperliche Verfall fortschreitet, sondern sogar das Sprechen, Schreiben, Lesen unmöglich wird?

Nicht immer ist es ratsam, den Klappentext zu lesen. Bei diesem Buch ist es meiner Meinung nach unabdinglich. Ansonsten läuft man Gefahr, völlig orientierungslos das Buch abzubrechen oder in die nächste Ecke zu feuern. Mit dem Wissen aber, dass Gabriele Wohmann mit diesem Buch den Tod ihrer Schwester, mit der sie eine fast symbiotische Beziehung verbindet, verarbeitet, wird diese – ich nenne sie mal „Textsammlung“ - zu einem Beispiel dafür, welche Möglichkeiten Literatur und Sprache bieten, mit dem Thema „Tod“ umzugehen, aber auch. welche Möglichkeiten und Herangehensweisen das Leben bietet.

Zwischen stichwortartigen Tagebucheintragungen von Gabriele Wohmann, die dafür stehen, dass trotz der niederschmetternden Diagnose die Welt sich weiterdreht, erzählt die Autorin in von der gemeinsamen Kindheit, der ersten Diagnose, die Zerrissenheit zwischen Bangen und Hoffen und auch, wie die Umwelt auf diese Diagnose reagiert. Von Mitleid bis Solidarität, von der Angst vor der Realität, dem Hoffen auf Wunder dreht sich alles um die Frage: wie gehe ich mit der Situation um, wie begegne ich als Außenstehender dem Betroffenen.

Das Buch empfand ich als sehr schwierig zu lesen, die Personen wechseln ständig, auch gibt es - ausgenommen die Tagebucheintragungen – keinen chronologischen Ablauf. Ich gebe zu, einiges nicht (richtig?) erfasst und verstanden zu haben, doch insgesamt konnte ich mir die eine oder andere Anregung mitnehmen, und v.a. gab es den einen oder anderen Denkanstoß über eigenes Verhalten und Denkweisen.

Als Wohmann-Einstieg vielleicht nicht unbedingt empfehlenswert – ich werde aber auf jeden Fall Ausschau nach weiteren Büchern der Autorin halten!

Christine

Pendo Verlag 2001, Hardcover vergriffen, 224 Seiten, ISBN: 978-3858423962

“Unvollständige Erinnerungen” von Inge Jens

Inge Jens wurde 1927 in Hamburg geboren. Sie studierte Germanistik, Anglistik und Pädagogik. 1953 promovierte sie.

Es wäre unfair und auch unredlich, würde man Inge Jens jeweils nur auf ihre Stellung als „die Ehefrau von Walter Jens“ versuchen zu definieren. Inge Jens ist weitaus mehr, eine selbständige und emanzipierte Frau, die nur zufällig mit Walter Jens verheiratet ist. Schließlich war es Inge Jens, die die Tagebücher von Thomas Mann herausbrachte – es war nicht Walter Jens der sich dieser gewaltigen Arbeit unterzog.

In dieser Autobiographie schaut Inge Jens auf ein langes und interessantes Leben zurück. Anfangs geschieht dieses sehr distanziert, fast schon kühl. Am Ende aber, als sie sich intensiv mit der Demenzerkrankung ihres Mannes befasst, da öffnet sie sich, da schildert sie wie es ist mit einem Partner zu leben, der schwer demenzkrank ist. Hervorzuheben ist, dass sie sich hier nicht als die Ehefrau gibt, die sich ohne Ende grenzenlos aufopfert; ganz im Gegenteil. Sie macht deutlich, wie schwer es ihr fällt, ihr eigenes Leben aufgrund dieser Krankheit stark zu beschneiden, sie schildert ihre Gereiztheit, ihre Ungeduld – aber gerade auch aus diesen sehr menschlichen und sehr persönlichen Schilderungen vermag man zwischen den Zeilen die große Hingabe zu lesen, die sie mit ihrem Mann verbindet. Gerade der letzte Teil dieser Autobiographie berührt.

Inge Jens ist ohne Frage eine der ExpertenInnen für in Bezug auf Katia Mann und auf deren Mutter. Ihre Bücher „Frau Thomas Mann“ und „Katias Mutter“ gehören in meinen Augen in die oberste Klasse der Biographieliteratur.

Inge Jens hat den Spagat geschafft. Den Spagat zwischen Mutter und Ehefrau auf der einen Seite und der Arbeit als Biographin und Schriftstellerin auf der anderen Seite.

Eine faszinierende Autobiographie die uneingeschränkt empfohlen werden kann.

Jan

rororo Verlag 2010, Taschenbuch 9,95 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3499626104

“Hans, mach du das!” von Hans Apel

Hans Apel, geboren 1932 in Hamburg, war von 1974 bis 1978 Finanzminister und von 1978 bis 1982 Verteidigungsminister der Bundesrepublik Deutschland. Nach 25 Jahren schied er 1990 aus dem Bundestag aus. Er ist Honorarprofessor für Finanzpolitik und europäische Integration an der Universität Rostock und seit 1990 Aufsichtsratsvorsitzender in ostdeutschen Braunkohle- und Stahlunternehmen. U.a. sind von ihm “Der Abstieg” und “Die deformierte Demokratie” erschienen.

Hans Apel hat ein sehr interessantes Buch geschrieben und es scheint ein ehrliches Buch zu sein. Zeitgeschichte aus erster Hand. Apel nimmt keine Rücksichten, auch nicht auf sich selbst, auch wenn vieles etwas selbstgerecht und sogar verbittert klingt. Hans Apel ein gestandener Sozialdemokrat hadert mit seiner Partei, an der er verzweifelt und die dann für ihn nicht mehr übrig hatte, als einen sinnbildlichen Fußtritt. Er beschreibt seine Genossen ohne ein Blatt vor den Mund zu nehmen, er geht hart mit ihnen ins Gericht, die „Political Correctness“ sucht man in diesem Buch vergeblich. So schreibt jemand, der kurz Vollendung des achten Lebensjahrzehnts steht, der keine Rücksichten mehr nehmen muss. Aber auch die eigenen Fehler zeigt er gnadenlos auf.

Hans Apel macht deutlich, dass der SPD heute die „echten“ Köpfe fehlen und dass die Partei – wie die anderen Parteien auch – von Karrieristen beherrscht wird, Leuten, denen es nicht mehr um die Sache sondern nur noch um die eigene Person geht. Mit großer Sorge sieht er auch, dass beiden großen Volksparteien heute kaum noch zusammen auf 60 Prozent Stimmanteile kommen und das sich die Parteien und die in ihnen organisierten Politiker immer weiter von ihren Wählerinnen und Wähler entfernen.

Manchmal ist er aber auch sehr verbohrt, der Parteisoldat Hans Apel. So ganz scheint er die neue Zeit nicht zu begreifen und versucht krampfhaft am Alten festzuhalten. Das Alt und Neu sich verbünden müssen, um für die Menschen wirklich etwas zu erreichen, das scheint Hans Apel nicht zu begreifen.

Dieses Buch ist ein Stück gelebte Zeitgeschichte, interessant, aber das keinesfalls unkritisch gelesen werden sollte.

Jan

Brunnen-Verlag 2010, Hardcover 14,90 €, 195 Seiten, ISBN: 978-3765517938

“Die Radikalität des Alters: Einsichten einer Psychoanalytikerin” von Margarete Mitscherlich

Margarete Mitscherlich wurde 1917 in Dänemark geboren. Sie studierte Medizin und Literatur in München und in Heidelberg und wurde 1950 in Tübingen zum Dr. med. promoviert. 1947 traf sie den Arzt und Psychoanalytiker Alexander Mitscherlich den sie dann 1955 heiratete. Gemeinsam mit ihm veröffentlichte sie das Buch „Die Unfähigkeit zu trauern“.

In diesem Buch erzählt Margarete Mitscherlich ein wenig aus ihrem Leben, sie erzählt auch vom Werden und Wesen der Psychoanalyse. Es ist eine Reise durch ihr Denken und Fühlen und es ist aber auch eine Bestandsaufnahme eines langen Lebens. Neues oder gar Unbekanntes erfährt der Leser nicht. Leider bleibt dieses Buch in vielen Dingen nur an der Oberfläche, einiges wird lediglich polemisch aufgearbeitet. Das Buch hat mich insgesamt doch ein wenig unbefriedigt zurückgelassen. Statt „Radikalität des Alters“ hätte vielleicht auch den „Altersstarsinn“ mit in den Titel nehmen können. Margarete Mitscherlich ist oftmals sehr selbstgefällig und schafft es dabei, den Graben zwischen den Geschlechtern weiter zu vertiefen.

Aber damit hätte ich wohl rechnen müssen. Verfasserin des Vorwortes ist die hinlänglich bekannte Nervensäge der fundamentalistisch-feministischen Bewegung, Alice Schwarzer. Auch sie hat außer bekannten Schlagworten und populistischen Frauenparolen kaum etwas Sinnvolles beizutragen.

Man hätte sich als Leser mehr Informationen über den Lebenslauf von Margarete Mitscherlich gewünscht. Das was sie aus ihrem Leben erzählt wirkt kühl und sehr distanziert und hat dann auch mehr den Anschein eines tabellarischen Lebenslaufes. Diesem Buch fehlt insgesamt die Tiefe, die man gerade bei dieser Frau hätte erwarten dürfen. Und vielleicht, dieses gilt auch für Alice Schwarzer, ist irgendwann einmal der Zeitpunkt gekommen, wo es besser ist den Mund zu halten, wo man auch dem Alter Tribut zollen muss. So gerät der Teil über das Wesen der Psychoanalyse mehr zur Abrechnung mit dem männlichen Teil der Gesellschaft. Naja – wenn Frau Mitscherlich das nötig hat – bitte sehr.

Von diesem Buch hatte ich mir offen gestanden mehr versprochen – viel mehr sogar. 18.95 EUR für ein kleines Ärgernis ist Geld, welches man vielleicht für andere Dinge hätte sinnvoller ausgeben können.

Aber natürlich ist nicht alles schlecht. Der Passus über die Kindertotenlieder von Gustav Mahler war wirklich sehr interessant und lesenswert. Aber 16 wirklich lesenswerte Seiten von einer Gesamtseitenzahl von 267 sind dann doch etwas zu wenig.

Ich bin mir aber trotzdem sicher, dass es zu diesem Buch auch völlig andere Meinungen gibt. Die Alice-Schwarzer-Brigaden haben sich zu mir eine völlig konträre Sichtweise.

Jan

Fischer Verlag 2010, Hardcover 18,95 €, 267 Seiten, ISBN: 978-3100491169

“Reiner Wein” von P. G. Wodehouse

P. G. Wodehouse wurde 1881 in Guildford, Surrey geboren und starb 1975 in Long Island. 1902 veröffentlichte er seinen ersten Roman.

Wer mit diesem Buch eine Autobiographie im klassischen Sinne erwartet, der sollte das Buch schnellstens wieder beiseitelegen. Denn es (das Buch) ist alles, aber ganz sicher keine Autobiographie wie man sie normalerweise gewohnt ist. Nicht umsonst lautet der Untertitel ja auch „Autobiographische Abschweifungen“.

Ein wenig erzählt P.G. Wodehouse schon aus seinem Leben, von seinen Anfängen als Bankangestellter, von seinen ersten schriftstellerischen Gehversuchen und ein wenig auch von seiner Familie. Aber es erscheint ihm wohl wichtiger gewesen zu sein, von Knebelbärten in Kalifornien zu erzählen, von Gürteltieren und Schirkenschneckensammeln und von so manch anderen skurrilen Dingen. Und er erzählt alles auf seine unnachahmliche Art und Weise, humorvoll ohne jedoch in Klamauk abzurutschen, er wird nie verletzend, auch dann nicht, wenn er über die Schwächen seiner Mitmenschen schreibt – immer schafft er es die Balance zu halten, nie gleitet er in die triviale Oberflächlichkeit ab. Und eines muss man P. G. Wodehouse in jedem Falle attestieren: Sich selbst nimmt er auch nicht so sehr ernst. Er kann eben auch über sich selbst lachen, eine Eigenschaft die heutzutage nicht unbedingt mehr so sehr verbreitet ist.

„Reiner Wein“ ist ein Buch welches man nicht unbedingt „in einem Rutsch“ durchlesen muss. Es schadet nicht, wenn man es ab und an mal für etwas anderes aus der Hand legt. Beim Lesen „in einem Stück“ könnte es ggf. sogar passieren, dass man die eine oder andere Passage, dass eine oder andere Bonmot vielleicht sogar überliest, oder nicht mit der Aufmerksamkeit liest, die angebracht gewesen wäre.
VANITY FAIR schrieb dazu: „Reiner Wein sollte nur in kleinen Schlucken genossen werden, ansonsten macht der unvergleichliche Humor von Plum Wodehouse schnell besoffen.“

Dieses Buch bietet gute niveauvolle Unterhaltung und eben auch den so typischen britischen Humor. Humor der oftmals ein wenig mit Understatement daherkommt. Lesenswert und sicher auch ganz besonders als Bettlektüre geeignet.

Jan

Suhrkamp Verlag 2009, OT: Over Seventy, Übersetzung: Thomas Schlachter, Taschenbuch 7,90 €, 234 Seiten, ISBN: 978-3518461044

“In meiner Not rief ich die Eule” von Betül Licht

Betül Licht wurde 1955 in der Türkei geboren und verbrachte dort auch ihre Kindheit. 1965 kam sie mit ihren Eltern nach Deutschland. Heute betreut sie Migrantinnen und Migranten in einem sozial-psychiatrischen Beratungszentrum in Hamburg.

In diesem Buch geht es um die Freundin der Autorin, es geht um Fatma. In Briefen schildert Fatma ihr Leben, sie schickt diese Briefe an ihre Freundin, will aber nicht über den Inhalt der Briefe reden. Die Eltern von Fatma fahren nach Deutschland um dort zu arbeiten und lassen ihre Kinder zurück, die Kinder sollen später nachgeholt werden. In dieser Zeit lebt Fatma bei ihrer Großmutter. Diese Großmutter drangsaliert das kleine Mädchen wo es nur geht; seelische und körperliche Misshandlungen sind an der Tagesordnung und die kleine Fatma ist dieser Frau völlig hilflos ausgeliefert. Hilfe erhält das Mädchen von niemand.

Irgendwann holen Fatmas Eltern die Kinder nach Deutschland. Doch auch hier ändert sich im Ergebnis nicht viel. Fatma wird wieder seelisch und auch körperlich misshandelt. Obwohl sie fast den gesamten Haushalt macht, obwohl sie sich bemüht, es allen Recht zu macht, ändert sich nichts an ihrer schlimmen Situation. Fatma leidet sehr an ihrem Leben zwischen den verschiedenen Kulturen. Sie zieht sich immer mehr in sich selbst zurück. Sie darf keine deutschen Freundinnen haben, jeder Umgang mit der deutschen Kultur ist nicht erwünscht. Fatma steht allein und hilflos diesem kulturellen Zwiespalt gegenüber. Eine Teilnahme an einer stinknormalen Klassenreise wird für Fatma zu einem riesigen Problem. Ihre Eltern verlangen von ihr die Reise abzusagen; Fatma gehorcht ihren Eltern. Doch als dann die Lehrerin mit den Eltern spricht um eine Teilnahme Fatmas zu erreichen, tun diese so als wären sie von der Absage der Reise durch ihre Tochter völlig überrascht und scheinheilig weisen sie jegliche Verantwortung ihrer Tochter Fatma zu.
Für jeden kleinsten Fehler wird Fatma von der Mutter streng bestraft. Sie wird immer wieder das Ziel der unkontrollierten Wutanfälle ihrer Mutter. Fatmas Schwester ist da ganz anders. Sie stellt sich den Eltern offen und aggressiv entgegen und schafft es so, ihre Eltern auf Distanz zu halten.

Betül Licht hat ein durchaus interessantes Buch geschrieben. Leider drückt sie so manches Mal ein wenig zur sehr „auf die Tränendrüse“. Es wäre besser gewesen, an manchen Stellen die Beschreibungen etwas kühler und distanzierter zu halten. Was sie aber schafft ist, dass Problem vieler Migrantinnen und Migranten deutlich zu machen. Sie kommen aus einer anderen Kultur nach Deutschland und scheinen der Ansicht zu sein, sie könnten hier ohne Rücksicht auf das neue kulturelle Umfeld so weiterleben wie sie es aus ihrer Heimat kennen und nicht sie hätten sich auf das Gastland einzustellen, sondern das Gastland auf sie. Sie schimpfen auf dieses Land in welchem sie jetzt leben, verachten die einheimische Bevölkerung, nehmen aber trotzdem jede Annehmlichkeit mit, die sie hier bekommen können. An einem wirklichen und echten Zusammenleben scheint nur ein ziemlich kleiner Teil dieser Migrantinnen und Migranten interessiert zu sein. Dieses Buch macht deutlich, dass die sozialromantische Multikulti-Vorstellung gescheitert ist. Integration geht nur, wenn beide Seiten dafür offen sind und es auch wollen.

In diesem Buch wird auch sehr deutlich, dass es schon Sinn macht, wenn man in einen anderen Kulturkreis umsiedelt, sich über das neue Umfeld genauestens zu informieren um letztendlich auch zu wissen worauf man sich einlässt.

Ein nicht uninteressantes Buch, manchmal ein wenig zu „tränendrüsenlastig“.

Jan

Bastei Lübbe Verlag 2010, Taschenbuch 8,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3404616633

“Karambolagen” von Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek, geb. 1934, ist Buchliebhabern v.a. als Literaturkritiker und durch seine diskutierfreudige Rolle im legendären “Literarischen Quartett” bekannt. Doch Hellmuth Karasek blickt auf ein sehr bewegtes und abwechselungsreiches Leben mit vielen Begegnungen und Erlebnissen zurück und legt er mit dem Buch “Karambolagen - Begegnungen mit Zeitgenossen - Zeugnis davon ab.

Während seiner Laufbahn als Journalist, Chefdramaturg am Württembergischen Staatstheater Stuttgart und seinen langjährigen Tätigkeiten bei “Die Zeit” und “Der Spiegel” lernte er anlässlich von Preisverleihungen, Empfängen, Interviews und Recherchen aber auch ganz privat und zufällig das “who is who” der Kulturlandschaft - auch über die Grenzen von Europa hinaus - kennen.

In diesem Buch sammelte er Anekdoten über mehr oder weniger berühmte Zeitgenossen aus der Kultur-, Medien-, Theater-, TV- und Politikwelt, wobei manche Überschriften (wie z.B. “Wie ich in Marilyn Monroes Bett schlief….” oder “Mit Günter Grass im Regionalexpress”) oft mehr versprechen und spektakulärer sind als sich dahinter letztendlich verbirgt. Andererseits lässt er uns aber auch teilhaben an unvergesslichen Erlebnissen z.B. mit Woody Allen, Helmut Qualtinger oder Billy Wilder, dessen Biografie er verfasste.

Alles in allem aber eine sehr vergnügliche Reise durch die Jahrzehnte, manch menschliche Einblicke in das Leben der Promis oder auch in Karaseks eigenes bewegtes Leben, Rückschlüsse auf Sympathien und Antipathien (Stichwort Günter Grass) und die eine oder andere Insider-Info hinsichtlich des “Literarischen Quartetts”.

Christine

Ullstein Verlag 2004, Taschenbuch 7,95 €, 287 Seiten, ISBN: 978-3548364940

“Das periodische System” von Primo Levi

Sein turbulentes Leben hat Primo Levi in mehreren Büchern festgehalten. In „Ist das ein Mensch?“ zeichnet er seine Erfahrungen im KZ-Ausschwitz auf, in „Atempause“ berichtet er von der erschwerten Rückkehr nach Italien. „Das periodische System“ schließlich beleuchtet seine Tätigkeit als Chemiker, von einem Beruf und seinen Misserfolgen, seinen Siegen und seiner Not, eine Geschichte, die jeder erzählen möchte, wenn er fühlt, dass seine Laufbahn sich dem Ende zuneigt und die Kunst aufhört, endlos lang zu sein. Viele kleine Szenerien seiner Laufbahn greift er heraus und setzt sie lose nebeneinander zu einer Art Erzählband, berichtet über sein Heimatort, sein Studium, diversen Jobs vor, während und nach dem Krieg. Sein Leben und die Schwierigkeiten als Jude im faschistischen Italien werden nur angedeutet, doch reichen diese Einsprengsel aus, um ein beklemmendes Bild abzuliefern. Er selbst hingegen bleibt überraschend emotionslos, versucht sich einer objektiven Wahrnehmung, selbst, als er nach Jahren seinem früheren KZ-Aufseher über dem Weg läuft. Die Zeit der Gefangenschaft lässt er offen und verweist an der Stelle auf seine autobiographischen Schriften.

Jede Erzählung kreist um ein chemisches Element - sei es Argon, das träge Edelgas, welches keine Verbindung zu anderen Molekülen eingeht und er diese Charaktereigenschaft nutzt, um seine Familie zu beschreiben; sei es das Nickel, deren Abbau er als verdeckter Jude annimmt, ohne zu ahnen, dass er dem Krieg zur Aufrüstung verhilft; oder Cer, das ihn im KZ hat überleben lassen. Kleine Einführungen in seinem Beruf vermittelt er recht kurzweilig, er berichtet von Pannen und Erfolgen, von Reaktionen bestimmter Materialien und von der Ehrfurcht vor Rezepten, die nutzlose Zutaten enthalten. Neben den Geschichten seines Lebens gibt er noch einige Anekdoten aus seinem Bekanntenkreis zum Besten.
Primo Levi ist eine faszinierende Gestalt, die trotz Menschen verachtender Erfahrungen überhaupt kein schlechtes Wort über irgendjemanden verliert, als ob die Hoffnung an bessere Zeiten niemals ausgeschöpft wurde. Ein Buch, das mit seiner erfrischend angenehmen Sprache Lust auf mehr macht.

SZ-Bibliothek, gebunden 2005, 264 Seiten, vergriffen ISBN: 978-3937793474

“Tee mit Buddha” von Michaela Vieser

buddha.jpgMichaela Vieser studiert in London Japanologie. Den Studenten wird ein Auslandssemester angeraten, aber Michaela Vierser will weit mehr. Ihr Traum ist es, in ein Zen-Kloster zu gehen. Trotz längerer Recherche sieht sie dafür aber keine Möglichkeit. Kurz davor, ihren Traum zu begraben, macht ein japanischer Mönch, der an der Universität Buddhismus lehrt und von von ihrem Ansinnen erfuhr, ihr das Angebot, ein Jahr in seinem Mutterkloster zu verbringen. Das ist zwar kein Zen-Kloster, sondern gehörte zur Jodo-Shinshu-Strömung und liegt im Süden des Landes. Im Kloster leben ca. 100 Bewohner, Mönche, Familien, japanische Angestellte, Studenten. Das Kloster ist ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Michaela hat 3 Jahre lang die Sprache studiert und macht sich nun als erste Westeuropäerin auf, ihr Jahr im japanischen Kloster in Angriff zu nehmen.

Lange bevor ich dieses Buch las, war ich mir nicht sicher, ob es etwas für mich ist, oder eher nicht. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es nach der Lektüre noch immer nicht.

Die Autorin erzählt von ihrem Leben in der für sie völlig fremden Welt, auch von der Ernüchterung, die sie in der ersten Zeit überkam. Ihre Erwartungen waren durchaus anders als die Realität. Als Leser ließ sie mich am Alltagsleben in diesem Kloster teilhaben, am Tagesablauf, an der Bedeutung der Gebete, an Ritualen, an Grundlegendem und Profanen. Sie machte mich unter anderem mit der Teezeremonie, Ikebana, Kendo und der Kalligrafie vertraut. Mit viel Witz erzählt sie die verschiedensten Anekdoten und beschreibt die Fettnäpfchen, die sich ihr in den Weg stellten und in die sie trat. Dabei berichtet sie nicht in der zeitlichen Abfolge, sie erzählt, in dem sie in jedem Kapitel des Buches eine Person und die gemeinsamen Erlebnisse vorstellt. So erfuhr ich zwar vieles über Japan und die japanische Denk- und Lebensweise, aber trotzdem sprang der Funke zum Buch nicht über. Mir blieb vieles fremd, auch die Autorin selbst, vor allem weil die Emotionen für mich nicht immer nachvollziehbar waren und mir die gedankliche Tiefe fehlte. Der Sprachstil ist sehr einfach gehalten. Auch hatte ich gehofft, ein paar tiefgründigere Informationen über den Buddhismus zu bekommen. So bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück und frage mich nun, ob ich einfach zu viel erwartet habe, oder ob das Buch nicht mehr hergab.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michaela Vieser, geb. 1972, hat während und nach ihrem Japanologiestudium in Japan gelebt. Sie hat u. a. ein Jahr mit buddhistischen Mönchen verbracht, die Kunst der japanischen Bergasketen erforscht und das Drehbuch zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm geschrieben. Zurück in Deutschland, arbeitete sie für Scholz & Friends an der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« mit. Vieser übersetzt außerdem japanische Drehbücher, schreibt u. a. für Geo, Financial Times,Vanity Fair, NZZ und arbeitet als Trendscout. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Heike

Pendo Verlag 2009, Hardcover 19,95 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3866122109

“Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt” von Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo

helmut.jpgImmer am Freitagmittag trafen sich der ehemalige Bundeskanzler und jetzige ZEIT-Mitherausgeber Helmut Schmidt und der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo auf eine Zigarettenlänge im Büro Lorenzos. Und dann beginnt ein Frage- und Antwortspiel der ganz besonderen Art und Güte.

Giovanni di Lorenzo fragt und Helmut Schmidt antwortet. Auf kurze aber sehr substantielle Fragen antwortet der ehemalige Bundeskanzler genauso kurz und auf den Punkt kommend. Beide reden nicht um den heißen Brei, denn eine Zigarettenlänge ist halt doch eine sehr endliche Zeitspanne.

In diesem Jahr wird Helmut Schmidt 91 Jahre alt und er hat immer noch etwas zu sagen, mischt sich immer noch ein und nimmt dabei weder auf Namen, Positionen oder Traditionen Rücksicht. Gradlinig vertritt er seine Ansichten und kann dabei durchaus sehr ätzend werden. Und es ist schon erwähnenswert und ein echtes Phänomen, dass man diesem Ex-Kanzler immer noch aufmerksam zuhört. Er drängt sich mit seinen Ratschlägen niemanden auf, aber sicher ist ihm auch bewusst, dass ihm nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wenn man dieses Buch liest, dann wird man sich sehr schnell der Tatsache bewusst, dass es Politiker seiner Couleur wohl leider kaum noch gibt. Helmut Schmidt ging es stets um die Sache, die eigene Person hat er nie sehr wichtig genommen – heute ist es leider vielfach genau anders herum.

Seinen ganz besonderen Reiz nimmt das Buch aus der Tatsache, dass es keine langen Monologe gibt, dass Frager und der Antwortende immer sehr schnell und ohne Umschweife auf den Punkt kommen.

Man erfährt viel über den Menschen Helmut Schmidt, über seine Gedanken zu Familie und politischen Weggefährten, über seine Beziehung zur Kunst und zur Musik, aber Fragen zum christlichen Glauben werden nicht ausgespart. Es ist ein durchaus emotionales und ein politisches Buch, es ist aber auch ein zutiefst menschliches Buch. Sehr empfehlenswert.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2009, Hardcover 16,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3462040654