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Archiv der Kategorie Biographie

„Hermann Hesse“ von Ezzelino von Wedel

>>Warum der Dichter Glaube, Glück und Eigensinn empfahl<<

Eine kurze, aber doch eindrucksvolle Biographie über Hesse. Der Autor beschreibt das Leben anhand von Briefen und Tagebucheintragungen, aber er vergisst auch nicht, dieses in eine wohlgeformte Prosa einzubetten, so dass sich das Buch wirklich gut liest. Die Kindheit und Jugend erzählt er sehr einfühlsam, auch wie sich Hesse gefühlt haben muss im Pietistenhaushalt, der sehr streng und fromm gehalten wurde. Später als der junge Autor dann seine ersten kleinen Gedichte veröffentlichte, ging die Beziehung zum Elternhaus endgültig in die Brüche.
Mit dem Entstehen seiner Werke geht dann Wedel auch auf diese ein. Chronologisch wird das Leben und Werk des Künstlers vorgestellt. Für mich war es neu, dass seine Werke immer auch autobiographisch untermalt sind, dass Hesse seine Alltagsprobleme im Werk verarbeitet hat.
Daraufhin habe ich nun „Klein und Wagner“ gelesen, und kann dies bestätigen. In dieser Novelle wird das Scheitern der ersten Ehe und zugleich auch die neue Romance beschrieben.

Trotz des geringen Umfangs wird in diesem schmalen Büchlein der Auor Hermann Hesse und sein Werk wirkungsvoll umschrieben. Und als nächstes werde ich die Biographie von Hugo Ball noch als Ergänzung dazu lesen.

Ezzelino von Wedel, geboren 1946, evangelischer Pastor und Journalist, leitet von 1982 bis 2004 die Reaktion Religion und Gesellschaft bei Radio Bremen. Zuvor hatte er Erfahrungen als Mönch, Übersetzer und Popmusiker gesammelt. Er veröffentlichte unzählige Hörfunkfeatures und mehrere Bücher, u.a.: „Bonjour, mon amour“ und „Als Jesus sich Gott ausdachte“.

Krümel

Wichern Verlag 2011, Gebundene Ausgabe 14,95 €, 143 Seiten, ISBN: 978-3-88981-325-1

“Schostakowitsch” von Krzysztof Meyer

Diese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche VorwürfeDiese Biografie des Komponisten Krzysztof Meyer, in Krakau geboren, seit 1987 Professor für Komposition an der Musikhochschule in Köln, ist erstmals 1972 erschienen und wurde 1998 überarbeitet. Über 500 Seiten lang erzählt Krzysztof Meyer über das Leben und die Musik des sowjetischen Komponisten Dimitri Schostakowitsch, den ich gerne als letzten großen Klassiker der Musikgeschichte bezeichne. Im Vorwort erklärt Meyer von den Schwierigkeiten, einer Biografie über Schostakowitsch zu schreiben, denn der Zugang zum Quellenmaterial war schwierig oder auch gar unmöglich. Ohne politischer Zeit – und Kulturgeschichte kann sich mit Schostakowitsch nicht beschäftigt werden, denn er war sehr tief in der Sowjetunion verankert, er war verstrickt mit der politischen Führung im Kreml, die von dem Komponisten und von allen sowjetischen Komponisten forderte, für die Sowjetunion zu komponieren und nicht dagegen. Die Kremlführung wollte Macht und Kontrolle über Künstler haben. Manche Komponisten wurden, damit sie nicht weiter verfolgt wurden, dazu verdammt, nur noch russische Volksliedbearbeitungen o.ä. zu schreiben. Schostakowitschs Oper „Lady Macbeth von Mzensk“ wurde in dem Artikel „Chaos statt Musik“ in der Prawda vom 28.01.1936 dem Erdboden gleichgemacht. Natürlich sind solche Vorwürfr bodenloser Unsinn. Die Sowjetbonzen, das zeigt diese Biografie auch, hatten keine Ahnung von Musik und Kunst. In dem Artikel steht drin, die Musik verneine die Oper, der Komponist bediene sich der nervösen, verkrampften und hysterischen Jazzmusik, die Musik gehe auf mangelnde Begabung des Komponisten zurück oder auf das Unvermögen, starke und einfache Gefühle in der Musik auszudrücken, die „Liebe“ werde in der Oper auf ausgesprochen vulgäre Art ausgebreitet, der Komponist soll sich auch nicht um die Erwartungen der sowjetischen Kultur gekümmert haben, er chiffriere seine Musik durch Zusammenklänge, die nur Formalisten und Ästheten interessieren können, deren Geschmack sich schon längst verformt habe usw…

Wenn wir über Schostakowitchs Studienjahre lesen, können wir leicht erkennen, dass sich ein Generationswechsel von Komponisten vollzieht. Glasunow, der Tschaikowski und Rimsky-Korsakoff noch persönlich gekannt hat, vertrug die Modernen nicht. Mit Strawinsky, Prokofiew und den neuartigen Klängen von Schostakowitsch konnte er nichts anfangen, auch wenn er Dimitris Talent erkannte. Ähnlich erging es auch Maximillian Steinberg, Schostakowitschs Lehrer im und Konservatorium.

>>„Als Schostakowitsch kam und mir seine Aphorismen zeigte, sagte ich ihm, dass ich nichts davon verstünde, und dass mir diese Musik völlig fremd sei.“<<

Zeitweise musste Schostakowitsch Angst haben, selber verhaftet oder umgebracht zu werden. Künstler in seinem Umkreis fielen dem Stalinterror zum Opfer. Ab 1946 setzte eine harte Welle von Repressalien ein. Alles was aus dem Westen kam, wurde verteufelt: Jazz, Unterhaltungsmusik, Zwölftonmusik als Kakophonie verpönt. Besonders auch Literaten wurden verfolgt. Krzysztof Meyer hat den richtigen Weg eingeschlagen, und schreibt in Extrakapiteln über sowjetische Kulturpolitik. Natürlich dürfen wir nicht denken, Schostakowitsch habe unter dieser Diktatur keine Erfolge gehabt. Das stimmt natürlich nicht. Im Grunde genommen galt Schostakowitsch den Sowjets sogar als Vorzeigekomponist, obwohl, dafür gibt es genügend Hinweise, der Komponist sich niemals der Kremldiktatur unterworfen hat. Das zeigt auch diese Biografie. Schostakowisch befand sich ständig im Kampf, sich nicht völlig unterkriegen zu lassen. Nach dem Sieg in der Schlacht bei Stalingrad, erwarteten die Staatsbonzen eine heitere Symphonie des Sieges, Schostakowitsch aber einer sehr lange Symphonie des Trauers komponierte, die Achte, die zu den größten Meisterwerken des Komponisten zählt. Sie gedachte der Opfer. Die Symphonie Nr. 9, die dann wirklich den Sieg symbolisiert, ist zwar sehr heiter, aber ziemlich kurz. Ale er 1960 quasi mehr oder weniger gezwungen wurde, der Komunisischen Partei beizutragen, vergoss er sehr viele Tränen. Es ist kaum zu verstehen, wie Schostakowisch den Druck durch den Staat aushalten konnte. Immerhin schrieb er seit seit seinen Jüdischen Liedern, 1948, viele Jahre lang nur für die Schublade.

Da Krzysztof Meyer, der Autor dieser Biografie, selbst Komponist ist, erfahren wir über die Musik Schostakowitschs sehr viel. Viele Werke werden beschrieben, und dieses kann auch ohne große Bildung in Musiktheorie gut verstanden werden. Diejenigen, die Musiknoten lesen können, erfreuen sich sicher über die zahlreichen Notenbeispiele. Meyer ordnet ein, welche Stellung einzelne Musikwerke im Gesamtschaffen des Künstlers haben. Meiner Ansicht nach sollte während der Lektüre auch die besprochene Musik gehört werden. Eine gute Chance, sich in diese Musik zu vertiefen, da auch Meyer uns in seinen Beschreibungen einen Zugang zur Musik öffnet. Schostakowitschs Musik ist mal traurig, dann lustig, grotesk, witzig. Das Hörstudium seines Werkes hat mir deutlich gezeigt, dass seine Musik ein reichliches Spektrum von Emotionen ausdrückt. Einige Symphonien und andere Werke kannte ich ja schon, neu hinzugekommen ist besonders meine Aufmerksamkeit auf seine Streichquartette. Auch für Leser, die sich für ein Künstlerleben in der Sowjetunion interessieren, ist die Beschäftigung mit Schostakowitsch unerlässlich. Es ist natürlich verständlich, dass Meyer als Komponist insgesamt genauer über die Musik zu schreiben weiß als über Sowjethistorie. Als Ergänzung bieten sich Bücher des Historikers Kurt Schlögel („Terror und Traum. Moskau 1937“) o.a. an. Wahrscheinlich ist es dem Autoren dieser Biografie nicht anzulasten, dass wir in dieser umfangreichen Biografie verhältnismäßig wenig persönliches über den Autor erfahren. Schostakowitsch war etwas schüchtern, hatte nur sehr wenig intimere Freundschaften, und zeigte sich in manchen Situationen doch etwas merkwürdig, was nicht unbedingt jeder außenstehende verstand. In dieser Hinsicht wissen wir sicher viel mehr über Beethoven, als über Schostakowitsch.

>>„Sein Verhalten entzog sich einer eindeutigen Beurteilung. Die einen sahen in ihm einen Opportunisten, andere wiederum respektierten sein Verhalten, in dem sie Beweise für eine Ablehnung des sowjetischen Machtanspruchs erkannten. Es gab auch einzelne, die Schostakowitsch für einen typischen russischen Sonderling hielten – einen Menschen, der den Tölpel spielt und unter der Narrenmaske der Welt auf umständliche Weise die Wahrheit sagt, wobei er seine Gedanken absichtlich in raue, farblose und ungelenke Worte kleidet.“<<

Der Anhang ist vorbildhaft. Neben Werkverzeichnis und anderen Selbstverständlichkeiten finden wir auch Inhaltsangaben der Opern „ Die Nase“ und „Lady Macbeth von Mzensk“.

mArtinus

Atlantis Musikbuch-Verlag 1998, Taschebuch 19,95 €, 608 Seiten, ISBN: 978-3254083760

“Ein allzu kurzes Leben” von Ronald Reng

Fußballer sind Volkshelden.
Fußballer sind stark.
Fußballer sind Vorbilder.
Fußballer genießen ihr Leben im Rampenlicht.
Fußballer haben sich ihr Hobby zum Beruf gemacht.
Fußballer haben keine Zweifel.

Soweit, so gut.

Dann aber kam der November 2009 und Robert Enke, die potentielle Nummer Eins für die WM 2010 in Südafrika, geht einen Weg, auf dem ihn niemand folgen kann - er nimmt sich das Leben. Für kurze Zeit schien es ein Aufwachen zu geben, sah man den Fußballzirkus mit neuen Augen. Er hat die Menschen aufgerüttelt und wurde zum traurigen Vorbild - seitdem trauen sich immer mehr Fußballer und jüngst auch ein Fußballtrainer zu sagen “Ich habe ein Problem. Ich lass mich behandeln.”

Ronald Reng gelingt mit seinem Werk zweierlei - zum einen zeichnet er sehr authentisch das Leben eines Mannes, der viele Höhen und Tiefen zu bewältigen hatte, der auch ein Meister der Maske war, der es selten zuließ, dass sein Umfeld hinter die Fassade schauen durfte. Zum anderen schafft er es, die Krankheit “Depression” so darzustellen, dass man als Außenstehender wenigstens den Hauch einer Ahnung davon bekommt, was es bedeutet selber oder passiv davon betroffen zu sein.
Er drückt dabei nicht auf die Tränendrüse, sondern läßt den Leser teilhaben am Innenleben von Robert Enke - mit Hilfe von Tagebuchnotizen, Berichten von Freunden oder seiner Frau Teresa.

Mich hat die Biographie sehr bewegt, da sie sehr eindrucksvoll das Leben mit einer Krankheit beschreibt, die die eigene Seele dunkel macht und das Leben lähmt.

Ronald Reng, Jahrgang 1970, liebte London schon, als er es noch gar nicht kannte. 1996 zog er für fünf Jarhe dorthin, 2001 erschien sein vielbeachteter Roman »Der Traumhüter«, 2003 »Mein Leben als Engländer«. Ronald Reng lebt heute als Sportreporter in Barcelona.

Sabine

Piper Verlag 2010, Hardcover 19,95 €, 426 Seiten, ISBN: 978-3492054287

“Stefan Zweig. Drei Leben - eine Biographie” von Oliver Matuschek

Oliver Matuschek beleuchtet in seiner Biografie des österreichischen Schriftstellers Stefan Zweig (1881-1942) die drei Leben, welche der Autor in seiner Schrift Die Welt von Gestern selbst definiert hatte:

1. Leben: Jugendjahre bis zum Ende des 1. Weltkrieges
2. Leben: Ende 1. Weltkrieg bis Februar 1934
3. Leben: Exiljahre und sein Lebensende

Matuschek läßt mithilfe von Briefen und Bildern den Schriftsteller Stefan Zweig lebendig werden, der als einer der beliebtesten Klassiker des 20. Jahrhunderts gilt. Dabei gelingt es ihn auch einen Blick hinter die Fassade von dem Menschen Stefan Zweig zu werfen.
Je nach Lebensabschnitt verändert sich die Geschwindigkeit des Erzählens - das 1. Leben strahlt Ruhe und Besonnenheit aus - der Leser wird mit auf die Reise genommen, in die Stadt Wien zu Beginn des 20. Jahrhunderts und erlebt, wie Stefan Zweig reift und die Beschaulichkeit von diesem Lebensabschnitt mit dem 1. Weltkrieg ein jähes Ende findet.
Im Gegensatz dazu rasen die Jahre des 3. Lebens und bringen die Unstetigkeit seines Lebens zum Ausdruck. Es bleibt Spekulation, ob dieser Eindruck vom Autor bewusst gewählt wurde, ich es nur so empfunden habe oder es auch schlicht an mangelnden Quellen lag, welche in den Wirren des 2. Weltkrieges verloren gegangen sind. Wurde aber z.B. das Beginn der Beziehung zu seiner 1. Frau Friderike ausführlichst beschrieben, bekam die Beziehung zu Lotte, seiner späteren 2. Frau, viel weniger Raum.

Matuschek, der Philosophie und Geschichte studierte, gelingt mit dieser Biographie nicht nur ein Blick auf Stefan Zweig und sein persönliches Umfeld, zugleich läßt er auch die Zeit lebendig werden, welche geprägt war von einschneidenden Ereignissen, die die ganze Welt verändern sollte. Außerdem bekommt der Leser auch Einblick in den Literaturbetrieb der damaligen Zeit - wie Verleger arbeiteten, mit welchen Problemen die Autoren zu kämpfen hatten und welchen lebendigen Austausch es untereinander gab.

Für Zweig-Freunde und alle, die es werden wollen, ist diese Biographie eine lesenwerte Bereicherung.

Sabine

S. Fischer Verlag 2008, Taschenbuch 9,95 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3596166855

“Für´ne Moment” von Wolfgang Niedecken

Wolfgang Niedecken wurde 1951 in Köln geboren, studierte von 1970 bis 1976 Freie Malerei an der FHBK Köln. Bekannt wurde er aber als Frontmann der deutschen Rockband BAP, deren Texte ausschließlich in Kölschen Dialekt vorgetragen werden. Trotzdem wurde diese Gruppe weit über die Grenzen auch Deutschlands hinaus bekannt und verkümmerte nicht als nur mässig bekannte Regionalband.

BAP ist ohne Wolfgang Niedecken nicht denkbar und ohne ihn hätte es diese Band auch nicht gegeben. Er ist der Kopf der Gruppe – ein echter Leader.

In seiner Autobiographie erzählt Wolfgang Niedecken aus seinem bewegten und sehr interessanten Leben. Dabei ist hervorzuheben, dass er sich niemals in Selbstbeweihräucherung auf einen Sockel stellt – ganz und gar nicht. Dieser Mensch Wolfgang Niedecken ist ein Mensch wie du und ich, der auch durch seine Bekanntheit niemals abgehoben hat. Er ist immer authentisch geblieben, vertritt seinen Standpunkt, auch wenn dieser vielen unbequem ist, hat sich nie verbiegen lassen und hat sich auch nie für etwas Besseres gehalten. Niedecken steht zu seinen Wurzeln, zu seinen Irrtümer und zu den Fehlern die er im Laufe seines Lebens gemacht hat. Er beschönigt nichts, sucht nicht nach billigen Ausreden oder faden Entschuldigungen. Er übt aber da Kritik wo er meint das sie angebracht ist, nimmt auch keine Rücksicht auf vermeintlich große Namen.

Wolfgang Niedecken erzählt nicht chronologisch. Er schreibt so wie man vielleicht in einem direkten Gespräch auch erzählen würde. Seine erzählerische Unordnung wirkt trotzdem sehr geordnet. Niemals verliert man als Leser den Faden oder ärgert sich über Zeitsprünge – vielmehr hat man den Eindruck, dass alles irgendwie zueinander passt, dass alles genau da aufgeschrieben wurde wo es letztendlich auch hingehört.

Wenn man mit dem Alter von Wolfgang Niedecken fast im Gleichklang marschiert, dann ist das Lesen dieser Autobiographie fast wie eine Reise in die eigene Vergangenheit. Man versteht Zusammenhänge, begreift das Besondere an gewissen Lebenssituationen. Man erinnert sich an die Fernsehsonnabende im Kreise der Familie, man konnte sich auch ohne Handy und Internet mit Freunden verabreden, man hatte schwerer gegen starre Konventionen zu kämpfen als es heute der Fall ist. Wolfgang Niedecken schafft es mit seiner Autobiographie vieles wieder lebendig werden zu lassen, was schon als verstaubte Erinnerung ganz nach hinten in den Erinnerungsschrank geschoben worden war.

Wolfgang Niedecken macht auch deutlich, dass man Stellung beziehen muss will man nicht als unzufriedener Mitläufer enden. Engagement ist nicht nur für diese oder jene Sache wichtig sondern auch für einen selbst.

Dieses Erinnerungsbuch ist eine Autobiographie der besonderen Art. Hier schreibt jemand der um seine Fehler und Irrtümer weiß, der sich aber nie gescheut diese einzugestehen und der immer nach seinem ganz persönlichen Weg gesucht hat – auch wenn er dabei auf die Nase bekommen hat.

Sehr lesenswert; ist es doch auch ein Stück erlebter und aufgeschriebener Rockgeschichte. Und es ist ein Buch eines Mannes, der aus seiner kritischen Liebe zu seiner Heimatstadt Köln keinen Hehl macht.

Übrigens: Der Besuch eines BAP-Konzert lohnt sich immer……ich habe diese Gruppe schon viele Male live erleben dürfen; es war nie langweilig.

Jan

Hoffmann und Campe Verlag 2011, Hardcover 24 €, 527 Seiten, ISBN: 978-3455501773

“Ein anderes Leben” von Per Olov Enquist

Per Olov Enquist wurde 1934 in einem nordschwedischen Dorf geboren. Er lebt in Stockholm. Er arbeitete als Theater- und Literaturkritiker und zählt ohne Frage heute zu den bedeutendsten europäischen Autoren.

Per Olov Enquist erzählt aus seinem Leben. An sich ist das ja nichts Ungewöhnliches, wenn ein Schriftsteller seine Autobiographie schreibt. Diese Autobiographie von Enquist allerdings unterscheidet sich dann doch von den Erinnerungen so vieler seiner Kolleginnen und Kollegen. Denn Enquist schreibt nicht in der Ich-Form, nein, er erzählt sein Leben so, als würde er nur über jemanden berichten, Enquist hat dieses Buch in der dritten Person geschrieben. Dadurch liest es sich wie ein Roman. Und die von ihm gewählte Erzählweise führt in jedem Falle auch dazu, dass er das „ich“ eben nicht pausenlos in den Mittelpunkt oder auf einen Sockel stellt. Vielleicht sieht man das eigene Leben, den eigenen Lebensweg auch kritischer, wenn man es quasi von außen, fast so wie ein Zuschauer und Begleiter, anschaut.

Es ist ein beeindruckendes Buch geworden, ein Buch das auch hinter die Kulissen schaut, ein Buch das nichts und niemanden schont und das auch die Fehler der verantwortlichen Handelnden auflistet und diesen dann ein wenig von ihrem (verdienten?) Glanz nimmt.

Per Olov Enquist hat ein aufregendes Leben gelebt, war immer neugierig und hat sich nicht mit Vordergründigem abspeisen lassen, er wollte den Dingen immer auf den Grund, manchmal auch noch etwas tiefer, gehen. Mit hohlen Phrasen hat er sich nie zufrieden gegeben. Trotzdem meint man herauszulesen, dass Enquist ein eher schüchterner Mensch ist, der sich nicht in die Öffentlichkeit drängt, der aber immer dann aufsteht wenn es etwas zu sagen gibt, etwas das nicht im Verborgenen bleiben soll. Er kratzt auch am Lack des eigenen Landes, dessen ach so hehre Einstellung wohl oft auch nur mehr Wunschdenken gewesen ist.

Ein sehr lesenswertes Buch – unterscheidet es sich doch so wohltuenden von diesen schlimmen, sich selbst beweihräuchernden Lebenserinnerungen-Schreiberlingen und- schreiberlingenginnen.

Jan

Fischer Verlag 2011, Übersetzung: Wolfgang Butt, Taschenbuch 9,95 €, 541 Seiten, ISBN: 978-3596186006

“Mein Freund Stieg Larsson” von Kurdo Baksi

Durch Zufall bin ich auf dieses Buch gestoßen – sofort war mein Interesse geweckt, mehr über den Menschen zu erfahren, der mit der Millennium – Trilogie eine ungeheuer spannende Krimi – Serie geschaffen hatte. Was war das für ein Mensch? Wieviel von ihm finden wir in den Büchern wieder?

Kurdo Baksi war viele Jahre lang ein treuer Begleiter von Stieg Larsson – nicht nur beruflich, sondern auch privat. Wenn sie unter sich waren, haben sie sich als „Großer Bruder, kleiner Bruder“ bezeichnet.
Was mich sehr beeindruckt hat, war der Kampfgeist von Stieg Larsson – er wollte die Gesellschaft in Schweden (und eigentlich der ganzen Welt) verändern, Ungerechtigkeiten abschaffen. Er ging offen (trotz vielerlei Bedrohungen) gegen Rassismus und Frauenfeindlichkeit vor.

Mit dieser Biographie wird zweierlei deutlich – zum einen kann man sehen, wie facettenreich das Wirken von Stieg Larsson war. Und zum anderen hat mit seinem Tod Schweden einen großen Menschenrechtler verloren, dem es nicht darum ging, in der Öffentlichkeit zu stehen und sich den A**** in Talkshows breit zu sitzen, sondern der wirklich etwas erreichen wollte und unermesslich an seinem Traum einer gerechteren Welt arbeitete. Es ist müßig darüber zu spekulieren, ob ihn dieser Kampf am Ende das Leben kostete. Aber sicherlich hätten ihm mehr Schlaf, weniger Kaffee und weniger Zigaretten mehr Lebenszeit geschenkt …

Obwohl das Ende des Buches von Vornherein klar ist, ging es mir beim Lesen so, dass ich die Ereignisse bremsen wollte, je näher November 2004 in den Fokus geriet. Stieg Larsson starb kurz bevor einige seiner arbeitsreichen Früchte reif waren – die Ernte und den Erfolg durfte er nicht mehr erleben.

Kurdo Bakso bringt dem Leser den Journalisten Stieg Larsson näher – vom Privatmenschen erfährt der Leser kaum etwas – aber es bleibt die Frage, wann der Mann Zeit für ein Privatleben gehabt haben soll – er lebte für seinen Beruf, seine Vision und entspannte sich nachts beim Schreiben.

Aber er beleuchtet auch den Schriftsteller Stieg Larsson und die Parallelen zwischen seiner Trilogie und dem Autoren. Er zeigt auf, wie viel Stieg Larsson in seinen Hauptprotagonisten steckt und welche einschneidenden Erlebnisse seiner Biographie darin verarbeitet werden.

Sabine

Heyne Verlag 2010, Übersetzung: Susanne Dahmann, Hardcover 18,95 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3453170650

“Die Freude und der Tod” von Alfred Grosser

Alfred Grosser wurde 1925 in Frankfurt/Main geboren und war Professor am Institut d’etudes politiques in Paris. In Deutschland wurde er vor allen Dingen für seine Zeitungsartikel, Reden und Bücher bekannt, die seit den Fünfzigern verfasste.

Dieses Buch ist keine Autobiographie, auch wenn sie sehr viel Autobiographisches enthält. Es ist – wie der Untertitel schon sagt – eine Lebensbilanz. Alfred Grosser schaut auf sein publizistisches Leben zurück, schaut auf die Ereignisse, zu denen er Stellung bezogen hat und überprüft seine geäußerten Ansichten.

Bescheidenheit allerdings gehört ganz sicher nicht zu seinen hervorstechendsten Eigenschaft, ganz im Gegenteil. Alfred Grosser ist sehr von sich überzeugt und hat auch keine Probleme damit, die eigene Person für alle sichtbar auf einen Sockel zu stellen. Trotzdem wirkt er nicht unsympathisch. Das mag seinen Grund in seiner Ehrlichkeit und Prinzipientreue haben. Verbiegen lassen hat er sich nie. Überall hat er stets seine ehrliche Ansicht geäußert und hat seine Überzeugungen nie für irgendwelche Posten oder Pöstchen geopfert. So wie er schreibt, so ist er auch. Von sich überzeugt, klar und unbeugsam in der Argumentation und immer bereit sich zu allen Fragen des täglichen Lebens zu äußern.

Alfred Grosser gehört zu den Menschen, die sehr viel nach dem zweiten Weltkrieg für die deutsch-französische Verständigung getan haben. Er hat nicht nur darüber geredet – er hat auch gehandelt. Die Versöhnung und Aussöhnung der beiden Erzfeinde war ihm immer eine echte Herzensangelegenheit – was ihn aber nicht daran hinderte, den Regierenden auch unbequeme Wahrheiten ins Stammbuch zu schreiben.

Als Jude geboren, hat sich Alfred Grosser klar zum Atheismus bekannt. Religion war nie Motor seines Handelns. Genaugenommen war er ein Moralist, ein Mahner – aber kein Besserwisser oder Miesmacher. Er ist tolerant, aber auch seine Toleranz kennt Grenzen. Totalitarismus ist ihm ein Greuel und auch Fanatismus lehnt er ab. Sehr kritisch ist seine Haltung zum christlichen Glauben und zu den verschiedenen Religionen insgesamt. Hier zeigt er Widersprüche und Ungereimtheiten schonungslos auf.

Alfred Grosser hat ein sehr lesenswertes Buch geschrieben, wenn man so will, sogar ein aufregendes Buch. Gerade seine Sicht der Dinge lässt den Leser so manches Mal das eigene Denken kritisch überprüfen. Manche Dinge sieht man da schon mal in einem anderen Licht.

1975 erhielt Alfred Grosser den Friedenspreis des Deutschen Buchhandels.

Jan

Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 19,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3498025175

Biographien - Challenge

vom 1. Oktober 2011 bis 30. September 2012

Es sind zu lesen 6 Biographien aus 9 Themen:

• Literatur
• bildene Kunst und Musik
• Religion und Philosophie
• Naturwissenschaft, Technik und Medizin
• Politik und Wirtschaft
• besondere Leistung oder besonderes Schicksal ( z. B. Sport oder Krankheit)
• Biographie einer Institution, Landes, Stadt, Fluss u.a.
• Romanbiographie
• Autobiographie

Die Teilnehmer melden sich bitte im Krümel-Forum im entsprechenden Forum an (das geht auch als Gast). Dort kann man im einem persönlichen Ordner eine Bücherliste erstellen, oder aber man liest einfach drauf los. Die Liste darf selbstverständlich auch geändert werden.

Zu den 6 Biographien muss jeweils eine Buchbesprechung in dem entsprechenden Forum eingestellt werden.

Für den Gewinner gibt es einen Gutschein von Amazon über 20 Euro. Wobei der Gewinner nicht gleichzusetzen ist mit dem Schnellsten, der ganz schnell mal 6 Biographien gelesen hat, sondern hier erwartet man Engagement und Diskussionsfreude, eben eine Bereicherung für die Challenge. Der Gewinner wird von einer unabhängigen Jurie gewählt.

“Erinnerungen einer Überflüssigen” von Lena Christ

Der autobiographische Roman der bayerischen Schriftstellerin umfasst ihr Leben bis zum frühen Erwachsenenalter im Oberbayern im späten 19. Jahrhundert:
Lena Christ ist ein uneheliches Kind, die Mutter ist nach München gezogen, das Kind wächst zunächst bei den Großeltern auf dem Land auf. Doch als ihre Mutter heiratet, nimmt sie ihr Kind zu sich, statt Lausdirndl-Leben bei den Großeltern, ist die Achtjährige nun Haushaltshilfe, Kindsmagd, später Köchin und Kellnerin im Wirthaus der Schwiegervaters. Beschimpfungen und Misshandlungen durch die Mutter sind an der Tagesordnung: das ledige Kind wird weiterhin als Schande empfunden und bekommt dies zu spüren. Mehrfach versucht Lena daraus auszubrechen. Zu den Großeltern, ins Kloster, als Angestellte eines anderen Wirtshauses. Doch immer wieder kehrt Sie zurück; teils unter Zwang, teils freiwillig.
Mit 20 heiratet Sie Benno, doch aus dieser endgültige Ausbruch aus dem Elternhaus steht unter schlechten Vorzeichen…

Der Titel und das Wissen um Lena Christs Biographie lässt ahnen, dass es nicht viel Fröhliches zu lesen geben wird. Ein Kind steht im Zentrum des Romans, das als überflüssig empfunden wird und sich selbst ebenso empfindet. Trotz allem versucht Lena sich immer wieder der Mutter zu nähern, meist nur um so rüder zurückgestossen zu werden: durch seelische und körperliche Verletzung. Das Bild nach außen muss gewahrt bleiben - so behauptet die Mutter an ihrem 10. Hochzeitstag, es sei ihr 20., um ihr lediges Kind als eheliches auszugeben. Und das obwohl ihr Mann gerade mal 35 Jahre ist!
Traurig ist das Buch also, tragisch, mitreißend, belastend, fesselnd. Eines jedoch mit Sicherheit ebensowenig wie seine Autorin: Überflüssig.

Lena Christs Buch zeigt exemplarisch ein Frauenleben, der heutige Leser erfährt aber sehr viel über die Lebensumstände und Bräuche in München und Oberbayern. Allein die Darstellung des Klosterlebens ist spannender als viele Reportagen und erlaubt einen tiefen Einblick in die Zeit, ihr religiöses Leben und ihren Umgang mit Behinderten.
Hatte ich bei der Rumpelhanni vor dem Bairisch gewarnt, kann ich diese Warnung hier stark abgeschwächen: das Buch ist bei weitem nicht so dialog- und daher dialektlastig.
So spreche ich eine klare Empfehlung für dieses Buch, für Lena Christ aus.

Kerstin

Deutscher Taschenbuch Verlag 1999, TB 8,90 €, 240 Seiten, ISBN: 978-3423126571