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“Ein Vater und seine Tochter” von Emmanuel Bove
15.10.2010 von Rebecca.
Der Kritiker Noel Labord spricht in seiner Rezension im Paris-Soir vom August 1930 von den Gesetzen der bovianischen Welt, in der das Glück keinen Einlass findet.
Bove schreibt über das Scheitern und von unglücklichen Helden, die ihren Platz im Leben verpassen. In dieser Erzählung berichtet Bove von Antoine About, wie er mit allen Mitteln versucht, der Mittelschicht zu entkommen. Doch alle Anstrengungen misslingen, seine Charakterzüge behindern ihn. Er, ein Mensch mit Kommunikationsschwierigkeiten und Minderwertigkeitskomplexen kann den Bedingungen der unbarmherzigen Welt nicht standhalten. Er ist ein Mann ohne Rückgrat, der sich aufgibt und erniedrigt, um zumindest seiner Frau ein Leben in Wohlstand zu ermöglichen. Sie aber schämt sich für ihn und verlässt diesen Mann, der wegen seines unansehnlichem Äußeren und der gebückten Haltung “Spinnenbein” genannt wird. Jetzt gilt die ganze Aufmerksamkeit, all seine Liebe der Tochter. Er unterdrückt seine Bedürfnisse, stellt sie in den Mittelpunkt seines Lebens. Doch auch sie wird erwachsen und beginnt, sich für ihren Vater zu schämen. Als Antoine seine Tochter mit einem jungen Mann erwischt, dreht er durch und wirft sie aus der Wohnung. Jahre später nun erhält der einsamste Mensch der Welt ein Telegramm von seiner Tochter, der ihre Rückkehr ankündigt.
Die Erzählung lebt von den beeindruckend psychologischen Beobachtungen des Autors und wird mit Namen wie Proust, Balzac und Dostojewski verglichen. Erstaunlich tiefgründig und packend sein Sprachstil. Im Nachwort schreibt Bettina Augustin: “Wie Kafka, so beschreibt auch Bove das Ungeheuerlichste, als wäre es das Normalste, und der nüchtern-sachliche Ton, der dabei angeschlagen wird, macht die Beklemmung um so drückender. <<Roman begonnen. Ich habe 5 Zeilen geschrieben, aber ich glaube, den Ton gefunden zu haben<<, heißt es im Oktober 1936 in Boves Tagebuch. Dieser Ton ist es, der Bove heute seinen unbestrittenen Rang als großer Außenseiter der französischen Moderne sichert.”
Und dem ist wahrlich nichts hinzuzufügen.
Geschrieben in Patrick, Klassiker | Keine Kommentare »
“Die Rumpelhanni” von Lena Christ
13.10.2010 von Rebecca.

Johanna Rumpl, die “Rumplhanni”, praktisch elternlos, ist bei der Großmutter aufgewachsen und gewohnt ihr Leben selbst in die Hand zu nehmen. In Öd in Oberbayern arbeitet sie als Magd beim Hauser-Bauern, doch steht ihr der Sinn nicht danach ihr Leben lang Dienstbotin zu sein. Den Simmerl, den Sohn des Hofs, heiraten, selbst Hauserin werden, ist ihr Ziel. Doch der Erste Weltkrieg ist gerade ausgebrochen und das Heiratsversprechen, das ihr der Simmerl am Abend bevor er in der Krieg zieht, ist nicht viel wert. Was, wenn Simon fällt? So beginnt Hanni den alten Hauser zu umgarnen, damit der zum Notar geht und die Heiratsabsicht schriftlich festhält. Doch dabei treibt sie ein so gefährliches Spiel, dass sie schließlich den Hof verlassen muss. In München versucht sie ihr nun ihr Glück…
Vorab eine Warnung: Nicht-Bayern werfen lieber vorher einen Blick in den Roman. Die Volksschriftstellerin Lena Christ schreibt alle Dialog so wie ihre Charaktere nun mal sprechen: auf Bayerisch. Mir fällt es schwer zu beurteilen, wie ungewohnt sich dies für des Bayerischen nicht Mächtige liest
Die “München erlesen”-Reihe der SZ-Bibliothek rückt einige Romane wieder ins Blickfeld. Lena Christ, die ich schon von ihren “Lausdirndl-Geschichten” her kannte, gelingt es ihre Zeit auch fast hundert Jahre später ihrem Leser nahezubringen: Die kleine Welt des Dorfes, mit Nachbarschaftsstreit, Tratschereien und harter Arbeit auf dem Hof und die Welt der großen Stadt mit ihrem sozialen Gefälle. Mit Hanni hat sie eine autobiographisch inspirierte Figur geschaffen, die in ihrem Streben nach oben moralische Bedenken manchmal zur Seite fegt, naiv ist, aber nicht dumm.
Ich habe den dünnen Roman mit großem Vergnügen und Anteilnahme gelesen und empfehle ihn gerne weiter. “Die Erinnerungen eine Überflüssigen” sind auf meinem Wunschzettel deutlich nach oben gerückt!
Kerstin
Geschrieben in Klassiker, Kerstin | Keine Kommentare »
“Die Giftmeisterin” von Eric Walz
11.10.2010 von Rebecca.
Aachen, kurz vor Heiligabend im Jahre 799: die: Pfalzgräfin Ermengard findet mitten im Hof die Leiche des jungen Hugos. Er ist offensichtlich ermordet worden.
Der Tod des jungen Offiziers ist der Auftakt einer Serie von Morden, die die Pfalz erschüttern.
Der Pfalzgraf sucht nach dem Täter, um den Fall schnell abzuschließen und so die Sicherheit des Papstes sicherzustellen, der bald in Aachen erwartet wird.
Doch seine Frau Ermengard glaubt nicht an die einfachen Erklärungen ihres Mannes und beginnt selbst auf eigene Faust heimliche Ermittlungen…
Die Giftmeisterin ist mittlerweile der vierte historische Krimi von Eric Walz und ist meiner Meinung nach bis jetzt sein bester.
Der Roman besticht in diesem Fall vor allem durch seine Erzählperspektive: Ermengard erzählt ihre Geschichte auch der Ich-Perspektive und der Leser begleitet sie, wie sie die Ereignisse der letzten Tage zu Papier bringt. Man kommt Ermengard so sehr nah, lernt sie kennen und lieben und leidet mir ihr.
Die Erzählperspektive passt meiner Meinung nach in diesem Fall sehr gut und ich hatte an keiner Stelle das Gefühl, dass ich die Sicht eines anderen Charakters kennen lernen möchte. Ich bin vollkommen in der Geschichte aufgegangen und Ermengard wurde fast so was wie eine Freundin für mich.
Ihre Geschichte wird immer wieder von Rückblenden bzw. Erinnerungen unterbrochen, die sich schon alleine durch die Benutzung des Präsens vom Rest des Buches abheben. In diesen Erinnerungen lernt man eine junge Ermengard kennen und erlebt, wie sie sich verliebt und welche Schicksalsschläge sie durchmachen musste. Man lernt zu verstehen, wie Ermengard zu dem Menschen wurde, den man grade kennen lernt.
Der Kriminalfall selbst ist fast, so möchte ich sagen, ein typischer Walz: wohldurchdacht leitet der Autor den Leser durch die Kälte Aachens und lässt ihn mit Ermengard nach dem Täter suchen. Bis zum Schluss rätselt man, wer es gewesen sein könnte und findet dennoch keinen Täter.
Wenn der Täter dann am Ende gefasst und gestellt ist, traut man fast seinen Augen kaum, denn auf diesen Täter wäre man – oder zumindestens ich – nie im Leben gekommen.
Der Überraschungseffekt ist ganz auf der Seite des Autors.
Die Giftmeisterin ist ein spannender, fesselnder Roman, den ich mit großer Begeisterung gelesen habe und uneingeschränkt weiter empfehlen kann!
Geschrieben in Rebecca, History/Fantasy | Keine Kommentare »
“Die Gauklerin von Kaltenberg” von Julia Freidank
26.8.2010 von Rebecca.
Anna ist jung, schön und stark und unsterblich in Ulrich verliebt, dem Herrn der Burg Kaltenberg.
Es sind schwierige Zeiten: denn gleich zwei Könige aus dem Haus der Habsburger und dem Haus der Wittelsbacher streiten um den Thron.
Und genau in diesen Wirren geschieht es, dass das Dorf, in dem Anna bis jetzt so friedlich gelebt hat, überfallen wird.
Dies ist der Augenblick, der Annas Leben durcheinander bringt und sie lernen muss, für sich und ihr Leben einzustehen.
Der Klappentext wirbt mit dem Versprechen, dass man ein großes Abenteuer über die legendären Carmina Burana in den Händen hält.
Ein Versprechen, das wie in vielen Fällen nicht eingehalten wird.
Die Lieder spielen zwar eine Rolle, aber bei Weitem keine so vordergründige. Das Liederbuch dient lediglich als roter Faden, der dafür sorgt, dass vor allem Anna immer wieder in brenzlige Situationen gerät, aus denen sie dann wie durch ein Wunder immer, aber auch wirklich immer, gerettet wird.
Desweiteren weißt das Buch hin und wieder offen gelassene Handlungsstränge auf (bestes Beispiel: wie konnte Anna so unverhofft bei der Wasserprobe gerettet werden? - reiner Zufall reicht da nicht!).
Als Leser historischer Romane wird man wohl auch vom weiteren Verlauf der Geschiche eher schnell enttäuscht sein: man erfährt fast mehr um den Thronstreit wie über die groß angeworbene Carmina Burana und selbst dabei hat man das Gefühl, dass die Episoden um diesen Streit nur Lückenfüller sind. Ich hatte zu keiner Zeit wirklich das Gefühl, mich im Mittelalter zu befinden.
Was man aber auch beachten sollte, ist, dass das Cover das Buch – meiner Meinung nach – fälschlicherweise als historischen Roman deklariert; was man hier jedoch liest, ist kein historischer Roman, eher ein Liebesroman in historischem Gewand. Das dürfte auch erklären, wieso man Anna dabei beobachten kann, wie sie sehr häufig sowohl Raouls als auch Ulrichs Vorzüge anpreist (und sich dabei häufig in Wiederholungen verliert).
Trotzdem muss ich gestehen, dass ich das Buch über weitere Strecken immer wieder spannend fand und es auch gerne gelesen habe.
Allerdings: es war spannend für den Moment. Bereits jetzt, knappe 4 Wochen nach dem Lesen, weist mein Gedächtnis schon erschreckende Lücken auf.
Fazit: Die Gauklerin von Kaltenberg war ein nettes Buch für Zwischendurch, es hebt sich allerdings nicht wirklich aus der Menge des Genres ab.
Rebecca
Marion von Schröder 2010, Gebunden, 14,95 €, Seiten: 496, ISBN: 978-3547711660
Geschrieben in Rebecca, History/Fantasy | Keine Kommentare »

