Calendar
Mai 2012
M D M D F S S
« Apr    
 123456
78910111213
14151617181920
21222324252627
28293031  
Kategorien

Verfasser-Archiv

“Herr aller Dinge” von Andreas Eschbach

Bereits als 10-jähriger lernt Hiroshi Kato Charlotte Malroux kennen. Er ist der Sohn der Wäscherin der französischen Botschaft in Japan und lebt in sehr einfachen Verhältnissen. Sein Vater ist ein US-Amerikaner, weder Hiroshi noch seine Mutter haben Kontakt zu ihm, sie wissen nicht einmal, ob er noch am Leben ist. Charlotte lebt als Tochter des französischen Botschafters dagegen mit allen nur denkbaren Annehmlichkeiten. Trotz der großen Unterschiede in den Lebensverhältnissen und dem Widerstand der Eltern freunden sich beide an. Aber Hiroshi hat eine Vision, könnte er diese verwirklichen, wäre die Armut von der Erde verbannt. Sie lässt ihn nicht mehr los und von nun an arbeitet er ehrgeizig an der Realisierung seines Traums. Jahre später trifft er Charlotte wieder, vor allem ihr möchte er beweisen, dass sein Traum Wirklichkeit werden kann.

Der Roman beginnt mit der Kindheitsgeschichte von Hiroshi und Charlotte. Die Handlung plätscherte gemächlich dahin, gut zu lesen, ein Roman eben, der recht unterhaltsam ist. Andreas Eschbach ließ dem Leser viel Zeit, sich in der Welt seiner Protagonisten zurechtzufinden und ihnen zu nähern. Die Figuren und das Leben, dass sie führen, erscheinen realistisch und leicht nachzuvollziehen. Die Charaktere sind vielfältig, nicht unbedingte Sympathieträger oder Gutmenschen. Sie haben erkennbare Vorzüge und Schwächen. Hiroshi ist ein Einzelgänger und Charlotte findet ihren Platz im Leben nicht. Hiroshi wächst heran, beginnt dann irgendwann sein Studium und die ganze Geschichte erschien mir eigenartig einfach, ohne den Eschbach eigenen, besonderen Kick. Aber nach gut 300 Seiten kommt deutlich mehr Spannung in das Geschehen, spürbar verlagert der Autor den Schwerpunkt auf die Vision Hiroshis, die Armut zu besiegen. Damit führt er eine Vielzahl von Themen ein, die zu besprechen einerseits zu weit gehen würde und andererseits zu viel vorweg nehmen würde. Gleichzeitig löst sich Eschbach auf diese Weise vom Stil seiner bisherigen Bücher. Als Leser wird man in dem Sog der Handlung mitgerissen. Man erlebt die Helden als real agierende Wesen in Situationen und Umgebungen, die so kühn erdacht und beschrieben sind, dass sie schon wieder erschreckend deutlich vorstellbar werden. Ich hätte nie gedacht, dass mich ein Roman der schon offensichtlich zukunftsweisend ausgerichtet und mit so vielen wissenschaftlich-technischen Details behaftet ist, je so fesseln würde. „Herr aller Dinge“ ist ein sehr komplexes Werk, bei dem mich besonders die gut durchdachte Themenvielfalt begeistert hat. Keines der Themen stand abstrakt für sich, alle waren miteinander logisch verbunden und wurden schlüssig abgearbeitet. Auch die actionlastigen Szenen passten gut in das Gesamtkonzept des Buches. Vor allem konnte ich endlich von Andreas Eschbach einen Roman lesen, dessen Ende mich wirklich überzeugte, für mich wäre ein anderes undenkbar, allerdings kam das dann auch wieder ein wenig schnell, bedenkt man die vielen Seiten, die der Autor für die Einführung seiner Personen und Ideen nutzte.

Was wie ein Jugendbuch beginnt, entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem rasanten, anspruchsvollen, genreübergreifenden Roman, wie ich ihn bisher noch nicht gelesen habe. Es ist kein Buch für zwischendurch. Man muss bereit sich auf diesen Roman einzulassen. Für mich war es ein Leseerlebnis der besonderen Art.

Autorenporträt (Quelle: buecher.de)
Andreas Eschbachs schriftstellerische Karriere begann mit einem Umweg: In Stuttgart studierte er Luft- und Raumfahrttechnik, wechselte dann ins EDV-Fach und arbeitete als Geschäftsführer einer IT-Beratungsfirma. Obwohl er schon früh mit dem Schreiben begonnen hatte, erschien sein erster Roman, „Die Haarteppichknüpfer“, erst 1995, als Eschbach bereits 36 Jahre alt war. Dann folgten moderne Klassiker wie „Solarstation“, „Das Jesus-Video“, „Kelwitts Stern“, „Das Marsprojekt“, „Quest“, „Eine Billion Dollar“, „Exponentialdrift“, „Der letzte seiner Art“, „Der Nobelpreis“ oder „Ausgebrannt“. Eschbach wurde mehrfach mit dem „Deutschen Science Fiction Preis“ ausgezeichnet sowie mit dem „Kurd-Laßwitz-Preis“. Auch international ist ihm inzwischen der Durchbruch gelungen, seine Bücher wurden in zahlreiche Sprachen übersetzt und sind auch in den USA erfolgreich. Eschbach lebt seit 2003 mit seiner Frau in der Bretagne.

Heike

Bastei Lübbe Verlag 2011, Hardcover 22 €, 688 Seiten, ISBN: 978-3785724293

Neuerscheinungen im Juni

“Erwin Schrittmatter” (Bio) von Dr. Annette Leo

Erwin Strittmatter, 1912 im Kaiserreich geboren, starb 1994 im vereinigten Deutschland. Er erlebte zwei Weltkriege, zwei Revolutionen, die Weimarer Republik, das »Dritte Reich« und die DDR. Ein Jahrhundertleben, das geprägt war von historischen Brüchen, Katastrophen und Zwängen, eine Erfolgsgeschichte als Autor, die nach 1990 nicht zu Ende war.

“Mittellange Minis” von Elfriede Gerstl

Der erste Band der Gesamtausgabe, der zu Elfriede Gerstls 80. Geburtstag (16. Juni 2012) vorgelegt wird, enthält die Texte ihrer ersten Buchpublikationen, “Gesellschaftsspiele mit mir. Wenig übliche Geschichten und Gedichte” (1962), “Mittellange Minis” (Gedichte, 1967), “Berechtigte Fragen” (Hörspiele, 1973) und den legendären Roman “Spielräume” (1977): Die publizistisch äußerst beschwerlichen ersten zwanzig Jahre der Wiener Dichterin witzig, spöttisch und: sehr provokant! 

Niels Bohr: Physiker und Philosoph des Atomzeitalters” von Ernst Peter Fischer

Der Physiker und Nobelpreisträger Niels Bohr (1885–1962) veränderte durch seine Forschung unseren Blick auf die Welt. Mit seinem Atommodell konnte erstmals die Stabilität von Materie erklärt werden, doch zugleich machten die darauf aufbauende Atomphysik und Nukleartechnik unsere Welt so unsicher wie nie zuvor. Ernst Peter Fischer beleuchtet Leben und Werk dieses faszinierenden Mannes, dessen Erkenntnisse uns bis heute beschäftigen.

“Die schöne Frau Seidenmann” von Andrzej Szczypiorski

Opfer und Verbrecher, Helden und Verräter, Rebellen und Ignoranten bevölkern die Straßen Warschaus während der deutschen Besatzung. Dieses Buch beinhaltet 21 leicht miteinander verwobene Erzählungen, die sich im näheren Umkreis der polnischen Jüdin Seidenman bewegen. Durch unglückliche Umstände gerät sie in deutsche Gefangenschaft. Daraufhin wird eine zufällige Kette an Ereignissen mobilisiert, um sie zu befreien. Antrieb und Beweggründe eines jeden Invidiuums auf polnischer wie auf deutscher Seite beleuchtet Szczypiorski auf überzeugende und kritikfreie Weise. Prinzipientreue, Pflichtbewusstsein und Urteilvermögen, manchmal auch die Liebe und Barmherzigkeit zeichnen den Grenzverlauf zwischen der politischen und menschlichen Verantwortung. Kein Mensch ist ohne Sünde, Schuldzuweisung sucht man hier vergebens, und das macht es schwer vorauszusehen, auf welche Seite wir uns geschlagen hätten.

“Besser sein auf jedem Gebiet, unerreichbar sein, das ist deutscher Ehrgeiz. Am schönsten komponieren, am produktivsten arbeiten, am klügsten philosophieren, am meisten besitzen, am effektivsten totschlagen! Es gibt nichts Grausameres. Keine Moskauer Vorstellung kommt dieser geradlinigen, ehrlichen Leidenschaft zu führen gleich, die den deutschen Geist geprägt hat. Die Heuchelei des Moskowiters ist schrecklich und zerstörerisch, aber sie ist nie vollkommen, stets kann man einen Riss finden, einen Sprung, durch den ein klein wenig von der einfachen Menschenseele sickert.”

Deutschland von außen betrachtet, ein Blick ins polnische Ghetto riskiert und durch genaues Beobachten erkannt, dass der menschliche Kern auf beiden Seiten der Grenze noch nicht ausgetrocknet ist.

Patrick

Süddeutsche Zeitung / Bibliothek 2004, Übersetzung: Klaus Staemmler, Hardcover vergriffen, 219 Seiten, ISBN: 978-3937793368

“Small Country” von NickHornby

Willkommen - wiedermal - in Nick Hornbys Mikrokosmos! In diesem Sammelband von 4 Erzählungen trifft man typische Hornby-Kreaturen, bevorzugt aus der unteren gesellschaftlichen Mittelschicht, etwas naiv gestrickt, doch mit genug Hausverstand ausgestattet, um den Widrigkeiten des Lebens, die so daherkommen, entgegenzustehen und das Beste daraus zu machen.

So erfährt die Mutter eines Halbwüchsigen ausgerechnet von der sensationslüsternen Nachbarin davon, dass ihr Sohn angeblich der Hauptdarsteller in einem Pornofilm ist und reagiert auf ihre Weise, ein 11jähriger Junge aus dem kleinsten Land der Welt lernt erste Grundzüge von solidarischem Zusammenleben, und versteht sich auch darauf, seine Talente letztendlich richtig einzusetzen, jener Schüler, der mit seinem Aufnahmegerät in Zukunft schauen kann, möchte die verbleibenden 6 Monate noch ausgiebig nützen und nicht zuletzt geht es darum, wer bestimmt, was Kunst ist.

Neben den typischen Hornby’schen Figuren kommen auch die typischen Hornby’schen Themen nicht zu kurz: Fußball, Kunst, Jugend, Pubertät, Eltern-Kind-Beziehungen gemischt mit leichter Provozierung und gesellschaftlichen Seitenhieben, die sich wie ein roter Faden durch die Stories ziehen, ebenso wie der schriftstellerische Kniff, sich direkt mit dem Leser in Verbindung zu setzen - teils um Sachen zu erklären, teils um Mitgefühl und Verständnis zu erheischen - und man langsam aber sicher auch als Leser Teil von Hornby’s small country wird.

Für Hornby-Liebhaber ein weiteres Stück in der Sammlung (wobei anzumerken ist, dass die letzte Erzählung “Nipple-Jesus” nicht neu ist und bereits im Jahr 2001 in einem Erzählband (”Speaking with an Angel”) auf deutsch erschienen ist. Eingefleischte Hornby-Fans mag ich vorwarnen, dass sich dieses Buch nicht als “Mogelpackung” entpuppt, den die beiden ersten Geschichten “Not a Star” und “Otherwise Pandominium” erschienen bereits in einem extra Sammelband auf englisch unter dem Titel “Otherwise Pendominium” im Jahr 2005 bei pocket penguins.

Für alle, die Nick Hornby (noch) nicht kennen ist es sicherlich ein netter Einstieg, allerdings würde ich in erster Line zu seinen Romanen (Fever Pitch, A long way down, About a boy, etc.) raten.

Christine †

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2011, Übersetzung: Blumenbach und Hellmann, Hardcover 16,99 €, 158 Seiten, ISBN: 978-3462043211

Neuerscheinungen im Juni

“Korrespondenzen 1 - 3″ von Karl Jaspers

Ein facettenreiches und faszinierendes Portrait des einflussreichen Denkers im regen Austausch mit zahlreichen Geistesgrößen.Der Psychiater und Philosoph Karl Jaspers hinterließ eine große fachliche und persönliche Korrespondenz, die historisch vom Untergang des Kaiserreichs bis zur Etablierung der Bundesrepublik reicht. Aus den etwa 35.000 überlieferten Briefen von und an Jaspers fügt die dreibändige kritische und kommentierte Edition die wichtigsten epistolarischen Gespräche zu einem Mosaik der jüngeren Philosophie-, Psychiatrie-, Politik- und Kulturgeschichte …

Korrespondenzen. Briefwechsel: Psychiatrie, Medizin und Naturwissenschaften

Korrespondenzen. Briefwechsel: Philosophie

Korrespondenzen. Briefwechsel: Politik und Universität

„Muttersohn“ von Martin Walser

Nachdem ich „Angstblüte“ und „Ein liebender Mann“ als eher senile Alterswerke eines Autors gelesen hatte, war ich nun auf den neuesten Roman von Walser doch wieder recht neugierig geworden, zumal ich ihn mir in meiner Stadtbibliothek ausleihen konnte.

>>Der unterdrückte Teil in uns ist erst das, was uns zu Menschen macht.<<

So las ich dann den ersten Teil „Dem Leben zu Liebe“, in dem fast alle Figuren des Werks vorgestellt werden und den Protagonisten Percy in den Mittelpunkt rückten. Für seine Zeugung brauchte es keinen Mann, so sagte es seine Mutter und für ihn wurde es zum Glauben. Nicht dass er davon wirklich überzeugt gewesen wäre, er sucht im ganzen Roman nach einem Vater, und drängt sich allen älteren Herren adoptionswillig auf. Ferner möchte er einfach keinem verletzen, auch seine Mutter nicht.

>>Dürfen wir etwas nicht glauben, weil andere nicht daran glauben wollen oder können?<<

Percy arbeitet als Pfleger in einer Nervenklinik, und hat mit sehr eigenwilligen Therapieansätzen so manche Erfolge gefeiert. Die Patienten lieben ihn in der Regel und laufen ihm auf dem Klinikgelände nach, erzählen von ihrem Leben, ihren Fortschritten und Fantasien.

>>Im Glauben erfahre ich, wer ich bin.<<

Der Professor der Klinik fördert ihn in jeglicher Weise, und beauftragt im ersten Teil den Protagonisten mit dem Fall des suizidgefährdeten Motorradfahrers. Percy schließt leise dessen Türe auf, setzt sich an den kleinen Tisch (der Patient liegt im Bett) und verharrt dort stumm mehr als 2 Stunden.
Später erfährt der Leser, dass seine Mutter diesen Ewald Kainz kannte. Nach und nach wird seine Geschichte aufgedeckt, und damit auch Percys Geschichte.

>>Wir glauben immer mehr als wir wissen.<<

Man hat aufgrund der unbefleckten Empfängnis und der Andeutung „Engel ohne Flügel“ schon eine Ahnung, worauf es in diesem Roman hinsteuert. Er ist eine Art Fürst Myschkin (Dostojewski „Der Idiot“), der keiner Figur widersprechen kann, der nur das Gute tun möchte und letztendlich wie alle Messiasfiguren tragisch ums Leben kommt. Ein echter Parzival, wie sein zweiter Vorname es schon belegt.

>> Der Wissende hat sein Wissen immer von einem anderen. Auf den kann er sich berufen. Der Glaubende beruft sich auf sich selber.<<

Ab dem zweiten Teil des Buches „Dieses Leben“ muss ich ganz ehrlich sagen, konnte ich nur noch wenig mit dieser Geschichte anfangen. Zu Sprunghaft und mit zu vielen Andeutungen gespickt, wurde ich ganz wirr beim Lesen. Dennoch habe ich das Werk beendet, und diese verkehre Verkettung der Zusammenhänge aufgelöst.

>>Ich habe nicht den mindesten Einfluss auf mich.<<

Martin Walser, geboren 1927 in Wasserburg, lebt in Überlingen am Bodensee. Für sein literarisches Werk erhielt er zahlreiche Preise, darunter 1981 den Georg-Büchner-Preis und 1998 den Friedenspreis des Deutschen Buchhandel. (Klappentext) Bekannt wurde Walser durch seine Darstellung innerer Konflikte der Antihelden in seinen Romanen und Erzählungen. (wiki)

Krümel

Rowohlt Verlag 2011, Hardcover 24,95 €, 505 Seiten, ISBN: 978-3-498-07378-7

“Die Musterschüler” von Michael Köhlmeier

In einem katholischen Heim für männliche Gymnasiasten in Tirol herrschten Anfang der 1960er Jahre harte Sitten. Vor den Ferien mussten sich die Jungen Lateinprüfungen stellen und sich mit guten Noten die Heimfahrt verdienen. Vor den Ferien zu Allerheiligen 1963 fand diese Prüfung für Gebhard Malins Klasse als Folge eines Jungenstreichs gar nicht erst statt. Damit waren die freien Tage für alle gestrichen. Nach drei Wochen intensivstem Lateinstudium wurde die Prüfung nachgeholt. Der Präfekt und Lateinlehrer erwartete sehr gute Leistungen, die auch alle erzielten – außer Gebhard Malin, eigentlich ein sehr guter Lateinschüler, er bekam ein „Nicht genügend“ bescheinigt. Wieder wird vom Präfekten eine Kollektivstrafe verhängt, keine Heimreise bis zum Weihnachtsfest, kein Besuch, kein Essen in den nächsten zwei Tagen, die Jungen sollen beweisen, dass sie eine Gemeinschaft sind. Dann kommt von ihm noch die Aufforderung: „Züchtigt ihn!“
25 Jahre später werden die damals beteiligten Jungen von einem unbenannt bleibenden Erzähler zu dem Vorfall befragt. Keiner will mehr so recht wissen, was damals geschah, wer das Heft in die Hand nahm, die Schuld der Einzelnen ist verdrängt worden, das Erinnern fällt schwer und ist unangenehm.
Michael Köhlmeier ist für mich ein großer Erzähler. Seine Bücher sind schwer vergleichbar, gerade das mag ich an seinem Stil. Mit „Die Musterschüler“ habe ich eine wahre Herausforderung gefunden. Die Seiten flogen nicht so dahin beim Lesen. Ich musste mir das Buch erarbeiten. Mundgerecht war es wirklich nicht, aber trotzdem fand ich es beeindruckend. Köhlmeier erzählt die Geschichte nicht geradlinig, sondern eher verwinkelt und konstruiert. Er weicht immer wieder vom roten Faden ab und schiebt neue, aber auch bereits bekannte Episoden aus dem Schul- und Heimalltag ein. Die häufigen Wiederholungen, die mitunter auch nur um kleinste Informationen verändert wurden, lassen den Roman mitunter etwas zäh erscheinen. Besonders ist auch die Erzählform des Romans, der Autor schrieb ihn in Form eines Interviews. Fragen und Antworten wechselten sich ab. Erst ganz zum Schluss bekommt der Leser einen Hinweis darauf, wer der Fragende sein könnte. Aber worum geht es in diesem Roman? Es geht um Schuld, um die Schuld des Einzelnen, mehr jedoch um die Schuld der Gemeinschaft und es geht um die Verantwortung, die aus der Schuld heraus übernommen werden muss. Es geht aber auch um die Rolle von Außenseitern, die Gruppendynamik und die Schuld von Höherstehenden, in diesem Falle, die des Präfekten. Assoziationen zu Morton Rhue’s „Die Welle“ blieben dabei nicht aus.
Durch die Frage-Antwort-Situation kommt schnell ein Gefühl der Vertrautheit und Nähe zu den ehemaligen Schülern auf. Doch gibt es auch immer wieder Überraschungsmomente, die eine neue Sicht auf die Geschehnisse vor 25 Jahren erlauben.
„Die Musterschüler“ ist ein interessanter, überzeugend real wirkender und nachdenklich machender Roman, der stellenweise dem Leser einiges an Geduld abverlangt. Am Ende hat sich das Durchhalten dennoch gelohnt.

Über den Autor

Michael Köhlmeier, geboren 1949, wuchs in Hohenems/Vorarlberg auf, wo er auch heute lebt. Für sein Werk wurde der österreichische Bestsellerautor unter anderem mit dem Man s-Sperber-Preis, dem Anton-Wildgans-Preis und dem Grimmelshausen-Preis ausgezeichnet. (Quelle: amazon.de)

Heike

Deutscher Taschenbuch Verlag 2009, TB 11,90 €, 608 Seiten, ISBN: 978-3423138000

Neuerscheinungen im Juni

“Eine Rose für Emily” von William Faulkner

William Faulkner konnte erzählen wie nur wenige. In seinen Geschichten und Romanen erschuf er seine Heimat Mississippi neu, taufte sie Yoknapatawpha County und besiedelte sie mit Gestalten seiner Phantasie zum Beispiel mit Miss Emily, deren Liebe zum Nordstaatler Homer Barron von den Verwandten nicht geduldet wird und sich auf überraschende Weise dennoch erfüllt. 

“Ein Porträt des Künstlers als junger Mann” von James Joyce

Mit dieser in Dublin spielenden, autobiografisch gefärbten Coming-of-Age-Geschichte schrieb sich James Joyce in die Weltliteratur ein. Thematisch steckt in diesem aufsehenerregenden Roman schon ein Großteil dessen, was den berühmten Iren ausmacht: Kunst, Sex, Religion, Rebellion und all die damit einhergehenden Verwicklungen.

“Dunkle Tiger” von Michi Strausfeld (Lyrik)

Lateinamerika ist eine Erfindung: eine Gemengelage widersprüchlichster Realitäten und verschiedenster Kulturen. Kein Wunder also, dass es der Kontinent der Poesie ist: von dem eleganten Kosmopoliten Borges zu Nerudas emphatischem Engagement und den weiten Bögen von den Inkas zu Pessoa bei Octavio Paz. 

“Imperium” von Christian Kracht

Der Schweizer Autor Christian Kracht wurde 1966 in Saanen geboren und hat mit diesem Buch das „Deutsche Feuilleton“ in helle Aufregung versetzt.

Was war passiert?
Christian Kracht erzählt in diesem Buch die Geschichte des Aussteigers August Engelhardt. Engelhardt kauft sich ein kleines Eiland in der Südsee und widmet sich fortan dem Ernten und Verarbeiten von Kokosnüssen. Zudem will dieser fast schon fanatische Vegetarier einen „sonnenanbetenden Kokosnussorden“ gründen – Engelhardt predigt die Kokosnuss als alleinige Nahrung. Darüber hinaus sind auch Nacktheit und Naturnähe Eckpfeiler seiner Ordensphilosophie.

Die Geschichte spielt um 1902 und die Person des August Engelhardt soll historisch verbürgt sein.

Nun hat sich auch ein Rezensent des SPIEGEL dieses Buches angenommen und man fragt sich, welches Buch der SPIEGEL-Rezensent Georg Diez eigentlich gelesen? „Imperium“ von Kracht kann es schwerlich gewesen sein.
Diez tituliert Kracht in diesem Buch „als Türsteher rechten Gedankenguts“, wirft ihm vor „Sympathisant für koreanische Diktatoren“ zu sein und fragt nach der Geisteshaltung des Autors im Zusammenhang mit dem Briefwechsel im Jahre 2004 mit dem politischen Wirrkopf David Woodhard.

Namhafte Autoren sprangen Kracht zur Seite. In einem offenen Brief nannten sie die Kritik „bösartig und perfide“. Unterzeichner dieses Briefes waren u.a. Daniel Kehlmann, Peter Stamm, Monika Maron, Elfriede Jelinek, Kathrin Schmidt und Feridun Zaimoglu.
Es geht hier auch um die Frage, ob man den Autor eines Buches auch für die Äußerungen seiner Protagonisten „haftbar“ machen kann.
Und auch die oftmals Unsinn schreibende Iris Radisch meinte, auch sie müsse sich zu Wort melden. Sie fragt wie „….politisch Literaturkritik sein darf….“ schafft es dann aber nicht eine vernünftige Antwort zu geben.
Sie wirft den Verfassern des offenen Briefes vor, diese würden sich anmaßen, zu wissen was Literaturkritik darf, kann und was dort erlaubt sei.

Radisch schreibt wörtlich:
„Das ist zwar korrektes Literaturseminarwissen, aber dennoch Unsinn. Figurenrede, Ironie, Maskenspiel und die Freiheit der Kunst machen einen Roman und seinen Verfasser nicht per se unangreifbar. Sie sind kein ästhetischer Schutzwall, hinter den kein Kritiker mehr einen Blick werfen darf, ohne Angst vor Beschwerden bei seinen Vorgesetzten haben zu müssen.“

Leider hat Radisch – wie so oft – mal wieder überhaupt nichts begriffen. Aber wer auf der ZEIT-Gehaltsliste steht, darf offensichtlich Unsinniges daher schwafeln.

Kritik an einem Buch muss erlaubt sein, die Kritik kann auch gern vernichtend sein – aber trotzdem darf Kritik nicht irgendwelche Unwahrheiten oder der Unwahrheit nahekommende Spekulation und Unterstellungen das Wort reden. Und genau das ist es was Diez macht. Vielleicht sollte der SPIEGEL zukünftig seine Hände von literarischen Themen weglassen; in der Vergangenheit hatten sie davon schon keine Ahnung und das Beispiel „Imperium“ zeigt, dass sich daran auch nichts geändert hat.

So ist dieser „vermeintliche Literaturskandal“ nichts anderes als ein laues Lüftchen im Wasserglas. Aber so durften sich wohl die Verkaufszahlen über sehr schöne Zuwächse freuen.

Christian Kracht schreibt in einer „leicht verdrechselten“ Sprache, etwas ungewohnt aber nicht unangenehm und einige seiner Episoden erinnerten mich an die Karikaturen aus dem „Simplicissimus“, der politisch-satirischen Zeitschrift, die bis zum Ende der Weimarer Republik existierte. Kracht schafft es, wenn auch eher unterschwellig ironisch, das wilhelminische Zeitalter mit einem leicht amüsierten Hauch zu schildern, wobei er aber hier nicht durchgängig in dieser Form erzählt.

Im Ergebnis ist dieser Roman angenehm zu lesen; ein Highlight der Literatur wird er aber ganz sicher nicht werden und der Verlag müsste dem SPIEGEL für dessen Peinlichkeit doch eigentlich dankbar sein; denn kann es eine bessere Werbung geben?

Interessant sind in diesem Zusammenhang die Meinungen des „Kollegiums der Literaturkritik-Kardinäle“. Wo die SÜDDEUTSCHE ZEITUNG hellauf begeistert ist, ist die TAZ eher ernüchtert und enttäuscht. Die FRANKFURTER ALLGEMEINE ZEITUNG meint feststellen zu müssen, dass der Autor noch nie so „locker und freudvoll“ geschrieben hätte. Die ZEIT sieht nicht nur Anklänge bei Mann, Kafka und Hesse, nein, sie holt auch noch Fontane und von Keyserling mit ins Boot. Naja – die ZEIT eben.
Die FRANKFURTER RUNDSCHAU scheint in Person der Rezensentin Sabine Vogel ein wenig genervt von diesem Buch. Vogel bemängelt, den Versuch von Kracht in „Thomas-Mann-Ton“ zu schreiben. Die kühle Zeichnung der Figuren sieht sie als „unlebendig und staffagenhaft“. Ihr Urteil gipfelt darin, dass sie das pathetische Schwadronieren von Krachts Hauptfigur als „grauenhaften Rollenprosakitsch“ ansieht und das „Imperium“ für sie nichts anderes ist als „gedrechselter Quatsch“.

Mich hat dieses Buch gut unterhalten und genau genommen ist auch das allein für mich wichtig. Was habe ich letztendlich mit diesen Literaturkritikern zu tun? Glücklicherweise nichts.

Für dieses Buch gibt es von mir eine freundliche Leseempfehlung und den Rat, vielleicht das SPIEGEL-Abo zu kündigen.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2012, Hardcover 18,99 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3462041316

“Der Schwarm” von Frank Schätzing

In Peru und Argentinien verschwanden Fischer auf hoher See. Vor der mittelamerikanischen und australischen Küste sterben Menschen, weil sie in Kontakt mit in Massen auftretenden hochgiftigen Quallen kamen. In Frankreich platzten in einem Sterne-Restaurant Hummer, verbreiteten eine gallertartige Masse, Menschen starben. Gastanker explodierten, ein Forschungsschiff verschwand spurlos. Wale trafen verspätet auf ihren Wanderungen vor der kanadischen Westküste ein. Als sie dann doch endlich ankamen, waren sie aggressiv und griffen Menschen und Schiffe an. Im norwegischen Schelfgebiet vermehrten sich massenhaft Borstenwürmer, die sich von methanabbauenden Bakterien ernährten, die ihrerseits das eisförmige Methanhydrat in großen Mengen abbauten. Dadurch wurde der Kontinentalhang vor Norwegens Küste instabil, kam ins Rutschen und verursachte einen gewaltigen Tsunami, der die Küstenregionen Nordeuropas verwüstete. Der Golfstrom kam zum Erliegen. In der Tiefsee verlegte Glasfaserkabel wurden zerstört, eine Kommunikation zwischen den Kontinenten war nur noch eingeschränkt möglich. Das freigesetzte Methan beschleunigte den Treibhauseffekt. Vor der Ostküste der USA wanderten Krebse mit giftigen Bakterien besetzt an Land. Das Gift gelangte ins Abwasser, giftige Gase stiegen auf und töteten die Menschen in ihren Häusern. Vor den Kanaren droht die instabile Westflanke des Cumbre Vieja durch die methanfressenden Bakterien abzurutschen und einen Megatsunami zu verursachen. Die Menschheit ist in ihrer Existenz bedroht. Wissenschaftler und Praktiker aus verschiedenen Ländern, unter Federführung der USA, führen einen fieberhaften Kampf gegen die Bedrohung. Immer klarer wird, dass diese im Zusammenhang mit der überall gefundenen gallertartigen Masse, die von den Forschern Yrr genannt wurde, steht. Die Forschung läuft auf Hochtouren.

Die Menschen fliegen ins All, suchen nach intelligentem Leben außerhalb der Erde. Aber wie gut kennen sie den eigenen Planeten? Die Tiefsee ist mehr oder weniger unerforschtes Gebiet. Das nutzt Frank Schätzing in seinem Roman und siedelt eine unbekannte Lebensform mit kollektiver Intelligenz in den Tiefen der Ozeane an. Gekonnt verknüpft er verschiedene Wissenschaftsgebiete wie Meeresbiologie, Zoologie, Ökologie, Vulkanologie und Klimaforschung und erklärt die angerissenen Themen allgemeinverständlich. Außerdem werden philosophische und völkerkundliche Ansätze, religiöse Gedanken und ausführliche Informationen zu technischen Fragen der Ölförderung und der Tiefseeforschung nicht ausgelassen. Auch an Handlungsorten mangelt es in Schätzings „Der Schwarm“ nicht. Trotz der beeindruckenden Themenfülle und Schauplatzvielfalt wird der Leser nicht überfordert. Der Roman ist gut strukturiert, in 5 Teile, einen Prolog und einen Epilog untergliedert. Zwischenüberschriften geben dem Leser Auskunft über den Zeitverlauf und der Ort der Handlung. Ein Kritikpunkt sind die recht eindimensional gestalteten Charaktere, die schon so manch gängigem Klischee entsprechen und sich grob in gut und böse einordnen lassen, das wird durch die abwechslungsreiche Handlung aber gut kompensiert. Denn den Hauptprotagonisten an sich gibt es nicht. Es sind etwa ein Dutzend Personen, davon einige real existierende, die die Handlung maßgeblich vorantreiben. Aus einer umfangreichen Recherche schöpfend, die auch noch in „Nachrichten aus einem unbekannten Universum“ einflossen, schuf Frank Schätzing einen äußerst interessantern und spannungsgeladenen Thriller. Den ersten Teil, in dem die Welt zunächst mit unerklärlichen Erscheinungen konfrontiert wurde, fand ich nahezu genial. Als dann in der zweiten Hälfte der Existenzkampf der Menschheit geschildert wurde, konnte mich der Autor nicht mehr hundertprozentig packen. Da gab es Szenen, die mir zu konstruiert und zu hollywoodlike erschienen und damit einfach nicht ganz meinem Geschmack entsprachen. Das Buch ließ sich gut und flüssig lesen, die wissenschaftlichen Fakten erdrückten die Handlung nicht. Ich empfehle „Der Schwarm“ gern weiter.

Über den Autor
(Quelle: amazon.de)
Frank Schätzing, Jahrgang 1957, lebt gleich mehrere Leben. Als Kreativchef einer Werbeagentur, Musiker und Musikproduzent, begeisterter Hobbykoch und seit Mitte der Neunziger als Schriftsteller. Mit „Der Schwarm“ hat sich Schätzing, selber ausgebildeter Taucher, einen Traum erfüllt, nachdem er die Idee der Geschichte tatsächlich Jahre zuvor geträumt hatte. Frank Schätzing lebt und arbeitet in Köln.

Heike

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2004, Hardcover 24,95, 1000 Seiten, ISBN: 978-3462033748