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Archive für Februar 2010

“Phi Phi Island: Ein Bericht” von Josef Haslinger

Ko Phi Phi ist eine Inselgruppe im Süden Thailands, bestehend aus den Inseln Ko Phi Phi Don und Ko Phi Phi Le. In dieser beschaulichen, idyllischen Gegend, die beim Film “The Beach” als Kulisse diente, wollte der österreichische Schriftsteller Josef Haslinger mit seiner Familie den Weihnachtsurlaub 2004 verbringen. Doch aus der beabsichtigten Reise ins Paradies wurde ein Höllentrip. Am 26.12. bricht die gewaltige Flut herein, zerstört alles und reißt Hunderte von Menschenleben mit sich. Josef Haslinger hatte Glück, großes Glück. Er konnte sich auf ein Dach eines Hotels retten und auch seine Frau und seine beiden Kinder überlebten. Die Flut erreichte dieses Dach nicht.

Schwer traumatisiert von diesem Ereignis legt der Schriftsteller zwei Jahre danach Bericht ab. Er erzählt sehr nüchtern und doch so beeindruckend von den unfassbaren Zuständen, von Menschen, die er in dieser Ausnahmesituation kennen gelernt hat, von Menschen, die er ertrinken hat sehen, für die jede Hilfe zu spät kam und die nicht so viel Glück hatten. Er berichtet aber auch von kleinen zwischenmenschlichen Erfahrungen, von einer ungeheuren Solidarität und Nächstenliebe, von selbstlosen Helfern und von der unendlichen Ohnmacht, Machtlosigkeit und Hilflosigkeit und die Frage, die er sich immer wieder stellt: warum hat gerade er so viel Glück gehabt. Gedankensplitter rund um Land, Kultur und Mentaliätät ergänzen den Bericht, wer allerdings einen “Reiseführer” erwartet, wird enttäuscht sein.

Ein Jahr später kehrt Josef Haslinger mit seiner Frau an den Ort des Geschehens zurück und lässt das Erlebte Revue passieren. Er sucht die Stätten seiner Flucht auf, trifft Menschen, die überlebt haben, stellt Recherchen an. Ergebnis dieser Verarbeitung ist das vorliegende Buch, das in seiner Art einzigartig ist. Anhand von 3 Zeitsträngen (Weihnachten 2004, Weihnachten 2005 und die Zeit dazwischen) werden nüchtern und doch sehr persönlich Gedanken, Erlebnisse, Gefühle reflektiert, liebevolle Details erzählt, und dabei nie vergessen, welches Glück die Familie hatte. Von der Katastrophe blieb neben der Traumatisierung ein unbeweglicher Finger, der Haslinger das Betätigen der Umschalttaste auf der Tastatur erschwert, weshalb das Buch von der ersten bis zur letzten Seite in Kleinbuchstaben geschrieben ist. Aber man hat als Leser das Gefühl, dass er diesen Finger gerne als “Andenken” mit sich herumträgt, als Andenken daran, wie knapp Glück und Unglück beieinander liegen, wie schnell alles ganz anders sein kann, und wie ungecht und willkürlich das Schicksal verteilt ist.

Über den Autor (von amazon.de)
Josef Haslinger, 1955 in Zwettl/Niederösterreich geboren, lebt in Wien und Leipzig. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. 1995 erschien sein Roman »Opernball«, 2000 »Das Vaterspiel«. Sein letztes Buch, »Zugvögel«, erschien im Frühjahr 2006. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien und den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels.

Christine

Fischer Taschenbuchverlag 2008, TB 9,95 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3596181827

“Austerlitz” von W. G. Sebald

austerlitz.jpgEin literarisches Gesamtkonstrukt aus feinstem Stahl, welches brillant und überbewältigend daherkommt, mir aber zu kalt ist!

Der scheinbar autobiographische Ich-Erzähler trifft im dunklen Bahnhof von Antwerpen Jacques Austerlitz, den er daraufhin immer wieder ganz zufällig in dieser Schilderung begegnet. Ein Unwohlsein begleitet den Erzähler nun fortwährend …
Austerlitz wird kurz vor Ausbruch des II. Weltkriegs mit fünf Jahren von Böhmen nach England „verfrachtet“ und findet bei einem calvinistischen Paar Zuflucht. Diese Geschichte, seine Lebensgeschichte, berichtet Austerlitz dem Erzähler, der erst in den 90 er Jahren seine Wurzeln sucht. Der Protagonist schildert seine Erinnerungen. Und diese literarische Erinnerungsreise, die der Autor teilweise mit Überblendungen deutlich macht, wenn sich ein Wartesaal ins Nocturama verwandelt, verwirrt den Leser im ersten Abschnitt heftig. Der Übergang wird höchstwahrscheinlich erstaunen, aber diese Technik gibt genau das wieder was unsere Erinnerungen aus der Wirklichkeit machen: Verknüpfungen und Überlagerungen. Die zeitliche Entfernung verzerrt den Blick.

Und verzerrt wird hier der Blick auch dadurch, dass zwar der Erzähler die Geschichte vorträgt, berichtet wird aber über Austerlitz, und der wiederum schildert die anderen handelnden Figuren. Dadurch erhält das ganze Werk etwas Unwirkliches, Unechtes, Verschwommenes, etwas Graues …

Mit diesen architektonischen Beschreibungen von Bahnhöfen und sonstigen Bauwerken konnte ich nicht viel anfangen, da ich mir Gegenstände nie visuell vorstellen kann. Aber nach weiteren Seiten erkennt man, dass man dies auch nicht braucht, sondern dass diese Bauten einfach einen Kern des Gesamtkonstrukts ausmachen. Zum Schluss schließt sich gar der Kreis wieder im Nocturama.

Die Sprache ist zu Beginn gewöhnungsbedürftig, gehört aber zum Gesamtkonzept, sie wechselt vom sachlichen Bericht ins ganz Bildhafte, Poetische, je nach dem was gerade beschrieben wird, und zieht damit Leser in ihren Bann oder lässt ihn auch rücksichtslos und eiskalt liegen.

Anspielungen oder Bildübertragungen findet man fast auf jeder Seite. Zum Beispiel lässt Sebald in jener Zeit die Fenster verschlossen: „Die Fenster des Krankenzimmer blieben ständig verschlossen, und der weiße Puder, der sich Gran für Gran überall ablagert hatte und durch den sich schon richtige Wegspuren zogen, hatte nichts von glitzerndem Schnee.“ Man möchte die zeitliche Situation vertuschen, aber so unschuldig wie Schnee war dann der Puder wohl doch nicht. „What was it that so darkened our world?” Hitler? Auf jedem Fall ist das der letzte Aufschrei einer hilflosen Frau, und zugleich auch das Leitmotiv.

Ein weiteres zentrales Motiv ist das Gefühl der Heimatlosigkeit, oder gar das Gefühl des überhaupt nicht recht Vorhandenseins, Austerlitz ist ein ziellos Gehetzter ohne wirkliches Eigenleben. Das daraus resultiert, dass er seine Geschichte nicht kennt, und auch nicht gewillt ist sie kennen zu lernen. Insekten vor einer Lampe: “Es sei an solchen unwirklichen Erscheinungen, …, am Aufblitzen des Irrealen in der realen Welt …”

Dies Werk ist ein literarisches Gesamtkonstrukt, ein Meisterwerk? So wie Sebald alles zusammengefügt hat, aus Fiktivem und Realem, aus anscheinend Autobiographischem, aus vielen Quellen und mit Fotos bestückt, die er zeitlebens zusammengesucht hat, ist es mir über manche Strecken zu viel und zu überladen gewesen. Zu viel gewollte Kunst! Das Werk wird von Seite zu Seite immer mehr ein Kunstwerk, dass es einem fast unheimlich wird. Ein Konstrukt aus kaltem Stahl ohne Leben! Mir fehlte das Persönliche, das Natürliche, das Erzählen des Erzählen Willens.

Heidi Hof

Süddeutsche Zeitung Bibliothek 2008, Hardcover vergriffen, 417 Seiten, ISBN: 978-3-86615-543-5

Neuerscheinungen im März

Teil 4/4

1. Im freien Fall von Erich Wolfgang Skwara

»Im freien Fall« erzählt die Geschichte eines Mannes, der die Kraft findet, sich spät noch einmal die ganz wichtigen Fragen zu stellen, der sich und seine Beweggründe kennt und weiß, was er vom Leben erwarten kann, und das auch will.

3. Am Beispiel meines Lebens von Uwe Timm

Uwe Timm wird siebzig. Statt einer Autobiographie, die es nach seiner Auskunft nicht geben wird, veröffentlicht KiWi zu diesem Anlass eine Sonderausgabe seiner autobiographischen Schriften: die römischen Aufzeichnungen “Vogel, friss die Feige nicht” und die Erzählungen “Am Beispiel meines Bruders” und “Der Freund und der Fremde”. Der Autor hat diese Texte neu durchgesehen und ergänzt.

3. Coco Chanel & Igor Strawinsky von Chris Greenhalgh

Ein einfühlsamer, sinnlicher und atmosphärisch dichter Roman über die Liebe zweier exzentrischer Künstlerpersönlichkeiten.
Der Roman basiert auf einer wahren Begebenheit: Coco Chanel und Igor Strawinsky hatten tatsächlich eine Affäre.

“Die Tränen der Königin” von Christopher W. Gortner

Johanna ist gerade mal 17 als sie Philip von Flandern heiratet.
Beide empfinden viel für einander, doch schon bald werden sie zu großen Feinden, als klar wird, dass beide in ihrem Leben etwas gänzlich anderes wollen: Philip will Macht und Reichtum, während Johanna nur eines will – ihre Heimat beschützen.

Der überwiegende Teil der historischen Romane spielt in Ländern wie England, Deutschland oder Frankreich.
Christopher W. Gortner entführt uns in Die Tränen der Königin in ein Stück Geschichte Spaniens.

Der Einstieg in den Roman fällt sehr leicht. Dem eigentlichen Roman ist ein Prolog voran gestellt, in dem Johanna selbst auftritt und ‘ankündigt’ ihre Geschichte aufzuschreiben.
Ab dem Zeitpunkt geht es komplett chronologisch im Leben Johannas weiter: sie schildert ihre Kindheit, wie sie ihren Mann trifft, was die beiden erleben und auch, wie ihr Leben endet.
Nach dem doch leichten Einstieg fällt es auch nicht schwer, die noch folgenden Seiten regelrecht zu verschlingen.

Bei der Gestaltung der Geschichte hält sich der Autor, wie er in einem Nachwort betont, genau an die historischen Fakten und Begebenheiten. Lediglich zum Schluss hat er die Zeit etwas gerafft.

Als fiktive Biographie von Johanna ist das Buch in der Ich-Form erzählt.
Dies hat natürlich starken Einfluss darauf, wie die im Roman vorkommenden Personen wirken, da sie vom Johanna für den Leser schon fertig eingefärbt wurden.
Das führte dazu, dass ich doch relativ häufig unzufrieden mit der Erzählperspektive war. Ich hätte mir öfter gewünscht, auch mal ein paar Seiten z.B. aus Philips Sicht zu lesen, um so Johannas Schilderungen so weit als möglich zu objektivieren.

Christopher W. Gortner ist dennoch ein unglaublich fesselnder Roman gelungen, der einem Spanien und eine seiner Königinnen, Johanna von Kastilien, näher bringt.
Der Autor erzählt ihre Geschichte auf eine einfühlsame und doch eindringliche Art und sorgt dafür, dass man den Roman so schnell nicht wieder aus der Hand legen kann.
Ich freue mich schon auf seinen nächsten Roman, der auch hoffentlich bald in einer deutschen Übersetzung erscheint!

Rebecca

Goldmann Verlag 2009, Übersetzung: Peter Pfaffinger, Taschenbuch 8,95, 544 Seiten, ISBN: 978-3442467747

Neuerscheinungen im März

Teil 3/4

1. Lied ohne Worte von Sofja Tolstaja

Mit dem spektakulären Erfolg ihres Romans «Eine Frage der Schuld» trat Sofja Tolstaja hierzulande aus dem Schatten ihres berühmten Ehemannes. Ihr zweites Buch erzählt erneut von der alles umstürzenden Macht der Leidenschaft - und wirft ein weiteres Schlaglicht auf das Eheleben der Tolstois. Jahrzehntelang schlummerte das Kleinod in einem Moskauer Archiv; nun wird es zum ersten Mal der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

2. Der Ehemann erfährt’s zuletzt von Emmanouil Roidis

Emmanouil Roidis’ (1836–1904) Werk ist eine Provokation. Schon sein gewagter Romanerstling «Die Päpstin Johanna» trug dem Verfasser nicht nur Ruhm, sondern auch die Exkommunikation ein. Nicht weniger lustvoll und respektlos nimmt sich der Autor in seinen späten Erzählungen, für die er heute besonders geschätzt wird, der Horte bürgerlicher Moral an. Ob auf dem Hühnerhof oder dem Tanzparkett, in der Taverne oder im Boudoir, stets fördert der wache Blick des Erzählers Unvermutetes zutage. Gewandt wechselt der Autor zwischen geistreich plauderndem Exkurs und raffiniert gesetzter Pointe. Selbst harsche Kritik an sozialen Missständen verbindet er mit der abgeklärten Ironie des Weltmannes.

3. Der japanische Verlobte von Amélie Nothomb

Das Leben ist voller Überraschungen. Besonders, wenn man mit einem Menschen aus einer fremden Kultur zusammen ist. Die verrückte Liebesgeschichte zwischen einer Belgierin und einem Japaner.

4. Dunkle Tage, helles Leben von Nuala O’Faolain

Als Rosalynn Barry spürt, dass die Liebe zu Leo nach neun Jahren langsam erkaltet, kehrt sie in ihre Heimat Irland zurück. In Kilbride bei Dublin taucht die fünfzigjährige Journalistin in eine Vergangenheit ein, deren Schatten sie verfolgt haben, und entdeckt Wege der Liebe, die sie immer vermisst hat.

“Praterveilchen” von Christopher Isherwood

praterveilchen.jpgEine raffinierte Ausgangssituation um ein prekäres Thema zu veranschaulichen.

London 1933, es soll der Film „Praterveilchen“ gedreht werden. Dazu wird der Autor Isherwood hinzu geladen, und gemeinsam mit dem Regisseur Bergmann soll das Projekt in Angriff genommen werden. „Praterveilchen“ ist ein Schnulze in dem das Veilchen-Mädchen vom Prater sich in einem Prinz verliebt …
Hinter Bergmann verbirgt sich der in Österreich geborene Jude Berthold Viertel, der wirklich in England gearbeitet hat, und später (1935) nach Amerika emigrierte.
So verknüpft der Autor Realität mit Fiktion auf ganz raffinierte Weise, denn diese oberflächliche Filmgesellschaft eignet sich bestens um die zeitliche Situation aufzudecken.

„ … Bomben mit tödlichen Bazillen abwerfen; die Eroberung ganz Europa in einer einzigen Woche; … die Hinrichtung der Intellektuellen, … Bücherverbrennungen …“ Seite 50 „Bergmann apokalyptische Schilderungen des Weltuntergangs machten die Vorstellungen eines Krieges nur noch unwirklicher, und daher verfehlten sie niemals, meine Laune zu heben.“ Seite 54

Niemand in dieser Filmgesellschaft nimmt Bergmann wirklich ernst, selbst als die Nazis in Österreich eindringen, können sie seine Situation nicht fassen. Es kommt sogar so weit, dass man ihn aus der Produktion herauswerfen möchte, doch da schlägt Bergmann zurück und wächst über sich selbst hinaus!

Isherwood klagt ganz deutlich sein eigenes Land an, man hat Hitler unterschätzt, und ist viel zu spät in den Krieg eingezogen. Den Blickwinkel aus dieser verblendeten Gesellschaft war 1945 eine sehr kluge Herangehensweise, das hat mir gut gefallen!

Heidi Hof

Suhrkamp Verlag 1998, OT: Prater Violet, Übersetzung: Hansi Bochow-Blüthgen, Hardcover vergriffen, 140 Seiten, ISBN: 3-518-22287-2

“Blut und Silber” von Sabine Ebert

Freiberg Ende des 13. Jahrhunderts: König Adolf von Nassau zieht eine Armee zusammen, um die Mark Meißen und die dazugehörige Silberstadt Freiberg zu erobern.
Er belagert die Stadt und versetzt die Bewohner in Angst und Schrecken.
Mitten in diesen Wirren helfen Änne und die Gauklerin Sybilla dem Feldscher, die Verwundeten zu versorgen, während der Hauptmann Markus und der Ritter Ulrich von Maltitz versuchen, die Stadt zu schützen.
Doch nicht nur Krieg bestimmen bald das Leben der vier, sondern auch die Liebe….

Lange habe ich um Sabine Ebert und ihre Hebammenromane einen großen Bogen gemacht, da mir die Titel viel zu pathetisch klangen und mich eher abschreckten, statt anzogen.
Lange habe ich daher überlegt, ob ich mich an diesen Roman trauen soll. Denn auch wenn Blut und Silber völlig unabhängig ist, so war für mich die Tatsache, dass die Protagonistin Änne eine Nachfahrin der Hebamme Marthe ist, irgendwie erstmal ein schlechter Beigeschmack.

Doch dieser Beigeschmack löste sich beim Lesen so schnell, dass ich gar nicht wusste, wie mir geschah.
Sabine Ebert kommt ziemlich schnell zur Sache und gibt dem Leser nicht viel Zeit, sich an Figuren oder Schreibstil zu gewöhnen.
Schnell findet man sich in der belagerten Stadt wieder und bangt mit den Stadtbewohnern, dass sie der Belagerung durch den König stand halten werden.Von der Autorin so in die Geschichte geworfen, ist man sehr schnell mitten im Buch und mitten im Geschehen und ehe man sich versieht, sind die nächsten 50 Seiten gelesen.

Das man als Leser förmlich durch die Geschichte fliegt, liegt zum einen am Schreibstil, aber auch am Handlungsverlauf selbst.
Sabine Ebert schreibt ungezwungen und einfach. Ihre Sätze sind nicht kilometerlang oder in einem hochgestochenem Deutsch geschrieben. Vielmehr herrscht eine einfachere Satzstruktur vor, die, dennoch auf Grund nötiger Variationen, nie langweilig klingt.
Der Handlungsverlauf wird mit der Sprache zu einer perfekten Einheit verwoben. Zwar sind einige Sachen (allerdings eher Kleinigkeiten) vorhersehbar, aber die Autorin hält sich nicht lange mit unnötigen Exkursionen auf und kommt – auch wenn sie hin und wieder an den nötigen Stellen durch Verzögerungen für Spannung sorgt – direkt und ohne große Umschweife auf den Punkt.

Die Figuren selbst, habe ich während des Lesens sehr lieb gewonnen. Zwar möchte ich fast sagen, dass sich z.B. Änne oder der Hauptmann Markus manchmal einer gewissen Klischeehaftigkeit nicht entbehren können, aber beide – sowie auch die anderen Figuren – sind zu jeder Zeit menschlich und für mich als Leser nachvollziehbar. Dies wiederum sorgt dafür, dass man sich mit ihnen beinah anfreundet und jede Seite mit ihnen genießt.

Doch der Roman besticht nicht nur durch tolle Charakter oder Handlung: auch hat der Knaur Verlag sich nicht Lumpen lassen beim der Ausstattung des Buches.
Neben den für Hardcover oft typischen Lesebändchens, ziert das Buch auch eine historische Karte Freibergs um das Ende des 13. Jahrhunderts und der Roman wird eingeleitet einer Dramatis personae, das auf Grund der Vielfalt an Charakteren oftmals mehr als praktisch ist.
Doch auch das Cover hat großes Lob verdient: der Schutzumschlag schimmert ein wenig metallern, was, wenn man den Titel bedenkt, durchaus an Silber erinnern kann.

Blut und Silber ist ein Roman, der sowohl durch sein Äußeres, als auch durch seinen Inhalt den Leser besticht.
Ein fulminantes Abenteuer und ein echtes Highlight zum Ende des vergangenen Jahres!
Sicherlich werde ich nun auch keinen so großen Bogen mehr um die anderen Romane der Autorin machen.

Rebecca

Droemer/Knaur Verlag 2009, Hardcover 19,95 €, 731 Seiten, ISBN: 978-3426662885

Neuerscheinungen im März

Teil 2/4

1. Leben und Schreiben: Tagebücher 1974-1978 von Martin Walser

2. Wenn du wiederkommst von Anna Mitgutsch

Sie wollten vernünftig lieben, mit Maß und Respekt. Leidenschaftlich und doch voller Achtung für die Freiheit des anderen. Ein ganzes Leben haben Jerome und die Erzählerin von Anna Mitgutschs neuem Roman gebraucht, um ein Liebespaar zu werden, das den eigenen hohen Ansprüchen genügt. Doch dann stirbt Jerome plötzlich, und die Erzählerin versucht mit einer eindringlichen, bewegenden Totenklage, das Versprechen eines Neuanfangs einzulösen, über den Tod hinaus.

3. Ein Jude als Exempel von Jacques Chessex

Nach dem Tod des Autors wieder neu aufgelegt.
Im April 1942, mitten im Zweiten Weltkrieg, wird in dem Dorf Payerne in der Schweiz ein Viehhändler grausam ermordet …

“Ich verfluche den Fluss der Zeit” von Per Petterson

fluss.jpgHier muss ich mit einem Zitat von B. Brecht beginnen, welches MRR berühmt machte: „Der Vorhang fällt und alle Fragen offen.“

Wenn es eine Handlung im Buch gibt, dann ist es folgende: der Protagonist Arvid reist seiner Mutter hinterher. Diese hat soeben die Diagnose vom Arzt erhalten „Magenkrebs“, und möchte vor der Chemotherapie in ihre Heimat fahren um noch einige Dinge zu erledigen. Arvid trifft ein und beide reden nicht miteinander, sie rauchen und trinken Calvados wie im Remarque Roman“ Arc de Triomphe“, den beide gelesen haben, aber sie reden nicht miteinander. Die Atmosphäre zwischen den Zweien ist mehr als kühl, sie sind sich fremd, keiner weiß was der andere denkt oder empfindet. Für Arvid steckt dahinter wohl ein Kindheitstrauma „ich hatte einen Sprung im Charakter.“ Seite 57

Der Protagonist bringt seltsame Eigenschaften an den Tag, die der Leser nicht einordnen kann. Beispielsweise schließt er die Augen, nein er kneift sie richtig zusammen, als seine Frau mit ihm reden möchte. Dann schlägt er einem Mann (grundlos?) „eine aufs Maul“, was er später als Angst abtut, aber woher? All das passt nicht recht in ein Bild, und so wirkt diese Figur eher lächerlich, tollpatschig und zeitweise ziemlich infantil.
Die Geschichte hat keinen Beginn, und auch keine rechtes Ende. Arvid bleibt uns ein Rätsel, und zwischendurch schildert Petterson ganz wunderbar menschliche Regungen, Erinnerungen und Ereignisse, die sehr bewegend und voller Gefühle sind.

Auffallend ist der betonte Alkoholkonsum in der Geschichte. Entweder trinken Norweger enorm (ist mir nicht nur in diesem Buch aufgefallen) viel, oder der Konsum wird bewusst so in den Mittelpunkt gestellt. Und so ist auch unser Protagonist mehr besoffen als nüchtern, und wird vielleicht aufgrund dessen von mir nicht allzu ernst genommen. Ich konnte mit dieser Figur so gar nichts anfangen. Zudem hat mir der Autor keine einzige Antwort auf meine Fragen gegeben, das Buch bleibt für mich ein Fragment.

Heidi Hof

Hanser Verlag München 2009, OT: Jeg forbanner tidens elv, Übersetzung: Ina Kronenberger, Hardcover 17,90 €, 239 Seiten, ISBN: 978-3-446-23420-8

“Die Einsamkeit der Primzahlen” von Paolo Giordano

primzahlen.jpgDer Leser begleitet Alice und Mattia, zwei aufgrund von Kindheitserlebnissen schwer traumatisierte Menschen in einigen Stationen in deren Kindheit, Pubertät bis hin zum mittleren Erwachsenenalter.

Alice litt unter der Dominanz ihres Vaters, der keine Schwächen tolerierte und das sensible Kind ständig überforderte. Die daraus resultierende Magersucht mit all ihren psychischen Konsequenzen begleitet Alice durchs Leben und findet sie sich nur schlecht zurecht. Außenseitertum und die Unfähigkeit, Bindungen einzugehen prägen ihr Leben.

Mattia fühlt sich schuldig am Verschwinden seiner geistig zurückgebliebenen Schwester, eine Schuld, über die er nicht reden kann und die im Borderline-Syndrom endet. Er ist ein begnadeter Mathematiker und flüchtet sich in diese Wissenschaft.

Außenseitertum, das Trauma eines einmaligen Kindheitserlebnisses (von dem man aber nur andeutungsweise erfährt), soziale Inkompetenz und ein verständnisloses Elternhaus verbinden die beiden, deren Lebenswege - ausgenommen einer gemeinsamen Schulzeit - sich bis zum Schluss nicht kreuzen.

Als “literarische Sensation” wurde dieses Buch gefeiert. Es kann sich meiner Meinung nach bei diesem Prädikat nur um das Pendant der “Goldenen Himbeere” in der Filmwelt handeln. Es ist mir völlig schleierhaft, was an diesem Buch so - positiv - sensationell sein soll. Zugegeben, die Idee des Titels, Primzahlen sind niemals Nachbarn in der Zahlenreihe, berühren sich nicht und sind grundsätzlich “einsam”, ist kreativ und überlässt durchaus ein Spielfeld für einen findigen Schriftsteller. Doch was in diesem Buch geliefert wird, gleicht eher einem - durchaus ambitionierten - Schulaufsatz eines kleinen Strebers. Sehr bemüht, Wortwiederholungen zu vermeiden, immer bedacht auf eine schöne Satzkonstellation und sehr behutsame Wortwahl. Schriftstellerische Kniffe wie Zeitblenden, Zeitspünge, Metaphern, die, wenn gut angewandt, Raum für eigene Interpretationen lassen, verfehlen in diesem Buch absolut diese Ziel. Alles wirkt bemüht, konstruiert, klischeehaft und absehbar. Ein kleiner erhobener Zeigefinger zum Schluss macht das Buch noch unerträglicher.

Warum ich das Buch dann gelesen habe? Ich hatte viel Zeit und war schlicht und ergreifend fassungslos, was da als literarische Sensation bezeichnet wird.

Christine

Karl Blessing Verlag 2009, Übersetzung: Bruno Genzler, Hardcover 19,95 €, 368 Seiten, ISBN: 978-3896673978