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Archive für Januar 2010

“Alias XX” von Joel Ross

Wir schreiben das Jahr 1941. Deutschlands Streitmächte überrollen unaufhaltsam den Kontinent. Der Osten bröckelt, der Norden kapituliert, der Westen kämpft ums Überleben. Der Sieg Hitlers rückt stetig näher. Seine Stärke wird intensiviert durch den Dreimächtepakt, zusammen mit Italien und Japan, während die USA beharrlich an ihrer Neutralität festhält. Doch hätte der Angriff der Japaner auf Pearl Harbour niemals stattgefunden, wäre die USA jemals bereit gewesen, das Leben ihrer Männer an der Seite der Alliierten für Briten, Juden und Kommunisten aufs Spiel zu setzen?

Nach dem misslungenen Einsatz in Kreta im Mai 1941 wird Sergeant Tom Wall, Freiwilliger der kanadischen Armee, schwer verletzt in ein britisches Armeekrankenhaus eingeliefert. Im Dezember desselben Jahres, traumatisiert und durcheinander, setzt er sich von dort ab, um sich bei seinem Bruder Earl zu rächen, beschuldigt er ihn doch des Verrats an seine Einheit. Dieser jedoch ist vor einigen Tagen spurlos verschwunden.

Schlaflosigkeit und Schmerzen lassen Tom durch die zerbombten Straßen Londons umherirren auf der Suche nach Hinweisen und landet dabei in die Fänge des MI-6. Diese haben die geheime Organisation „Double Cross“ – die auch im englischen Buchtitel auftaucht – ins Leben gerufen, deren Zweck es ist, deutsche Agenten „umzudrehen“, sie für sich arbeiten zu lassen und somit gefälschte Informationen nach Deutschland zu versenden. Dieses Lügengerüst scheint nun in sich zusammenzubrechen. Der geheimnisvolle und teuflische Sondegger, ein deutscher Agent, dessen Mission es ist, das deutsche Spionagenetz auf britischem Boden zu überprüfen, befindet sich in Gewahrsam des MI-6 und soll den Aufenthaltsort seines Komplizen „Abendammer“ herausrücken. Tom soll dabei als Mittelsmann fungieren und verstrickt sich allmählich in einem Netz aus Lüge, Täuschung und Manipulation. Etliche Personen scheinen ein doppeltes Spiel zu führen und blenden dabei nicht bloß Tom Wall – auch der Leser wird in die Irre geführt!

Überaus authentisch lässt Ross seine fiktiven Figuren über die reale Bühne jüngster Vergangenheit wandeln und lässt die Szenerie der letzten Woche vor Japans Angriff auf Pearl Harbour sowie die Ursache des Kriegseintritts der USA in ein neues Licht tauchen.

Joel Ross’ Roman basiert auf das Ergebnis neuester Archivfunde. Herausgekommen ist ein spannender und wendungsreicher Spionagethriller.

„Ihre Abneigung gegen ihre rechte Hand hat etwas Biblisches, Mr. Wall. ‚Wenn dich deine Hand zum Bösen verleitet, dann hau sie ab.’ Verführt ihre Hand sie zum Bösen? Haben Sie Angst davor, was sie tun könnte, bedauern Sie, was sie bereits getan hat? Sie haben in der Liebe versagt, Mr. Wall. Sie haben im Krieg versagt. Sie sind ein vielschichtiger Mensch, aber nichts davon ist ganz. Sie straucheln, Sie fallen, Sie versagen …“

Droemer/Knaur, gebunden 2005, 445 Seiten, 19,90€, ISBN: 978-3426197028

“Der Fernsehgast” von Kurt Oesterle


fernsehgast.gifNur wenige Kapitel haben mich wirklich erreicht.

 

In einem kleinen Dorf in Süddeutschland zieht der Fernseher ein. Kaum vorzustellen auch das Telefon, der Mähdrescher, die Melkmaschine, der Kühlschrank und sogar ein Zahnarzt brachte die „neue“ Zeit ins Dorf. Allerdings weiß der Autor nicht recht mit welcher Haltung er seine Geschichte erzählen soll, ironisch, aufgesetzt lustig oder unter vorgehaltener Hand, strafend …

 

„ … das Fernsehen … schade nur den Augen, sagten meine Eltern. Wer dann aber immer noch nicht von ihm lasse, dem hitze es allmählich die Seele auf …“ Seite 7

 

Oder einfach aus der naiven Sicht des Protagonisten, einem Junge von ca. acht Jahren. Der Fernsehgast, dessen Eltern ihm das Fernsehen verbieten, und auch keinen Fernseher kaufen, denn sie sitzen abends lieber im Dunklen und schweigen, zieht durchs Dorf und quartiert sich überall, wo eine Antenne auf dem Dach angebracht ist, selber ein und schaut mit den Fernsehbesitzern  fern. Nur wenn er mit seinem Großvater wandern geht, ohne Verpflegung und sie in eine Gastwirtschaft einkehren, oder wenn er in seinem Bubenzimmer nicht einschlafen kann, dann wird die Erzählung lebendig.

 

Oesterle hätte sich ganz einfach zu einer Haltung entschließen sollen, so ist es mir ein Wechselbad aus altbacken, infantil und ein bisschen witzig, nichts Halbes oder gar Ganzes.

 

Kurt Oesterle wurde 1955 in Oberrot geboren, und studierte Literatur, Geschichte und Philosophie. Seit 1988 ist er freier Autor und Journalist. Er veröffentlichte schon verschiedene Monographien und Essays und wurde 1997 mit dem Theodor-Wolff-Preis ausgezeichnet. Für seinen Debut-Roman „Der Fernsehgast“ wurde ihm der Berthold Auerbach-Literaturpreis verliehen.

 

Heidi Hof

 

Büchergilde Gutenberg Verlag 2002, Leinen Hardcover vergriffen, 192 Seiten, ISBN: 3-7632-5333-5

“Ein schöner Ort zu sterben” von Malla Nunn

Anfang der 1950 er in Südafrika: der kapholländische Police Captain Pretorius wird erschossen aufgefunden.
An den Ermittlungen sind bald nicht mehr nur Detective Sergeant Emmanuel Cooper beteiligt, sondern auch die Security Branch, die eher nach Kommunisten sucht, wie an der ernsthaften Ermittlung des Täters interessiert ist.

Was sich anhört und liest wie ein Krimi ist unterm Strich kein Krimi, sondern eher ein südafrikanisches Sittenbild.
Daher ist Nunns Roman auch weniger spannend als vielmehr interessant.

Auf den ersten 50 Seiten und den letzten ca. 150 Seiten geht es um den Mord und dessen Aufklärung; hier werden auch alle Fortschritte gemacht, die den Mord betreffen.
Die Ermittlungen sind zwar auch Thema der Seiten, die zwischen Anfang und Ende stehen, allerdings beschreibt Nunn auf diesen die Situation Südafrikas: wie streng zwischen schwarzen, farbigen und weißen unterschieden wird, wie es ihnen verboten ist miteinander zu verkehren, wie der Weiße immer noch denkt, er sei dem Schwarzen überlegen.
Hier hält der Mord an Captain Pretorius lediglich die Handlung zusammen und gibt ihr einen roten Faden. Der Mord ist somit eher eine Rahmenhandlung, die das Herzstück – die Analyse Südafrikas – umfasst. Das würde auch erklären, wieso die Handlung, die den Mord betrifft, erst wieder auf den letzten Seiten Schwung bekommt und davor eher auf der Stelle tritt.
Die Auflösung des Mordes wiederum ist überraschend, aber dennoch logisch und fügt sich somit wunderbar in die Geschichte ein. Die Auflösung konnte mich zusätzlich positiv überraschen, da bis zum Schluss keine Beweise oder Hinweise auftauchten, die den Täter verraten konnten. Für mich war dies daher sehr angenehm, da ich oft die Erfahrung gemacht habe, dass man bei Krimis – wenn man genau hin schaut – oft sehr schnell weiß, wer der Täter ist.

Die Charaktere sind der Autorin wunderbar gelungen: jeder Charakter übernimmt eine bestimmte Aufgabe im Roman und in der dargestellten Gesellschaft. Dabei droht aber keine Figur zu überzeichnet, unglaubwürdig oder klischeehaft zu wirken. Jede einzelne ist glaubwürdig.

Geärgert haben mich indessen leider häufige Rechtschreibfehler, die sich allerdings fast ausschließlich auf die Groß- und Kleinschreibung beschränken. Auffällig ist dabei, dass sie vor allem gebündelt auftreten und bis zu den nächsten dann wieder etliche Seiten dazwischen liegen.

Viele Bücher die in Südafrika spielen und die ich bis jetzt gelesen habe, konnte mir oft nur ein „nett“ entlocken, da die Handlungen oftmals so alltäglich war, dass Südafrika nicht zum tragen kam.
In Malla Nunns Debut Ein schöner Ort zu sterben ist aber genau das Gegenteil der Fall: Afrika lebt! Und mit dem Land seine Bewohner.
Malla Nunn hat es geschafft mir in ihrem Roman das Land näher zubringen und ich hoffe, dass auch ihr nächster Roman in Afrika spielen wird!

Rebecca

Rütten & Loening Verlag 2009, Übersetzung: Armin Gontermann, Hardcover 19,95 €, 407 Seiten, ISBN: 978-3352007712

“Shirley” von Charlotte Brontë

shirley.jpgWieder einmal ein Schmökerspaß!

Der Roman erschien 1849, ein Jahr nach ihrem Bestseller „Jane Eyre“, der die Autorin weltweit berühmt machte. Doch erst 1959 als Asa Briggs nochmals das Werk ins Gedächtnis rief, brachte eine größere Leserschaft und Verständnis für den Inhalt. 1849 fand die Welt folgendes im Feuilleton:

„ … jegliche In-sich-Geschlossenheit, infolge mangelnder Kunst, fehlt … Die Autorin scheint sich nie eindeutig entschieden zu haben, ob sie nun Land und Leute von Yorkshire und die sozialen Verhältnisse in den Tagen von König Lud beschreiben oder Charakterbilder malen oder eine Liebesgeschichte erzählen wollte. Alles wird nacheinander angestrebt und wieder verworfen.“ S. 934 Nachwort von Olaf Grunert

Und es stimmt schon, so ganz abgerundet liest sich das Werk nicht. Die ersten 100 Seiten beispielweise sind eine lose Aneinanderreihung von Figuren und Andeutungen zur Zeitgeschichte. England in der Situation der Kontinentalsperre, die die Franzosen über sie verhängt hatten. Damit sollte man sich ein wenig auseinander setzen, um so richtig in den Roman hinein zu finden. Auch weiterhin werden die Figuren und Themen etwas gesondert voneinander betrachtet. Aber ein Lesevergnügen stellt sich dann doch rasch ein.

Caroline ist die Nichte vom Pfarrer von Yorkshire. Ihre Eltern haben sich kurz nach ihrer Geburt getrennt, sie lebte dann eine Zeit lang bei ihrem Vater, der ein Säufer, ein Schönling und Schweinehund war. Bis ihr Onkel sie ins Pfarrheim geholt hat.
Geborgenheit und Herzenswärme hat sie nie kennen gelernt und so ist es kein Wunder, dass sie sich bei ihrer Cousine und Cousin (die kürzlich in die Gegend gezogen sind) sehr wohl fühlt. Sie verliebt sich in ihren Vetter und muss mit ansehen als dann „Shirley“ in die Handlung platzt, dass sich alle Aufmerksamkeit um diese Dame dreht.

„Shirley“ ist eine natürliche Schönheit, geistreich, reich und eigenwillig, alle Männer von Yorkshire liegen ihr zu Füßen. Trotz dieser Umstände bahnt sich eine innige Freundschaft zwischen diesen Hauptfiguren an.

Das Werk ist politisch tief, voller authentischer und charakterstarker Figuren, und für die damalige Zeit sehr aufgeschlossen, wenn nicht gar feministisch. Genauso frei wie ihre Schwester Anne in „Agnes Grey“, denken ihre weiblichen Gestalten an ihre Entwicklung, Karriere und innerer Zufriedenheit. Nach kurzer Einleseschwierigkeit habe ich den Wälzer genossen und mich teilweise stundenlang darin ergangen. Ein Schmökerspaß, und eine weitere Brontë-Empfehlung!

Heidi Hof

Manesse Verlag, Zürich 1989, OT: Shirley. A Tale 1849, Übersetzung: Andrea Ott mit einem Nachwort von Olaf Grunert, Leinen gebunden 26,90 €, 957, ISBN: 3-7175-1766-X

Neuerscheinungen im Februar 2010

Teil 4/4

1. Anweisung für einen Abstieg in die Hölle von Doris Lessing

Neuauflage! »Ein brillantes, verstörendes Buch - und auf jeden Fall Doris Lessings abenteuerlustigstes, phantasievollstes Experiment seit dem Goldenen Notizbuch.« Times Literary Supplement

2. Die Entdeckung des Sonnenaufgangs von Walter Veltroni

Ein Mann in den besten Jahren ist auf der Suche nach den Gründen für das Verschwinden seines Vaters in den Siebzigern. Walter Veltroni hat einen sehr intimen und gefühlvollen Roman über die Macht der Fantasie und der Erinnerung und über das Drama der Kinder des linken Terrors geschrieben. (Klett-Cotta Verlag)
3. Für alle Tage: Ein Lebensbuch von Lew Tolstoi

Tolstois letztes großes Werk - erstmals in vollständiger Fassung.

4. Johann Peter Hebel von Heide Helwig

Mit den “Allemannischen Gedichten” verfasste er das badische Nationalepos, mit dem “Rheinländischen Hausfreund” machte er einen Bauernkalender zu Weltliteratur. Heide Helwig erzählt in ihrer großen Biografie die Lebensgeschichte des Dichters Johann Peter Hebel, dessen Liste der prominenten Verehrer von Goethe bis Jean Paul und von Kafka bis Canetti reicht.

 

“Der Meister des Jüngsten Tages” von Leo Perutz

perutz.gifAls das „mögliche(m) Resultat eines Fehltritts von Franz Kafka mit Agatha Christie“, bezeichnet der Schriftsteller Friedrich Torberg den Verfasser dieses Romans auf der Rückseite des Buches. Tatsächlich ist die Geschichte um eine Reihe von mysteriösen Selbstmorden, in die der Ich-Erzähler Freiherr von Yosch im herbstlichen Wien des Jahres 1909 verwickelt wird, vielschichtig, doppelbödig und faszinierend. Die ganze Zeit bleibt der Leser im Unklaren darüber, womit er es eigentlich zu tun hat. Mit einem Kriminalroman? Bestimmte Verdachtsmomente, die auf Mord statt Selbstmord verweisen und das klassische Rätsel des geschlossenen Raumes sprächen dafür. Oder hat man einen Psychothriller vor sich? Denn es ist auch die Rede von tiefen Urängsten, alptraumhaften Beklemmungen und schrecklichen Visionen. Schließlich scheint eine alte und mächtige Magie eine unheilvolle Rolle zu spielen, also handelt es sich vielleicht doch um eine phantastische Begebenheit. Welches Spiel spielt der undurchsichtige Yosch? Und was bedeutet die geheimnisvolle Farbe drommetenrot? Wenn auf den letzten Seiten die Auflösung erfolgt, haben sich die verschiedenen Lesarten im Kopf des Lesers zu einer einzigen unheimlichen Geschichte vermischt.

Jorge Luis Borges hat den „Meister des Jüngsten Tages“ in seine Edition der besten Kriminalromane der Welt aufgenommen. Aber als Kriminalroman wollte Leo Perutz seine Erzählung nicht verstanden wissen. Mit Recht. Denn sie geht weit über einen herkömmlichen Krimi hinaus. Der 1923 erschienene Roman ist nicht nur auf seine Art sehr spannend, er spielt auch mit verschiedenen Wirklichkeitsebenen und leuchtet psychologische Untiefen aus. Auf knapp 200 Seiten schafft es der Autor, in einer wunderbar klaren, eindringlichen Sprache Personen und Milieu lebendig werden zu lassen und einen Einblick in das bürgerlich-adlige Leben des historischen Wien vor dem ersten Weltkrieg zu geben. Die Bilder des Herbstes und die Erinnerungen des Protagonisten an versunkenes Glück schaffen zusätzlich zu der rätselhaften, düsteren Stimmung noch eine Atmosphäre von Vergänglichkeit und Verfall. Ein leicht zu lesendes, faszinierendes und schönes Buch von einem Autor, den wieder zu entdecken es sich lohnt.

Monika

Deutscher Taschenbuch Verlag 2003, Taschenbuch 8,90 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3423131124

(Bild oben) Büchergilde mit Illustrationen von Bodo Rott, Leinen Hardcover 24,90 €, 240 Seiten, Bestellnr: 157454

Neuerscheinungen im Januar 2010

Teil 3/4

1. Ein fabelhafter Lügner von Susann Pásztor

Mit feiner Beobachtungsgabe, großem Einfühlungsvermögen und viel Humor erzählt Susann Pásztor eine Familiengeschichte, in der das Tragische und das Komische ganz eng beieinanderliegen.

2. Der Tag, an dem Marilyn starb von Donna Milner

Nachdem ihr erster Roman »River« ein überwältigendes internationales Echo fand und in zahlreiche Sprachen übersetzt wurde, widmete sie sich ganz dem Schreiben. Zuletzt erschien auf Deutsch ihr zweiter Roman »Der Tag, an dem Marilyn starb«.

3. Der Mann, der durch das Jahrhundert fiel von Moritz Rinke

Worpswas? - Worpswede! Moritz Rinke legt ein furioses Romandebüt vor. Stammt das angebissene Stück Butterkuchen im Tiefkühlschrank tatsächlich von Willy Brandt? Kann ein toter Onkel noch ein Kind zeugen? Wurde die schöne Kommunistin Marie von der Gestapo abgeholt oder von der eigenen Familie im Teufelsmoor vergraben? Und wie werden die Seelen der Menschen aufbewahrt?

4. Sommer des Lebens von J.M. Coetzee

Voller Ironie und Witz dreht Coetzee die Erzählperspektive um: nicht er schildert die Geschichte, sondern ein junger Autor, der ihn nie kennengelernt hat, aber nun an seiner Biographie schreibt. Um Stoff zu gewinnen, interviewt er die Frauen dieses Sommers. Auf seinem Tonband sammeln sich ungeschminkte Porträts eines Künstlers als junger Mann, der über sein eigenes Begehren stolpert, aber schließlich die Stimme findet, deren Unbestechlichkeit wir so bewundern.

5. Luft und Liebe von Anne Weber

Wo die Liebe sich in Luft auflöst, fängt Literatur an: »Luft und Liebe« ist eine mitreißende Liebes- und Verratsgeschichte, ein großes literarisches Vergnügen.

 

“Auf der anderen Seite der Welt” von Dieter Forte

forte.jpgEin Gedankenflug, der so vorbeischwebt …

„Unser Hans“ hat den Ersten sowie Zweiten Weltkrieg überlebt, ist immer noch schwer tuberkulös, und fährt wieder mit dem Zug in ein Lungensanatorium. Genau wie im „Zauberberg“ ist der Protagonist ein junger Mann für den nun im Sanatorium die Zeit stillsteht. Das erste Kapitel ähnelt so sehr der großen Vorlage, verspricht bestimmt dadurch auch einen guten Absatz, dass es dem Leser fast unheimlich wird oder aber empört ist! Doch ab dem zweiten Kapitel weicht dann der Autor vom vorgefassten Weg ab, und entwickelt eigene Strategien.

Der namenslose Protagonist „er“ kommt nach einer endlos langen Bahnfahrt auf einer Nordseeinsel an. Seine Eltern, erfährt der Leser in Rückblenden, sind erleichtert dem zum Tode verurteilten los geworden zu sein. So jung, dass noch kein Leben hinter ihm liegt, wird er nun in der Todesklinik aufgenommen. (Alles ein wenig zu pathetisch.)
Sein Zimmergefährte, ein alter Mann, weiht ihn in die Gepflogenheiten des Kliniklebens ein. Es gibt eine Parallelwelt, die verbotenen Raucher auf der Toilette im Gang, eine andere verlässt regelmäßig unerlaubt das Sanatorium und trifft sich in der Kneipe. Der ganze Roman ist gekennzeichnet, dass es die verschiedensten Ebenen gibt: Das Leben in der Anstalt, die Erzählwelt des Alten, die Außenwelt, die vorbeizieht, Mischa, der Zweite Weltkrieg, das Wirtschaftswunder … Und alle werfen ihre Phrasen und Gedankenfloskeln in den losen Raum. Das Werk weist keine richtige Handlung auf immer nur ein paar Fetzen, als ob man nachts schlaflos im Bett liege und die Gedanken im Kopf kreisen. Natürlich sind diese Fetzen kunstvoller ausformuliert:

„ Das Meer lag in der tiefen Nacht in einem schweren ruhigen Atem, in einer Stille wie vor der Geburt, während das herausgestoßene, abbrechende Todesatem eines Menschen den Tag erwartete, das Licht weit hinter dem Meer, das wie ein jahrtausendealter schwarzer Stein unter den Sternen schlief.“

So beginnt jedes neue Kapitel, aber es stellt sich mir die Frage, wie viel Kunst ein Werk verträgt um nicht später arg gekünstelt zu wirken?

Für mich persönlich ist dieser Roman zum überlaufen voll mit diesen Phrasen, der Autor konnte mich weder mit dem „Muster“ noch mit „Auf der anderen Seite der Welt“ überzeugen, beide Romane sind mir zu aufgemotzt und abgekupfert.

Dieter Forte wurde 1935 in Düsseldorf geboren und lebt heute in Basel. Er erhielt zahlreiche Auszeichnungen, darunter den Basler Literaturpreis, den Bremer Literaturpreis, die Heinrich-Heine- Ehrengabe und den Hans-Erich-Nossack-Preis. Über seine Arbeit gibt der Materialienband „Vom verdichten der Welt. Zum Werk von Dieter Forte“ Auskunft, herausgegeben von Holger Hof.

Heidi Hof

S. Fischer Verlag 3. Aufl. 2004, Frankfurt am Main, Hardcover €, Seiten 342, ISBN: 3-10-022116-8

Neuerscheinungen im Februar 2010

Teil 2/4

1. Der Schneeflockenbaum von Maarten ‘t Hart

Vom ersten Tag an war seine Mutter misstrauisch gewesen gegenüber der »dürren Missgeburt«, wie sie seinen Freund Jouri immer nannte. Als Sohn eines Kollaborateurs hatte Jouri in den Niederlanden der Fünfziger Jahre wahrhaftig nicht viel zu lachen, genauso wenig wie der Erzähler selbst, der mit seinem eigensinnigen Humor und seinen Darmwinden Mitschüler und Lehrer quälte …

2. Durch den Wind von Annika Reich

Vier Frauen, Mitte Dreißig, in Berlin: Yoko, Friederike, Alison und Siri sind auf der Suche nach der Liebe und nach dem richtigen Leben. Und alle vier hadern mit sich, weil sie Angst vor dem Scheitern haben. Haben die Alten etwa mehr Mut als die jungen Leute? Annika Reich erzählt mit Witz und Melancholie, mit Intelligenz und Genauigkeit von einer Generation, die das Neue will und vor den alten Fragen steht. Am Ende merken die vier Frauen: Leben lernen muss jede für sich allein.

3. Das Labyrinth der Wörter von Marie-Sabine Roger

Germain ist ein Bär von Mann und nicht der Schlauste. Als er im Park eine reizende alte Dame kennenlernt, wird sein Leben auf den Kopf gestellt. Denn die feinsinnige Margueritte beschließt, den ungebildeten Hünen für die Welt der Bücher zu gewinnen.

4. Wiedergänger von Alexandra Kui

Mit unheimlicher Intensität erzählt Alexandra Kui von der Macht eines alten Fluchs und von einer Schuld, die über Generationen hinweg mit dem Leben gesühnt wird. Ein virtuos komponierter Spannungsroman.

5. Ein geschenkter Tag von Anna Gavalda

In ihrer heiteren, spritzigen Frühlingslektüre erzählt Anna Gavalda von einer überraschenden Landpartie, die den Geschwistern ein Stück Kindheitsglück zurückgibt: einen geschenkten Tag, fernab von Small Talk und Förmlichkeiten, voller Erinnerungen - und ohne nervende Schwägerin. 

“Acid House” von Irvine Welsh

acid.jpgWer das Normale und gleichzeitig das Außergewöhnliche sucht, der liegt mit diesem Buch von Irvine Welsh sicher richtig. Welsh ist ein Autor der sich nicht mit Banalitäten abgibt, obwohl er sie auf eine ganz besondere Art und Weise beschreibt. Er ist ein Autor des Widerspruchs. Seine Sprache ist deftig, zum Teil sehr hart, trotzdem verbirgt sich in ihr eine tiefe Emotionalität, geprägt von einer oftmals hoffnungslosen Resignation. Welsh beschreibt das Leben so wie es vielerorts gelebt wird; gelebt von Losern und Außenseitern, gelebt von denen, die immer und überall vergessen oder übersehen werden.

Irvine Welsh beschönigt nichts, ganz im Gegenteil. Er beschreibt die Dinge so wie sie sind, nimmt dabei auf nichts und niemanden Rücksicht. Seine Beschreibungen sind brutal real, aber wahrscheinlich kann man es auch nicht anders beschreiben. Trotzdem sind die Geschichten in diesem Buch von einer gnadenlosen Energie und von einem zum Teil schon verletzenden Sarkasmus.

Irvine Welsh wurde 1958 geboren und lebt in Amsterdam, London und Schottland. Er gehört zu den wirklich unbequemen zeitgenössischen Autoren, er gehört zu denen die anecken, die sich nicht einschüchtern lassen.

Die 13 in diesem Buch versammelten Geschichten sind jede für sich eine literarische Kostbarkeit. Welsh schreibt kompromissloser als Charles Bukowski und seine Themenvielfalt ist schon beeindruckend.

Ein Buch das polarisiert, es ist lesenswert – sicher aber nicht für jede und jeden.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 1999, broschiert vergriffen, ISBN: 978-3462028140