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Archive für November 2009

“Der Besuch des Leibarztes” von Per Olov Enquist

leibarzt.jpgWenn alle historischen Romane nur annähernd so eindrucksvoll und authentisch geschrieben wären, es würde mein Lieblingsgenre!

Kurz vor der Französischen Revolution kommt es in Dänemark zu einer dänischen Revolution, der Struenseezeit.
Christian VII., der König von Dänemark, wird in Angst und Schrecken gehalten. Demut übt er seit Kindesbeinen, Geistesverwirrtheit wird ihm nachgesagt und ist aufgrund dessen gut zu händeln. Das Land wird immer am König vorbei regiert, es sind andere die die Fäden in der Hand haben.
Für Nachwuchs sorgt dann die Schwester des britischen Königs, Christian und Mathilde werden verheiratet und ein Thronfolger wird ihnen als Pflicht auferlegt.

Die Geschichte beginnt 1768 als der König eine Europareise plant und der deutsche Arzt Struensee als dessen Leibarzt eingestellt wird. Der Arzt gewinnt schnell das Vertrauen des eingeschüchterten Königs. Beide entdecken, dass sie Anhänger der Aufklärung sind, und diese Auffassung in die Welt streuen möchten. Struensee bekommt von Christian eine Generalvollmacht, alle seine Pläne kann er damit direkt durchsetzen, und das sind: Pressefreiheit, Einsparung der Staatskosten, Truppenhalbierung, und vor allem die Abschaffung der Leibeigenschaft.
Doch zum Verhängnis dieser revolutionären Gedanken wird ein kleines, aber feines Missgeschick. Denn Christian überlässt dem arbeitswütigen Arzt auch sein Eheweib …

Mitte bis Ende des 18. Jh´s steckt Kant der Menschheit einen Floh ins Ohr, nämlich dass die Vernunft/Logik das Maß aller Dinge ist: „Die Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.“ Vor allem auch ohne Gott. Dieser neue Gedanke entflammt die Welt, es kommt in Europa zu Revolutionen, bei denen auch Köpfe rollen.

Wieder einmal hat mich Per Olov Enquist überzeugt, ich habe mir gleich ein anderes Werk von ihm bestellt, denn ich werde sicherlich noch einiges von ihm lesen. Eine Empfehlung.

Per Olov Enquist wurde 1934 in einem Dorf im Norden Schwedens geboren. Er studierte Literaturwissen an der Universität Uppsala. Wurde Dozent in Los Angeles, lebte aber auch eine gewisse Zeit in Paris. Allerdings brachte diese Weltenbummelei auch eine Alkoholabhängigkeit mit sich. Als Totalabstinenzler lebt der Autor heute wieder in Stockholm. Für seinen Roman „Der Besuch des Leibarztes“ bekam er den Deutschen Bücherpreis.

Heidi Hof

Brigitte-Edition, OT: Livläkarens Besök 1999, Übersetzung: Wolfgang Butt, Hardcover vergriffen, 440 Seiten, ISBN: 3-570-19517-1

“Far North” von Marcel Theroux

Seit ich fünfzehn bin sehe ich der Welt, die ich kenne, zu wie sie zur Hölle fährt.

So genannte Entvölkerungsromane sind meist in der Domäne von Si Fi, Fantasy oder auch Horror beheimatet, eher selten schafft es ein Roman diese einschlägigen Grenzen zu überwinden. Einer der es geschafft hat war, wir erinnern uns, Cormac McCarthy mit The Road (Die Strasse) und auch jener Roman ist es an den man sich erinnert fühlt wenn man Marcel Theroux´s neuestes Buch Far North (Weit Nördlich) zu lesen beginnt.
Der Leser steht einer scheinbar leeren Welt gegenüber dessen einziger Bewohner unser Hauptcharakter Makepeace ist. Tod und Feuer sind durch das Land gezogen und haben alles menschliche hinweggerafft. Lediglich vereinzelt sieht man Menschen ums nackte überleben kämpfen und als Makepeace noch ein Kind aufgabelt scheint man schon fast zu ahnen wie das Buch weitergehen könnte…aber, glücklicherweise, beginnt der Schreiberling vom Weg abzubiegen und macht sein ganz eigenes Ding.

Solche Romane haben eigentlich nur zwei Punkte wo man als Leser wirklich ansetzen kann. Zum einen ist es der Schauwert, die Wucht und das Ausmaß von geschilderten Katastrophen, Zerstörung und Häresie. Das große Sterben von Mensch und Natur, meist einer sehr beflügelten Fantasie entsprungen.
Wie McCarthy hält sich auch Theroux in diesen Belangen eher bedeckt. Zwar bringt die Erzählweise, es wird aus der Sicht von Makepeace erzählt, eine etwas deutlichere und auch zugänglichere Sicht mit sich und man kann sich aus den wenigen Informationen zwischen den Zeilen ein bisschen was zusammenreimen aber größtenteils bleibt der Leser im Ungewissen.
Und zum anderen sind da die Charaktere zu denen ich aber nicht viel sagen will/kann da der Schriftsteller es hier wirklich geschafft hat mich das eine oder andere mal zu überraschen und zu verblüffen und es schade wäre dem potenziellen Leser diese sehr gelungenen Momente hier nun zu nehmen.

Es gibt in diesem Buch keine eindeutige Handlung. Auch wenn man es nicht vermuten mag umspannen die gerade mal 300 Seiten fast 6 Jahre im Leben von Makepeace. 6 Jahre voll von Reisen, Entbehrungen, Krankheit und immer wieder mit dem sicheren Tod konfrontiert.
Heruntergebrochen, nur auf den einzigen Erzählstrang, folgt der Leser einem puren, unverfälschten und von allen Beiwerk befreiten roten Faden.
Fern von allen Pathos und Hollywoodgehabe zeigt das Buch Menschen die versuchen wieder zurück zu kehren. Nach Süden oder Norden, Nachhause in andere Länder einer ungewissen Zukunft entgegensehend oder ganz einfach auch zurück zu sich.
Zu erfahren was es heißt ein Mensch zu sein auch wenn schon lange niemand mehr da ist der dies bewerten könnte.

Wer nach The Road auf ein Buch mit verwandter Thematik gewartet hat und sich nicht am kargen Erzählstil stört dürfte dieses kleine Juwel sehr schätzen.

Daniel

Farrar Straus & Giroux 2009, englische Ausgabe 17,99 €, 320 Seiten, ISBN: 978-0374153533

“Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt” von Herta Müller


fasan.jpgWas für ein Labyrinth aus Bildern und Metaphern!

 

Dass Frau Müller eine lyrische Prosa inne haben soll, das hatte ich vor der Lektüre schon desöfteren gelesen, aber mit dem was diese Erzählung birgt, hatte ich nicht gerechnet! Und erst bei der zweiten Lektüre wurden mir einige Anspielungen und Verschlüsselungen klarer.

 

„Er hört den weißen Fleck der Wanduhr ticken und sieht das Zifferblatt aus schwarzen Flecken.“ (Seite 19)

 

Man überliest so schnell wichtige Schlüsselelemente, auch das „seitliche Auftreten der Fußspitzen bei jungen Frauen“.

 

Die Haupthandlung ist schnell geschildert: Windisch wartet auf seinen Pass. Er und seine Familie möchten ausreisen, da sie Deutsche in Rumänien nach dem II. Weltkrieg sind. Dies wird allerdings erst spät in der Erzählung einflochten, immer wieder nur lyrisch angedeutet.

 

„Zweimal hat das Rosengestrüpp kahle Dornen gehabt und das Unkraut darunter war rostig. Zweimal war die Pappel so kahl …“ (direktauf der ersten Seite)

 

Die Stimmung ist frostig und die Menschen verhalten sich äußerst skeptisch zueinander, in den Häusern mehren sich weiße Flecke von nicht mehr vorhandenen Möbelstücken; und auf den Landkarten schwarze Flecke, wo keiner mehr wohnt. Es ist erschreckend was die deutschen Bewohner über sich ergehen lassen müssen um diesem Regime den Rücken kehren zu können. Ferner transportieren Leitbilder wie „Mehl“ und „Apfelbäume“ dieses Handlungsgeflecht. Ein beeindruckendes Werk, welches mich sehr neugierig auf die Autorin gemacht hat!

 

Herta Müller

 

Heidi Hof

 

Hanser Verlag 2009, Erstveröffentlichung 1986 (Rotbuch Verlag), Hardcover 14,90 €, 111 Seiten, ISBN: 978-3-446-23443-7

Neuerscheinungen im Dezember 2009

Teil 2/2

1. Walter Benjamin: Leben und Werk von Jean-Michel Palmier

Eine Biographie über Walter Benjamin, ein Standardwerk, erscheint am 7. Dezember bei Suhrkamp.

2. Über mich selbst von Roland Barthes

Die legendäre intellektuelle Autobiographie des Denkers und Schriftstellers in Text und Bild. Roland Barthes war 60 Jahre alt, als er beim Betrachten alter Fotos seine Gedanken notierte und Über mich selbst [Roland Barthes par Roland Barthes] veröffentlichte: ebenso originelle wie anregende Reflexionen über sein Leben.

3. Briefsteller: Das Medium »Brief« im 17. und frühen 18. Jahrhundert von Carmen Furger

Als Briefsteller bezeichnete man in frühen Zeiten Anleitungen zum Briefeschreiben. Sie vermitteln eindrücklich, wie vielfältig die Formen des schriftlichen Austausches in der Frühen Neuzeit waren. In ihren Brief- Mustersammlungen sind Kondolenzbriefe neben Kauf- und Handelsbriefen aufgeführt, Liebes- und Frauenzimmerbriefe neben Bericht- oder Visitbriefen.

“Das Doppelleben des Vermeer” von Luigi Guarnieri

„Endlich stand er vor dem Vermeer, den er strahlender in Erinnerung hatte, noch verschiedener von allem, was er sonst kannte, auf dem er aber dank dem Artikel des Kritikers zum ersten Mal kleine blaugekleidete Figürchen wahrnahm, ferner, dass der Sand rosig gefärbt war, und endlich auch die kostbare Materie des ganz kleinen gelben Mauerstücks. Das Schwindelgefühl nahm zu; er heftete seine Blicke – wie ein Kind auf einem gelben Schmetterling, den es gern festhalten möchte – auf das kostbare kleine Mauerstück. So hätte ich schreiben sollen, sagte er sich. Meine letzten Bücher sind zu dürr, ich hätte die Farbe in mehreren Schichten auftragen, hätte meine Sprache so kostbar machen sollen, wie dieses kleine gelbe Mauerstück es ist.“

Aus Marcel Proust „Eine Liebe Swanns“.

Dieser Roman beginnt mit der Verhaftung von Han van Meegeren im Jahre 1945, dem man Handelsbeziehungen mit dem Feind vorwirft. Angeblich soll er dem Nazischergen und Kunstliebhaber Hermann Göring nationales Kulturgut, Vermeers Gemälde „Christus und die Ehebrecherin“ verkauft haben. Nach etlichen unerbittlichen Verhören der niederländischen Polizei, gesteht van Meegeren, dieses Bild selbst gemalt zu haben. Da niemand bereit ist, ihm zu glauben, sieht er sich gezwungen, sein Geständnis zu beweisen. Und dies ist schwieriger, als eine Fälschung zu verkaufen. Was folgt ist die unglaubliche Biographie des wohl bedeutendsten Kunstfälschers aller Zeiten.

Die verletzte Eitelkeit van Meegerens, oder VM – wie er konsequent in diesem Buch genannt wird – durch die vernichtende Kritik seiner Bilder, führt zu Auflehnung und Verachtung gegenüber der Meute von Koryphäen und Journalisten der Kunstwelt.. Er wagt den Entschluss, die gesamte Kunstszene unwiderruflich in ihren Grundfesten zu erschüttern, indem er sie bloßstellt und die Gesellschaft an deren Gutachten zweifeln lässt. Er wird ihnen ein verschollenes Werk des Jan Vermeer präsentieren, welches zweifellos aus dem 17. Jht stammen könnte und jeglicher Analyse standhalten wird. Der Leser darf VM während der Entstehung dieses Gemäldes über die Schulter blicken. Uns werden die verwendeten Farben, die Techniken, die möglichen Motive, die Signatur von Vermeer und das „Craquelé“ – die entstandenen Risse nach Trocknung der Farben fachmännisch nahe gelegt, so technisch und sachlich beschrieben wie aus der Diplomarbeit eines Kunststudenten. Die Besonderheiten der Vermeer-Gemälde werden erläutert und selbstredend – seine Biographie.

Die Fakten entsprechen der Realität, doch hätte dem Buch eine Prise Dichtung sicherlich gut getan. Der Lesespaß lässt kurzzeitig nach, wenn Guarnieri ausschweift und seine eigentliche Geschichte aus den Augen verliert. Kehrt er jedoch zurück zur Biographie des VM, kehrt mit ihr das Vergnügen des Lesers zurück.

„Mehr als zweihundert Jahre nach seinem Tod berührt uns Vermeer immer noch so sehr, weil seine Bilder – vielleicht – rückwärts gewandte Sehnsucht, unmögliche Liebe, Einsamkeit evozieren. Weil seine rätselhaften, stillen Gestalten traumhafte Darstellungen der Schönheit, der Leidenschaft, der Ewigkeit sind – das, was alle undeutlich und unbewusst suchen, ohne es finden zu können.“

Kunstmann-Verlag,  gebunden 2005, vergriffen, 240 Seiten ISBN: 978-3888973819

“Cheng. Sein erster Fall” von Heinrich Steinfest

Für Markus Cheng, Wiener Privatdetektiv mit chinesischer Abstammung, läuft es beruflich schlecht. Da Wirtschaftdelikte aller Art das klassische Verbrechen nahezu verdrängt haben, und das Herumschnüffeln in andrer Leute Privatangelegenheiten nun mal nicht sein Fall ist, gibt es für ihn wenig zu tun. Gerade ist ihm auch noch sein letzter Auftrag entzogen worden, als sich ein flüchtiger Bekannter mit einem ungewöhnlichen Problem an ihn wendet. Der aus Australien stammende Wissenschaftler Ranulph Field wird von einer unbekannten Frau bedroht, die ihn sogar bis in seine Wohnung verfolgt und dort einen Zettel mit der rätselhaften Botschaft „Remember St. Kilda“ hinterlassen hat. Vermutlich ist sie auch Urheberin des nicht gerade Karriere fördernden Gerüchts von einer angeblichen Affäre Fields mit der Frau seines Chefs. Das Gerücht kann Cheng aus der Welt schaffen, in der Sache mit „St. Kilda“ kommt er nicht weiter. Sechs Monate später wird Fields Leiche gefunden. In dem Einschussloch zwischen seinen Augen steckt ein Zettel mit dem Satz „Forget St. Kilda“. Er ist das erste Opfer einer Mordserie, bei der die Täterin jedes Mal die gleiche mysteriöse Botschaft zurücklässt. Ohne es zu wollen, wird Cheng in aberwitzige Geschehnisse verwickelt, bei denen er reichlich Federn lassen muss. Aber erst durch einen Zufall kommt er dem Rätsel auf die Spur. Am Ende landet der mittlerweile zum Invaliden gewordene Cheng absurderweise dort, wo er nie hinwollte: in China. Und erlebt noch einmal eine Überraschung…

Obwohl das Buch alle Merkmale eines klassischen Kriminalromans aufweist, ist der Mordfall hier nur Nebensache. Die Handlung mäandert munter vor sich hin, das Verbrechen wirkt stark konstruiert, die Wendung am Ende bleibt rätselhaft. Im Mittelpunkt steht der bekennende Loser Markus Cheng, der von einem Unglück ins andere gerät und dabei subversive Betrachtungen über die menschliche Natur im Allgemeinen und die österreichische im Besonderen anstellt. Steinfest ist nichts heilig, schon gar nicht die gehobene Wiener Gesellschaft. Er lässt keinen Zweifel daran, wo die wahren Schurken zu finden sind, zieht mit rabenschwarzem Humor und viel Sarkasmus über Seilschaften, Korruption und Geldgier her und nimmt die undurchsichtigen Machtstrukturen und die Doppelmoral der feineren Kreise aufs Korn. Das geht nicht ohne Klischees ab, ist aber so skurril und witzig gemacht, dass es eine Freude ist. Steinfests weitschweifige und detailverliebte, aber immer genau beobachtende Sprache ist voller bizarrer Einfälle, herrlich zugespitzter Formulierungen und stimmungsvoller Szenen. Der „modernen Unart ständigen Relativierens“ setzt er bewusst Parteilichkeit entgegen und erklärt mal mit hinterhältiger Ironie, mal mit blankem Zynismus, mitunter sogar mit drastischer Bösartigkeit, warum Flugzeugabstürze im Grunde eine Quelle des Glücks sind, der österreichische Rassismus nur eine andere Form der Selbstverachtung darstellt und in einem Mord nicht weiter ermittelt werden sollte, wenn ohne den Verblichenen die Zufriedenheit der Hinterbliebenen deutlich größer ist. Der Roman liefert keine atemlose Spannung, dafür aber bissige, intelligente und vor allem amüsante Unterhaltung, ist also auch für Krimihasser bestens geeignet.

Monika

Piper, broschiert 2009, 263 Seiten, 7,95€ ISBN: 978-3492248747

“Tee mit Buddha” von Michaela Vieser

buddha.jpgMichaela Vieser studiert in London Japanologie. Den Studenten wird ein Auslandssemester angeraten, aber Michaela Vierser will weit mehr. Ihr Traum ist es, in ein Zen-Kloster zu gehen. Trotz längerer Recherche sieht sie dafür aber keine Möglichkeit. Kurz davor, ihren Traum zu begraben, macht ein japanischer Mönch, der an der Universität Buddhismus lehrt und von von ihrem Ansinnen erfuhr, ihr das Angebot, ein Jahr in seinem Mutterkloster zu verbringen. Das ist zwar kein Zen-Kloster, sondern gehörte zur Jodo-Shinshu-Strömung und liegt im Süden des Landes. Im Kloster leben ca. 100 Bewohner, Mönche, Familien, japanische Angestellte, Studenten. Das Kloster ist ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Michaela hat 3 Jahre lang die Sprache studiert und macht sich nun als erste Westeuropäerin auf, ihr Jahr im japanischen Kloster in Angriff zu nehmen.

Lange bevor ich dieses Buch las, war ich mir nicht sicher, ob es etwas für mich ist, oder eher nicht. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es nach der Lektüre noch immer nicht.

Die Autorin erzählt von ihrem Leben in der für sie völlig fremden Welt, auch von der Ernüchterung, die sie in der ersten Zeit überkam. Ihre Erwartungen waren durchaus anders als die Realität. Als Leser ließ sie mich am Alltagsleben in diesem Kloster teilhaben, am Tagesablauf, an der Bedeutung der Gebete, an Ritualen, an Grundlegendem und Profanen. Sie machte mich unter anderem mit der Teezeremonie, Ikebana, Kendo und der Kalligrafie vertraut. Mit viel Witz erzählt sie die verschiedensten Anekdoten und beschreibt die Fettnäpfchen, die sich ihr in den Weg stellten und in die sie trat. Dabei berichtet sie nicht in der zeitlichen Abfolge, sie erzählt, in dem sie in jedem Kapitel des Buches eine Person und die gemeinsamen Erlebnisse vorstellt. So erfuhr ich zwar vieles über Japan und die japanische Denk- und Lebensweise, aber trotzdem sprang der Funke zum Buch nicht über. Mir blieb vieles fremd, auch die Autorin selbst, vor allem weil die Emotionen für mich nicht immer nachvollziehbar waren und mir die gedankliche Tiefe fehlte. Der Sprachstil ist sehr einfach gehalten. Auch hatte ich gehofft, ein paar tiefgründigere Informationen über den Buddhismus zu bekommen. So bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück und frage mich nun, ob ich einfach zu viel erwartet habe, oder ob das Buch nicht mehr hergab.

Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michaela Vieser, geb. 1972, hat während und nach ihrem Japanologiestudium in Japan gelebt. Sie hat u. a. ein Jahr mit buddhistischen Mönchen verbracht, die Kunst der japanischen Bergasketen erforscht und das Drehbuch zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm geschrieben. Zurück in Deutschland, arbeitete sie für Scholz & Friends an der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« mit. Vieser übersetzt außerdem japanische Drehbücher, schreibt u. a. für Geo, Financial Times,Vanity Fair, NZZ und arbeitet als Trendscout. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.

Heike

Pendo Verlag 2009, Hardcover 19,95 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3866122109

“Alexis Sorbas” von Nikos Kazantzakis


sorbas.jpgEin Rausch für die Sinne!

 

Wer ist dieser Mann, dieser Alexis Sorbas, der Grieche?

Der Ich-Erzähler, dessen Name nicht bekannt wird, begegnet Sorbas im Hafen von Piräus auf den Weg nach Kreta. Er hat auf der Insel ein Kohle-Bergwerk gekauft.

„Nimm mich mit.“, sprach der Grieche. „Ich bin der beste Bergbauer und zudem ein guter Suppenkoch.“ Diese direkte Art kann der Erzähler nicht widerstehen und nimmt Sorbas mit nach Kreta.

 

Der Chef, wie unser Held unseren Erzähler liebevoll nennt, erkennt schnell welche Eigenschaft Sorbas prägt: „Das ist die Freiheit, dachte ich. Eine Leidenschaft haben, Goldstücke sammeln und dann auf einmal die Leidenschaft überwinden und den Schatz in alle vier Winde verstreuen! Sich von einer Leidenschaft befreien, in dem man einer anderen, höheren gehorcht …“ (Seite 29)

 

Er ist ein Lebemann, ein Mann des Fleisches, der kein Weib auslässt, obwohl er schon über 60 zig ist, der trinkt und tanzt als ob heute der letzte Tag wäre und morgen selbstverständlich wieder feiert als wäre es der letzte Tag. Und doch tut er der Seele so gut, im Hintergrund von Kreta, dem Meer und den Sonnenuntergängen. Der Leser tanzt gleich mit, hat gute Laune, man sieht Antony Quinn förmlich vor dem inneren Auge.

 

Aber dieser Sorbas hat noch mehr zu bieten: „Bei der Arbeit bin ich völlig, vom Scheitel bis zur Sohle, mit dem Stein oder der Kohle oder dem Santuri verwachsen. Und wenn du mich plötzlich berührst oder mich ansprichst und ich mich umdrehen muss, kann ich platzen. Nun weißt du´s!“ (Seite 112) Denn was er macht, das macht er richtig, nicht halbherzig! So auch die Liebesbeziehung zu der alten Fregatte. Ein verhutzeltes Weibsbild mit einer behaarten Warze am Kinn. Vier Weltmächte waren mit ihr zusammen und alle haben sie im Stich gelassen, nur Sorbas nicht. Er hat sie aufgefangen, ihr die Würde wieder gegeben und ihr neuen Lebensmut gemacht. Generell zählt für den Griechen ein gesprochenes Wort, und Freundschaft ist Freundschaft!

 

Die Beziehung zwischen dem Erzähler und Sorbas erreicht unglaubliche Höhepunkte, die im realen Leben äußerst selten sind. Und obwohl diese zwei so verschieden sind; Sorbas, die sprühende Lust und der Chef, die stoische Ausgeglichenheit; ticken sie ähnlich. „Ungeduldig wartete er auf den Tag, an dem er so viele Flügel – so nannte er das Geld – verdiente, um fliegen zu können.“ (Seite 118) Denn der Umgang mit Geld ist beiden fremd, zum Glück, denn daran zerbrechen Freundschaften! Diese Beide aber ergänzen und bereichern sich.

 

Dieses Buch hat mich seit langer, sehr langer, Zeit wieder richtig emotional gepackt und ergriffen. Es flossen sogar Tränen zum Schluss. Deshalb von mir die Höchstnote, und eine dicke Empfehlung! Es liefert darüber hinaus aber noch zahlreiche Gedankenanstöße mit denen man so herrlich jonglieren und spielen kann: „Jeder Mensch hat seine Marotte, aber die größte ist meiner Meinung, keine zu haben.“ (Sorbas Seite 155)

 

Nikos Kazantzakis wurde am 18. Februar 1883 im heutigen Heraklion auf Kreta geboren und starb am 26. Oktober 1957 in Freiburg im Breisgau. Er studierte Rechtswissenschaften in Athen und Staatswissenschaften bei Henri Bergson in Paris. Der Roman „Alexis Sorbas“ beruht auf autobiographischen Erlebnissen des Autors. 1917 versuchte der junge Kazantzakis sein Glück als Pächter eines Kohlebergwerks und lernte dabei einen Arbeiter Georgios Sorbas kennen. Obwohl das Projekt scheiterte, betrachtete er seine Freundschaft mit Sorbas als großen Gewinn und setzte ihm mit seinem Roman ein literarisches Denkmal. Kazantzakis gilt als einer der bedeutendsten griechischen Schriftsteller des 20. Jahrhunderts.

 

Heidi Hof

 

Anaconda Verlag 2008, das Original erschien 1946, Übersetzung: Alexander Steinmetz, Hardcover 7,95 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3-86647-297-6

Neuerscheinungen im Dezember 2009

Teil 1/2

1. Der Briefwechsel Thomas Bernhard - Siegfried Unseld

In den etwa 500 Briefen zwischen beiden entwickelt sich ein einzigartiges Zwei-Personen-Schauspiel: Mal ist es eine Tragödie, wenn etwa Bernhard die aus seinen Werken bekannten Schimpftiraden auf den Verleger losläßt, der seinerseits auf die Überzeugungskraft des Arguments setzt. Dann gibt Bernhard ein Kammerspiel mit Unseld als Held - 1973 schreibt er ihm: “mit grösster Aufmerksamkeit, mit allen Möglichkeiten, gehe ich gern mit Ihnen.” 1984 agieren beide, bei der Beschlagnahme von “Holzfällen”, als Kämpfer für die Literatur in einem von Dritten inszenierten Schurkenstück.

2. DerKampf mit der Katze: Gesammelte Prosa von Uwe Johnson

Wer Uwe Johnsons Romane nicht kennt - Ingrid Babendererde, Mutmassungen über Jakob, Das dritte Buch über Achim, Zwei Ansichten und Jahrestage -, kennt das 20. Jahrhundert nicht. Der herausragende Erzähler ist auch ein Meister der kleinen Form, wie die große Zahl seiner Geschichten, Porträts, Selbstporträts, politischen und literarischen Essays zeigt.

Der vorliegende Band versammelt, thematisch geordnet, zum ersten Mal sämtliche Prosa Uwe Johnsons, also alle Texte, soweit sie nicht den Romanen zuzurechnen sind.

3.  Die Nachtmutter  von Carel Donck

Laura stirbt bei einem Verkehrsunfall und läßt neben einem untreuen Ehemann zwei kleine Kinder zurück. Im Jenseits angekommen, erhält sie die Chance, auf die Erde zurückzukehren und zu schauen, wie es Ihrer Familie geht. Mehr noch: Laura kann ihren kleinen Sohn Mark im Traum erscheinen. Doch was beiden zunächst ein großer Trost ist, löst bald dramatische Ereignisse aus…

 


“Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt” von Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo

helmut.jpgImmer am Freitagmittag trafen sich der ehemalige Bundeskanzler und jetzige ZEIT-Mitherausgeber Helmut Schmidt und der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo auf eine Zigarettenlänge im Büro Lorenzos. Und dann beginnt ein Frage- und Antwortspiel der ganz besonderen Art und Güte.

Giovanni di Lorenzo fragt und Helmut Schmidt antwortet. Auf kurze aber sehr substantielle Fragen antwortet der ehemalige Bundeskanzler genauso kurz und auf den Punkt kommend. Beide reden nicht um den heißen Brei, denn eine Zigarettenlänge ist halt doch eine sehr endliche Zeitspanne.

In diesem Jahr wird Helmut Schmidt 91 Jahre alt und er hat immer noch etwas zu sagen, mischt sich immer noch ein und nimmt dabei weder auf Namen, Positionen oder Traditionen Rücksicht. Gradlinig vertritt er seine Ansichten und kann dabei durchaus sehr ätzend werden. Und es ist schon erwähnenswert und ein echtes Phänomen, dass man diesem Ex-Kanzler immer noch aufmerksam zuhört. Er drängt sich mit seinen Ratschlägen niemanden auf, aber sicher ist ihm auch bewusst, dass ihm nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wenn man dieses Buch liest, dann wird man sich sehr schnell der Tatsache bewusst, dass es Politiker seiner Couleur wohl leider kaum noch gibt. Helmut Schmidt ging es stets um die Sache, die eigene Person hat er nie sehr wichtig genommen – heute ist es leider vielfach genau anders herum.

Seinen ganz besonderen Reiz nimmt das Buch aus der Tatsache, dass es keine langen Monologe gibt, dass Frager und der Antwortende immer sehr schnell und ohne Umschweife auf den Punkt kommen.

Man erfährt viel über den Menschen Helmut Schmidt, über seine Gedanken zu Familie und politischen Weggefährten, über seine Beziehung zur Kunst und zur Musik, aber Fragen zum christlichen Glauben werden nicht ausgespart. Es ist ein durchaus emotionales und ein politisches Buch, es ist aber auch ein zutiefst menschliches Buch. Sehr empfehlenswert.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2009, Hardcover 16,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3462040654