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Archive für Oktober 2009

“Südwinde” von Nicole C. Vosseler

sudwinde.jpgSüdpazifik 1764: die junge Brittany Addison begleitete ihren Vater Captain Addison auf seiner Reise, als ein Sturm das Schiff zum sinken bringt und Brittany Schiffbruch auf Tahiti erleidet.
Fünf Jahre später landet ein Erkundungstrupp der englischen Endeavour auf der Insel und schnell willigt Captain James Cook ein, Brittany nach Hause, nach England, zu bringen….

Südwinde ist der Debutroman von Nicole C. Vosseler, der mich tief bewegt und restlos begeistert zurück lässt.

Die besondere Stärke der Autorin liegt in diesem wunderbaren Roman vor allem in der Charakterzeichnung: sie nimmt sich für alle den Platz, den sie braucht. Beschreibt sie in all ihren Einzelheiten, äußerlich wie innerlich, und lässt sie so lebendig und zum Greifen nah wirken. Man kann sich jede der Figuren bildlich vorstellen, leidet und freut sich mit ihnen.
Selbst die „Bösewichte“ in dieser Geschichte wirken noch menschlich und man kann sie nicht gänzlich verteufeln.

Locker und flüssig erzählt Nicole die Geschichte der ersten großen Reise Cook´s und verknüpft diese mit einer Liebesgeschichte.
Doch genau an dieser Stelle ist der Klappentext leider komplett irreführend: der suggeriert, dass diese nicht nur einen großen Raum einnehmen wird, sondern vielleicht sogar ein wenig kitschig wird.
Doch das ist alles andere als der Fall: gleichberechtigt mit dieser Liebesgeschichte steht die Geschichte der Endeavour. Im Gegenteil: für mich steht die erste Reise der Endeavour sogar deutlich im Vordergrund; die Liebesgeschichte wird sehr geschickt in die Gefahren und Entdeckungen der Reise eingeflochten.

Fazit: Südwinde ist ein unglaublicher Debutroman von Nicole C. Vosseler mit dem ich ein paar unglaubliche Lesestunden verbracht habe. Ich habe gelacht, gebangt und am Ende bitterlich geweint.
Südwinde legt die Messlatte für alle nachkommenden Romane der Autorin verdammt hoch!

Rebecca

Fischer Taschenbuch Verlag, 2007, broschiert 8,95 €, 480 Seiten, ISBN: 978-3596174652

“Sieben Jahre” von Peter Stamm

jahre.jpgDiesmal schien mir die ganze Handlung von Stamm sehr unglaubwürdig.

Rückblickend erzählt Alexander von seiner Ehe und seinem Leben. Er selber stammt aus der guten Mittelschicht, einer Familie, die sich langsam emporgearbeitet hat. Im Studium für Architektur lernt er nun eine wesentlich reichere Gesellschaftsschicht kennen, und darunter auch Sonja.
Sonja ist schön, reich und bei den Männern sehr beliebt. Es kommt zu einer Art von Wettbewerb, wer diese Schöne für sich gewinnen kann, und Alex holt sich diesen Preis.

Allerdings fragt sich der Leser schon während des ersten Drittels, was dieses Paar beieinander hält? Denn Sonja ist alles andere als eine Frau, die sich für eine gutbürgerliche Ehe eignet. Sie möchte Karriere machen, an vielen Wettbewerben teilnehmen, die Welt kennen lernen und das am liebsten von Frankreich aus. Und Alex denkt, das Haus in München am See wäre ihr Glück. Zudem kommt sie beziehungsmäßig sehr abweisend, wenn nicht gar frigide, vor.

So ist es nicht verwunderlich, dass es im Roman noch eine andere Ebene gibt: Iwona, die polnische Geliebte. Aber damit greift nun der Autor voll in die Klischee-Kiste: Das anschmiegsame und hingebungsvolle Glück aus dem Osten. Für mich zu viel des Guten und unrealistisch.

Im Gegensatz zu „Agnes“, ein Liebesroman mit einer ganz tollen Betrachtungsweise, „An einem Tag wie diesem“ und „Ungefähre Landschaften“, schneidet dieser Beziehungs-Roman am schlechtesten ab. Diese Dreiecksbeziehung ist mir zu klischeebehaftet und wirkt dadurch gestelzt. Eine bloße Konstruktion.

Heidi Hof

S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2009, Hardcover €, 298 Seiten; ISBN: 978-3-10-075126-3

Literaturkalender 2010

Literaturkalender Korsch Verlag Leselust 2010: Wochenkalender
Größe: 32,6 x 23,8 x 1,2 cm

Literaturkalender Aufbau Verlag Kalender 2010 Wochenkalender
Größe: 33,2 x 24,2 x 1 cm

Literaturkalender Arche Verlag 2010: schreiben und Lesen
Größe: 28,8 x 23,8 x 1,2 cm

Literaturkalender Artemis & Winkler Verlag 2010 Wochenblätter mit Deckblatt
Größe: 29 x 23,8 x 1,2 cm

Mein Favorit seit einigen Jahren :D

“Zugvögel” von Josef Haslinger

Josef Haslinger schickt einen Ich-Erzähler auf Reisen, vielleicht ihn selber, trägt er doch in der letzten von insgesamt sieben Erzählungen seinen Namen. Seine Wege führen nach Ostdeutschland, an die kroatische Küste und sogar jenseits des Atlantiks. Nicht die Orte fallen in sein Blickfeld, vielmehr sind es die Menschen, die er dort trifft. Ein Wiedersehen an vergangene Zeiten. Menschen, die er aus den Augen verloren hat, und nun feststellen muss, wie die Zeit mit ihnen umgegangen ist.

„Ich hatte in Frankfurt zu tun“ oder „eine Nachricht meiner Mutter auf dem Anrufbeantworter“ sind Anlass genug, um Haslinger zum Niederschreiben seiner Erlebnisse – oder die seines fiktiven Ich-Erzählers - zu bewegen. Ein Treffen mit seinem Jugendfreund, der heute nach einem Schlaganfall noch mit den Nachwirkungen kämpft und seinen Freund an Erinnerungen eines Mädchens wiederzubeleben versucht. Die Rückkehr zum Ort seiner Kindheit, wo er versucht, einen Nachbarstreit zu schlichten. Ein Besuch bei einem drittklassigen Musiker, um dort als Dealer verwechselt und als solcher unsanft behandelt zu werden.
Da die letzte Erzählung „Amerika – ein Reiseepos“ als reiner Text weniger überzeugt, liegt im Buch eine entsprechende CD bei, auf der der Autor diese eigens vorliest und sogar den Budweiser-Rap, nun ja, überaus… mutig vorträgt. Auf jeden Fall hörenswert.

Gemeinsam erlebte Augenblicke werden mit der nüchternden, heutigen Betrachtung gekreuzt, sporadisch niedergeschrieben, wobei die konsequente Kleinschreibung die Notizartigkeit der jeweiligen Erzählung verstärkt. Die Sätze sind recht einfach gehalten, hochgeschraubte Kunstformen weichen dem vertrauten Plauderton, um die Authentizität hervorzuheben. Haslinger präsentiert in diesem Buch den Alltag mit verschärftem Blick auf die unscheinbaren Dinge und macht einige (nicht alle!) der Erzählungen zu einem gelungenen Abbild des Lebens.
Ein weiterer Beweis, dass das Leben nicht aus weltbewegender Action bestehen muss, um erkennen zu lassen, ein gelebtes Leben für sich beansprucht zu haben.

Fischer- Verlag, kartoniert 2007, 203 Seiten, 8,95 €, ISBN: 978-3596154500

Neuerscheinungen November 2009

Teil 3/3

1. Das Modell für Laura von Vladimir Nabokov

Dies ist Vladimir Nabokovs letzter Roman. Das Modell für Laura , entstanden in den Jahren vor seinem Tod 1977, ist Fragment geblieben. Auf 138 Karteikarten war der vorhandene Text notiert, als Nabokov starb.

2. S. Fischer, der Verleger 1859 - 1934: Eine Lebensbeschreibung von Barbara Hoffmeister

Wer war dieser geschickte Geschäftsmann mit dem vielzitierten Gespür für literarische Qualität? Wie reagierte jemand wie er auf die antisemitischen Anfeindungen im Kaiserreich, in der Weimarer Republik und noch im »Dritten Reich«? Barbara Hoffmeister ist diesen Fragen mit reicher Kenntnis und wachem Spürsinn nachgegangen und hat ein lebendiges Bild von Samuel Fischer entworfen.

“Die einsamen Frauen” von Cesare Pavese

pavese.jpgEin Roman, oder besser ein Autor, der mich innerlich sehr bewegt hat!

Emotional bin fast an die Decke gesprungen, obwohl das Buch so gut begann, mir die Sprache lag und die Handlung so interessant hervortrat.
Clelia, die Protagonistin, reist nach dem 2.Weltkrieg von Rom nach Turin um dort ein neues Modeatelier zu eröffnen. Ursprünglich stammt sie aus Turin, hat dort ihre Kindheit und Jugend verbracht, ist dann für eine Ausbildung zur Schneiderin nach Rom gegangen und hat sich beruflich hochgearbeitet. Ihre Wurzeln entspringen also einer anderen Schicht, sie greift allerdings mit beiden Händen bei dieser feineren Gesellschaft zu, die ihr aber innerlich überhaupt nicht zusagt, ihr zuwider ist. Ihre Kritikpunkte sind vorwiegend der Müßiggang, das Nichts-Tun und das Lose-Leben. Auch in Turin verkehrt sie schnell in diesen Kreisen. Sie lernt zwei Frauen kennen, die diese Wochen/Monate mit ihr teilen, und sie gemeinsam die Wochenenden in den Bergen verbringen. Rosetta, die einen Selbstmordversuch hinter sich hat und Momina, die von ihrem adeligen Mann getrennt lebt und kein gutes Haar an Männern lässt.
Alle drei Frauengestalten sind sehr exzentrisch und stellen (in Bezug zur Allgemeinheit) krasse Randfiguren dar; auch die männlichen Figuren sind zum größten Teil Kanallien, lediglich eine Figur schneidet positiv und lebenstauglich ab, der Dekorateur.

Was mich jetzt so aufgeregt hat, ist, dass Pavese, der hinter der Figur der Clelia steht, auch biographisch, aus deren Sicht in der Ich-Form erzählt. Er verunglimpflicht diese Figur, generell die weiblichen Personen. Wenn man als männlicher Autor in die Haut einer Frau schlüpft, sollte man die weiblichen Züge schon treffen, stellt man diese aber nur negativ dar, dann spricht da eine gute Portion von Fremdheit (wenn ich es irgendwie positiv beschreiben möchte) oder Hass (wenn ich das ausspreche was ich empfunden habe) heraus.

Das Leitmotiv im Roman sowie wohl auch im Leben von Pavese ist die Einsamkeit. Clelia fühlt sich nicht zugehörig, weder in ihrer ursprünglichen Schicht, noch in diesem dekadenten Kreis. Sie verhält sich aber wie eine Gefangene in dieser oberflächlichen Gesellschaft, der sie nicht den Rücken wenden kann. Rosetta begegnet diesem Problem mit einem Selbstmordversuch und Momina setzt sich erhaben über alles hinweg und verstockt in ihrem Eis. Die Sinnlosigkeit raubt ihnen die Lebenfreude.
Eigentlich ein guter Roman, wenn mir dieser Frauenhass nicht fortwährend vor die Füße gesprungen wäre!

Cesare Pavese wurde am 9. September 1908 in Italien geboren, und studierte in Turin Literaturwissenschaft. Anfangs schrieb er Gedichte und war als Übersetzer aus dem Englischem tätig (Faulkner, Joyce und Melville). Nach dem Krieg wurden seine eigenen Romane verlegt und bekannt. Am 27. August 1950 setze Pavese seinem Leben ein Ende.

Heidi Hof

Claassen Verlag, 2009, OT: Tra donne sole 1949, Übersetzung: Maja Pflug, Hardcover 19,90 €, Seiten 208, ISBN: 978-3-546-00438-1

Neuerscheinungen November 2009

Teil 2/3

1.Gesammelte Erzählungen von F. Scott Fitzgerald

Neuedition der Erzählungen - 93 Short Stories in 4 Bänden: 26 Erzählungen erstmals deutsch, 17 neu übersetzt, 50 in revidierter Übersetzung. Dazu 4 Essays des Autors (2 davon erstmals deutsch). Mit Nachworten von Paul Ingendaay, Daniel Kampa, Verena Lueken und Manfred Papst.

2) Das Buch der anderen von Zadie Smith

Das Buch der anderen so schillernd und innovativ wie seine Autoren und so lebendig und vielfältig wie seine Charaktere.

“Judiths Liebe” von Meir Shalev

liebe.jpgSejde hat drei Väter und eine Mutter, Judith. Drei Männer beanspruchen Judiths Liebe und damit auch die Vaterschaft für ihren Sohn. Auf Mosche Rabinowitz Hof leben Judith und Sejde, der bullige Witwer mit der ruhigen Art bietet Unterkunft, Arbeit und Versorgung. Dagegen sorgt der Viehhändler Globerman für genügend Geld. Er war derjenige, der in seiner eher groben Art sehr direkt um Judith geworben hat. Und dann ist da noch Jakob, der ruhige zurückhaltende Jakob, der obwohl mit der schönsten Frau im Dorf verheiratet sich unsterblich in Judith verliebte und auf ungewöhnlichste Weise um ihre Liebe kämpfte. Nach Judiths Tod bereitet er vier Festmahle für seinen Drittelsohn Sejde zu, diese Treffen bilden den erzählerischen Rahmen, in dem Sejde, die Geschichte seiner Mutter und seiner Väter erzählt.


Shalevs Roman ist von orientalischem Erzählreichtum, erfrischend, geheimnisvoll, lebensfroh und doch zutiefst melancholisch. Der Tod lauert immer im Hintergrund, nur der kleine Sejde (dessen Namen “Großvater” bedeutet) ist sicher vor ihm.
Es ist eine enge Welt, in der der Roman spielt, ein hebräisches Dorf mit seinen teils schrullig, liebenswerten Charakteren. Langsam baut Shalev aus einzelnen Andeutungen, Episoden seine Handlung auf,erfüllt seine Charaktere und ihre Welt mit Leben.
Ich mag diese jüdische Erzähltradition wie ihr wisst ja sehr gerne, am türkischen Strand, die oft erwähnten Granatäpfel ganz nahe, war es eine ideale und entspannende Lektüre. Eine Geschichte zum Eintauchen, zum Mitleiden und Mitfreuen!

Kerstin

Diogenes Verlag 1999, Übersetzung: Ruth Achlama, broschiert 11,90 €, 395 Seiten, ISBN: 978-3257231199

“Alle Tage” von Terézia Mora

tage.jpgEin sehr unruhiger Roman in dieser hektischen Zeit.

Als Abel gerade seine große Liebe verliert, Elija ins Ausland geht um dort zu studieren, verlässt Abel seine Heimat und begibt sich auf eine Auslandsreise. Folgenschwer ist diese Entscheidung, denn er kann nicht mehr zurückkehren, da er als Deserteur gesucht wird, und so unfreiwillig zum Migrant wird.
Ohne Heimat, staatenlos und ausgebrannt lernt der Protagonist eine Sprache nach der anderen, 10 Stück insgesamt. Das Leben Abels ist getrieben, auch in eine Scheinehe. Die Leere aus seiner Kindheit/Jugend kann er nicht abwerfen. Und so beginnt der Roman „Alle Tage“ mit der Scheidung und räumt von hinten und allwissend, die ganze Handlung auf.

Aufmerksam wurde ich auf Terézia Mora durch die Zeitschrift literaturblatt:
„ … auktorialen Erzähler. Er weiß nicht nur, was die Figuren sagen, er weiß auch, was sie denken, fühlen – und was sie nicht wissen. … Der Erzähler wechselt vielmehr ständig die Perspektive, manchmal sogar inmitten eines Satzes. Genauso rasant kann eine nüchterne Beschreibung zum drastischen Kommentar werden, der sich schließlich als zitierte wörtliche Figurenrede entpuppt.“

Diese Erzählart war zu Beginn sehr erfrischend und ungewöhnlich. Sie erreicht, dass die Situation des Protagonisten glasklar rüber kommt, seine Orientierungslosigkeit, und die ganze eintönige Handlung lebendig wird. Aber von einer Geschichte mit jeglichen Spannungsbogen ist kaum etwas vorhanden, so dass man nach der Hälfte das Interesse verliert. Am Anfang lag mir diese Spurensuche sehr, verliert sich mit der Zeit immer mehr, da einfach 400 Seiten für ein solches Experiment zu lang sind. Das Werk wird dadurch sehr unruhig und ein entspannter Lesefluss kommt nicht zustande. Schade eigentlich!

Terézia Mora wurde 1971 in Ungarn geboren und lebt seit 1990 in Berlin. Sie schreibt in deutscher Sprache. Bisher erschienen von ihr ein Erzählungsband „Seltsame Materie“ (1999), „Alle Tage“ (2004) und „ Der einzige Mann auf dem Kontinent“ (2009) als Romane.

Heidi Hof

Luchterhand Verlag, München 2004, Hardcover 22,50 € (TB 10 €), 430 Seiten, ISBN: 3-630-87185-2

“Grenzgang” von Stephan Thome

grenzgang.jpgAlle sieben Jahre wird im hessischen Bergenstadt das „Grenzgang-Fest“ gefeiert. Drei Tage dauert dieses traditionelle Volksfest. Und abends im Festzelt geht es dann hoch her. Aber zwei Menschen stehen abseits. Da ist zum einen Thomas Weidmann, dessen Vertrag an der Universität nicht verlängert wurde und der nun als Lehrer am städtischen Gymnasium unterrichtet. Und zum anderen ist da Kerstin Werner, geschieden und zudem noch mit der demenzkranken Mutter belastet. Und auch ihr Sohn Daniel lebt seine pubertierenden Probleme in vollem Umfange aus. Und vor sieben Jahre – beim letzten Volksfest – da sind sich Thomas und Kerstin schon einmal begegnet, eine Begegnung die beiden mit gemischten Gefühlen zurückgelassen hat.

„Grenzgang“ ist ein durchaus gelungenes Romandebüt. Stephan Thome wurde 1972 in Biedenkopf/Hessen geboren. Er studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an der Freien Universität in Berlin und an verschiedenen Universitäten in China. Seit 2005 lebt Stephan Thome in Taipeh/Taiwan.

Sicher wird dieses Buch kein literarisches Erdbeben auslösen und auch den Literaturnobelpreis wird es schwerlich dafür geben. Aber Stephan Thome ist eine durchaus bemerkenswerte Milieustudie gelungen. Großstadt trifft auf Provinz und die Provinzler verhalten sich dabei aber nicht immer so, wie man es von ihnen eigentlich aufgrund der allgemeinen Vorurteilslage erwarten würde. Thome schreibt die Normalität in einer sehr ansprechenden Art und Weise. Sein Schreibstil ist ansprechend und da schaut man eben auch gern darüber hinweg, wenn an einigen Stellen sein Hang zu Formulierungsspielchen ein wenig zu ausgeprägt ist. Aber schafft es dann immer wieder sehr schnell die Kurve zu kriegen. Stephan Thome ist ein guter Beobachter seiner Mitmenschen. Es sind gerade die menschlichen Verhaltensweisen die er punktgenau schildert ohne sich dabei in Drumherumgerede zu verlieren. Seine Personen sind klar gezeichnet, lassen aber trotzdem noch Platz für eigene Vorstellungen der Leserinnen und Leser.

Wer irgendwelche bahnbrechenden epochalen Botschaften erwartet, den wird dieses Buch enttäuschen. Wer aber bereit ist, einem jungen Autor die Gelegenheit zu geben sich vorzustellen, der wird auf seine Kosten kommen. Wenn Stephan George dieses Level halten kann, dann kann aus einem hoffnungsvollen literarischen Talent über kurz oder lang sicher ein wirklich etablierter Autor werden.

Ein lesenswertes Buch.

Jan

Suhrkamp Verlag, 2009, Hardcover 22,80 €, 454 Seiten, ISBN: 978-3518421161