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Archive für September 2009
“Carmen” von Prosper Mérimée
29.9.2009 von Patrick.
Die Zigeunerin Carmen hatte ihn davor gewarnt, sich in sie zu verlieben. Doch seine Liebe, dieser beharrliche Dämon, ließ keine andere Entscheidung zu. Er verzehrt sich nach ihr, ohne zu ahnen, dass er sich dadurch selbst vernichtet.
Der Dragonerkorporal Don José begegnet während der Bewachung einer Zigarrenfabrik dieser schicksalshaften Frau, die nach einem Zwischenfall festgenommen werden soll. Die Waffen einer Frau sind nicht unbekannt, so dass sie hier nicht explizit beschrieben werden müssen. Ihr gelingt durch Überredungskünste die Flucht. Seine Schwäche hat die Herabstufung des Dienstgrades zur Folge, sowie einen Monat Gefängnis.
„Jetzt stehst du schlecht da; wenn du deinen Ruf bei den Oberen wieder in Ordnung bringen willst, musst du zehnmal mehr arbeiten als am Anfang, wo du Rekrut warst! Und weswegen habe ich mir die Strafe zugezogen? Wegen einer Göre von Zigeunerin, die sich über mich lustig gemacht hat, und die in diesem Augenblick irgendwo in der Stadt stehlen geht. Und doch musste ich wieder an sie denken. Glaubt mir, Herr, ihre löchrigen Seidenstrümpfe, die sie mich bis oben sehen ließ, als sie flüchtete, die sah ich immer noch vor mir. Ich schaute zwischen den Gefängnisgittern auf die Straße hinab, aber ich sah unter den Passantinnen keine einzige, die es mit diesem Teufelsmädchen aufnehmen konnte.“
Dieses Ereignis hätte als belehrende Lektion in den Akten verschwinden können, wenn das Schicksal ihre Wege nicht ein weiteres Mal hätte kreuzen lassen. Ihretwegen vernachlässigt er seine Pflichten als Soldat und ihretwegen gerät er ins kriminelle Milieu, wo er zum Anführer einer Schmuggler- und Diebesbande avanciert. Seine unbezähmbare Leidenschaft treibt ihn ins persönliche Unglück, denn er plündert, mordet und merkt doch nicht, dass Carmen, der Inbegriff der Femme fatale, ihn als willenlose Marionette benutzt. Zu zügellos und freiheitsliebend sind ihre Gebaren, als dass sie sich ernsthaft auf eine feste Bindung einlassen könnte. Aber sie hatte ihn ja gewarnt, denn:
„Weißt du, mein Sohn, ich glaube, ich liebe dich ein bisschen. Aber das wird nicht halten. Hund und Wolf halten es nicht lange miteinander aus.“
Seine Liebe und somit auch die Eifersucht wachsen kontinuierlich, der gesellschaftliche Absturz und die Erniedrigung bestärken ihn zusätzlich, statt ihm die Augen zu öffnen. Er bringt seine Nebenbuhler um, unterliegt Carmens fast hypnotischer Macht und ist nicht mehr Herr seiner selbst.
Mérimée lässt aus einem eigentlich beflügelnden Gefühl wie der Liebe eine mitunter tödliche Krankheit keimen, so wie jede positive Eigenschaft unter bestimmten Umständen ins Negative umkippen kann. Nüchtern und klar ist seine Sprache, distanziert und um Authentizität bemüht, wie explizit anhand der beigefügten Daten bezüglich der Geschichte, Sprache und Lebensart der Zigeuner dargestellt wird. Carmen wird hier zum Symbol einer zerstörerischen Kraft emporgehoben, die in der späteren Literatur zum zentralen Motiv aufrückt - die Femme fatale. Die unkontrollierbare Psyche, der Verlust romantischer Richtlinien, die unbezähmbare Leidenschaft mit ihrem Hang zum Fatalismus und die Frage nach der persönlichen Freiheit machen „Carmen“ zu einem Schlüsselwerk in der Literatur.
Im Gegensatz zur landläufigen Meinung, weist die Liebe nicht nur schöne Seiten auf, sondern kann wie in diesem Roman auch eine diabolischen Macht aufweisen. Carmen fasziniert, im wahrsten Sinne des Wortes, denn sie verzaubert die Männer in ihrem Umfeld, um sie für ihre Zwecke einzuspannen. Ernste Gefühle sind hier Fehlanzeige, denn ihre Selbstbestimmtheit und Freiheit sind für sie das höchste Gut. Sie verteidigt sie bis zum Schluss und bezahlt dafür mir ihrem Leben. Es ist ein unterhaltsames Buch, dessen nüchterne Sprache den Realismus und die Objektivität betonen soll. Erst durch die gleichnamige Oper wurde “Carmen” jedoch weltberühmt.
Diogenes, broschiert 2008, 126 Seiten, 6,90€ ISBN: 978-3257237702
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“2666″ von Roberto Bolano
26.9.2009 von Krümel.
Wenn man dieses Buch aufschlägt, dann liegen rund 1100 Seiten eines wirklich beeindruckenden Leseerlebnisses vor den Leserinnen und Lesern, ein „Meilenstein der literarischen Evolution“ wie die ZEIT meinte. Roberto Bolano hat mit „2666“ ein Buch geschrieben, welches sich kaum in irgendwelche Kategorien einordnen lässt, ein Buch, das sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt in irgendwelche Schubladen gepackt zu werden.
Aber worum geht es jetzt eigentlich in Bolanos „2666“? Eine Frage, so simpel sie auch ist, auf die eine eindeutige, eine klare Antwort sehr schwer fällt.
„2666“ besteht aus fünf Teilen, die aber kaum in einer Verbindung zueinander stehen, auch dann nicht, wenn berücksichtigt wird, dass man in den einzelnen Teilen immer mal wieder die eine oder andere Figur wiedertrifft.
Im ersten Teil treffen wir auf vier Literaturwissenschaftler aus Spanien, England, Frankreich und Italien. Drei Männer und eine Frau. Diese vier Wissenschaftler sind auf der Suche nach dem Werk des Schriftstellers Archimboldis, das sie seit den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts fasziniert. Allerdings hat sich Archimboldis völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen auch wenn sein Bekanntheitsgrad fast täglich wächst. Und es kommt wie es kommen muss, die drei Männer verlieben sich in ihre englische Kollegin und diese schläft auch abwechselnd mit ihnen, wobei der italienische Kollege nicht in den Genuss einer gemeinsamen Nacht mit ihr kommt, da er an den Rollstuhl gefesselt ist. Aber auch das Beziehungsgeflecht untereinander hält sie nicht davon ab, von Literaturkongress zu Literaturkongress zu eilen und ihrer Leidenschaft für diesen Autor zu frönen.
Ihre Suche führt die vier Literaturwissenschaftlicher letztendlich nach Mexiko in den Ort Santa Teresa. Hier sind in den letzten Jahren rund 400 Frauen einem Serienmörder zum Opfer gefallen. Hier treffen sie auch den Philosophieprofessor Amalfitano. Mit diesem beschäftigt sich dann der zweite Teil des Buches, aber eben nicht wie man denken könnte, mit ihm und den vier Literaturwissenschaftlern, nein, diese finden im zweiten Teil gar nicht mehr statt.
Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Professor Amalfitano und seinen langsamen Trip in den Wahnsinn. Aber wir treffen dort auch seine Tochter Rosa, die dann im dritten Teil auf den Amerikaner Fate trifft, einen afroamerikanischen Journalisten, der eigentlich über einen Boxkampf berichten soll, sich aber viel lieber der Mordserie zuwenden würde.
Über diese Mordserie ist dann im vierten Teil zu lesen. Diese Mordserie hat es wirklich gegeben, Santa Teresa steht hier für den Ort Ciudad Juarez. Minutiös schildert Bolano dann das Schicksal von 108 ermordeten Frauen. Es sind kleine Berichte voller Grausamkeit und Gnadenlosigkeit.
Im letzten Teil kann man dann über das Leben des Schriftstellers Archimboldi lesen, über seine Schwester Lotte und deren Mann, einem Klaus Haas, den man für die Frauenmorde in Mexiko ins Gefängnis gesteckt hat.
Roberto Bolanos Buch ist nicht so richtig greifbar, aber gerade daraus zieht es seine ganz besondere Faszination. Es ist aber auch der fast monotone Erzählstil des Autors, der den Leser ganz schnell in seinen Bann zieht. Monotonie als besonderes Stilmittel – sehr gelungen und man hätte dieses Buch wohl auch kaum anders schreiben können.
Bolano zeigt mit seinem Roman die ganze Sinnlosigkeit der Welt, in der sich vieles einfach nur auf irgendwelchen Zufällen gründet und in der es für viele Sache eben keine rationale Erklärung gibt. Es passieren in dieser Welt so unendlich viele Dinge, die nichts miteinander zu tun haben und es ist da eben dem Zufall überlassen, diese Dinge so zu ordnen, dass sie plötzlich doch etwas miteinander zu tun haben. Wer aber nun meint und rund 1100 Seiten auf die finale Auflösung gewartet hat, der wird vielleicht enttäuscht sein, denn es gibt sie nicht, diese alles befriedigende Auflösung, diesen vielleicht herbeigesehnten alles erklärende Schluss des Buches. Es ist vielmehr ein Schluss, der genaugenommen eventuell neue Anfänge begründen könnte – ob er es aber auch tut? Keine Ahnung.
Roberto Bolano ist ein ganz besonderes Buch gelungen, ein Buch das sicher nicht so schnell aus dem Gedächtnis verschwindet – aber ob es auch ein großes, ein gutes Buch ist – dieses Urteil ist von jedem Leser individuell zu fällen. Auch die Frage ob es sich bei diesem Buch nun um einen realistischen Roman oder eher um eine Absurdität handelt, wird man nicht so einfach beantworten können. Einiges ist realistisch, aber es ist eine Realität, die sehr schnell in ein absurdes Etwas umschlagen kann.
Niemand sollte sich von diesem Umfang von 1100 Seiten beeindrucken lassen. Man liest sie schneller als man denkt, weil man von diesem Buch – so ging es mir wenigstens – kaum lassen kann.
Ein sehr interessantes, ein wahrhaft nicht alltägliches Leseerlebnis. Ein Jahrhundertbuch? Vielleicht – wer weiß….
Jan
Carl Hanser Verlag, 2009, Übersetzung: Christian Hansen, Hardcover 29,90 €, 1096 Seiten, ISBN: 978-3446233966
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Neuerscheinungen Oktober 2009
23.9.2009 von Krümel.
Letzter Teil
1. Die unendliche Liste von Umberto Eco
Eco analysiert, wie sich die Vorstellung von Katalogen gewandelt hat und wie diese, von einem Jahrhundert zum nächsten, den Zeitgeist auszudrücken vermögen.
2. Zwischen neun und neun von Leo Perutz
Neuaufgelegt: In Wien zu Zeiten der k. u. k. Monarchie wird der mittellose Student Stanislaus Demba von der Polizei als Dieb verhaftet. Er kann fliehen - allerdings in Handschellen. Einen ganzen Tag lang versucht er verzweifelt, unentdeckt zu bleiben und seine Fesseln loszuwerden und gerät dabei in ein Labyrinth voller Irrwitz und Magie.
3. Eine Liebe zwischen Berlin und Sils Maria von Isabelle Azoulay
Isabelle Azoulay erzählt nicht nur die Geschichte einer unkonventionellen Liebe in einer politischen und gesellschaftlichen Umbruchzeit. Es ist auch ein Buch über den Wunsch nach Individualität und über die Angst, aus der Welt zu fallen.
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“Legenden” von Hugo Hamilton
20.9.2009 von Patrick.
Berlin in den 40-er Jahren. Die Bomben hageln auf die Stadt. Marias Mann ist im Krieg, sie sucht Schutz im Keller. Eines Tages schafft sie es nicht, sie erreicht den Keller nicht. Die Bombe trifft das Haus, ihr 3-jähriger Sohn Gregor kommt ums Leben. Maria kann den Verlust nicht verkraften.
Eines Abends ist sie mit ihrem Vater Emil unterwegs. Emil ist Schwarzmarkthändler. Emil bringt einen 3-jährigen Jungen zu Maria, er meint, das sei der Ersatz für Gregor. Sie nennen ihn Gregor, das Kind hat schreckliche Ohrenschmerzen, er reagiert nicht auf ihre Worte. Maria und Emil meinen, der Junge ist taub vor lauter Ohrenschmerzen. Emil macht sich auf den Weg, um Benzin zu holen. Er kehrt nie wieder zurück.
Gregor Liedmanns erste Erinnerung reicht zurück als er 3 Jahre alt war. Die Menschen um ihn – angeblich seine Mutter und sein Großvater Emil – sprechen eine andere Sprache, er versteht sie nicht. Und er hat schreckliche Ohrenschmerzen. Sie nennen ihn Gregor.
Und da ist auch noch Onkel Max. Er war immer mit Emil unterwegs. Onkel Max wird von der Gestapo geholt, er beteuert bis zum Schluss, Emil nicht verraten zu haben. Bei den Folterungen hat er ein Auge verloren. Onkel Max überlebt und macht eines Abends eine Anspielung, dass Gregor ein jüdisches Findelkind aus dem Osten ist. Max Aussage wird von Gregors Mutter als „Hirngespinst“ und Anzeichen geistiger Erkrankung bezeichnet. Es war der letzte Besuch von Onkel Max bei den Liedmanns.
Auf diesen vier Eckpfeilern wird die Geschichte des Gregor gewoben. Der Junge, der sich von Kindheit an ungeliebt fühlt, sich in der Rolle des „Heldensohnes“, den sich sein Vater so sehr wünscht so gar nicht wohl fühlt. Der ständig das Gefühl hat, fehl am Platze zu sein. Als Jugendlicher bricht er mit seinem Zuhause, lässt sich beschneiden und gibt sich als jüdischer Holocaust-Überlebender aus, verleugnet sein Elternhaus und lebt in Berlin in einer Kommune. Er profitiert vom Schuldbewusstsein der Deutschen und findet in Mara eine treue Weggefährtin die sich selber sehr gerne in der Rolle der Ehefrau eines jüdischen Holocaust-Überlebenden sieht. Als jedoch Gregors Eltern auf der Bildfläche erscheinen, wird die Ehe auf eine sehr harte Probe gestellt.
Erzählt wird die Geschichte aus Sicht des heute 60-jährigen Gregors, der anlässlich eines Festes einige Tage mit seiner Familie und Freunden verbringt. Man erinnert sich, man erzählt, man bereut, versucht zu erklären und zu verzeihen. Die Gegenwart wird mit der Vergangenheit verwebt, unsentimental und einfühlsam wird die Geschichte eines nach seiner Identität Suchenden erzählt, die zugleich auch die Geschichte der Nachkriegsgeneration ist. Hugo Hamilton schreibt einfach aber berührend und mit viel Tiefgang, für mich ein echtes Highlight!
Hugo Hamilton:
Geb. 1953 in Dublin, als Sohn einer Deutschen und eines strengen irischen Nationalisten. Er arbeitete als Journalist und begann Kurzgeschichten und Romane zu schreiben. 1992 erhielt er den „Rooney Prize for Irish Literature“. 2002 lebte er in Berlin. 2003 erschien „Gescheckte Leute“, 2006 „Der Matrose im Schrank“
2007, nachdem er die Reise Heinrich Bölls nachvollzogen hatte, von der das Irische Tagebuch handelt, schrieb er „Die redselige Insel“. Hugo Hamilton lebt in Dublin.
Luchterhand Literaturverlag, gebunden 2008, 304 Seiten, 19,95€ ISBN 978-3630872810
Christine
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“Die Monster von Templeton” von Lauren Groff
17.9.2009 von Patrick.
Willie Upton ist Mitte zwanzig und schwanger als sie in ihre Heimatstadt Templeton zurückkehrt.
Dort hofft sie, nach einer weniger schmeichelhaften Affäre mit ihren Dozenten, Ruhe zu finden und ihr Leben ordnen zu können.
Doch das scheint alles andere als einfach: am Tag ihrer Ankunft stirbt das Monster Glimmey, dass im örtlichen See lebte und ihre Mutter teilt ihr mit, dass ihr Vater aus Templeton stammt.
Und so macht sich Willie auf die Suche nach ihrem Vater und durchwühlt die Familiengeschichte der Temples….
Voller Spannung habe ich dieses Buch begonnen und bin nicht enttäuscht worden.
Lauren Groff lässt ihre Protagonistin Willie in ihre Heimatstadt zurückkehren; Willie berichtet dabei nicht nur von sich, sondern auch von den Menschen um sich herum in einer Art und Weise, die einen glauben macht, dass man zwar in eine kleine und heile Welt schaut, diese aber dennoch ihre kleinen Geheimnisse hat.
Willie, die eine Nachfahrin des Stadtgründers Marmeduke Temple ist, macht sich auf die Suche nach ihrem Vater und forscht dabei in den 200 Jahren Familiengeschichte. Diese ist voll von schaurigen Taten, exzentrischen Mitgliedern und Geheimniskrämerei.
Das Ganze wird untermalt von Fotos, die einen fast glauben machen, dass man eine authentische Familiengeschichte in der Hand hält; aber da sind ja noch der Geist und das Monster Glimmey, die den Leser immer wieder auf den Boden der Realität zurückholen.
Der Schluss – der mein einziger kleiner Kritikpunkt wäre – ist „typisch“ amerikanisch: viel zu glatt und moralisch korrekt.
Letzten Endes kann ich nicht ganz genau auf den Punkt bringen was mir gefallen hat.
Ein großer Teil wird es aber wohl Groffs freie und unbeschwerte Art zu Schreiben sein, die dem Buch eine schöne, dichte Atmosphäre verleiht.
Für mich ein besonderes Buch und absolut empfehlenswert!
C.H.Beck, gebunden 2009, 507 Seiten, 22,90€ ISBN: 978-3406583902
Rebecca
Geschrieben in Rebecca, Roman | 1 Kommentar »
Neuerscheinungen Oktober 2009
14.9.2009 von Krümel.
Teil II.
1. Titan von Robert Harris

Cicero hat es geschafft - Verhandlungsgeschick und sein Redetalent haben ihn an die Spitze der Macht gebracht: Er bekleidet als Konsul das höchste Amt in Rom. Aber seine Widersacher haben sich längst formiert. Eine große Verschwörung droht die Republik zu stürzen. Und immer wieder scheint es der gerissene Caesar zu sein, der im Hintergrund die Fäden zieht …
2. Das größere Glück von Richard Powers

Meisterhaft ist Richard Powers ein großer Roman gelungen über die Frage, was unser Leben bestimmt die Sterne, die Eltern oder liegt alles in den Genen? Mit einer zärtlichen Liebesgeschichte sucht er die Antwort: Greift die Zukunft nach uns oder wir nach der Zukunft?
3. Der Schacht. Niemandsland. Für diese Nacht von Juan Carlos Onetti

Am Anfang steht sein ruppiger Erstling Der Schacht von 1939 - ein unausschöpflicher, immer neu zu lesender Text. Daneben enthält der Band die beiden bislang noch nie auf deutsch erschienenen frühen Romane Niemandsland (1941) und Für diese Nacht (1943).
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Die Auflehnung” von Siegfried Lenz
11.9.2009 von Krümel.
Wieder einmal hat Siegfried Lenz eine Thematik ganz wunderbar und deutlich herausgearbeitet.
Willi Wittmann ist seit 32 Jahren Teekoster bei einer Hamburger Firma. Er hat die feinste Zunge, die so ziemlich auf der ganzen Welt bekannt ist und es zu hohem Ansehen gebracht hat.
Frank Wittmann besitzt in der Nähe von Schleswig Fischteiche, die er nun nach seinem Großvater und Vater bewirtschaftet, was immer schwierig gewesen ist, denn viele Gefahren verbergen sich in diesem Geschäft.
Die Thematik des Romans zeigt sich direkt zu Beginn, beide Brüder lehnen sich gegen ihr Schicksal auf: Willi verliert seinen Geschmackssinn, was zu Verlustgeschäften in der Firma führt und er seinen Abschied nimmt. Und über Franks Teiche lauern Kormorane, die den ganzen Bestand bedrohen.
„Die Auflehnung“ als Leitmotiv, welches sich auch noch in anderen Situationen und Figuren spiegelt, wird äußerst präzise und klar aufgelöst, was mir persönlich immer wieder sehr gut gefällt, wenn ein Motiv exakt und eindeutig im Mittelpunkt steht.
Aber auch der Stil des Autors etwas distanziert und unterkühlt wie er die Figuren reflektiert und die Handlung aufbaut, liegt mir sehr. Ganz kleine Zuwendungen, so unverhofft und fast im Verborgenen, zeigen dem Leser, dass da doch eine sehr große Zuneigung besteht, und dass die Menschen nicht nur wortkarg und ein wenig stoffelig sind, sondern einen weichen Kern besitzen. Nach und nach werden die Figuren im Roman lebendig und auch einmalig durch ihre Art.
Das Werk „die Auflehnung“ hat mir bisher von Lenz am besten gefallen, da er ganz strikt am roten Faden bleibt (Leitmotiv) wie beispielsweise auch in der „Deutschstunde“, allerdings ohne seitenlange Ausflüge in Nebensächlichkeiten. Bei anderen Autoren mag ich diese Verzögerungen, bei Lenz empfinde ich es als nicht passend und stimmig. Eine echte Empfehlung!
Siegfried Lenz (*17. März 1926 in Lyck Ostpreußen) ist einer der bekanntesten deutschsprachigen Erzähler der Nachkriegs- und Gegenwartsliteratur.
Heidi Hof
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 1994, Hardcover 21,95 €, 432 Seiten, ISBN: 3-455-04252-X
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel | 1 Kommentar »
Neuerscheinungen Oktober 2009
8.9.2009 von Krümel.
Teil 1
1. Ein menschliches Herz von Irvin D. Yalom

Irvin D. Yalom über eine tiefe Freundschaft und das Ende eines langen Schweigens
2. Das Jahr der Flut von Margaret Atwood

Im Jahr der Flut entwirft Atwood aufs Neue eine Zukunft, deren Realität weniger fern liegt, als wir uns womöglich eingestehen möchten. Doch fest steht: Dieser Erzählerin folgt man mit größtem Vergnügen, wohin sie will, auch bis ans Ende unserer Welt.
3. Der dunkle Engel von Keith Donohue

Ein modernes Märchen, das den Zauber der Magie in unserer Wirklichkeit beschreibt.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Abbitte” von Ian McEwan
5.9.2009 von Krümel.
Kann die pure Vorstellung Wirklichkeit werden?
England kurz vor den Ausbruch des 2. Weltkriegs auf dem Landsitz der Familie Tallis kämpfen die Bewohner des Guts mit einer unerträglichen Sommerhitze.
Emily Tallis bemerkt schon am Morgen, dass sich ihr Dämon meldet, und dass sie diesen Tag in der Dunkelheit ihres Zimmers verbringen sollte. Die Mutter, der drei Kinder des Romans, leidet an extremen Migräneanfällen, die sie oft dazu zwingen ihre Kinder, vor allem Briony die Jüngste, unbeobachtet zu lassen.
Briony möchte Schriftstellerin werden ihr neuestes Werk soll am Abend zur Feier des Tages, da ihr Bruder heimkehrt, aufgeführt werden. Der Besuch ihrer Kusine nebst ihren Zwillingsbrüdern kommt da gerade recht, sie werden direkt zu Darstellern in ihrem Stück auserkoren.
Die jüngste Tallis ist ein sehr aufgewecktes dreizehnjähriges Mädchen, welches genau „weiß wie die Welt funktioniert“. Den entscheidenden Punkt liefert an jenem heißen Tag eine Begegnung ihrer Schwester am Brunnen mit dem Sohn der Putzfrau, Robbie. Es kommt zu einer Auseinandersetzung der zwei, wobei sich Cecilia bis auf die Unterwäsche entkleidet und in den Brunnen springt. Danach verlässt ihre ältere Schwester den Schauplatz und zurück bleibt eine Wasserlache auf dem Boden, die sich allerdings bald verflüchtigt und nicht mehr sichtbar ist.
Mit diesem Ereignis im Gedächtnis vollzieht sich bei Briony eine fatale Wandlung in ihrer Vorstellungskraft. Ihre bunten Kindermärchen sind ihr plötzlich zu infantil, es wird auch nicht zur Theateraufführung kommen, die Irrungen und Wirrungen der Erwachsenen nehmen einen zu großen Einfluss auf ihr kindliches Gemüt, so dass sich am Ende des Tages für sie alles wie von selbst zusammenfügt.
McEwan schreibt diesen verhängnisvollen ersten Teil, der die Hälfte des Buches ausmacht, aus unterschiedlichen Blickwinkeln. Der Reihe nach werden die Geschichten und Gedanken der Figuren vorgestellt, allerdings mit einer sehr großen Distanz, so dass zu der Hitze eine noch größere Kühle hinzukommt. Es liegt etwas in der Luft, was zu einem großen Unglück führt, doch der Autor nimmt sich sehr viel Zeit und lässt die schwere des Tages voll zum Ausdruck kommen. Düster und verkühlt ist dieser Abschnitt und erinnert dadurch ein wenig an die Atmosphäre in „Sturmhöhe“. Und genauso süchtig wie der Leser Emily Bronte liest, verfällt er auch in McEwans „Abbitte“ ersten Teil.
Was der Autor danach zu Papier bringt ist im Gegensatz zu dem davor nur noch eine gewollte Zusammenführung der Handlung. Das ganz kunstvoll gefertigte Kartenhaus fällt nach der Hälfte des Romans in sich zusammen und hinterlässt nur noch einen bitteren Beigeschmack.
Auffallend ist noch die Konstellation im zweiten Teil, in dem Robbie durch die feindliche Stellung zurück nach England flüchtet. Der Krieg ist ausgebrochen, doch der Leser vermag nicht heraus zu lesen was schrecklicher ist: Der Krieg oder die persönliche Situation?
Mir hat der erste Teil des Buches sehr gut gefallen. Nach dem man sich an die Kälte gewöhnt hatte, fühlte man sich herrlich von ihr umarmt und aufgefangen, bis der Autor seine Strategie wechselte und es zu einem enormen Bruch kam. Damit zerstört McEwan sein eigenes Werk.
Ian McEwan wurde 1948 in Großbritannien geboren. Er verlebte seine Kindheit u. a. in Singapur und Libyen, bevor er in ein englisches Internat kam und dort später Englische und Französische Philologie zu studieren. Sein Romandebüt „Der Zementgarten“ machte ihn bereits 1978 zu einem der besten Autoren der englischen Gegenwartsliteratur.
Heidi Hof
Spiegel Verlag Hamburg 2006, OT: Atonement, Übersetzung: Bernhard Robben, Hardcover vergriffen, 508 Seiten, ISBN: 3-87763-009-X
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“Schloss Gripsholm” von Kurt Tucholsky
2.9.2009 von Patrick.
Dieser federleichten Sommerkomödie ist ein fiktiver Briefverkehr zwischen dem Verleger Rowohlt und dem Autor vorangestellt, der ersucht wird, nach so viel politischen Romanen endlich wieder eine Liebesgeschichte zu schreiben. Etwas Romantisches, um es der Freundin zu schenken, mit buntem Cover versehen. Dabei, gibt Tucholsky zu, verstünde er doch nichts von Liebe.
„Ja, eine Liebesgeschichte … lieber Meister, wie denken Sie sich das? In der heutigen Zeit Liebe? Lieben Sie? Wer liebt denn heute noch?
Dann schon lieber eine Sommergeschichte.“
Die Briefe sind fiktiv, die anschließende Reise nach Schweden ebenfalls. Die Hauptfigur jedoch ist er selbst, Kurt Tucholsky, begleitet von seiner Freundin Lydia, genannt Prinzessin, inspiriert von seiner 4-jährigen Liebesbeziehung zur Verlegerin Lisa Matthias und seiner Schwärmerei zu Schweden. Beide sind sie auf dem Weg in den Urlaub, finden Unterschlupf in einem leer stehenden Anbau des „Schloss Gripsholm“, eine Attraktion für zahlende Touristen.
„Wie heißt er denn nun eigentlich?“ fragte Billy entrüstet. „Mal sagst du Peter zu ihm und mal Daddy und jetzt wieder Fritzchen…!“ – „Er heißt Ku-ert …“ sagte die Prinzessin. „Ku-ert … Dasha gah kein Nomen, - Wenn hei noch Fänenand oder Ullrich heiten deer, as Bürgermeister sinen!“
Nun, ist es denn eine Liebesgeschichte? Die Liebe schimmert durch jede Zeile hindurch, wenn Kurt kleine Marotten und Gewohnheiten seiner Freundin kommentiert und feststellt, gerade das liebe er an ihr. Diese kleinen unscheinbaren Details, die nur ein Liebender bemerkt. Neckende Dialoge zwischen Lydia und Kurt, die meist mit versöhnenden Worten und einem einlenkenden Mann enden. Tucholsky versucht zu deuten, oder vielmehr unternimmt er den Versuch, dem Grund seines Verhaltens zu folgen. Es ist ein Herantasten, inwieweit sich Liebe bemerkbar macht, und er stößt dabei auf sehr viel Weisheit und Wahrheit. Er denkt sich zurück an die Anfänge, die erste Begegnung mit ihr, sucht nach dem Ursprung aufkeimender Liebe, dem Grund irrationaler Handlungen. Er weckt sie sanft, nur um ihre Stimme zu hören, oder er sitzt einfach nur da und bewundert ihre Hände, während sie die Zeitung blättert.
„Ich sah die Prinzessin von der Seite an. Manchmal war sie wie eine fremde Frau, und in diese fremde Frau verliebte ich mich immer aufs Neue und musste sie immer aufs Neue erobern.“
Vordergründig bleibt es allerdings eine harmlose Sommergeschichte, denn es ist Urlaub, Urlaub in Schweden, fern aller Sorgen und Pflichten. Er bleibt dennoch seiner Rolle als Satiriker treu, wenn er unverständliche Ortsnamen, dem norddeutschen Dialekt seiner Freundin oder über Frauen im Allgemeinen auf die Schippe nimmt. Als Dichter entzückt er den Leser mit außergewöhnlichen Satzkonstruktionen, erdichtet hier den Ausspruch „Die Seele baumeln lassen“ und spart nicht an Komik.
„Missingsch ist das, was herauskommt, wenn ein Plattdeutscher Hochdeutsch sprechen will. Er krabbelt auf der glatt gebohnerten Treppe der deutschen Grammatik empor und rutscht alle Nase lang wieder in sein geliebtes Platt zurück.“
Die konservative und überholte Moral seiner Zeitumstände ist ein weiterer Punkt, den er thematisiert. Entsetzte Gesichter überall, wenn seine offene Beziehung zu Lydia angesprochen wird, oder er provoziert den Leser, indem er „unmoralisch“ eine Dreiecksbeziehung mit beiden Frauen eingeht. Aber vor allem will er seinen Urlaub genießen.
Er schafft zwar durch die lokale Veränderung einen Kontrast, kann seinem Berliner Alltag jedoch nicht entkommen, denn die Zeit der Rückkehr rückt unaufhaltsam näher. Wehmütig wird der Ton, wenn die Turmglocke ihn wieder daran erinnert, dass die Zeit nicht stehen bleibt. Die Idylle seines Urlaubs gerät zudem durch die Erzieherin eines Kinderheims ins Wanken. Diese spiegelt die politische Gefahr auf die Demokratie wider, denn ihre brutale, stets übermenschlich korrekte und disziplinierte Art weisen sie symbolisch als nationalsozialistische Bedrohung aus. Die Errettung eines ihrer Schutzbefohlenen durch das Paar kann also als politische Anspielung gelesen werden. Die Geschichte bzw. aktuelle politische Situation ist demnach eine globale Gefahr, die vor keinem Land und keiner Urlaubsidylle halt macht.
„Um ein Haar hätte sie mir leid getan, aber ich wusste, wie gefährlich dieses Mitleid war und wie verschwendet.“
Süddeutsche Zeitung 2007, gebunden 5,90€ ISBN: 978-3866155145
Geschrieben in Patrick, Klassiker | Keine Kommentare »






