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Archive für August 2009

Neuerscheinungen im September 2009

Letzter Teil:

1.  Die Zeitwaage von Lutz Seiler

Lutz Seilers lange erwartetes neues Buch enthält neben Turksib, für die er mit dem Ingeborg-Bachmann-Preis ausgezeichnet wurde, dreizehn neue Erzählungen. Ob in der Geschichte einer gespielten Erschießung oder im alltäglichen Drama einer wirklichen Trennung - in allen Texten des Bandes Die Zeitwaage geht es um prägende Wendepunkte, um das Groteske im Leben und unser häufig vergebliches Ringen um einen anderen Verlauf. 

2.  Zu Leben und Werk von Christian Kracht

Krachts Stil ist in seiner Eleganz, Ökonomie und Klarheit außergewöhnlich. Seine Themenwahl - von Phantasien der Selbst- und Weltauslöschung bis zu den Reisen an die ungewöhnlichsten und angenehmsten Orte dieser Welt - ist konkurrenzlos originell und mutig. Seine Geschichten mischen auf unerhörte, unterhaltsame Weise E- und U-Literatur: die Avantgarden des 20. Jahrhunderts und den Comic, Thomas Mann und Thomas Pynchon mit Science Fiction, die road novel und den Abenteuerroman.

“Frau Sorgedahls schöne weiße Arme” von Lars Gustafsson

arme.jpgEine autobiographische Erinnerungswelle.

Rückblickend erzählt uns hier der Erzähler von seiner Kindheit in Schweden. Kurze Gedankenfetzen, kleine Episoden und etwas längere Geschichten. Immer wieder taucht Frau Sorgedahl auf, aber Gustafsson kommt nicht auf den Punkt, weicht ständig aus und versucht es neu.
Im Mittelpunkt steht das Jahr 1954. Der Erzähler verkehrt mit einer Klicke von Jugendlichen, die nachts in einem Heizungsraum philosophieren, oder über Mädchen reden. Manchmal treffen sie sich auch bei „Frau Sorgedahl mit ihren schönen weißen Armen“, doch dort sind sie nicht immer willkommen. Und da für ein Café das Geld nicht reicht, trifft man sich weiterhin im warmen Heizungsraum.

Die Erzählung ist geprägt von ständigen Sprüngen und Wechseln, von Episoden und Erinnerungsstücken, gekoppelt mit Ausflügen in die Philosophie, was am Ende auch alles ein Bild ergibt.
Zu Beginn ist die Sprache leise, wird sukzessive eindringlicher und endet in Aufdringlichkeit. Fast penetrant wird ein Gedanke untersucht, der direkt im ersten Satz präsentiert wird: „Wir nehmen an – gerade weil es absurd ist -, dass ich nicht existiert habe.“. Die Wirklichkeit und Erinnerungswahrheit werden zerpflückt, die Glaubwürdigkeit überprüft und philosophisch aufbereitet. Eine wohlbekannte Thematik, dass nämlich in der Erinnerung ein Leben lückenhaft und schwammig wird.

Lars Gustafsson wurde 1936 in Mittelschweden geboren. Der Lyriker, Philosoph und Romancier studierte in Schweden und London, lebte in Deutschland und lange Zeit in Texas, jetzt wieder in Stockholm.

Heidi Hof

Hanser Verlag München 2009, OT: Frau Sorgedahls vackra vita armar, Übersetzung: Verena Reichel, Hardcover €, 238 Seiten, ISBN: 978-3-446-23273-0

“Geschichte einer Ehe” von Andrew Sean Greer

greer.jpgSan Francisco 1953: Pearlie ist verheiratet, hat einen Sohn, einen kleinen Hund und ein Haus in direkter Meernähe. Ihr Ehe könnte glücklicher sein, denn ihr Mann Holland – Kriegsveteran – leidet an einem schlechten Herzen und so versucht Pearlie, alles laute, alles grausame aus dem Leben ihres Mannes zu verbannen, ihn zu beschützen.
Alles geht seinen Gang; jeden Tag immer auf die selbe Weise…
Doch als ein gewisser Buzz eines Tages an ihrer Tür klingelt, sollte sich Pearlie´s Leben ändern …

Geschichte einer Ehe ist bereits der dritte Roman des amerikanischen Autors Andrew Sean Greer.
Nach seinem riesen Erfolg mit „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“ und seinem absolut bescheidenen Debut „Die Nacht des Lichts“ war ich mehr als gespannt auf diesen Greer; ich wollte wissen, in welche Schublade ich Greer „stecken darf“: eher in die von Tivoli oder die des Debutromans?
Prinzipiell in die des Tivolis, allerdings bin ich bei weitem nicht so glücklich mit dem Buch wie es mit dem Tivoli war.

Ähnlich wie den Tivoli lässt Greer Geschichte einer Ehe mit einem Satz beginnen, der sich wie ein roter Faden durch das Buch zieht und eigentlich das Thema des Buches zum Ausdruck bringt: We think we know the ones we love (deutsch: Wir denken, wir kennen die, die wir lieben).

Pearlie erzählt die Geschichte ihrer Ehe, erzählt, wie sie plötzlich Dinge über ihren Mann herausfindet, über die sie nie nachdachte, dachte, sie seien anders.
Greer schafft es in Geschichte einer Ehe das Leben und die Atmosphäre von San Francisco der 1950er dem Leser nahe zubringen. Man kann fast die Wärme der Sonne und die Unsicherheit einer Welt die sich seit Jahren im Krieg befindet spüren.

Der einzige Knackpunkt des Ganzen ist für mich Pearlie selbst: letzten Endes muss man nicht zwingend mehr über Holland erfahren oder dergleichen. Es ist Pearlies Geschichte, ihre Sicht der Dinge. Allerdings ist mir diese Sicht an einigen Stellen zu oberflächlich. Man hätte hier einiges mehr machen können, denn so bleiben mir unterm Strich eigentlich alle Charaktere irgendwie total fremd.

Unterm Strich ein nettes Buch, dass allerdings nicht so uneingeschränkt zu empfehlen ist wie „Die erstaunliche Geschichte des Max Tivoli“.

Rebecca

Fischer Verlag 2009, OT: The Story of a Marriage”, Übersetzung: Uda Strätling, Hardcover 19,95 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3-10-027818-0

Neuerscheinungen im September 2009

Teil 3

1. Tauberflug von Zdenka Becker

Spannend und berührend erzählt Zdenka Becker die Geschichte einer Kindheit und Jugend in der Tschechoslowakei der fünfziger und sechziger Jahre, einer Suche nach Selbstverwirklichung vor dem Hintergrund der sozialistischen Gesellschaft.

2.  Alles hat seine Zeit von Ennio Flaiano

Präzise leuchtet Ennio Flaiano die Skrupel und Schuldgefühle seines Helden aus und zeigt eindrucksvoll, wie der junge Offizier zwischen Selbstanklage und Rechtfertigung, zwischen Hoffnung und Verzweiflung schwankt. «Alles hat seine Zeit» ist das ergreifende Porträt eines Menschen, der in der Fremde allmählich seinen moralischen Halt und damit sich selbst verliert.

3.  Die Erfindung des Lebens von Hanns-Josef Ortheil

In Anlehnung an die großen Bildungsromane der deutschen Literatur entwirft dieser auch historisch weit ausholende Roman eine Biographie, die nach jedem Rückschlag wieder ganz neu erfunden werden muss. Entstanden ist dabei die ergreifende Geschichte von einem jungen Pianisten und späteren Schriftsteller, deren am Ende glücklicher Verlauf an ein Wunder grenzt.

“Abendland” von Michael Köhlmeier

abendland.jpgEin unglücklich verpatzter Roman.

Direkt zu Beginn bin ich über eine ungewöhnliche Situation gestolpert. Da ist ein alter Mann, Carl, der sein Leben für die Nachwelt festgehalten haben möchte. Aufgrund seines hohen Alters beauftragt er sein Patenkind, der zufälligerweise Schriftsteller ist, dieses Unterfangen für ihn zu übernehmen. Sebastian macht sich an die Arbeit und beginnt zu berichten: Carl sei der Schutzengel seines Vaters, weil dieser ein Musik-Genie ist, den Carl in einer Kneipe getroffen hat und es für sofort klar ist, dass er einen solchen Musiker fördern möchte, ihn zum Star machen möchte. Daraufhin folgt ein langer Exkurs über die Entwicklung des Jazz, berühmte Jazzer werden vorgestellt, Varianten und Themen werden angerissen usw… Aber wer kommt nicht zum Zug?
Die Situation erinnerte mich an einem Patienten, der zum Psychiater geht, sich auf die Couch legt, und dann spricht der Therapeut. Und spricht, und spricht, und hört gar nicht mehr auf zu sprechen.

Sebastian hat unter der Ehe seiner Eltern sehr gelitten. Carl und seine Mutter waren nur für das Musik-Genie da, und er als kleiner Bub hielt wohlwollend fürsorgliche Reden: „Papa, bitte versprich mir nicht mehr so viel zu trinken.“ Woraufhin sein Vater mit einem Tobsuchtsanfall reagiert und nochmal so viel säuft.

Ferner hatte Sebastian zwei Väter, das Genie und den Mann, der die Fäden über die Familie spannte. Carl war ein sehr reicher Mann. Sein Vater tätigte auf der ganzen Welt Geschäfte und hinterließ ihm ein Vermögen. Die Lukasser wurden von Carl in jeder Hinsicht protegiert und finanziell unterstützt.

Im dritten Teil des Buches erleben wir einen Sebastian „allein in Amerika“, der sich beginnt frei zu strampeln, der selbstbewusster wird und autark wirkt. Bis er zum Ende des Abschnittes wieder vom Marionettenspieler zurück nach Wien beordert wird.

Wer ist Carl? Der Patient, der auf der Couch liegt, und uns so fremd bleibt. Eine Schattenfigur.

Unglücklich gemacht ist auch, dass Köhlmeier im ersten Teil das Interesse des Lesers zu konzentriert um Carl spannt. Denn im zweiten Teil des Werks entpuppt es sich zusätzlich zu einer Chronik des 20. Jahrhunderts. Immer wieder werden lange geschichtliche Ereignisse eingefügt (Musik, Judentum, Heiligsprechung, Rassismus, RAF u.a.). Diese Einschübe sind allerdings derart subjektiv geprägt, so dass man sie weder kritisieren kann noch diskussionsfähig wären; sie entfernen sich nur meilenweit vom Spannungsbogen …

Carl stirbt, das ist schon auf den ersten Seiten ersichtlich.
Aber vorher schiebt uns Köhlmeier noch einen Ausflug in die Kolonialgeschichte Afrikas unter! Und wer ist Carl?

Ein Fremder, den ich sehr gerne kennen gelernt hätte, was mir aber verwehrt wurde. Nur grobe Eindrücke und Äußerlichkeiten habe ich über ihn erhalten, aber warum er zum Marionettenspieler wurde nicht.

Michael Köhlmeier, 1949 in Hard am Bodensee geboren, studierte Germanistik und Politikwissenschaft in Marburg/Lahn sowie Philosophie und Mathematik in Gießen. Er lebt als freier Schriftsteller in Hohenems (Vorarlberg) und Wien.

Heidi Hof

Hanser Verlag München 2000, Hardcover 24,90 € (TB 9,90 €), 779 Seiten, ISBN: 978-3-446-20913-8

South of the Border, West of the Sun (Gefährliche Geliebte) von Haruki Murakami

south.jpgHajime ist 36 und führt ein scheinbar perfektes Leben: glücklich verheiratet, zwei kleine Töchter, Besitzer zweier Jazz-Bars - er hat das einsame Leben seiner Studienzeit und der Jahre danach abgestreift. Und doch verfolgen ihn die Schatten seiner Vergangenheit. Da ist einmal Izumi, seine erste Freundin, die er betrogen hat und dadurch ihr Leben fast zerstört. Und Shimamoto, die er mit 12 das letzte Mal gesehen hat, eine Kindheitsliebe “nur”, die ihm aber nichts desto trotz nicht aus dem Kopf geht. Als Shimamoto eines Tages in seiner Bar auftaucht, droht sein Leben aus seinen eingefahrenen Gleisen zu geraten.

Murakami verzichtet in diesem Roman (fast) auf die phantastischen Elemente, die seine Bücher sonst oft so speziell machen. Er erzählt eine Geschichte eines zweifachen Erwachsenwerdens und eine bewegende Liebesgeschichte mit einer mysteriösen Frau.

“Gefährliche Geliebte” war mein erster Murakami, den ich vor fast 10 Jahren gelesen habe. (An dieser Stelle unverständiges Kopfschütteln über den deutschen Titel) Ich war überrascht, wie schnell er mich beim Wiederlesen gepackt hat. Als Shimamoto wieder auftauchte, ließ dies nach — tatsächlich schafft es Murakami wie kaum ein zweiter, mich durch seine Romane herunterzuziehen (auf “Naokos Lächeln” habe ich ähnlich reagiert). Auch wenn mir das in diesem Fall das Lesen schwer gemacht hat, zeigt es doch wie sehr mich seine Geschichten packen.
Murakamis kurzer Roman lässt wie so oft viele Fragen offen. Motive, die zu Beginn wichtig sind (z. B. das Einzelkind-Sein oder später die Firma, die der Vater in Hajimes Namen gründet), werden weiter hinten nicht mehr aufgenommen. Dies kann man sicher negativ sehen, aber für mich gibt es dem Leser Spielraum sich seine eigenen Gedanken zu machen. Wer sind diese drei Frauen in Hajimes Leben, was bedeuten sie? Etwas Geheimnisvolles durchdringt Murakamis Welt auch wenn er wie meist nüchtern und sachlich erzählt.
Vielleicht nicht Murakamis bester Roman (da schließe ich mich der gängigen Meinung an: “The Wind-Up-Bird Chronicle”), für mich damals ein guter Einstieg und jetzt eine schöne Wiederentdeckung.

Völlig unverständlich ist mir weiterhin, warum sich damals im Literarischen Quartett ausgerechnet an diesem Buch dieser unsägliche Streit Löffler/Reich-Ranicki entspann. Es gibt “nur” eine große Sexszene und ich wüsste nicht, was an der ist, um sich daran besonders zu reiben. Es ist eine Geschichte aus Männersicht, Yukikos und Izumis zurückhaltende Art ist mir sicher ebenso fremd wie Shimamoto … daran habe ich mich aber nicht gestört, das zentrale Thema sind nicht diese konkreten Frauen, sondern verpasste Chancen im Leben, ob und wie man sie nachholen kann, den Einfluss den eigenen Entscheidungen auf das Leben anderer haben.

Kerstin

Harvill Press 2000, Übersetzung: Philip Gabriel, Taschenbuch 9,97 €, 192 Seiten, ISBN: 978-0099448570

Neuerscheinungen im September 2009

Teil 2 (bekannteGrößen)

1.  Juliet, Naked von Nick Hornby

Nick Hornby schreibt in seinem neuen Roman über Musik und Liebe - was kann uns Besseres passieren! 

2. Aufbruch von Ulla Hahn

Ihr Leben scheint vorgezeichnet: Kinder, Küche, Kirche. Doch Hilla träumt sich weg aus dem Dorf am Rhein. Nichts kann dem Kind kleiner Leute die Sehnsucht nach der Freiheit des Geistes austreiben. Unverhofft bietet sich ihr ein neues Leben: Abitur, Studium, ihre selbst gewählte Zukunft liegt vor ihr. Nach “Das verborgene Wort” hat die Lyrikerin und Bestsellerautorin Ulla Hahn erneut ein imposantes Epos vorgelegt, das feinnervig vom Erwachsenwerden, Wachwerden, Menschwerden erzählt.

3. Portnoys Beschwerden von Philip Roth

Vierzig Jahre nach der Erstveröffentlichung hat der Weltbestseller in einer Neuübersetzung nichts von seiner überschäumenden Komik eingebüßt.

4.  Endpunkt von John Updike

In ‘Endpunkt’ begegnen wir dem ganzen Updike, seinem genauen Blick, seiner eleganten, geschmeidigen Sprache. 

seite.jpgDie 12jährige Hero hat irgendwann beschlossen nicht mehr zu sprechen. Lediglich mit ihrem Bruder Athol redet sie. Ihren anderen Geschwistern und ihren Eltern Annie und Mike begegnet sie mit Schweigen. Hero lebt auch ein wenig in ihrer ganz eigenen Welt, eine Welt ohne Zugang für Dritte.

Eines Tages wird sie von der Nachbarin, Miss Credence, angeheuert sich für zehn Dollar die Stunde um den großen Garten zu kümmern. Doch schon bald wird Hero klar, dass diese Nachbarin von einem Geheimnis umwoben ist. Vielleicht passen zu diesem Geheimnis die seltsamen Geräusche die aus Miss Credence Haus kommen? Hero macht ihren Job und übernimmt dann zusätzlich auch noch weitere Hausarbeiten. Doch ganz langsam beschleicht sie ein unheimliches Gefühl welches stetig zunimmt. Auch Miss Credence scheint irgendwie merkwürdig zu sein. Eines Tages, als Miss Credence ihrem Job als Posthalterin nachgeht, macht sich Hero auf Entdeckungsreise durch das Haus. Und dann entdeckt sie das Geheimnis der Miss Credence und sie fast den Entschluß ihr Schweigen zu beenden.

Margaret Mahy hat eine spannende Geschichte geschrieben, in welcher dem Leser die unterschiedlichsten Charaktäre begegnen. Da sind die zum Teil etwas durchgeknallten Geschwister, an der Spitze die älteste Schwester Ginevra, die nach vier Jahren Abwesenheit plötzlich wieder zuhause auftaucht und so tut als ware sie nur kurz weggewesen. Da ist ihr Vater Mike, der seine Erfüllung als Hausmann findet und die Mutter Annie, die Pädagogik an der Hochschule unterrichtet.

Hero ist ein junges Mädchen welches seinen Platz in einer lauten, sich intellektuell gebärdenden Familie sucht. Kaum jemand hat ihr aber jemals zugehört, so dass sie beschloß einfach mit dem Reden aufzuhören.

Margaret Mahy macht deutlich, was es für einen jungen Menschen heist, seinen Platz im Leben zu finden und ihn dann auch noch auszufüllen. Sie fordert ihre Leser, gerade auch für die etwas jüngeren Leser dürfte dieses Buch “kein Spaziergang” sein. Die spannende Handlung scheint eigentlich nur mehr Beiwerk zu sein. Es geht hier um das Beziehungsgeflecht in einer Familie und um die gedankliche Flucht aus einem familiären Chaos. Dieses Buch ist mit großer Sensibilität geschrieben, nirgends wird der Zeigefinger erhoben und nichts wird mit dem Holzhammer präsentiert. Manchmal sind es gerade die leisen Töne die sich vorn drängen und dadurch eine ganz besondere “Lautstärke” entwickeln.

Ein sehr lesenswertes Buch – nicht nur für junge Menschen.

Jan

Deutscher Taschenbuch Verlag 2000, Übersetzung: Cornelia Krutz-Arnold, Taschenbuch leider vergriffen, 272 Seiten, ISBN: 978-3423705943

“Das gefrorene Herz” von Almudena Grandes

herz.jpgDieses Buch ist ein wahrer Page-turner, eine wunderbare leichte Sommerlektüre, und es zeigt Europa im 20. Jh. aus einer anderen Perspektive.

Ignacio Fernández Muñoz ist eine der Hauptfiguren im Werk, anhand derer ich die Handlung skizzieren möchte, um nicht zu viel zu verraten.

Ignacio ist der Sohn eines Republikaners, die in Spanien im Bürgerkrieg gegen die Falangisten kämpften. Als Franco Madrid mit Hilfe der Nazis einnimmt, flieht die Familie nach Frankreich und hinterlässt in Spanien all ihre Ländereien und Häuser.
Viele Rote treten auch in die Blaue Division ein, mit der Hoffnung im stalistischen Russland aufgefangen zu werden.
Die Familie Muñoz muss in dieser Zeit sehr viele Verluste hinnehmen. Einige ihrer Verwandten werden vom Franco-Regime umgebracht, doch vor allem werden sie von einem entfernten Verwandten um ihr Hab und Gut betrogen! Und darum dreht sich die ganze Handlung.
Ignacios Enkelin Raquel deckt in der Jetztzeit die Verflechtungen der beiden Familien Stück für Stück auf. Sie kommt mit dem jüngsten männlichen Spross der Familie Otero zusammen. Diese Ebene ähnelt ein wenig der Romeo und Julia Situation. Álvaro, unser Romeo, ist der Ich-Erzähler, der nach dem Tod seines Vaters ebenfalls seine eigene Familiengeschichte durchforscht um zu sich selber zu finden und findet Raquel.

Trotz seiner Länge von knapp 1000 Seiten ist dieses Buch niemals langatmig. Man liest es genüsslich durch wie man auch eine gute Tafel-Schokolade wegisst.

>>Almudena Grandes hat mit „Das gefrorene Herz“ ihr Opus magnum geschrieben, den großen Spanien-Roman – tiefsinnig und leidenschaftlich, ein unvergessliches Porträt einer bis heute zerrissenen Gesellschaft. (Klappentext)<<

Schon das Buch „Die wechselnde Winde“ von ihr hat mir gut gefallen, aber dieser Roman setzt den vorangegangenen noch in den Schatten. Ich bin rundum zufrieden, besser kann man einen guten und interessanten Wälzer nicht schreiben.

Almudene Grandes, 1960 geboren, studierte Geographie und Geschichte in Madrid. Ihre Romane sind in über 20 Sprachen übersetzt. Für ihr bisheriges Gesamtwerk wurde sie mit dem Premio Julián Besteiro ausgezeichnet; der Roman „Das gefrorene Herz“ erhielt u. a. den begehrten Preis der Fondación Lara für das beste Buch des Jahres 2008 sowie den Prix Méditerranée Étranger 2009. Zuletzt erschienen von ihr die Romane „Die wechselnden Winde“ und „Luftschlösser“.

Heidi Hof

Rowohlt Verlag Hamburg 2009, OT: El corazón helado, Übersetzung: Roberto de Hollanda, Harcover €, 960 Seiten, ISBN: 978-3-498-02514-4

Neuerscheinungen im September 2009

Teil 1

1. Geschichten aus Tel Ilan von Amos Oz (16. September)

In Eine Geschichte von Liebe und Finsternis erzählt Amos Oz, wie Sherwood Anderson ihm »die schreibende Hand löste«. Auf Geschichten aus Tel Ilan trifft zu, was Amos Oz über dessen Winesburg, Ohio schrieb: ein Zyklus von Erzählungen aus dem Leben eines kleinen Ortes, »der Komödie mit Tragödie, Alltagseinerlei mit Poesie vereint«.

2. Stein der Geduld von Atiq Rahimi (1. September)

Atiq Rahimi hat ein großes, eindrucksvolles Buch geschrieben, erzählt in einer wunderbar klaren und poetischen Sprache.

3. Der Mensch ist ein großer Fasan auf der Welt von Herta Müller (7. September)

Im Rumänien Ceaucescus, in den 80er Jahren des 20. Jahrhunderts, wartet die deutschstämmige Familie Windisch auf die Ausreisegenehmigung in den Westen. Während immer mehr der rumäniendeutschen Nachbarn das Dorf verlassen, muss die Familie weiter warten - das Leben scheint stillzustehen. Erst als sich die Tochter Amalie für die Ausreisegenehmigung verkauft, bekommt die Familie die ersehnten Papiere.

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