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Archive für Juli 2009
“Die Pestheilerin” von Kari Köster-Lösche
30.7.2009 von Krümel.
Die Pest – die Strafe Gottes oder doch eine einfache Krankheit?
Europa im 14. Jahrhundert: der genuesische Kaufmann Christophoro Boccanegra kauft in Konstantinopel die junge Arinna, die durch das ganze Osmanische Reich gereist ist, um ihren von den Osmanen verschleppten Bruder zu suchen.
Er nimmt sie mit und wünscht sich nichts sehnlicher, als Arinna bald in seinem Bett zu wissen….
Doch es kommt alles anders: auf seinem Schiff erkrankt Boccanegra und er Kapitän an der Pest. Arinna soll die Männer pflegen und schafft es, dass beide sich bald wieder an ihrer Gesundheit erfreuen können.
In Genua angekommen wird dem Schiff Boccanegras die Einfahrt verweigert, denn angeblich soll das Schiff die Pest einschleppen…
Als jedoch bald ganz Europa unter dem schwarzen Tod leiden muss, kommt Boccanegra eine gewiefte Geschäftsidee: er verkauft Arinna, die die Pest augenscheinlich weiß zu heilen, als Pestjungfrau an zahlende Kundschaft….
In ihrem historischen Roman Die Pestheilerin erzählt die Autorin im wesentlichen die Geschichte der jungen Arinna, die einer Intrige zum Opfer fällt und als Sklavin ihre Reise durch halb Europa antritt.
Wie es den „-in“-Romanen häufig als Klischee anhängt finden wir auch hier mit Arinna eine junge, selbstbewusste Frau wieder, die versuchen muss in den Wirrten des Mittelalters ihren Weg zu finden.
Arinna ist klug, schlagfertig und nicht zu schnell einzuschüchtern und so ist sie so ziemlich auf weiter Flur alleine sich über die Pest ihre Gedanken zu machen und so durchschaut sie schon bald die größten Gefahren, die von dieser Krankheit ausgehen.
Doch Arinna ist nicht nur selbstbewusst, sie ist auch allein und hat so auch ihre schwachen Momente, die sie nicht wie eine nicht klein zu kriegende Superheldin wirken lässt.
Ihr Gegenspieler, der selbstsüchtige und mordende Kaufmann Boccanegra und Schiffskapitän Minotto, erfüllen ihre Aufgaben in der Geschichte und machen der Protagonistin das Leben schwer und lernen bis zum Schluss nichts dazu….
.
Die Geschichte ist ein stetiges Hin und Her, ein reines Bäumchen-Wechsel-Dich Spiel, denn nicht nur die Reise der Sant Jacobus führt durch halb Europa, sondern auch Arinna versucht immer und immer wieder vor Boccanegra zu fliehen.
Schade dabei ist lediglich, dass dies im Vergleich zum Schluss relativ lang ausfällt. Denn der Schluss spielt sich auf gerade mal 30 Seiten ab und ist somit im Vergleich zu den anderen 430 Seiten nicht nur sehr kurz, sondern auch in diesem Sinne – möchte ich beinahe sagen - leider auch absolut vorhersehbar.
Anmerken möchte ich noch, dass das Buch mit einer tollen Karte versehen wurde, die es ermöglicht die Reise von Arinna zu verfolgen und das Buch sichtlich aufwertet.
Dennoch schafft es Kari Köster-Lösche den Leser in ihrem Roman in ein Zeitalter zu entführen, in dem die Angst um das eigene Leben herrscht und man nichts über eine Krankheit weiß, die es vermag innerhalb weniger Tage ganze Familien auszulöschen.
Rebecca
Droemer/Knaur Verlag, 2008, Hardcover 19,95 €, 476 Seiten, ISBN: 978-3426197646
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“Der Immoralist” von André Gide
27.7.2009 von Patrick.
Wir Immoralisten! – Diese Welt, die uns angeht, in der wir zu fürchten und zu lieben haben, diese beinahe unsichtbare unhörbare Welt feinen Befehlens, feinen Gehorchens, eine Welt des »Beinahe« in jedem Betrachten, häklig, verfänglich, spitzig, zärtlich: ja, sie ist gut verteidigt gegen plumpe Zuschauer und vertrauliche Neugierde! Wir sind in ein strenges Garn und Hemd von Pflichten eingesponnen und können da nicht heraus –, darin eben sind wir »Menschen der Pflicht«, auch wir! Bisweilen, es ist wahr, tanzen wir wohl in unsern »Ketten« und zwischen unsern »Schwertern«; öfter, es ist nicht minder wahr, knirschen wir darunter und sind ungeduldig über all die heimliche Härte unsres Geschicks. Aber wir mögen tun, was wir wollen: die Tölpel und der Augenschein sagen gegen uns »das sind Menschen ohne Pflicht« – wir haben immer die Tölpel und den Augenschein gegen uns!
(aus Nietzsche: Jenseits von Gut und Böse)
Nietzsche behauptet, die Moral verneine das Leben, weil sie den Menschen in seinen Handlungen beschneidet. Die Moral ist ein Regelwerk, um das Leben in der Gemeinschaft zu ermöglichen. Der Immoralist hingegen widersetzt sich diesen Normen, er handelt rein egoistisch, nach seinen eigenen Bedürfnissen.
André Gide nimmt dieses Thema auf, in Form des Ich-Erzählers Michel, der nach einer schweren Krankheit das Leben lieben lernt. Vorher lebte er trotz Reichtum bescheiden; um seinen sterbenden Vater zu beruhigen, vermählt er sich mit Marceline. Aus freundschaftlicher Sympathie erwächst Liebe, aus Liebe entsteht ein neues Lebensgefühl.
„Seltsam, der erste Blutsturz hatte mich nicht so beeindruckt; ich erinnerte mich nun, dass er mich fast unberührt gelassen hatte. Woher kam dann jetzt meine Angst, mein Entsetzen? Ach, ich begann das Leben zu lieben! Daher kam es.“
Sie ziehen auf ein gewaltiges Weingut in der französischen Provence, Michel lässt sich von seiner Frau pflegen und genießt das Leben in der Natur. Er findet Freunde in den jungen Söhnen seiner Pächter, lässt sie zu sich nach Hause kommen, bewundert ihre Schönheit und Frische. Vor allem die lasterhaften Jungs haben es ihm angetan. Er schließt sich ihnen an, um gemeinsam auf seinem eigenen Grundstück zu wildern. Seine Freude über unmoralische Tätigkeiten beflügelt ihn richtiggehend.
„Vielleicht fiel mir dieser Zwang zur Lüge anfangs ein wenig schwer; aber ich kam schnell dahinter, dass die Dinge, die man für die schlimmsten ausgibt (die Lüge, um nur dieses eine zu nennen), nur schwierig sind, solange man sie nicht getan hat; dass aber jedes durch Wiederholung sehr schnell leicht, angenehm, köstlich und bald selbstverständlich wird.“
Vermehrt sucht er Gefallen an materiellen Dingen, die, anfangs noch unbedeutend, immer wichtiger erscheinen. Er sucht nach neuen Sinneswahrnehmungen, nach Glückseligkeit, doch er ist nicht imstande diese umzusetzen. Die wachsende Unruhe verhindert, dass er sich einer Tätigkeit hingeben kann. Er wechselt immer häufiger seinen Wohnort, fühlt sich gedrängt weiter zu ziehen, aus Angst, etwas zu verpassen. Dass seine Frau schwer erkrankt, interessiert ihn nicht. Ohne Rücksicht reist er von Ort zu Ort, opfert sie, um sein Glück zu finden. Im Orient schließlich lebt er seine homosexuellen Phantasien aus, ein weiterer Akt wider die Moral, die vom Christentum geprägt ist. So irrt er durch die Lande, frei von jeglichen Konventionen, doch seine erlangte Freiheit quält ihn, erdrückt ihn.
„Manchmal scheint mir, als hätte mein eigentliches Leben noch gar nicht begonnen. Reißt mich jetzt hier heraus, und gebt meinem Dasein einen Sinn. Ich selbst weiß keinen mehr zu finden. Ich habe mich befreit, das ist möglich; aber was bringt das? Ich leide unter dieser untätigen Freiheit. Glaubt nicht, dass ich meines Verbrechens müde wäre, wenn ihr es so zu nennen beliebt, aber ich muss mir selbst beweisen, dass ich mein Recht nicht überschritten habe.“
Gide demonstriert am Beispiel von Michel, dass die absolute Freiheit keine endgültige Befreiung bedeutet. Ohne höheren Zweck ist man verloren, ohne Halt, ohne Sinn. Die Moral dient hier als Brüstung, um nicht vollständig den Halt zu verlieren und in die Sinnlosigkeit abzustürzen.
DTV, kartoniert 1997, 144 Seiten, 8€ ISBN: 978-3423123457
Geschrieben in Patrick, Roman | 3 Kommentare »
“Der nächtige Ort” von Marcel Möring
24.7.2009 von Krümel.
Immer ist jetzt!
JETZT IST IMMER!
JETZT
Jetzt
jetzt
Jacob Noah überlebt als Einziger seiner Familie den II. Weltkrieg. Ein Landwirt hat ihn aufgegriffen und gerettet als er von einem Aufenthalt in Amsterdam im Heimatsort Assen eintrifft. Drei Jahre hat er wie ein Maulwurf im Dreck, in der Erde gelebt, um dann mit einem gestohlenen Fahrrad zum Geschäft seiner Eltern zu radeln. Doch aus dem Schuhgeschäft wurde die „Völkische Buchhandlung Hilbrandts“ und als Johann die Waffe mit der er diesen Eindring aus seinem Elternhaus vertreibt, zum Schluss ins Wasser wirft, macht es nur eindruckslos „platsch“.
In Assen wird jedes Jahr im Juli ein Motorradrennen gefeiert. Wir befinden uns in den Achtzigern, und aus dem beschaulichen kleinen Ort wird ein riesiger Ameisenhaufen. Es wird gesoffen, gejohlt, randaliert und geprügelt. Entweder bleibt man Daheim und versperrt seine Tür, oder man lässt sich draußen von den Massen mittreiben.
Mittendrin befindet sich auch Jocob, der in einer Art von Delirium sein Leben revue-passieren lässt. Der „jüdischer Geist“, der Alte Jude oder wie bei Lewinsky „Melnitz“ begleitet ihn dabei.
Auch Marcus Kolpa befindet sich im Getümmel, er sucht die Worte, die er nach 10 Jahren endlich der Frau mitteilen möchte …, doch er findet beide nicht. Und so wird er von Kneipe zu Kneipe mitgerissen.
„Wo ist dein Ithaka?“
Möring erzählt sehr tief und eindringlich. Er stellt Fragen und Thesen auf, die einem tief bewegen und nachdenklich stimmen; er beschreibt tausend Einzelteile, nicht immer am roten Faden entlang gehen, und der Leser sollte sich darauf einlassen.
„Du bist mit Händen und Füßen an dich selber gebunden. Dein eigener Gefängniswächter. Dein eigener Teufel. Dein eigener Henker, dein eigenes Opfer.
Und das alles bist du nicht nur für dich, sondern auch für andere … „ (Seite 497)
Der Roman ist sehr modern, denn der Autor versteht es auch experimentell mit Worten und Formaten zu spielen. Er begibt sich damit auf neuen Wegen, um etwas auszudrücken, was man in Worte kaum fassen kann.
Das hat mich wirklich beeindruckt, so dass ich nach weiteren Mörings Ausschau halten werde. (Die Thematik ist aber wohl immer die gleiche
)
Marcel Möring wurde 1957 in Enschede geboren, wuchs in Assen auf und lebt heute in Rotterdam. Seine Werke wurden ausgezeichnet mit dem Geertja-Lubberhuizen-Preis, dem AKO-Preis, der „Goldenen Eule“ und dem Flämischen Literaturpreis. „Der nächtige Ort“ wurde 2007 mit dem Bordewijk-Preis zum besten niederländischen Roman des Jahres 2006 gekürt.
Heidi Hof
Luchterhand Verlag, Verlagsgruppe Random House, München, 2009, OT: Dis bei De Bezige Bij, Übersetzung: Helga von Beuningen, Hardcover €, 556 Seiten, ISBN: 987-3-630-87162-2

Geschrieben in Krümel, Roman | 2 Kommentare »
“Fast ein bisschen Frühling” von Alex Capus
21.7.2009 von Patrick.
Capus lässt zwei Bankräuber aus den 1930er Jahren neu aufleben, konstruiert einen existenten Fall nach. Er durchforscht dafür Polizeiarchive, sucht alte Zeitungsartikel heraus, führt Interviews mit den beteiligten Personen, … und so liest es sich im Nachhinein dann auch: Wie ein Protokoll - nüchtern und steril, auf Fakten beschränkt.
Sie fühlen sich vom Pech verfolgt, erweisen sich für Bankräuber als totale Nieten, immer darauf getrimmt, die falsche Entscheidung zu treffen. Im Grunde sind sie doch liebenswerte Herren, die auf der Flucht einen Plattenladen betreten und Sympathie für die Verkäuferin entwickeln; Tango-Schallplatten kaufen, die nicht vorrätig sind und deshalb den Aufenthalt in der Stadt verlängern müssen und wollen. Währenddessen führen sie die Verkäuferin spazieren, erschießen zwischendurch ein paar Bankangestellte, nachdem sie eine weitere Bank ausrauben. Die Schießerei wird wie das Abbrechen eines toten Astes beim Spaziergang durch den Wald beschrieben. So unschuldig und belanglos erwähnt wie das Vertreiben einer Mücke an schwülen Sommerabenden. Jedenfalls fühlt der Leser keine Panik oder Bestürzung, keinerlei Reaktion von Seiten der Verbrecher, einfach weil das Romanhafte in dieser Erzählung fehlt. Lieber werden peinlichst genaue Zeitangaben gemacht, exakte Straßennamen, Hubraum und Innenausstattung diverser Fluchtwagen erwähnt.
Die Geschichte scheitert, weil im Buch kein Leben auftaucht. Diese Figuren sind leblose Namen aus einem Karteikasten, zweidimensionale Strichmännchen, die über keinerlei Profil verfügen. Geister einer fernen Vergangenheit, in Erinnerung gerufen wie das Durchblättern eines Fotoalbums. Leider muss ich sagen, denn Capus hätte aus dieser Geschichte etwas Großartiges schaffen können. Zum Beispiel die Zuneigung zur Verkäuferin intensivieren, durch Tangomusik tanzend und verliebend, um so der brutalen Gegenwart zu entkommen. Aber der Titel deutet es an, der grausame Winter lässt’s nicht zu. Und so werden sie, die Verbrecher, als Märtyrer gegen eine gestörte Weltordnung gefeiert, Täter werden zu Opfer stilisiert, als Produkt einer rohen Gesellschaft entschuldigt.
DTV, kartoniert 2004, 160 Seiten, 8,90€ ISBN: 978-3423131674
Geschrieben in Patrick, Erzählung/en | 4 Kommentare »
Neuerscheinungen im August 2009
18.7.2009 von Krümel.
Letzter Teil
1. “Die Ängstlichen” von Peter Henning

Mit »Die Ängstlichen« legt Peter Henning seinen großen Roman vor: Die Chronik einer musterhaften Familie ist eine aberwitzige, rabenschwarze menschliche Komödie, ein Mosaik aus kleinen und großen Schrecken, Glück und Hoffnung.
2. “Die Wiederträumer” von Nir Baram

Vor dem apokalyptischen und zugleich alltäglichen Hintergrund seiner Erzählung entfaltet Nir Baram in einer poetischen Sprache voller Witz und Ironie ein figurenreiches Panorama der israelischen und palästinensischen Gesellschaft.
3. “Ich bin ein Rudel Wölfe” von Julia Blesken

Mit großer sprachlicher Intensität erzählt Julia Blesken in ihrem Debüt von Kinderglück und Verlorenheit, Verrat und Aufbruch, Fragilität und Mut, entwirft so eine Welt an der Schnittstelle: einprägsam und unverwechselbar.
Geschrieben in Bücher-Tipps, Literaturthemen | Keine Kommentare »
“Krebsstation” von Alexander Solschenizyn
15.7.2009 von Krümel.
Ein grandioser Roman, den ich wärmstens empfehlen kann!
Der Handlungsort ist wie der Titel bereits verrät eine Krebsstation in der ehemaligen UdSSR. Man schreibt das Jahr 1955, zwei Jahre nach Stalins Tod, eine Zeit, in der die Hoffnung wieder aufflammt, und eine evtl. Amnestie in Aussicht steht.
Der Roman beschreibt den Tagesablauf in der Krebsklinik, den Krankheitsverlauf von Krebs und die verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten, die einzelnen Patienten und deren Angehörigen, die Ärzte, Krankenschwestern sowie das sonstige Personal, die Gedanken der Figuren und deren Geschichten. Also sehr umfangreich.
Die Erzählung beginnt mit der Einweisung Rusanows. Diese Figur ist ein hoher Funktionär, der keinen Platz im Moskauer-Krankenhaus ergattern konnte, und so in diese Provinz-Klinik aufgenommen wird. In seinem privaten Pyjama sticht er ganz eindeutig wie eine bunte Kuh hervor. Er ist ein Privilegierter und Mitglied des Obersten Gericht. Seine Ehefrau trägt auch den schönen Namen „Kapitalina“. Eine Geschwulst am Hals, die ständig wächst und größer wird, so dass er seinen Kopf kaum noch bewegen kann, quält Rusanow. Der Leser mag zu Beginn noch Mitleid mit ihm haben, doch nach und nach entpuppt sich sein wahres Gesicht. Er ist ein Verräter und Anschwärzer, der die „untreuen“ Genossen aus dem System herausfiltert, der sie abführen lässt ins Nirgendwo, und dem auch schon mal „eine Nase nicht passt“ und diese staatsfeindlichen Objekte dann ins Lager bringt.
Dann ist da Oleg, die autobiographische Figur von Solschenizyn selber. Einer, der für Nichts im Lager war und dann auf ewig verbannt wird, bis ihn der Krebs befällt, er in die Klinik kommt, behandelt wird und chancenlos entlassen wird.
Was direkt klar ist, ist sicherlich, dass der Roman einen Vergleich aufstellt. Was ist die Krebsstation in der alle gleich untergebracht werden, alle DIE Einheitstracht tragen, alle das gleiche essen, und es eben zwischen Rang und Herkunft keine Unterschiede gibt? Der kommunistische Gedanke.
Auch dass alle gleich „dumm“ gehalten werden, weil die Ärzte die Vorschrift haben, den Patienten über den Verlauf und die Überlebenschance im Unklaren zu lassen. Nur der, der hartnäckig nachfragt, erhält hin und wieder eine Aussage. Man versetzt also die Insassen in eine Art von “Angst und Schrecken”, so dass sie alles über sich ergehen lassen, macht sie gefügig und zu prinzipientreue Staatsbürger.
Aber das Buch ist keine Abrechnung mit dem Kommunismus, sondern eine Abrechnung mit dem System und ihren Diktatoren. Solschenizyn, das liest man durch die Zeilen durch, ist kein Staatsfeind, er ist ein „sittlicher Sozialist“! Und „Rusanow ist die Krebsgeschwulst der Gesellschaft!“ (Vorwort von Heinrich Böll)
Selten habe ich so einen aussagekräftigen Roman gelesen, der so viel umschreibt und vergleicht, und dennoch so angenehm zu lesen ist. Schade dass Solschenizyn nicht mehr solcher Romane geschrieben hat, denn seine meisten Werke sind eher eine Art Bericht oder Protokoll, die sich nur sehr schwer verdauen lassen. Dieser etwas lockerere Schreibstil hat mir persönlich wohliger gefallen.
Heidi Hof
Luchterhand Verlag, Bertelsmann, mit einem Vorwort von Heinrich Böll, Hardcover vergriffen, 735 Seiten, Buch Nr. 5341 1500
Geschrieben in Klassiker, Krümel | 1 Kommentar »
“Erzähl mir von den weißen Blüten” von Jan Winter
13.7.2009 von Krümel.
Paul und Giulia sind Anfang 20, als sie zusammen nach Asien gehen und den ganzen Kontinent bereisen und lieben lernen.
Doch ein tragischer Unfall verändert alles: eines Abends erwischen die beiden einen Dieb und durch einen dummen, tragischen Zufall stirbt Giulia.
Paul schwört, dass er Giulia, seine große Liebe, niemals vergessen wird.
Aber noch ist sich Paul nicht bewusst, dass dieser Schwur auch noch 20 Jahre später jede Menge Probleme heraufbeschwören wird….
Schaut man sich einmal die Rezensionen zu diesem Buch an, gibt es eigentlich (fast) nur die Opposition Hui oder Pfui.
Und dazwischen?
Ich gehöre definitiv zu denen, die einen Kompromiss zwischen jenen suchen, denn das Buch hat seine Stärken, aber leider auch seine Schwächen.
Wenn man alleine nach dem Klappentext geht, könnte man glatt vermuten, dass dieser Roman ein kitschiger Hausfrauen-Liebes-Roman ist. Denn dies – das muss ich zugeben- war zuerst meine Befürchtung.
Doch dieses Vorurteil musste und konnte ich zum Glück schnell wieder begraben.
Natürlich spielen Gefühle eine Rolle, denn immerhin geht es um die Liebe. Der Autor jedoch versteht es, das Gefühl nicht zu kurz kommen zu lassen, wird dabei jedoch zu keiner Zeit kitschig. Das Buch lässt sich so sehr angenehm lesen und entführt in eine exotische Welt, fernab vom bekannten Westen.
Allerdings: allzu exotisch wird es nicht. Man bekommt eine unterschwellige Vorstellung von China, Malaysia und weiteren Ländern in Asien.
Denn im Vordergrund stehen immer Paul und sein Versuch, sich von seiner Jugendliebe Giulia zu lösen, um so frei zu sein für seine Xue Lian.
Der Autor schafft es, die Gefühle, die Verzweiflung und Ängste der Charaktere zu beschreiben. Jedoch bleibt die Entwicklung dieser zwischenzeitlich stehen: erst zum Schluss entwickelt sich vor allem Paul weiter, aber dies in einem rasanten Tempo.
Der Autor verwebt sehr schön dieses Gefühlschaos mit der Exotik Asiens.
Insgesamt ist Jan Winter ein farbenfroher Roman gelungen, der sehr schön in den Sommer passt.
Auch wenn dieses Buch für mich sehr guter Durchschnitt ist: ich freue mich auf weitere Bücher des Autors!
Rebecca
Marion Von Schröder Verlag, 2009, Hardcover 16,90 €, 445 Seiten, ISBN: 978-3547711509
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Neuerscheinungen im August 2009
10.7.2009 von Krümel.
Teil 2
1. Unterwegs in einem kleinen Land von Philip K. Dick

Philip K. Dick versteht es meisterhaft, anhand des Psychogramms einer Ehe die Antriebsweisen einer Gesellschaft aufzudecken, deren Träume auf Illusionen gründen und zwangsläufig im Nichts verlaufen.
2. Der Himmel ist kein Ort von Dieter Wellershoff

Die szenische Spannung eines sich verselbständigenden Prozesses, die Stimmenvielfalt der darin verstrickten Figuren und die subtile Einfühlung in einen Menschen, der allmählich erkennen muss, dass er auf brüchigem Boden steht und damit zurechtkommen muss, machen diesen Roman zu einem außergewöhnlichen Leseerlebnis.
3. Lied vom Hunger von Jean-Marie Gustave Le Clézio

Der neue Roman des aktuellen Literatur-Nobelpreisträgers - eines seiner schönsten Frauenporträts.
4. Murmeljagd von Ulrich Becher

Mit Murmeljagd wird einer der großen Romane der deutschen Literatur wieder zugänglich: eine Tour de Force über Vertreibung und Exil, über das Leben im Ausnahmezustand, über Wahn und Bedrohung, absurde Irrtümer und eine Menschenjagd. Ulrich Bechers Lust an Sprachexperimenten, seine Vorliebe für ausgefallene Charaktere und sein politisches Engagement kulminieren in einem psychologischen Entwicklungsroman, der gleichzeitig Politthriller ist - immer vor dem Hintergrund der Auseinandersetzung mit dem Faschismus.
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“Nacht des Orakels” von Paul Auster
7.7.2009 von Patrick.
Dieser Gott ist ein Zyniker. Schriftsteller Sydney Orr wird ein zweites Leben geschenkt, nur damit er hautnah zusehen darf, wie alles Bedeutsame seiner Existenz zu Grunde geht.
Nach dem schweren Unfall plagt ihn Schreibhemmung. Jahrelang hat er nichts Sinnvolles mehr zu Papier gebracht, das ihn vom Schuldenberg befreien könnte. Während einem Spaziergang stößt er auf einen ominösen Laden, der sich zwei Tage später in Luft auflösen wird. Von dort hat er sich das blaue Notizbuch besorgt, das seine Phantasie neu beflügeln wird. Er versinkt in dieses Buch, droht sich zu verlieren, schreibt darin wie besessen. Dennoch haben alle Geschichten, die sich dort wieder finden, eines gemeinsam: Sie enden in eine Sackgasse, fahren sich fest und sind somit wertlos.
Genau so verhält es sich mit seinem neuen Leben. Er steckt in gewisser Weise fest und alle gesicherten Erkenntnisse müssen fortan in Frage gestellt werden. Und während seiner Sinnkrise taucht plötzlich der Verkäufer seines Notizbuches auf und verleitet ihn dazu, seine Frau zu betrügen. Zufall? Schicksal? Spiel des Teufels? Welche Kräfte bestimmen eigentlich unser Leben? Ist es auch Zufall, dass seine niedergeschriebenen Geschichten aus den Seiten steigen, um ein Eigenleben zu führen und sich mit seinem Leben zu verflechten? Phantasie und Erlebtes überlagern sich, bis sie kaum noch auseinander zu halten sind.
”Worte sind etwas Reales. Alles Menschliche ist real, und manchmal wissen wir Dinge, bevor sie passieren, auch wenn wir uns dessen nicht bewusst sind. Wir leben in der Gegenwart, aber die Zukunft ist in jedem Augenblick in uns. Vielleicht geht es beim Schreiben nur darum, Sid. Nicht Ereignisse der Vergangenheit aufzuzeichnen, sondern Dinge in der Zukunft geschehen zu lassen”.
Sind es also seine Geschichten, die sein Leben beeinflusst haben? Auster macht es dem Leser nicht so einfach, die Verwirrung bleibt, ganz in der Absicht des Autors. Der Nebel des Mysteriösen löst sich nicht mit der letzten Seite. Sydneys letzte Erzählung scheint die Lösung aller Rätsel zu beinhalten, doch treibt sie wie ein Floß fernab des Festlandes. Sie wirkt angeklebt, ohne wirklich mit dem Schicksal Sydneys verbunden zu sein. Wie viel Wahrheit in ihr steckt ist daher Spekulation. Es ist ein Gedankengang von vielen, eine Ahnung vielleicht, eine weitere Ebene der Auffassung. Letzten Endes eine mehrdeutige, rätselhafte Aussage, ein Orakel.
Rowohlt-Verlag, kartoniert 2005, 8,90 € 288 Seiten, ISBN: 978-3499239878
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“Kein schöner Land” von Patrick Findeis
4.7.2009 von Krümel.
Eine triste und graue Jugend. Eine Ausnahme oder doch sehr realistisch?
Im Klappentext, direkt im ersten Satz findet man die Beschreibung „ein idyllisches Dorf“, ich habe allerdings keine Sekunde diese Assoziation empfunden. Altbacken und heruntergekommen waren meine Empfindungen. Ein Dorf in dem die Alten mehr Probleme mit sich herumschleppen (morbide Häuser, veraltetes Denken und Sitten, Wandel in der Landwirtschaft, große Einkaufszentren, die den Einzelhandel in die Knie zwingen), so dass sie sich mit der neuen Generation überhaupt nicht mehr identifizieren können und sie ihnen völlig fremd wird …
Und die neue Generation?
Unverstanden steht sie da. Uwe ein aufgeweckter Junge lebt in einem dunklen Verlies ohne Fenster zur Sonnenseite, grau und muffig ist sein Zuhause, unten eine Pinte, die kaum noch läuft, und die seine Mutter betreibt. Sein Vater hat Schichtdienst/Nachtdienst, und dann tanzt die Mutter mit dem Bauern Späth zu den aktuellen Schlagern. Seine Bezugsperson ist seine Großmutter, doch diese stirbt ohne dass Uwe ihr noch irgendwie helfen kann. Nur noch Olaf, den er gerne als Bruder haben würde, ist noch für ihn da.
Olaf steckt den Betrieb seines Vaters an, der brennt lichterloh, damit er diesen nicht übernehmen muss und endlich fliehen kann. Diese Flucht nimmt auch Uwe nach der Lehre wahr, auf die Walz geht er als Zimmermann. Doch er kommt zurück.
Alexander ist schwul, Olaf war in der Fremdenlegion, Uwe ist ein Drogensüchtiger und Jürgen …
Alt und Jung haben in diesem Buch überhaupt keine Schnittpunkte mehr, sie leben wie in Parallelwelten von einander getrennt.
Sprachlich wird diese Trennung durch die distanzierte Erzählform noch verstärkt, so dass der Leser in eine Problematik heruntergezogen wird, woraus er sich nicht entziehen kann. Trist und grau! Realistisch sicherlich in Einzelfällen, aber vor lauter Hoffnungslosigkeit und Kälte konnte mich der Roman nicht erreichen.
Patrick Findeis wurde 1975 geboren und lebt in Berlin. Er studierte Komparatistik, Psychologie und Kommunikationsforschung, und ist Absolvent des Deutschen Literaturinstituts Leipzig. Für seinen Debütroman „Kein schöner Land“ erhielt er den 3sat Literaturpreis in Klagenfurt 2008.
Heidi Hof
Verlagsgruppe Random House, DVA, 2009 München, Hardcover €, 202 Seiten, ISBN: 978-3-421-04417-4
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel | 2 Kommentare »




