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Archive für Mai 2009

“Reise nach New York” von Henry Miller

„New York erdrückt Dich! Du kannst nicht atmen. Es ist nicht der Lärm und der Staub, auch nicht der Verkehr, auch nicht die Menschenmassen – es ist die entsetzliche Flachheit, Hässlichkeit, Eintönigkeit und Gleichförmigkeit von allem.“

Henry Miller lebt schon einige Jahre in Europa, bevor er diese Reise unternimmt. In einem überlangen Brief an seinem Freund Alfred Perlès, der ihm eine Stelle bei einer Pariser Zeitung vermittelt, beschreibt er in bissigem und derbem Stil von seinem Missfallen gegenüber dem amerikanischen Kontinent. Hier wird nichts ausgelassen. Alles, was Amerika auszeichnet, wird mit bitterem Zynismus niedergemacht. Seien es die Frauen, die Technisierung, Theater, Clubs, die gigantischen Konstruktionen, Traditionen, …

„Alles kolossal. Kolossal kolossal. Das Theater selbst prachtvoll – moderne Architektur auf dem neuesten Stand. Sobald Du hustest, geht die Lüftung an – automatisch. Per Thermostat. Eine mittlere Durchschnittstemperatur von 22 Grad Celsius, ob Winter, Frühling oder Sommer. Rauchen verboten. Überall ist Rauchen verboten, nur im Variété nicht. Das einzige, was Dir bleibt, ist furzen. Und, wie ich schon sagte, sogar das wird sofort per Thermostatregelung weggeblasen …“

Jede Situation wird abfällig kommentiert und mit dem positiven Pendant Europas, genauer, dem des französischen Gegenstücks verglichen. Miller hat einen Hang zu Übertreibungen, lässt sich von den Schmähungen mitreißen. Das Buch ist voller subjektiver Eindrücke, aber eines scheint nach der Lektüre klar: Er mag Amerika nicht. „Amerika ist ein Misthaufen, aber klimatisiert.“

Ein Drittel dieser 120 Seiten spielen auf dem holländischen Schiff, wo er auf kuriose Typen fällt. Von der Galasängerin, die ihre Biografie von ihm geschrieben haben möchte, von seinem holländischen Kabinenmitbewohner, der nur gebrochen englisch spricht und dem verrückten Mannheim, ebenfalls Holländer. Auch wenn er das Lästern auf dem Schiff nicht los wird, schlussfolgert er:

„Du darfst übrigens nicht den Eindruck bekommen, dass es den Holländern an Intelligenz mangelt. Im Gegenteil, ich würde sagen, dass sie sehr intelligent sind, sogar noch intelligenter als der Seehund oder der Otter. Zum Beispiel, einen Salzhering auf den Salat legen! An den ersten sechs Tagen bekamen wir nichts als pure Salatblätter, ohne Soße. Als der Koch merkte, dass niemand mehr den Salat aß, holte er prompt (d.h. sechs Tage später – für die Holländer prompt!) die Salzheringe heraus und ließ sie über die Salatblätter legen. Mit dem Ergebnis, dass man die Salatblätter isst, um den Heringsgeschmack aus dem Mund zu kriegen.“

Das vorliegende Buch ist ein sehr kurzweiliges Abenteuer von einem Europa-Liebhaber, der ziemlich genau meinen Humor trifft. Ich könnte noch viele Zitate einfügen. Der unterhaltende Faktor überwiegt, wenn man nicht jedes Wort allzu ernst nimmt. Das gilt auch für die antisemitischen Äußerungen über Juden und Schwarze. Er ist ein Kind seiner Zeit und betont diesen Umstand in einer Fußnote, die 20 Jahre später eingefügt wurde.
Erfrischend „politically incorrect“, schreibt der Buchrücken.

„Amerika! Wie weit fort das zu sein scheint! Die Entfernung erklärt es nicht. Da ist noch etwas anderes. Wenn ich an New York denke, denke ich an ein Riesenbaby, das mit Sprengstoff spielt. Weniger neu als vielmehr unmenschlich. Die gesamten Lebenserfahrungen gelten nichts mehr. Man wacht am Morgen auf und blickt auf einen jungfräulichen Kontinent ohne Geschichte. Ein glatter Sprung, ohne Übergang, von der Barbarei in den Irrsinn der Zivilisation.”

Schöffling-Verlag, kartoniert 2002 (antiquarisch erhältlich), 120 Seiten ISBN: 978-3895615771

“Der seltsame Fall des Benjamin Button” von F. Scott Fitzgerald

fall.jpgBenjamin kommt als 70-jähriger Greis, mit weißem Bart und welker Haut zur Welt. Der Schock – speziell bei seinem Vater, einem angesehenen Unternehmer – steckt tief, völlig orientierungslos und verkrampft versuchen die Eltern, ihn wie ein normales Baby zu behandeln. Doch in dem „Kind“ steckt ein „erwachsener“ Geist, der weder mit Babyrasseln etwas anfangen kann, noch sich im Kindergarten wohlfühlt. Mit den Jahren stellt sich ein seltsames Schicksal heraus: Benjamin wird von Jahr zu Jahr jünger, im Aussehen und auch im Geist, bis er letztendlich im Stadium eines Kleinkindes landet.

Dieses Buch – das eher einer Kurzgeschichte anmutet – ist ein wahrlicher Genuss. Allein die Idee des verkehrten Lebensablaufes finde ich genial, die Umsetzung derselben ebenfalls. Kurz, prägnant und ohne viel Umschweife wird auf nur wenigen Seiten das tragisch-komische Leben des Benjamins mit all seinen Hindernissen und auch überaus witzigen Episoden erzählt. Auf den nur knapp 70 Seiten bleiben natürlich die Charaktere auf der Oberfläche, wird auf einzelne Lebensabschnitte nicht näher eingegangen. Doch dies tut in diesem Fall dem Lesevergnügen keinen Abbruch. Das Buch hat mich wunderbar unterhalten.

Christine

Diogenes Verlag, 2008, OT: The curious case of Benjamin Button, erstmals erschienen 1922, broschiert 5,90 €, 70 Seiten, ISBN: 978-3257236590

Neuerscheinungen Juni 2009

1. Der nächtige Ort von Marcel Möring

>> Das Opus magnum Marcel Mörings zeigt großes Welttheater, das sich in einer kleinen Provinzstadt abspielt, in einer einzigen warmen Juninacht. Ein gewaltiges, packendes Epos voller unerwarteter Wendungen, das spielerisch und souverän große Themen wie Judentum, Philosophie und Menschheitsgeschichte in Literatur überführt. <<

2. Schubart: Der unbürgerliche Bürger von Bernd Jürgen Warneken

>> Das Buch  zeigt einen eigensinnigen Aufklärer, der die bürgerliche Emanzipation mit »Wucht und Wärme« (Hermann Hesse) vorantreibt, das bürgerliche Habitusideal jedoch bewusst verfehlt. Resigniert schrieb in seinem Todesjahr die Zensurbehörde, der Schubarts »freie Schreibart« von Anfang an missfallen hat: »Allein - sein Ton gefiel dem Publico.« <<

3. Cosimas Kinder: Triumph und Tragödie der Wagner-Dynastie von Oliver Hilmes

>> Oliver Hilmes entschlüsselt den Wagner-Kosmos, indem er die Nachkommen der schillernden Komponisten-Witwe porträtiert und ihren Kampf um die Macht auf dem Grünen Hügel in Bayreuth beschreibt. Das aufregende Epos einer deutschen Familie und ihres leidenschaftlichen Ringens um den Erhalt einer Dynastie, die uns bis heute beschäftigt. <<
Ein Buch, welches ich mir bestimmt anschaffe und lese, da mir schon die “Herrin des Hügels: Das Leben der Cosima Wagner” so gut gefallen hat :D

“Die Blendung” von Elias Canetti

blendung.jpgEine Satire über den „menschlichen Makel“.

Canetti verwendet in seinem Roman ausschließlich Figuren, die sehr stark ausgewählt sind, Besonderheiten darstellen, und jede für sich ein Unikat ergibt.
Dadurch wird eines direkt klar, dass das Werk von der Übertreibung lebt, und es in dieser leichten und humorvollen Art die menschlichen Macken spiegelt.

Peter Kien ist der „Größte lebende Sinologe“ und besitzt eine sagenhafte Bibliothek von 25.000 Bänden. Sein Arbeitstag ist straff durchorganisiert. Jede Universität würde ihn liebend gerne als Dozent gewinnen und von seinem Wissen profitieren, aber Kien schlägt jedes Angebot ab, da er sich nur seiner wissenschaftlichen Tätigkeit widmen möchte. Diese Arbeiten sind ein Vermögen wert und lagern unbeachtet in der Schreibtischschublade.
Den Haushalt besorgt ihm Therese, seine Wirtschafterin, die schon 8 Jahre seine Bücher pflegt und Kiens Essen zubereitet.

Die Handlung beginnt nun damit, dass Kien einen Wissensdurst an Therese vermutet, ihr ein Buch aus seiner unglaublichen Bibliothek ausleiht, und sie es mit weißen Handschuhen liest. Daraus entsteht bei Kien ein folgeschweres Bild von seiner Wirtschafterin, so dass er den Wunsch verspürt sie zu ehelichen, damit seine Bände immer so sorgfältig von ihr gepflegt werden. Die Heirat vollzieht sich auch rasch und ohne große Komplikationen.

Therese ist eine weitere außergewöhnliche Figur im Roman. Sie geilt an unbändiger Sexlust. Eigentlich ist sie schon über 50 zig, hässlich und sehr ungebildet, doch ihr eigenes Bild von sich ist das genaue Gegenteil: 30 zig mit wiegenden Hüften, kokett und clever.

In der Hochzeitsnacht will sie unbedingt ihren Gatten verführen, aber sie erreicht beim belesenen Intellektuellen gar nichts! Das führt dazu, dass Thereses Sexgier in einer ausufernden Ersatzbefriedigung umschlägt, nämlich die der Geldgier. Sie zieht Kien fast bis zum letzten Hemd aus und vertreibt ihn aus der Wohnung. Draußen in der großen weiten Welt trifft Kien Fischerle, den größten Schachspieler aller Zeiten …

Und so spannt sich das Netz um seine Thematik, und selbst der Bruder von Kien, den Menschenversteher, landet zum Schluss in diesem Netz. Es gibt eben kein Entkommen!
Jede Figur im Werk lebt ganz steril in ihrer eigenen Welt, die Welten der anderen werden nicht verstanden, da nicht kompatibel. Und so entstehen Missverständnisse über Missverständnisse. Man redet aneinander vorbei. Man pikt sich nur die Aussagen heraus, die für einen selber ins Bild passen. Es kommt sogar zum großen Show-down!

Die Rettung scheint Georg zu sein, aber auch dieser versagt. Und was bleibt?

Dass eben nur der verständige Leser seine wahre Analyse erhebt und den Durchblick behält. Aber Vorsicht! Gut gemeinte Interpretationen können auch nach hinten losgehen.

Elias Canetti wurde am 25. Juli 1905 in Bulgarien geboren, und zog 1911 mit seinen Eltern nach England, zwei Jahre später, nach dem Tod seines Vaters, nach Wien. Er studierte Naturwissenschaften und Philosophie. Kurz vor dem zweiten Weltkrieg musste er wieder nach England emigrieren und schrieb dort sein Hauptwerk „Masse und Macht“. Er verstarb 1994.
Sein autobiographisches Werk ist die Trilogie: „Die gerettete Zunge“, „Die Fackel im Ohr“ und „Das Augenspiel“, ergänzt durch „Party im Blitz“. 1981 erhielt er den Nobelpreis für Literatur.

Heidi Hof

Fischer Taschenbuch Verlag, Frankfurt am Main, 2005, (Erstveröffentlichung 1935) Hardcover 10,95 €, 512 Seiten, ISBN: 3-596-17043-5

“Die Blendung” von Elias Canetti

Die Welt des Gelehrten Peter Kien ist die Wissenschaft, die Bibliothek ist ihr Zentrum. Eine kleine, geschlossene Welt, in der alle Vorgänge peinlich und diszipliniert ablaufen. Ein Mikrokosmos, wo Bücher als der einzige soziale Kontakt fungieren. Kiens Handlungen und Gedanken rotieren in dieser isolierten Zelle, die keinen Weg nach außen finden. Ebenso können äußere Strömungen nicht ungefiltert hineingelangen, ohne gleich mit der beschränkten wissenschaftlichen Denkart Kiens in Berührung zu kommen. Auswirkung dieses Systems sind Missverständnisse, Zweideutigkeiten, Einbildungen, Selbsttäuschungen … sind Blendwerk.

Kiens Unglück beginnt, als ein Fremdkörper in seine Welt gelangt. Durch ein Missverständnis heiratet Kien seine Haushälterin Therese, sie zieht bei ihm ein. Eine ungebildete, unattraktive Frau, die wiederum ihre Interessen verteidigt. Ihre gesellschaftliche Stellung liegt im Blickpunkt, sichert sich nach und nach ihren Freiraum durch den Einkauf von Möbel, sie erweitert ihr Territorium, bis Kien gänzlich aus der Wohnung verdrängt wird. Auch das Geld, Kiens Geld, soll zur Absicherung des Wohlstandes dienen. Materielle Gier gegen geistige Wissenschaft, ein unausgewogener Kampf, zwei gegensätzliche Welten, die hier aufeinander prallen.

Heimatlos irrt Kien verloren durch die Straßen der Stadt und wird dort mit der Masse konfrontiert, die von einem ihnen innewohnenden verankerten Grundgedanken getrieben sind. Eine Horde gescheuchter Menschen, die mit Tunnelblick zielstrebig ihrem eigenen Interessensgebiet entgegensteuern, ohne Hemmung, auf kriminelle Methoden zurückzugreifen. Der Irrsinn ist allgegenwärtig, zügellos unterspült er die Straßen. Individuen in kleine isolierte Hüllen gepackt, zur Kommunikation unfähig, Einzeller ohne Verständnis für seinen Nächsten. Jede einzelne Figur lebt rein egoistisch für ihre Bedürfnisse, will bei jeder Äußerung sogleich eine Bedrohung seiner Begierden erkennen. Sie sind unfähig, als Gemeinschaft zu existieren. Der Wahn greift um sich, und so muss auch der realitätsferne Kien an der Wirklichkeit scheitern.

Canetti stellt die Menschheit bloß, indem er mittels skurriler Episoden die Oberflächlichkeit des gesellschaftlichen Agierens aufdeckt. Das sprachliche Unvermögen wird mit leicht überzeichneten Darstellungen und Dialogen veranschaulicht Die eigentliche Leistung Canettis aber ist die sprachliche Gewalt, seine meisterhaften Wortspielereien und die Vorführung des wahnfiebrigen Anstiegs durch abgehackte Sätze.
Ich gebe zu, das vorliegende Buch ist trotz einfachem Satzbau nicht immer eine einfache Angelegenheit. Doch wie meinte ein Rezensent schon vor mir: “Dieses Buch ist wie ein Drache, den man besiegen muss, um an seinen Kleinod zu gelangen.”

Die erste französische Ausgabe wurde mit „La Tour de Babel“ betitelt.
In der Bibel wird das Turmbau-Vorhaben als Versuch der Menschheit gewertet, Gott gleichzukommen. Wegen dieser Selbstüberhebung straft Gott die Völker, die zuvor eine gemeinsame Sprache hatten, mit Sprachverwirrung und zerstreut sie über die ganze Erde.
Babel = Geplapper (hebr.) (Quelle: Wikipedia)

Fischer-Verlag, 2007, kartoniert 511 Seiten, 9,95€ ISBN: 978-3596206964

“Die Kalligraphin” von Kirsten Schützhofer

kalligraphin.jpgBudin-Ofen 1686: Habar und Ibrahim sind noch Kinder, als sie ins für sie ferne Sachsen gelangen. Die beidene Geschwister sind die Kriegsbeute von Georg von Hartleben, der die beiden stolz seiner Frau vorführt. Doch Georg hat ein ganz anderes Problem: als sein Bruder Alexander starb, sollte er dessen Gut erben und verwalten. Doch es gibt keine Notiz, keine Vefügung darüber. Georg steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch, als er bemerkt, das Habar geschickt weiß mit der Feder umzugehen…
Und hier fängt Habars eigentliches Schicksal erst an: nachdem sie Georg half, wird sie schon bald auf das Gut Schwarzbach verkauft und ist auf sich allein gestellt.
Ihre Versuche Freunde zu finden oder sogar eines Tages wieder nach Budin zurück zukehren sind immer wieder zum Scheitern verurteilt….

Die Kalligraphin ist mittlerweile der dritte Roman von Kirsten Schützhofer. In ihm erzählt sie ein Stück Geschichte, dass relativ unbekannt ist: das Schicksal der Beutetürken, die im Rahmen der deutsch-türkischen Kriege, als Sklaven und Aushängestücke nach Deutschland gebracht wurden.

Gefühlvoll und mit Nachdruck erzählt die Autorin auf über 600 Seiten, wir ein solches Schicksal als Beutetürke ausgesehen haben könnte.
Dabei steht vor allem das Leben der jungen Habar im Vordergrund, die von einem zum nächsten ‘Besitzer’ rumgereicht wird und dabei versucht sich treu zu bleiben und ihren Weg und Platz im Leben zu finden.

Das Leben und diesen Weg beschreibt die Autorin sehr bildreich und lebendig: die Figuren wirken durchweg lebending und farbenfroh. Man sieht sie beinah direkt vor den eigenen Augenen und begleitet sie auf ihrem Weg.
Insgesamt hat Schützhofer ein mehr als interessantes Personenreportoire geschaffen mit vielen unterschiedlichen Charakteren, die alle von ihren Wünschen getrieben werden. Dabei hat es die Autorin nicht versäumt allen ihre Ecken und Kanten zu geben und lässt alle ihrer naturgemäß handeln, was immer wieder die Frage aufwirft, was als nächstes passieren wird.
Nichts ist vorhersehbar und so birgt der ein oder andere Protagonist so manche Überraschung.

Der Roman lässt sich viel Zeit mit seiner Handlung und erzählt über fast 30 Jahre ein fanatstisches Familienepos in dem es um Verlust, Selbstzerstörung und Schuld geht, aber auch in dem die Liebe seinen Platz findet.

Mir fiel es schwer, dass Buch aus der Hand zu legen, denn immerzu wollte ich wissen, wie es Habar geht, was ihr und ihren Bekannten als nächstes passiert, die leise Hoffnung, dass alle finden was sie suchen…
Die Kalligraphin ist ein trotz der Thematik farbenfroher Roman, dem ich lediglich anlasten kann, dass er das mir so verhasste „….-in“-Titelschema erfüllt.
Kirsten Schützhofer hat mit diesem Roman die Messlatte für ihre beiden Vorgängerromane, die beide noch auf meinem SuB schlummern, sehr hochgelegt!

Rebecca

Diana Taschenbuch Verlag, 2008, broschiert 9,95 €, 653 Seiten, ISBN: 978-3453352698

Neuerscheinungen Mai

1. «…, nicht was man sieht, weiß und denkt, ist entscheidend, sondern was man glaubt!» Aber Simens, Schnee im August?

Salis Verlag, 288 Seiten, ISBN: 978-3905801088

2.  >> Voller Empathie, mit einem Hauch von Bitterkeit, aber ohne Zynismus erzählt, fügt sich das Kaleidoskop dieser unspektakulären Lebensgeschichten zu einem Roman des Lebens. << Boulevard Ney!

Berlin Verlag, 220 Seiten, ISBN: 978-3827007971

3. >> Es sind Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, die durch die Freiheit ihrer Gedanken bestechen und vom Überleben mit tiefer Humanität berichten. << Eine Stimme im Chor!

Fischer Verlag, 304 Seiten, ISBN: 978-3100744364

4. >> Auf faszinierende Weise fängt Rodenberg in seinen Reiseberichten das Alltagsleben im Europa des 19. Jahrhunderts ein. << Wiener Sommertage!

Czernin Verlag, 320 Seiten, ISBN: 978-3707602920

“Die kleine Kartäuserin” von Pierre Péju

kartauserin.jpgEine gewaltige Portion zu viel an Sentimentalität!

Für mich gibt es bei diesem Werk zwei Faktoren, warum das Buch zum Kassenschlager wurde: Rührseligkeit und Literaturverliebtheit. Beides Faktoren die zur gewollten Vermarktung und hohen Absatz führen.

Der Buchhändler Vollard überfährt an einem tristen Novembertag ein kleines Mädchen mit rotem Anorak. Er sah bei diesem Aufprall ihre erschrockenen Augen, aber er hatte überhaupt keine Chance diesen Unfall zu verhindern. Eva lief ihn direkt und frontal in seinem alten Lieferwagen hinein, die Möglichkeit noch rechtzeitig zu bremsen war dem Buchhändler versagt. Diese Situation wird nun im ersten Teil aus drei verschiedenen Perspektiven heraus beschrieben: aus Vollards Sicht, aus der des Mädchens und aus den Augen der Mutter. Damit baut Péju sehr viele Emotionen auf, was für einige Leser schon leicht in Gefühlsduselei abfällt.

Im nächsten Teil wird nun Vollard aus der Betrachtung eines Unbekannten beschrieben. Der Protagonist ist ein Literaturliebhaber. Seit seiner frühen Kindheit steckt er jede freie Minute seine Nase in ein Buch. Vollard ist ein Waisenkind, und natürlich auch der absolute Außenseiter. Er wird von seinen Klassenkameraden getritzt und als Fußabtreter benutzt, er wechselt häufig die Schulen, studiert Literatur und wird schließlich Buchhändler.
Der große Traum eines jeden Lesers erfüllt sich im Grunde genommen mit Vollard, wäre da nicht die Einzelgänger-Komponente. Aber vielleicht ist gerade diese Rolle jedem Leser ein wenig eigen. Hier wird der Leser ganz stark an das Buch gebunden.

Der dritte Teil, um nicht alles verraten zu wollen, endet unendlich rührselig, hier drückt der Autor bewusst so richtig auf die Tränendrüse. Für mich ist dies nicht mehr realistisch, sondern nur noch abschreckend, so viel Konstruktion und Gefühlsseligkeit im negativen Sinne möchte ich einfach nicht lesen.

Pierre Péju wurde 1950 geboren, er ist Dozent für Philosophie, Essayist und Autor. Er schrieb Biographien über Tieck, Chamisso und Bonaventura, „Die kleine Kartäuserin“ ist sein erster Roman.

Heidi Hof

Piper Verlag München, 2002, OT: La petite Chartreuse, Übersetzung: Elsbeth Ranke, Hardcover vergriffen (TB für 8 erhältlich), 190 Seiten, ISBN: 3-492-04619-3

“Erste Liebe” von Iwan Turgenjew

erste.jpgAls 16 Jähriger lernt Wladimir die schöne Sinaïda kennen und reiht sich in ihre Bewundererkette ein. Zu diesem Kreis zählen der Graf Malowski, ein linkischer und unangenehmer Zeitgenosse, der Zyniker Dr. Luschin, der Poet Maidanow, ein Hauptmann sowie ein Husar.
Wladimir wird von der koketten Fürstin allerdings als Kind angesehen, denn ihr Altersunterschied beträgt 5 Lenze. Und so muss er die Pein der Liebe am ganzen Körper spüren, er kann nicht schlafen, wandelt lustlos im Garten, macht seine Aufgaben nur noch mit Mühe und ist in Gedanken nur bei seiner Angebeteten.
Eines Tages bemerkt der Jüngling, dass Sinaïda außerhalb ihrer Bewunderer einen anderen liebt. Er geht dieser Sache nach, lauert ihr auf, und muss eine entsetzliche Entdeckung machen …

Mit dieser Erzählung von Turgenjew findet der Leser den klassischen straffen Aufbau einer Novelle. Keine Figur ist zu viel, kein Ereignis reiht sich nicht streng dem Handlungsgeflecht unter und kein Gedanke schweift vom Thema ab. Die überraschende Wendung, auch wenn man sie erahnen kann, macht den Schluss aus.
So stelle ich mir eine Novelle vor, und nicht das lose Gitter wie bei Klaus Merz im „Argentinier“.

„Erste Liebe“ erschien 1860 unter den Titel >Perwaja ljubow< in einer russischen Zeitschrift.
Iwan Turgenjew wurde 1818 geboren und wurde 65 Jahre alt ( † 1883). Er stammte aus einer reichen Adelsfamilie, studierte Literatur in Moskau und St. Petersburg, später auch im Ausland. In Russland legte er sich mit der Obrigkeit an, wodurch er dann zwischen Frankreich und Deutschland pendelte und außer Landes zog.

Heidi Hof

Anaconda Verlag Köln, 2009, Übersetzung: Wilhelm Lange, Hardcover 2,95 €, 80 Seiten, ISBN: 978-3-86647-389-8

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