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Archive für April 2009
“Der weiße Tiger” von Aravind Adiga
29.4.2009 von Krümel.
Anlässlich des angekündigten Besuches des chinesischen Ministerpäsidenten Wen Jiabao im indischen Bengalore beschreibt Balram Halwai in sieben (fiktiven) Briefen seinen Aufstieg von der untersten gesellschaftlichen Schicht zu einem erfolgreichen Unternehmer im Indien im 21. Jahrhundert.
Balram Halwais Familie gehört der Kaste der Zuckerbäcker an und lebt in einem indischen Dorf. Der Junge zeigt sich als sehr wissbegierig und unangepasst, lernt lesen und schafft es, aus dem Familienverband (und somit seinem vorgezeichneten Lebensweg als Diener im Teehaus) auszubrechen. Er bekommt eine Stelle als Fahrer und Diener eines Großgrundbesitzers in Delhi und lernt die Welt der Oberschicht – der Reichen - kennen. Schnell findet er heraus, dass man nur mit Korruption, Gewalt und Ausbeutung zu Wohlstand kommt. Er macht sich diese Mittel zu Nutzen und schafft den eigenen Aufstieg von der „Finsternis“ ins „Licht“.
Schonungslos und sehr provokant beschreibt Aravind Adiga das Indien des 21. Jahrhunderts. Er räumt auf mit der „Romantik“ rund um Mahatma Gandhi und der Idee des gewaltlosen Widerstands, möchte aufzeigen, dass das immer noch stark verwurzelte Kastensystem sich selber überholt hat. Einzig mit Korruption, Gewalt und Rücksichtslosigkeit erreicht man den gesellschaftlichen Aufstieg. Inwieweit diese Darstellung der Realität entspricht, kann ich nicht beurteilen. Ich habe allerdings ein ungutes Gefühl, wenn ich das Andenken an Gandhi mit Füßen getreten und das religiöse Empfinden ins Lächerliche gezogen sehe. Ich habe aber vor allem große Zweifel daran, dass ein Schriftsteller, der zwar in Indien (Madras, 1974) geboren wurde, als Sohn eines Arztes aber wohl nicht der untersten Schichte angehörte, teilweise in Australien aufwuchs und in Oxford studierte, die soziale und gesellschaftliche Situation in Indien authentisch darstellen kann.
Im Übrigen erwarte ich mir von einem „Booker“-Preisträger auch eine höhere literarische Qualität.
Christine
C.H. Beck Verlag, 2008, Übersetzung: Ingo Herzke, Hardcover 19,90 €, 318 Seiten, ISBN: 978-3406576911
Geschrieben in Christine, Roman | 8 Kommentare »
“Der Argentinier” von Klaus Merz
26.4.2009 von Krümel.
Die Geschichte an sich birgt viel Tiefe und Inhalt.
Nach dem II. Weltkrieg, als junger Mann, packt Lenas Großvater das Abenteuerfieber und schifft nach Argentinien. Er versucht sich da als Gaucho, und endet als Tangotänzer, weil er an Heuschnupfen erkrankt. Doch die Heimat ruft ihn zurück, er reist wieder nach Europa, wird von seiner Amelie am Hafen empfangen, sie heiraten und verbringen ihr restliches Leben „glücklich“ in der Schweiz.
Das Handlungsgeflecht wird wie ein Mosaik ganz langsam entschlüsselt, allerdings sind in den vorliegenden 97 Seiten viele Dinge zu kurz gekommen. Das Werk besitzt alle Anlagen der Tiefe, begeht aber nicht diesen Weg, es hinterlässt überall Lücken. Zu viele Figuren und Umstände werden angerissen, bleiben aber irgendwo im leeren Raum liegen.
Die straffe Form einer Novelle sehe ich hier dadurch auch nicht gegeben.
Klaus Merz wurde 1945 geboren und lebt als Erzähler und Lyriker in der Schweiz. Vorher arbeitete als Sekundarlehrer, bis er 1967 seinen ersten Gedichtband herausbrachte.
Heidi Hof
Haymon Verlag Innsbruck-Wien, 2009, gebundene Ausgabe €, 97 Seiten, ISBN: 978-3-85218-580-4
Geschrieben in Erzählung/en, Krümel | Keine Kommentare »
“Das Spionagespiel” von Michael Frayn
23.4.2009 von Patrick.
Getrieben durch einen penetranten Geruch, der unmittelbar mit seiner Kindheit verbunden ist, reist Stephen zurück in die englische Vorstadt seines jungen Daseins. Damals verbrachte er seine Freizeit zusammen mit dem überlegeren Keith, einem Nachbarsjungen, der genügend Phantasie besaß, um die Zeit mit neuen Spielen totzuschlagen. Die zerbombte Stadt wird zum Abenteuerspielplatz mit Keith als Anführer. Keines seiner Behauptungen wird je in Frage gestellt, auch jetzt nicht, als er ihm mitteilt, dass seine Mutter deutsche Agentin sei. Fortan investieren beide ihre Energie darauf, diese Vermutung anhand spielerischer Detektivarbeit zu untermauern. Gemeinsam beobachten sie Keith’ Mutter auf Schritt und Tritt, verfolgen sie, notieren jede verdächtige Regung. Doch was als Spiel beginnt, endet mit tödlichem Ernst. Sie verlieren die Kontrolle, können sie doch in ihrer kindlichen Eingeschränktheit nichts gegen die Macht fremder Einflüsse ausrichten. Die Mutter hat tatsächlich Geheimnisse, jedoch von gänzlich anderer Natur…
„Armes Kerlchen“, sagt er mit veränderter Stimme. „Aber so geht’s zu im Leben. Du lässt dich auf ein Spiel ein, du bist der tapfere, der große Held. Das Spiel geht weiter und weiter, es wird immer schrecklicher, und irgendwann hast du keine Lust mehr, weil du nicht andauernd tapfer sein kannst. Und eines Nachts passiert es dann. Du bist da oben in der Dunkelheit, fünfhundert Meilen von zu Hause entfernt, und plötzlich ist das Dunkel auch in dir. In deinem Kopf, in deinem Bauch. Du hast abgeschaltet, wie ein stotternder Motor. Du kannst nicht denken, dich nicht bewegen. Du siehst nichts, hörst nichts. Alles geht unter in diesem großen Angstschrei im Dunkeln, und der Schrei nimmt kein Ende, er kommt aus dir.“
Mit lockerem Erzählton baut Frayn einen krimiähnlichen Roman auf, der durch das schwebende Geheimnis über jeder einzelnen Seite gewisse Spannung erzeugt, den Leser mitreißt und es danach schreit, gelüftet zu werden. Auch die Spuren des 2. WK sind allgegenwärtig, nebenbei eingestreut um dadurch Atmosphäre zu erzeugen. Die Ahnung des Kindes wird mit dem Wissen des Greises vermischt und lässt den Leser so mit einigen ungelösten Fragen zurück. Eine bescheidene Empfehlung meinerseits.
DTV, 2006, broschiert 224 Seiten, 9,50 € ISBN: 978-3423134354
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Ein Held unserer Zeit” von Michail Lermontow
21.4.2009 von Krümel.
Ist es wirklich ein Held?
Eigentlich ist doch dieser Petschorin ein sehr unangenehmer Zeitgenosse. Er ist stolz, eitel und von sich eingenommen, hart und zynisch, ein Macho und Frauenheld. Er lässt nicht locker bis ihm die Damenwelt zu Füßen liegt, hat er aber sein Ziel erreicht, wird er ihnen überdrüssig.
Doch meint Lermontow sein ganzes Werk ironisch? Wo ist dann der Held, wenn wir doch nur einen Un-Helden finden?
Betrachtet man Petschorin von einer anderen Seite, so kann man festhalten, dass er eigentlich doch moralisch gefestigt ist. Er strotzt vor Mut, ist intelligent, übernimmt Verantwortung, ist tollkühn und ritterlich. Aber warum wirkt er nicht als Held, wenn er doch alle Eigenschaften eines Helden in sich vereint?
Sein Zynismus entspringt der Perversion seiner Zeitgenossen. Der Durchschnittsmensch achtet nicht mehr auf Moral, Tugend kehrt sich in Untugend, die gesellschaftliche Norm besteht aus Betrug, Heuchelei, Geltungsmacht und Dekadenz.
Idealismus, was einen Helden ausmacht, hat seinen Platz in der Gesellschaft verloren. Solche Eigenschaften werden verpönt und belächelt. Und so muss der Held dieser Zeit in bitteren Zynismus verfallen und seinen Charakter verstellen.
Diesen Überdruss und die dekadente Langeweile findet man auch heute in unserer Gesellschaft. Auch wir leben in einer Zeit des Mittelmaßes, zu hohe Ansprüche an die menschliche Moral sollte man nicht mehr stellen, aber so ganz ohne Fass und Boden entspricht es auch nicht.
Ob nun Petschorin ein ganzer Held, oder ein ganzer Anti-Held ist, irgendwo in der Mitte werden wir ihn wohl ansiedeln können. Denn nicht alle Menschen im Werk, die diesem Helden begegnen, entsprechen diesem unsittlichen Bild. Petschorin erwidert ihnen allerdings die gleiche Verachtung.
Von der Thematik her gefiel mir dieses Werk ausgezeichnet. Die verschieben Betrachtungsweisen, die einzelnen Geschichten, was für die damalige Zeit ganz neu war, die Komplexität, ja genau das, missfiel mir allerdings am Werk. Es wirkte alles ein wenig zu abrupt und nicht zu ende ausgesprochen.
Im Nachwort wurde von Stendhals „Rot und Schwarz“ berichtet, ein Werk mit der gleichen Thematik, welches ich wohl bald lesen werde.
Heidi Hof
Verlag der Kunst Dresden, 1990, Übersetzung: Günther Stein, gebundene Ausgabe mit Illustrationen von Georg Eisler, 222 Seiten, ISBN: 3-364-00203-7
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“Die schöne Olessja” von Alexander Kuprin
18.4.2009 von Krümel.
Den russische Adligen Iwan Panytsch hat es für ein halbes Jahr in ein gottverlassenes Dörfchen verschlagen und aus Langweile und Neugier macht er sich auf die Suche nach der sagenhaften Hexe, die im angrenzenden Wald leben soll. Er findet jedoch nicht nur die alte Hexe Manuilicha, die wegen ihr nachgesagter übernatürlichen Kräfte aus dem Dorf verbannt wurde, sondern auch deren wunderschöne und intelligente Enkelin Olessja.
Wie es sich für eine Liebesgeschichte gehört, verliebt sich Iwan in die junge Frau, doch das „Schicksal“ ist dieser Liebe nicht gnädig…
Diese traditionelle Erzählung zählt zu einer der bedeutendsten des silbernen Zeitalters der russischen Literatur. Mag sie auch nur 120 Seiten kurz sein, impliziert sie viele Aspekte der Russischen Gesellschaft am Beginn des 20. Jahrhunderts.
Das Städtische trifft das Dörfliche, der Aufgeklärte das Metaphysische, der Humanismus die Barbarei…
Kuprin, zunächst Anhänger und Unterstützer der russischen Revolution, äußert seine Einstellung auch in dieser Erzählung:
Zu allem anderen war mir dieses Händeküssen zuwider(…). Hierbei handelte es keineswegs um die Regung eines dankbaren Herzens, sondern einfach um eine abscheuliche, durch jahrhundertelange Sklaverei und Unterdrückung eingeimpfte Angewohnheit.
Seine Abneigung gegen die bewaffnete Macht, deren Angehöriger er selbst 14 Jahre lang war, versteckt er auch nicht:
Und ich wunderte mich nur über den besagten Buchhalter aus dem Unteroffizierstande und den Landpolizeiaufseher, wenn ich sah mit welch unerschütterlicher Wichtigkeit sie ihre riesigen roten Tatzen den Lippen der Bauern hinhielten.
Mit starkem Einfühlungsvermögen und wohlgesinnten Worten beschreibt Kuprin das Leben der zwei verstoßenen Frauen, die Entwicklung der Liebe zwischen Iwan und Odjessa. Die Illustration der schleichenden Missgunst des Dieners und der Reaktion der Dorfbevölkerung gelingt ihm einwandfrei indem er auf dramatische Effekte verzichtet.
Und doch ein Wermutstropfen: Dem Übersinnlichen und dem sogenannten Schicksal wird eine Bedeutung beigemessen, die mich unangenehm berührt hat.
Alexander Iwanowitsch Kuprin (1870 – 1938) verfasste Erzählungen aus dem Alltagsleben Russlands. Die verschiedenen Berufe und wechselnde Arbeitsplätze ermöglichten ihm Kontakt zu unterschiedlichsten Menschen und diese wurden Protagonisten seiner Geschichten. Neben den zahlreichen Novellen, veröffentlichte er auch mehrere Romane, so Das Duell, der einen differenzierten Blick auf das Militär wirft, dann der Moloch, wo kritisch die früh-kapitalistische russische Industrialisierung thematisiert wird.
1919 emigriert Kuprin zunächst nach Finnland und kurz danach nach Paris. Obwohl von russischen Schriftstellern umgeben, acht Erzählbände und drei Romane in Riga, Paris, Berlin und Belgrad veröffentlicht werden, kann er sich mit dem Emigrantenleben nicht abfinden.
Über Russland nach einem optischen Gedächtnis kann ich nicht schreiben, meint er und widmet sich der dokumentarischen Prosa aus dem in Frankreich erlebten.
1937, an fortgeschrittener Demenz leidend, laut Bunin, kehrt er in die Sowjetunion zurück, wo er ein Jahr später stirbt. (Quelle: Wolfgang Kasach)
Valerija
Insel Verlag Frankfurt am Main, 2000, vergriffen, aber gebraucht erhältlich, 133 Seiten, ISBN: 978-3458342908
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“Oben ist es still” von Gerbrand Bakker
15.4.2009 von Krümel.
Oben wie unten ist es sehr still, ein ganz leiser Roman mit tiefer Wirkung.
Niederlande, in der Nähe von Amsterdam befindet sich ein kleiner Bauernhof mit Kühen, Schafen, Hühnern und zwei Eseln. Auf dem Anwesen wohnt Helmer mit seinem alten Vater zusammen.
Der Roman beginnt mit den Worten: “Ich habe Vater nach oben geschafft.” Helmer trägt nicht nur seinen gebrechlichen Vater nach oben, sondern auch das alte Bild mit den schwarzen Schafen, die Standuhr, die Familienfotos und die alten Möbel. Unten beginnt er zu renovieren, reißt den uralten Teppich heraus, streicht die Dielen sowie die Fensterrahmen. Er bestellt sich sogar für sein neues Schlafzimmer, das ehemalige Elternschlafzimmer, ein neues Bett. Ein Befreiungsschlag!
Denn Helmer wollte gar nicht Bauer werden. Er hat nach dem Abitur Literaturwissenschaft studiert bis an den Tag als sein Zwillingsbruder Henk starb. „Jetzt bist du der Bauer.“
Nur noch halb anwesend begibt sich Helmer in dieses Schicksal. Doch jetzt ist er Mitte 50 und nur die zwei Esel entspringen seinen Wünschen. Er mag keine Kühe, und Schafe sind dumm. Morgens melken und füttern, abends melken und füttern. Im Frühjahr, im Sommer, im Herbst und im Winter.
“Ich habe Vater nach oben geschafft.”
Der Roman spiegelt eine trostlose Verlassenheit, und ist in einer ganz kargen Sprache geschrieben, aber diese Ödnis hätte er anders nicht besser verdeutlichen können. Eigentlich ist alles tot: Oben die Toten und der Vater, der schon ein bisschen tot ist, und unten der Lebendige, der aber auch schon halb tot ist. Aber durch den Akt, die Toten nach oben zu bringen, kann sich Helmer in ganz kleinen Schritten etwas befreien, die ganze Last kann er jedoch nicht abwerfen.
Ein wunderbares Roman-Debüt von Bakker, bei dem man hoffen darf, dass da noch einige weitere gute Bücher folgen werden. Lediglich einen Schönheitsfehler besitzt das Werk, dass nämlich eineiige Zwillinge nie so verschieden sind. Dennoch sehr empfehlenswert!
Gerbrand Bakker wurde 1962 geboren, studierte niederländische Sprach- und Literaturwissenschaft in Amsterdam, arbeitete als Übersetzer und besitzt auch ein Diplom als Gärtner. Bisher hat er ein etymologisches Wörterbuch herausgebracht.
Heidi Hof
Suhrkamp Verlag Frankfurt am Main, 2008, OT: Boven is het stil, Übersetzung: Andreas Ecke, Hardcover 19,80 €, 316 Seiten, ISBN: 978-3-518-42013-3
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“Der Liebhaber” von Marguerite Duras
13.4.2009 von Patrick.
Sie blättert in den Seiten ihrer Vergangenheit, ein Blick auf alte Fotografien, schwarz-weiß, verblasst. Sie erkennt darin ihre Kindheit wieder und spürt den Schmerz von einst, den sie in all den Jahren nie losgeworden ist. Eine peinigende Traurigkeit dominiert, wenn eine Szene verblendet ans grelle Tageslicht hervor kriecht. Hilflos muss sie zusehen, wie diese Szene andere Szenen anlockt und wie sie sich vermehren als wenn eine Krankheit ihren Geist befällt. Ein Ausflug in ihre Kindheit steht ihr bevor, ins Land der ungebrochenen Tabus, über Straßen unausgesprochener Dinge. Eine raue, erbarmungslose Wanderung in die unverarbeiteten Abgründe ihres Innern. Sie erzählt eine wahre Geschichte, ihre Geschichte, mit jener Ausdrucksfähigkeit, aus der Theater, Film und Literatur ständig zu zehren bereit sind, um Fiktion darzustellen. Eine Handvoll Wörter, die einen ganzen Kosmos bergen. In stillen, ernsten und bestimmten Worten kleidet Duras ihr entstehendes Mosaik an Erinnerungen. Dieser autobiografische Kern ist geschrieben wie ein Gedicht, und wer wird wohl bestrebt sein, ein Gedicht zusammenfassen zu wollen. Fragmente, Erinnerungsfetzen, Schweigen, Demut, Liebe, Tod. Lose Sätze, die fortgetrieben würden, hätten sie nicht die lastende Schwermütigkeit zu tragen. Ein Gedicht … eingenäht im Stoffgewebe der Prosa.
Es ist wohl eine aufs äußerste aufgeschobene, eine längst überfällige Reise, die ihren Weg ans Licht sucht und die wohl ohne Stolz und Ehre auskommen muss, drüben im franz. Indochina, als Fremde unter Fremden. Mit fünfzehn Jahren sieht sie sich mit fast durchsichtigem Kleid, goldenen Schuhen und Strohhut am Rande des Mekong stehen. Ihre frühreife Vorahnung zeichnet sich in ihren kindlichen Gesichtszügen ab, sie beargwöhnt ihren freizügigen Auftritt, der sie eigentlich lächerlich machen müsste. Doch niemand lacht. Eine Bettlerin im Gewand einer Königin im dunklen Schatten der Erniedrigung. Sie erkennt ihre Pflicht als Familienmitglied nachdem ein junger, reicher Mann sie anspricht. Ihr wird die ihr zugewiesene Rolle in diesem dramatischen Stück bewusst und spielt sie mit fabelhafter Hingabe; ohne Koketterie, doch erhaben. Sie verdreht dem Liebhaber den Kopf durch die eifrige Selbstlosigkeit in hoffender Erwartung einer hohen Gage; das Publikum applaudiert, er verliebt sich, möchte sie heiraten, ihm zuliebe hängt sie noch eine Zugabe an ihren Auftritt.
Der Lärm der Stadt ist so greifbar nah, dass man hört, wie er ans Holz der Jalousien schlägt. Es dröhnt, als gehe die Menschenmenge durchs Zimmer. Ich liebkose seinen Körper in diesem Lärm der durchziehenden Menge. Das Meer, die Unendlichkeit, die sich formt, sich entfernt, zurückkehrt. Ich hatte ihn gebeten, es wieder und wieder zu tun. Es mir zu tun. Er hat es getan. Er hat es getan im Seim des Bluts. Und das war zum Sterben schön. Zum Sterben.
Gezeichnet ist sie, ein treibender Baumstumpf im anrüchigen Schlamm, und wird ihr der skandalträchtige Ruf bewusst, verstummt sie, meidet sie das „ich“ und redet über sich wie von einem fremden Kind. Das Geld bringt sie ihrer Mutter, die es unkommentiert entgegennimmt, solange die Gesellschaft die Liebesbeziehung nicht mitkriegt. Ansonsten drohen ihr Schläge, weil sie den Ruf der Familie beschädigt hat. Das Schweigen dominiert im Elternhaus. Die Armut hat tiefe Krater in die Familienstruktur gegraben, dessen „Teilnehmer“ bis auf das gemeinsame Blut ohne Bindung sind. Die Liebe der Mutter zu ihrer Tochter und den beiden Söhnen wurde längst gepfändet, um die Misere zu bekämpfen. Die Fesseln einer bekennenden Hassliebe zwischen Mutter und Tochter werden zum Hindernis, zum Gegenstand eines immerwährenden Kampfes, eines aussichtslosen Kampfes, eines Konfliktes ohne Sieger. Dabei mag die Mutter weder Schwächen zeigen, noch empfindet sie Wohlwollen zu den Schwachen. Sie, die Verrückte von Saigon, sucht Trost bei ihrem ältesten Sohn. Ihn unterstützt sie, ihn, den brutalen Despoten, der verzweifelt um sich schlägt.
Ich sehe den Krieg in denselben Farben wie meine Kindheit. Ich verwechsle die Kriegszeit mit der Herrschaft meines älteren Bruders. […] Der Krieg erscheint mir wie er: er breitet sich überall aus, dringt überall ein, stiehlt, nimmt gefangen, ist allgegenwärtig, mit allem vermischt, in alles verwickelt, anwesend im Körper, im Denken, im Wachen, im Schlaf…
Ein Kampf um gerechte Liebe, um Aufmerksamkeit, um Anerkennung. Doch verlieren tun sie alle. Sie sind in ihren Bemühungen gescheitert, lange bevor sie nach Frankreich übersiedeln. Die einzige Liebe, die Marguerite in Vietnam empfing, war die des Liebhabers. Eine verbotene Liebe, die unerfüllt nach Europa ausgewandert ist. Ein makabrer Umstand, gerettet von einem Hauch Geborgenheit vor der drohenden Endgültigkeit.
Der Körper meines Bruders ist tot. Die Unsterblichkeit ist mit ihm gestorben.
Suhrkamp-Verlag, 2008, kartoniert 7,00 € ISBN: 978-3518381298
Geschrieben in Patrick, Roman | Keine Kommentare »
“Melnitz” von Charles Lewinsky
10.4.2009 von Krümel.
„Immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück“. Mit diesem Satz beginnt und endet der Roman über das Leben einer jüdischen Familie in der Schweiz zwischen 1871 und 1945. Wer sich partout nicht begraben lässt, ist Onkel Melnitz. Als ruheloses Gespenst der Erinnerung an die von Verfolgung und Leid geprägte Geschichte der Juden geistert er durch die Handlung, mischt sich mal mit stichelndem Spott, mal mit beißender Ironie in die Entscheidungen seiner Sippe ein und warnt sie davor, sich Illusionen hinzugeben, denn „ein Jude bleibt ein Jude bleibt ein Jude“. Am Ende wird er Recht behalten.
Die Erzählung setzt 1871 in Endingen ein, einem von zwei Schweizer Dörfern, in denen Juden sich dauerhaft niederlassen durften. Hier lebt Salomon Meijer mit seiner Frau Golde, seiner verwöhnten Tochter Mimi und der Ziehtochter Channele mit den zusammengewachsenen Augenbrauen und dem nüchternen Verstand. Der knorrige Patriarch hat es als Viehhändler zu einem gewissen Wohlstand gebracht und ist stolz darauf, überall als ehrlicher Mann zu gelten. Doch das fest gefügte, von religiösen Traditionen geprägte Leben der Familie ändert sich grundlegend, als am Ende der Trauerwoche für Onkel Melnitz eines Nachts ein aus Kriegsgefangenschaft entflohener französischer Soldat an die Tür klopft und sich als entfernter Verwandter vorstellt. Janki Meijer will sich nicht mit einer stillen Existenz am Rande der Gesellschaft zufrieden geben. Er träumt von einem eigenen Geschäft, von Erfolg und Ansehen. Wenig später ist er nicht nur der Schwiegersohn Salomon Meijers, sondern auch Besitzer eines Stoffladens in der nahe gelegenen Kleinstadt Baden. Damit beginnt der wirtschaftliche Aufstieg der Familie, aber auch ihr ständiger Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. Die Meijers haben Glück, in der Schweiz ist der Antisemitismus nicht mörderisch. Doch auch hier werden die Juden nur geduldet und müssen mit Ausgrenzung, Feindseligkeiten und Demütigungen leben. Vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens folgt der Roman den Lebenswegen von fünf Generationen, deren Schicksal, vom altmodischen Opa Salomon bis zu dessen kämpferischen Ururenkel Hillel, immer auch exemplarisch für das Schicksal der Juden in dieser Epoche ist. Scheint sich ihre Hoffnung auf Gleichberechtigung in der wirtschaftlichen Blütezeit nach dem deutsch-französischen Krieg zunächst zu erfüllen, bedeutet das antisemitisch motivierte Schächtverbot 1893 einen herben Rückschlag. Auch von den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, den Weltkriegen, den Judenpogromen in Osteuropa, dem Nationalsozialismus und der Massenvernichtung, bleibt die Familie nicht verschont. Wenn am Schluss Onkel Melnitz gar nicht mehr weggeht, in jedem Haus wohnt, an jedem Tisch sitzt, in jedem Bett schläft, werden auch die Hoffnungen und Pläne der Familie Meijer gescheitert sein.
„Melnitz“ ist eine facettenreiche, historisch detailgetreue Familienchronik mit nicht sehr differenziert gezeichneten, aber einprägsamen Figuren, lebendigen Dialogen und hintergründigem Humor. Obwohl sie spannend zu lesen ist, werden dramatische Töne vermieden. Die Meijers sind durchschnittliche Leute und führen ein durchschnittliches Leben, in dem wohltätige Kleidersammlungen, Veranstaltungen des Turnvereins und kleine Familienfeste schon die Höhepunkte bilden. Was ihnen an Glück und Leid widerfährt, und das ist im Laufe eines dreiviertel Jahrhunderts nicht wenig, wird mit großer Gelassenheit, Witz und Melancholie geschildert. Einen breiten Raum nimmt die Beschreibung jüdischer Sitten und Gebräuche ein, die der Geschichte Authentizität verleihen und trotz ihrer zunächst etwas exotischen Wirkung den Leser immer vertrauter mit der Familie werden lassen. Gekonnt verwebt Lewinsky die individuelle Geschichte seiner Figuren mit dem Schicksal der Juden in der Schweiz und in Europa. Bei aller Unterhaltsamkeit ist in dieser opulenten Familiensaga das pessimistische Weltbild stets spürbar. Auch im hanswurstartigen Auftreten des Widergängers Onkel Melnitz mit seinem meckernden Lachen und seinem um den knochigen Körper schlotternden schwarzen Anzug schwingt immer ein Moment des Grauens mit. Obwohl man bisweilen vorhersieht, was kommen wird, und die jüngeren Generationen etwas blass bleiben, ist „Melnitz“ ein gut gemachter, lesenswerter Schmöker.
Monika
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, Broschierte Ausgabe 12,90 €, 784 Seiten, ISBN: 978-3423135924
Geschrieben in Monika, Roman | Keine Kommentare »
Literaturlexikon für Kinder im Internet
8.4.2009 von Krümel.
Nun wurde dieses Lexikon für die Altersgruppe der Sechs- bis Zwölfjährigen erweitert. Start soll am kommenden Freitag sein, also am 10. April 2009.
Als fiktive Herausgeberin fungiert die Leseratte „Klops“.
Was findet man nun alles bei Rossipotti?
Man kann über das Leben bekannter Kinderbuchautoren nachlesen, literarische Fachbegriffe werden erklärt, die verschiedenen Epochen werden beschrieben und natürlich kann man auch sehr viel Wissenswertes über die verschiedenen Genres erfahren. Das reicht vom Comic bis zu den Märchen. Die Texte werden ergänzt durch Illustrationen, sowie durch Filme und Animationen.
Hervorzuheben ist, dass die Kinder sich auch aktiv beteiligen können. So sind sie beispielsweise aufgerufen, Inhaltsangaben zu den einzelnen Büchern zu schreiben.
Ein Blick auf diese Internetseite lohnt sich – nicht nur für Kinder.
Eine Literaturseite für Kinder (aber auch Erwachsene dürfen mal schauen)
Geschrieben in Bücher-Tipps, Jan | Keine Kommentare »
“Mann im Dunkel” von Paul Auster
6.4.2009 von Krümel.
Amerika im Jahr 2007. Owen Brick erwacht in einem dunklen Erdloch. Wie er dort hineingeraten ist, weiß er nicht mehr. Der ihn befreiende Uniformierte erteilt ihm den Auftrag, in die nächste Stadt zu gehen und jenen Mann zu erschießen, der den momentan tobenden amerikanischen Bürgerkrieg verursacht hat. Owen Brick sieht sich in einem Amerika, das er nicht kennt. Es gab kein 9/11, es gibt keinen Irak-Krieg. Stattdessen herrscht innerhalb der Staaten ein zermürbender Bürgerkrieg. Und jener Mann, der als Urheber dieses Bürgerkriegs bezeichnet wird, ist niemand anderer als der Schriftsteller August Brill, der in seinen schlaflosen Nächten die Figur des Owen Brick und die Geschichte jenes utopischen Amerikas erfunden hat. Der Kreis schließt sich, Fiktion und Realität verweben sich immer mehr. August Brill ist 72, verwitweter Literaturkritiker, lebt mit seiner Tochter Miriam und seiner Enkelin Katya im Haus seiner Tochter. Seit seinem Autounfall sitzt er im Rollstuhl bzw. ist er ans Bett gefesselt. Seine Frau Sonia starb vor einigen Jahren an Krebs, seine Tochter wurde nach vielen Jahren Ehe von ihrem Mann Richard verlassen, Katyas Lebensgefährte Titus ist verstorben. Auf welche (grausame) Art, erfährt man am Ende des Buches. Alle drei haben Schicksalsschläge zu verarbeiten, Fehltritte zu bereuen und Verluste zu beklagen, jeder der drei macht dies auf seine eigene Art. Während August in seinen schlaflosen Nächten Geschichten wie die obige erfindet, (um die Gedanken an die Vergangenheit zu vertreiben), zieht sich seine Enkeltochter einen Film nach dem anderen rein (um in ihrem Kopf herumgeisternde Bilder zu übertünchen) und investiert seine Tochter ihre ganze Aufmerksamkeit in das Schreiben einer Biografie über die Frau von Nathaniel Hawthorne (um zu beweisen, dass man auch im Alter seinem Leben noch Sinn geben kann).
Man kann zu den „alten Herren“ Amerikas (ich denke da an Roth, Auster, Updike, Irving, etc.) stehen wie man will: Ihr Handwerk verstehen sie! Genial, wie die Parallelwelten ineinanderfließen, wie sich reale Personen in der von August Brill erfundenen Geschichte wiederfinden, die Vergangenheit und die momentane Situation bewältigt werden und zugleich Kritik an Amerikas Innen- u. Außenpolitik geübt wird. Berührend die Beziehung zu seiner Tochter und seiner Enkelin, die ebenfalls große Verluste zu bewältigen haben und auf ihre Art versuchen, damit fertig zu werden. Das Lesen dieses Buches gleicht einer Achterbahnfahrt der Gefühle, hin- und hergerissen zwischen todtraurig, hoffnungsvoll-tröstend, unheimlich liebevoll, bewegend und dann wieder grausam-schockierend, erzählt mit einer unfassbaren Leichtigkeit. Ein Buch, das mich tief berührt und bewegt hat, ein geniales Buch.
Christine
Rowohlt Verlag, 2008, Übersetzung: Werner Schmitz, Hardcover 17,90 €, Seiten 224, ISBN: 978-3498000806
Geschrieben in Christine, Roman | Keine Kommentare »




