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Archive für Februar 2009

“Königliche Hoheit” von Thomas Mann

Eine anrührende Erzählung in einer wunderbaren Sprache, die sich sehr angenehm liest.

„Königliche Hoheit“ oder Klaus Heinrich wird als zweitgeborener Spross des alten Großherzogs von Grimmburg geboren. Sein Bruder Albrecht II. ist sehr gebrechlich, aber auch Klaus Heinrich besitzt eine „Hemmung“: Seine linke Hand sowie Unterarm sind verkürzt und verkrüppelt. Doch eine Zigeunerweisheit besagt, `dass ein Prinz kommen wird, der mit einer Hand dem Volke mehr Glück brächte, als einer mit zwei.`
Das Königreich ist verarmt, der Staatsforst ausgebeutet, die Schlösser verfallen und von Jahr zu Jahr wird die Verschuldung höher.
Als nun der alte Großherzog stirbt und Albrecht II. die Staatsgeschäfte übernimmt, vergeht nicht viel Zeit bis Klaus Heinrich die meiste Repräsentation nach außen vertritt, da sein Bruder dafür gesundheitlich zu schwach ist. Eine tiefe Krise droht dem Königreich ein Ende zu setzen, wenn da nicht die superreiche Familie Spoelmann aus Amerika erschienen wäre …

Thomas Mann arbeitet im ersten Drittel wunderbar heraus wie sich Menschen fühlen, die von Beginn an zu Höheren geboren wurden, welche Außenseiterrolle einer einnimmt, wenn ein „hoher Beruf“ wartet, oder wenn man durch enormen Reichtum eine Sonderstellung innehält.
Die Sprache ist kunstvoll gesetzt und klingt wie Musik in den Ohren, was über vieles im Werk hinweg sehen lässt. Denn die ganze Geschichte ist von Anfang an durchschaubar und birgt keinerlei Überraschungen.
Der autobiographische Aspekt, dass Imma Spoelmann Katia Mann darstellt, und Klaus Heinrich Thomas Mann präsentiert ist raffiniert und teilweise auch witzig angelegt. (So hatte ich mir Katia gar nicht vorgestellt, denn im späteren Leben ordnet sie alles dem „Zauberer“ unter.)
Die wirtschaftliche Krise und die Verarmung des Staates sind hoch aktuell und spiegeln die heutige Zeit.
Aber insgesamt kann man dieses Werk zu den schwächeren des Großmeisters zählen, ich würde es zu „Lotte in Weimar“ einordnen.

Heidi Hof

Deutsche Buchgemeinschaft Berlin, 1966, gebundene Ausgabe Halbleder, 376 Seiten

“Schneemann” von Jo Nesbø

jo.jpgHarry Hole ist ein erfahrener Osloer Polizist mit seinen kleinen Eigenheiten. In seinem 7. Fall jagt er einen äußerst brutalen Serienmörder, der es auf auf junge Frauen mit Kindern abgesehen hat. Vier tötet er auf bestialische Weise. Als Markenzeichen hinterlässt er einen Schneemann in den Gärten der Opfer. Nach und nach wird klar, dass die Morde direkt mit den Kindern im Zusammenhang stehen müssen. Aber Holt ist bei diesem Fall auch persönlich involviert, der Täter hat seine Geliebte im Visier.

Dies war der erste Roman, den ich von Jo Nesbø gelesen haben. Dass es bereits der 7. Fall des Ermittlers Harry Hole war, beeinträchtigte mein Lesevergnügen keineswegs. Auch bei der Person des Ermittlers wurden keine Kenntnisse vorausgesetzt, sondern Informationen über dessen Vergangenheit geschickt mit der Handlung verbunden. Der Autor hat einen fantastischen Spannungsbogen hergestellt und gehalten. Die Taten waren realistisch beschrieben und forderten vom Leser schon eine gewisse Härte. Die Idee des Krimis war komplex, gut ausgefeilt und sorgte für einige Überraschungen. Bereits in der ersten Hälfte des Buches hatte ich einen Verdacht, wer der Schneemann sein könnte. Aber im Verlauf der Handlung kam mir diese so abstrus vor, dass ich sie verwarf – nur, um am Ende festzustellen, so falsch lag ich nicht. Genau das machte diesen Krimi aus. Unverhoffte Wendungen, die nicht an den Haaren herbeigezogen waren, sondern vom Autor logisch gefügt wurden. Die Sprache war so wie ich sie mir für einen Kriminalroman wünsche, leicht und flüssig zu lesen, schnörkellos, nichts soll den Lesefluss hemmen. Einzig kritikwürdig empfand ich das Ende, das war mir – wie bei vielen anderen Büchern dieses Genres – zu actionlastig. Hatte da der Autor vielleicht ein eventuelles Drehbuch im Hinterkopf?

„Schneemann“ ist ein sehr spannender Kriminalroman, der Lust auf seine Vorgänger gemacht hat. Für Krimileser ist er ein absoluter Buchtipp. Für mich war es nicht der letzte Nesbø.

Über den Autor
(Quelle: Amazon.de)
Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Der erfolgreichste Autor Norwegens ist längst auch international ein Bestsellerautor, seine Romane um Kommissar Harry Hole werden in dreißig Sprachen übersetzt. Schneemann wurde - wie schon Nesbøs Debüt Der Fledermausmann - in der Kategorie “Bester Kriminalroman des Jahres” mit dem “Buchhändler-Preis” (Bokhandlerprisen) ausgezeichnet sowie mit dem “Buchclub-Leserpreis” (Bokklubben Nye Bøkers leserpris) als “Bester Roman des Jahres”. Jo Nesbø lebt in Oslo.

Zur Reihe um den Ermittler Harry Hole gehören:
1. Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
2. Kakerlaken (Kakerlakkene)
3. Rotkehlchen (Rødstrupe)
4. Die Fährte (Sorgenfri)
5. Das fünfte Zeichen (Marekors)
6. Der Erlöser (Frelseren)
7. Schneemann (Snømannen)

Heike

Ullstein Verlag 2008, Übersetzung: Günther Frauenlob, Hardcover 19,90 €,  512 Seiten, ISBN: 978-3550087578

“Bronsteins Kinder” von Jurek Becker

bronsteins kinderEin Jahr nach dem Tod seines Vaters blickt Hans zurück auf die letzten gemeinsamen Ereignisse, eine Zeit, die seine moralisch-ethischen Grundsätze lahm legen und er getrieben wird, sich mit seiner Herkunft auseinanderzusetzen. Ein gehemmter, zurückgezogener Jugendlicher ohne Freunde, der in eine Identitätskrise schlittert, ohne sich wirklich dessen bewusst zu sein. Als Jude auf nachkriegsdeutschem Boden lehnt er jede andersartige Behandlung ab, möchte nicht, dass zwischen sich und den deutschen Mitschülern unterschieden wird. Dabei kann es Deutschland sich nicht leisten, seinen Forderungen nachzukommen, lastet auf das Land doch eine immense Schuld, die durch etwaige Begünstigungen ans jüdische Volk abgetragen werden soll.

„Während er von dem Büro erzählt, an das die Opfer des Faschismus sich um Unterstützung wenden können, verfliegt meine Dankbarkeit […]
Er zählt auf, in welchen Angelegenheiten ihm selbst schon das Büro geholfen hat: bei Kuren, beim Autokauf, bei Urlaubsreisen. Sogar bei der Beschaffung einer neuen Geige. Da sollte es nicht möglich sein, für mich ein Zimmer aufzutreiben? Nach allem, was geschehen ist?”

Sein Vater Arno ist eines dieser Opfer, damaliger Häftling eines KZ. Als Hans sich mit seiner Freundin ins Wochenendhaus verabredet, ertappt er seinen Vater dabei, wie er mit Freunden einen ehemaligen KZ-Aufseher foltert, um aus ihm ein Geständnis zu erzwingen. Die Distanz zwischen sich und seinen Vater vergrößert sich, ein eisiger Wind beherrscht fortan die schon spröde Beziehung. Ein richtiges Gespräch über die bitteren Erlebnisse als Häftling hat nie stattgefunden, auch weil die Standpunkte beider grundverschieden sind. Und doch ist auch Hans ratlos, wie er mit der Entdeckung umgehen soll. Soll er seinen Vater anzeigen oder die Geißel befreien?

Aber war zwischen Tat und Gegentat nicht so viel Zeit vergangen, dass ein Affekt als mildernder Umstand nicht mehr in Frage kam? Darf einer, der mit dreißig Jahren geschlagen wird, mit sechzig zurückschlagen?

Jurek Becker hat den perfekten Ton getroffen, überzeugend verleiht er dem Jugendlichen eine Stimme, die Gelassenheit, Ausweglosigkeit und Verlassenheit ausstrahlt. Die Geschichte wird in zwei Zeitebenen unterteilt mit Arnos Tod als Wendepunkt. Ein anschauliches Beispiel über Selbstjustiz und Anklage, über Schuld und Reue und über die Traumatisierung und seelischer Verwundung jüdischer Opfer.

„Aber ihr irrt euch. Ich bin nicht der Sohn eines Opfers des Faschismus.“
Gleichzeitig fragten beide: „Was bist du sonst?“ Und: „Hast du den Verstand verloren?“
„Als ich geboren wurde, war er längst kein Opfer mehr.“
„Das ist man sein Leben lang, mein Lieber“, sagt Lepschitz, „das wird man niemals los.“

SZ-Bibliothek, 2005, Sonderausgabe 249 Seiten, ISBN 978-3937793443

“Der Wendepunkt” von Klaus Mann

Und Klaus Mann kannte sie alle!

„Er war homosexuell. Er war süchtig. Er war der Sohn Thomas Manns. Also war er dreifach geschlagen. Woran hat er am meisten gelitten? … „ (Marcel Reich-Ranicki 1976)

„Der Wendepunkt“ ist eine Autobiographie und darüber hinaus auch ein sehr subjektives Zeitzeugnis des vergangenen Jahrhunderts. Sie umfasst die Zeit von 1906 bis 1945. Klaus Mann wird 1906 als zweitgeborener Mann-Spross geboren. Mit seiner, nur knapp ein Jahr älter, Schwester Erika, die gemeinsam oft als Zwillinge auftreten, wird er sein ganzes Leben lang eng verbunden sein.

„Woran er am meisten gelitten hat?“ wird in den ersten zwei Kapiteln seiner Kindheit, anders als erwartet, nicht beschrieben. Thomas Mann wird als fürsorglicher Vater geschildert, der Gespenster aus dem Kinderzimmer vertreiben kann, der einfühlsam und mit Geschick auf die kindliche Phantasie einwirkt, und deshalb dauerhaft den Namen „Der Zauberer“ trägt.
Sicherlich ist auch eine gewisse Distanz vorhanden. Der „große“ Vater, der ja auch zeitlebens mit sich selber kämpft, und der in seinem Arbeitszimmer isoliert mit seinen Sätzen zaudert, ist nicht immer für die Kinder zu erreichen. Schließt man aber die Zeit mit ein, wo die Väter die Familie nach außen hin vertreten und für den Lebensunterhalt sorgen, so ist der „Zauberer“ keine all zu schlechte Vatergestalt: “Viel Glück mein Sohn. Und komm Heim, wenn du elend bist.”

Klaus Mann pubertiert und reift zum Mann in einem wilden Jahrzehnt, nämlich den 20 er des 20. Jahrhunderts. Seine Neigung ist ihm bekannt, aber sittlich illegal, die heißen Feste der Jugend, das Kokain, die verrufene Stadt Berlin, wo er mit seiner Schwester ein Theaterensemble gründet, und im Hintergrund erscheint der „Der Zauberberg“ sowie darauf folgend der Nobelpreis für die „Buddenbrooks“. Der erste Knacks?

„>Der Wendepunkt<: Das ist die raffiniert und ergriffen zugleich vorgetragene Schilderung einer glücklichen, aber gefährdeten, großbürgerlich-geborgenen, doch durch die Lust der Selbstzerstörung, die mit der allgemeinen Bedrohung des Zeitalters korrespondierende >Tendenz zum Abgrund< im privaten Bereich gefährdeten Jugend.“ (Walter Jens)

Was darauf folgt und meiner Meinung nach Klaus Mann den Rest gegeben hat, ist das Aufkommen des Faschismus, das braune Gespenst und die zahllosen Mitläufer, denen er kopfschüttelnd gegenübersteht. Klaus Mann wendet der Heimat am 13. März 1933 den Rücken zu, also kurz nach der Reichstagswahl und der Ernennung Hitler zum Kanzler. Er wandelt in ganz Europa umher, ist heimatslos, umhergetrieben und einsam. Die „Tendenz zum Abgrund“ ist gegeben, 1949 wählt er den Freitod.

Diese Autobiographie ist eine wunderbare subjektive Schilderung einer bedeutenden Zeit. Der Leser erhält tiefe Eindrücke wie es zu dieser Entwicklung kommen konnte.
Aber es ist eine Lektüre, die sehr viel Zeit in Anspruch nimmt, kein Werk zum weg lesen. Im Personenverzeichnis sind ca. 600 Personen aufgelistet, die natürlich alle im Werk erwähnt werden. Davon sind knapp 100 Personen ausführlicher beschrieben: An erster Stelle sicherlich seine Schwester Erika und der „Zauberer“, dann seinen väterlichen Ratgeber Stefan Zweig, seinen lebenslangen Freund André Gide, Ricki der Schulfreund (Richard Hallgarten), sein Onkel Heinrich Mann, und seine Mutter. Aber er kannte sie alle: Sybille Bedford, Eduard Benesch, Gottfried Benn, Björn Björnson, Bertoldt Brecht, Clemens Brentano, Paul Cézanne, Bruno Frank, Stefan George, Oskar Maria Graf, Gerhart Hauptmann, Ödön von Horvath, Ibsen, Kafka, Remarque, Rilke, Anna Seghers, Süskind, Tucholsky, die Wedekinds, Franz Werfel, Oscar Wilde, Zuckmayer und, und, und … um nur einmal ein paar zu erwähnen.

Heidi Hof

Clubausgabe Bertelsmann, Bibliothek des 20. Jahrhunderts, Sonderausgabe herausgegeben von Walter Jens und Marcel Reich-Ranicki

“Das dunkle Spiel” von C.S. Mahrendorff

spiel.jpgNimmt im letzten Teil das Wirken der „Schwarzen Hand“ ein Ende?

Wie schon in den ersten beiden Bänden „Und sie rührten an den Schlaf der Welt“ und „Der Walzer der gefallenen Engel“ ist Dr. Heydinger auch im dritten Band auf der Suche nach dem Kopf der Geheimloge, eine antisemitische und antiserbische Organisation, die im Wienerhof ihre dunklen Spiele treibt.
Diesmal wird nebenbei kein psychoanalytischer Fall behandelt, sondern der jüdische Komponist und Direktor der Wiener Hofoper Gustav Mahler steht im Mittelpunkt der Erzählung. Der Musiker wird mit Drohbriefen der „Schwarzen Hand“ bombardiert, er solle sein Amt niederlegen, da der Hof nicht vom jüdischen Pöbel untermauert werden soll.
Gemeinsam mit dem Grafen Rheinsberg versucht nun Dr. Heydinger die Loge aufzudecken.

Der zweite Handlungsstrang, die Liebesbeziehung zwischen dem Arzt und der Sängerin Lena, verläuft ziemlich düster. Lena hat zwischenzeitlich Fuß in Amerika gefasst, ihre musikalische Kariere entwickelt sich. Allerdings führt diese lange Trennung zur Entfremdung des Pärchens. Lena lernt einen anderen Mann kennen, und verlobt sich.

In Wien schafft es unterdessen die Geheimloge, dass Mahler seinen Direktorposten aufgibt, und nach Amerika flüchtet. Und so wechselt der Schauplatz zwischen beiden Kontinenten.
Das Einwirken der „Schwarzen Hand“ auf die jüdische Bevölkerung in Wien findet ihren Höhepunkt, es wird gemordet, erpresst und Unfälle inszeniert, so dass der Leser und auch Dr. Heydinger immer hoffungsloser werden.

Der Roman hält sich in Bezug auf den Komponisten ziemlich genau an dessen Biographie. Fiktiv ist das Drum und Dran, welches aber die Spannung aufrecht erhält und den Roman höchst interessant gestaltet.
Mahrendorff hat mit dieser Trilogie ein äußerst beeindruckendes Werk vorgelegt. Der fiktive Rahmen und die inneren analytischen sowie biographischen Tatsachen machen dieses Werk zu einem echten Lesevergnügen. Sprachlich ist es liebevoll und gekonnt geschrieben. Schade, dass es nun für mich ein Ende nimmt, denn durch den frühen Tod des Autors, findet mit „Das dunkle Spiel“ den unwiderruflichen Abschluss. Ich habe alle drei Bände sehr gerne gelesen!

Heidi Hof

Lübbe Verlag, 2003, Hardcover sowie Taschenbuch vergriffen, 507 Seiten, ISBN: 3-7857-1541-2

“Oliver Twist” von Charles Dickens

oliver twistDer Titelheld wächst unter elendsten Bedingungen auf. Seine Mutter stirbt nach der Geburt und er wird daher mit Widerwillen des Vorstands erst in einem Armenhaus, später ins Waisenhaus untergebracht. Mit Widerwillen, weil die junge Frau ohne Ring am Finger starb und der kleine Oliver zwangsläufig unehelich geboren sein muss, also als Produkt der Sünde. Die Leitung dieser Institutionen gelingt es, Profit aus den bedürftigen Bälgern zu schlagen.

„Mit achteinhalb Pence lässt sich nicht viel bestreiten, aber die würdige Hausdame war eine kluge und erfahrene Frau und wusste, wie leicht sich Kinder überfressen können und was ihnen zuträglich war. Sie verwendete daher den größeren Teil des Kostgeldes zu ihrem eigenen Wohl und verstand es auf diese Weise, die gesetzliche Grausamkeit noch um ein Beträchtliches zu vertiefen.“

Von Hass, Neid und Niedertracht gepeinigt, flieht Oliver in die Stadt. Ganoven nehmen ihn auf, weihen ihn in die Künste des Taschendiebstahls ein und verlangen von ihm die pflichteifrige Ausübung der neu erworbenen Kenntnisse, denn wie überall herrscht die Gleichung „keine Leistung ohne Gegenleistung“. Oliver weigert sich aber hartnäckig, seine weiße Weste zu beschmutzen und würde lieber sterben, als Unrechtes zu tun. Erst als ihn ein barmherziger alter Herr von der Straße Londons aufliest, erkennt er eine neue, ihm unbekannte Seite, eine liebenswerte Welt. Doch die Ganoven sind auf der Jagd nach ihm …

Dickens schreibt ein sehr realistisches Abbild des Elends seiner Zeit. Ein düsteres London, das - mir zumindest - so noch nie gezeigt wurde. Er scheint mir der einzige Autor der viktorianischen Epoche zu sein, der sich so tief in die niederen Abgründe getraut. Eine brutale Welt, ein leidvolles Panorama, glänzend beschrieben.

„Vor den Trödlerbuden hängen die schmierigsten Lumpen, und Arbeiter der niedrigsten Klasse, Lastträger, Kohlenfuhrleute, dann frech dreinblickende Dirnen und zerlumpte Kinder, kurz, der Auswurf des Themseufers drängt sich hier zusammen.“

Als Titelheld allerdings kommt Oliver zu selten zum Zuge. Außer liebenswürdig, nett und mitleiderregend dreinzublicken hat er eigentlich nichts weiter zu tun. Eine passive, eindimensionale Figur, die zur Lichtgestalt in der Literatur erhoben wurde, dem kein böses Wort über die Lippen kommt, dem keine grausame Tat etwas anhaben kann. Wie ein Schutzschild prallt alle Bösartigkeit von ihm ab, seine Tugenden bleiben unversehrt, sein moralisches Glaubensbekenntnis hält er wie ein Banner vor sich und leuchtet gleißend im elendsten Viertel der Stadt. Sein Leben wäre um so vieles erträglicher, wenn er sich den Gaunern angeschlossen hätte, wenn er sich sein Abendbrot illegal angeeignet hätte. Aber er trotzt diesen Verlockungen, kauert lieber verhungernd im Graben – der Autor wird sich schon etwas einfallen lassen, um ihn dort herauszuziehen. Dies nämlich soll als weiterer Kritikpunkt herhalten - diese überhäuften Zufälle, die den Handlungsverlauf steuern, zugunsten der Aufrechterhaltung gewisser Spannung, die aber entscheidend an Realitätsnähe einbüßen lassen.

Die satirische Note, seine Umwelt, vor allem aber die höhergestellte Gesellschaft zu zeichnen, womöglich zu kritisieren, lockert den Roman auf humorvolle Weise auf. Die Bürokratie, der Leiter des Waisenhauses, der Arzt, … fabelhaft! Leider verflüchtigen sich diese Einschübe, je weiter man liest.

Der Autor gibt sich viel Mühe, die Kinder in barbarischsten Verhältnissen zu beleuchten. Oliver wird als Opfer des Systems präsentiert. Manchmal neigt er zu Übertreibungen, provoziert die Tränendrüse des Lesers, erhöht mit pathetischen Phrasen das Mitleid um den kleinen Bengel. Woher kommt der christliche Edelsinn des Oliver, der niemals ein freundlichen Blick empfangen, niemals ein gefälliges Wort gehört hat? Theoretisch müsste er sich doch ebenfalls zum Schurken entwickelt haben. Psychologisch unglaubwürdig, wie fast alle Figuren. Was hat Oliver an sich, dass ausgerechnet er der Auserwählte ist, der von der Straße gelesen wird, wimmelt es doch in den Parks von Knaben gleichen Schicksals? Und schließlich von jemanden, der in der Herkunftsgeschichte des Jungen verwickelt ist?

Die heimliche Heldin dieses Buches ist die Gangsterbraut Nancy, die aus dem üblichen Schwarz-Weiß-Schema Dickens heraussticht und so etwas wie menschliche Züge in sich trägt. Ihr hätte die Hauptrolle besser gestanden.

Dickens ist ein großer Erzähler mit viel Leidenschaft, doch was er erzählt ist ohne Hand und Fuß.

Diogenes Verlag, 2005, brochiert 9,90€, 317 Seiten, ISBN: 978-3257210354

“Der schwedische Reiter” von Leo Perutz

reiter.jpgSchlesien um 1700. Zwei Männer treffen sich und tun sich in ihrer Not zusammen: Ein Dieb und ein Deserteur. Der Schwede Christian von Tornefeld ist aus dem Feld geflohen um sich zur schwedischen Armee durchzuschlagen, auf der Seite seiner Landsleute zu kämpfen und dem König die Bibel Gustav Adolfs zu übergeben. Der Dieb, eben dem Galgen entronnen sieht nur in der Sklavenarbeit an den Brennöfen des Fürstbischofs eine Chance seinen Häschern zu entkommen. Doch als er für den Edelmann einen Botengang erledigt, begegnet er nicht nur seinem Erzfeind, dem Malefiz-Baron, sondern auch der schönen Maria Agneta und ihrem verwahrlosten Hof. Hofherr und Ehemann müsste man sein, diese Wirtschaft auf Vordermann bringen: den Gedanken bekommt er nicht aus dem Kopf und schon bald ergibt sich die Gelegenheit die Rolle mit dem jungen Edelmann zu tauschen…

Ein historischer Roman der ganz besonderen Art ist Perutz geglückt. Nicht um den Spannungsbogen geht es ihm primär (dazu nimmt das Vorwort schon viel zu viel vorneweg), es geht ihm ums Erzählen an sich, aber auch um die Nöte seiner Charaktere, um ihren Überlebenswillen in widrigen Zeiten. Märchenhafte Züge tragen Handlung und Personen, die Sprache hat ihren ganz eigenen, liebenswerten Klang. Was oberflächlich als Verwirrspiel und Liebesgeschichte daher kommt, trägt auch gesellschaftskritische Seiten in sich (die Hölle des Bischofs), Schuld, Identität, sind weitere Themen. Die Handlung und wenig ausgeprägte Charakterzeichnung lässt dem Leser “Denkspielraum”, engt ihn nicht auf eine Bedeutungsebene ein.
Auf dem Umschlag bezeichnet Daniel Kehlmann Perutz als “magischen Realisten” und tatsächlich liest sich das Buch ähnlich wie Marquez oder Vargas Llosa: da treten Tote mit der Selbstverständlichkeit Lebender auf, der an sich realistische Roman ist an einigen Stellen durchbrochen von fast wundersamen Zufällen und symbolischen Handlungen.
Ein wunderbares Lesevergnügen und mit Sicherheit nicht mein letzter Perutz!

Kerstin

Süddeutsche Zeitung, 2008, Sonderausgabe 5,90 €, 223 Seiten, ISBN: 978-3866155497

“Wie ich lernte, bei mir selbst Kind zu sein” von André Heller

heller.jpgPaul Silberstein ist der Sprössling eines Wiener Süßwarenfabrikanten. Sein zum Katholizismus konvertierte jüdische Vater ist ein Misanthrop der besonderen Art, tyrannisiert die Umwelt und macht seiner Familie das Leben zur Hölle. Das ungeliebte Kind wird in ein erzkatholisches Jesuiten-Internat geschickt und leidet unter den dort herrschenden Erziehungspraktiken und Zwängen. Paul flüchtet in seine Phantasiewelt, schottet sich völlig ab. In seinen Tagträumen steigt er mit der Jakobsleiter in den Himmel oder stellt sich vor, als erster Mensch in einem Asbest-Anzug in das Innere des Vesuvs zu kriechen.

Der plötzliche Tod seines Vaters gibt Pauls Leben – und dem seiner Familie – eine überraschende Wendung.
Anlässlich der Begräbnisfeierlichkeiten treffen die Silberstein-Brüder ein, Onkel Bel, Onkel Monte und Onkel York – benannt nach jenen Städten, in denen sie sich aufhalten. Die Beerdigung wird zur Farce, Anekdoten werden zum Besten gegeben, mal traurig, mal lustig, aber immer sehr bezeichnend. Den Ratschlag seines Onkels „Hör zu: Geboren wird man als Entwurf zu einem Menschen, und dann muss man zeit seines Lebens aus sich einen wirklichen Menschen machen.” macht sich Paul zu eigen und beginnt, sein Leben endlich in die eigene Hand zu nehmen.

André Heller hat mit Paul Silberstein sein Alter Ego geschaffen und gibt mit diesem Büchlein Einblick in seine schwierige Kindheit. Er klagt nicht an, er jammert nicht. Überraschend heiter, mit viel Wortwitz und Charme präsentiert er die Anekdoten und überlässt es dem Leser zu urteilen, was sich tatsächlich begeben hat, und was der schriftstellerischen Freiheit zuzuschreiben ist. „Diese Erzählung greift einige Themen und Begebenheiten auf, die meine Kindheit für mich bereithielt. Die Oberhand beim Schreiben hatte allerdings die Phantasie.“

Franz André Heller (* 22. März 1947 in Wien) ist ein österreichischer Chansonnier, Aktionskünstler, Kulturmanager, Autor und Schauspieler.

Christine

Fischer Verlag, 2008, Hardcover 16,90 €, 144 Seiten, ISBN: 978-3100302090

“Die Möwe” von Sándor Márai

mowe.jpgEin Gedanken.- Dialoggeflecht, welches vom Leser eine hohe Konzentration verlangt.

Er, der Protagonist, ist ein hoher Ministerialbeamter, und ein einsamer, zurückgezogener Mitvierziger. Eines Morgens erscheint Sie bei ihm im Amt, und bittet um eine Aufenthaltsgenehmigung. Diese Begegnung kommt dem Beamten wie ein bitterer Traum vor. Da tritt auf einmal das “Duplikat” auf, von welchem er gedacht hatte, dass es bereits vor langer Zeit verstorben sei. Ganz außer der Reihe, da er ziemlich verwirrt ist, verhört er sie mit Fragen, die nichts mit dem Antrag zu tun haben. Die Situation kommt ihn wie ein Déjà-vu vor. Danach begleitet der Mann die Frau noch ein Stück des Weges, und lädt sie spontan zur Oper ein. Das Angebot wird von ihr auch angenommen.

Der Roman umfasst nur einen Tag, aber dieser wird sehr intensiv beschrieben. Die Atmosphäre ist beklemmend, und wie aus weiter Ferne, nicht richtig greifbar wie auch die Hauptfiguren fast namenslos bleiben. Im Gespräch wird die Fremde mit „lieber Gast“, „liebe Verwandte“ oder „einzige Welle“ angesprochen. Sie erzählen über ihr Leben als ob sie Seelenverwandte, Bekannte sind, die sich schon lange kennen, und sich dennoch sehr fremd sind. Eine sehr knisternde gleichwohl abstoßende Stimmung entsteht.

Sie ist das “Duplikat” jener Frau, die sich vor langer Zeit das Leben genommen hat. Sie ist aber auch der Krieg, der vorbei war, abgeschlossen, und plötzlich wiederkommt. Und eigentlich ist sie die „ständige Wiederkehr“, „ menschlich, all zu menschlich“.

>> Der Mann neigt sich etwas vor, er scheint eine lässigere Haltung anzunehmen; wie ein Schwimmer im letzten Augenblick, bevor er ins Wasser springt, in das vertraute Element, in dem es treue Wellen gibt, Erinnerungen an Berührungen vor hunderttausend Jahren, in dem es auch Haie gibt, bleierne Tiefe, Vergehen und Tod. <<

Und so spielt Márai mit den Figuren, lässt sie denken, und aussprechen was die Welt fühlt, in der der Tod nicht mehr individuell ist, sondern in der Masse untergeht. Er vergleicht, stellt Metaphern auf und wirft mit Bildern um sich. Die Lethargie des Krieges ist allgegenwärtig.

“Die Möwe” ist so ganz anders, als die bisherigen Werke, die ich von ihm gelesen habe. Ein Appetithappen, der mich wieder auf den Geschmack gebracht hat. Unbedingt lesen!

Heidi Hof

Piper Verlag München, 2008, Übersetzung: Christina Kunze aus dem Ungarischen, Hardcover 16,90 €, 187 Seiten, ISBN: 978-3-492-05208-5

“Bis(s) zum Morgengrauen” von Stephenie Meyer

bi.jpgIch habe dieses Buch begonnen, als ich beruflich stark eingespannt war, kaum Zeit zu lesen hatte und mich auch nur schlecht konzentrieren konnte. Für diese Zeit war dieses Buch o.k.

Aber es ist mir wirklich ein Rätsel, warum um dieses Buch so ein “Hype” gemacht wird.
Vampire haben für viele Menschen - ja, auch für mich - oft einen sinnlichen, erotischen Reiz. Aber dazu gehört natürlich auch der “Biss” oder die Andeutung eines Bisses.
Dieses Buch hat für mich so viel Erotik und Sinnlichkeit wie eine Schuhsole. Selbst wenn ich mich an Zeiten erinnere in denen ich heillos in einen Jungen/Mann verliebt war, hier hat mir jedes Knistern, jede Erotik gefehlt. Allein die Beschreibungen, wie Edward mit kalten Lippen und kalten Fingern Bella berührt ist für mich wie ein Griff in ein Aquarium. Ständig wünschte ich mir, er würde endlich zubeißen, damit mal etwas Leben in diese Geschichte kommt.

Die Geschichte schleppt sich mühsam dahin, ständige Wiederholungen, ein ewiges Hin und Her zwischen Bella und Edward, unzählige Frage-Spielchen …. gähn!

Lediglich die Rückblicke, wie Edward und seine Familie zu dem wurden, was sie sind, sowie Einblicke “was” ein Vampir (nach Frau Meyers Auffassung) ist, bieten etwas Abwechslung.

Nun, irgend etwas musste ja auf diesen fast 500 Seiten noch geschehen, insofern war die Jagd auf Bella zwar genauso “platt” wie der Rest der Geschichte, bot aber wenigstens etwas Abwechslung - allerdings auch wieder mit einem sehr schnellen Happy End.

Wie gesagt, mir ist es unverständlich, warum dieses Buch solch ein Erfolg ist. Ich kann viele “Hypes” nachvollziehen, allen voran die “Harry-Potter-Reihe”, auch die “Pulmann-Trilogie” oder die “Tintenherz-Reihe” - aber hier habe ich nur ein großes Fragezeichen über meinem Kopf.

Sollte ich allerdings mal wieder eine Zeit haben, in der ich mich auf so gar kein Buch einlassen kann, lese ich vielleicht den 2. Teil …. aber ich hoffe, die nächsten Jahre nicht mehr so angespannt zu sein!!!

Sigrid

Carlsen Verlag, 2006, Übersetzung: Sylke Hachmeister, Hardcover 19,90 €, 500 Seiten, ISBN: 978-3551581617

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