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Archive für Januar 2009
“Die Leiden des jungen Werthers” von Johann Wolfgang von Goethe
30.1.2009 von Krümel.
Pflichtlektüre oder doch verzichtbar?
Diesen Briefroman schrieb Goethe innerhalb weniger Tage, da er sein autobiographisches Dilemma verarbeiten wollte.
Auf der einen Seite stand da seine unglückliche Liebe zu der bereits verlobten Charlotte Buff. Diese hatte Goethe in Wetzlar kennen gelernt, sich unsterblich verliebt, doch diese Liebe war völlig aussichtslos. In seinem Bekanntenkreis befand sich auf der anderen Seite ein Karl Wilhelm Jerusalem, der sich unsterblich in eine verheiratete Frau verliebte, und sich wegen der Trostlosigkeit dieser Liebe umbrachte. Im „Werther“ verarbeitet Goethe nun sein Empfinden gekoppelt mit diesem tragischen Ausgang. Für die damalige Zeit war Selbstmord in den Augen der Kirche noch Hochverrat, und allgemein nicht gesellschaftsfähig. Der Roman „Werther“ führte zu einem Werther-Fieber, in dem liebende Menschen nun überschwellende Liebesbriefe schrieben, und Suizid zum „Kult“ wurde. Hat Goethe in diesem Werk die Gefühlswelt über die Vernunft gestellt?
„Der junge Werther“ zieht sich nach dem Studium aufs Land zurück. Seine Briefe richten sich an einem Wilhelm, der nicht weiter beschrieben wird. Werther schreibt über die Landschaft und die Menschen, die er genau beobachtet. Er lässt sich mit der Landbevölkerung ein, hört sich deren Geschichten an und urteilt streng über deren Leben, und wie sie beispielsweise mit ihrer Zeit umgehen. Bei einem Vergleich stellt er fest, dass Müßiggang und freier Geist etwas Ergötzendes ist.
In den nächsten Briefen erwähnt Werther dann erstmals diese Lotte, wie er sie kennen gelernt hat, wie seine Gefühle übersprudelten und in welche Situation er hinein gerät. Denn Lotte ist bereits verlobt mit Albert.
Die Tragik des Werks findet seinen Lauf, und das Ende ist proportional überdramatisiert, denn der Protagonist sowie der Erzähler, der sich zum Schluss einmischt, verschieben hier die Schuldfrage. In dem sie einer Figur den Tod in den Schoss legen, die eigentlich unschuldig ist.
Der Roman „Die Leiden des jungen Werthers“ richtet sich an ein Publikum, welches nicht nur eben mal einen Klassiker lesen möchte, wie man es mit zahlreichen Klassikern durchaus machen kann, lesen und verstehen sind eins, nein dieses Werk erfordert schon eine strenge Disziplin vom Leser.
Zunächst möchte ich hier die alte, und heute sehr umständlich zu lesende Sprache hervorheben, durch die man sich teilweise zwingen muss.
Die Entstehungsgeschichte sowie die zeitlichen Umstände gehören hier zum Verstehen des Werks hinzu.
Darüber hinaus ist eine gewisse Kenntnis über damaligen Epochen fast unverzichtbar, denn Goethe ist kein Stürmer und Dränger, er zählt zu den „Weimarer Klassikern“. Goethe gebraucht aber hier eine Epoche, in der der Mensch als Genie eine Erhabene Stellung einnimmt, und diese Überheblichkeit findet im Werk ihre Übertreibung, es trägt ganz eindeutig auch ironische Züge. Man könnte fast schon denken, er mache sich über die Stürmer und Dränger lustig. Denn er durchleuchtet rational ein menschliches Desaster: die aussichtslose Liebe und die Suizid. Der Selbstmord aber ist für ihn persönlich ganz klar eine Übertreibung aus dieser Situation heraus, und wird auch nicht von Goethe eingelöst. Genauso wie er den „Suizid-Kult“ ablehnte. Der Ausgang in der Überspitzung am Ende des Werkes spiegelt für mich die persönliche Haltung Goethes wieder. Der erste Schritt in die „Weimarer Klassik“ ist getan, in der der Mensch eigenverantwortlich handelt, und Selbstverantwortung groß geschrieben wird.
Nun zur Frage: Sollte man den „Werther“ gelesen haben? Nach dieser Prozedur kann ich das mit JA! beantworten, aber nur wenn man diese Muße mitbringen kann. Denn es erfordert doch schon einiges um dieses Werk für sich persönlich in allen Facetten zu durchleuchten, was dann am Ende sehr viel Freude mit sich bringt.
Heidi Hof
Gondrom Verlag, 1995, Schmuckausgabe in Leder eingefasst vergriffen, 157 Seiten, ISBN: 978-3811213067
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“Mein Jahrhundertbuch” von Iris Radisch
28.1.2009 von Krümel.
Iris Radisch hatte 51 Autorinnen und Autoren wie z.B. Siegfried Lenz, Maarten t´Hart, Louis Begley, Nadine Gordimer, Lars Gustafsson, Salman Rushdie angesprochen, welches ihr persönlich wichtigste Buch des 20. Jahrhunderts wäre.
Herausgekommen ist ein wunderbarer persönlicher Kanon der Lieblingsbücher. Denn im Gegensatz zu dem bekannten Buch der “ZEIT-Bibliothek der 100 Bücher” durfte hier nach Herzenslust ausgesucht werden, ohne das eine Jury über die Auswahl wachte.
Interessant welche Autoren ausgesucht wurden. “Der Weg, den der Leser durch diesen Garten zurücklegt, beginnt - und das ist sicher kein Zufall - bei Franz Kafka, biegt zielgerade ab zu Joyce, führt zu Robert Musil, landet weich bei Thomas Mann, macht zweimal Rast bei Albert Camus, taucht ein in den Strom der verlorenen Zeit des Marcel Proust und kehrt immer wieder zu Kafka zurück.”
Eine der weiteren wichtigen Erkenntnisse: “Was ein Jahrhundertbuch ausmacht, entscheiden nicht Experten, sondern die Zufälle und Bedingungen des privaten Lebens.” Denn die Auswahl wurde bunt und vielfältig. Nicht nur die bekannten Bücher der Weltliteratur, sondern auch “(…) Kindheitsbücher, Wörterbücher, Bücher von Freunden und Vorbildern, Bücher, die das Leben in wichtigen Jahren begleitet haben, Bücher von großer nationaler Bedeutung (…)” werden genannt.
51 kleine, höchstens 3 Seiten lange, Rezensionen, bei denen es mir persönlich immer wieder Freude macht, darin zu blättern und zu schmökern. Ein wahrer Fundus an Autoren und Büchern, der Appetit auf selbst entdecken und lesen macht.
Stefanie
Suhrkamp Verlag, 2003, Taschenbuch leider vergriffen, 196 Seiten, ISBN: 978-3518455548
Geschrieben in Stefanie, Sachbuch | Keine Kommentare »
John Updike ist verstorben
27.1.2009 von Krümel.
Die Nachricht stand gerade erst (19:24 Uhr) in der Zeitschrift Focus sowie im Spiegel.
Er soll an Lungenkrebs gestorben sein, und wurde 76 Jahre alt. Updike wurde wohl schon seit ein paar Jahren für den Literaturnobelpreis gehandelt.
Eine sehr traurige Mitteilung! ![]()
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„Große, kleine Schwester“ von Peter Härtling
26.1.2009 von Krümel.
Ein intensives Zeitzeugnis und zwei bissige Damen.
Ruth und Lea stehen kurz vor ihren 80 ten. Geburtstag, gerade Mal zehn Monate trennen diese. Ruth ist die Ältere und fühlt sich auch noch mit 79 stark zurückversetzt, als diejenige, die ständig Rücksicht nehmen muss auf ihre etwas jüngere Schwester. Lea konnte als Kind nichts dafür, ihr wurde die Rolle des Nesthäkchens einfach in die Wiege gelegt, im Alter allerdings weicht sie keinen dieser Streitereien aus. Die einmal erworbenen Verhaltensmuster können die Schwestern nicht ablegen, aber ohne einander geht es auch nicht, und somit ist die Disharmonie ihr ständiger Begleiter.
In Rückblenden erinnern sich die alten Damen an ihre Kindheit in Brünn, wo Deutsche, Tschechen, Juden und Christen eng beieinander wohnen und leben. Zu Beginn des I. Weltkriegs waren die Schwestern sieben und acht Jahre alt. Ihr Vater war der Direktor einer Fabrik, die einem Juden gehörte. Diese zwei Familien waren unzertrennlich, sogar die Ferien verbrachte man gemeinsam. Man sprach deutsch sowie tschechisch fließend, und pflegte gute Kontakte und Freundschaften zu den Einheimischen. Ein kleine Idylle, die auch noch nach diesen ersten Schrecken weiterbestand, bis dann der II. Weltkrieg über die Grenzen brach.
Peter Härtling versteht es, den Lesern seine Figuren lebhaft und plastisch darzustellen. Auf unterschiedlichsten Ebenen, mal aus dieser Perspektive und dann wieder aus einer anderen, schildert er ihr Leben, ihre Ängste und Freuden, und setzt den Leser damit mitten in diese Handlung hinein. Die zwei zänkischen „Weiber“ werden zu unseren engsten Vertrauten, und ihre Konfliktbereitschaft versteht man auf Anhieb, da man ja eigene festgefahrene Verhaltensmuster mit sich trägt.
Und so entwickelt sich ein Sog vom Buch aus, dem man nicht mehr entweichen kann. Die Geschichten sind brisant und spannend, tief und niveauvoll, aber auch humorvoll und unterhaltsam. Eine richtig gute Mischung denke ich.
Einzig den Aufbau des Romans fand ich nicht ganz so gelungen. Das strenge Gerüst aus Gegenwart und Vergangenheit im ständigen Wechsel, ist nicht so meins. Mir gefällt es immer besser, wenn der Autor das geschickt verwebt, dann liest sich ein Werk meist runder und flüssiger.
Über den Autor:
Peter Härtling wurde 1933 in Chemnitz geboren. Nach dem II. Weltkrieg machte er sein Abitur und fing als Volontär bei einer Zeitung an. Seit 1974 arbeitet er als freier Schriftsteller. Bis heute liegen zahlreiche Gedichtbände und Romane von ihm vor.
Heidi Hof
Kiepenheuer & Witsch Verlag, Köln, 1998, Hardcover vergriffen (TB ab 9 €), 342 Seiten, ISBN: 3-462-02738-7
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel | Keine Kommentare »
“weiter leben/Eine Jugend” von Ruth Klüger
24.1.2009 von Krümel.
“Und in Wirklichkeit war es Zufall, dass man am Leben geblieben ist.”
Ruth Klüger ist Wienerin, geboren 1931, Jüdin. Als Germanistin, Feministin, Lyrikerin, Autorin lebt sie heute teils in Kalifornien, teils in Göttingen.
“weiter leben” ist die Autobiographie ihrer Kindheit und Jugend, behütet in Wien, ausgrenzt und verfolgt nach dem Anschluss, deportiert, überlebt und dabei immer: weiter gelebt. Was kann dem Leser so ein Buch Neues sagen über Theresienstadt, über Auschwitz? Glauben wir nicht uns eingefühlt zu haben in die Opfer, die Täter, genug Betroffenheit geäußert und gefühlt zu haben? Standen vielleicht schon selbst mit ernsten Mienen in Dachau oder Buchenwald?
Nein, betroffen machen will Klüger die Leserin (sic!) nicht, auch kein Mitleid erzeugen. Nüchtern und analysierend erzählt sie ihre Erlebnisse, die gestohlene Kindheit im KZ, den Hunger, die Leiden. Nüchtern und doch sehr persönlich, beispielsweise die lebenslang schwierige Beziehung zur Mutter, die Sprachlosigkeit zwischen Tochter und Mutter.
Besonders interessant fand ich dabei, dass Ruth Klüger nicht einfach nur ihr Leben erzählt, sondern häufig einstreut, wie sie und ihre Umgebung mit ihrer Vergangenheit umgeht.
Kann sie in gemütlicher abendlicher Runde, wenn reihum von harmlosen klaustrophobischen Erlebnissen (Aufzügen, lange Tunnel) erzählt wird, die Erfahrungen eines Transport per Güterwagon von Theresienstadt nach Auschwitz erzählen?
Wie geht man selbst mit der eintätowierten Nummer um, wie reagiert sie auf Menschen, die sagen, sie müsse dies Symbol der Erniedrigung wegmachen lassen.
Wütend ist sie oft über die Reaktionen der Menschen, wenn diese glauben, besser bescheid zu wissen als sie, die Betroffene, Traumatisierte; weil sie ihr das Erlebte absprechen (”Theresienstadt war ja nicht so schlimm” “Du warst ja noch ein Kind”), ihr vorschreiben, was sie zu fühlen hat. Gerade das macht das Buch so einzigartig und speziell, dass sie sich nicht allein auf das Erlebte und sein Grauen “beschränkt”, sondern die Auswirkungen auf ein ganzes Leben reflektiert. Damit eröffnete sie mir eine neue Sicht auf ein sensibles, vielbehandeltes Thema.
Sie zeigt aber auch den Weg einer starken Frau, die versucht IHR Leben anzunehmen und zu leben.
“Aber lasst euch doch mindestens reizen, verschanzt euch nicht, sagt nicht von vornherein, das gehe euch nichts an oder es gehe euch nur innerhalb eine festgelegten mit Zirkel und Lineal säuberlich abgegrenzten Rahmens an, ihr hättet ja schon die Photographien mit den Leichenhaufen ausgestanden und euer Pensum an Mitschuld und Mitleid absolviert. Werdet streitsüchtig, sucht die Auseinandersetzung.”
Kerstin
Deutscher Taschenbuch Verlag 1994, TB 7,90 €, 283 Seiten, ISBN: 978-3423119504
Geschrieben in Biographie, Kerstin | Keine Kommentare »
“Tim Brolli/Das verstummte Dorf” von David Falkmann
22.1.2009 von Krümel.
Eines Morgens wird ein kleiner Junge etwas unangenehm geweckt. Ihm fallen Eicheln auf den Kopf, die von einer großen Eiche herunter fallen, unter der er liegt. Überrascht schaut sich der Junge um, denn er kann es gar nicht fassen, wieso er in einem Wald geschlafen hat, aber er kann sich an nichts mehr erinnern. Er entdeckt ein Eichhörnchen oben in der Eiche, und >plonk< landet schon wieder eine Eichel auf seinen Kopf.
Das ist der Beginn von Tims Abenteuer. Er freundet sich mit dem Eichhörnchen an, welches er Plonk nennt, lernt einen Wolfshund kennen, und später das stumme Mädchen. Zusammen entdecken sie dann ein Dorf, in dem sie ein Rätsel lösen müssen.
Das Buch ist fantasievoll geschrieben, es liest sich spannend und manchmal auch traurig, aber nie so traurig oder spannend, dass Kinder hinterher nicht mehr einschlafen könnten. Auch sind einige wertvolle pädagogische Einschübe enthalten, die aber nicht als aufdringlich empfunden werden, und Kindern nicht die Leselust nimmt. Deshalb kann ich diese Geschichte gerne weiterempfehlen.
Was mich als Erwachsener gestört hat, ist, dass Autor sich reich an bekannte Kassenschlager bedient hat und man so das Gefühl hat, dass dieses Buch gezielt auf eine Marketing-Strategie ausgerichtet ist. Mir sind zu viele Parallelen aus dem großen bekannten Kinder und Jugendbücher aufgefallen, und die sechs Folgebände, die vom Autor angestrebt werden, weisen wieder auf ein gut verkäufliches Konzept hin.
Über den Autor:
David Falkmann wurde 1959 in Bochum geboren, und hat ein Ingenieurstudium hinter sich, und lebt heute wieder in seiner Heimatstadt. Er weilt aber auch gerne auf der Insel Sylt. Dies ist sein Debüt-Werk.
Heidi Hof
Novum Verlag, Neckenmarkt, 2008, broschiert 16,90 €, 241 Seiten, ISBN: 978-3-85022-701-8
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“Was vom Tage übrigblieb ” von Kazuo Ishiguro
20.1.2009 von Krümel.
Großbritannien. Nachkriegszeit. Der alte englische Butler Stevens fährt mit dem eleganten Ford seines neuen amerikanischen Dienstherrn zu einer früheren Arbeitskollegin. Die Reise dauert mehrere Tage und Stevens hat Zeit und Muße über seine Vergangenheit und sein Leben als Butler bei seinem früheren Gebieter, Lord Darlington, der sich vor Beginn des zweiten Weltkrieges, in faschistische Machenschaften einließ, nachzudenken…
Ein Roman, von vielen begeistert gelesen, mir mehrmals empfohlen, lässt mich etwas verwirrt zurück.
Eine schöne Geschichte? Zweifellos. Doch glaube ich nicht, dass es Ishiguros Absicht war, eine schöne Geschichte zu schreiben. Stevens, der entsprechend einem vollkommenen Klischee eines Butlers dargestellt wird, könnte auf Satire schließen lassen. Doch dazu fehlt dem Roman Biss, Humor und Malignität. Seiten und Seiten werden verschwendet um die Pedanterie, Blindheit und Naivität des Butlers zu beschreiben, zu belegen und zu bestätigen.
Ein Gesellschaftsroman? Wie viele Lords und Butler gab es im Großbritannien Anfang und Mitte des vorigen Jahrhunderts? Nicht allzu viele, nehme ich an, und solche, die ihren Herren so sklavisch untergeben waren wie Stevens, wahrscheinlich noch viel weniger. Die Haut ist näher als das Hemd und der Mensch lässt sich nur unter Zwang, Drohung und Gewalt zum Untertanen verdammen, eher selten ein Leben lang aus purer Blindheit und Naivität.
Viele gute Ansätze beinhaltet der Roman: Stevens äußert sich in verschiedensten Definitionen zum Thema Würde und doch ist sein Begriff von Würde genau der Gegenteil von der wahren Bedeutung des Wortes.
Mit seinen Unschuldsbeteuerungen, er würde nie an Türen lauschen, wäre an keinen Gesprächen interessiert und würde aus Loyalität nichts verraten, entlarvt er eigentlich seine Scheinheiligkeit, denn er hört und sieht doch alles und nicht nur durch Zufall. Er erlebt die menschenverachtenden Folgen des nationalsozialistischen Gedankenguts seines Arbeitgebers und schweigt. Nicht aus Überzeugung, nicht aus Angst, einfach aus Ergebenheit und Treue???
Und hier wird die Geschichte unstimmig. Wird Stevens‘ Unterwürfigkeit als Entschuldigung für sein Mitlaufen benutzt? Repräsentativ für alle Mitläufer des Faschismus? Soviel Trivialität darf nicht sein…
Und die Erkenntnis am Ende? Das einzige Augenzwinkern im ganzen Roman: Ohne Humor ist das Leben sinnlos, doch nicht um sich das Leben einfacher und angenehmer zu machen, sondern das Leben der Dienstherren. Von einem Entwicklungsroman, kann also auch keine Rede sein…
Valerija
Rowohlt Verlag, 2002, Hardcover vergriffen, 285 Seiten, ISBN: 978-3498032104
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“Der Teufel und der Kirchenmann” von James Robertson
18.1.2009 von Krümel.
Gideon Mack ist Priester in Monimaskit. Als solcher kümmert er sich nicht nur um den Gottesdienst, sondern auch um seine Schäfchen und während seiner Tätigkeit als Priester erlebt er so manches.
Und so beginnt er, seine Geschichte – die Geschichte seines Lebens – auf zuschreiben.
Man soll ja immer sowohl etwas postitives als auch negatives sagen, weil eine Kritik konstruktiv sein soll.
Da ich aber nicht gerne etwas negatives sage – und eigentlich schon gar nicht über dieses Buch – aber leider habe ich dennoch einen Kritikpunkt: die Übersetzung des Buchtitels. Der deutsche Titel in Kombination weckt leider doch bis zu einem gewissen Grad falsche Erwartungen. Er suggeriert, dass das Buch zu einem nicht unherblichen Teil von Mack´s Begegnung mit dem Teufel handelt. Es stimmt schon: der Teufel spielt eine Rolle, aber bei Weitem keine so große.
Im englischen Original heißt das Buch „The Testament of Gideon Mack“ (dt.: Das Testament von Gideon Mack). Dieser Titel gibt wesentlich besser wieder was dieses Buch ist: die fiktiven Memoiren eines Priesters.
Und in denen erzählt Mack von seiner Kindheit, seinem Studium, seiner Zeit als Priester und wie er überhaupt Priester wurde. Und auch der Glaube und der Unglaube sind immer mal wieder Thema in seinen Erinnerungen.
Und dies erzählt der Autor frisch, spritzig und frei von der Leber weg. Dabei schlägt der Schreibstil oft einen ironischen, zynischen Ton an.
So ist es kein Wunder, dass das Buch einen in seinen Bann zieht und man es nicht aus der Hand legen mag, bis man durch ist.
Die Geschichte ist darüberhinaus gespickt mit Mythen und Sagen, Folklore und Historie Monimaskit betreffend. Diese sind nicht nut interessant zu lesen, sondern füllen die fiktiven Ort mit Leben.
Schon lange hielt ich kein Buch mehr in der Hand, bei dem ich das Gefühl hatte mal etwas ganz anderes gelesen zu haben und somit eine kleine Perle gefunden zu haben.
Insgesamt ist James Robertson mit Der Teufel und der Kirchenmann ein unglaublich origneller und fesselnder Roman gelungen, dem ich viele Leser wünsche.
Rebecca
Manhattan Verlag, 2008, Übersetzung: Marcus Ingendaay, Hardcover 19,95 €, 476 Seiten, ISBN: 978-3442546367
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“Der Regen, bevor er fällt” von Jonathan Coe
15.1.2009 von Krümel.
Ein atmosphärisch sehr dichter Roman!
Die Handlung beginnt damit, dass Rosamond stirbt und beerdigt wird. Und die ersten 35 Seiten, die die Rahmenhandlung aufbauen, lesen sich abgehackt und gestelzt, so dass ich schon geneigt war das Buch beiseite zu legen. Coe hatte hier wirklich große Probleme den Roman zu entwickeln. Er musste niederschreiben, warum Rosamonds Nichte die Erbverwalterin wird, und warum sie laut Testament eine Imogen suchen müsse. Doch diese Suche erweist sich als sehr schwierig, und schließlich gibt Gill auf, und die hinterlassenen Tonträger werden von ihr, zusammen mit ihren beiden Töchtern, angehört, in der Hoffnung, dass sie einen bedeutenden Hinweis enthalten würden, wo sich Imogen aufhält.
Fortan kann dieser Roman dann als Paradebeispiel dafür angesehen werden, wie man als Autor eine dichte und lebhafte Atmosphäre erreicht, die den Leser in seinen Bann zieht.
Die verschollene Imogen ist nämlich blind, und anhand von 20 Fotos erzählt Rosamond nun dieser ihre Vergangenheit. Dabei beschreibt sie zunächst die Figuren auf den Bildern, was sie anhaben, welche Farben und welche Mode zu dem Zeitpunkt in war. Sie erzählt über den Anlass zum Bild, die Geschichte drum herum, Anekdoten sowie über die Gefühle und Stimmungen, die da herrschen. Dadurch wird eine sehr dichte Atmosphäre erreicht.
Imogen ist als kleines Kind adoptiert worden, direkt nach diesem schrecklichen Unfall, wodurch sie blind wurde. Sie hat ihre leibliche Familie nie richtig kennen lernen dürfen, und so ist es nun die Großtante, die diese Familiengeschichte, beginnend im II. Weltkrieg, ihr als Stütze im Leben näher bringen möchte.
Ich war vom Buch sehr gefesselt und weitere Bücher von Coe sind nun auf meiner Wunschliste gerückt, ja diesen Autor kann ich gerne weiter empfehlen. Die Handlung war intensiv, anspruchsvoll und dennoch leicht zu lesen.
Über den Autor:
Er wurde 1961 in Birmingham geboren und ist bereits der Star der Londoner Literaturszene. Seine Bücher wurden international ausgezeichnet, und drei seiner insgesamt acht Romane wurden schon verfilmt. (2006 Klassentreffen, 2002 Erste Riten, 1998 Das Haus des Schlafes, 1996 James Stewart, 1995 Allein mit Shirley, 1991 Humphrey Bogart)
Heidi Hof
Deutsche Verlags Anstalt DVA Random House, 2009, OT: The Rain Beefohre It Falls, Übersetzung: Andreas Gressmann, Hardcover 18,95 €, 299 Seiten, ISBN:978-3-421-04367-2
Geschrieben in Krümel, Roman | 1 Kommentar »
“Blumen für Algernon” von Daniel Keyes
13.1.2009 von Krümel.
Charlie Gordon ist Mitte 30 und geistig zurückgeblieben. Sein IQ betrug seit Geburt an nie mehr als 68 Punkte so das er stets auf dem Geistigen Niveau eines 10 Jährigen verblieben ist. Mit leichteren Hilfsarbeiten in einer Bäckerei verdient er sich tagsüber seinen Lebensunterhalt und besucht abends eine Sonderschule um seine Fähigkeiten in Lesen und Schreiben zu verbessern.
Zufällig wird Charlie, eben auf Grund seiner Beeinträchtigung, zu Tests an die hiesige Universität eingeladen. In diesen Tests wird sein genauer IQ bestimmt, die Leistungsfähigkeit seines Kurzzeit- bzw. Langzeitgedächtnis und seine Möglichkeiten abstrakteren Denkens. Im Zuge dieser Tests lernt Charlie Algernon kennen. Eine kleine Labormaus gegen die er, auf Zeit, in einem spielerischen Wettlauf durch ein einfaches Labyrinth antreten muss. Zu Charlies großer Enttäuschung gewinnt jedoch ausnahmslos jedes mal die kleine Maus. Einer der Doktoren versucht dem jungen Mann auch zu erklären woran das liegt.
Algernon ist keine gewöhnliche Maus sondern wurde einer Operation unterzogen die sie zwei- bis dreimal so schlau wie normale Mäuse macht und eben jene Operation wolle man nun das erste mal auch am lebenden Menschen durchführen.
Durch die große Begeisterung die Charlie für dieses Projekt aufbringt und den Versuch alles Mögliche zum gelingen des selbigen beizutragen wird er als erster für den Eingriff auserkoren.
Nach der Operation beginnt ein langer und auch stellenweise sehr entmutigender Lernprozess für Charlie, der glaubte bereits nach dem Eingriff ein Genie zu sein aber feststellen musste das dem nicht so war. Erst Wochen später stellten sich erste kleine Erfolge ein in denen zB. der junge Mann endlich die kleine Maus in ihrem Wettlauf durch das Labyrinth schlug oder er nun endlich richtig schreiben lernte.
Immer schneller schien Charlie nun das Wissen, einem Schwamm gleich, aufzusaugen. Er verbrachte ganze Tage lesend in Bibliotheken, blätterte sich in Windeseile durch zig Bücher und beschränkte sich nicht nur mehr auf Romane sondern fing bald auch damit an Wissenschaftliches und Sprachen zu lernen.
Endlich schien Charlies Traum eines normalen Lebens unter normalen Menschen, wo er behandelt wird wie jeder andere, wahr geworden zu sein aber schon bald musste er erkennen das er auch jetzt, überdurchschnittlich intelligent, kaum Freunde hatte.
Aber nicht nur das persönliches Seelenleben des jungen Mannes geriet zusehends außer Kontrolle auch das Experiment im allgemeinen schien nicht den erwarteten Verlauf zu nehmen.
Von Tag zu Tag ging es Algernon schlechter, er wurde depressiv und begann schlicht alles gelernte zu vergessen und Charlie wusste das sein Schicksal ganz eng mit dem der Maus verknüpft war.
Ursprünglich schrieb Daniel Keyes die Kurzgeschichte Flowers for Algernon 1958 für ein amerikanisches Fantasy und Si-Fi Magazin und gewann damit den Hugo Award for best Short Story. Erst von 1962 bis 1965 arbeitet der Autor die Kurzgeschichte zu einem vollständigen Roman aus der, nach dem er von fünf verschiedenen Verlagen (unter Forderung der Abänderung des Endes) abgelehnt wurde, 1966 das erste mal erschien.
Das Buch ist in der Form eines Tagebuchs gehalten wobei die ersten Seiten, als physisches Dokument für Charlies Geistiges Unvermögen, fast ohne Strich und Komma und mit allen möglichen Rechtschreibfehlern versehen sind. Erst nach der Operation ist für den Leser eine Besserung zu bemerken, nicht nur was die Interpunktion sondern auch die Wahl der Worte wie auch die Verbesserung der Grammatik betrifft.
Lange habe ich überlegt in welche Kategorie ich das Buch einordnen soll da viele Rezensenten vor mir das Werk als Si-Fi bewertet haben, meine Freundin meinte es sei eher als Jugendbuch anzusehen während es andere wiederum als Unterhaltungsroman bewerten.
Ich setze mich nun zwischen alle Stühle und behaupte es sei ein Zeitgenössischer Roman da es primär um die Selbstfindung des Hauptcharakters geht der das Leben eines 100 Jährigen innerhalb weniger Monate lebt.
Dies mag natürlich jetzt den Aspekt des Jugendromans unterstützen da Charlie versucht seinen Platz in der auf ihn einstürzenden Welt zu finden. Wie alle Jugendlichen auch die Leiden der Pubertät mitmacht und erste Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht sammeln muss und natürlich auch von Verunsicherungen getrieben ist. Darüber hinaus ist der Schreibstil, im Original, sehr gut lesbar und leicht verständlich. Vor allem schafft es Keyes aber sich einem sehr komplexen Thema überraschend simpel zu nähern. Nicht durch philosophisch, tiefgründige Aspekte sondern durch eine schmerzlich menschliche Erzählweise schafft es der Schreiberling den Leser in das Schicksal von Charlie einzubinden und ihm das Gefühl zu geben eigentlich der Einzige zu sein der Charlie voll und ganz versteht.
Etwas weiter weck vom Jugend- eher hin zum Erwachsenenroman rücken für mich das Buch jedoch die leicht Schizophrenen Fasen die der junge Mann durchlebt.
In jenen stoßen immer wieder, in Rückblenden, Details seiner früheren Kindheit an die Oberfläche seines Unterbewusstseins. Das Aufarbeiten der Beziehung zwischen ihm und seinen Eltern bzw. die schwierige Situation seiner gut 5 Jahre jüngeren Schwester gegenüber bilden ebenfalls einen Schwerpunkt in diesem Buch.
Nicht nur das sehnen nach Annerkennung, vor allem bei seiner Mutter, sondern der allgemeine Wunsch nach Liebe und Nestwärme die ihn dann, nach 17 Jahren, zu einem Wiedersehen mit seiner Familie treibt bilden für mich die stärksten Momente im ganzen Buch. Denn nicht nur Emotional sondern auch Dramaturgisch wird hier ein sehr eleganter, schon fast spielerischer, Bogen gespannt der mich doch sehr tief angerührt hat.
Mit zunehmender Intelligenz entwickelt sich bei Charlie auch ein gesteigertes sich-selbst-bewusst-sein. Der Wunsch nicht nur nach Annerkennung für die Dinge die er als Genie leistet sondern auch der Wunsch als Mensch wahrgenommen zu werden, egal ob nun mit einem IQ von 68 oder von 180, führen im späteren Verlauf immer öfters zum Bruch mit der Außenwelt und innerlich spürt er bereits den emotionalen Abstieg bevor er überhaupt noch geistig den Gipfel erreicht hatte.
Und dies ist vielleicht auch eine der Kernaussagen, oder zumindest interpretiere ich als Leser sie so ins gelesene Buch, den Mensch einfach Mensch sein lassen und ihn auch als solches zu respektieren. Gerade durch solche Schlüsse und Überlegungen, die man nach dem lesen des Buches hegt und mit sich rum trägt, besitzt das Werk selbst 40 Jahre nach seinem erscheinen noch außerordentliche Aktualität.
Mein Fazit fällt somit sehr kurz aus: Uneingeschränkte Empfehlung für jeden der es noch nicht gelesen hat.
Daniel
Klett-Cotta Verlag, 2007, Hardcover 19,50 € (TB 5 €), 298 Seiten, ISBN: 978-3608937824
Geschrieben in Daniel, Roman | Keine Kommentare »



