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Archive für Oktober 2008
“Der Afrikaner” von Jean-Marie Gustave Le Clézio
30.10.2008 von Krümel.
Selbstverständlich wollte ich den Literatur-Nobelpreisträger von 2008 kennen lernen. Le Clézio wurde 1940 in Nizza geboren, schrieb zahlreiche Romane und erhielt auch schon einige Auszeichnungen. Dennoch war mir dieser Autor bis jetzt völlig unbekannt, und das wollte ich ändern!
Der Afrikaner ist ein sehr persönliches Werk, denn es handelt von der prekären Beziehung zwischen dem Autor und dessen Vater.
Le Clézios Vater studierte in England Medizin mithilfe eines Stipendiums. Aus diesen Grund musste er nach dem Studium für das Königreich tätig werden, und man schickte ihn zu den englischen Kolonien nach Afrika. Zunächst nach Kamerun und später wurde er nach Nigeria versetzt.
Bis zum Ausbruch des II. Weltkriegs war seine Frau, des Autos Mutter, mit dabei, und die Jahre in Afrika waren für dieses Paar eine Zeit der Glückseligkeit. Die Geburten ihrer Söhne wollte seine Mutter allerdings in Europa erleben, und so kam es zu dem Malheur, dass die Familie die Zeit des Krieges getrennt wurde. Erst 1948 mit acht Jahren lernte der Autor seinen Vater in Afrika kennen.
Die Zeit und die Umstände hatten diesen Idealisten mürbe gemacht, wenn nicht gar zerstört. Viele Jahre später ist Le Clézio auf den Spuren seines Vaters gewesen, um dessen Gefühle und Lebensweise zu verstehen.
Der beste Einstieg in die Lektüre von Le Clézio war dieses Buch eventuell nicht, allerdings lernt man den Autor direkt sehr persönlich kennen, und vielleicht ist es nicht die schlechteste Einstiegslektüre. Wer weiß das schon?
Mich hat direkt diese ausgewogene Sprache fasziniert, sehr weich und fließend:
“Jeder Mensch hat einen biologischen Vater und eine biologische Mutter. Man muß sie nicht unbedingt lieben oder anerkennen, man kann ihnen Mißtrauen. Aber sie existieren - mit ihrem Gesicht, ihrer Haltung, ihren Manieren und Manien, ihren Illusionen, ihren Hoffnungen, der Form ihrer Hände und Zehen, der Farbe ihrer Augen und ihres Haars, ihrer Art zu reden, ihren Gedanken und vermutlich dem Alter, in dem sie sterben, all das haben wir in uns aufgenommen.” Die ersten Sätze.
Der Leser steigt in diese Lektüre ein mit der Gewissheit, hier schreibt jemand nicht nur an der Oberfläche, sondern menschlich und psychologisch sehr tief. Und so war ich direkt im Buch drin, und diese Sprache hat mich wirklich durch die 130 Seiten getragen.
Heidi Hof
Hanser Verlag, 2007, OT: L´Africain, Übersetzung von Uli Wittmann, Hardcover 14,90 €, 134 Seiten, ISBN: 978-3-446-20948-0
Geschrieben in Erzählung/en, Krümel | 1 Kommentar »
“Unter dem Safranmond” von Nicole Vosseler
28.10.2008 von Krümel.
Oxford 1853. Maya Greenwood ist die älteste Tochter gut situierter Eltern. Eigentlich ist es aber schon längst Zeit, die Zukunft der Tochter zu planen. Aber Maya ist anders als andere Mädchen ihres Alters. Sie will lernen, am liebsten studieren und fremde Länder bereisen. Aber die Universitäten bleiben ihr verschlossen, weil sie kein Mann ist. Als ihr Bruder auf Heimaturlaub nach Hause kommt, ist sie nicht nur von seinen Berichten über für sie exotische Länder fasziniert. Sie verliebt sich auch in seinen Begleiter, Ralph Garret. Als dieser um Mayas Hand anhält, wird er von den Eltern abgewiesen. Daraufhin brennen beide durch, heiraten in Schottland und gehen nach Arabien, wo Ralph seinen Dienst antreten muss. In der Fremde zeigt sich, ob beide wirklich für einander geschaffen sind.
Nach „Südwinde“ und „Der Himmel über Darjeeling“ war „Unter dem Safranmond“ nun der dritte Roman, den ich von Nicole Vosseler las. Wie schon in ihren anderen Romanen ist die akribische Recherche der Autorin auch in diesem Buch deutlich spürbar. Wahre Begebenheiten verknüpft sie gekonnt mit der fiktiven Handlung. Die Protagonisten sind interessant gezeichnet. Sie wirken sehr lebendig und menschlich und ihre Handlungen lassen sich vom Leser gut nachvollziehen. Besonders überzeugend waren der Wunsch Mayas nach Freiheit und deren enormer Wissenshunger geschildert.
„Unter dem Safranmond“ ist eine sehr gefühlvolle Liebesgeschichte, die berührt und mitfühlen lässt. Leider haben Liebesgeschichten den Nachteil, dass sie zum Ende etwas vorhersehbar werden.
Nicole Vosseler hat einen ganz ungewöhnlichen Schreibstil. Sie verwendet sehr viele Adjektive. Dadurch werden ihre Geschichten sehr bildhaft geschildert und das Kopfkino setzt schnell ein. So waren Hitze und Sand, Gerüche und Geräusche förmlich spürbar. Stellenweise verlor sich die Autorin aber in ihren Beschreibungen und ihre Erzählung wirkte detailverliebt. Das störte meinen Lesefluss mitunter ein wenig.
„Unter dem Safranmond“ ist eine sehr unterhaltsame Liebesgeschichte, die mich an einem verregneten Wochenende mit auf die Reise in ferne Länder nahm. Dieses Buch wird sicher vornehmlich Leserinnen ansprechen und denen, die gern in Gedanken auf gefühlvolle Reisen gehen, kann ich es vorbehaltlos empfehlen.
Heike
Luebbe Verlag, 2008, Hardcover 18,95 €, 588 Seiten, ISBN: 978-3785723302
Geschrieben in History/Fantasy, Heike | Keine Kommentare »
“Der stumme Schrei” von Kenzaburo Oe
26.10.2008 von Krümel.
Die Brüder Mitsu und Takashi kehren in ihr Heimatdorf zurück, dass abgeschieden hinter einem Wald liegt. Mitsu wird von seiner Frau Natsumi begleitet und Takashi von Bewunderern.
Beide Brüder scheint nur die gemeinsame Mutter zu verbinden, denn beide verfolgen völlig unterschiedliche Lebensansichten.
So bleibt es nicht aus dass beide immer wieder in Streit miteinander geraten und sich immer weiter von einander entfernen, als Takashi einen Aufstand im Dorf anzettelt.
Ich habe lange gebraucht um dieses 340 Seiten starke Werk des japanischen Nobelpreisträgers Kenzaburo Oe zu lesen und habe das Buch anfangs doch sehr enttäuscht beiseite gelegt.
Der stumme Schrei wird von einigen Rezensenten als ein Werk bezeichnet, dass Japan im Umbruch nach dem zweiten Weltkrieg zeigt und das Gesellschaftsbild kritisch reflektiert.
Ja, stimmt, aber wer denkt – so wie ich – dass er bei der Lektüre etwas über Japan lernt wird enttäuscht werden.
Die beschrieben Probleme sind nicht „japanspezifisch“, sondern lassen sich eins zu ein in jedes beliebige Fleckchen der Erde übertragen. Denn jedes Dorf in dem Traditionen eine wichtige Rolle spielen, dürfte Probleme haben die Moderne zu akzeptieren und diese in das alltägliche Leben zu integrieren. Das selbe trifft auf den Konflikt zwischen den beiden Brüdern Mitsu und Takashi zu: dort wo zwei unterschiedliche Lebensweisen auf einander treffen und keiner bereit ist die jeweils andere zu akzeptieren, werden Konflikte entstehen.
Insofern sollte man sich dringend von dem Gedanken ein Buch zu lesen, dass einem Japan als Land näher bringt dringend loslösen.
Und trotzdem ist das Buch wirklich lesenswert, wenn man Oe als zeitgenössischen Autor betrachtet, der in Japan die selbe Bedeutung haben dürfte wie ein Heinrich Böll oder Günter Grass für die deutsche Gegenwartsliteratur.
Oe zeichnet in seinem Roman Der stumme Schrei ein Bild der komplizierten und oft bizarren Psyche des Menschen und zeigt Schwächen der Gesellschaft. Dabei greift er immer wieder auf skurril anmutende durchaus metaphorische Bilder zurück.
Zugleich skurill, amüsant und oft auch fast abstoßend erzählt Oe seine Geschichte und zeigt oft genug dass er eine Auge für das Detail hat und dieses auch sprachlich hervorragend umsetzen kann.
Oe ist ein durchaus interessanter Autor und ich bin davon überzeugt, dass es sich lohnen wird weitere Bücher des Autors zu lesen.
Man sollte sich nur dringend von dem Gedanken loslösen durch Oe´s Bücher Japan als Land und seine Kultur kennen zu lernen. Oe ist ein Gegenwartsautor, der seine Geschichten in seiner Heimat spielen lässt.
Rebecca
Fischer Verlag, 1994, OT: Man-en-gannen no futtoboru , Übersetzung aus dem Englischen von Rainer und Ingrid Rönsch, Taschenbuch 9,95 €, 367 Seiten, ISBN: 978-3596128655
Geschrieben in Rebecca, Roman | 1 Kommentar »
“Säulen der Ewigkeit” von Tanja Kinkel
24.10.2008 von Krümel.
Tanja Kinkel führt den Leser in diesem Roman in das Ägypten des 19. Jahrhunderts. Die Archäologie steckt noch in den Kinderschuhen und nur wenige Mutige wagen sich nach den Schätzen der Pharaonen zu suchen.
Sarah, die Heldin des Romans, wächst in einem Waisenhaus auf. Sie ist klug und so unterrichtet sie bereits als Jugendliche andere Kinder im Heim. Später arbeitet sie als Gesellschafterin bei einer alten Dame, bis sie den italienischen Artisten Giovanni Belzoni kennen lernt, den sie heiratet und mit den sie halb Europa bereist, bevor sie als eine der ersten Frauen im Jahr 1815 mit ihm in Ägypten ankommt. Belzoni versucht sich zuerst mit dem Bau einer Wasserpumpe, als er damit scheitert, beginnt er, angeregt durch den französischen Konsul Drovetti, nach Altertümern zu suchen. So birgt er den Kopf des Memnon. Wenig später legt er Abu Simbel frei und öffnet die zweite Pyramide als erster Mensch der damaligen Zeit. Alles geschieht im Wettlauf um Ansehen und Ehre mit Drovetti, der erst ein Freund war, dann zum Konkurrenten und später zum Feind wurde. Denn dieser kämpft nicht nur um die Altertümer Ägyptens, er kämpft auch um Sarah Belzoni, die ungewöhnliche Frau hat ihn mit ihrer pragmatischen Art stark beeindruckt.
„Säulen der Ewigkeit“ ist ein hervorragend recherchierter Roman. Die Protagonisten sind reale Personen und nur ganz wenige Details wurden im Sinne einer stimmigen Geschichte von der Autorin angepasst. Der historische Hintergrund und die sehr gut beschriebenen landestypischen Eigenheiten ließen ein farbenprächtiges Bild Ägyptens vor meinem inneren Auge entstehen. Die Autorin brachte mir die Lebensweise der Einheimischen, aber auch die Schwierigkeiten im Alltag der Ausländer in diesem Land näher. Sie beschrieb anschaulich das Leben und die Religion der Moslems und der Christen, deren Eigenheiten und Traditionen.
Sarah Belzoni nahm nachgewiesenermaßen eine ganz ungewöhnliche Entwicklung. War sie mit ihren Ansichten zu Beginn des Romans noch in England der damaligen Zeit fest verwurzelt, so entwickelte sie sich zur eigenständig denkenden und handelnden modernen Frau in Ägypten. Die Rolle der duldsamen Ehefrau füllte sie nicht aus. Ihr Leitspruch ist: „Was immer du tun willst, fang damit an.“ Sie lebt ihn. Sarah Belzoni ist in diesem Roman in eine Dreiecksbeziehung verstrickt, für die es in der Historie keine Beweise gibt, allerdings gibt es Hinweise, die darauf hindeuten, dass es so gewesen könnte. Diese Geschichte ist sehr gut in das Geschehen eingebaut. Sie ist vollkommen frei von Herz-Schmerz und Kitsch.
Tanja Kinkel bedient sich einer einfachen, aber sehr einfühlsamen Sprache. Die historischen Fakten verknüpft sie geschickt mit der Romanhandlung. Man könnte ihren Roman auch problemlos als Romanbiografie bezeichnen, so eng hält sie sich an die von der Geschichte vorgegebenen Eckdaten. Die Spannung bleibt fast durchgängig erhalten, in nur ganz wenigen Szenen schleichen sich Längen in die Handlung ein. Dem Buch sind noch hilfreiche Karten und Zeichnungen sowie eine umfangreiche Bibliografie beigefügt.
Mein Fazit: „Säulen der Ewigkeit“ ist ein äußerst interessanter, detailgetreuer, historischer Roman, den ich sehr gern gelesen habe. Die enge Bindung an belegte Fakten machte das Buch an keiner Stelle lehrbuchhaft oder gar schwer lesbar. Wer sich für ägyptische Geschichte, Archäologie und historische Romane interessiert, kommt an diesem Buch sicher nicht vorbei.
Heike
Droemer/Knaur Verlag, 2008, Hardcover 19,95 €, 688 Seiten, ISBN: 978-3426198162
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Das Aus für die Sendung “Lesen”
23.10.2008 von Krümel.
Vor einer Stunde gab das ZDF bekannt, dass die Sendung “Lesen” abgesetzt wird, auch die zwei Sendungen für 2008 werden nicht mehr ausgestrahlt.
Wie es dazu kam?
Frau Heidenreich hat MRR den Rücken gestärkt, und massive Kritik am ZDF und den öffentlichrechtlichen Sendern geübt. “Sie schämt sich für einen solchen Sender zu arbeiten.” Und ich muss sagen, auch ich fand es nur beschämend wie die ÖR-Sender “Deutschland sucht den Superstar” zur besten Unterhaltungssendung küren konnten.
Ferner ist ihr die Sendezeit von “Lesen” zu spät am Abend. Auch diese Kritik findet von mir volle Unterstützung, Lesen, Druckfrisch und Literatur im Foyer laufen zu unmöglichen Zeiten!
Und nun wirft das ZDF Frau Heidenreich raus!
Hätten sie doch vor Jahren schon der “Tour de France” gekündigt, wäre da das ZDF und die ARD doch konsequent gewesen, aber nein, Kritik von Menschen, die sich für Kultur und Literatur in den Medien bemühen, da wird der Vorschlaghammer gezückt. Für mich unverständlich!
Geschrieben in Literaturthemen | 7 Kommentare »
“Es waren Habichte in der Luft” von Siegfried Lenz
22.10.2008 von Krümel.
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Rätselhaft, fast etwas mysteriös, liest sich diese Novelle, die man dadurch nicht aus den Händen legen möchte.
Wir befinden uns in Finnland, unmittelbar nach dem I. Weltkrieg, Russland hat seine besetzten Teilgebiete den Finnen wieder zurückgegeben, wo nun der Bürgerkrieg herrscht. Das wird im Buch allerdings nicht ausgesprochen, lediglich der Regierungswechsel wird häufig erwähnt.
Allerdings bringen diese historischen Fakten den Leser und dessen Suche nach dem Kern der Aussage, nicht viel weiter, der Titel “Es waren Habichte in der Luft“ schon eher. Fabelmäßig lässt sich daraus schließen, dass Unheil in der Luft liegt, welches den Bürger beobachtet, und ständig auf der Lauer liegt.
Der Lehrer Stenka kann entfliehen, denn Lehrer werden von der neuen Regierung gesucht und hinter Gitter geschlossen, da sie den jungen Menschen “Flöhe” ins Gehirn setzen. Stenka findet bei dem Lehrling Erkki sowie dessen Ausbilder Leo Unterschlupf, denn er kann rechnen und kennt sich mit Blumen aus. Da Leo einen Blumenladen erworben hat, ist ihm diese Kraft sehr willkommen.
Das Buch ist szenisch aufgebaut, die einzelnen Kapitel beschreiben die verschiedenen Lebenssituationen der einzelnen Akteure: die Witwe, der arme Petrucha, Erkki und Manja. Aber nach und nach passen diese Lebensläufe zusammen wie ein Schlüssel ins Schloss.
Lenz sagt uns ganz viel mit dieser kurzen Novelle, die ich parabelhafte Novelle nennen möchte. Mit versteckten Symbolen weist uns der Autor darauf hin, dass bereits 1918 etwas in der Luft lag, und man schon einige Dinge wahrnehmen konnte, die tragisch und viele Einzelschicksale fordern würden.
Ein ganz ausgezeichnetes Debüt-Werk von Siegfried Lenz, ich kann sehr wohl nachvollziehen, warum er seit jeher als Stern in der Nachkriegsliteratur galt. Absolut empfehlenswert.
Heidi Hof
Lizenzausgabe Deutsche Bücherbund, Großdruck Nr. 04324/0, 291 Seiten
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel | 2 Kommentare »
“Babettes Fest” von Tania Blixen
19.10.2008 von Krümel.
19. Jh. in Norwegen
In dem kleinen Städtchen Berlevaag, einem Fjord, lebt eine puritanische Prediger Familie. Die Mutter ist früh verstorben, der Vater, der Propst, lebt mit seinen zwei wunderschönen und frommen Töchtern zusammen. Beide haben in jungen Jahren einen Verehrer, aber beide Töchter wählen das enthaltsame Leben wie es ihr Vater ihnen vorlebt, und dessen Vermächtnis sie fortführen möchten.
Eines Tages klingelt an ihrer Türe Babette, die um die Aufnahme in ihrem Haushalt bettelt, da sie in Frankreich verfolgt wird, ihren Mann sowie Sohn verloren hat, und nun nach einem Unterschlupf sucht.
Die zwei Frauen nehmen Babette auf, und diese arbeitet 12 Jahre in deren Haushalt als Köchin, sehr spartanisch und genügsam.
Bis dann der Tag X kommt, und Babette ein großes Festessen ausrichtet.
Diese kleine Novelle ist eine Hymne auf die Kunst, und wie die Kunst die Herzen der Menschen erreicht, und diese verwandelt.
Ferner ist sie ein Zeugnis der Treue, denn wie kann ein Mensch mit einen solch erleideten Verlust, dennoch an diese Menschen hängen?
Sprachlich ist es wieder ein Genuss Blixen zu lesen, denn sie trägt den Leser in andere Welten: nach Afrika in “Afrika dunkel lockende Welt” und “Die unsterbliche Geschichte” á la “1001 Nacht”.
Diese Lektüre ist sehr gut für eine gemeinsame Lesenacht geeignet!
Heidi Hof
Manesse Verlag, 2007, OT: Babette´s Feast (1950), Übersetzung: W.E. Süskind, Hardcover 9,90 €, 85 Seiten, ISBN: 978-3717540342
Geschrieben in Erzählung/en, Krümel | Keine Kommentare »
“Der Turm” von Uwe Tellkamp
14.10.2008 von Krümel.
Ein sprachliches Experiment von 1000 Seiten.
1984. In Dresden, in einem Villenviertel, wohnen die Familien Hoffmann, Rohde und Tietze. Das sind die Bewohner des “Turms”; Christians Eltern sowie Onkel und Tanten nebst Cousins und Cousinen.
Christians Vater ist Handchirurg (durch ihn zeigt uns der Autor das marode System des Gesundheitswesen), er ist ziemlich undiplomatisch, und tappt von einer Falle in die nächste. Das krasse Gegenteil von ihm, quasi seine Komplementärfigur, spielt Meno Rohde, der Bruder von Anne Hoffmann, Christians Mutter. Er ist Lektor beim Hermes Verlag (hier wird uns gezeigt nach welchen Kriterien Bücher für das System ausgewählt werden), Zoologe und Christians Lieblingsonkel. Sein Charakter schwankt zwischen absoluter Verschwiegenheit und liebevoller Zuhörer.
Diese Großfamilie lebt in Dresden wie auf einer Insel, die es eigentlich nicht hätte geben dürfen, denn sie präsentiert das Bildungsbürgertum im sozialistischen System.
Bei Familienfesten und sonstigen Zusammenkünften wird ganz deutlich ihr Intellekt hervorgehoben, anregende Diskussionen werden geführt, die zum größten Teil staatsfeindlich sind, viele Familienmitglieder sind musikalisch und es wird Hausmusik gespielt, und alle sind hoch belesen. Sie haben dadurch ihre spezielle Nische gefunden, einen Rückzugsort, um den Alltag und den Fesseln zu entkommen.
Und von diesen Menschen erzählt uns Tellkamp den Lebensabschnitt von 1984 bis 89 Mauerfall.
Christian geht 84 noch aufs Gymnasium, und muss sich im vorletzten Schuljahr für drei Jahre zusätzlichen Wehrdienst verpflichten um seinen Wunsch Medizin zu studieren verwirklichen zu können. Man hat zunächst den Eindruck, dass er voll auf seinen Vater kommt, denn durch äußerst unüberlegte Äußerungen und Reaktionen bringt sich diese Figur in größte Schwierigkeiten.
Doch als man ihm beim Wehrdienst auf den Namen Nemo tauft, schlüpft er langsam aber zunehmend in diese introvertierte Außenseiterrolle seines Onkels.
Der Roman ist außergewöhnlich geschrieben. Wer den “Eisvogel” gelesen hat, erinnert sich an den ungewöhnlichen Stil des Bewusstseinsstrom, womit die Ouvertüre des Turms direkt wieder beginnt:
>> - Und hörte die Uhren der Papierrepublik über die Meeresarme klingen tönen schlagen, Gelehrteninsel: Schneckenkegel, der zum Himmel wuchs, Helix, auf den Tisch gezeichnet in Auerbachs Keller, Wohnungen verbunden durch Stiegen, Häuser verschraubt mit Treppen, Gehörgänge auf Reißbrettern entworfen, Spinnweben, die Brücken. << (Seite 9) Eine skizzenhafte Zusammenfassung von Menos Aufzeichnungen über das ganze Buch.
Es folgen viele weitere Sprachvarianten und Prosaarten, immer wieder werden diese Besonderheiten im Buch erscheinen. Eben solche Aufzeichnungen von Meno, auch dessen Tagebuch, die Briefform und Bewusstseinsströme von verschiedenen Figuren, und das alles zusammen erzeugt eine ganz eigenartige Atmosphäre.
Aufgrund des „Eisvogels“ hatte ich mir dieses Buch bereits im Juni vorbestellt und wartete sehnsüchtig auf den zweiten Roman von Tellkamp.
Im ersten Drittel des Buches war ich begeistert von dieser Sprachfülle, dieses experimentelle Schreiben fand ich aufregend und hochinteressant.
Und ganz ehrlich während des Mittelteils hätte ich am liebsten das Buch an die Wand geklatscht! Bei mir war absolut die Puste raus.
Da ich aber mittlerweile davon überzeugt war, dass Tellkamp den Deutschen Buchpreis 2008 gewinnen würde, gab ich nicht auf. Und so bin ich am Ende doch belohnt worden, vielleicht hatte ich mich an diese Sprachkapriolen gewöhnt, auf jedem Fall ist mir mit diesem Buch ein wichtiger Teil unserer Geschichte hautnah erzählt worden.
Ich habe „Profi“- Rezensionen gelesen, in denen „Der Turm“ mit den „Buddenbrooks“ von Thomas Mann verglichen wurde, dem möchte ich wieder einmal widersprechen. Denn durch diese enormen Sprachvarianten im „Turm“ bleiben die Figuren ziemlich leblos. Tiefe emotionale Gefühle, welche ich bei den „Buddenbrooks“ sehr wohl empfand, werden durch die kühle und distanzierte Art im Turm nicht transportiert.
Eine Empfehlung für all jene Leser, die recht viel Zeit und Muße besitzen, und sich durch dieses Mammutwerk, welches ein Feuerwerk von sprachlichen Besonderheiten ist, durchbeißen möchten.
Heidi Hof
Suhrkamp Verlag, 2008, Hardcover 24,80 €, 976 Seiten, ISBN: 978-3-518-42020-1
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel | 2 Kommentare »
Deutschen Buchpreis 2008
13.10.2008 von Krümel.
Der diesjährige Gewinner des Buchpreises ist Uwe Tellkamp mit seinem Roman “Der Turm”.
Rezi folgt in den nächsten Tagen ![]()
Geschrieben in Literaturthemen | 1 Kommentar »
“Die Gräfin: Marion Dönhoff” von Klaus Harpprecht
9.10.2008 von Krümel.
Hochbetagt starb im Jahr 2002 Marion Gräfin Dönhoff - ein erfülltes und abwechslungsreiches Leben lag hinter ihr.
Aufgewachsen ist sie im aristokratischen Milieu Ostpreußens, dort führte sie auch als promovierte Volkswirtin jahrelang eines der Güter der Familie. Im zweiten Weltkrieg waren einige ihrer Freunde und Bekannten Mitglieder der Widerstandsgruppe um Graf Stauffenberg: sie verlor nach dem 20. Juli einige ihr sehr nahe stehende Menschen. Nach dem Krieg und der Vertreibung begann ihr “bürgerliches” zweites Leben bei der ZEIT, der Zeitung deren Gesicht sie jahrelang mitgeprägt hat, als Leiterin des Politikressorts, später auch als Chefredakteurin und schließlich als Herausgeberin.
Ihr “drittes” Leben im Alter wird in Harrprechts Biographie nur auf wenigen Seiten umrissen, während die Zeit bis zu den 70er Jahren gut 500 Seiten umfasst. Nicht zuviel für eine solch ungewöhnliche Frau wie ”die Gräfin” (wie sie in der ZEIT-Redaktion genannt wurde) - welterfahren, weitgereist, belesen, politisch, moralisch. Harpprecht beschreibt die Menschen, die sie geprägt haben, ihre Umgebung, ihre (sich wandelnde) politische Einstellung, ihren Einsatz, damit ihre im Widerstand hingerichteten Weggefährten nicht in Vergessenheit geraten, für das deutsch-polnische Verhältnis, für Europa. Dabei bleibt der Autor doch stets kritisch, z.B. wenn es um die NS-Vergangenheit ihres Bruders Christoph geht und legt auch mal einen Finger auf einen wunden Punkt. Leider kenne ich die autobiographischen Gespräche, die Alice Schwarzer mit Marion Dönhoff führte nicht, so dass ich hier keinen Vergleich ziehen kann.
Dreißig Fotos von Weggefährten und natürlich von Marion Dönhoff - vom Kinderbild bis zum sehr gelungenen Altersportrait - geben dem Leser auch einen visuellen Eindruck vom Leben der Gräfin zwischen Aristokratie und Zeitungsredaktion. Harpprecht hatte Zugang nicht nur zum ZEIT-Archiv, sondern auch zum Familienarchiv der Dönhoffs und konnte so viele Quellen erstmals einsehen. Leider enthält das Buch zwar Quellenangaben, aber da diese im Text nicht markiert sind, sondern lediglich nach Kapitel zusammengefasst aufgezählt werden, ist dem Leser die Zuordnung der Aussagen im Text zu den Quellen unnötig erschwert (und wenn man die Wikipedia schon zitieren will, sollte man das doch korrekt machen). Dafür erhält der Leser eine Biographie, die sich nicht nur angenehm flüssig lesen lässt, sondern aus der sich auch über das Leben der Dönhöff hinaus so manches interessante zeitgeschichtliche Detail ergibt. Der Leser, der Marion Dönhoffs autobiographische, politische und essayistische Schriften (schade übrigens, dass keine Bibliographie angefügt ist!) kennt, wird trotzdem in Harrprechts Buch viel Neues erfahren. Auch für Nicht-ZEIT-Leser eine Empfehlung das Leben dieser ganz besonderen Frau kennen zu lernen.
Kerstin
Rowohlt Verlag, 2008, Hardcover 24,90 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3498029845
Geschrieben in Biographie, Kerstin | 2 Kommentare »




