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Archive für September 2008

Homer in Düren

Nach fast 3000 Jahren findet der Ursprung der Abendland Literatur wieder Einzug in unsere Wohnzimmer. Ich bin ja auch ein Kandidat, der die Ilias im Bücherregal stehen hat, einmal kurz herein gelesen, und schnell die Lust verloren hat.

Singe den Zorn, o Göttin, des Peleiaden Achilleus,
Ihn, der entbrannt den Achaiern unnennbaren Jammer erregte,
Und viel tapfere Seelen der Heldensöhne zum Aïs
Sendete, aber sie selbst zum Raub darstellte den Hunden,

Raoul Schrott hat dieses Mammut-Werk für uns neu übertragen, und zwar aus der Perspektive der heutigen Zeit. Sein Motto: Homer lebt, und erzählt uns seine Sagengeschichte. Und damit ist uns dieses Epos wieder greifbar gemacht worden.

Und gestern war die Ilias in Düren! Geplant war eine Lesung des Autors, Michael Köhlmeier sowie Wolf Wondratschek. Doch da Herr Köhlmeier an Grippe erkrankt ist, wurde sie von den zwei Verbliebenen vorgetragen. Dadurch fand eine etwas kürzere, von der Lesezeit her, Version statt.

Sagenhaft, wie prägnant und eindrucksvoll sich diese neue Übersetzung anhört! Herr Schrott hat ein Temperament, welches dem Zuhörer teilweise vom Hocker riss ;-)
Dem lauschen zu dürfen war ein riesiges Erlebnis, und die kleine Stadt Düren kann mächtig stolz darauf sein, dieses Ereignis an Land gezogen zu haben.

Wer nicht dabei war, der hat einfach was verpasst!

“Die Spiele der Erwachsenen” von Sophie Dahl

spiele.jpgKitty lebt in New York und freut sich mit ihrem Mann auf das erste gemeinsame Kind.
Eines Nachts ruft ihre Schwester Violet an und bittet Kitty zurück nach England zu kommen, denn die Mutter habe sich was angetan.
Auf dem Weg zu ihrer Schwester und ihrer Mutter erinnert sich Kitty an ihre turbulente Kindheit und Jugend. Sie erinnert sich an die Eskapaden ihrer Mutter, ans Internat, verschiedene Stiefväter, Drogen und Jugendsünden.

Die Spiele der Erwachsenen ist eine 300 Seiten lange Coming-of-Age Story, die über allseits bekannte und weniger bekannte Probleme des Erwachsen werdens berichtet.

Im Mittelpunkt des Romans steht die Ich-Erzählerin Kitty, die über ihr turbulentes Leben erzählt.
Mit einem Blick fürs wesentliche erzählt Kitty von ihrer Mutter, die als Malerin ein instabiles Leben führt: immer wieder wechselnde Partner, Partyexzesse und schließlich der Beitritt zum Buddhismus. Letzteres bewegt die Mutter ihrem Anführer in die USA zu folgen und Kitty in ein Internat zu geben.

Bewegend erzählt Kitty die Tief – und Höhepunkte ihrer Kindheit und Jugend: die Freude, mit ihrer Mutter shoppen zu gehen und einen Kakao zu trinken und die Verzweiflung, wenn die Mutter heulend am Boden liegt und ihr Leben selbst nicht mehr regeln kann.

Die Handlung teilt sich auf zwei Handlungsstränge, wobei Kittys Kindheitserinnerungen deutlich den Schwerpunkt bilden.
Die Rahmenhandlung, die Reise Kitty´s nach England, nimmt gerade mal 1 % der vorhandenen Seiten ein.
Das ist schade: man erlebt in Kitty´s Erinnerungen wie konfus ihr Leben und das Leben ihrer Mutter läuft. Die Rahmenhandlung – der Anruf ihrer Schwester und die Reise nach England – die dafür sorgt, dass sich Kitty erinnert, deutet den Zustand der Mutter in der Gegenwart an. Doch dies wird nicht weiter ausgebaut, der Leser bleibt mit einer Reihe Hinweise zurück.
Das ist schade.
Das Buch würde wesentlich runder sein, wenn Sophie Dahl an der Stelle auch noch 20 Seiten mehr aufgewendet hätte, oder diese Rahmenhandlung gänzlich weggelassen hätte und sich auf die Kindheit und Jugend Kittys beschränkt hätte.

Besonders gut hingegen sind der Autorin die Gegensätze Teenager vs. Erwachsener, alt vs. jung und Spiel vs. Realität in ihrer Geschichte zu verpacken.

Die Spiele der Erwachsenen ist ein Roman, der einen an seine eigene Jugend erinnert und einem das Erwachsen werden aus einer anderen Perspektive beschreibt.
Eine Geschichte, die einem schöne und leichte Lesestunden beschert.

Rebecca

Berlin Verlag, 2008, Übersetzung: Maria Mill, Hardcover 19,90 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3827007674

“Helmut Schmidt. Eine Biographie” von Hans-Joachim Noack

schmidt.jpgDer bevorstehende 90. Geburtstag von Helmut Schmidt, Bundeskanzler a. D., am 23. Dezember 2008 ist für den Politikjournalisten Hans-Joachim Noack Anlass, über das bewegte Leben des Staatsmannes zu berichten. Bereits seit Jahren sind beide eng vertraut und für diese Biografie öffnete Helmut Schmidt sein Privatarchiv.

Hans-Joachim Noack berichtet kurz über die Kindheit und die Jugendjahre Helmut Schmidts. Sein Ehrgeiz und seine Zielstrebigkeit sind bereits in jungen Jahren deutlich erkennbar. Sehr früh lernt Helmut Schmidt Hannelore (Loki) Glaser kennen, beide hat schon in Kindertagen eine enge Freundschaft verbunden. Nach dem Abitur leistet er seinen Wehrdienst ab, kurz vor Beendigung dessen beginnt der Zweite Weltkrieg, den der junge Mann zwar voller Ehrgeiz , aber mit wenig nationalsozialistischer Überzeugung mitmacht. Später sagt er über diese Zeit, er sei zwar kein Held aber eben auch kein Schwein gewesen. 1942 heiratet er Hannelore. Zum Ende des Krieges entkommt er wegen kritischer Äußerungen nur knapp und mit Hilfe seiner direkten Vorgesetzen einer Verurteilung. Das Ende des Krieges erlebt er in britischer Kriegsgefangenschaft. Dort lernt er Hans Bohnenkamp kennen, der ihm bezüglich des Nationalsozialismus die letzten Illusionen nimmt und ihn politisch prägt. So wird er 1945 Mitglied der SPD.

Nach seiner Entlassung studiert Helmut Schmidt Volkswirtschaftslehre und arbeitet nach erfolgreichem Abschluss in verschiedenen Positionen im Hamburger Senat. 1962, als Schmidt, inzwischen Innensenator der Hansestadt, während der Sturmflut die Rettungsmaßnahmen organisiert, legt er den Grundstein für seinen Ruf als Krisenmanager. Innerhalb der Partei macht er, immer noch brennend vor Ehrgeiz, schnell Karriere. Schon als junger Politiker ist er ein Meister der Selbstinszenierung und ein hervorragender Rhetoriker. Bewusst bricht er manch innerparteilichen Konflikt vom Zaun. Er ist in seinem „Verein“ – wie er die SPD nennt – ein unbequemes Mitglied, einer, der immer etwas arrogant und belehrend wirkt. Das Verhältnis zu Willy Brandt war stets problembehaftet, zeitweise sogar zerrüttet. Zahlreiche Beispiele führt der Autor an, um zu belegen, dass Pragmatismus für Helmut Schmidt immer wichtiger als politische Linientreue ist. Trotz politischer Disharmonien wird er im Mai 1974 zum 5. Bundeskanzler der Bundesrepublik gewählt. Die Ämter, die er zuvor innehatte, Bundesverteidigungsminister, Bundeswirtschaftsminister und Bundesfinanzminister, befähigen ihn dazu wie keinen anderen. Besondere Herausforderungen während seiner Kanzlerschaft sind der Antiterrorkampf gegen die „Rote Armee Fraktion“, die Verbesserung des internationalen Ansehens Deutschlands, die Abrüstungsbemühungen und der damit eng verbundene NATO-Doppelbeschluss, infolge dessen er 1982 gestürzt wird.

Seit 1983 ist Schmidt Mitherausgeber der Wochenzeitschrift „Die Zeit“, seine umfangreichen Erfahrungen fließen in eine Vielzahl von Büchern ein und noch heute hält er weltweit Vorträge zu aktuellen politischen Problemen. Hans-Joachim Noack würdigt aber auch Schmidts große Liebe zur Kunst.

In seinem Buch gelingt es Noack, das Leben und das Werk des ehemaligen Regierungschefs zu würdigen und historisch einzuordnen. Diese von Sympathie geprägte, aber auch Kritik nicht aussparende Biografie ist das, was Kenner der Szene als biografisches Psychogramm bezeichnen. Zahlreiche Fotos aus dem Archiv des Altkanzlers runden dieses Werk ab.

Helmut Schmidt ist mir vor der Lektüre dieser Biografie natürlich kein Unbekannter gewesen. Der Mann mit der Prinz-Heinrich-Mütze, (fast) immer mit Zigarette und hanseatisch kühl hat mich schon in jungen Jahren beeindruckt, war er doch in seiner Art so anders als alle bundesdeutschen Kanzler vor ihm. Hans-Joachim Noack versucht zu erklären, warum Schmidt ist wie er ist. Dabei verzichtet er auf boulevardjournalistische Berichte, er bringt mir den Politiker und ein Stück auch den Menschen Helmut Schmidt näher, sein Privatleben bleibt weitgehend verborgen. Mir hat diese Mischung sehr gut gefallen.

Heike

Rowohlt Berlin Verlag, 2008, Hardcover 19,90 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3871345661

“Das Fräulein von Scuderi” von E.T.A. Hoffmann

sandmann.jpgNicht mein Genre!

In meiner Ausgabe von Anaconda sind “Der Sandmann” und dieses Fräulein gemeinsam veröffentlicht, und den Beweggrund dafür erschließt sich mir nicht so recht. Einen Zusammenhang von der Thematik, oder dass die Werke in einer gemeinsamen Schaffensperiode entstanden wären, gibt es nicht.

“Das Fräulein von Scuderi, eine betagte Dichterin, findet sich im Paris des späten 17. Jahrhunderts unversehens in eine Serie von geheimnisvollen Raubmorden verwickelt. Welche Rolle spielen der stadtbekannte Goldschmied Cardillac und sein Gehilfe Olivier in diesem dunklen Kriminalfall?” (Klappentext)

Diese Kriminalnovelle entstand 1819 und ist laut Wiki der erste deutsche Krimi überhaupt. Das mir dieses Genre so überhaupt nicht zusagt, beweist, dass ich diese 80 Seiten in drei Tagen gelesen habe, und somit kann ich keine objektive Bewertung verfassen, weil sie wirklich rein subjektiv ausfallen würde.
Die Sprache von Hoffman, und wie er eine Thematik angeht, gefällt mir allerdings.

Heidi Hof

Anaconda Verlag, 2007, Hardcover 2,95, 80 Seiten; ISBN: 978-86647-113-9

“Die Wiederkehr der Wölfe” von Hans Bergel

wolfe.jpgEin sensationeller Roman, ein Zeitzeugnis, offen und ehrlich berichtet er über die Zeit des II. Weltkrieges in Rumänien.

Das vorliegende Buch, der der Folgeband zu “Wenn die Adler kommen” (in dem Peter als Kind in Rumänien aufwächst), und erzählt nun von den Jahren 1940 bis 1945.

Peter (der Deutscher ist und in Rumänien lebt) ist mittlerweile 15 und besucht das Gymnasium Honterus in Kronstadt/Siebenbürgen. In den Sommerferien fährt er mit ein paar Freunden, die meist älter sind als er, mit dem Fahrrad durch Rumänien. Zur gleichen Zeit hat Wien beschlossen, dass der nördliche Teil von Siebenbürgen zurück an Ungarn geht. Die Jugendlichen erleben auf ihrer Reise furchtbare Ereignisse, denn viele Ungarn drehen durch, und lassen ihren Zorn an den Rumänen aus. So werden sie Augenzeugen von einem schrecklichen Massaker, durchleben einen Angriff, und müssen nur noch Hals über Kopf dieses vom Wahnsinn geprägte Gebiet entfliehen. Nach den Ferien ziehen einige von Peters Freunden in den Krieg.

Nach und nach wächst bei Peter der Wunsch, es den Großen nachzutun, und auch
für sein Vaterland kämpfen zu können. Doch er muss gemeinsam mit seinem besten Freund Benno die Schulbank drücken.

Der Protagonist in diesem Buch (ich hatte ständig das Gefühl, dass es sich hierbei um die autobiographische Figur des Autors handelt, weil Bergel auch 1925 geboren wurde, und er 1940 selber 15 war) ist ein sehr nachdenklicher und introvertierter Mensch. Er beobachtet seine Umgebung, hat tausend Fragen, die er aber für sich behält. Durch diese Charaktereigenschaften wird er in viele Geheimnisse, Begebenheiten und Situationen eingeweiht.
Sein Vater ist ein treuer Anhänger des Nationalsozialismus, sein Großvater, sein Vorbild, nicht. So erfährt er von seinem Opa, dass er einen verfolgten Rabbi im Haus versteckt.
Sein bester Freund und dessen Familie haben in ihrem Haus auch zwei Juden aufgenommen, und der Vater von Benno sorgt dafür, dass sie ungarische Pässe erhalten, und damit aus der Gefahr sind. In Rebekka verliebt sich Peter zudem.
Peter erfährt vom Massenmord an Juden im Bukarester Schlachthof, von der Hinrichtung seines Laufkameraden …

Peter bekommt alles mit, und wird in vieles hineingezogen. Und sein Zweifel an seinem Deutschtum schrumpft und schrumpft.

„Hans Bergel schildert den Weg eines jungen Mannes durch eine wahnwitzige Zeit, seine Ohnmacht gegen die immer wiederkehrende Bedrohung. In einem erschütternden Epos verwebt er Schicksale von Menschen aus Südosteuropa und stellt die Ereignisse der Kriegsjahre aus einem neuen Blickwinkel dar - exzellent recherchiert, mit vielschichtigen Charakteren und dramatisch inszenierter Handlung.“ (Klappentext)

Diesen Roman kann man nicht in einem weglesen. Immer wieder braucht der Leser kleine Pausen, um das Gelesene zu verdauen. Und dennoch habe ich ihn mit großem Interesse und Erstaunen gelesen. Denn es ist schon einzigartig wie der Autor so ganz offen und kritisch diese spezielle Thematik beschreibt. Wie Hitler die Massen einnimmt, und wie gehorsam sie seinem Wahnsinn befolgen.
Über zwei Äußerungen war ich sehr überrascht, dass nämlich die Pariser beim Einmarsch der Deutschen gejubelt haben; und dass die Welt erfreut war, als Hitler Stalin angriff, der Erzfeind Europas und Amerikas. Und wie sukzessive Peter und die Welt in Zweifel gerät, insbesondere als nach und nach von den Massakern an den minderwertigen Rassen durchdringt.

Dies ist ein Buch was sehr nachdenklich stimmt, aber hervorragend geschrieben und recherchiert ist, und welches ich eigentlich jedem nahe legen möchte.

Der Schluss empfand ich als unbefriedigend, die Russen marschieren in Rumänien ein, alle arbeitsfähigen Mädchen und Jungen sollen in Arbeitslagern abgeführt werden, die Wölfe sind wiedergekehrt … Der Leser möchte hier einfach weiterlesen! Und so hoffe ich, dass es noch einen weiteren Teil geben wird.

Zum Autor:
Hans Bergel wurde 1925 in Kronstadt/Siebenbürgen geboren, und lebt seit 1968 in München, Günter Grass erwirkte seine Ausreise. Im kommunistischen Rumänien wegen politischen Aufbegehrens mehrfach inhaftiert. Er ist Erzähler „realistischer Romantiker“, Essayist, politischer Journalist und Lyriker und besitzt zahlreiche literarische Auszeichnungen in Deutschland, Österreich, Schweiz und Rumänien.

Heidi Hof

LangenMüller Verlag, 2006, Hardcover 9,95 €, 686 Seiten, ISBN: 3-7844-3052-X

“Der Sandmann” von E.T.A. Hoffmann

sandmann.jpgVerdrehte Romantik, ein Schauermärchen!

Der Protagonist Nathanael hat seit frühester Kindheit Angst vor dem “Sandmann”. Seine Geschwister und er mussten stets um neuen ins Bett, da dann der Sandmann kommt, ihnen Sand in die Augen streut, damit sie zubleiben, und die Kinder gut schlafen können. Das Hausmädchen erzählt Nathanael aber eine andere Version, dass der Sandmann den bösen Kindern die Augen ausreißt um sie an seine Brut zu verteilen.
Nach einigen Jahren versteckt sich Nathanael hinter dem Vorhang im Arbeitszimmer seines Vaters, um dem Sandmann auf die Schliche zu kommen. Zu Besuch kommt der Advokat Coppelius, vor dessen Gestalt sich die Kinder ohnehin fürchten, und der mit dem Vater alchimistische Versuche betreibt. Seit dieser Begegnung verfolgt ihn dieser Advokat durch sein weiteres Leben.

Im Gegensatz zum goldenen Topf wird der Leser hier mit der düsteren Seite der Romantik konfrontiert. Die Erzählung ist schauerlich und gruselt.
Wieder steht die Dualität zwischen “Gut und “Böse”, Phantasie und Wirklichkeit im Mittelpunkt. Durch das Motiv der Augen verdeutlicht uns Hoffmann menschliche Wahrnehmungen; zu einem das Außen/Äußere/Realität und dann das innere Sehen, was nicht immer dem Heiteren entspricht, sondern dunkel und böse sein kann, wodurch ein Mensch in den Wahnsinn getrieben werden kann.

Also auch hier lese ich wieder die Kritik an der Romantik. Hoffmann scheint zwar voll von ihr ergriffen gewesen zu sein, aber “wenn Romantik zur Philosophie, zur Kritik, zur Wissenschaft, alles in Poesie, ja die Welt zum Kunstwerk wird”, dann sieht er den Menschen doch in Gefahr, was sich in diesem Werk sehr düster darstellt. Hoffmann war ein “skeptischer Romantiker”. (R. Safranski)

Auch diese Erzählung hat mir ausgesprochen gut gefallen.

Heidi Hof

Anaconda Verlag, 2007, Hardcover 2,95, 48 Seiten; ISBN: 978-86647-113-9

“Der kleine Bruder” von Sven Regener

bruder.jpgSven Regener mit seinem neuen Buch fügt sich zeitlich direkt an den vorangegangenen Roman an. Nimmt man in „Neue Vahr Süd“ noch Abschied von Bremen, so beginnt der Roman „Der kleine Bruder“ auf der Fahrt nach Berlin.
Frank sieht zum ersten Mal Berlin und landet durch seinen Begleiter den Punk „Wolli“ direkt in Kreuzberg, dem angeblichen Wohnort seines Bruders.
In der WG weiß niemand wo sich sein Bruder aufhält und außer der Nachricht, dass hier alle ausziehen müssen, weil der Besitzer die WG zu Eigennutzung braucht, erfährt er nicht viel von seinem Bruder.

Mit Karl und Chrissie, zwei Mitbewohnern, macht er sich auf die Suche nach ihm. Dabei lernt er die Szene von Berlin in ihren Gegensätzen kennen. Bei Begegnungen mit Punks, Hippies und Künstlern aus Kreuzberg, trifft er auf weitere Menschen, die seinen Bruders kennen und erfährt von den vermeintlichen, künstlerischen Ader seines Bruders.
Am Ende findet er ihn dort wo er ihn eigentlich nicht vermutet hat und es scheint als sei der „große Bruder“ vom Sockel gestoßen.

Frank macht im gesamten Roman einen sehr resoluten Eindruck, als ließe er sich nicht von seinen Zielen abbringen. Er wirkt energischer und intelligenter als seine Begleiter.
Alle anderen Figuren wirken statisch und nicht aus ihrem Trott herauszubringen. Irgendwie kommt mir bei den Gedanken das Wort “Herde” in den Sinn.
Frank ist der einzige der Energie aufbringt um etwas zu ändern, eine Sache abzuschließen, oder neu zu beginnen. Alle anderen wirken wie austauschbare Statisten.

Regener versetzt sich sprachlich in jedem seiner Bücher in das dominierende Klientel. Waren es bei „Herr Lehmann“ die Kneipenszene, bei „Neue Vahr Süd“ die Studenten und der Bund, so kommen in „Der kleine Bruder“ sprachlich Hippies, Punks und Künstler zu Wort. Die Sprache ist recht derb um nicht zu sagen vulgär, eben dem Klientel entsprechend.

Auch der Witz ist in jedem Buch ein anderer. Konnte ich mich in NVS noch in dem Studenten- oder Armeemilieu wiedererkennen, so fiel mir das im letzten Buch der Trilogie schon schwerer.
Auch aus diesem Grund begeisterten mich die beiden ersten Bücher der Trilogie mehr.

Ich bin gespannt, ob der Autor noch einmal zur Feder greift und welches Thema er dort bearbeitet, welches Genre er dort “bedient”.

Eins sei gewiss! Auf jeden Fall werde ich Herrn Regener im Auge behalten.

Über den Autor
Sven Regener wurde 1961 in Bremen geboren. 1985 gründete er die Band “Element of Crime”, die mit deutschsprachigen Alben wie “Damals hinterm Mond” und “Weißes Papier” eine große Popularität erlangte. Sven Regener ist Sänger und Texter der Gruppe. Seit 2001 schreibt er auch Romane und Drehbücher.

Sven Regener geht auf Lesereise:

    26.09. Bremen
    16.10. Frankfurt
    14.11. Hannover
    15.11. Bielefeld
    16.11. Köln
    17.11. Bochum
    18.11. Zürich
    19.11. Stuttgart
    20.11. Erlangen
    21.11. Dresden
    23.11. Hamburg
    24.11. Leipzig
    25.11. Berlin
    27.11. München
    28.11. Wien
    29.11. Wien

Shortlist des deutschen Buchpreises 2008

Die Abschaffung der Arten - Dietmar Dath

Das dunkle Schiff - Sherko Fatah

Treffen sich zwei -  Iris Hanika

Nach Hause schwimmen - Rolf Lappert

Adam und Evelyn - Ingo Schulze

Der Turm -  Uwe Tellkamp


“Der goldene Topf” von Ernst Theodor Amadeus Hoffmann

topf.jpgAus der Zeit der Romantik und ein sehr lesbares Märchen!

Der Student Anselmus, der Protagonist, ist ein Romantiker und Träumer. In Tagträumen eingehüllt, läuft er manchmal Apfelweiber um, und wirft dieses und jenes vom Tisch. Er ist ein wahrer Tollpatsch.
Er findet beim Archivarius Lindhorst eine Anstellung, alte Manuskripte zu kopieren, und stößt in dessen Haus auf seltsame Begebenheiten. Anselmus gerät zwischen den Fängen des Apfelweibs und den Zauberkünsten des Salamanders. Verliebt sich in zwei Jungfrauen, und steht dadurch ständig zwischen zwei Stühlen. Er muss sich entscheiden!

Wie in allen guten Märchen finden man auch im “goldenen Topf” die Dualität von “Gut” und “Böse”, und das “Böse” wird zum Schluss besiegt. Allerdings stehen diese Begriffe auch für die Wirklichkeit und Phantasterei, und wie es so in der Romantik üblich ist, ist das Alltägliche dem “Bösen” zugeordnet. Der Realität sollte man entfliehen.
Doch hier meldet sich dann der Erzähler selber zu Wort, und legt dem Leser nahe, dass dort auch eine Gefahr besteht, nämlich dem Alltäglichen jeglich zu entrücken, und in “Atlantis” (Traumwelt) fortwährend zu existieren. Vollständige Existenz in der Romantik, Träumerei und Poesie, denn  Märchen besitzen eine Moral.

Ferner spielt Hoffmann hier mit Symbolen, alten traditionellen Mythen aus der Antike, sowie mit Motiven aus der Bibel: “Glaube, Liebe und Hoffnung”.

Dieses Werk von 1819 hat mir ausgesprochen gut gefallen, es hat nichts von der Schwülstigkeit von Eichendorff oder Novalis, und lässt sich in der heutigen Zeit immer noch sehr gut lesen. Insbesondere weil mir auch der Sprachstil des Autors lag.

Heidi Hof

Anaconda Verlag, 2008, Hardcover 2,95 €, 112 Seiten, ISBN: 978-3-86647-237-2

“Die Winter im Süden” von Norbert Gstrein

winter.jpgMarija, fünfzig und in Wien lebend, hat sich mit ihrem Mann auseinander gelebt und sucht Abstand zu ihm in dem sie den Sommer 91 alleine in Jugoslawien verbringt, dem Land ihrer Kindheit aus dem sie und ihre Mutter nach dem zweiten Weltkrieg geflohen waren.
Marija möchte das Land noch einmal sehen, Zagreb wie es mal war bevor es vom nahenden und alles verschlingenden Krieg aufgesogen wird.

Ludwig, ein Ex-Polizist den es nach dem Tod seiner Kollegin und Geliebten nach Buenos Aires verschlagen hat, lernt zufällig Claudia kennen und wird von ihrem Mann als Leibwächter angeheuert. Der alte Mann, wie so viele nach dem letztem Weltkrieg ans Ende der Welt emigriert, ist ein schon etwas älterer Zausel der nicht Nazi genannt werden kann aber dennoch die alten Werte zu schätzen weiß. Aufmerksam verfolgt er die Nachrichten aus der alten Heimat und gebärdet sich wie ein kleiner Junge dem es nicht schnell genug gehen kann auch selber in diesem Konflikt einzugreifen. Den alten Kampf gegen den Kommunismus wieder mit seinen alten Waffenbrüdern aufzunehmen und sein Heimatland Jugoslawien doch noch von diesem Partisanen- Unrat zu befreien.

Während nun Marija ihr Heil in einer schnellen und haltlosen Liebe zu einem Soldaten sucht erlebt Ludwig Monate der Idylle und Ruhe deren einziger Makel der etwas wunderliche alte Mann ist. Doch als jener alte Mann selber in den Krieg zieht und Ludwig mit sich nimmt kollidieren ihrer beider Leben.

Zwei Dinge die beim lesen von Norbert Gstreins Buch Die Winter im Süden gleich auffallen sind zum einen die Thematik des Krieges in Jugoslawien, jener scheint Gstrein, wie auch schon in Das Handwerk des Tötens, nicht mehr loslassen zu wollen und zum anderen die bedächtige Erzählweise mit der er seine Geschichte darbietet. Er vergeht sich nicht in unnützen Betrachtungen und philosophischen Aphorismen wie andere Autoren aber dennoch hält er den Leser zum langsamen lesen und nachdenken an in dem er zeilenlange Sätze ineinander verschachtelt und mit Komata spickt.
Auch findet man in der Charakterisierung von Marijas verschwunden geglaubten Vater Anwandlungen an sein vorhergehendes Buch wieder. Nur durch den indirekten Blickwinkel Ludwigs lernen wir diesen namenlosen alten Mann kennen. Nie tritt er selber als erzählende Figur auf und bleibt dem Leser somit viele Antworten zu seiner Vergangenheit und seiner früheren Familie schuldig.
Norbert Gstreins Sprache ist klar, präzise und verständlich. Obwohl auf blumige Bilder verzichtet wird wirken Worte nie steril und behalten ihre Kraft auch wenn man schon 10 Seiten weiter ist.

Es sind brechende Charaktere in einer zerstörten Welt die durch das erzählerische Geschick des Schreibers zusammengehalten werden. Schwankend zwischen dem Krieg der mal war und dem Krieg der da noch kommt sind es Sünder auf der Suche nach Absolution die ausziehen um vielleicht nicht Erlösung aber vielleicht doch Antworten zu finden, nur um am Ende doch wieder in das Leben zurückzukehren aus dem sie versucht haben auszubrechen.

Ohne Zeigefinger und Moral schreibt Gstrein nicht vom Krieg sondern vom Leben das von ihm verformt und deformiert wird. Und genau so wie jede Zeit ihren eigenen Krieg hat bringt auch jeder Krieg seine eigene Art von Menschen mit sich die vortrefflich gezeichnet in Gstreins Büchern wieder zu finden sind.

Daniel

Hanser Verlag, 2008, Hardcover 19,90 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3446230484