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Archive für August 2008

“Wolf Messing” von Topsy Küppers

messing.jpgEs liest sich wie ein Roman, spanned und sehr einnehmend, was zugleich auch sein Manko ist.

Klappentext: Er sah beide Weltkriege voraus, er führte Experimente zusammen mit Sigmund Freud durch, er warnte Josef Stalin vor der Tragödie in Stalingrad - Wolf Messing, eine der faszinierendsten Gestalten aus der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts.
Geboren 1899 im polnischen Städtchen Gora Kalvaria, aufgewachsen in armen Verhältnissen, bestimmt zum Rabbiner. Doch früh zeigt sich seine außergewöhnliche Begabung: Er sieht, was andere nicht sehen, er kann die Gedanken anderer Menschen lesen und einen Blick in ihre Zukunft tun - kurz, er besitzt erstaunliche parapsychologische Kräfte.
Messing bricht seine Ausbildung in Warschau ab, tut sich mit einem geschäftstüchtigen Impresario zusammen und wir so zum berühmtesten Hellseher und Magier seiner Zeit. Er fällt vor Publikum in ein Wachkoma, tritt als Fakir in einem Wanderzirkus auf und macht sich als unterhaltsamer Magier auf großen Bühnen einen Namen. Der schüchterne, sensible Junge aus dem polnischen Stettl hätte es sich ins einen kühnsten Träumen nie ausgemalt, dass er einmal die Attraktion in Europa sein würde.
Sein Weg führt ihn von Warschau über Berlin, Wien Budapest und Paris bis nach Indien. Er trifft Albert Einstein, Karl Kraus, Jan Hanussen… Diese und andere berühmte Persönlichkeiten kreuzen seinen Weg. Eine der wichtigsten Stationen seines Lebens wird Moskau, wo er - allerdings nicht ganz freiwillig - seine ungewöhnlichen Talente Stalin zur Verfügung stellt.
Angesichts des Elends im Europa der zwanziger und dreißiger Jahre wendet sich Messing dem Kommunismus zu, der Gerechtigkeit für alle zu versprechen scheint. Hin- und hergerissen zwischen jüdischer Tradition und marxistischer Ideologie versucht er, die Menschen vor Unbill zu warnen, hift, wo er kann, und ist doch tragischerweise nie in der Lage, seine eigene Zukunft vorauszusehen.
Topsy Küppers zeichnet das ganz persönliche und facettenreiche Bild eines Mannes, der Angst, doch auch Bewunderung und Faszination bei denen hervorrief, die ihn erlebten.

Dieses Buch wird als Biographie über Wolf Messing deklariert, aber es liest sich so leicht und flüssig wie ein Roman mit sehr vielen Dialogen. Als Roman könnte man es mit „Verlockung“  von János Székely
vergleichen, so schön ist es geschrieben, wobei aber immer die Frage beim Lesen auftaucht, woher die Autorin so viele Informationen entnommen hat, dass sie es in dieser Art schreiben konnte. Gibt es so viele Aufzeichnungen über Messing? Hat er ein Tagebuch geführt? Der sachliche Ton, den man bei einer Biographie voraussetzt, bleibt nämlich gänzlich aus, und so könnte die ganze Handlung auch rein fiktiv sein.
Wenn ich jetzt davon ausgehe, dass durch zahlreiche Berichte und Aufzeichnungen, das ganze Leben des Magiers so gut dokumentiert ist, dann ist dies die schönste Bio, die ich je gelesen habe! So prägnant, lebendig und eindrucksvoll ist dieses Leben beschrieben. (Messings religiösen Zweifel, seine Suche nach dem perfekten Miteinander, seine Gedanken und sein Wirken, alles kommt glasklar rüber, und hat mich tief beeindruckt. Ferner wird der Leser in viele jüdische Traditionen und Ansichten eingeweiht, und welche Verzwickungen diese Kultur mit sich bringt.)

Als Lesebuch kann ich dieses Werk wirklich weiterempfehlen, der Leser wird in eine vergangene zeit hineingezogen, man möchte es nicht mehr aus den Händen legen. Als objektive Biographie erweckt es Zweifel an der Glaubwürdigkeit.

Heidi Hof

Langen Müller Verlag, 2002, Hardcover 9,95 €, 374 Seiten, ISBN: 3-7844-2880-0

Roth, Joseph - Die Kapuzinergruft

kapuziner.jpgDer Ich-Erzähler Franz Ferdinand Trotta, Enkel des Bruders des Helden von Solferino und somit aus dem nicht geadelten Zweig der Familie, erzählt die Geschichte der Trottas weiter. Er beginnt kurz vor Ausbruch des 1. Weltkrieges und endet mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich. Dieser Roman ist faktisch die Fortsetzung von Roths „Radetzkymarsch“.

War der Untergang der Donaumonarchie im „Radetzkymarsch“ das bestimmende Thema, greift Roth in „Kapuzinergruft“ weiter und die Zeit nach dem Ende der Monarchie wird als ein schwieriger Neuanfang mit melancholischen, teils traurigen, aber immer sehr schönen Worten beschrieben.

Franz Ferdinand erbte von seinem Vater ein nicht unerhebliches Vermögen, welches dieser während seiner Zeit in Amerika machte. Franz Ferdinand liebte das Leben, besonders die Freuden desselben. Er war leichtsinnig, genoss es, Geld zu haben und dieses ohne nachzudenken ausgeben zu können. So lebt er die Nacht und verschläft den Tag. Er nach dem Besuch seines Vetters, dem Maronibrater Joseph Branco Trotta, wird er etwas nachdenklicher. Als während seines Besuches in Zlotogrod der Krieg ausbricht, entschließt sich Franz Ferdinand, mit Joseph Branco und dessen Freund, dem Fiaker Reisinger, Seite an Seite zu kämpfen und sich von seinen alten Lebefreunden zu trennen.

Franz Ferdinand Trotta zeigt nie großen Elan, wenn es gilt etwas zu bewältigen. Aber nach seiner Rückkehr aus dem Krieg verharrt er förmlich in Erstarrung. Seine größte Tat scheint mir die Zeugung seines Sohnes zu sein. Auch sein gesamtes Umfeld wirkt verstört, ratlos, als hätte es den Boden unter den Füßen verloren. Alle diskutierten mehr als sie sich betätigen. Man versucht zwar einen Neuanfang nachdem das Kurzwarengeschäft missglückt war. In einem zweiten Anlauf wird mit dem Umbau des Hauses der Trottas zur Pension begonnen. Aber ständig hatte ich den Eindruck, alles geschehe halbherzig, eine gewisse Resignation und die Trauer um die gute alte Zeit, die so unwiderruflich vorüber ist, war spürbar. Recht sorglos wurden Hypotheken aufgenommen und Schecks ausgestellt. Glücksritter hatten ihre große Stunde und die Gutgläubigen zahlten drauf. So ganz kann man sich noch nicht von der dekadenten Lebensweise der Vorkriegszeit lösen, wo es ums Leben ging und nicht ums Geld. Von letzteren gab es genug, die Lebenszeit war schließlich begrenzt.

Eine ganz besondere Rolle kommt der Mutter des Franz Ferdinand zu. Sie lebt ihr Leben in festen Ritualen und Ansichten. Sie lebt die Tradition, das Althergebrachte. Sie darf ehrwürdig sterben, während eine hoffnungs- und ziellose Generation planlos zurück bleibt.

So steht auch die Kapuzinergruft, die letzte Ruhestätte der österreichischen Kaiser, für den Untergang des Reiches. Die ehemaligen Untertanen bleiben gefühlt führerlos zurück. Mit der neuen Republik können sie nicht anfangen. Alles ist im Zerfall begriffen. Kulturelle Werte und Traditionen gelten nicht mehr, sogar die Adelstitel wurden abgeschafft. Auch das Geld, von dem in früheren Zeit immer ausreichend vorhanden war, verliert unaufhaltsam seinen Wert.

„Kapuzinergruft“ empfand ich als noch melancholischer als „Radetzkymarsch“. Bei Letztgenanntem spürte ich noch die Hoffnung auf eine bessere Zukunft. So endet dieses Buch mit dem Anschluss Österreichs an das Deutsche Reich und für mich steht das gleich mit Hoffnungslosigkeit. Sehr deutlich wurde die Sehnsucht nach der Monarchie.
Wieder hat mich die sprachliche Gestaltung eines Joseph-Roth-Romans fasziniert. Die Emotionen, die er mit ein paar Sätzen zu erwecken vermag, finde ich bei manch anderem Autoren nicht in ganzen Büchern. Mit seinen Worten und den ausgefeilten, manchmal auch verschachtelten Sätzen lässt der Autor Bilder in meinen Gedanken entstehen und verleiht den Personen seines Romans Leben. Die von einer dichten Atmosphäre getragene Traurigkeit war für mich körperlich greifbar.

Ein wenig haben mich die Namensgleichheiten zu Personen aus „Radetzkymarsch“ irritiert, die aber personell nicht untersetzt waren. Einen Grafen Chojnicki und einen Diener namens Jacques gab es in beiden Romanen, es waren aber nicht die gleichen Personen. Mir ist nicht recht klar geworden, was Joseph Roth mit diesem Kunstgriff bezwecken wollte.

Mein Fazit: „Kapuzinergruft“ ist ein äußerst lesenswerter Roman, der ein anschauliches Sittenbild der jungen österreichischen Republik zeichnet. Joseph Roth ist mit diesem Buch nun endgültig in meinen ganz persönlichen Autoren-Olymp eingezogen.

Heike

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2005, Hardcover 10 €, 189 Seiten, ISBN:  978-3462036459

Lesung “Verfall” 28.08.2008

Meine Premiere! Und direkt so eine gelungene Veranstaltung, wunderbar!

Der Autor Vladimir Zarev erschien in unserer Stadtbücherei mit seinem Übersetzer Thomas Frahm, beide mit Halbglatze und sehr sympathisch erscheinend.
Zarev hat die Lesung begonnen in dem er ca. eine Seite auf bulgarisch vorlas. Vom Rhythmus und von der Melodik hörte sich das sehr schön an. Danach hat Thomas Frahm den gleichen Abschnitt in deutsch vorgelesen, so konnte sich der Leser einfach mal vom Tonfall und von der Melodie her ein Bild machen, das fand ich ausgesprochen interessant. Das Problem der Übersetzung aus dem slawischen Raum ist es, dass Pathos dort großgeschrieben wird, die Bulgaren sind sehr gefühlsbetont, dieses 1:1 ins Deutsche zu übertragen würde sich verkitscht anhören. Es ist also eine Gradwanderung den richtigen Ton zu treffen, so dass es für uns deutsche Leseohren angenehm klingt.

Das Buch handelt über Bulgarien nach der Wende, das Aufkommen der Mafia, die dort ganz offen agiert und das Volk in Angst und Schrecken versetzt. Dass 1995 bis 1997 eine ganz hohe Sterbequote in Bulgarien herrschte, weil sich die Menschen nicht mehr mit den lebensnotwendigen Dingen versorgen konnten, Nahrung und auch im Winter heizen. Dass es eine enorm hohe Scheidungsquote gab, und dass, wie der Protagonist im Buch, der kulturelle Bereich einbrach, hier ein Literat. Bücher konnte sich keiner mehr leisten, und von 100 auf 0 wurden alle Autoren arbeitslos.
Die Situation in Bulgarien hat sich mittlerweile ein wenig geändert, erst kürzlich muss es eine Demo von Lehrern gegeben haben …

Das Buch ist mit sehr viel Witz und Selbstironie geschrieben (Frahm hat lange daraus vorgelesen); und so sind auch Beide aufgetreten: Sie haben sich kameradschaftlich über ihre Glatzen gestrichen und ein sehr unterhaltsames Programm geliefert.

Es war ein schöner Abend, und natürlich ist das Buch signiert mit nach Hause gegangen :lol:

verfall.jpg

 

Über den Autor
Vladimir Zarev, geboren 1947 in Sofia, Herausgeber der literarischen Vierteljahreszeitschrift »Zeitgenosse« (Sewremennik), Autor von insgesamt 15 Romanen, Erzählbänden und Sachbüchern. 2003 erschien »Verfall« und machte ihn über Nacht zum Superstar der bulgarischen Literaturszene.

“Kollateralschaden” von Olga Flor

kolla.jpgMenschen kommen, Menschen gehen.
In keiner Einrichtung ist dies so gut zu beobachten wie in einem Supermarkt.
Genau 60 Minuten lang leuchtet die Autorin Olga Flor das Leben verschiedenster Charaktere bis hin zu den tiefsten Winkeln ihrer Seelen aus.
Zufällige Menschen mit den unterschiedlichsten Lebenshintergründen treffen hier als Unbekannte aufeinander. Sei es eine allein lebende Singlefrau, eine Politikerin, ein abgehalfterter Journalist oder auch nur der Kaufmannslehrling des Supermarktes. Jede dieser Figuren hat ihre Geschichte, eine mehr die andere weniger. Und durch dieses Gewirr von Gedanken, Wünschen und Ansichten windet sich der Leser ohne erkennbare Handlung bis sich gegen Ende hin alles zu verdichten scheint und mit einem Knall alles umgeworfen wird und die Charaktere zu kollidieren beginnen.

Wie bereits geschrieben gibt es in Olga Flors neuen Roman Kollateralschaden keine eindeutige Handlung im herkömmlichen Sinne. Der Leser folgt eher vielen kleineren Handlungen gleichzeitig deren einziger Dreh- und Angelpunkt die Zeitebene ist auf der sich alles zur selben Zeit abspielt.
Minute für Minute, Absatz für Absatz schreitet das Buch voran.
Gerade in dieser -ich nehm jetzt 6 Kurzgeschichten und tu alles in den Mixer- Schreibweise sehe ich als Leser auch das größte Manko des Buches. Auch wenn die Geschichten zum Teil ineinander fließen und sich überschneiden muss man des öffteren nachdenken mit wem man es nun wieder zu tun hat und bei welcher Geschichte man den Faden wieder aufnehmen muss.
Verschmerzt man dies und hat sich mal daran gewöhnt erwartet den Leser mit Kollateralschaden ein überraschend scharfsinniges und mit guten Blick für Details geschriebenes Buch dessen Sprache sich von Charakter zu Charakter ändert.

Wie eine Fotografin scheint Flor einfach mit ihrer Kammara draufzuhalten und abzudrücken ohne jedoch vorher durch den Sucher geblickt zu haben. Was auf den Bildern zu sehen ist sind zufällige Menschen von denen jeder seinen eigenen Weg geht. Manchmal sind die Bilder etwas unscharf was aber nicht störend wirkt da die Feder der Autorin die scheinbar banale Realität so preziese einfängt das ich mir als Leser immer wieder sagen musste -das kennst du doch von wo-.
Dies ist auch die große Stärke des Buches. Charaktere wie auch Handlung völlig zufällig wirken zu lassen. Nicht jetzt eine Hand voll Personen mit Problemen und Komplexen in einen Supermarkt zu sperren sondern alles völlig freiwillig wirken zu lassen. Schon fast so als ob Flor keinen Einfluss mehr auf ihre Charaktere hätte.
Und jene vielgeschriebene Zufälligkeit ist es dann auch am Ende des Buches daß einen auffahren und die Soziale/Gesellschaftliche Kritik wahrnehmen lässt die sich schon die ganze Zeit über, bitterböse und makaber, in den Unterton der Erzählung gemengt hat.

Mit Präzision und scharfer Klinge häutet Olga Flor hier diese Zwiebel. Für Freunde deutscher Literatur äußerst empfehlenswert.

Daniel

ZSOLNAY-VERLAG, 2008, Hardcover 17,90 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3552054400

“Erfolg” von Lion Feuchtwanger

erfolg.jpg“Das Buch Bayern” heißt des Schriftsteller Jacques Tüverlins Buch, das er nach über 800 Seiten von Lion Feuchtwangers Roman beginnt zu schreiben. “Das Buch Bayern” könnte auch der Titel des Romans “Erfolg” sein; und ist es in gewisser Weise auch - ist doch Tüverlin in diesem Schlüsselroman das Alter Ego Feuchtwangers.
Also in Bayern, genauer in München, spielt das voluminöse Werk - in den 20er Jahren als statt “Laptop und Lederhosen” noch Landwirtschaft und Gemütlichkeit angesagt war. Ein böser Blick ist es, den Feuchtwanger da auf die Stadt, in der er lange gelebt hat und ihre Menschen wirft - er seziert die schwierige Zeit der Inflation, des Hitler-Putsches (im Roman: Kutzner). Und insbesondere beschäftigt er sich mit der Gerechtigkeit und der Justiz.
Martin Krüger ist die tragische Hauptperson, der Museumsdirektor, der ein unliebsames Bild aufgehängt hat und schließlich wegen angeblichen Meineids im Gefängnis landet - ein Prozess, der nur geführt wird, um den unangepassten Krüger aus seiner Postion zu enthaben. Spielball wird er nicht nur des Gerichts, sondern der großen und kleinen Politik. Johanna Krain, die Frau an seiner Seite, kämpft um ihn, spricht mit all den großen, einflussreichen Männern - immer wieder keimt Hoffnung auf, immer wieder wird sie enttäuscht.

Eine Vielzahl von Charakteren begleitet der Leser durch die Seiten, manchmal (auch weil ich extrem langsam gelesen habe) fiel es mir schwer im Kopf zu behalten, wer nun für was einstand. Aber so gibt es auch eine Fülle kleiner und großer Nebenschauplätze, die sich um die Geschichte Johannas und Martins gruppiert, Politisches, Menschlisches. Die interessanteste für mich die um Rupert Kutzner (Adolf Hitler) und seine Partei der “Wahrhaften Deutschen”.
Feuchtwanger schreibt in einer ungewöhnlichen Sprache, die dem bayrischen Dialekt angelehnt ist - imitiert den Satzbau, baut ab und an Dialektbegriffe ein. Seine distanzierte Erzähl-Position, die wirkt als würde er nicht über seine Zeit, sondern eine vergangene schreibt, ist ebenso ungewöhnlich und interessant.
Das Nachwort schlüsselt viele Personen auf die ich (bis auf Hitler und Karl Valentin) so nicht erkannt hatte, darunter die Schriftsteller Bert Brecht, Ludwig Thoma und Ludwig Ganghofer, sowie eine gute Handvoll “Großkopfiger” (Politiker).
Bedrückend wie hellsichtig der Autor in den Zwanziger Jahren den aufkommenden Nationalsozialismus darstellt - ein Thema das im zweiten Teil der Wartesaal-Trilogie “Die Geschwister Oppermann” weiterverfolgt wird.

Kerstin

Aufbau Verlag, 2002, Taschebuch 12,50 €, 878 Seiten, ISBN: 978-3746656069

Das Literaturblog macht Urlaub …

… bis 27.08. genehmige ich mir eine kleine Auszeit, und danach wird hier fleißig weiter vorgestellt.

Heidi Hof

“Agnes Grey” von Anne Bronte

agnes.jpgGanz anders als “Die Herrin von Wildfell Hall”, aber ähnlich wie “Villette”.

Die Ich-Erzählerin führt revuepassierend Tagebuch, und spricht auch den Leser hier und da direkt an. Dadurch erhält das Buch eine sehr persönliche Note, man hat den Eindruck, als ob es autobiographisch sei, und im Nachwort wird dies auch bestätigt.
Agnes Grey wächst sehr behütet im Pfarrhaus auf. Bis eines Tages ihr Vater durch eine schlechte Beratung das Familienvermögen verliert, und sie kürzer treten müssen. Ihre Mutter und Schwester beteiligen sich am Wirtschaften, und Agnes möchte auch dazu beisteuern. Sie strebt eine Stellung als Gouvernante an, was zunächst nicht gewilligt wird, doch nach einigen Hin und Her darf das Nesthäkchen sich am Familieneinkommen beteiligen.
Ihre erste Anstellung nimmt sie bei Neureichen an, wo sie viel erdulden und mitmachen muss. Die zweite Familie, ein alteingesessener Landadel, ist etwas angenehmer, aber auch nicht wirklich befriedigend und zum Glück beitragend.

In diesem Roman stellt Anne Bronte die Kluft zwischen Arm und Reich dar. Wie herablassend und gedankenlos sich Gutbestellte gegenüber den nicht Gutbestellten geben, und ihre Position in jeder erdenklichen Situation zur Schau stellen.
Natürlich haben diese Anspielungen wieder etwas mit Moral, Anstand und Tugenden zu tun, es ist eben ein typisches Bronte Buch.
Die Lektüre liest sich leicht und schnell, konnte mich aber nicht mehr so fesseln wie die anderen Bronte Bücher, die Thematik und auch der vorhersehbare Schluss ist doch immer sehr ähnlich.
Dennoch immer noch eine gute Empfehlung.

Heidi Hof

Manesse Verlag, 2008,  Übersetzung: Sabine Kipp, gebundene Ausgabe €, 398 Seiten, ISBN: 978-3-7175-1740-5

“Die einsamen Schrecken der Liebe” von James Meek

schrecken.jpgEin Fremder hockt mitten in Sibirien an einem Fluss und wird Zeuge eines grausigen Unfalls. Eine Dampflok schiebt sich auf den winterlichen Geleisen entlang, fährt über eine hohe Brücke. Plötzlich öffnet sich der letzte Wagon und Pferde springen in Panik heraus. Eines davon überlebt, die anderen kommen unter die Räder des Zuges oder stürzen über das Geländer der Brücke in den sicheren Tod.
Eines dieser Pferde, das den Tod unter der Brücke fand, hat auch den Betreuer mit in die Tiefe gerissen dessen Leiche nun in gerade jenem Flussbett schwimmt an dem der Fremde hockt.
Der verwahrloste Fremde, Samarin sein Name, geht zu den Toten und beäugt sich die Leichen. Dem Mann schneidet er eine Hand ab und vergräbt sie. Einem der Pferde schneidet er, als Wegzehrung, ein noch warmes Stück Fleisch aus dem Fuß.
Nach beschwerlichem Aufstieg auf der Brücke angekommen trifft er auf einen Einheimischen (Balaschow) der aus dem nahe gelegenen Dorf Jasyk stammt und auf dem Weg dorthin ist. Beide beschließen ein Stück weit miteinender zu gehen um sich die Einsamkeit zu vertreiben.

Jasyk scheint ein seltsames Dorf zu sein. Obwohl wir bereits das Jahr 1919 schreiben befindet es sich dennoch im Würgegriff der Tschechischen Armee. Gerade jene ist es dann auch die Samarin nach seiner Ankunft auch sofort hinter Gitter setzt, zumindest so lange bis seine Zugehörigkeit geklärt ist.
Oberkommandant des kleinen Haufens Soldaten ist Matula der hinter vorgehaltener Hand beschuldigt wird die Rückzugsbefehle zu unterschlagen um so seine Macht in dem Dorf nicht zu gefährden. Hier ist er das Gesetz und befiehlt über Land und Einwohner, während er Zuhause nur ein kleiner Handwerker ist der unter der Knute seines Chefs steht.
Die Einwohner Jasyks gehören großteils einer Gottesfürchtigen Sekte an die im Irrglauben lebt Engel zu sein um so Gott näher zu stehen.
Und dann gibt es noch ein kleines Häuschen in dem Anna Petrowna lebt. Die allein erziehende Mutter ist nach dem Tod ihres Mannes mit ihrem Sohn hier hergezogen um Ruhe, Einsamkeit aber auch Frieden vor ihrer Vergangenheit zu suchen.

Einen Tag nach dem Samarin festgenommen wurde, wurde ihm auch schon eine Anhörung vor Militär und Volk gewährt um zu entscheiden was mit ihm weiterhin geschehen soll.
Samarin berichtete von seiner Flucht aus dem Weißen Garten, ein nördlich des Polarkreise gelegenes Arbeitslager, aus dem er und noch ein Mitgefangener alleine quer über die Eiswüste entkommen konnten. Zugleich warnt er die Bewohner Jasyks vor einem geheimnisvollen Mann der “Der Mohikaner” genannt wird. Mit ihm ist Samarin aus dem Lager geflohen wobei ihn der Mohikaner nur deswegen mitgenommen hat um ihn, wenn alle Vorräte aufgebraucht währen, zu schlachten.
Der Erzähler konnte dem Messer des Kannibalen zwar gerade noch so entkommen aber nun ist sein Häscher auf dem Weg hier her um sein Werk zu Ende zu führen…

Dieser kurze Abriss von James Meeks Erstling Die einsamen Schrecken der Liebe wird nun wohl viele, die das Buch schon mal in der Hand hatten und den Klappentext gelesen haben, erstaunen. Der hier zusammengefasste Inhalt will so gar nicht dem Text gleichen mit dem der Verlag das Buch seinerzeit beworben hat und das ist etwas was ich äußerst schade finde. Dem Klappentext und Cover nach wurde verstärkt auf eine weibliche Leserschaft gesetzt, die in Erwartung eines Liebesromans tief enttäuscht wurde und andere Leser die offen für weniger Liebe dafür für komplexere Charaktere gewesen währen wurden durch die Titel/Cover-Kombination abgeschreckt.

Das Buch ist souverän und mit einem guten Gespür für düstere Weiten, eisiger Einsamkeit und grausamen Seelenwelten der Charaktere geschrieben. Auch wenn die Handlung der eigentlichen Geschichte fast minimalistisch ist werden in zwei großen Rückblenden die Geschichten von Samarin und Anna erzählt. Ihre Verbindungen zu anderen Charakteren die wiederum ihre eigenen kleinen Geschichten mit sich bringen. So zaubert Meek eine überraschend vielschichtige Erzählung aus dem Hut die man dem Buch fast nicht zugetraut hätte.
Große Themen wie den ersten Weltkrieg, Liebe, Loyalität, Freundschaft/Kameradschaft und auch Kannibalismus gewürzt mit einem hauch Mystizismus ergeben eine, ja schon fast, faszinierende Mischung deren Sog man sich nicht wirklich entziehen kann.
Etwas störend empfand ich beim Lesen zwar die Vorhersehbarkeit im letzten Drittel die jedoch durch das schreibende Geschick des Autoren fast wieder wett gemacht wird.
Denn nicht die Spannung steht im Vordergrund dieser Geschichte sondern das Erzählerische mit dem Meek versucht seine Charaktere fühlbar lieben aber auch leiden zu lassen.

Unterm Strich ist der Roman ein Werk das nichts falsch macht. Kurzweilig und Atmosphärisch dicht streift man durch James Meeks postrevolutionäres Russland und sucht zusammen mit Samarin, Anna, Balaschow oder auch Mutz nach den einsamen Schrecken der Liebe.
Äußerst lesenswert.

Daniel

Droemer/Knaur Verlag, 2007, Übersetzung: Karen Nölle-Fischer, broschiert 8,95 €, 432 Seiten, ISBN: 978-3426634738

Longlist deutscher Buchpreis 2008

Hundert Tage - Lukas Bärfuss

Kaltenburg - Marcel Beyer

Die Abschaffung der Arten - Dietmar Dath

Taxi - Karen Duve

Das dunkle Schiff - Sherko Fatah

Kollateralschaden - Olga Flor

Die Winter im Süden - Norbert Gstrein

Die morawische Nacht - Peter Handke

Treffen sich zwei -  Iris Hanika

Der Vogel, der spazieren ging - Martin Kluger

Die Verdächtige - Judith Kuckar

Nach Hause schwimmen - Rolf Lappert

Willkommen neue Träume - Norbert Niemann

Ob wir wollen oder nicht - Karl-Heinz Ott

Ludwigshöhe - Hans Pleschinski

Adam und Evelyn - Ingo Schulze

Der Turm -  Uwe Tellkamp

Halbschatten - Uwe Timm

Ein liebender Mann - Martin Walser

Liebesbrand - Feridun Zaimoglu

“Der große Gatsby” von F. Scott Fitzgerald

gatsby.jpgAuch der ‘American Dream’ hat seine Grenzen….

Long Island, Amerika in den 1920ern: Jay Gatsbay gibt legendäre Parties zu denen nicht nur geladenen Gäste, sondern auch Leute kommen, die von den Parties gehört haben und dort ihren Spaß suchen.
Und aus nichts anderem scheint das Leben von Gatsby, um den sich alle möglichen Gerüchte ranken, zu bestehen.
Nick, der direkt im Haus neben Gatsby wohnt, ahnt noch nicht wie sich sein Leben verändern wird, als er einer der besten Freunde von Gatsby wird.

Das wohl berühmteste Werk von Fitzgerald, The great Gatsby, ist wohl ein Werk, dass man entweder mag oder nicht mag.
Und ich gehöre eindeutig zu der Fraktion die es nicht mochte und sich durch die 188 Seiten des Originals gequält hat.

Fitzgerald versucht ein Gesellschaftsbild der 1920er in den USA zu zeichnen und führt in der Tat gekonnt vor, was aus Menschen, mit viel Geld und der Möglichkeit alle neuen Annehmlichkeiten zu nutzen, werden kann: Egoisten, die in völliger Dekandenz leben und das zwischenmenschliche außen vor lassen.

Die Charaktere, selbst der bürgerliche Erzähler Nick, bleiben stark an der Oberfläche; Beweggründe für das Handeln und Fühlen bleiben an der Oberfläche. Eine Beziehung zu oder gegen die Charaktere scheint somit fast unmöglich.

Auch bietet die Handlung keinen Spannungsbogen: ein paar nette Parties, der Traum einer Liebe..der Leser wartet unaufhörtlich darauf, dass endlich etwas geschieht und wartet mehr oder minder vergebens.

Dennoch: trotz all der Kritik eine postive Bemerkung:
Der Roman zeigt, dass auch der ‘American Dream’ an seine Grenzen stößt: Gatsby träumt sein Leben lang von einer Liebe, die er nicht haben kann und scheint sich seinen Reichtum durch Alkoholschmuggel verdient zu haben.
Kann man dann noch von einem erstrebenswerten Traum sprechen oder von der ‘erfolgreichen’ Erfüllung desselbigen?
Eine wunderbare unterschwellige Kritik am ‘American Dream’.

Rebecca (sie las allerdings das engl. Original)

Diogenes Verlag, 2006, Neuübersetzung: Bettina Abarbanell, Hardcover 19,90 €, 248 Seiten, ISBN:  978-3257065183