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Archive für Juli 2008
Lesezeichen BR-alpha 29.07.
30.7.2008 von Krümel.
1. Ein sehr trauriges Buch wurde vorgestellt: Simone Schmollack “Kuckuckskinder, Kuckuckseltern: Mütter, Väter und Kinder brechen ihr Schweigen“. Das sind Geschichten von angeblichen Vätern, über Wahrheit und Lebenslügen, über das Verschweigen, der Angst und das Festhalten, die menschliche Schwäche einen Fehltritt zu verheimlichen.
2. Iris Hanika war zu Gast in der Sendung, und stellte ihr Buch “Treffen sich zwei” vor. Es soll anrührend - ironisch sein, und erzählt eine Geschichte zweier Menschen, die sich auf den ersten Blick ineinander verlieben, und sehr unterschiedlich sind. Sie hysterisch und er sachlich. Ständige Einschübe aus Sexratgebern und Zeitungsartikel sollen das Buch schmücken. (Mir persönlich hat dieser Gedanke überhaupt nicht gefallen, und auch die Sprache fand ich schrecklich.)
3. Ein Interview mit Gerhardt Seyfried über sein Buch: “Gelber Wind oder Der Aufstand der Boxer”
Deutsch-Chinesische-Geschichte Anfang des 20. Jahrhunderts. Das hört sich vielversprechend an.
Klappentext:
1900, Peking. Baron von Ketteler, der deutsche Botschafter in Peking, wird von einem Mitglied des fremdenfeindlichen Geheimbunds der chinesischen »Boxer« erschossen — der Startschuss zum »Boxeraufstand«. Missionare, chinesische Christen und »fremde Teufel« werden landauf, landab massakriert. Tausende chinesische Aufständische wollen das Gesandtschaftsviertel in Peking stürmen, in dem die schlecht bewaffneten Diplomaten und ihre Familien, Diener und Gäste sich in ihrer Verzweiflung verschanzt haben. Das chinesische Kaiserhaus gibt sich entsetzt, scheint aber im Geheimen mit den Aufständischen zu paktieren — und tut nichts. Unter den Belagerten befindet sich auch die gerade frisch in China eingetroffene Familie des deutschen Kaufmanns Lenk, dessen Handelsimperium in der deutschen Kolonie Tientsin gerade zu florieren begann. Sein Sohn ist vor wenigen Tagen bei einem Ausflug zur chinesischen Mauer verschwunden — wahrscheinlich entführt. Einundfünfzig Tage müssen die Belagerten unter immer dramatischeren Umständen ausharren und um ihr Leben fürchten …
Sehr interessant war auch das Thema bookcrosser, das sollte man vielleicht unterstützen
Ganz zu Beginn ging es um die Geschichte der Postkarte, und dass sie als Zeitzeugnis zu betrachten ist.
Geschrieben in LS-Ticker | Keine Kommentare »
“Die Fäden der Marionette” von Matthias Ramtke
29.7.2008 von Krümel.
Ein wenig skeptisch geht man schon an dieses Buch heran wenn man liest, dass der Autor im Jahre 1990 geboren wurde, mithin erst junge achtzehn Jahre alt ist. Kann man von so einem jungen Menschen wirklich ein vernünftig geschriebenes Buch erwarten?
Der Autor Matthias Ramtke wurde in Lichtenstein in Sachsen geboren und wohnt mit seiner Familie in Hermsdorf am Sachsenring. Seit 2001 besucht er das Lessing-Gymnasium in Hohenstein-Ernstthal.
Um das Fazit gleich einmal vorweg zu nehmen: Matthias Ramtke hat mich wirklich gut unterhalten. Sehr angenehme, spannende Unterhaltung für einen entspannenden Sommernachmittag auf der Liege im Garten oder auf dem Balkon.
Was verrät uns nun der Klappentext über dieses Buch?
„Als die Frau des Schriftstellers Ben Hopkins bei einem Unfall ums Leben kommt, hat zunächst niemanden, an den er sich wenden kann. Er wird zum Einzelgänger, bekommt Halluzinationen und schließlich sogar eine Schaffenskrise, in der er keine Zeile aufs Papier bringt. In seiner Not beschließt er, sich in seinem Bungalow im Spreewald zurückzuziehen, doch es häufen sich unheimliche Vorkommnisse. Fast sieht es so aus, als würden Bens Handlungen von jemand anderem gesteuert….“
Da ist ein junger Mann der ein wirklich sehr unterhaltendes Buch geschrieben hat, der über eine geradezu übersprudelnde Phantasie verfügt. Matthias Ramtke schreibt flüssig, manchmal vielleicht ein klein wenig zu blumig und nur an ganz wenigen Stellen holpert es ein wenig, aber das was man vielleicht aussetzen könnte, sind lediglich Marginalien, die den sehr positiven Gesamteindruck nicht beeinträchtigen.
Wieder einmal wird ein Klappentext einem Buch leider nicht völlig gerecht. Nichts weist auf den Facettenreichtum des Buches hin und ein wenig mehr Information über die Handlung wäre sicher nicht schlecht gewesen. Es ist eine neue Form des „Jekyll und Hyde Themas“, dem wir übrigens auch bereits in Stephen King’s „Dark Half“ begegnen, das aber von Matthias Ramtke ganz anders, als bei Stevenson und King, und aus einer anderen Sicht heraus bearbeitet und beleuchtet wird. Das ist das Besondere an diesem Buch. Ein Thema wird behandelt, das auch bereits von anderen Schriftstellern beschrieben wurde, aber statt abzukupfern fügt Matthias Ramtke eine ganz neue Variante hinzu. Das gilt es lobend festzuhalten.
Die anfängliche Skepsis war schnell verflogen und ich wurde für einige Stunden wirklich sehr angenehm unterhalten. Mal schauen was wir in der Zukunft von diesem jungen Autoren zu lesen bekommen. Ich bin gespannt.
Jan
edition fischer Verlag, 2008, TB 15,80 €, 296 Seiten, ISBN: 978-3899503579
Geschrieben in Krimi/Thriller, Jan | Keine Kommentare »
“Die Verschwörung der Engel” von Wolfram Fleischhauer
27.7.2008 von Krümel.

In Phantasien gibt es nicht nur das Nichts, sondern auch Nichtnichts…
Der junge Schmetterlinger Nadriel, seine Freunde Piri, Masia, Beliar und ihr Meister Toralon reisen in die Musikstadt Mangerath, um dort das Viertel der Sternenputzer zu besuchen.
Doch als sie dort ankommen, kann Meister Toralon seinen Augen kaum trauen: überall stehen Stierwächter und das Sternenputzervierel ist hermetisch abgeriegelt. Und so kommt es, dass zum ersten Mal in der Geschichte die Schmetterlinger eine andere Herberge in Anspruch nehmen müssen.
Gleichzeitig geschehen merkwürdige Dinge in Mangarath: immer wieder erscheinen hell leuchtende Kugeln am Himmel, die unwahrscheinliche Traurigkeit auslösen und einfach am Himmel explodieren. Keiner weiß genau, was es damit aus sich hat…..
Gleichzeitig rutscht Nadriel in eine Geschichte hinein, die er für unvorstellbar hielt: sein Großvater Saru ist in Mangarath verschwunden und als der Sternenputzer Pagario ihm das Amulett seines Großvaters zu steckt, beginnt Nadriel ihn zu suchen und gerät an Orte von denen in Phantasien niemand etwas zu wissen scheint….
Sehr skeptisch habe ich diesem Werk gegenüber gestanden: habe ich bereits zwei Werke der Legenden von Phantasien gelesen und war – obwohl man von beiden Autoren behauptet große Erzähler zu sein – sehr enttäuscht.
Da Fleischhauer nach Büchern wie Die Frau mit den Regenhänden für mich wahrlich zu den großen Erzählern gehört, hatte ich Angst, dass ich auch von diesem Werk enttäuscht werde. Ich wurde allerdings schnell eines besseren belehrt! Was ein Fleischhauer ist, bleibt auch einer!
Der Autor entführt seinen Leser nach Phantasien und entwirft dort nicht nur seine eigenen Landschaften und Figuren, er entwirft auch seine eigene Geschichte, die sich nicht so sehr wie die andern beiden Bücher versucht an das Original, Die unendliche Geschichte, zu kleben.
Natürlich huschen altbekannte Figuren wie Rennschnecken, Steinbeißer und Nachtalben durch das Buch, spielen aber keine Rolle.
Das einzige was der Autor voraussetzt: dass man weiß, was das Nichts ist und was das Nichts in Phantasien angerichtet hat, denn in dem Roman geht es um das Gegenstück zum Nichts: der Stille und der Leere.
Wolfram Fleischhauer erzählt in Die Verschwörung der Engel eine atemberaubende Geschichte voller Ideen und Phantasie, in die man eintauchen kann und für ein paar Stunden die Welt um sich vergisst.
Rebecca
Droemer Knaur Verlag, 2004, Hardcover vergriffen TB 8,95 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3426196465
Geschrieben in Rebecca, Deutsche Gegenwartsliteratur | Keine Kommentare »
Deutsche Literaturgeschichte Band 9 Weimarer Republik 1918 - 1933
26.7.2008 von Krümel.

von Ingo Leiß und Hermann Stadler
Ein wenig zu oberflächlich für meinen Geschmack, das kann nur als Einführung gedacht sein.
Klappentext:
Daß Literaturgeschichte nicht abstrakt und theoretisch sein muß, daß sie lebendig, erzählerisch und unterhaltend sein kann - nicht weniger will diese Geschichte der deutschen Literatur beweisen.
Band 9 schildert die Entwicklung der deutschsprachigen Dichtung von 1918 bis 1933. Im vorliegenden Band besprochen werden Romane und Erzählungen von Franz Kafka, Hermann Hesse, Thomas Mann, Erich Kästner, Robert Musil, Hans Fallada und anderen.
Vom Mittelalter bis zur Gegenwart schildert die Reihe die großen Strömungen der deutschsprachigen Dichtung, beschreibt daneben, in kürzester Zusammenfassung, die ideengeschichtlichen politischen und gesellschaftlichen Veränderungen, die sie begleitet und beeinflußt haben. Die Lektüre erfordert kein spezielles Vorwissen: Es ist das Ziel der Verfasser, so gradlinig und allgemeinverständlich wie nur möglich zu schreiben, zwar auf der Höhe der wissenschaftlichen Kenntnisse, doch ohne Kompliziertheit und akribische Weitschweifigkeit.
Die bedeutendsten Dichtungen jeder Epoche werden ausführlich nacherzählt und interpretiert, woran sich Hinweise auf die Umstände ihrer Entstehung knüpfen. Manches Geschichtliche, manches aus dem Leben und der Gedankenwelt der Autoren kommt dabei zur Sprache. Eingeflochten ist außerdem eine stattliche Zahl von Zitaten, dazu gedacht, den besonderen Stil, die Tonlage und Atmosphäre der Werke eingehend zu belegen.
Dergestalt entsteht ein Bild der geistigen Bewegungen, in dem beides - Erklärung und Original; Kommentar und Kommentiertes - zusammenwirkt, um den Leser auf anschaulichste Weise durch die verschiedenen Epochen der deutschen Literatur zu führen.
Der erste Teil schildert dem Leser die gesellschaftliche und politische Situation von 1918 - 33, philosophische Strömungen sowie die literarischen Epochen. Deutschland befindet sich im Pluralismus, weil keine eigenständige Literatur-Ausprägungen vorliegt, alte und neue laufen nebeneinander her: Expressionismus, Dadaismus, Surrealismus und “Neue Sachlichkeit”.
Im zweiten Abschnitt wird dann anhand von einzelnen Werken diese Zeit dargestellt. Dort habe ich die jeweiligen Hinweise zu den verschiedenen Epochen vermisst. Die Werke werden mehr interpretiert, als dass sie auf die Zeit und Geschichte hin stilistisch analysiert werden.
Insgesamt dienen diese Bände nur zur Einführung, da sie einfach zu kurz und oberflächlich sind.
Heidi Hof
Deutscher Taschenbuchverlag, 2. Auflage 2007, TB 11 €, 415 Seiten, ISBN: 978-3-423-03349-7
Geschrieben in Sachbuch, Krümel | 1 Kommentar »
“Eine Geschichte des Lesens” von Alberto Manguel
25.7.2008 von Krümel.
Der argentinischen Essayisten, bibliophilen Globetrotter, Lektor und Literaturdozenten Alberto Manguel schreibt gerne über seine Leidenschaft. “Eine Geschichte des Lesens” erschien im Jahr 1998, noch vor seinem “Tagebuch eines Lesers” und “Bibliothek bei Nacht”. Gerade wer letzteres Buch gelesen und geschätzt hat, wird auch mit diesem keinen Fehlkauf tätigen.
Was uns zum ersten Minuspunkt bringt: das Buch ist im Moment vergriffen und daher nicht sehr preiswert zu erhalten. Die gute Nachricht: es wird im Herbst eine (ebenfalls nicht billige) Neuauflage geben, die als “große illustrierte Ausgabe” beworben wird, was in mir die Hoffnung weckt, die reichlichen Bilder könnten in dieser Ausgabe dann farbig sein - was den Genuss des Buchs sicher erhöht.
Viel mehr Minuspunkte habe ich im Folgenden nicht mehr anzubringen - ich schätze den Autor, ich schätze diese Buch.
Manguel hat nicht den Versuch unternommen eine chronologische Geschichte des Lesens zu schreiben. Zwar hält er in manchen der thematisch gegliederten Kapitel eine zeitliche Abfolge ein, meistens orientiert er sich aber an inhaltlichen Strukturen. Da gibt es Kapitel, die sich mit “Vorlesen” beschäftigen (naheliegend für den ehemaligen Vorleser Jorge Borges’), mit der äußerer Erscheinungsform des Buchs, wie sich Autoren und Übersetzer als Leser verhalten. Wie aus dieser zufälligen Auswahl ersichtlich: er bleibt nicht allzu eng an seinem Kerngegenstand, dem Lesen, sondern schweift gerne auch ins nahe Umfeld ab. So füllt er über 400 Seiten, die genaue Quellenangaben mit persönlichen Eindrücken verbinden. Seine Betonung liegt so weit möglich auf einzelnen Menschen statt auf Verallgemeinerungen - ein anekdotenreiches Buch, das an manchen Stellen etwas unstrukturiert wirken mag, dafür aber umso lebendiger ist. Bilder, Portraits, Bücher, Gegenstände, die im Text erwähnt sind, werden auch abgebildet und ergeben so ein abgerundetes Buch, dessen breiter Rand einlädt eigene Beobachtung einzutragen.
Ein Buch zum Durchlesen, zum Nachschlagen (leider nur ein Personenregister), zum Wiederlesen. Ein Buch eines leidenschaftlichen Leser für leidenschaftliche Leser.
Kerstin
Fischer Verlag, 2008, Hardcover 29,90 €, 624 Seiten, ISBN: 978-3100487520 (Diese Rezi bezieht sich auf die alte und vergriffene Ausgabe dieses Werkes. Die illustrierte Neuausgabe wird im Oktober erhältlich sein.)
Geschrieben in Sachbuch, Kerstin | Keine Kommentare »
Lesezeichen BR-alpha 22.07.
23.7.2008 von Krümel.
Zu Gast war diesmal Johano Strasser mit seinem Buch:
Es geht um eine Kleinstadtgesellschaft, Zwischenmenschliches, Tod, Kindererziehung, ja und die ganzen großen Dramen der Welt, die sich auch auf kleinsten Raum abspielen können. Der Roman soll heiter beginnen und wird mit der Zeit immer melancholischer.
Ein jecker Bildband wurde vorgestellt:
von Tim Walker, der seine Bilder sehr aufwendig inszeniert. Ganz abstrakte Fotos entstehen so.
Und zu Beginn gab der Autor Richard David Precht ein kurzes Interview zu seinem Buch: “Wer bin ich - und wenn ja wie viele?: Eine philosophische Reise“. Er ist ganz erstaunt, dass das Buch so eine Beliebtheit findet, dass die Leser sich für Philosophie interessieren, seine anderen Werke wurden nicht so gut aufgenommen (”Leinin kam nur bis Lüdenscheid” 2005 {wird verfilmt}, “Das Schiff im Moor”, “Die gleitende Logik der Seele” u.a.). Sein Hobby sind die Naturwissenschaften, und er betrachtet gerne diese Wissenschaft mit dem Auge der Geisteswissenschaft, und umgekehrt die Geisteswissenschaft aus der Logik der Naturwissenschaft. “Früher hingen diese Wissenschaft viel mehr zusammen, heute werden sie getrennt betrachtet, und das ist ein Fehler.”
Die Stadt München feiert 850. Geburtstag, dazu wurden noch ein paar Bücher über München vorgestellt.
Geschrieben in LS-Ticker | 2 Kommentare »
“Schweigeminute” von Siegfried Lenz
22.7.2008 von Krümel.
Ein leises Buch, einfühlsam und wohltuend!
Wie alt ist eigentlich diese Englischlehrerin, die mit ihren Schülern gerne lacht, Streiche ausheckt und so schnell schwimmen kann? Ist es da ein Wunder, dass sich die männlichen Schüler alle zu ihr hingezogen fühlen, sie verehren und sich in diese faszinierende Figur verlieben?
Der Protagonist (Christian/18 ) erfährt mit dieser Lehrerin seine erste Liebe. Am liebsten würde er mit ihr zur “Vogelinsel” entfliehen, weit ab von allem, nur noch im Sand liegen, lieben, und in die Sterne schauen. Er hat auch schon den Proviant besorgt, den man für ein solches Unternehmen braucht …
Aber dann kommt der Sturm! “Schweigeminute”!
Diese Erzählung liest so schnell, wie die Wellen im Meer, welche durch künstliche Riffs unterirdisch gebrochen werden müssen, damit kein Unglück geschieht. Und dennoch ereignen sie sich ständig.
Die Frage der Verantwortungslosigkeit stellt sich hier kaum. Anders als im Buch “Schande” von Coetzee (Professor mit Studentin), in dem es dazu führte, dass der Prof unehrenhaft entlassen wurde.
Auch der Leser verhält sich sehr tolerant gegenüber dem Geschehen, und bedauert eher den Ausgang. Aber warum ist das so?
Mir hat dieses Büchlein sehr gut gefallen. Eine weiche gepflegte Sprache, idyllische Landschaftsbeschreibungen und intensive Gefühle erwecken diese Lektüre zum Leben.
Heidi Hof
Hoffmann und Campe Verlag, 2008, Hardcover 15,95 €, 128 Seiten, ISBN: 978-3-455-04284-9
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Erzählung/en, Krümel | Keine Kommentare »
“Die Zimtläden” von Bruno Schulz
20.7.2008 von Krümel.
Mit großer Wahrscheinlichkeit kann ich behaupten, dass ich einiges aus der großen Welt der Mythologie und Symbolwelt nicht herausgelesen habe, aber einer Logik bin ich direkt gefolgt: Lies es und genieße es, und versuche es erst gar nicht zu begreifen.!
“Die Zimtläden”, eine Sammlung phantastischer Erzählungen, “eine Art autobiographischer Roman”, wie sie der Autor nannte, beschreiben die versunkene Welt eines galizischen Städtchens und seine Bewohner, allen voran den wunderlichen Vater und seine ebenso gefürchtete “Erzfeindin” Adela, das schöne Stubenmädchen. Wuchernde Gärten unter einem unendlich sich türmenden Himmel, weißglühende Sommer und stockfinstere Sturmnächte, labyrinthartige Dachböden und Zimmerfluchten mit ihren geheimnisvollen Winkeln und Nischen schaffen eine Aura, in der die Tapeten zum Leben erwachen, verwirrende Verwandlungen vor sich gehen, und Schein und Wirklichkeit verschwimmen … “ (Soweit der Klappentext, besser kann man es nicht beschreiben. Eben ein wenig surreal.)
Eine Ergänzung meinerseits, die das Herangehen an diese Erzählungen vielleicht verdeutlichen kann. Natürlich stellt sich der Leser die Frage warum das Buch “Die Zimtläden” heißt? Weil eine der Geschichten “Die Zimtläden” heißt? Oder weil Adela ziemlich zum Schluss Zimt zermürbt? Aber ist das wichtig? Der Duft von Zimt erzeugt in meiner Nase ein wunderbares Gefühl, Kindheitserinnerungen an Weihnachten, romantisch verklärte Augenblicke, ja ich liebe Zimt und bekomme davon große Augen im Kerzenschein. Das erreicht das Wort Zimt bei mir, und warum also nicht “Die Zimtläden”? Düfte sind so ausgeprägte Sinne, und in diesem Sinn, über diese Tür, über dieses Empfinden, lässt sich das Buch begehen.
Ich fand es wunderbar, es hat mich beeindruckt, und manchmal fand ich es richtig irre! Ich konnte träumen, verlor mich in vielen Phantastereien und illusorischen Interpretationen, ja mir hat dieses schmale Buch richtig Spaß gemacht. Mal etwas anderes, mal etwas für die Seele!
Über den Autor
Bruno Schulz wurde 1892 als Sohn eines jüdischen Textilhändlers in Drohobycz/Galizien geboren. Nach dem Abitur wollte er Maler werden, doch die finanziellen Verhältnisse machten ein Architekturstudium ratsam. Krankheiten, der Tod des Vaters und die wirtschaftliche Situation zwangen ihn, sich als Zeichenlehrer zu verdingen. Daneben arbeitete er als Maler und Graphiker und begann zu schreiben. 1936 wurde er mit dem “Goldenen Lorbeer” der Polnischen Akademie für Literatur ausgezeichnet. 1942 kam er ins Ghetto; wenig später wurde er von der Gestapo auf offener Straße erschossen.
Heidi Hof
Hanser Verlag, 2008, OT: Sklepy cynamonouce, Übersetzung jetzt neu von: Dorren Daume, Hardcover €, 230 Seiten, ISBN: 978-3-446-23003-
Geschrieben in Erzählung/en, Krümel | Keine Kommentare »
“Emma/Das Leben der Lady Hamilton” von Gilbert Sinoué
18.7.2008 von Krümel.
Insgesamt keine eindeutige Biographie.
Dieses Buch erzählt uns die Lebensgeschichte der Emily Lyon, einer kleinen Schmiedstochter und Kohleverkäuferin, sowie ihren Aufstieg an die Spitze der englischen Gesellschaft.
Und wie so oft beim weiblichen Geschlecht, verdankt sie das ihrer einzigartigen Schönheit. Die Männer müssen ihr reihenweise zu Füßen gelegen haben, waren geblendet, haben ihr aber auch arg mitgespielt. Bis dann Sir William Hamilton in ihr Leben trat, und ihr seinen adligen Titel gab, indem er sie heiratete. Von nun an war sie Lady Hamilton! Ferner war sie eine enge vertraute der Königin von Neapel (Maria Karolina), und später die Geliebte von Admiral Nelson. Bis dann nach dem Tod von Sir William ihr großer Sturz folgte …
Diese Bio liest sich insgesamt sehr flüssig und spannend, dennoch hat sie nicht voll meinen Geschmack getroffen. Denn sie schwankt sehr zwischen unterhaltsamer, romanhafter Erzählung, und nüchtern, objektiver Betrachtung. Dieses Hin und Her fand ich oft sehr nervig! Sinoué verweist häufig darauf, dass es sich entweder so oder so zugetragen haben könnte, führt dann dafür auch Beweise auf, und fällt dann ins Erzählerische nach seinem Gusto. Auf der anderen Seite hält er sich strikt an Fakten, und überschwemmt den Leser beispielsweise mit unendlichen langen kriegerischen Berichten und Seeschlachten, welche sich meist nur auf Admiral Nelson beziehen, und wenig Einfluss auf das Leben der Lady haben.
Zum Schluss hat man aber einen ganz guten Einblick in das Leben dieser schillernden Persönlichkeit und das Leben im 19. Jahrhundert.
Heidi Hof
C. H. Beck Verlag, 2003, OT: L´ambassadrice, Übersetzung: Holger Fock + Sabine Müller, Hardcover sowie TB vergriffen, 319 Seiten, ISBN: 3-406-50204-0
Geschrieben in Biographie, Krümel | Keine Kommentare »
Lesezeichen BR-alpha 15.07.
16.7.2008 von Krümel.

Zu Gast: Felicitas Mayall mit ihrem Buch “Hundszeiten” Ein Krimi, der nicht nur Spaß macht, sondern auch Seitenhiebe versetzt; worin Themen wie Klima, Rechts und Putin behandelt werden, oft übertrieben oder ins Ironische verfällt, und dabei spielt die Gewalt ein zentrales Motiv. “Hört sich doch nicht schlecht an.”
Ein sehr schöner Bildband wurde vorgestellt vom Fotografen Joakim Eskildson über Romas (die Fremden, die Mysteriösen, die Armen, die Dreckigen, die Exoten –> ja eben Menschen, die die Kunstfertigkeit besitzen, sich unsichtbar zu machen.)

Und dann wurde der Schwindel von Strittmatter aufgedeckt, da war ich schon sehr erstaunt
Ein Autor, welcher mit seiner Roman-Trilogie berühmt wurde. “Der Laden” ist sogar im Buch der 1000 Bücher aufgenommen: Das Meisterwerk des großen Epikers, das über drei Jahrzehnte deutsche Kriegs- und Nachkriegsgeschichte bündelt … Genau dieser Autor war im Polizeibataillon 323, d. h. bei der SS, und nicht wie in seiner Biographie behauptet wird bei der Wehrmacht. Diese Ordnungspolizisten waren Männer für das Grobe, d. h. sie erschossen Juden auf der Straße.
Natürlich wurde auch wieder Kafka gefeiert, wie sollte es anders sein ![]()
Geschrieben in LS-Ticker | 2 Kommentare »




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