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Archive für Juni 2008
“América” von T.C. Boyle
30.6.2008 von Krümel.
Eine Katastrophenbuch, perfekt für Hollywood!
Der Roman wird aus zwei Blickwinkeln erzählt, die sich nur an ein paar Eckpunkten kreuzen. Er beginnt mit einem Unfall: Der Amerikaner Delaney fährt auf dem Highway einen Mexikaner an. Zuerst denkt er, die dunkle Gestalt wäre verschwunden, doch dann entdeckt er sie im Graben liegend. Das Gesicht ist blutverschmiert, und der Verletzte bringt nur ein Röcheln heraus. Letztlich lässt sich diese Situation mit einem 20-Dollar-Schein aus der Welt schaffen …
Eine dieser Parallelwelten spiegelt das reichere amerikanische Leben wieder. Delaney schreibt für eine Naturzeitung und durchwandert die Berge von L.A. um über eingewanderte Tiere zu berichten. Seine Frau ist Immobilien-Maklerin und verdient das Geld für die Familie. Sie leben in einem Ghetto, denn um ihre Wohnanlage lassen sie eine Mauer errichten zum Schutze vor Coyoten, aber auch vor den eingewanderten Menschen.
Die andere Welt erzählt von den illegal eingereisten Mexikanern, die sich dort überall niederlassen. Sie campieren im Canon, oder auf einer Mülldeponie.
Der Angefahrene hat sich beim Unfall den Wangenknochen gebrochen, einen Arm und die Hüfte verletzt. Aber vor lauter Angst, dass er zurück nach Mexiko verwiesen wird, nimmt er lieber in seiner Panik das Geld.
Arbeit wird er in seiner Lage nun vorläufig nicht mehr bekommen, und so muss seine junge Frau für den armseligen Unterhalt sorgen.
Aber was dann geschieht, ist einfach nicht mehr realistisch! So viel Pech und Heimkehrungen wie diesem Paar auf den nächsten Seiten widerfahren, ist einfach nicht mehr natürlich, sondern wirkt nur noch gestelzt und aufgesetzt! Sie geraten von einer Katastrophe in die nächste, und man hat den Eindruck, immer wenn Boyle nicht mehr weiterweiß, lässt er diese Figuren in das nächste Unglück laufen. That´s Hollywood, aber keine Literatur!
Auch die Schwarz-Weiß-Malerei zwischen und in den Welten ging mir gehörig auf die Nerven. Kein Buch für mich, was zuviel ist, ist zuviel!
Heidi Hof
Brigitte-Edition, 2005, Übersetzung: Werner Richter, Hardcover vergriffen, 521 Seiten, ISBN: 3-570-19511-2
Geschrieben in Krümel, Roman | 1 Kommentar »
Literatur im Foyer (27.06.)
29.6.2008 von Krümel.
Nach dieser Sendung geht das Foyer in Sommerpause!
1. Thea Dorn empfing als ersten Gast Bernhard Schlink. Vor ein paar Wochen hatte ich Schlink bei Lesezeichen gesehen, er wirkte dort kühl und reserviert, ein wenig unsympathisch. Jetzt bei Dorn war er wie ausgewechselt, er lächelte, wirkte ganz locker und schäkerte sogar mit der Moderatorin, klasse! ![]()
Allgemein beantworte er Fragen wie “Warum er sich mit so großen Stoffen auseinandersetzt “Schuldfrage”, “Heimkehr” und “RAF”? Weil das die Stoffe meiner Generation sind!
Er ist Jurist, wie blickt er denn auf diese Stoffe, also mit welchem Auge? Mit beiden, und beide bilden Brücken, die sich ergänzen und den Kontext ergeben, wenn man aus beiden Blickwinkel betrachtet.
Ob er ein 68 er wäre? Eher nicht. Er wäre auf ein paar Demos gewesen und ein Willi Brandt Befürworter.
Zum Buch “Das Wochenende” zwei Äußerungen, die stark hängen blieben: Der Typus Terrorist, der die Unsauberkeit der Welt nicht aushält (der Revoluzzer? wie bei Tellkamp im “Eisvogel“?)
Die Ratlosigkeit der Linken, verbunden mit einer hohen Gewaltbereitschaft.
Bestenliste Juni:
Hiromi Kawakami - Der Himmel ist blau, die Erde ist weiß
Willa Cather - Meine Antonia
Sherko Fatah - Das dunkle Schiff
Cormac McCarthy - Kein Land für alte Männer
Peter Stamm - Wir fliegen
2. Zu Gast Andreas Kossert mit dem Buch “Kalte Heimat”
Es geht um Vertriebene, die trotz deutscher Abstammung als Polacken und Zigeuner beschimpft wurden und diskriminiert.
Bestenliste Juni:
Friederike Mayröcker - Paloma
Katharina Faber - Fremde Signale
Franz Dobler - aufräumen
Wolfgang Hilbig - Gedichte
Karen Dove - Taxi
3. “Weit fort” von Cornelia Schleime
Dieses Buch hört sich zwar sehr interessant an, aber mir fielen die Augen zu und bin ins Bett gegangen ![]()
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“Feuchtgebiete” von Charlotte Roche
27.6.2008 von Krümel.
Die 18-jährige Helen liegt nach einer missglückten Intimrasur wegen einer Analfissur im Krankenhaus. Diese Situation will sie ausnutzen, damit ihre geschiedenen Eltern wieder zusammenkommen. Als ihre Wunde aber schneller heilt, als sie ihr Vorhaben umsetzen kann, greift sie zum letzten Mittel, um ihren Aufenthalt verlängern zu können. Sie reißt sich ihre frische Operationswunde bewusst selbst auf. Soweit die eigentliche Handlung, dafür würden an sich 2 DIN A4 Seiten genügen. Die 219 Seiten des Buches werden gefüllt mit detaillierten Beschreibungen von Helens Körper, insbesondere der Körperöffnungen, ihres (sehr eigentümlichen) Hygieneverhaltens, ihrer Masturbationstechniken. Mir ist jetzt jeder einzelne Geschmack und Geruch der verschiedenen Körperflüssigkeiten der jungen Frau bekannt. Die Konsistenz würde natürlich nicht ausgelassen.
Nachdem „Feuchtgebiete“ sozusagen in aller Munde war – was für ein zum Buch passendes Wortspiel – wollte ich mir meine eigene Meinung darüber bilden. Ich habe sie mir gebildet. Das Buch empfand ich weder als ekelerregend noch als skandalös. Ich fühlte mich auch nicht provoziert. „Feuchtgebiete“ hat mich einfach nur gelangweilt. Auf gut 200 Seiten wird versucht, gegen Tabus anzuschreiben und dem gegenwärtigen Hygieneverhalten den Kampf anzusagen. Um dies zu erreichen, war die Autorin bemüht, sämtliche Fettnäpfchen zu betreten und dem Leser eine derb-vulgäre, eher gossenhaft wirkende Sprache zu präsentieren. Zwischenzeitlich war ich versucht dieses Buch zur Seite zu legen. Ich habe mich aber dann anders entschieden, nur um festzustellen, ob mir eine Grimmepreisträgerin wirklich nicht mehr zu sagen hat.
Ich gehe jedoch davon aus, dass Charlotte Roche akribisch für dieses Werk recherchiert hat. Das würde mich beruhigen, denn würde das doch beweisen, dass ich bedenkenlos öffentliche Toiletten auf jedwede Weise benutzen kann und mich trotzdem bester, wahrscheinlich sogar noch besserer Gesundheit erfreuen werde.
Mein Fazit: Ich kann Charlotte Roche nur zu ihrem Marketing-Erfolg gratulieren, ein literarischer Erfolg ist es wohl eher nicht. Für mich gehört dieses Buch in die Kategorie „Bücher, die die Welt nicht braucht“. Zum Glück war mein Exemplar nur ein geliehenes.
Heike
Dumont Buchverlag, 2008, broschiert 14,90 €, 219 Seiten, ISBN: 978-3832180577
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Lesezeichen BR-alpha
25.6.2008 von Krümel.
Ihr habt nichts verpasst
Vier Bücher wurden vorgestellt, und keins landete auf meinem Wunschzettel, obwohl sich eins schon sehr interessant anhörte.
1. “Die Kunst der Beleidigung” von Hans Gerd Raeth (Meiner Meinung nach, ein Buch, welches die Welt nicht braucht.)
2.
Das Buch hörte sich vielversprechend an. Auf der Suche nach diesem Bär, eine Suche nach sich selber. Eine Novelle, die Hemingway und auch Stifter in sich vereint. (Da ich aber beide Vorbilder noch nicht gelesen habe, und dadurch Türen verschlossen bleiben, werde ich mir dieses Werk nur vormerken.)
3. “Verschwindene Landschaften” von Nadine Barth. Ein Fotographienband.
4.
Bei diesem Buch ging mir der Kommentator gewaltig auf die Nerven. Was hat Aussehen (Sophie Dahl) mit Intellekt zu tun, oder gar blond? Nur weil die Autorin mal Modell gewesen ist, ist sie direkt dumm? Schon alleine der Gedanke war mir zu Boulevard mäßig, und nicht mein Ding. Und so schlecht hört sich dieses Buch nicht an.
Geschrieben in LS-Ticker | 2 Kommentare »
“Lichtjahre” von James Salter
24.6.2008 von Krümel.
Ein Buch, welches mich teilweise gelangweilt, vom Stil her beeindruckt, und über das Lesen hinaus zum Nachdenken angeregt hat.
Der Inhalt ist schnell erzählt.
New York Ende der 50 er, eine Familiengeschichte. Das Ehepaar Berland lebt in einem alten Haus am Hudson außerhalb von der Metropole. Ein wunderbares Stück Land, ein Familienidyll mit Pferd, Hund und Kaninchen.
Viri, der Protagonist, ist Architekt und betreibt in New York sein Büro. Das Ehepaar hat zwei Töchter, viele Partys und Einladungen, sie gehen ins Theater, haben viele Künstler im Bekanntenkreis, und es wird viel gelesen.
Nedra, die Protagonistin, ist eine hervorragende Köchin, Gärtnerin, ja die perfekte Hausfrau, Mutter und Gattin. Finanziell steht dieses amerikanische Vorzeigeehepaar gefestigt da, es könnte durchaus mehr sein, aber auf Luxus brauchen sie auch nicht zu verzichten.
Die Kehrseite, Viri und Nedra gehen beide fremd, und der jeweils andere weiß davon, es wird akzeptiert, aber nicht darüber gesprochen.
Und damit wären wir schon beim Stil.
Der Erzähler kann in jede Figur schlüpfen, aber nur von außen, die Innenansicht ist ihm verwehrt. Das bewirkt, dass die Oberflächlichkeit, ein großes Motiv im Roman, gut transportiert wird. Es finden viele Dialoge statt, man sitzt zusammen mit den Kindern, oder mit Freunden, es wird viel getrunken und geplaudert, aber in die Tiefe reicht es nicht. (In den letzten zwei Teilen ändert sich das ein wenig.)
Ober beispielsweise der Name des männlichen Protagonisten Viri, den ich ständig als weiblich empfand, wird erst sehr spät im Buch erklärt oder aufgedeckt.
Auch Nedras Gedanken, die sich oft um Geld drehen (ihr ist es zu wenig, sie will mehr) und ihre Fixierung auf Äußerlichkeiten unterstreichen diese Oberflächlichkeit. Ihr Aussehen und ihre Garderobe werden auch ständig beschrieben. Als dann erste Alterserscheinungen an ihr auftauchen, das Vergängliche sich an ihr zeigt, stellt sich eine nichtstillende Unzufriedenheit in ihr ein. Denn das ist das zentrale Motiv im Werk: die Vergänglichkeit, der Tiere, der Menschen, des Hauses.
Nedra möchte aus diesem Wahn, der ihr wie ein Gefängnis erscheint, ausbrechen! Mit allen Mitteln versucht sie dieses Unwiderrufliche zu bekämpfen. Und so kommt es zur Scheidung.
Sie sucht danach ihre Freiheit im Yoga, in sich selbst, in der Abgeschiedenheit, oder im Kreise von Schauspielern, aber ihre Unzufriedenheit kann sie nicht abschütteln, weil für sie Äußerlichkeiten und Materielles wichtig bleiben, sie bleibt darin verhaften.
Von der Sprache her war ich direkt begeistert, weil Salter Lebens.- oder Naturbeschreibungen sehr poetisch beschreibt.
Assoziationssprünge wie - Die Blätter fielen, die Aktien auch. - reichern den Roman an und weisen ständig auf die Beweggründe der Figuren hin.
Die ersten drei Teile des Buches lesen sich im Zeitraffer, die Jahre vergehen, und die Jahreszeiten fliegen dahin.
Insgesamt hat mir das Werk gut gefallen, obwohl ich mit den Gedanken der weiblichen Protagonistin wenig anfangen konnte. Und das ist das Gute an Literatur, sie vermittelt oft Welten, die einem selber verschlossen sind.
Zum Autor:
James Salter wurde 1925 in New York geboren, er studierte in West Point, trat 1945 in die Air Force ein und diente in Europa sowie Korea. Seit 1957 lebt er als freier Schriftsteller, er gilt als moderner Klassiker der amerikanischen Literatur.
Heidi Hof
Berlin Verlag, 1998, Hardcover 19,90 € (TB 9,90 €), OT: Light Years, Übersetzung: Beatrice Howeg, 400 Seiten, ISBN: 978-3827000958
Geschrieben in Krümel, Roman | Keine Kommentare »
Neue Kategorie!
22.6.2008 von Krümel.
Literatursendungen - Ticker
kurz: LS-Ticker
Meist schaue ich mir diese Sendungen an, wenn meine lesenden Freunde längst im Bettchen liegen. Und oft werden die Wiederholungen verpasst, oder die Video-Aufnahme verschlafen.
Jetzt stelle ich mich dieser Aufgabe und gebe Wichtiges, Interessantes und Augenscheinliches kurz und knapp hier wieder
Freitagabend, Literatur im Foyer, 0 Uhr, Martin Lüdke lud zum Proust-Abend ein:
(Wiederholung am Sonntag, 22. Juni 2008, um 10.15 Uhr in 3sat)
Die Literaturkenner waren sich einig “Auf der Suche nach der verlorenen Zeit” muss man gelesen haben!
Gelobt wurde die Neuüberarbeitung der alten Übersetzung von Eva Rechel-Mertens durch Luzius Keller (anwesend in der Runde). Die alte Übersetzung von Frau Rechel-Mertens sei großartig gewesen, habe aber einen Schönheitsfehler gehabt: sie hat das Französische 1:1 ins Deutsche übernommen, und dadurch eine französische Deutsche Ausgabe kreiert, d. h. der Satzbau war französisch. Keller hat es sich zur Aufgabe gemacht, und nun den deutschen Satzbau eingebaut, so dass sich das Werk jetzt flüssiger lesen lässt. Die neue Übersetzung kann man beispielsweise direkt am ersten Band erkennen, der nun „Unterwegs zu Swann“ heißt, und nicht mehr „In Swanns Welt“.
Ein wiederholtes Lesen würde nie “alte Bekannte” antreffen, der Leser kein vorgefertigtest Bild finden, sondern bei jedem Lesen wäre alles neu und anders. Das soll das Werk auszeichnen.
Gelobt wurde auch die neue Biographie über Proust von Jean-Yves Tadié, die demnächst erscheinen wird (November 2008), mit neuen Erkenntnissen aufwartet, und statt spekulativ soll man Proust nun rein sachlich kennen lernen können.
Ich werde mich dieser Aufgabe gewiss irgendwann mal stellen
und mich an dieses Mammutwerk von 7 Bänden heranwagen.
Geschrieben in LS-Ticker | 3 Kommentare »
“Wunschloses Unglück” von Peter Handke
19.6.2008 von Krümel.
Im Jahr 1971 nimmt sich die Mutter von Peter Handke im Alter von 51 Jahren das Leben. Einige Wochen später beginnt der damals 30-jährige Schriftsteller mit der Erzählung „Wunschloses Unglück“ in der er das Leben seiner Mutter, aufgewachsen als viertes von fünf Kindern unter der strengen Erziehung ihres Vaters, der ihr keinerlei Freiheiten ließ. Als 15-jährige verlässt das eifrige, wissbegierige Mädchen den elterlichen Hof, schnuppert erstmals die von ihr so ersehnte Freiheit. Sie lernt die einzige Liebe ihres Lebens kennen, wird schwanger und heiratet aber dann einen Unteroffizier der Wehrmacht, der ihr aber zutiefst zuwider war. Sie folgt ihrem Mann nach Berlin, die Jahre des Krieges verbringt sie mit ihrem Sohn alleine auf dem Land. Ihr Leben ist gezeichnet von Armut und Pflichten. Nach dem Krieg zieht sie mit ihrem Mann und den zwei Kindern nach Kärnten, wo sie wieder im Haus ihrer Eltern Platz findet. Während ihr Mann dem Alkohol verfällt, gewinnt sie an Selbstbewusstsein und Selbstsicherheit, nimmt noch einmal ihr Leben in die Hand ehe sie in Migräne-und Depressionsattacken verfällt, die letztendlich im Suizid münden.
Nüchtern und distanziert schildert Handke das Leben seiner Mutter, ein Leben zwischen Anpassung und Flucht, zwischen Pflichtgefühl und Selbstverwirklichung. Immer wieder wirft er seine eigenen Gedanken ein die sich allerdings mehr mit seinem Beruf als Schriftsteller und der Verwirklichung seiner Idee dieses Buches beschäftigen als mit der Beziehung zu seiner Mutter. Diese Passagen hinterließen ein wenig den Eindruck eines „Selbstdarstellers“, der sich selber vielleicht mit diesem Buch mehr in den Mittelpunkt stellen will als das Leben seiner Mutter.
Christine
Suhrkamp Verlag, 2003, Taschenbuch 7 €, 160 Seiten, ISBN: 978-3518188385
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Erzählung/en, Christine | Keine Kommentare »
“Kaltenburg” von Marcel Beyer
17.6.2008 von Krümel.
Wer ist Kaltenburg? Kein anderer hat diesen exzentrischen Forscher während seiner Jahre in der DDR so genau gekannt wie der junge Herrmann Funk – der Ich-Erzähler dieses Romans. Als Elfjähriger hat er mit seinen Eltern die Heimatstadt Posen, wo er Kaltenburg schon einmal als Kind begegnet ist, verlassen müssen. Die traumatische Bombennacht nach der Ankunft in Dresden macht ihn zum Waisenkind und prägt sein Leben. Als die Vögel im Februar 1945 brennend vom Himmel fallen, hat er seine dramatische Begegnung mit den Tieren. Er wird zum Ornithologen. Bei Kaltenburg, seinem Ersatzvater, wird er studieren und arbeiten. Soweit die Beschreibung des Klappentextes zu diesem Buch.
Marcel Beyer wurde 1965 geboren und lebt seit 1996 in Dresden. Von ihm erschienen bisher die Romane „Das Menschenfleisch“, „Flughunde“ und „Spione“ sowie die Gedichtbände „Falsches Futter“ und „Erdkunde“.
Die neue deutsche Literatur hat mit Marcel Beyer einen beeindruckenden Vertreter in ihren Reihen. Er schreibt ruhig und besonnen, aber er wird nie langweilig. Er muss nicht zu irgendwelchen Actionattacken greifen, wie einige seiner Kollegen die ansonsten nichts zu sagen haben, Beyer überzeugt durch seinen ausgeglichenen Erzählfluss und eben durch das was er zu erzählen hat. Seine Sätze sind fließend in Bewegung, sie passen sich der Geschichte passgenau an; kein Satz bekommt bei ihm eine Extrawurst gebraten. Die Konturen seiner handelnden Personen sind genau herausgearbeitet und ihr Bild ergibt sich vor allen Dingen aus ihren Handlungen, weniger aus den ihnen anhaftenden Beschreibungen. „Kaltenburg“ gehört in jedem Fall mit zum Besten was der deutsche literarische Frühling 2008 zu bieten hat.
Kein Buch wie ein Orkan, aber wie eine frische Brise in der zum Teil doch langweiligen deutschen Gegenwartsliteratur. Marcel Beyer ist ein Vollbluterzähler an dessen Stil man sich vielleicht erst ein paar Momente lange gewöhnen muss, der dann aber durchaus zu gefallen weiß.
Ein sehr lesenswertes Buch. Nebenbei erfährt man übrigens eine Menge über Dohlen.
Jan
Suhrkamp Verlag, 2008, Hardcover 19,80 €, 400 Seiten, ISBN: 978-3518419205
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Jan, Roman | Keine Kommentare »
“Romantik/Eine deutsche Affäre” von Rüdiger Safranski
15.6.2008 von Krümel.
Ein wunderbares Lesebuch, in welchem der interessierte Leser die Epoche der Romantik, die bis zur Gegenwart bestand hat, gut vermittelt bekommt.
Nach dem berühmten Buch Schiller oder Die Erfindung des Deutschen Idealismus wendet sich Rüdiger Safranski der anderen großen Geistesströmung um 1800 zu: Der Romantik. Geschildert wird die Epoche der Schlegel, Tieck, Novalis, Fichte, Schelling, Eichendorff und E.T.A. Hoffmann. Eine Epoche der entfesselten Genies, die ins Grenzenlose und Geheimnisvolle aufbrechen, mit Sehnsucht und Ironie. Romantik war eine Fortsetzung der Religion mit ästhetischen Mitteln. Sie war der Versuch, “dem Gemeinen einen hohen Sinn, dem Gewöhnlichen ein geheimnisvolles Ansehen, dem Endlichen einen unendlichen Schein zu geben.” (Novalis)
Die Romantik war eine Epoche, die ihr Ende fand. Das Romantische aber lebt fort - als Geisteshaltung in der Poesie, Musik, Philosophie, im Alltagsleben und nicht zuletzt auch in der Politik.
Und das ist die zweite Geschichte, die Safranski erzählt. Sie handelt von der Karriere des Romantischen bis in die Gegenwart. Sie führt über Heine, Richard Wagner, Nietzsche, Thomas Mann zu den Erregungen der 20er Jahre und umgeht auch nicht das Problem der Verwendung romantischer Motive im Nationalsozialismus. Das Buch endet beim Romantischen der 68er Bewegung und mit der Frage: wie viel Romantik verträgt die Politik? (Soweit der Klappentext)
Ich bin tief beeindruckt von diesem Buch, weil der Autor ohne großen Schnickschnack auskommt, keine abgedrehten Fachbegriffe verwendet, und nicht ein ganzes Literaturwissenschaftsstudium voraussetzt, also ein Buch für den interessierten Laien geschrieben hat. Auch muss man die behandelten Werke nicht alle gelesen haben, Safranski beschreibt sie ausführlich, so dass man einen guten Überblick erhält. (Allerdings werde ich noch ein paar romantische Werke lesen, um dieses Wissen jetzt zu vertiefen. Novalis war leider nicht mein Fall, aber „Der Zauberberg“ liefert im Schneekapitel viele romantische Aspekte.)
Besonders gelungen fand ich, dass der Autor nicht einfach eine Epoche behandelt und dann abbricht, nein, er verfolgt die romantischen Gedanken bis zur Jetztzeit weiter, denn diese Thematik findet ihren Platz auch in der Gegenwartsliteratur, und ist nicht mehr weg denkbar.
Ich habe bisher kein besseres Buch über Literatur gelesen, das so verständlich und klar geschrieben ist, deshalb bekommt es die höchste Punktzahl! Hervorragend!
Über den Autor:
Rüdiger Safranski wurde 1945 geboren, ist Philosoph und preisgekrönter Autor, der schon in 19 Sprachen übersetzt worden ist. Er schreibt über die „Großen“ Biographien: Schopenhauer, E.T.A. Hoffmann, Nietzsche, Heidegger und Friedrich Schiller.
Heidi Hof
RM Buch und Medien Vertrieb GmbH (Bertelsmann), 2007, Hardcover €, 415 Seiten, Buch Nr. 080189
Geschrieben in Sachbuch, Krümel | 1 Kommentar »
Liebe Blog Leser …
14.6.2008 von Krümel.
Vorgestern erschien ein Artikel in den Berliner Nachrichten, der diese Adresse als dubios betitelte. Das stimmt schon, hat aber seine Geschichte:
Ich bin ein Anwender, und habe von den meisten technischen Sachen überhaupt keinen blassen Schimmer. Als ich vor zwei Jahren dieses Paket von einem großen Internet- Anbieter abonierte, und meine Domains ausgewählte, sage man mir schlichtweg “Ich könne ruhig Krümel nehmen, das Ü würde überhaupt keine Probleme machen.”
Eine absolute Falschaussage! Aber was soll ich machen? Ausgewählt ist ausgewählt, diese Domain heißt eigentlich: www.krümel.com und wird von den meisten Browsern folgendermaßen übersetzt: http://xn--krmel-lva.com/
Ansonsten habe ich mich über diesen Artikel gefreut, denn alltagssprachlich und dass wir uns nicht um Aktualität scheren, beides zusammen macht uns wohl zu einem beliebten Literaturblog, der mittlerweile sehr gut besucht wird.
Dankeschön ![]()
Geschrieben in Krümel, Literaturthemen | 2 Kommentare »




