Infos

Sie befinden sich aktuell in den Archiven des Blogs Das Literaturblog für Mai, 2008.

Calendar
Mai 2008
M D M D F S S
« Apr   Jun »
 1234
567891011
12131415161718
19202122232425
262728293031  
Kategorien

Archive für Mai 2008

“Der Walzer der gefallenen Engel” von C. S. Mahrendorff

walzer.jpgGlänzende Unterhaltung auf stilvollen Niveau mit Spannung.

1897 in Wien. Der Internist, Nervenarzt und Psychoanalytiker, Dr. Heydinger, hat wieder einen interessanten Fall. Sidonie seine Patientin hat Alpträume: Sie träumt von einem dunklen See, einem ausgedörrten Hain und einem überdimensionalen Kreuz. Ferner hat sie angeblich schon zwei Suizidversuche hinter sich. Diese Fallstudie ist viel komplexer als im ersten Band (Und sie rührten an den Schlaf der Welt) , wo es sich um die Kokainabhängigkeit drehte; denn die eigentlichen Patienten sind Sidonies Eltern. Silvie ihre Mutter, die Grenzgängerin zwischen Psychose und Neurotikerin, und ihr Vater, Joseph von Puchheim, der mit allen Mitteln sein Judentum abschütteln möchte.
Und Dr. Heydinger steht plötzlich mitten drin, und verwickelt sich arg in diesem Spinnennetz.

“Die schwarze Hand” steht natürlich auch in diesem Band wieder im Mittelpunkt. Heydinger und der österreichische Hof ist wieder auf der Suche nach dieser Untergrundbewegung. Diese ist immer noch von Antisemitismus geprägt, aber diesmal viel politischer, denn fast ganz Europa ist in dieser Sache verwickelt, und endet mit dem Attentat auf Elisabeth.

Ausgesprochen spannend erzählt uns der Autor seine Sicht der Geschichte vor hundert Jahren. Der Leser wird authentisch in diese Zeit hineinversetzt, und erlebt die Caféhäuser, die Boheme und Musikzirkel, das Wien und Kaiserreich kurz vor dem Untergang. Auch diesmal kommen die Österreicher nicht gerade gut weg, denn die “Schwarze Hand” wird nicht gefasst, und der Hofstaat steht etwas dümmlich da, so dass man sich auf den dritten und letzten Teil (Das dunkle Spiel) freuen kann.

Die Fallstudie und die Suche nach der mysteriösen Bewegung laufen in diesem Band parallel, und sind nicht miteinander verflochten. Das könnte man diesem Buch ankreiden. Dafür fand ich diese Psychoanalyse der Familie von Puchheim wesentlich interessanter. Insgesamt ein sehr lesenswertes Buch, dem ich noch viele Leser wünsche.

Heidi Hof

Marion von Schröder Verlag, 2000, Hardcover vergriffen (als TB 9,95 €), 488 Seiten, ISBN: 3-547-76274-X

“Die Entdeckung der Langsamkeit” von Sten Nadolny

langsamkeit.jpgEine Geschichte über die Entdeckung der Nordwestpassage mit einer Moral die als Farce endet

Sir John Franklin ist seit seiner Geburt anders: egal was er macht, er ist nicht so schnell wie die anderen. Daher muss er viele Lästereien über sich selbst ergehen lassen, denn keiner versteht ihn. Alle halten ihn für zurück geblieben. Doch das ist Franklin keineswegs. Er ist einfach nur langsamer als andere und hat einen Traum: Kapitän eines Kommandos werden und die Antarktis entdecken.

Die Entdeckung der Langsamkeit ist wohl der bekannteste Roman des deutschen Schriftstellers Sten Nadolny.
Mit einer ausgeklügelten Sprache, die fast schon poetisch anmutet, erzählt Nadolny die Geschichte eines Lebens, die Geschichte von John Franklin den es tatsächlich gegeben hat. Liest man den dazugehörigen Wikiartikel einmal quer, erkennt man, dass Nadolny eine biographische Geschichte ersann mit einer Moral, die auch dem Titel des Romans Rechnung trägt:

Sei langsam! Nimm dir Zeit und denke alles ganz genau durch, denn nur dann kann dir alles gelingen!

Eine Moral bzw. Lebenseinstellung die dieses Buch vermitteln möchte, die vielleicht gerade in unserer heutigen Gesellschaft nicht verkehrt ist: in einer Gesellschaft in der jeder unter Zeitdruck steht, scheint es von Notwendigkeit, die Menschen daran erinnern zu müssen, dass sie sich auch mal Zeit nehmen und nicht immer überstürzten dürfen.

Doch genau hier liegt der Haken der Geschichte!
Nadolny widmet sich zu sehr dieser einen Botschaft. Er zwingt sie seinem Leser regelrecht auf, so sehr, dass sie zu einer Farce wird.
Auf den ersten 100 Seiten entfaltet Nadolny die Idee des „Langsam-ist-eben-besser“-Konzepts und der Leser beginnt darüber nach zu denken und ist durchaus mit Nadolnys Konzept einverstanden.
An dieser Stelle hätte Nadolny genau 3 Möglichkeiten gehabt, um das Buch zu einem guten Buch werden zu lassen: a) er lässt das Buch an dieser Stelle enden b) er differenziert und zeigt, dass es in manchen Situationen erforderlich ist instinktiv und schnell zu handeln oder c) er verlegt sich komplett auf die weitere Schilderung des Lebens von John Franklin.
Was hat Nadolny gemacht? Er hat wieder a), noch b) noch c) gewählt!

Was macht Nadolny stattdessen? Genau: er wählt Möglichkeit d) und ruiniert so sein Buch!
Er beschränkt sich weiterhin darauf, sein „Langsam-ist-eben-besser“-Konzept auszubauen und verliert dabei aus dem Augen, dass sich sein Leser nach Seit 150 nur noch als dummer Schüler fühlen kann, der zu begriffsstutzig ist, um zu verstehen das 1 + 1 nun mal 2 ergibt.

Sten Nadolny hat sich in einer Idee verloren und fand den Weg nicht mehr aus ihr heraus.
Leser, die genauso blind durch ein Buch gehen, wie Nadolny dieses geschrieben zu haben scheint, werden es lieben, doch der Leser, der nachdenkt und reflektiert über das, was er liest, wird es eher ganz hinten in seinem Regal verschwinden lassen.

Rebecca

Piper Verlag, 2008, TB 10 €, 359 Seiten, ISBN: 978-3492207003

“Die Magd des Monsieur de Malapert” von Anja Sicking

magd.jpgWas manche Autoren denken alles in 200 Seiten zu packen!?

Die ersten hundert Seiten lasen sich wie ein unterhaltsamer historischer Roman. Anna musste aus der Provinz flüchten, da ihre Schwester ein Verhältnis zu einem verheirateten Mann hatte, und 1729 wurde damit nicht nur die Betroffene aus der Gemeinde verstoßen, sondern auch andere Familienmitglieder mussten mit dieser Schande leben. Da die Eltern der Geschwister bei einem Brandt des elterlichen Haus ums Leben kamen, hatten es diese Zwei recht schwer. Aber Anna fand in Amsterdam relativ schnell eine neue Anstellung als Magd bei einem Musikalienhändler. Ihr Leben ordnete sich gerade wieder, als sie nach und nach mitbekam, was zur der Zeit in Amsterdam abging, und worin ihr Brötchengeber verwickelt war.

Und damit bekommt der Roman eine totale Wendung, aber ihm bleiben nur noch hundert Seiten. Dieser Skandal hat sich damals wirklich abgespielt, er ist brisant und hochinteressant. Doch statt die verbleibenden Seiten sinnvoll zu nutzen, fügt die Autoren nichtssagende Briefe ein, die mit der Handlung nur wenig zu tun haben.
Nach Beendigung des Romans wusste ich zwar, dass es sich so ergeben hat … , aber die Umstände und die Entwicklung wie es dazu gekommen ist, all das lässt Sicking außen vor! Ich bin froh dieses Buch als Restposten preiswert gekauft zu haben, ansonsten hätte ich mich wohl sehr geärgert.

Heidi Hof

SchirmerGraf Verlag, 2005, OT: De stomme zünde, Übersetzung: Barbara Heller, Hardcover 18,80 €, 228 Seiten, ISBN: 3-86555-020-7

“Die Entbehrlichen” von Ninni Holmqvist

entbehrlichen.jpg Was bist du wert?

Wellchen Wert produzierst du als Frau bis zu deinem 50ten Lebensjahr?
Das höchste Gut bis dahin ist es wohl Kinder zu bekommen die gut aufwachsen und gedeihen, eingefügt werden können in eine Gesellschaft in der SIE wiederum, im Verlaufe ihres Lebens, einen Wert für die selbige produzieren.
Das ist das Ideal in der Welt in der Dorrit Wegner lebt nur das sie es nicht zustande gebracht hat ein Kind zu gebären oder sonst wie besonders im Leben aktiv zu werden um einem unheimlichen und unheilvollen Schicksal zu entgehen. Nämlich für die Gesellschaft entbehrlich zu werden.
Sie hat es nicht fertig gebracht sich von einer Brücke zu stürzen oder eine Überdosis Tabletten zu nehmen. Nein, stattdessen steht sie an ihrem 50ten Geburtstag am Straßenrand und wartet das sie von Mitarbeitern der „Einheit“ abgeholt wird.

Die “Einheit” ist in einem großen Gebäudekomplex untergebracht der einzig und alleine dazu da ist Frauen ab 50, ohne Kinder oder sonstige Verpflichtungen, und Männer ab 60, ebenfalls ohne Familie oder sonstigen Verpflichtungen der Gesellschaft -den Benötigten- gegenüber, zu beherbergen die, stückweise oder im ganzen, physischen wie psychischen Versuchen zugeführt werden.
Testreihen mit körperlicher Ertüchtigung, Tabletten die noch nicht Marktreif sind und erst noch auf Nebenwirkungen untersucht werden müssen oder das Spenden von Organen.
Eine Niere, ein Stückchen von der Lunge oder gar, wenn es akut ist, ein Herz oder eine Bauchspeicheldrüse. Dies wird dann formschön die “Endspende” genannt bei der der Spendende zu 100% zu Tode kommt.
Am Anfang ist Dorrit noch verschreckt und verunsichert obwohl sie sich recht schnell an den Luxus gewöhnt der in der “Einheit” geboten wird. Sie muss sich um nichts mehr sorgen, bekommt nebst einer kleinen Zweiraumwohnung, Kleider, Lebensmittel und alle erdenklichen Möglichkeiten der Freizeitgestaltung und sollte mal ihr Lieblingsmüsli oder ihre Designerjeans nicht lagernd sein kann es ohne weiteres von draußen bestellt werden.
Geld spielt keine Rolle, wenn der Staat zahlt.
Nein, kein totalitäres Regime hat diesen Entwurf einer ökonomischen Verwaltung entbehrlichen Lebens erdacht sondern die Politik mit Absegnung der Bevölkerung.

Bald lernt Dorrit Wegner das Leben in der “Einheit” zu schätzen. Für sie ist nicht nur gesorgt sondern sie hat auch rasch Freunde gefunden die sie so akzeptieren wie sie ist und die für sie schnell zum Familienersatz werden. Und in Johannes findet sie die Liebe wieder die ihr im normalen Leben verwehrt blieb.
Abgesehen von einigen Versuchen physischer Natur die keine weiteren Gesundheitsbeeinträchtigungen nach sich ziehen, und der Gewissheit nach spätestens 4-5 Jahren Aufenthalt der Endspende zugeführt zu werden, führt sie ein ganz normales Leben bis zu jenem Tag an dem das unmögliche eintritt.
Dorrit wird schwanger…

Nach dem zuschlagen des Buches Die Entbehrlichen, von Ninni Holmqvist, muss man erst mal überlegen was man da gerade gelesen hat. Muss es sacken lassen um dann wieder etwas Fuß zu fassen. Das Buch macht es einem nicht leicht alles entweder schwarz oder weiß zu sehen. Es gibt kein Gut und kein Böse in dieser Erzählung, ja stellenweise ertappt man sich wirklich dabei zu überlegen das jener Entwurf gar nicht mal so schlecht ist, nur um jedoch einige Seiten später auch die Kehrseite der Mediale von Holmqvist präsentiert zu bekommen. So human das ganze System auch scheinen mag so sperrt sich dann doch das innere Denken des Lesers gegen eine grundsätzliche Frage:

Was ist ein Menschenleben wert?

Ist es wert einen Menschen zu opfern damit bis zu 8 andere (in der Gesellschaft benötigte) Menschen weiterleben können?
Alleine die Einteilung der Gesellschaft in “Benötigte” und “Entbehrliche” Individuen birgt Stoff für lange Diskussionen. Ein trügerisches Gleichheitsprinzip beherrscht die Erzählung. Egal was man früher im Leben gemacht hat, so bald man in die “Einheit” kommt ist man nicht besser oder schlechter als die anderen. Alle sind gleich, egal ob man nun diesseits oder jenseits der Mauern sitzt.
Holmqvist schreibt leicht, direkt und kommt fast immer rasch auf den Punkt in ihrem Schreiben. Nur manchmal benutzt sie die spärlichen 270 Seiten dafür metaphorische Miniaturen zu mahlen die einen ins Herz treffen.
Dies wurde auch von manchen Lesern bekrittelt, das die Autorin zu sehr an der Oberfläche herumkratzt und nicht wirklich in die Tiefe der Materie eindringt. Ich jedoch halte das Buch in dieser Form für sehr gelungen. Die Geschichte Dorrit Wegners ist ein Bericht von Innen der sich keine abgehobene Objektivität leisten kann.
Und dennoch ist die Schriftstellerin nicht darum verlegen gegen Ende ein kleines Statement anklingen zu lassen. Andeutungen einer Spirale nach unten schimmern durch, immer mehr Humanmaterial wird gebraucht wobei die Nachfrage nicht befriedigt werden kann und die Gesellschaft im Umkehrschluss der guten Tat immer mehr zu einem kannibalistischen, Menschenverschlingenden System mutiert das sich selber frisst.
Ich halte es nicht nur für ein gutes Buch was Ninni Holmqvist da vorgelegt hat sondern ich halte es auch für gut das von Zeit zu Zeit solche Bücher verlegt und (hoffe) auch gelesen werden denn Charles Darwin´s Ausspruch -das Überleben des Stärkeren- liegt immerhin schon weit über 140 Jahre zurück…

Daniel

Fahrenheit Verlag, 2008, Übersetzung: Angelika Grundlach, Hardcover 19,90 €, 269 Seiten, ISBN: 978-3940813008

“Eine blaßblaue Frauenschrift” von Franz Werfel

frauenschrift.jpgDie Genauigkeit an Beschreibungen von Gedanken.

Eines Morgens erhält der Protagonist Leonidas einen Bittbrief. Der Umschlag ist handgeschrieben mit blauer Tinte, die Schrift erkennt er sofort: Seine ehemalige Geliebte Vera. In diesem Brief bittet sie für einen Jungen um Asyl in Österreich, der dort sein Abitur beenden möchte. In Deutschland ist dies für jüdische Kinder nicht mehr möglich.
Aus dieser Situation heraus entwickelt sich bei Leonidas ein Gefühlschaos! Denn erstens ist ein hoher Beamter im Kultusministerium, seine Stellung könnte er damit gefährden. Zweitens weiß seine Frau von dieser Liaison nichts, seine Ehe steht damit auch auf dem Spiel. Denn er rechnet sich aus, dass dieser junge Mann sein Sohn sein müsste.

Diese Erzählung beschreibt nur einen Tag, aber sie ist voll von Gedanken und Ausmalungen, was würde sein, wie kann ich es anstellen, was würde sich daraus entwickeln. Alles Überlegungen, die sich dann wieder anders darstellen wie erdacht, und dies in feinsten und präzisen Schilderungen.
Aber mir fehlten Emotionen! In all diesen Ausführungen werden die Figuren nicht lebendig. Mag wirklich sein, dass die Ehe zwischen Franz und Alma hier zu sehr in der Erzählung einfließt. Dennoch soll doch dieser Seitensprung etwas ganz Bedeutendes für den Protagonist gewesen sein.

Insgesamt ein interessantes Büchlein in einer sehr angenehmen Sprache.

Heidi Hof

Fischer TB Verlag, 2007, Hardcover 7,95 €, 154 Seiten, ISBN: 978-3-596-17550-5

“Die Täter sind unter uns” von Hubertus Knabe

tater.jpg In der Summe ein eher enttäuschendes Buch. Hubertus Knabe bei seiner ganz individuellen Frustbewältigung. Einiges ist durchaus nicht uninteressant; nur wenn Knabe dann damit beginnt, die von ihm geschilderten Fakten auch noch zu interpretieren, dann geht es schon mal mit ihm durch. Ganz schlimm wird es aber, wenn er dann auch noch juristisches Terrain betritt. Abenteuerlich! Hier möchte man ihm wirklich nur zurufen was Dieter Nuhr anderenorts schon mal gesagt hat: „Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“.

Der Versuch von Knabe die DDR-Vergangenheit aufzuarbeiten ist ihm gründlichst misslungen. Das Einprügeln auf irgendwelche Personen, das Pflegen von hinlänglich bekannten Vorurteilen ist wohl nicht das, was man unter einer sachlichen Beschäftigung mit der Vergangenheit versteht. Hier wird alles in einen Topf geschmissen, hier ist jemand der sich wohl einfach mal so richtig auskotzen möchte.
Wenn man keine Ahnung von juristischen Dingen hat, dann sollte man tunlichst eine juristische Bewertung der DDR-Justiz unterlassen. Aber Knabe reißt die Dinge aus dem Zusammenhang, ordnet sie so ein wie sie ihm gerade am besten in den Kram passen und sieht nicht, dass man bei aller Kritik an irgendwelchen Urteilen die rechtsstattlichen Grundlagen der Bundesrepublik Deutschland nicht aus den Augen verlieren sollte. Das Bundesverfassungsgericht, der Bundesgerichtshof und das gesamte bundesdeutsche Recht sind nun einmal kein Wunschkonzert des Herrn Knabe.

Das was Knabe abliefert ist Meinung. Dabei hätte man vom wissenschaftlichen Direktor der Gedenkstätte Berlin-Hohenschönhausen ein wenig mehr Objektivität und eine seriöse Darstellung des Gewesenen erwartet. Wenn dann auch noch behauptet wird, bei Knabe handelt es sich um einen der profiliertesten Historikern der Bundesrepublik Deutschland in Bezug auf die Aufarbeitung der DDR/SED, dann kommen einem als Leser schon ernsthafte Zweifel an der Beurteilung dieses Autors.

Hubertus Knabe darf sich die zweifelhafte Ehre ans Revers heften, ein ernstes zeitgenössisches Thema voll an die Wand gefahren zu haben. Und einer seriösen Darstellung verstehe ich eigentlich etwas anderes; sicher aber keine persönliche Frustbewältigung. Und wer dem Bundesverfassungsgericht und dem Bundesgerichtshof in Bezug auf die gerichtliche Verfolgung von DDR-Unrecht quasi selbst „Unrechtsurteile“ vorwirft, der muss sich schon fragen lassen, ob er diesem Thema auch nur ansatzweise gewachsen ist.

Ein wichtiges Thema – ein schlimmes Buch. Knabe hat sich als Historiker disqualifiziert.

Jan

List Verlag, 2002, Taschenbuch 9,95 €, 383 Seiten, ISBN: 978-3548608181

“Schlafes Bruder” von Robert Schneider

bruder.jpgEin gewaltiges Werk, sprachlich, formal und von seiner Thematik her!

In einem vorarlbergischen Bergdorf wird 1803 Johannes Elias Alder geboren. Als der Junge fünf Jahre alt ist, mutiert er an einem kalten Dezembertag zum musikalischen Genie. Diese Verwandlung vollzieht sich in einem grauenhaften Akt, der sagenhaft beschrieben ist. Elias kann danach jedes kleinste Geräusch wahrnehmen, jeden Klang aus den unendlichen Weiten, selbst Schneeflocken erzeugen bei ihm gigantische Kompositionen. Er hat das universal Gehör, das Gehör Gottes, erlangt!
Doch diese Gnade wird ihm nicht umsonst geschenkt, der Protagonist hat nach dieser Verwandlung teuflische gelbe Pupillen und eine Stimme, die jeden erzittern lässt. Drum wird er eingesperrt, und von Öffentlichkeit fern gehalten.
Und so sehnt sich Elias nach der Liebe, die am Tag der Geburt von Elsbeth in sein Leben eindringt. Wieder ein Tag in seinem Leben, an dem das Göttliche über ihn einbricht, und er die Harmonie zweier Herzen bis ins tiefste Mark erfährt.

Was wird aus einem Genie, der keine Möglichkeit besitzt seine Talente zu schulen?
Was wird aus einem Menschen, dem die Liebe als einziges Mittel zum Leben gewahr wird, aber nicht geliebt wird? “Das ist die Geschichte des Musikers Johannes Elias Adler, der zweiundzwanzigjährig sein Leben zu Tode brachte, nachdem er beschlossen hatte, nicht mehr zu schlafen.”

Robert Schneider erzählt uns diese Geschichte so gewaltig und atemberaubend, dass man das Buch eigentlich nicht aus den Händen legen möchte. Doch man tut gut daran, wenn man sich kleine Atempausen gönnt, und dieses Feuerwerk an Sprache und Aussage in Etappen liest. Eins der besten Bücher, die ich bisher gelesen habe!

Heidi Hof

Reclam Verlag, 1992, Hardcover 18,90 €, 202 Seiten, ISBN: 978-3379007436
(auch als TB für 8,90 € erhältlich)

“Ein liebender Mann” von Martin Walser

walser.jpgEin paar Gedanken dazu aus verschiedenen Blickwinkeln, die nach und nach das Bild verzerren. ABER so kommt mein Eindruck am besten zum Ausdruck.

“Ein liebender Mann” hat in der Liebe die Rosa-Rote-Brille an, die Hormone spielen verrückt, der logische Verstand wird ausgeknipst, läuft somit nur noch auf Notbetrieb, die Außenwelt wird nicht mehr wahrgenommen, und die Konzentration liegt nur auf das Objekt der Begierde. Ich denke sogar, dass dieser Vorgang bei Männern, wenn sie denn lieben, viel stärker ausgeprägt ist, als bei uns Frauen, die doch noch mit mehr Verstand an dieses Projekt heran gehen.
Und dieser hormonübersprühende Zustand wird hier von Walser in einer ganz wunderbaren Weise beschrieben: Zu Beginn stockt einem der Atem, Schmetterlinge im Bauch, alle Gedanken auf das DU, die Vereinigung aus Zwei mach Eins, ein Geist, ein Gedanke, ein Körper. Doch dann das Leid, Ulrike oder deren Mutter wählt die bessere Partie, Liebesleid und Liebeswahn, aus Liebe wird Hass, Zerstörungswut und Aggression, Verzweiflung, und dann der Weltenschmerz …
Sehr romantisch und verschnörkelt erzählt uns Walser diese Begebenheit, tausendmal erlebt, uralt und immer wieder neu.
Aus fremder Sicht sind diese liebenden Menschen einfach nur peinlich, sie hören dir nicht mehr zu, bekommen ihre Umwelt nicht mehr mit, und reagieren höchst merkwürdig in vielerlei Beziehungen. Mit Liebenden ist es schwer umzugehen, die lässt man besser unter sich!
Wenn man dann den Altersunterschied mitberücksichtigt, den Blickwinkel auf den pubertierenden Greis legt, wird diese Situation absolut peinlich. In den Augen der Gesellschaft kann das nicht angehen. Ein Unterschied von mehr als 50 Jahren, das ist völlig absurd, und wird auch nicht akzeptiert. Zu Recht wie ich meine.

Der Protagonist erkennt trotz Verblendung seine Lage, denn es ist ja nicht irgendwer, nein es handelt sich um den hochintelligenten Goethe, der dieses Leid am eigenen Körper erlebt und durchlebt hat. Warum?
Walser hatte dieses Thema in seinem vergangenen Roman “Angstblüte” schon einmal aufgegriffen. Die weibliche Leserschar fand dieses Werk geschmacklos, durchweg liest man äußerst kritische Stimmen dazu. Es ist mehr oder minder ein Flop gewesen.
Benutzt er nun den großen Goethe um sein Werk zu rechtfertigen? `Seht an, ihm erging es ebenso.`
Dass Walser nicht davor zurückschreckt Polemik in seinen Büchern zu verarbeiten, sieht man an den “Tod eines Kritikers”. Generell verträgt diese Persönlichkeit keine Kritik, auch wenn sie ganz vorsichtig von einem sehr sympathischen Stefan Zweifel angebracht wird. Der Autor könnte dann explodieren!

Mit diesen Betrachtungen stehe ich nun sehr hilflos dem Werk gegenüber. Das Brillante erkannt, und dennoch nicht überzeugt.

Heidi Hof

Rowohlt, 2008, Hardcover 19,90 €, 285 Seiten, ISBN: 978-3498073633

“Deutschstunde” von Siegfried Lenz

deutschstunde.jpgEin perfekt durchdachtes Werk mit vielen interessanten Motiven! (Ich werde nur das Leitmotiv erwähnen.)

Siggi, der Erzähler, erzählt uns seine Geschichte aus zwei verschiedenen Perspektiven heraus. In der Rahmenhandlung sitzt er als Jugendlicher in einer Anstalt für schwererziehbare Jungs ein. Zu Beginn der Lektüre erfährt der Leser nicht, weshalb Siggi dort einsitzt, noch die Jahreszahl, und ob sich diese Handlung noch während des zweiten Weltkrieges oder danach abspielt. Und so baut sich von Anfang an einen Berg von Fragen auf, und steigert damit die Spannung.
Siggi muss zu dieser Zeit eine Strafarbeit schreiben. Das Thema lautet: “Freude an der Pflicht”, was zugleich auch der rote Faden ist, der sich durch den ganzen Roman zieht.
Den Aufsatz den er dann schreibt beginnt mit dem Jahr 1943, seine Kindheitserinnerungen, die die Binnengeschichte ausmacht.

Sein Vater ist Polizist von Rugbüll oben an der dänischen Grenze. Dieser fährt bei Wind und Wetter mit seinem Fahrrad die Gegend ab, fährt über die Deiche und erkämpft sich mühsam die Höhenunterschiede. Ab und an sitzt Siggi mit auf dem Fahrrad und begleitet seinem Vater. Bei dem Maler Max machen sie oft Halt und plaudern eine Weile, aber 1943 muss der Vater dem Maler eine andere Botschaft aus Berlin übermitteln: Max darf nicht mehr malen, er hat Malverbot!

Aus dieser Situation heraus entwickelt jetzt Lenz seine Absicht. Er erläutert anhand dieser drei Figuren das Wort “Pflicht” und dessen Bedeutung ohne dabei zu werten.
Der Vater spiegelt dabei die Rolle des Pflichtbewusstseins, der seine Erfüllung nur in der Pflichtausübung finden kann, pflichterfüllt ist, und diese Eifer grenzt an Verantwortungslosigkeit. “Freude an der Pflicht” wird hier zum Fatalismus, und lässt damit dem Faschismus Einzug, auch über seine eigene Persönlichkeit.

“Die Freude an der Pflicht” empfindet der Maler Max beim Malen, wenn man das überhaupt als Pflicht bezeichnen kann, denn es ist seine Lebensphilosophie. Über äußere Pflichten setzt sich diese Figur hinweg, und folgt seinem Inneren.

Als Kind ständig hin und her gerissen, zwischen dem langjährigen Freund Max, und dem strengen Pflichtbewusstsein seines Vaters; Siggi vernichtet die Bilder mit und rettet sie auch teilweise; entwickelt er nun seine “Freude an der Pflicht”.

Der erste Teil des Buches hat mir ausgezeichnet gut gefallen, der Mittlere hatte seine Längen, und der Schluss war etwas zu abrupt. Aber durch dieses Ende liefert der Roman sehr viel Diskussionsstoff. Insgesamt mochte ich das Werk gerne lesen, es hat mir viele nachdenkliche Stunden gebracht, und sprachlich bin ich auf meine Kosten gekommen.

Heidi Hof

Hoffmann und Campe, 1968, Hardcover 22,95 €, 398 Seiten, ISBN: 978-3455042115

“Die Kinder von Wien” von Robert Neumann

wien.jpg Dieser bewegende Roman von Robert Neumann führt uns in das Wien der Nachkriegszeit. Sechs Kinder leben in den Trümmerkeller im Nachkriegswirrwarr. Sie allein auf sich gestellt und müssen jeden Tag neu ums Überleben kämpfen. Selten hat wohl jemand dermaßen eindrucksvoll über das Schicksal von Kindern in der Nachkriegszeit geschrieben.

Dieser Roman wurde 1946 unter dem Titel „Children Of Vienna“ veröffentlicht. Anschließend wurde er in achtzehn Sprachen übersetzt, allerdings gab es keine Übersetzung in deutscher Sprache. Erst 1974, genau im September 1974, erschien eine deutsche Übersetzung; die Übertragung ins Deutsche nahm der Autor persönlich vor.

Interessant ist die von Robert Neumann gewählte Spielart der deutschen Sprache. Er hat so etwas wie eine „eigene deutsche“ Sprache geschaffen. Amerikanismen werden mit italienischen Sprachbrocken vermischt und dazwischen werden immer wieder jiddische Sprachelemente eingestreut. Gerade dieser besondere Sprachstil lässt den Leser an einem nichtalltäglichen Leseerlebnis teilhaben.

Am Ende kümmert sich dann der amerikanische Militärpfarrer Smith um die Kinder. Er versucht aus ihrem von Diebstahl und Prostitution bestimmten Tagesablauf herauszuholen.

Ein sehr eindringliches Buch. Ein Buch das auch als Mahnung an zukünftige Generationen verstanden werden sollte.

Jan

Eichborn Verlag, 2008, Hardcover 30 €, 234 Seiten, ISBN: 978-3821862002

|