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Archive für April 2008

“Die Wohlgesinnten” von Jonathan Littell

wohlgesinnten.jpg Man stelle sich folgendes – fiktives – Szenario einmal vor:

Der Schriftsteller Jonathan Littell sitzt mit einigen Leuten (Kollegen, Lesern, Journalisten etc.) zusammen und spricht von seinem Plan, von seiner Idee, einen erdachten SS-Offizier über seine Erlebnisse berichten zu lassen. Littells Zuhörer würden ihm vielleicht davon abraten und wenn sie ihm nicht abraten würden, so hätten sie sicher einen riesigen Sack voller Bedenken, die sie ihm vor die Füße kippen würden.

Doch Jonathan Littell hat sich nicht beeinflussen lassen und hat dieses Buch geschrieben und man kann ihm dankbar sein, dass er dieses Buch geschrieben hat. Ein Buch, dass sicher auf jeden Leser eine unterschiedliche Wirkung ausüben wird, ein Buch dass Stoff für endlose Diskussionen bietet.

Glaubt man den verschiedenen Kritikerstimmen in den Medien, dann scheinen „Die Wohlgesinnten“ von Jonathan Littell etwas ganz Besonderes zu sein. Ein Buch das polarisiert und bei dem man sich nicht von der Seitenzahl in Höhe von knapp 1400 Seiten abschrecken lassen soll, ein Buch das man lesen sollte. Unbedingt.

Das Buch handelt von dem SS-Offizier Dr. Aue, der über die Zeit von 1941 bis 1945 berichtet. Sein Bericht ist schonungslos zeichnet sich zudem auch durch Detailtreue aus. Offenbar hat der Autor hat sehr intensives Quellenstudium betrieben.

Gleich zu Beginn des Buches nimmt der fiktive Erzähler die Leser mit auf eine Reise durch das Reich seiner ganz persönlichen Lebensphilosophie. Man muss sich als Leser immer wieder vergegenwärtigen, dass es sich hier um eine Fiktion handelt, keinesfalls aber um einen autobiographischen Text.

Dr. Aue versucht, so wie viele andere SS-Männer auch, seine Verbrechen zu relativieren, nicht sie zu leugnen. Er beruft sich nicht auf den immer wieder zitierten Befehlsnotstand. Reue ist ihm fremd. Trotzdem wirken seine Rechtfertigungen so manches Mal fast etwas weinerlich. Zwischen den Zeilen beklagt er sich über die mangelnden Resonanz in Bezug auf seine „Arbeit“. Er versteht offensichtlich nicht, wieso seine Umgebung ihm mit Unverständnis begegnet. Interessant in diesem Zusammenhang ist aber auch, dass er nach dem Krieg nicht zur Verantwortung gezogen wurde, sondern dass er unbehelligt weiter als Teil der Gesellschaft lebt. Ein Phänomen, dass wir in der tatsächlich existierenden Nachkriegsgeschichte immer wieder neu erleben mussten. Gerade in diesem Punkte hat Justitia sehr schwere Schuld auf sich geladen.

Dr. Aue verkennt nicht die Leiden der Opfer, er spricht es durchaus auch an, im gleichen Atemzug aber bittet er auch um Verständnis für die Täter, denn die stünden ja schließlich auch unter einem erheblichen Druck bei ihrer sehr „harten“ Arbeit.

Als Leser vergisst man immer wieder, dass es sich bei diesem Buch um eine Fiktion handelt, wirkt es doch zu sehr wie ein authentischer autobiographischer Text. Jonathan Littell ist es wirklich gelungen aus der Sicht eines SS-Offiziers zu schreiben. Er schreibt aus der Sicht eines Menschen, für den das Töten von Menschen in erster Linie ein logistisches Problem ist und für den es völlig normal ist, dass das Töten von Menschen, das planmässige Töten von Menschen, einen bürokratisch kühlen Vorgang darstellt.

Der fiktive Erzähler Dr. Aue sieht kein Unrecht in seinem Tun. Er hinterfragt nichts und niemanden, er fühlt sich geehrt als in den Stab des Reichsführer SS Heinrich Himmler aufgenommen wird, er macht sich über Adolf Eichmann lustig, den er lediglich als tüchtigen, wenn auch einfältigen Bürokraten sieht. Aue dient, ist stolz auf seine Zugehörigkeit zur SS, ist in seinen Augen ein guter Nationalsozialist und ist bestrebt Karriere zu machen. Und für die Sache müssen schon mal sehr harte Maßnahmen angewendet werden.

Aue ist ein belesener Mensch, ein Liebhaber der Musik von Monteverdi und einer philosophischen Diskussion geht er niemals aus dem Weg, trotzdem hat er kaum vorstellbare Schuld auf sich geladen, eine Schuld für die es kaum eine angemessene Sühne gibt. Diese Diskrepanz zwischen dem Menschen Aue und dem SS-Offizier Aue macht Littell auf eine sehr eindringliche Art und Weise deutlich. Littell hat auch sehr klar gemacht, dass sehr viele Menschen, die im humanistischen Geist erzogen wurden, sich an der Mordmaschinerie beteiligt haben, ohne dabei so etwas wie ein Unrechtsbewusstsein zu haben.

Nur, können wir wirklich hundertprozentig von uns selbst sagen: „Ich hätte da nicht mitgemacht!“ Es waren ganz normale Bürger, die an der Tötung von Millionen Menschen ohne irgendwelche Gewissensbisse mitgewirkt haben. Die Erklärung dieses Phänomens ist bis heute nicht abschließend gelungen.

Ein lesenswertes Buch, ein Buch das wohl niemanden unberührt lässt der es gelesen hat.

Jan

Berlin Verlag, 2008, Übersetzung: Hainer Kober, Hardcover 36 €, 1392 Seiten, ISBN: 978-3827007384

“Meine Antonia” von Willa Cather

antonia.jpgEine amerikanische Bronte!

Ein wunderbarer Roman! Ein Roman in den man versinkt und eintaucht, und über Stunden die reale Welt vergisst! Das Warum zu beschreiben ist schwer.

In der zweiten Hälfte des vorletzten Jahrhunderts wanderten die Pioniere der alten Welt in die noch urbare und unendliche Weite der Prärie Nebraskas ein. Welchen Gründen sie auch immer folgten, sie waren Entwurzelte und auf der Suche nach Glück, Geld und neue Heimat.

“Meine Antonia” kommt aus Böhmen, und warum diese Familie nach Amerika übersetzt, bleibt doch ein kleines Rätsel, denn die Wurzeln bleiben immer in Böhmen. Der Vater von Antonia ist Musiker und muss in der neuen Heimat seinen Traum aufgeben, zum Farmer wurde er aber nie. Ihr Bruder übernimmt diese Verantwortung.
Antonia ist die älteste Tochter, die einerseits eine enge und innige Freundschaft mit dem Nachbarjungen innehat; mit Jim (der Erzähler) ist sie Kind und erkundet das Land. Aber sie trägt auch viele Lasten auf ihren Schultern, sie muss ihren Mann stehen und die Felder bewirtschaften. Als junge Frau kommt sie als Haushälterin in eine größere Stadt und unterstützt mit diesem Geld weiterhin ihre Familie.

Was mir besonders gut gefallen hat, war diese Subjektivität in der Erzählung. Cather stand eindeutig auf der Seite der älteren Töchter der neuen Einwanderer. Sie trugen ein schweres Los und mussten für ihre Familien alles geben, und das taten sie auch mit Elan und Ausdauer. Diese jungen Frauen schufteten von morgens bis abends damit das Land abbezahlt wurde, Häuser gebaut und Maschinen angeschafft werden konnten. Aber, da sie sehr emanzipiert und selbstsicher waren, untersagten sie sich nicht kleinen Annehmlichkeiten. Sie gingen gerne Tanzen und lachten für ihr Leben gerne, was ihnen einen schlechten Ruf einbrachte.
Dennoch schaffte es jede von ihnen, es zu etwas zu bringen. Jede fand ihren Weg!

Ich setze diesen Roman mit den großen Bronte Romanen gleich, wenn auch ein Jh. später. Auch den Stil und die Sprache der Autorin kann man mit den ganz Großen des 20. Jh. gleichsetzen. Das Werk ist ein wunderbares Zeitzeugnis und für mich eine Perle der Literatur!

Über die Autorin:
Willa Catcher (1873 - 1947) kam als Mädchen nach Nebraska, und wurde Journalistin, später Autorin. Sie erhielt 1923 den Pulitzer-Preis. “Meine Antonia” erschien 1918 und zu deutsch 1928.

Heidi Hof

Knaus Verlag, 2008, OT: My Ántonia, Übersetzung: Stefanie Kremer, Hardcover 19,95 €, Seiten 319, ISBN: 978-3-8135-0312-8

Literaturkritik - ein elitäres Vorrecht?

(Um diesen Artikel geht es!)

„Jeder spielt Reich-Ranicki“ hat David Hugendick bezeichnenderweise seinen Artikel in der Nummer 17 der ZEIT vom 17. April 2008 überschrieben. Interessant auch der Untertitel: „Laienliteraturkritiker haben im Internet wachsenden Zulauf. Ist das schlimm?“.

Man sieht Hugendicks leichtes Grinsen als er über Rezensionen auf Amazon schreibt, so ganz ernst nimmt er die dortigen Einträge zu den Büchern nicht, bezeichnet sie vielmehr in qualitativer Hinsicht als „schlicht“. Und er zitiert dann auch den amerikanischen Kritiker Andrew Kern der in dieser Art der Buchkritik sogar einen „Kulturverfall“ sieht. Am besten bewege Literaturkritik sich weiterhin in einem elitären Raum und sollte nur „Berufskritikern“ vorbehalten bleiben.
Hugendick bestreitet, das diese Laienkritik etwas mit einer „kritischen Öffentlichkeit“ zu tun hat. Er nennt die „Myriaden“ geschriebener Kurzrezensionen gar ein Paralleluniversum. So richtig ernst nehmen müssen man diese Kritik eigentlich nicht, man dürfe sie aber wohl gern belächeln.

Fundierte Literaturkritik im Internet sieht Hugendick beispielsweise bei www.titel-forum.de,

Was Hugendick aber nicht sieht ist, dass gerade die Internetbuchkritiken, sei es bei Amazon, BOL oder auch bei Buch24 und in den Bücherforen als Multiplikatoren unverzichtbar sind. Sie sind sogar Teil des Geschäftsmodells vieler Verlage. Würde man die Damen und Herren Literaturkritiker allein lassen, sie wären sich unter Garantie Gesellschaft genug, nur würde man dann sicher weitaus weniger Bücher verkaufen; und Bücher sind nun einmal auch eine Ware, ob es den Literaturkritikern nun passt oder nicht. Und eine Ware muss unter die Menschen gebracht werden, muss verkauft werden.
Knallhart spricht Hugendick den Laienkritikern die Fähigkeit zur vernünftigen Textarbeit ab. Sicher mag er da bei einer Vielzahl der „Bauchkritiken“ nicht Unrecht haben, dieses Urteil aber in seiner Pauschalität ist schlicht und einfach nur falsch und arrogant. Er spricht hier von lakonischen Einzeilern und eben auch von „Bauchkritik“; er schiebt die professionellen Literaturkritik auf einen Sockel, wo sie dann allerdings nur sehr wenige Adressaten erreichen.
Sollten aber nur professionelle Literaturkritiker Bücher bewerten dürfen, so dürfen wohl auch nur Wirtschaftswissenschaftler sich über Wirtschaftsprobleme öffentlich äußern.

Die Literatur hat dieses elitäre Gehabe ihrer professionellen Kritiker nicht verdient. Literatur ist alles, aber sich keine elitäre Sache.

Wo Hugenddick aber uneingeschränkt Recht hat, ist, dass es bei der Frage „…und wie ist denn das Buch…“ immer unendlich viele Antworten geben wird.

Gerade die vielen Bücherforen, gerade die unterschiedlichen Meinungen zu den Büchern, gerade auch ihre qualitativen Unterschiede sind es doch, die die Menschen weitaus mehr erreichen, als es alle Literaturseiten in den großen deutschen Zeitungen vermögen.

Wenigstens kommt Hugendick am Ende zu der Einsicht, dass das Internet Literaturkritik nicht entwertet, vielmehr würde sie sich im Netz erneuern.

Vielleicht aber habe ich diesen Artikel auch völlig missverstanden und ihn total falsch interpretiert. Man sehe mir das nach; ich bin halt kein Professioneller.

Jan

“Glück” von Wilhelm Schmid

gluck.jpgEine kurze Abhandlung von Glück und Sinn was mir zum größten Teil nichts Neues erzählt hat, aber kleinere Dinge wieder wachgerüttelt hat.

Schmid unterscheidet zunächst verschiedene Glücksarten. Das Zufallsglück, welches einem jederzeit widerfahren kann. Allerdings muss man dazu offen sein. Die meisten Menschen haben aber eine Mauer um sich aufgestellt, möchten sich gerne vor fremden Einflüssen schützen; diese Mauer lässt auch das Unglück abprallen. Nun ja, das Glück findet so keinen Zugang, man muss sich dazu öffnen und bereit sein, wobei dann das Unglück auch Zutritt hat.
Das Wohlfühlglück wird in unsere Gesellschaft groß ausgenutzt! Diese herrlichen Momente möchte Jeder, und am liebsten auch immer. Aber man kann nicht als Rosa-Roter-Hampelmann durch die Gegend laufen ;-)
Die leckere Schokolade, einem köstlich duftenden Kaffee, das sind Augenblicke des Glücks, aber wer genießt sie wirklich? Und 34 Kaffees an einem Tag bringt uns dieses Ziel auch nicht näher. Hier spiegelt sich wirklich die Zeit, ein rastloses Hetzen nach … ??? Die Meisten wissen es gar nicht!

Es werden noch weitere Glücke vorgestellt, und dann verlässt Schmid das Glück und wendet sich zum Sinn.

Mir hat diese kleine Lektüre viel Spaß gemacht, weil ich an kleine Dinge erinnert wurde. Meistens habe nämlich auch ich nur die großen Dinge vor Augen. Ein gutes Büchlein!

Heidi Hof

Insel Verlag, 2007, Hardcover 7 €, 80 Seiten, ISBN: 978-3-458-17373-1

“Mein Herz so weiß” von Javier Marias

herz.jpgEin Zeitfresser mit vermeidbaren Längen!

Marias baut in diesem Werk einen überspannten Spannungsbogen auf: >> Ich wollte es nicht wissen, aber ich habe erfahren, daß eines der Mädchen, als es kein Mädchen mehr war, kurz nach der Rückkehr von der Hochzeitsreise das Badezimmer betrat, sich vor den Spiegel stellte, die Bluse aufknöpfte, den Büstenhalter auszog und mit der Mündung der Pistole ihres eigenen Vaters, der sich mit einem Teil der Familie und drei Gästen im Eßzimmer befand, ihr Herz suchte. << Der Leser ist nach diesem ersten Satz elektrisiert, und erwartet viel. Aber es kommt nichts …

Denn danach verflüchtigt sich der Autor ins Dolmetscher Geschäft, ins Kunstmilieu, man findet interessante Gedanken über Freundschaften, übers Schweigen und Geheimnisse wahren, über Skrupellosigkeit; aber einen roten Faden findet man nicht.
Und so fordert der Roman eine hohe Konzentration vom Leser ab, erfüllt aber andererseits dessen Lust nicht.

Das Leitmotiv: >>  „Meine Hände sind blutig, wie die deinen; doch ich schäme mich, dass mein Herz so weiß ist.“ << kommt dabei auf der ganzen Strecke zu kurz.

Der Schluss des Werks liefert zwar einen in sich kompletten und geschlossenen Ausgang, das Gerüst ist gut konstruiert, hinterlässt aber keine befriedigende Sättigung, die der Autor zuvor verspricht.

Für mich ist dieser Roman dadurch ein Zeitfresser, der vermieden hätte werden können. Wenn ich das Buch nicht gelesen hätte, würde ich nichts vermissen.

Heidi Hof

Spiegel Verlag, 2007, OT: Corazón tan blanko, Übersetzung: Elke Wehr, Hardcover 9,90 €, Seiten 378, ISBN: 3-87763-001-4

“Verkaufte Seelen” von Roger Morris

seelen.jpg St. Petersburg. Dezember 1866.
Tief im Schnee sucht die ehemalige Prostituierte Soja Petrowa im Petrowski-Park Brennholz für ihren Ofen.
Direkt vor ihr, am Ast einer Birke, hängt die steifgefrorene Leiche eines Hünen von Mann; neben ihm ein Koffer, darin die Leiche eines Zwerges… doch Soja Petrowa findet noch anderes …

Erst durch einen anonymen Brief wird Porfiri Petrowitsch, Untersuchungsrichter und Ermittler der Stadt, auf die Toten aufmerksam. Erste Untersuchungen bringen scheinbar ein klares Ergebnis: Mord mit anschließendem Selbstmord.
Doch irgendetwas stimmt nicht an diesem Bild; Porfiri beginnt zu ermitteln, will wissen, wer diese beiden Personen waren, in welcher Beziehung sie zueinander standen.

Ein Pfandleihschein aus der Tasche einer der beiden Toten führt ihn zu dem verarmten, laudanumsüchtigen Studenten Pawel Wirginski, der die Identität der Leichen zuordnen kann.
Mehr und mehr Personen erscheinen, die in irgendeiner Beziehung zu den beiden standen. Welche Verbindung hat ein Verleger philosophischer Werke zu dem ermordeten Zwerg ? In welcher Beziehung steht Wirginski zu der Prosituierten Lilja Semjonowa? Inwieweit hat die Anzeige eines Höflings am Zarenhof bei den Mordermittlungen Relevanz?

Porfiri Petrowitsch ermittelt in Bordellen und Spelunken ebenso, wie er in einflussreichen Häusern nach Indizien und Motiven forscht. Dabei stößt er auf einen Abgrund von Gewalt, Perversität und Habgier. Kette rauchend, mit glasklaren Analysen löst er nach und nach die Verstrickungen und überführt in einem finalen Showdown einen Täter, der sich allzeit absolut sicher fühlte.

Porfiri Petrowitsch mag Liebhabern russischer Klassiker bekannt sein. Ist er doch DER Porfiri Petrowitsch der bereits in Dostojewskis „Schuld und Sühne“ ermittelte. Auch Pawel Wirginski ähnelt zunächst dem dortigen, ebenfalls verarmten Studenten Raskolnikow. Hat Porfiri aus genau diesem Grund während der gesamten Ermittlungen ein ganz besonderes Verhältnis zu Wirginski?
Doch man muss Dostojewski nicht gelesen haben um an diesem Kriminalroman ein ganz besonderes Vergnügen zu finden.
Wunderbare Beschreibungen des zaristischen Russlands Mitte des 19. Jahrhunderts und eindrucksvolle Bilder aus den Häusern der Reichen stehen im krassen Gegensatz zu Bildern größten Elends in den Armutsquartieren.
Und neben einer wirklich absolut spannenden Handlung, die den Leser oftmals in die Irre führt, schwebt die Frage: „Kann man eine Seele verkaufen, wenn man gar nicht an eine solche glaubt?“

Ein absolut gelungenes Debüt des 1960 geborenen Briten Roger Morris!
Ich freue mich schon jetzt auf eine erneute Begegnung mit Porfiri Petrowitsch, an der der ehemalige Literaturdozent in Cambridge gerade schreibt.
Bis dahin werde ich vielleicht doch noch Dostojewskis Werk lesen?

Sigrid

Droemer Verlag, 2008, Übersetzung: Bernhard Robben, Hardcover 19,95 €, Seiten 409, ISBN: 978-3426197585

“Schande” von J. M. Coetzee

schande.jpgEin tiefbewegender Roman, der mir die Situation in Südafrika gut näher gebracht hat!

Das ist doch paradox! Und das geschieht in ein und demselben Land!
Ein Prof an einer Uni in Kapstadt, 52 und geschieden, macht sich an eine sehr attraktive Studentin heran. Diese ist nicht besonders interessiert, dennoch geht sie diese Liaison ein, weil sie sich bessere Noten verspricht. Als diese Affäre heraus kommt, muss Lurie seinen Dienst quittieren, ansonsten wäre er unehrenhaft liquidiert worden.

Andererseits wird die Tochter des Profs von Schwarzen vergewaltigt und geschwängert, ob sie sich mit HIV infiziert hat, bleibt ungelöst. Diese Vergewaltigung wird mehr oder weniger unterm Tisch gekehrt.

In “Schande” müssen beide Protagonisten leben, und diese beiden sehr bewegenden Ereignisse schildert Coetzee in einer sehr klaren und schnörkellosen Sprache; stellt sie gegenüber und lässt den Leser darüber nachdenken. Darüber hinaus beschreibt er noch sehr viele Dinge und Verhältnisse, welche in Südafrika aktuell und alltäglich sind.

Das offenen Ende macht diesen packenden Roman zu einem wirklichen “Nachdenker”, denn die Problematik hat sich ja erst in der letzten Zeit dermaßen zugespitzt, wie das enden wird, kann keiner voraussagen?!

Eine leicht zu lesende Lektüre, die aber gewiss lange nachklingt.

Über den Autor:
J. M. Coetzee wurde 1949 in Kapstadt geboren, und ist Professor für Literatur. Er schrieb zahlreiche Romane, wurde zweimal mit dem Booker Prize ausgezeichnet, und erhielt 2003 den Nobelpreis für Literatur. Der Autor lebt heute in Australien.

Heidi Hof

Fischer TB Verlag, 2008, OT: Disgrace, Übersetzung: Reinhild Böhnke, Hardcover 10 €, Seiten 442, ISBN: 978-3-596-50951-5

“Radetzkymarsch” von Joseph Roth

radetzkymarsch.jpgEin historischer Roman, und eher eine Männerlektüre!

Der “Radetzkymarsch” erschien 1932 und erzählt eine Familiengeschichte anhand drei Generationen. Der Marsch zieht sich wie ein roter Faden durch die Geschichte.

Der Großvater Trotta war ein slowenischer Bauer und Unteroffizier, der in der Schlacht von Solferino dem Kaiser von Ungarn und Österreich, Franz Joseph, das Leben gerettet hat. Er erhielt dafür den Maria-Theresien-Orden, kam in die Geschichtsbücher, und wurde geadelt.
Der Vater, so hatte es Großvater in weiser Vorhersehung bestimmt, sollte die Beamtenlaufbahn einschlagen, da er am eigenen Leib erkannte, dass sich das neue Adelsgeschlecht nicht zum Kriegsdienst eignete; so wurde aus ihm der Bezirkshauptmann in W..
Der Sohn wiederum kam zum Militär, wurde seit dem siebten Lebensjahr zum Soldaten gedrillt, obwohl das nicht seinem Inneren entsprach. Sekündlich wartet der Leutnant auf den oberen Befehl, denn in Friedenszeiten ist ein Soldat nutzlos. Der Alkohol und das Spiel ersetzen diese Leere. Und wenn dann der Befehl endlich ausgerufen wird, ist es paradoxerweise der Untergang der Monarchie!

Ist der Großvater noch der Held der Erzählung, erweist sich die Zeit und die nachfolgenden Generationen als ungeeignet, die dritte Generation scheitert gänzlich.

Es ist ein eiskalter Roman! Nicht dass Roth keine feinfühligen Beschreibungen zu Papier bringen kann, nein, es sind wunderbare Landschaftsbeschreibungen u. a. vorhanden. Der Roman ist gefühlskalt, und spiegelt dadurch die damalige Zeit 1:1 wieder.
Vorherrschend stammt diese Kälte durch die nicht vorhandene Eigenverantwortung, sondern dass die Menschen sich in ihr vorgegebenes Schicksal einfügen, sich führen lassen, darunter leiden, aber nicht den Mut haben daraus auszubrechen.
Früher oder später musste aus dieser Situation die Revolution hervorkommen, denn nichts ist verlockender als die Freiheit!

Insgesamt ist mir das ganze Buch zu männlich und militärisch, diese Thematik sprach mich überhaupt nicht an, dadurch konnte es mich nicht fesseln und begeistern.
Nicht dass ich dadurch sagen möchte, es wäre ein schlechter Roman, nein den Untergang der Monarchie wurde gewiss nie besser beschrieben und deutlicher erzählt, aber in dieser Männerwelt hatten Frauen und auch das Feingefühl noch keinen Platz, was ja ein großes Motiv dieser Erzählung ist.
Vielleicht ist dieses Werk tatsächlich eine Männerlektüre, denn bisher habe ausschließlich männliche Stimmen vernommen, die es anpriesen. Was aber nicht heißen soll, dass wir Frauen es nicht lesen sollten, aber wir werden weniger Vergnügen an dieser Lektüre finden.

Heidi Hof

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 2005, Hardcover 13 €, 416 Seiten, ISBN: 3-462-03462-6

“Zu Gast bei Dr. Buzzard” von Hans W. Kettenbach

kettenbach.jpg Der Architekt Hans Schumann fährt mit seiner Frau Charlotte zu einer Konferenz nach Savannah in den USA. Begleitet werden die beiden noch von seinem Frau Roland und dessen Frau Lilly. Am Tag als Hans Schumann einen Vortrag halten soll, wird er nur von Lilly, der Frau seines Freundes, begleitet. Charlotte und Roland sind mitsamt ihres Gepäckes verschwunden. Lilly und Hans stellen abenteuerliche Vermutungen, der Voodoo-Kult tut ein übriges dazu ihre Verwirrung zu steigern.

Hans Werner Kettenbach hat ein faszinierendes Buch geschrieben, ein Buch das die Frage stellt: Müssen Konventionen um jeden Preis eingehalten werden? Muss man immer das machen was von einem erwartet wird? Kettenbach hat es wunderbar verstanden auch sentimentale Sequenzen nicht peinlich wirken zu lassen. In der Person Hans Schumann werden sich die wiederfinden, die aus welchen Gründen auch immer nicht bereit sind einfach auch mal über ihren Schatten zu springen. Man könnte sie vielleicht auch als Gedankenaktivisten bezeichnen, Menschen bei denen sich Verhalten außerhalb der Konvention nur im Kopf abspielt, die ein aktives Kopfkino besitzen, deren Handlungen aber eigentlich stets berechenbar und vorhersehbar sind.

Kettenbach schreibt in einem sehr angenehmen Stil, er redet nicht um die Dinge herum, er nennt das beim Namen, was beim Namen genannt werden muss.

Vielleicht trügt mich mein Gefühl, aber Kettenbach hätte in der literarischen Szene ein wenig mehr Aufmerksamkeit verdient. Ein Schriftsteller der offenbar mit leichter Hand schreibt, dessen Bücher aber trotzdem eine ganz individuelle Tiefe besitzen.

Sehr lesenswert.

Jan

Diogenes Verlag, 2006, Hardcover 19,90 € (auch broschiert erhältlich 9,90 €), 357 Seiten, ISBN: 978-3257065084

“Irrwetter” von Monika Bittl

irrwetter.jpgIm Grunde genommen ist dies auch ein Buch über das vergangene Jahrhundert.

Mehrere Schwerpunkte werden in diesem Buch verarbeitet. Als nächstes wäre da der Aberglaube zu erwähnen, der noch aus den alten germanischen Urvölkern existiert, und sich bis heute in unserer Welt etabliert hat. Wer erschrickt nicht, wenn ein Spiegel zerbricht?!
Hier wird die Protagonistin “Anntraud” bei Gewitter mit grünem Himmel und anschließender eiergroßen Hagelkörnernschauer geboren, ein schlechtes Omen! Die Silberdisteln werden im bayrischen Dorf verteilt. Zweimal sechs Jahre soll das Unglück bestehen, und die Nächsten, also die Dorfbewohner, schwere Schicksale erleiden.
Daneben steht dann der streng praktizierte Katholizismus. Sein ganzes Leben in Demut auf Gott vertrauen, aber wenn dann ein Schicksalsschlag ereilt, wie weit reicht dann der Glaube? Darf man so egoistisch sein, und sein eigenes Glück erwünschen? Was ist an der Formel: Nur wer selber zufrieden ist, kann anderen eine Stütze sein?

Anntraud erlebt als Kind den zweiten Weltkrieg. Wunderbar stellt die Autorin aus kindlicher Sicht in unterschiedlichsten Einstellungen und Ansichten der Bergdorfbewohner dar. Der Priester sagt, “du sollst nicht lügen“, der Bürgermeister, ein Nazi “lügt wie gedruckt“. Die Patin hält nichts von Gott und vom Bürgermeister, bei ihr darf man kein “Heil-Hitler” anbringen, in der Schule ist dies Pflicht, Zuhause sagt man auch eher “Grüß Gott” …
Sie ist das “Gewitterkind” und versucht sich überall durchzumogeln, weil sie nicht noch zusätzlich auffallen möchte. So lernt sie eigentlich nur hinzunehmen, doch das wird ihr später zum Verhängnis!

Mir hat dieses Buch ausgesprochen gut gefallen, nur mit dem Schluss hadere ich, ein bisschen zu schmalzig, das musste nicht sein! Es liest sich flott, regt zum Nachdenken an und deshalb kann ich es weiterempfehlen.

Über die Autorin:
Monika Bittl wurde 1963 in einem kleinen Dorf im Altmühltal geboren. Sie hat Germanistik und Psychologie studiert, und lange als Journalistin gearbeitet. Seit 1992 ist sie freie Autorin und schreibt Drehbücher u.a. “Sau sticht”. Die Autorin ist verheiratet und lebt mit Mann und Sohn in München. “Irrwetter” ist ihr erster Roman.

Heidi Hof

Droemer Verlag, 2006, Hardcover 18 € (gibt es auch als TB für 8,95 €), 346 Seiten, ISBN: 978-3-426-19738-7

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