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Archive für März 2008
“Stefan George/Die Entdeckung des Charisma” von Thomas Karlauf
28.3.2008 von Krümel.
Eine mittelschwere Biographie über eine faszinierende Erscheinung!
Auf diese Biographie bin ich durch “Literatur im Foyer” gekommen. Dieses Coverbild, das muss ich ganz klar zugeben, hat mich magisch angezogen. Als ich dann im Internet recherchierte, fand ich noch viele weitere Bilder dieser Art, die mich allesamt irgendwie fasziniert haben.
Wenn man dann diese Biographie liest, wird einem ganz schnell klar, das war Sinn und Zweck der Selbstinszenierung Georges. Sein ganzes Leben hat er sein Äußeres dazu benutzt zu dieser schillernden Erscheinung zu werden, nur ausgewählter Bilder durften an die Öffentlichkeit. Er war ein Gesamtkunstwerk! Dies grenzte zwar an Größenwahn, der sich aber in irgendeiner Weise tatsächlich bewährt hat. Stefan George hatte eine riesige Jüngerschar um sich versammelt.
Thomas Karlauf schreibt, dass Stefan George einer der einflussreichsten Dichter des 20. Jh. war, ich kann zwar nicht behaupten, dass mir seine Gedichte besonders gut gefallen hätten. Aber hier und da ist mir eins aufgefallen; und die Zeile: Der reinen wolken unverhofftes blau, wird mich wohl ein Leben lang begleiten, weil es wirklich wunderschön poetisch ist, und mir zum Ohrwurm geworden ist.
Seinen Einfluss hat er ganz klar seinem Äußerem und wie er es verkaufte und publizierte zu verdanken. Wenn man bedenkt wie alleine ich auf diese Bilder reagiert habe, kann man erahnen unter welchem Bann seine Anhänger standen.
Zudem war er ein Vorreiter der Homosexuellenbewegung, denn sie bewegten sich alle am Rande der Legalität, Oskar Wilde wurde zu einem Jahr Sittenhaft verurteilt, und dieses Empfinden schweißte zusätzlich aneinander.
Der Autor geht viel auf das Gesamtwerk von George ein, so dass der Laie eine gute Einführung in die lyrische Welt des letzten Jh. erhält. Natürlich ist das nicht immer leicht zu verstehen, man muss einiges nachschlagen.
Dennoch hat mir diese Lektüre, gemeinsam mit den „Gedichten“ (Klett-Cotta), richtig viel Freude gebracht. Ich hatte das Gefühl mich „wissenschaftlich“ mit diesem Thema auseinander zu setzen. Auch wenn mir das Charisma Georges nach dem ersten Teil gar nicht mehr gefiel, und ich das Gefühl hatte, einem Blendwerk aufgesessen zu sein.
Heidi Hof
Blessing Verlag, 2007, Hardcover 29,95 €, 816 Seiten, ISBN: 978-3-89667-151-6
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Klett-Cotta Verlag, 2003, Hardcover 23 €, 983 Seiten, ISBN: 3-608-93632-7
Geschrieben in Biographie, Gedicht, Krümel | 2 Kommentare »
“Eine Frage der Zeit” von Alex Capus
25.3.2008 von Krümel.
Ein gut recherchierter historischer Abenteuerroman vor dem Hintergrund des I. Weltkriegs.
Ein hochgelobter Roman, der auch im Krümel viel Applaus erhielt, und so auf meinem SuB (Stapel ungelesener Bücher) gelandet war.
Doch ich muss sagen, dass mich die ersten 100 Seiten enttäuschten. Das lag zunächst einmal am Thema, denn der Schiffsbau interessiert mich überhaupt nicht, dann an der Figur Rüter, die ich zu steril fand, und an einigen plumpen Pseudoweisheiten.
Die Sprache des Autors war angenehm, rund und las sich sehr gut.
Erst als die Figur Spicer richtig in den Mittelpunkt der Handlung gezogen wurde, konnte mich der Roman erreichen. Denn mit dieser Persönlichkeit kam auch der Humor hinzu.
Capus hat mit diesen zwei Protagonisten richtig skurrile Erscheinungen geschaffen, die sich einander gut ergänzen, aber unterschiedlicher nicht sein könnten.
Der Roman handelt von den europäischen Kolonien am Tanganikasee in Ostafrika vor und während des I. Weltkriegs. Jene Kolonie, die dort das größte Dampfschiff besitzt, wird den See beherrschen können. Und so startet von Papenburg eine Expedition, die die “Götzen” in Einzelteile nach Afrika schafft, und wenige Monate später versucht ein britischer Offizier zwei Schiffe über den Landweg zum Tanganikasee zu transportieren. So beginnt ein Wettlauf mit der Zeit.
Fernab vom Weltgeschehen spielen diese Männer dann mitten in Afrika Krieg! Dadurch erscheinen ihre Handlungen widerwitzig, paradox und sinnlos, allerdings im vollen Ernst und Arbeitseifer. Dies ist eine Herangehensweise des Autors, die scheinbar wertfrei, aber bis ins Letzte die Lächerlichkeit des Krieges aufdeckt. Und diese Ironie hat mir sehr zugesagt.
Insgesamt ein gutes Buch, welches ich weiterempfehlen kann.
Heidi Hof
Knaus Verlag, 2007, Hardcover 19,95 €, 302 Seiten, ISBN: 978-3-8135-0272-5
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel, Roman | 3 Kommentare »
“Laubsturm” von Gabriel García Márquez
18.3.2008 von Krümel.
“Laubsturm” ist der erste Roman des kolumbianischen Nobelpreisträgers García Márquez, den er im Alter von nur 19 Jahren geschrieben und etliche Jahre später veröffentlicht hat.
Ein Frühwerk also, das aber in vielem schon auf seine reiferen hindeutet: Handlungsort ist das aus “Hundert Jahre Einsamkeit” bekannte Macondo, wie so oft geht es um das Zusammenleben in dieser dörflichen Abgeschiedenheit, um einen Außenseiter.
Er hat sich erhängt, der Doktor, der jahrelang in seinem Eckhaus hauste, abgeschottet von der Welt. Der alte Oberst mit seinen vier Guarijo-Landarbeitern will sich um die Beerdigung kümmern - die ihm die Dorfbewohner verweigern würden, aus Rache, da der Doktor ihnen in ihrer Not einst nicht half. Zur Unterstützung hat er seine Tochter Isabel und ihren Sohn dabei - abwechselnd wird die Geschichte aus diesen drei Perspektiven der drei Generationen erzählt.
Nach und nach setzt sich so ein Gesamtbild zusammen aus der Geschichte des gras-essenden Doktors in Macondo, aber auch dem Leben der Familie des Oberst, der Atmosphäre Macondos.
Beeindruckend wie Garcia Marquez schon in jungen Jahren sein Handwerk beherrscht - uns in die stickige karibische Welt entführt, in das Städtchen Macondo mit seinem Aufschwung durch die Bananengesellschaft - und seinem Abstieg als sie wieder ging - titelgebendem Laubsturm.
Mit den drei Generationen sind drei Stufen des Verständnisses für den Doktor und sein Leben verbunden - bis hin zum etwa Zehnjährigen, der zum reinen Beobachter des Geschehens wird und sich zu seinen Freunden sehnt.
Das Zusammensetzen der Handlung verlangt dem Leser etwas Konzentration ab, erhöht allerdings die Spannung und den Lesespaß.
Ein kleiner Roman, der schon auf die folgenden großen hindeutet - für Leser, die die Welt Macondos genauer erkunden wollen, ein Muss.
Kerstin
Fischer Verlag, 2004, OT: La hojarasca, Übersetzung: Curt Meyer-Clason, broschiert 8,90 €, 190 Seiten, ISBN: 3596162610
Geschrieben in Kerstin, Roman | Keine Kommentare »
“Das Lügenhaus” von Anne B. Ragde
14.3.2008 von Krümel.
Eine nette Lektüre für zwischendurch!
Der Roman besitzt den klassischen Novellen Aufbau: Beginn und Ende ergeben den Rahmen, den Schlüssel zum Verständnis; ferner wird er in drei Teile eingeteilt, wobei der erste Teil die handelnden Figuren der Reihe nach vorgestellt.
Drei Brüder: Ein Bestattungsunternehmer, ein Dekorateur und einen Schweinezüchter, sowie dessen Tochter, eine Hundetherapeutin; sie alle sind sich fast völlig fremd und treffen aufeinander, weil die Mutter bzw. Großmutter im Sterben liegt. Jeder von ihnen ist eine außergewöhnliche Persönlichkeit, Erlend der scheinbare oberflächliche Schwule, der die Welt in Äußerlichkeiten misst; seine Nichte, die sich nach Familie sehnt und sich aus diesem Grund mit Hunderudeln auseinander setzt.
Eine Familiensippschaft der besonderen Art.
Mir hat dieses Buch vergnügliche Stunden geschenkt. Es liest sich sehr leicht und angenehm, sowie auch in einem Rutsch durch. Der äußere Rahmen gibt dem Ganzen auch einen gewissen Sinn, weshalb ich das Buch gerne weiterempfehlen kann.
Zur Autorin:
Anne B. Ragde wurde 1957 im westnorwegischen Hardanger geboren. Sie debütierte 1986 mit einem Kinderbuch, danach folgten mehrere Bücher: “Der Arsenturm” wurde davon auch ins Deutsche übersetzt. Die Autorin lebt jetzt in Trondheim.
Heidi Hof
btb Verlag, 2007, OT: Berlinerpoplene, Übersetzung: Grabriele Haefs, Hardcover 17,95 €, Seiten 319, ISBN: 978-3-442-75193-8
Geschrieben in Krümel, Roman | Keine Kommentare »
“Der Eisvogel” von Uwe Tellkamp
11.3.2008 von Krümel.
Endlich deutsche Gegenwartsliteratur vom Feinsten!
Ein Denker, ein Philosoph, der gerne Briefe schreibt und die alten Klassiker liest; der keine Handys mag, Banker und Gewerkschafter; der die Politik skeptisch betrachtet, und durch seine Erscheinung provoziert. Hat die Gesellschaft für diesen Empfinder Raum und Platz. Besitzt er seine Lücke?
Wiggo ist ein Hochbegabter mit messerscharfem Verstand, ein großes Talent. Er erhält von seinem Vater, einen stinkreichen Bankier, die teuerste und beste private Ausbildung, und schnell wird sein Können entdeckt und gefördert. Doch Wiggo wählt kein BWL-Studium, kein Wirtschaftsseminar, auch kein Jura, er wählt die Philosophie und begibt sich damit ins Abseits!
Dann lernt er Mauritz kennen, seine Komplementärfigur, den Macher mit faschistischen Gedanken, der nicht nur denkt, sondern dieses Denken in die Tat umsetzen will. Und zusammen gehen sie jetzt auf die Menschheit los.
Wie das enden muss, erfährt der Leser direkt auf den ersten Seiten: Wiggo erschießt Mauritz!
So aufgewühlt und wütend, so fertig und mit der Sinnlosigkeit konfrontiert, ja das muss ich zugeben, das war ich noch nie bei einem Buch! Das Werk hat angedockt, angedockt an jeder kleinsten Nervenzelle. Die Haare standen mir zu Berge. Das Buch ist Gesellschaftskritik pur, Tellkamp versäumt keine einzige Misslage anzusprechen. Stellt abstrakte Lösungsvorschläge auf und darin enthaltene Gefahren.
Kein Buch zum weglesen und schmökern, aber für mich die Entdeckung in 2008! Ein Highlight!
Heidi Hof
Rowohlt Verlag, 2005, Hardcover 19,90 €, 318 Seiten, ISBN: 3-87134-522-9 (auch als TB 8,90 € erhältlich)
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel, Roman | 2 Kommentare »
“Die Leiden eines Amerikaners” von Siri Hustvedt
9.3.2008 von Krümel.
Auch in ihrem neuen Roman entführt uns Siri Hustvedt – wie schon in ihrem Bestseller „Was ich liebte“ - in die Künstlerszene von New York. Waren es einst die Maler, so finden wir uns in „Die Leiden eines Amerikaners“ in der Welt der Schriftsteller – direkt und indirekt - wieder.
Der Icherzähler Erik ist Psychiater und geschieden. Er ist eine sehr sensible Person und daher gehen ihm die Probleme seiner Patienten oft näher als ihm lieb ist. Auch der Tod seines kürzlich verstorbenen Vaters nagt an ihm. Gemeinsam mit seiner Schwester Inga, die den Verlust ihres Gatten, des Schriftstellers Max, verarbeiten muss, macht er sich daran, den Nachlass des Vaters zu durchstöbern. Dabei stoßen sie auf ein Konvolut von Briefen, die tieferen Einblick in das bewegte Leben des Vaters – eines Nachkommen norwegischer Einwanderer – geben. Die Reise in die Vergangenheit des Vaters ist zugleich eine Reise in die Geschichte der USA .
Gekonnt verknüpft Hustvedt die Vergangenheit mit der Gegenwart, spielt mit Zeitebenen und Schicksalen. Im Mittelpunkt stehen Menschen und ihre Beziehungen zueinander. So wird Eriks neu zugezogene Nachbarin, die alleinerziehende Miranda mit ihrer Tochter Eglatine, von ihrem Ex-Mann wie von einem Stalker beobachtet, Eriks Nichte Sonia trägt seit dem 11. September Ängste und traumatische Gefühle mit sich und ist unfähig, darüber zu sprechen. Die Personen in Hustvedts Roman haben allesamt Verluste erlitten und versuchen, durch das Aufspüren der eigenen Wurzeln diese Verluste zu verarbeiten und eine eigene Identität zu finden.
Nüchtern, sachlich und ehrlich beschreibt Hustvedt ihre Personen. Die Charaktere sind keine Helden, auf Effekte und Überraschungsmomente wird verzichtet. Liebhaber von komplexen, ruhigen Familiengeschichten werden an diesem Buch Freude haben.
Christine
Rowohlt Verlag, 2008, OT: The Sorrows of an American, Übersetzung: Ulli Aumüller und Gertraude Krueger, Hardcover 19,90 €, 416 Seiten, ISBN: 978-3498029852
Geschrieben in Christine, Roman | 1 Kommentar »
Gigi ist verstorben
6.3.2008 von Krümel.
Der Autor Luigi Brogna, der zwei sehr unterhaltsame Romane
und
geschrieben hat, ist >> am vergangenen Freitag unerwartet im Alter von 46 Jahren während einer Recherchereise auf Sizilien gestorben.
Luigi Brogna wurde 1961 in Messina geboren und verbrachte die ersten zehn Jahre in Sizilien, bevor seine Eltern als Gastarbeiter nach Schwaben zogen. Zuletzt lebte er mit seiner Familie in der Nähe von Stuttgart. Er hinterlässt eine Frau und zwei Töchter. << (Zitat: Buchmarkt)
Ich persönlich kannte ihn nur als Gigi in der Literatina, und er ist mir stets sehr sympathisch und humorvoll aufgefallen. Eine Krümel-Einladung hatte ich immer im Auge. Diese Nachricht traf mich heute wie ein Schlag.
Mein herzlichstes Beileid geht nun an die Angehörigen und Freunde von Gigi, mögen sie die Kraft haben diese schlimme Zeit zu überstehen, meine Gedanken sind bei Ihnen.
Geschrieben in Kurzportrait | Keine Kommentare »
“Ein letzter Sommer” von Steve Tesich
1.3.2008 von Krümel.
Mittisch Sahne, doch Anfang und Ende taten sich etwas schwer!
Der erste Schritt ins Leben, wenn man die Kindheit hinter sich lässt und in die Fußstapfen der Erwachsenen tritt, wer kann sich nicht an dieses Gefühlschaos erinnern? So auch hier Daniel Price.
Die letzten Wochen auf der High School, Daniel verbringt seine Zeit wie immer mit seinen Freunden. Bis er bei einem Spaziergang Rachel kennen lernt, und von da an seinen Freunden irgendwelche Ausflüchte aufbindet um sich nicht mit ihnen treffen zu können, denn er möchte seine Zeit von nun an mit RACHEL verbringen.
Sie ist seine erste große Liebe, doch der Zeitpunkt könnte nicht schlechter gewählt sein, denn sein Vater erkrankt unterdessen an Rückenmarkskrebs.
Daniel ist wütend auf seinen Vater! “Wie kann er ihm das antun?” Die schönste Zeit in jedermanns Leben, das große Verliebsein, und er soll Zuhause bei seinem Vater verweilen?
Doch es steckt noch mehr Chaos in dem Buch!
Eine verborgene Familientragödie, Freunde gehen auseinander, und das Rätsel um Rachel lüftet sich.
Ich empfand beim Lesen, dass sich Tesich etwas schwer tat in den Roman hinein zu finden. Der Bogen war zu groß gespannt, worunter die Spannung litt.
Und zum Schluss kam alles Knall auf Fall, dort hätte er den Bogen erweitern können. Aber die Haupthandlung wurde hervorragend erzählt, die Seiten verflogen, man saugt das Geschriebene förmlich in sich auf.
Ein guter Roman!, den ich gerne weiterempfehlen kann.
Heidi Hof
Kein & Aber Verlag, 2005, OT: Summer Crossing, Übersetzung: Heidi Zerning, Hardcover 22,80 €, 492 Seiten, ISBN: 3-0369-5137-7 (auch als TB 8,95 € erhältlich)
Geschrieben in Krümel, Roman | Keine Kommentare »




