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Archive für Februar 2008
“Die Frau im Mond” von Milena Agus
23.2.2008 von Krümel.
Kein bisschen kitschig, einfach nur wunderschön!
Die Ich-Erzählerin, die Enkelin, erzählt uns das Leben ihrer Großmutter.
Diese stammt aus einer Bauernfamilie auf Sardinien. Sie ist die Älteste und hat noch zwei jüngere Schwestern. Als diese ins heiratsfähige Alter kommen, träumt die Protagonistin von der großen Liebe, ihrer Meinung nach ist der Mensch nur aus diesem Grund auf der Welt. Ihre vielen Verehrer, denn sie ist eine Schönheit, vertreibt sie allerdings mit anrüchigen Gedichten und schönen Augen. Zu direkt und aufdringlich will man meinen, doch das liegt im Naturell der Liebessüchtigen. Als sie während des Krieges immer noch alleine ist, und die Gefahr besteht, dass sie als alte Jungfer enden würde, wird sie von ihren Eltern an den einzig verbleibenden Verehrer verheiratet. Doch es ist eine Ehe ohne Liebe!?
Soll sie ihr ganzes Leben so fristen, ohne ihren großen Traum zu erleben? Man hält sie ja für ein wenig verrückt, als “Die Frau vom Mond”, die nur sehnsüchtig auf ihr Glück wartet.
Mir hat diese Erzählung ganz ausgesprochen gut gefallen. Sie ist intensiv, phantasievoll und sehr gefühlvoll ohne in Herz-Schmerz zu verfallen. Und dennoch ist einem danach das Herz leichter.
Heidi Hof
Buch und Medien Vertrieb, 2008, OT: Mal di Pietre, Übersetzung: Monika Köpfer, Hardcover 12,95 €, 136 Seiten, Buch-Nr. 093735
Geschrieben in Erzählung/en, Krümel | 2 Kommentare »
“Das goldene Notizbuch” von Doris Lessing
21.2.2008 von Krümel.
Viel mehr als nur ein feministisches Werk!
Aber hier stößt der Laie an seine Grenzen eine wirklich vernünftige Buchrezension zu schreiben. Denn alleine der Versuch einer Inhaltsangabe sollte man schon tunlichst vermeiden, da die Analyse des Romans, also die Mosaikteile zusammenführen, die Aufgabe jedes Lesers ist. Grundsätzlich sollte man in einer Rezension nichts vorwegnehmen, was den Lesegenuss mindern könnte!
Das Buch ist eine Zerstückelung eines Menschen, hier die Protagonistin Anna Wulf, in seine verschiedenen Rollen bzw. Gefühlswelten. Und somit hat mich dieser Roman sehr an den “Steppenwolf” erinnert.
Doris Lessing schreibt über den Kommunismus in den 50 er. Berichtet darüber wie die humanistische Welle von Russland geprägt sich in der Welt (Afrika, England und Amerika) ausbreitet. Wie Idealisten außerhalb Russlands einen Kommunismus prägen wollen, und wie die kommunistische Partei gespalten wird in Stalinanhänger und Antistalinisten. Wie eine kleine Gruppe versucht diese Utopie in Form eines demokratischen Kommunismus aufzubauen. Diese Menschen scheitern, oder stehen als Verräter da, und sind innerlich tief verletzt.
Fälschlicherweise hatte ich im Tagebuch “unabhängige Frauen” geschrieben, was ich dann aber korrigieren musste, denn es sind “ungebundene Frauen”, die sehr stark abhängig sind, und zwar vom männlichen Geschlecht. Die beiden Freundinnen sind allein erziehende Mütter, und wünschen sich nichts mehr als einen Mann an ihrer Seite mit dem sie glücklich werden können. Doch durch diese starke Sehnsucht geraten sie immer wieder an die falschen Kerle, werden ausgenutzt, angespuckt und als Fußabtreter benutzt. ABER sie stehen immer wieder auf, werfen die falschen Mannsbilder hinaus und versuchen es aufs Neue. Das ist schon sehr modern für diese Zeit.
Ein weiteres Thema ist die Psychoanalyse, in welcher der Patient bewusst zergliedert wird, alle menschlichen Aspekte begutachtet werden, um dann später wieder zu einem Ganzen zusammengesetzt zu werden. Und so ist auch das ganze Buch aufgebaut. Anna besitzt vier Notizbücher in denen sie sich selber aufspaltet. “Das goldene Notizbuch” und auch der Rest des “blauen Notizbuches” spiegeln mir dann das “magische Theater” von Hesse wieder. Wo es zur absoluten Zergliederung, zu einem Schritt vor dem Wahnsinn oder zur eigentlichen Auflösung kommt.
Der Leser beginnt von der ersten Seite an seine Analyse, eine Zusammensetzung, zu ziehen. Durch den logischen Verstand, und da von außerhalb, fällt ihm dies nicht schwer. Für ihn ist Anna Wulf eine Person, und das Buch, ein Buch.
Noch ein Leitmotiv ist die Schreibblockade eines Schriftstellers, wodurch dieses ganze “Durcheinander” erst entsteht.
Alles im Allem ein sehr interessantes Buch, welches immer zum Nachdenken anregt, immer noch sehr aktuell ist, lesenswert und hervorragend! Aber es ist kein Buch für zwischendurch, hier muss man wirklich Zeit mitbringen, und sich dieser Thematik stellen können.
Heidi Hof
Hoffmann und Campe Verlag, 2007, OT: The golden Notebook, Übersetzung: Iris Wagner, Hardcover 14,95 €, 847 Seiten, ISBN: 978-3-455-40113-4
Geschrieben in Krümel, Roman | Keine Kommentare »
“Glaubst du, daß es Liebe war?” von Alex Capus
17.2.2008 von Krümel.
Der Betrüger und Kleinstadt-Casanova Harry Widmer muss sein Heimatstädchen verlassen und sein vom Vater geerbtes Fahrradgeschäft aufgeben. Er lässt seine schwangere Geliebte sitzen und setzt sich nach Mexiko ab. Nach Jahren kehrt Harry zurück und muss sich all seinen zurückgelassenen Problemen und Schwierigkeiten stellen.
Alex Capus erzählt locker, sprachliche Kapriolen sind nicht sein Ding. Er will niveauvoll unterhalten und das schafft er auch. Seine Geschichte scheint mit leichter Hand geschrieben zu sein und es liegt Capus fern den moralischen Zeigefinger zu heben. Schlitzohrigkeit ist eines seiner Rezepte, Bösartigkeiten haben dagegen in seiner Geschichte keinen Platz.
Ein schönes Büchlein, so „für zwischendurch“, ein Büchlein wenn man sich ganz einfach mal niveauvoll unterhalten lassen möchte.
Jan
Dtv Verlag, 2005, Taschenbuch 8,50 €, 141 Seiten, ISBN: 978-3423132954
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Erzählung/en, Jan | Keine Kommentare »
“Das Geheimnis des Goldschmieds” von Elia Barcelo
12.2.2008 von Krümel.
Celia verführt einen neunzehnjährigen Jungen, dann aber schickt sie ihn weg. Nach 25 Jahren kommt der nunmehr erfolgreiche Schmuckdesigner zurück an diesen Ort seiner großen Liebe und erlebt Absonderliches.
Auf 91 Seiten erzählt die spanische Autorin Elia Barcelo eine außergewöhnliche Geschichte. Anfangs hat man noch den Eindruck als wolle die Autorin zu viel. Sie packt einfach zuviel in ihre Sätze, will zuviel auf einmal erzählen. Aber dann im Laufe ihrer Erzählung nimmt sie sich zurück, überlässt ihren handelnden Figuren das Feld, schreibt distanzierter ohne ihre Anteilnahme am Geschehen zu vernachlässigen.
„Das Geheimnis des Goldschmieds“ ist eine Geschichte ohne Netz aber mit doppeltem Boden, surreale Elemente machen diese Erzählung zu einem echten Lesehighlight, zu einer kleinen literarischen Kostbarkeit. Der Schluss allerdings ist ein wenig zu plump, offensichtlich meint die Autorin, ihren Lesern alles haarklein erklären zu müssen, und zwar da, wo Erklärungen nicht notwendig sind und sogar ein wenig stören. Ein wenig mehr Vertrauen in die Leser wäre schön gewesen.
Lesenswert und nicht alltäglich, eine sehr schöne Idee im Großen und Ganzen wirklich gut umgesetzt.
Jan
Piper Verlag, 2005, OT: El secreto del orfebre, Übersetzung: Stefanie Gerhold, Taschenbuch 7€, 91 Seiten, ISBN: 978-3492245807
Geschrieben in Erzählung/en, Jan | Keine Kommentare »
“Hammerstein oder der Eigensinn” von Hans Magnus Enzensberger
5.2.2008 von Krümel.
>> Angst ist keine Weltanschauung <<,
sagte er. Der unerschütterliche Gegner der Nationalsozialisten, der mutige Zauderer, der Grandseigneur, der Kenner Rußlands wurde zum Zeugen der Untergangs seiner Klasse, des deutschen Militäradels. Auch die Lebensläufe seiner sieben Kinder sind gekennzeichnet von den Katastrophen des zwanzigsten Jahrhunderts, von Verrat, Illegalität, Widerstand und Sippenhaft. Zwei seiner Töchter, liiert mit jüdischen Kommunisten, haben für die Komintern spioniert, zwei seiner Söhne waren beteiligt an Stauffenbergs Versuch, Hitler zu entmachten. (Beiblatt zum Buch)
Kurt von Hammerstein hat seine Kinder wirklich sehr liberal erzogen, er hat sich nie in ihr Leben eingemischt, denn als kluger und rationaler Mann wusste er, dass man den Wünschen und Willen anderer nichts entgegnen kann.
Und genau aus diesem Grund gehe ich davon aus, dass er auch als Chef der deutschen Armee, nicht den militärischen Versuch gewagt hat, Hitler zu verhindern. Hat er doch aus dem Gespräch im Februar 1933 mitbekommen, mit welchem totalitären Willen Hitler seiner Sache nachging. Ich denke, Hammerstein sah seine Chance wirklich als zu geringfügig an, als eine solche Ideologie zu stoppen. Er dankte ab, aber nicht ohne im Hintergrund sämtliche Vorgänge weiterhin zu verfolgen.
Das Buch erzählt aber nicht nur die Familiengeschichte der Hammersteins, sondern alles und alle die mit dem deutschen Militär zu tun hatten werden beschrieben. Darüber hinaus auch alle kommunistischen Strömungen und Putschversuche. Als Laie wird man damit teilweise überfordert, da Enzensberger manchmal zu viel voraussetzt, besonders in Bezug auf die jüngeren Generationen. Dennoch habe ich das Buch recht flott gelesen. Ich habe daraus kein Studium gemacht, sondern habe mich, durch die fiktiven Gespräche teilweise sehr humorvoll, informieren lassen. Jetzt bin ich randvoll, und hoffe, davon einiges behalten zu können.
Mir hat das Buch gut gefallen, und wünsche ihm eine große Leserschaft!
Heidi Hof
Suhrkamp Verlag, 2008, Gebundene Ausgabe 22,90 €, 376 Seiten, ISBN: 978-3-518-41960-1
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Biographie, Krümel | Keine Kommentare »
“Heimsuchung” von Jenny Erpenbeck
4.2.2008 von Krümel.
Das 20. Jh. im Zeitraffer gefasst.
Im Prolog beginnt Erpenbeck mit einer Zusammenfassung des Protagonisten, eines Seeufers östlich von Berlin. Vor vierundzwanzigtausend Jahren war das Land dort eine Eisfläche, später ein Gletschergebiet, dessen Eis mit der Zeit schmolz, woraus dann diese Seenplatte mit Hügellandschaft entstand.
Zu Beginn des 20. Jh. wird dieses Ufergrundstück in Parzellen aufgeteilt, verkauft, und bebaut. Die einzelnen Eigentümer stellen sich dem Leser vor, und zwischendurch taucht immer wieder der Gärtner auf, der der Handlung treu bleibt. Er verbindet quasi die einzelnen Schicksale.
Die Menschen am See durchleben das Kaiserreich, die Weimarer Republik, die Nazizeit, den Krieg, die DDR und den Mauerfall. Aber es sind außer dem Gärtner jeweils andere Figuren, manche sterben, andere werden vertrieben, einige kehren wieder. Die Grundstücke am See werden teilweise zur Pacht vom Gemeingut erworben, um dann arg umstritten zu werden wem welche Rechte und Besitzansprüche zugewiesen werden können.
Die Idee einen Ort als Protagonisten auftreten zu lassen, ist nicht neu. (“Die Brücke über die Drina” Ivo Andric, “Im April” Christina Viragh u.a.) Dennoch war ich von diesem Episodenroman sehr angetan, hält er doch in sachlich nüchterner Sprache, manchmal zynisch gespickt, das vergangene deutsche Jahrhundert fest. Ein Zeitzeugnis für kommende Generationen.
Für mich ganz persönlich kamen die einzelnen Schicksale zu kurz, sie sind lediglich angerissen. Aber das ist ein subjektives Empfinden als Liebhaber der Wälzer und Tiefe.
Der Roman ist nicht einfach zu lesen, man sollte sich - und das verdient er auch - eine Weile mit ihm beschäftigen. Denn er beinhaltet unsere Zeitgeschichte, zusammengerafft und wirkungsvoll transportiert.
Heidi Hof
Eichborn-Verlag, 2008, Hardcover 17,95 €, 191 Seiten, ISBN: 978-3-8218-5773-2
Geschrieben in Deutsche Gegenwartsliteratur, Krümel, Roman | Keine Kommentare »
“Väter und Söhne” von Iwan Turgenjew
2.2.2008 von Krümel.
Meiner Meinung nach ein 5 Sterne Buch. Sehr schade, dass es nicht so bekannt ist!
Kurz zum Inhalt, denn ich möchte nicht zu viel vorweg nehmen, da dieses Werk nur einen kleineren Handlungsrahmen aufweist, dieser aber enorm fesselnd ist.
Nach seinem Studium kehrt Arkad in Begleitung seines Freundes Basarow auf das väterliche Landgut zurück. Im Gepäck tragen diese zwei jungen Menschen eine neue Gedankenswelle mit, sie sind vom Nihilismus begeistert. Dergleich Basarow dieses Gedankengut voll verinnerlicht, und Arkad ihn als Mentor betrachtet.
So kommt es, dass dieses Zusammentreffen der Generationen zu großen Konflikten führt. Die junge Generation lehnt Autorität, Glaube, Kunst und Kultur sowie den alten Standesdünkel komplett ab. An ihre Grenzen stoßen sie, als sie eine größere Macht kennen lernen, die Liebe.
Warum fasziniert dieses Buch so?
Es ist in einer wunderbaren Sprache geschrieben, die auch durch die Übersetzung nicht gelitten hat. Turgenjew beschreibt ganz wunderbar Landschaften, auch seine Figuren sind lebendig. Die Dialoge sind stimmig. Insgesamt, obwohl es 1861 geschrieben worden ist, liest sich das Buch leicht und flüssig.
Der Handlungsbogen ist sehr spannend aufgebaut, man kann den Roman wirklich kaum aus der Hand legen! Auch in den Lesepausen kann man vom Inhalt nicht ablassen, er beschäftigt einem tief.
Denn nicht nur der primäre Stoff: der Generationskonflikt, die Ansichten der Figuren und ihren Sturz; es gibt darüber hinaus noch sekundäre Gedanken, die Turgenjew anspricht, und die den Leser zum Nachdenken bewegen. Beispielsweise wie zwei scheinbare Rivalen letztlich ein ähnliches Schicksal teilen.
Ich könnte jetzt noch Vieles erwähnen, warum mir das Buch so gut gefiel, aber da es recht kurz ist, würde ich einfach zu viel preisgeben. Lest es!!! Danach können wir gerne darüber diskutieren.
Tipp, wer die Naumann & Göbel Ausgabe liest: Ich würde nun im Nachhinein die Einleitung eher zum Schluss lesen, das scheint mir angebrachter.
Heidi Hof
Naumann & Göbel Verlag, Hardcover vergriffen, 288 Seiten, ISBN: 3-625-20981-0
Geschrieben in Krümel, Roman | 6 Kommentare »




