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Archiv der Kategorie Heike
“Alles über Sally” von Arno Geiger
19.8.2010 von Krümel.
Seit 30 Jahren sind Sally und Alfred verheiratet. Diese lange Zeit spürt man in ihrer Beziehung, längst haben sich Alltag und Gewöhnlichkeit in der Ehe breit gemacht. Das Leben geht seinen Gang, bis sie im Urlaub in England die Mitteilung erreicht, in ihr Haus in Wien sei eingebrochen worden. Die Wohnung wurde verwüstet. Auch Alfreds Tagebücher, die er seit gefühlten Ewigkeiten akribisch führt, wurden von den Einbrechern nicht verschont. Alfred versinkt in Selbstmitleid und bricht sich schließlich noch ein Bein. Sally dagegen, die Unstete, die Impulsive, die Lebenshungrige, wird aktiv. Sie renoviert das Haus und stürzt sich in eine Affäre mit Erik, dem Freund der Familie. Die Kinder zeigen sich mehr oder weniger desinteressiert. Die Rollen sind in dieser Ehe seit langem verteilt, Sally ist die Starke, Alfred eher schwach, fast schon ein Langweiler. Aber sie haben sich arrangiert.
Mit diesem Buch erging es mir wie in einer langen Beziehung, Höhen und Tiefen wechselten ab. Eintönigen Stellen folgten kurzweiligen, in gegenwärtige Betrachtungen wurden geschickt Rückblenden eingebaut. Die beiden Eheleute wurden so treffend realistisch charakterisiert, dass beim Lesen bald ein vertrautes Gefühl bei mir aufkam. Beeindruckend empfand ich, wie genau Arno Geiger die kleinen alltäglichen Situationen im Ehealltag schilderte und wie gut er sich in das Seelenleben seiner Protagonistin einfühlen konnte.
„Alles über Sally“ ist ein Roman der „Brüche“, neben den handlungsbedingten Brüchen, Einbruch, Beinbruch und Ehebruch, gibt es fast ganz am Ende noch einen Stilbruch. „Alfreds Monolog“ unterscheidet absolut vom Stil der vorangegangenen und dem noch folgenden Kapitel. Damit setzt Geiger einen augenfälligen Kontrast und grenzt Alfred ganz deutlich von Sally ab.
Am Ende zeigt Arno Geiger auf, dass die Ursache für Sallys Ehebruch nicht einzig in ihrer Person begründet liegt. Sie ist zwar die Titelgeberin und Hauptfigur des Romas, aber auch Alfreds Innenleben wird beleuchtet und so zeigt sich, das der penible Tagebuchschreiber auch andere Facetten besitzt und nicht nur ein Langweiler ist.
Bis zum Schluss stellten sich ich mir die Fragen, was hält diese Ehe zusammen, führen die beiden überhaupt eine glückliche Ehe? Für mich habe ich diese Fragen beantwortet. Aber genau diese Antworten können sicher von Leser zu Leser unterschiedlich ausfallen und das ist das, was „Alles über Sally“ ausmacht. Dieses Buch lädt förmlich ein zum Reflektieren, zum Werten, zum Vergleichen.
Mir hat dieser Alltagsroman mit Szenen einer Ehe sehr gut gefallen. Der hintergründige Humor des Autors, die nüchterne Bestandsaufnahme der Ehesituation, die gelungenen Charaktere der Protagonisten und die feinfühligen Beschreibungen derer Gefühle trösteten mich über die oder andere gefühlte Länge hinweg.
Heike
Hanser Verlag 2010, Hardcover 21,50 €, 363 Seiten, ISBN: 978-3446234840
Geschrieben in Heike, Roman | Keine Kommentare »
“Leopard” von Jo Nesbø
4.3.2010 von Krümel.
Nach seinem letzten Fall um den Schneemann brauchte Harry Abstand, Abstand zur Polizei, Abstand zu Norwegen, Abstand zu seinem bisherigen Leben. Die Trennung von Rakel und deren Sohn hat ihn sehr mitgenommen. Unterschlupf hat er in Hongkong gefunden. Aber in Ruhe leben kann er auch dort nicht. Alkohol, Opium und Pferdewetten sind für ihn zum Lebensinhalt geworden. Wegen seiner Schulden bei den Tiraden, der chinesischen Mafia, kann er auch das Land nicht verlassen, denn sie haben ihm seinen Pass als Pfand abgenommen. Die junge norwegische Ermittlerin Kaja Solness fliegt im Auftrag von Gunnar Hagen, Leiter des Morddezernates, nach Hongkong, um Hole zurück nach Norwegen zu holen, denn dort treibt erneut ein vermeintlicher Serienmörder sein Unwesen. Dies sind aber nicht die einzigen Handlungsorte, der Leser verfolgt die Ermittlungen noch in Ruanda, im Kongo und in Leipzig.
Gleich zu Beginn des Romans wird man Zeuge eines äußerst grausamen und perfide ausgeklügelten Mordes an einer Frau. War „Schneemann“ schon nichts für Zartbesaitete, empfand ich „Leopard“ im Vergleich zum Vorgängerbuch noch einmal als eine deutliche Steigerung.
Die Handlung verläuft in verschiedenen Strängen. Neben den Ermittlungen in den Mordfällen ging es in diesem Thriller auch um das Kompetenzgerangel zwischen dem Morddezernat und dem Kriminalamt.
Temporeich erzählt Jo Nesbø vom Fortschreiten der Ermittlungen, von Fehlschlägen und der behördlichen Rivalität. Mikael Bellman, Chef des Kriminalamtes und selbsternannter Platzhirsch, will mit seinem Team allein die Fälle lösen und erkennt die Kompetenz des Morddezernates nicht an. Ruhe kommt in dieses Buch immer dann, wenn Harry Hole seinen todkranken Vater am Sterbebett besucht. Es ist ein leises Abschiednehmen von Vater und Sohn, dass gefühlvoll und eindringlich beschrieben wurde. Eine weiter Handlungsebene ist die unvermeidliche Lovestory. Die gehört wohl einfach zu diesem Genre.
Prinzipiell hat mir „Leopard“ recht gut gefallen. Der Spannungsbogen wurde kontinuierlich aufgebaut und auch bis zum Ende hin gehalten. Die Morde sind zwar brutal, aber gerade noch erträglich und auch die Ermittler sind nicht zimperlich und müssen einiges einstecken. Jo Nesbø erzählt gekonnt und baut geschickte Cliffhanger ein, so lässt er dem Leser Zeit zum Durchatmen und zum stillen Weiterfiebern und hält ihn so vor allen Dingen bei der Stange. Der Thriller ist leicht und flüssig zu lesen, zieht den Leser schnell in seinen Bann und entwickelt dann eine gewisse Eigendynamik. Mir fiel es doch recht schwer, das Buch zur Seite zu legen. Nesbø nutzt intelligent die Zutaten, die einen guten Thriller ausmachen, durchkonstruierte Morde als Grundlage, ein bisschen Liebesgeflüster fürs Gefühl und einige unverhoffte Wendungen für die Spannung. Einzig die Figur des Harry Hole hat mir in diesem Fall nicht so zugesagt. Zwar gelingt es dem Autor gut, seine Sucht und Schwächen zu beschreiben, aber den Widrigkeiten seines Berufsalltags kann er trotzen, obwohl er psychisch und physisch sehr mitgenommen scheint. Nicht jeder kann seine persönlichen Defizite so gut überspielen.
„Leopard“ ist der 8., gut in Szene gesetzte Fall des Ermittlers Harry Hole. Wer sich nicht an der Spezifik des Ermittlers stört, rasante und blutige Kriminalromane bevorzugt und Liebhaber dieses Genres ist, für den wird dieses Buch kein Fehlgriff sein.
Über den Autor (Quelle: Wikipedia)
Jo Nesbø (* 23. März 1960 in Oslo) ist ein norwegischer Musiker und Autor.
Nach einer Ausbildung als Diplom-Kaufmann und Finanzanalyst an der Norwegischen Handelshochschule Bergen war er neben seiner Aufgabe als Sänger und Komponist der Popgruppe Di Derre als Makler und Journalist tätig.
Hauptperson von Nesbøs bisherigen Kriminalromanen ist der alkoholkranke, alleinstehende Hauptkommissar Harry Hole, der zumeist brutale Mordfälle lösen muss.
Nesbø erhielt als Auszeichnung den norwegischen Riverton-Preis und den skandinavischen Krimipreis (Glasnøkkelen) für seinen Debütroman Flaggermusmannen. Sein Roman Rotkehlchen brachte ihm 2000 den norwegischen Buchhandelspreis ein und wurde 2004 zum besten norwegischen Krimi aller Zeiten (Tidenes beste norske krim) gewählt. Seine Werke wurden in die schwedische, finnische, dänische, englische, niederländische, französische, polnische und deutsche Sprache übersetzt.
Zur Reihe um den Ermittler Harry Hole gehören:
1. Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
2. Kakerlaken (Kakerlakkene)
3. Rotkehlchen (Rødstrupe)
4. Die Fährte (Sorgenfri)
5. Das fünfte Zeichen (Marekors)
6. Der Erlöser (Frelseren)
7. Schneemann (Snømannen)
8. Leopard (Panserhjerte)
Heike
Ullstein Verlag 2010, Übersetzung: Günther Frauenlob und Maike Dörris, Hardcover 21,95 €, 698 Seiten, ISBN: 978-3550087745
Geschrieben in Krimi/Thriller, Heike | Keine Kommentare »
“Eskandar” von Siba Shakib
3.1.2010 von Krümel.
„Er hat mit eigenen Augen die erste Ölquelle dieses Landes gesehen, er war dabei, als die Väter unserer Nation für die Verfassung und das Madjless kämpften, er hat sein Brot als Fotograf verdient, als Ladenbesitzer, als Büroangestellter, als Gärtner, und er war sein ganzes Leben lang Geschichtenerzähler.“
Persien im Jahr 1908. Das Dorf ohne Namen litt unter der Dürre. Die Bewohner starben und glaubten, ihnen sei eine Gottesstrafe auferlegt worden, weil der Bach, der das Dorf mit Wasser versorgte, versiegt war. Als Eskandar, das von den Arbab Verbotene wagte und über den Berg kletterte, sah er, dass die nach Petroleum suchenden Ausländer sehr wohl Wasser hatten und der Landbesitzer den Bach nur umgeleitet hatte. Nach dem Tod seiner Mutter ging der Junge wiederum über diesen Berg. Dort lernte er den kanadischen Ingenieur Richard kennen, der Eskandar in seine Obhut nahm. So lernte er die Kultur und die Sprache der Ausländer kennen. Richard schickte den Jungen nach kurzer Zeit zur Familie seiner Geliebten, die ein Kind von ihm erwartete. Dort hatte er die Möglichkeit ein Minimum an Bildung in der örtlichen Koranschule zu erlangen. In der Schule wurde das Talent des Jungen, Geschichten zu erzählen, schnell erkannt und so wurde er als Motivationshilfe beim nationalistischen Sturm auf Teheran eingesetzt. Für kurze Zeit kehrte Eskandar danach ins Camp der Ausländer zurück. So war er als Richards Boy dabei als das erste Erdöl im Iran gefunden und die Anglo-Persische-Oil-Company gegründet wurde. Aber eines Tages verkaufte Richard den Jungen an den Khan.
Siba Shakib erzählt um den Protagonisten Eskandar die interessante Geschichte Persiens von 1908 bis ins Jahr 2002. Mit Eskandar lässt sie den Leser die verschiedenen Abschnitte persischer Geschichte durchleben, er ist mittendrin, immer am Puls der Zeit. Die ersten einhundert Seiten des Buches habe ich mit sehr viel Freude gelesen. Aber dann ließ die Begeisterung für dieses Buch ein wenig nach. Die Autorin führt die Hauptperson als Geschichtenerzähler in den Roman ein, im Verlaufe der Handlung erlebte ich Eskandar allerdings fast ausschließlich als Geschichten“erleber“. Die Sprache des Buches hat mir sehr gut gefallen. Die arabischen Einflüsse waren deutlich spürbar, trotzdem wirkte der Roman nicht zu blumig. Es ist der Autorin auch sehr gut gelungen, zu verdeutlichen, dass aus dem Kind Eskandar langsam ein Erwachsener wird. Sprach Eskandar zu beginn des Romans in kindlich kurzen Sätzen, änderte sich dies mit der Zeit. Das im Buch enthaltene Glossar erleichtert es dem Lesern die unbekannten arabischen Begriffe zu verstehen. Ein wenig hat mich gestört, wie die Handlungsaufteilung im Buch erfolgte. Die ersten Jahre wurden sehr ausführlich beschrieben und je mehr sich die Autorin der Gegenwart näherte, desto schneller und kürzer waren die Beichte darüber, so, dass die letzten 20 Jahre auf weniger als einhundert Seiten abgehandelt wurden. Was mich jedoch ganz massiv an diesem Buch störte, und das ist keineswegs der Autorin anzulasten, sind die doch recht häufigen (Druck-?)Fehler in diesem Buch. Hat der Verlag C. Bertelsmann keine Lektoren?
„Eskandar“ ist meinen hohen Erwartungen nicht ganz gerecht geworden. Es ist aber trotz meiner Kritikpunkte ein Buch, das man gut lesen kann und das gute Unterhaltung bietet.
Über den Autor
Siba Shakib wurde im Iran geboren und wuchs in Teheran auf und besuchte dort die deutsche Schule. Seit vielen Jahren arbeitet sie als Autorin und Filmemacherin. Ihr erstes Buch “Nach Afghanistan kommt Gott nur noch zum Weinen” war die Nummer 1 der Spiegel-Bestsellerliste und wurde in 16 Länder verkauft. Sie lebt abwechselnd in Deutschland, New York und Italien.
Heike
Bertelsmann Verlag 2009, Hardcover 19,95 €, 512 Seiten, ISBN: 978-3570009680
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“Der Katalane” von Noah Gordon
20.12.2009 von Krümel.
„Eine mitreißende Mischung aus Spannungsroman, Familiengeschichte, Liebesdrama und Historienepos”
Vier lange Jahre war Josep Àlvarez im fernen Languedoc, um die große Kunst des Weinmachens zu erlernen – und um sich vor den Schergen zu verstecken, die den Grafen von Reus des Nächtens in Madrid kaltblütig ermordet hatten. Nun, zurück in seinem Heimatdorf, hofft Josep, dass er sich seinen Lebenstraum erfüllen kann. Vollmundigen Wein möchte er auf dem Gut seiner Väter kultivieren. Doch die Reben sind vertrocknet, die Geldforderungen seines Bruders für den Erbhof horrend. Tapfer nimmt Josep zusammen mit seiner Geliebten den Kampf ums Überleben auf, bis ihn die Vergangenheit einholt …
Katalonien 1870. Josep erstarrt, als die Schüsse fallen. Der Mann sollte eigentlich nur verhaftet werden. Aus Angst vor den Schergen, die das Leben des Grafen von Reus Juan Prim auf dem Gewissen haben, flieht Josep über die Grenze ins Languedoc. Im französischen Exil entdeckt er seine Leidenschaft für Wein – und träumt schon bald davon, die Kunst des Weinmachens in seine Heimat zu bringen. Als ihn eines Tages die Nachricht vom Tod seines Vaters ereilt, kehrt Josep zurück. Doch ob es ihm gelingen wird, in einer Region, in der Winzer wie sein Vater bisher nur Essig erzeugen konnten, süffigen Wein zu keltern? Außerdem ist das Familiengut heruntergekommen, die Rebstöcke tragen kaum Frucht. Und sein Bruder, der rechtmäßige Erbe des Hofs, presst aus Josep auch noch den letzten cèntim. Josep beginnt gerade, alle Schwierigkeiten zu meistern, er hat eine Frau gefunden, die seinen Traum teilt, da taucht jener Mann im Dorf auf, der weiß, dass Josep als Einziger den Mord an Juan Prim bezeugen kann. Bleibt Josep wieder nur die Flucht?“
Dieses Buch kam als Geschenk zu mir, gemeinsam mit einer wirklich guten Flasche Rotwein. Der Wein war längst getrunken, nur das Buch stand ungelesen im Regal. Mein Unterbewusstsein muss mir wohl geflüstert haben, dass es mit der Lektüre nicht so eilt. Zunächst ging in voller Vorfreude an „Der Katalane“. Zumindest „Der Medicus“ vom gleichen Autor hatte mich vor Jahren begeistert. Aber dieses Buch war eine einzige Enttäuschung. Obwohl mich der Handlungsort und auch das Thema Weinanbau interessieren, wurde ich von Beginn an nicht warm mit diesem Roman. Die Handlung war banal und über den Wein wurde zwar geschrieben, aber nicht viel vermittelt. Die Sprache war äußerst einfach gehalten und so ließ sich „Der Katalane“ ohne große Höhepunkte flott weglesen. Er wirkte auf mich wie ein schnell und lieblos aufs Papier gebrachtes Erzählwerk. Ein bisschen Historienepos, ein wenig Spannungsroman (wo war eigentlich die Spannung?), etwas Familiengeschichte und eine Spur Liebe machen eben doch keinen vollkommenen Schmöker aus. Schade. Von diesem Buch war ich sehr enttäuscht. Der Wein dagegen war sehr gut.
Noah Gordon, 1926 in Worcester, Massachusetts, geboren, arbeitete lange Jahre als Journalist beim „Boston Herald“. Mit ‘Der Medicus’ gelang ihm ein Weltbestseller, der in Deutschland viele Monate auf der Bestsellerliste stand. Auch seine nachfolgenden Romane wurden sensationelle Erfolge. Zuletzt, vor neun Jahren, erschien bei Blessing ‘Der Medicus von Saragossa’. Noah Gordon hat drei erwachsene Kinder und lebt mit seiner Frau in Boston.
Heike
Karl Blessing Verlag 2008, Übersetzung: Klaus Berr, Hardcover 19,95 €, 496 Seiten, ISBN: 978-3896673671
Geschrieben in History/Fantasy, Heike | Keine Kommentare »
“Er” von Erika Pluhar
8.12.2009 von Krümel.
Emil Windhackers Körper hat nie Probleme bereitet. Auf ihn war Emil immer besonders stolz – und nun dieser Laborbefund. Von heute auf morgen schaut er dem Tod ins Auge. Emil Windhacker wäre aber nicht er selbst, wenn er die ihm verbleibende Zeit ungenutzt verstreichen ließe. Er beendet die Beziehung zu seiner Freundin Constanze und lernt zeitgleich die Schauspielerin Marie kennen. Sie verbindet nicht nur die gleiche Krankheit – Leukämie. Aber das Schicksal hält für Emil noch eine weitere Überraschung bereit.
„Er“ war das erste Buch, das ich von Erika Pluhar gelesen habe. Es war schnell gelesen, dazu trug nicht nur die recht große Schrift bei. Erika Pluhar erzählt die Geschichte eines Mannes über 50, egoistisch, gefühllos, kalt, kultiviert, erfolgreich im Job, bei Frauen beliebt und gesellschaftlich anerkannt. Aber ich mochte ihn nicht. Er verkörperte so ziemlich alle Eigenschaften, die ein Mann in meinen Augen nicht aufweisen müsste. Trotzdem konnte ich mich gedanklich recht gut in ihn hinein versetzen, obwohl in mir sicherlich nicht die Männerversteherin schlummert. Das Buch umfasst einen Zeitrahmen von nur 3 Tagen, in denen der Held wohl deutlich mehr Veränderungen durchlebte als in den vergangenen 3 Lebensjahrzehnten. Erika Pluhar erzählt die Geschichte des Protagonisten, einfühlsam, mit einem Hauch Ironie und viel Ruhe. Hätte sie ein anderes Ende gewählt, wäre meine Meinung über „Er“ auch eine deutlich bessere. Dieses Ende empfand ich als gekünstelt und aufgesetzt. Da mir der Erzählstil von Erika Pluhar ansonsten doch gut gefiel, werde ich nach weiteren Büchern von ihr Ausschau halten.
Erika Pluhar ist seit ihrer Ausbildung am Max-Reinhardt-Seminar Schauspielerin am Burgtheater Wien. Sie ist Liedersängerin (die sich ihre Texte selbst schreibt) und hat mehrere Bücher veröffentlicht, darunter „Aus Tagebüchern“, „Lieder“, „Als gehörte eins zum andern. Eine Geschichte“ und „Zwischen die Horizonte geschrieben“.
Heike
Residenz Verlag, 2008, Hardcover 17,90 €, 231 Seiten, ISBN: 978-3701714919
Geschrieben in Heike, Roman | 1 Kommentar »
“Tee mit Buddha” von Michaela Vieser
12.11.2009 von Krümel.
Michaela Vieser studiert in London Japanologie. Den Studenten wird ein Auslandssemester angeraten, aber Michaela Vierser will weit mehr. Ihr Traum ist es, in ein Zen-Kloster zu gehen. Trotz längerer Recherche sieht sie dafür aber keine Möglichkeit. Kurz davor, ihren Traum zu begraben, macht ein japanischer Mönch, der an der Universität Buddhismus lehrt und von von ihrem Ansinnen erfuhr, ihr das Angebot, ein Jahr in seinem Mutterkloster zu verbringen. Das ist zwar kein Zen-Kloster, sondern gehörte zur Jodo-Shinshu-Strömung und liegt im Süden des Landes. Im Kloster leben ca. 100 Bewohner, Mönche, Familien, japanische Angestellte, Studenten. Das Kloster ist ein Spiegelbild der Gesellschaft im Kleinen. Michaela hat 3 Jahre lang die Sprache studiert und macht sich nun als erste Westeuropäerin auf, ihr Jahr im japanischen Kloster in Angriff zu nehmen.
Lange bevor ich dieses Buch las, war ich mir nicht sicher, ob es etwas für mich ist, oder eher nicht. Und um ehrlich zu sein, ich weiß es nach der Lektüre noch immer nicht.
Die Autorin erzählt von ihrem Leben in der für sie völlig fremden Welt, auch von der Ernüchterung, die sie in der ersten Zeit überkam. Ihre Erwartungen waren durchaus anders als die Realität. Als Leser ließ sie mich am Alltagsleben in diesem Kloster teilhaben, am Tagesablauf, an der Bedeutung der Gebete, an Ritualen, an Grundlegendem und Profanen. Sie machte mich unter anderem mit der Teezeremonie, Ikebana, Kendo und der Kalligrafie vertraut. Mit viel Witz erzählt sie die verschiedensten Anekdoten und beschreibt die Fettnäpfchen, die sich ihr in den Weg stellten und in die sie trat. Dabei berichtet sie nicht in der zeitlichen Abfolge, sie erzählt, in dem sie in jedem Kapitel des Buches eine Person und die gemeinsamen Erlebnisse vorstellt. So erfuhr ich zwar vieles über Japan und die japanische Denk- und Lebensweise, aber trotzdem sprang der Funke zum Buch nicht über. Mir blieb vieles fremd, auch die Autorin selbst, vor allem weil die Emotionen für mich nicht immer nachvollziehbar waren und mir die gedankliche Tiefe fehlte. Der Sprachstil ist sehr einfach gehalten. Auch hatte ich gehofft, ein paar tiefgründigere Informationen über den Buddhismus zu bekommen. So bleibe ich ein wenig enttäuscht zurück und frage mich nun, ob ich einfach zu viel erwartet habe, oder ob das Buch nicht mehr hergab.
Über den Autor (Quelle: amazon.de)
Michaela Vieser, geb. 1972, hat während und nach ihrem Japanologiestudium in Japan gelebt. Sie hat u. a. ein Jahr mit buddhistischen Mönchen verbracht, die Kunst der japanischen Bergasketen erforscht und das Drehbuch zu einem preisgekrönten Dokumentarfilm geschrieben. Zurück in Deutschland, arbeitete sie für Scholz & Friends an der Kampagne »Deutschland – Land der Ideen« mit. Vieser übersetzt außerdem japanische Drehbücher, schreibt u. a. für Geo, Financial Times,Vanity Fair, NZZ und arbeitet als Trendscout. Die Autorin lebt mit ihrer Familie in Berlin.
Heike
Pendo Verlag 2009, Hardcover 19,95 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3866122109
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“Weiße Geister” von Alice Greenway
3.11.2009 von Krümel.
„Der Sommer, von dem ich erzählen will, ist die einzige Zeit von Bedeutung. Es ist die Zeit, an die ich denken werde, wenn ich sterbe, so wie sich andere vielleicht einen verlorenen Liebhaber ins Gedächtnis rufen oder einer Liebe nachtrauern, die nie zustande kam. Für mich gibt es nur eine Geschichte. Es ist die meiner Schwester – Frankies Geschichte.“ (Seite 8 )
Hongkong 1967. Die 13jährige Kate ist die Ich-Erzählerin dieses Romans. Die Familie lebt in Hongkong, während der Vater, Fotograf für das Time Magazin, den Vietnamkrieg mit dem Fotoapparat begleitet. Nur alle sechs Wochen besucht er seine Familie und es wird schnell deutliche, welch tiefe Spuren der Krieg bereits in seiner Seele hinterlassen hat. Frankie, die nur wenig ältere Schwester von Kate, ist in einem Alter, in dem sie nicht mehr ganz Kind und noch nicht ganz Frau ist. Mit ihren weiblichen Reizen spielt sie schon sehr bewusst. Frankie und Kate stehen sich sehr nahe. Die Mutter der beiden ist äußerst labil und lebt eigentlich nur mit ihrer Kunst. Anfangs scheint die Zeit der Drei recht unbeschwert zu sein. Die Elternteile sind beide sehr mit sich selbst beschäftigt und die Töchter sind mehr oder minder in der Obhut der damit doch recht überforderten chinesischen Haushälterin. Das Unheil scheint vorprogrammiert zu sein. Eines Tages begleiten die beiden Mädchen die Haushälterin zum Markt und fallen in die Hände von Rebellen. Kate muss für sie einen Auftrag ausführen, während Frankie in von den Aufrührern als Geisel gehalten wird. Dieser Tag ändert das Leben der Schwestern und deren Verhältnis zueinander grundlegend. Frankie soll auf ein Internat geschickt werden, auch um zu vermeiden, dass Kate durch deren Einfluss in Schwierigkeiten gerät. Da sie aber immer noch Frankies „Geheimnisschwester“ ist, ist es dafür bereits zu spät.
Alice Greenways Debüt-Roman „Weisse Geister“ beginnt fast beschaulich mit einem schönen Tag am Meer. Auf den ersten Seiten könnte man eine leichte Familiengeschichte vor exotischer Kulisse erwarten. Aber fast mit jeder Seite, die gelesen wird, nimmt die Intensität des Romans zu. Und nach und nach werden die unterschwelligen Probleme der Familie deutlich. Die fehlende Nähe der Eltern, das heimliche Verfolgen der Kriegshandlungen, die daraus resultierenden Ängste werden von der Autorin psychologisch gut durchdacht, beleuchtet und gut in Szene gesetzt. Aber auch die politische Situation im Hongkong in der 2 Hälfte der 1960er Jahre wurde von der Autorin beeindruckend gut herausgearbeitet und nachvollziehbar beschrieben. So stellt sie in diesem Buch die jungen Mädchen und die exotische Szenerie den Schrecken des Kriegs und der chinesischen Kulturrevolution gegenüber, das Zarte und Vergänglicher im Unterschied zu Krieg und Gewalt.
„Weiße Geister“ ist sehr einfühlsam geschrieben, vielleicht auch weil die Autorin selbst in Hongkong aufwuchs. Ihre Sprache ist fast schon poetisch, leise, gefühlvoll, aber lebendig und beeindruckend. Das Buch hat mich emotional sehr berührt, es war intensiv, jedoch ohne jede Gefühlsduselei geschrieben. Alice Greenway ist eine Autorin, von der ich gern wieder Bücher lesen würde.
Alice Greenway, 1964 in Washington D. C. geboren, aufgewachsen in Hongkong, Bangkok, Washington, Jerusalem und Massachusetts, studierte an der Yale University. Heute lebt die Autorin mit ihrer Familie in Edinburgh, Schottland. Weiße Geister ist ihr erster Roman. (Quelle: Klappentext)
Heike
mareverlag 2009, OT: With Ghost Girls, Hardcover 19,90 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3866481015
Geschrieben in Heike, Roman | Keine Kommentare »
Die Farbe des Krieges von Arkadi Babtschenko
1.10.2009 von Krümel.
“Ich habe immer gedacht, der Krieg sei schwarzweiß. Aber er ist bunt. - … Die Farben sind grell, die Bäume grün, und der Himmel ist hellblau dort, wo Menschen getötet werden. Das Leben blüht und gedeiht, die Vögel zwitschern, und die Bäume treiben junges Grün. - Tote Menschen liegen im Gras und sind überhaupt nicht schrecklich, sie gehören in diese bunte Welt. Man kann danebenstehen und lachen, sich unterhalten. Die Menschheit erstarrt nicht und verliert nicht den Verstand beim Anblick der Leichen. - Sehr seltsam, dass der Krieg bunt ist.”
1995. Junge Männer, Soldaten, werden nach Tschetschenien geschickt, um dort zu kämpfen. Der Leser begleitet den Ich-Erzähler in den Krieg und muss erst einmal in einem Zwischenlager Station machen. So wird über den Soldatenalltag in der russischen Armee berichtet, über Untätigkeit, Hunger, Misshandlungen durch dienstältere Soldaten und Mangel. Nur an einem mangelt es nicht, an den Leichen, die mit Flugzeugen aus dem Kriegsgebiet zurückgeführt werden. Aber das Grauen ist noch steigerungsfähig, dass erfahren die Soldaten mit ihrem Fronteinsatz. Tschetschenische Partisanenangriffe, friendly fire, Verstümmelungen, nicht wieder erkennbare Tote, Massaker und deren Vergeltungen prägen nun ihr Dasein.
10 Jahre später – wieder Tschetschenien – immer noch Krieg. Die Kriegsführung hat sich kam geändert. Nur der Hass auf die Gegner wurde tiefer, dem entsprechend wurde die Wahl der Mittel auch grausamer. Um sich zu betäuben, griffen die Soldaten zu Alkohol und Drogen. So konnten sie für kurze Zeit in eine Traumwelt fern jeder Realität abtauchen und von einer friedlichen Heimat träumen.
Arkadi Babtschenko schildert den Tschetschenienkrieg aus russischer Sicht. Eine Sicht, die mir bisher unbekannt war, ebenso wie die erschreckenden Zustände in der Armee. Und Babtschenko schreibt eigene Erlebnisse auf. Er war als 18jähriger selbst Soldat in Tschetschenien und hat die geschilderten Erfahrungen am eigenen Leib gemacht. Sprachlich gesehen ist dieses Buch kein Glanzstück. Es weiß durch seine Authentizität zu überzeugen. Nur wenige Bücher haben mich bisher so erschüttert und mitgenommen. Selbst beim Schreiben bekomme ich noch Gänsehaut und einen Kloß im Hals. Arkadi Babtschenko prangert Politiker und Generäle an, legt die Sinnlosigkeit und Unmenschlichkeit des Krieges kompromisslos offen, beschreibt unmissverständlich die Gräuel und setzt allen Gefallenen mit diesem Buch ein Denkmal. Dieses Buch wird oft mit den ganz großen Werken der Antikriegsliteratur in einem Atemzug genannt und das völlig zu Recht. Allerdings sollten die Leser nicht all zu sensibel sein, denn der Autor nennt die Dinge beim Namen, er beschreibt präzise und detailliert Zustände und Begebenheiten. Dieses Buch ist eine Anklage.
Über den Autor (www.amazon.de)
Arkadi Babtschenko, 1977 in Moskau geboren, wurde mit achtzehn Jahren zum Militärdienst einberufen und 1996 nach Tschetschenien versetzt. Anschließend studierte er in Moskau Jura und schrieb für verschiedene Zeitungen. 2001 wurde sein Zyklus Zehn Bilder vom Krieg mit dem Preis der literarischen Zeitschrift Debüt ausgezeichnet. Heute lebt Babtschenko als freier Journalist und Autor in Moskau.
Heike
Rowohlt Verlag, Berlin, 2007, Übersetzung: Olaf Kühl, Hardcover 17,90 €, 256 Seiten, ISBN: 978-3871345586
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“Die Vogelwelt von Auschwitz” von Arno Surminski
19.3.2009 von Krümel.
Der Pole Marek Rogalski ist Insasse des KZ Auschwitz – unschuldig, wie er immer wieder betont. Er ist einem Malertrupp zugeteilt worden. Früher war er Kunststudent in Krakau, nun streicht er Baracken an. Hans Grote, Wachmann der SS in Auschwitz, ist mehr der Natur zugetan als dem Alltag in einem Konzentrationslager. Er stellt bei der Lagerleitung den Antrag, die Vogelwelt von Auschwitz erforschen zu dürfen. Das wird ihm genehmigt und Marek wird ihm als Assistent zur Seite gestellt und soll nun Vögel skizzieren und präparieren. Marek erkennt schnell, dass Grote einer der Deutschen ist, der die Pflicht erfüllt und Befehle ausführt, aber darüber das Nachdenken verweigert. Beide lernen sich bei der täglichen Arbeit näher kennen und wundern sich darüber, wie ähnlich sie einander eigentlich sind. Die Wünsche des Polen sind nicht viel anders als die des Deutschen. Beide wollen heim, Grote zu seiner Frau und den Kindern, Marek zu seiner Verlobten. Mehr als einmal spielt der Pole mit dem Gedanken, bei den Ausflügen in die Natur einfach nur die Weichsel zu durchschwimmen und nach Krakau zu Eva zu gehen. Die Sonderbehandlung Mareks bringt ihm zwar mehr Freiheiten, aber er bemerkt auch den Neid der anderen Insassen.
Als ich dieses Buch in meiner Buchhandlung liegen sah, irritierte mich zuerst der Titel. Provokant, das geht gar nicht, waren meine ersten Gedanken, irgendwie war ich peinlich berührt und empört. Ich war jedoch sehr überrascht, als ich diese Novelle las. Von Provokation oder gar „heiler Welt“ war nichts zu spüren. Einen Vogelkundler gab es unter den SS-Leuten in Auschwitz wirklich. Seine Studie, die den Titel „Beobachtungen über die Vogelwelt von Auschwitz“ trägt, wurde in einer wissenschaftlichen Wiener Zeitschrift veröffentlicht. Neben der überraschend friedlichen Tätigkeit des Vogelkundlers wird aber auch der grausame KZ-Alltag nicht ausgespart. Da wird der Leser mit fehlgeschlagenen Pharma-Versuchen, der Massenvernichtung und Hinrichtungen zur Abschreckung konfrontiert. Hervorragend entwickelte und charakterisierte Surminski die beiden Protagonisten Hans Grote und Marek Rogalski. Die Dialoge der beiden sind einzigartig. In der Naivität ihrer Gedanken übertrafen sie sich gegenseitig. Ich hegte für keinen besondere Sympathien, sondern konnte das Buch eher als neutraler Beobachter lesen. Es war flüssig und leicht zu lesen, war aber trotzdem keine leichte Kost. Besonders erschreckend waren Szenen, in denen für den Schutz der Vögel eingetreten wurde, wenig später aber das geplante massenhafte Töten von Insassen als absolut normal dargestellt wurde. Damit beschreibt der Autor meisterhaft, wie verabscheuungswürdig und perfide dieses System war. Arno Surminski war mir bisher als Autor nur dem Namen nach geläufig. Ich hatte noch keinen Roman von ihm gelesen. Diese Novelle hat mich aber voll überzeugt.
„Die Vogelwelt von Auschwitz“ ist ein leicht zu lesendes Buch mit einem sehr herben Nachgeschmack. Es macht ergriffen und auch fassungslos. Die schönen Naturbeschreibungen in Verbindung mit dem bestialischen Geschehen im KZ lassen sehr zwiespältige Gefühle aufkommen. Trotzdem kann ich jedem, der sich dieser Thematik gewachsen fühlt, dieses Buch empfehlen.
Über den Autor:
Arno Surminski 1934 in Jäglack (Ostpreußen) geboren, arbeitet seit 1972 freiberuflich als Wirtschaftsjournalist und Schriftsteller. Er hat neunzehn Romane und Erzählbände veröffentlicht, darunter die Bestseller “Jokehnen”, “Sommer vierundvierzig” und die Erzählbände “Aus dem Nest gefallen” und “Die masurischen Könige”. 2008 erhielt Arno Surminski den Hannelore-Greve-Literaturpreis.
Heike
Langen/Müller Verlag, 2008, Hardcover 17,90 €, 191 Seiten, ISBN: 978-3784431260
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“Schneemann” von Jo Nesbø
24.2.2009 von Krümel.
Harry Hole ist ein erfahrener Osloer Polizist mit seinen kleinen Eigenheiten. In seinem 7. Fall jagt er einen äußerst brutalen Serienmörder, der es auf auf junge Frauen mit Kindern abgesehen hat. Vier tötet er auf bestialische Weise. Als Markenzeichen hinterlässt er einen Schneemann in den Gärten der Opfer. Nach und nach wird klar, dass die Morde direkt mit den Kindern im Zusammenhang stehen müssen. Aber Holt ist bei diesem Fall auch persönlich involviert, der Täter hat seine Geliebte im Visier.
Dies war der erste Roman, den ich von Jo Nesbø gelesen haben. Dass es bereits der 7. Fall des Ermittlers Harry Hole war, beeinträchtigte mein Lesevergnügen keineswegs. Auch bei der Person des Ermittlers wurden keine Kenntnisse vorausgesetzt, sondern Informationen über dessen Vergangenheit geschickt mit der Handlung verbunden. Der Autor hat einen fantastischen Spannungsbogen hergestellt und gehalten. Die Taten waren realistisch beschrieben und forderten vom Leser schon eine gewisse Härte. Die Idee des Krimis war komplex, gut ausgefeilt und sorgte für einige Überraschungen. Bereits in der ersten Hälfte des Buches hatte ich einen Verdacht, wer der Schneemann sein könnte. Aber im Verlauf der Handlung kam mir diese so abstrus vor, dass ich sie verwarf – nur, um am Ende festzustellen, so falsch lag ich nicht. Genau das machte diesen Krimi aus. Unverhoffte Wendungen, die nicht an den Haaren herbeigezogen waren, sondern vom Autor logisch gefügt wurden. Die Sprache war so wie ich sie mir für einen Kriminalroman wünsche, leicht und flüssig zu lesen, schnörkellos, nichts soll den Lesefluss hemmen. Einzig kritikwürdig empfand ich das Ende, das war mir – wie bei vielen anderen Büchern dieses Genres – zu actionlastig. Hatte da der Autor vielleicht ein eventuelles Drehbuch im Hinterkopf?
„Schneemann“ ist ein sehr spannender Kriminalroman, der Lust auf seine Vorgänger gemacht hat. Für Krimileser ist er ein absoluter Buchtipp. Für mich war es nicht der letzte Nesbø.
Über den Autor (Quelle: Amazon.de)
Jo Nesbø, 1960 geboren, ist Ökonom, Schriftsteller und Musiker. Der erfolgreichste Autor Norwegens ist längst auch international ein Bestsellerautor, seine Romane um Kommissar Harry Hole werden in dreißig Sprachen übersetzt. Schneemann wurde - wie schon Nesbøs Debüt Der Fledermausmann - in der Kategorie “Bester Kriminalroman des Jahres” mit dem “Buchhändler-Preis” (Bokhandlerprisen) ausgezeichnet sowie mit dem “Buchclub-Leserpreis” (Bokklubben Nye Bøkers leserpris) als “Bester Roman des Jahres”. Jo Nesbø lebt in Oslo.
Zur Reihe um den Ermittler Harry Hole gehören:
1. Der Fledermausmann (Flaggermusmannen)
2. Kakerlaken (Kakerlakkene)
3. Rotkehlchen (Rødstrupe)
4. Die Fährte (Sorgenfri)
5. Das fünfte Zeichen (Marekors)
6. Der Erlöser (Frelseren)
7. Schneemann (Snømannen)
Heike
Ullstein Verlag 2008, Übersetzung: Günther Frauenlob, Hardcover 19,90 €, 512 Seiten, ISBN: 978-3550087578
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