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Archiv der Kategorie Jan

“Das alte Kind” von Zoe Beck

Carla wird in einem Krankenhaus für wenige Tage von ihrem Kind getrennt. Doch nach diesen Tagen wird dann nichts mehr so sein wie es war. Als sie dann wieder ihr Kind zu sich nehmen kann ist Carla nur noch fassungslos. Das Kind welches sie im Arm hält ist nicht ihr Kind. Aber niemand glaubt Carla. Niemand.
Dann ist da auch noch Fiona, ein junge etwas chaotische Frau die mit einer Freundin in einer Wohngemeinschaft lebt. Eines Tages wacht Fiona in der Badewanne auf. Wie so dort hingekommen ist weiß sie nicht. Das Badewasser hat zudem eine rötliche Farbe und ist mit Blütenblättern übersät. Fiona erkennt voller Entsetzen, dass sich das Wasser von ihrem Blut rot färbt. Sie erreicht gerade noch das Telefon und kann Hilfe holen. Niemand glaubt ihr, als sie sagt, dass jemand sie töten wollte.

Zoe Beck hat es geschafft einen wirklich spannenden Thriller zu schreiben. Ein Buch, welches den Leser wirklich glänzend unterhält. Man ist sofort mittendrin in dieser Geschichte, die auf zwei Zeitebenen spielt. Irgendwie scheint alles miteinander verbunden zu sein – aber wie? Zoe Beck spielt mit großem Geschick auf der Spannungstastatur, sie sorgt dafür, dass die Leserinnen und Leser es kaum schaffen dieses Buch aus der Hand zu legen. Dieses Buch gehört ohne Frage in die erste Liga der Thriller-Literatur. Geschickt wird ein Spannungsbogen aufgebaut der auch im Laufe der Geschichte nicht in sich zusammenfällt oder auch nur schwächer wird. Die handelnden Personen wirken real, die ganze Story wirkt authentisch. Fitzek hat völlig Recht wenn er über dieses Buch sagt, es sei „spannend, emotional und atmosphärisch dicht“.

Hervorzuheben ist, dass Zoe Beck ihren eigenen Stil sucht und auch gefunden hat, dass sie sich nicht damit aufhält irgendjemand zu imitieren. So liest man eine neue Geschichte und nicht den hundertsten Abklatsch von irgendwas.

Sehr lesenswert – vielleicht auch für diejenigen die sonst nicht so im Thriller-Genre umherwandern.

Jan

Bastei Lübbe Verlag 2010, Taschenbuch 7,99 €, 304 Seiten, ISBN: 978-3404164431

“Die Einflüsterer” von Klaus Norbert

Klaus Norbert ist ein deutscher Journalist, partei-, vereins- und verbandslos. Auch die Gewerkschaften zählen ihn nicht zu ihren Mitgliedern. Überrascht und dann auch verärgert von den immer dreister werdenden Manipulationen der Bürger dieses Landes, war der Grund dafür dieses Buch zu schreiben.

Auf der Rückseite des Buches liest man folgende Sätze:

„Die Gedanken sind frei. Nur aussprechen sollten wir sie nicht.“

Der Klappentext (endlich mal ein Klappentext der ein Buch gut beschreibt) sei hier einfach mal zitiert:

„Sie reden und reden, damit wir den Mund halten: Politiker, Wirtschaftsführer, Lobbyisten und andere Experten. Auf dem Bildschirm, in der Zeitung, im Radio und im Internet: überall dieselben Namen, dieselben Gesichter. Die Einflüsterer wollen uns gefügig machen – durch Verunsicherung, durch Angst, durch Ablenkung. Sie verbiegen Fakten und unterdrücken die Wahrheit. Sie pfeifen auf unsere Meinung und unterlaufen unsere Proteste. Sie drücken ihre Interessen durch, knallhart. Und zerstören, ganz nebenbei, unsere Freiheit und die Demokratie. Aber noch haben sie nicht gewonnen…..“.

Dieses Buch ist fesselnder als die meisten Thriller, es ist herrlich polemisch – und wo man denkt, da überzeichnet der gute Klaus Norbert aber mächtig, da wird man ganz schnell eines Besseren belehrt; denn wenn Klaus Norbert etwas nicht macht, dann ist überzeichnen. Er schildert die Dinge halt so wie sie sind, vertritt dabei aber eben auch vehement seine Meinung, reitet schon mal herrliche Attacken gegen eben die „Einflüsterer“.

Besonders hervorzuheben ist, dass Klaus Norbert eben auch sagt, wo die tatsächlichen Gefahren für unsere Demokratie liegen, wo diese Demokratie eben still und heimlich aber in Permanenz demontiert wird und das kaum jemand sich gegen diesen Demokratieabbau wehrt. Alles, einschließlich der einstmals kritischen Medien, ist in einen tiefen Dornröschenschlaf gefallen und den Menschen in diesem Land, genaugenommen nicht nur in diesem Land, wird weiterhin Sand in die Augen gestreut.

Klaus Norbert hat ein wichtiges, ein längst überfälliges Buch geschrieben. Ein Buch von dem man sich nur wünschen kann, dass es von möglichst sehr vielen Menschen gelesen wird.

Es ist ein sehr politisches Buch, aber auch interessant für denjenigen, der vielleicht von sich selbst sagt, dass sie/er sich nun gar nicht für Politik interessiert. Unsere kulturellen Werte, unsere demokratischen Errungenschaften gehen so langsam den Bach runter. Mario Barth und Heidi Klum als die Träger der „neuen“ deutschen Kultur. Und wo früher kritischer Journalismus alltäglich war, da wird nunmehr weichgespült und unter den Teppich gekehrt.

Klaus Norbert zeigt auch auf, wie die Menschen täglich belogen und betrogen werden und man ihnen dazu auch noch einredet, dass müsse so sein und sie müssten dafür dankbar sein – und sie es dann auch, dafür dankbar, dass man sie tagtäglich immer wieder neu hinters Licht führt.

Eine wirklich lesenswertes Buch, ein notwendiges und sehr wichtiges Buch. 10 Punkte sind eigentlich zu wenig.

Sicher wird man die eine oder andere Ansicht von Klaus Norbert nicht teilen; Meinungsvielfalt und Meinungsunterschiede sind ja in einer funktionierenden Demokratie auch wichtig. Aber darum geht es auch gar nicht in erster Linie, um die eventuellen Meinungsunterschiede in Bezug auf den Autor. Es geht darum, dass dem Leser hier für viele Dinge die Augen geöffnet werden, dass der Leser angeregt wird sich endlich einmal seines eigenen Denkapparates zu bedienen. Denn das schadet nun wirklich nicht, das Denken mit den eigenen dafür installierten Gehirnzellen.

Dieses Buch ist sehr, sehr zu empfehlen.

Jan

Heyne Verlag 2010, Taschenbuch 9,95 €, 320 Seiten, ISBN: 978-3453601512

“Die taz. Eine Zeitung als Lebensform” von Jörg Magenau

Jörg Magenau wurde 1961 in Ludwigsburg geboren. Er studierte Philosophie und Germanistik an der Freien Universität in Berlin. Er schrieb für den Freitag, die Wochenpost, die taz und für die Frankfurter Allgemeine Zeitung. Heute lebt er in Berlin und ist als freier Autor tätig. Unter anderem schrieb er Biographien über Christa Wolf und über Martin Walser. Magenau erhielt 1995 den Alfred-Kerr-Preis für Literaturkritik.

Sachlich, ruhig und ein wenig nüchtern erzählt Jörg Magenau von den Anfängen der taz 1979 bis ins Jahr 2007. Wohl kaum ist die Geschichte dieser sicher nicht alltäglichen Tageszeitung irgendwo besser dargestellt worden. Einer Zeitung die seit ihrer Gründung mehr oder weniger immer um ihre Existenz kämpfen musste, die es aber immer schaffte, „am Leben“ zu bleiben. Anfangs verlacht und von der Konkurrenz nicht so sehr ernst genommen, ist die taz aus der heutigen Zeitungslandschaft in Deutschland nicht mehr weg zudenken.

Es ist das Verdienst der taz eben auch über Dinge zu berichten und zu schreiben, die in anderen Zeitungen keinen Platz finden oder die nicht in das politische Profil so manch anderer Tageszeitungen passen.

Angefangen hat eigentlich alles im Chaos. Friedensbewegte, Umweltaktivisten und andere Alternative gründeten eigentlich ausgestattet nur mit „Luft und Liebe“ diese alternative Zeitung. Endlose und harte Diskussionen wurden geführt und alles sah so aus als wäre dieses Projekt bereits vor seinem Start gescheitert. Aber man biss sich durch. Und immer musste die taz mit den Ansprüchen ihrer Leserschaft fertig werden. Wohl keine Zeitung wird so hart von der eigenen Anhängerschaft kritisiert wie diese Zeitung.

Jörg Magenau hat ein sehr informatives und aufschlussreiches Buch geschrieben. Man begleitet die taz auf ihrem Weg in die heutige Zeit und dabei fällt der Blick immer wieder auf die jeweils herrschenden Verhältnisse. Flüssig geschrieben und sehr ordentlich strukturiert ist dieses Buch von Jörg Magenau sehr gut zu lesen. Hervorzuheben ist hier die Sachlichkeit mit der der Autor zu Werke geht. Und er schafft es, neugierig auf diese doch „etwas andere“ Zeitung zu machen. Ein Buch auch über gelebte und erlebte Zeitgeschichte. Sehr lesenswert.

Es ist eine zeitgeschichtliche Reise, auf die uns der Autor mitnimmt. Es lohnt sich diese Reise zu machen.

Jan

Hanser Verlag 2007, Hardcover 21,50 €, 279 Seiten, ISBN:  978-3446209428

“unverarschbar” von Martell Beigang

Martell Beigang war Musiker in verschiedenen Bands. Sein Instrument war das Schlagzeug. Für seine Arbeit mit Dick Brave and the backbeats bekam er Doppelplatin. Beigang lebt in Köln.

In diesem Buch geht es um Ben Schröder, Bassist und von der Freundin verlassen, dazu ehemaliges Bandmitglied der Gruppe SERVOKINGS, die sich nach sieben mehr oder weniger erfolglosen Jahren aufgelöst haben.

Ben ist Vollblutmusiker und macht sich so seine Gedanken über das Musikbusiness. Er sieht den Untergang der „abendländischen Musikkultur“ am Horizont. Schuld daran sind auch solche Popsternchen wie Janine Paffrath, die offenbar alles daran setzt – wenigstens nach Ben Schröders Ansicht – um das Niveau der Popmusik noch weiter in den Keller zu drücken. Ben meint es wäre an der Zeit, diesem Trällersternchen mal ordentlich die Meinung zu sagen. Und das macht er auch, aber trotzdem kommt alles anders als er es sich vorgestellt hat.

Im Gesamtergebnis ist dieses Buch eher enttäuschend. Martell Beigang beginnt durchaus nicht schlecht, verliert dann aber im Laufe der Geschichte den anfänglichen Drive und sein Buch wird immer nichtssagender und flacher. Wer meint, aufgrund des Hintergrundes des Autors, es würden erhellende Dinge über das Musikgeschäft Einzug in das Buch finden, der wird wohl enttäuscht werden. Beigang ergeht sich in Allgemeinplätzen und ist sich auch für kein Klischee zu schade. So ist die ganze Geschichte eher nichtssagend und wird vom Leser wohl auch schnell wieder vergessen werden.

Auf dem Buchrücken wird davon gesprochen dass dieses Buch „ein lakonischer, humorvoller Blick auf den ganz normalen Wahnsinn des Musikbusiness“ sei. Wäre schön wenn es denn wirklich so wäre. Das Buch ist oberflächlich, sein literarischer Tiefgang muss bei „4 unter Normalnull“ angesiedelt werden und man kann seine Zeit sicher besser verbringen, als sie mit dem Lesen dieses Buches mehr oder weniger zu vergeuden.

Ich habe mehr erwartet – viel mehr.

Zudem wirkt die Geschichte an manchen Stellen doch arg konstruiert und auch das Verhalten der handelnden Personen wirkt nur gestelzt und ziemlich unglaubwürdig. Aber egal – auch solche Leseerfahrungen muss man mal gemacht haben, weiß man doch dann die qualitativ guten Bücher erst so richtig zu schätzen.

Von meiner Seite aus wenig empfehlenswert.

Jan

Schardt Verlag 2007,  broschierte Ausgabe 10 €, 190 Seiten, ISBN: 978-3898412926

“Axolotl Roadkill” von Helene Hegemann

Die Autorin wurde 1992 geboren, ist also kurz davor ihr achtzehntes Lebensjahr zu vollenden und hat mit „Axolotl Roadkill“ ein in jeder Beziehung fulminantes Buch geschrieben. Ein Buch das es wert ist, wenn man sich einfach mal ein wenig mehr mit ihm beschäftigt.

Endlich!

„Endlich“ möchte man nach der Lektüre dieses Buches sagen. Endlich mal ein Buch das sich wohltuend von dem „vampiristischen, historischen (viele diese Bücher beschreiben alles, nur eben die Historie nicht) und thrillermässigen (hat man einen gelesen - hat man alle gelesen)“ Bücherbrei unterscheidet. Endlich mal wieder ein Buch das polarisiert, das versucht die eingeschlafenen Füße der deutschen Literatur wieder wachzurütteln, wieder „ans Laufen“ zu bringen. Endlich mal kein „Mainstream-Bücherschinken“. Es wurde höchste Zeit, dass in der deutschen Literatur mal wieder etwas passiert – und es ist mit diesem Buch etwas passiert.

Es mag sein, dass dieses Buch ein „Patchwork-Roman“ ist, ein Roman der sich eventuell auch nicht genannter Quellen bedient hat, ein Roman, in welchem einige Passagen irgendwo abgeschrieben wurden. Darüber kann man natürlich nun endlos lamentieren; nur was würde das bringen? Es ist schon erstaunlich, dass dieselben Leute, die dieses Buch bei Erscheinen gefeiert haben, nun mit triefender Selbstgerechtigkeit auf die junge Autorin einprügeln. Aber es sind nicht nur die Kritiker, es sind – leider – auch viele andere Literaturpharisäer, die meinen mit prügeln zu müssen. Aus welchen Gründen auch immer.

Wäre es da nicht besser, man nehme diesen Text, diesen Roman einfach mal so hin, wie er gedruckt wurde, blendet einfach mal diese ganze Plagiatssoße aus. Denn dieser Roman ist wirklich beeindruckend.

Er erinnert in sehr vielen Passagen an die sogenannte „Underground-Literatur“, die Ende der Sechziger und Anfang der Siebziger ziemlich hoch im Kurs stand, auch wenn diese Underground-Literatur auf den ersten Blick politischer wirkte, wenn sie auch dabei kein besonderes Lebensgefühl vermittelte. Aber sie vermittelte einen Blick auf neue Sichtweisen, auf alternative, aus dem Rahmen fallende Ansichten, zu fast allen Lebensfragen. Das sucht man bei Helene Hegemann sicher vergebens – oder vielleicht doch nicht? Hegemann beschreibt den Zustand der heutigen jungen Generation, sie beschreibt die Orientierungslosigkeit und teilweise schon erschreckende Resignation der jungen Menschen, auf der Schwelle vom Kindsein zum Erwachsenendasein. Sie beschreibt indem sie kräftig überzeichnet. Aber Überzeichnung bedeutet ja auch, dass etwas „übertrieben“ beschrieben wird, was im Kern vorhanden ist. Insofern hat Helene Hegemann ein hochpolitisches Buch geschrieben – was leider im Hinblick auf diese künstlich wirkende Plagiatsdiskussion offenbar völlig ignoriert wird.

Die von Hegemann vorgenommene Situationsbeschreibung ist erschreckend. Das Leben vieler junger Menschen scheint ohne „roten Faden“ zu sein, man lebt vor sich hin, vergeudet vielleicht sogar wertvolle Lebenszeit, amputiert die Möglichkeit ein eigenes Bewusstsein zu ermitteln. Natürlich steht es jedem Menschen frei, eine individuelle Lebensform zu finden, aus seinem Leben das zu machen was man will – aber spricht es wirklich für eine echte Individualität, wenn offenbar die Perspektivlosigkeit der Motor des Handelns ist?

Hegemann macht auch deutlich, dass viele Erwachsene (in erster Linie Eltern, Lehrer usw.) auf ihrem Weg zur eigenen „Selbstverwirklichung“, die Kinder vergessen haben. Manchmal ist es aber ein ganz schlichtes Desinteresse an der nachwachsenden Generation. Und offenbar haben die Kinder resigniert und suchen sich „Ersatz“ – und wählen dabei aber die falschen Mittel um aus dieser Lebens- und Sinnkrise herauszukommen.

Helene Hegemann schießt mit Leichtigkeit immer wieder übers Ziel hinaus – ein durchaus aber legitimes Vorrecht junger Menschen – will manchmal offenbar einfach zu viel und verzettelt sich. Nichtsdestotrotz aber hat sie (vielleicht ja auch noch ein paar andere, ungenannte „Mitschreiber“) ein wirklich interessantes Buch geschrieben. Ob dieses Buch nun eine echte „literarische“ Offenbarung ist, mag einfach mal dahingestellt bleiben.

Dieses Buch hebt sich wohltuend heraus aus den im weinerlichen „Xavier-Naidoo-Stil“ geschriebenen Selbsterfahrungsbüchern. Helene Hegemann packt zu und jammert nicht.

Ich bin wirklich gespannt, was diese junge Autorin als Nächstes veröffentlicht. Sie hat es in jedem Falle aber verdient, dass man sie im Auge behält und dass man sie nicht wegen eines – natürlich sehr dummen – Fehlers fallen lässt.

Ein lesenswertes Buch, da es einfach nur herrlich polarisiert. Mehr solche Bücher in der deutschen Literatur, und man kann dann sicher das Beatmungsgerät der deutschen Literatur mal wieder für ein paar Stunden abstellen.

Jan

Ullstein Verlag 2010, Hardcover 14,95 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3550087929

“Acid House” von Irvine Welsh

acid.jpgWer das Normale und gleichzeitig das Außergewöhnliche sucht, der liegt mit diesem Buch von Irvine Welsh sicher richtig. Welsh ist ein Autor der sich nicht mit Banalitäten abgibt, obwohl er sie auf eine ganz besondere Art und Weise beschreibt. Er ist ein Autor des Widerspruchs. Seine Sprache ist deftig, zum Teil sehr hart, trotzdem verbirgt sich in ihr eine tiefe Emotionalität, geprägt von einer oftmals hoffnungslosen Resignation. Welsh beschreibt das Leben so wie es vielerorts gelebt wird; gelebt von Losern und Außenseitern, gelebt von denen, die immer und überall vergessen oder übersehen werden.

Irvine Welsh beschönigt nichts, ganz im Gegenteil. Er beschreibt die Dinge so wie sie sind, nimmt dabei auf nichts und niemanden Rücksicht. Seine Beschreibungen sind brutal real, aber wahrscheinlich kann man es auch nicht anders beschreiben. Trotzdem sind die Geschichten in diesem Buch von einer gnadenlosen Energie und von einem zum Teil schon verletzenden Sarkasmus.

Irvine Welsh wurde 1958 geboren und lebt in Amsterdam, London und Schottland. Er gehört zu den wirklich unbequemen zeitgenössischen Autoren, er gehört zu denen die anecken, die sich nicht einschüchtern lassen.

Die 13 in diesem Buch versammelten Geschichten sind jede für sich eine literarische Kostbarkeit. Welsh schreibt kompromissloser als Charles Bukowski und seine Themenvielfalt ist schon beeindruckend.

Ein Buch das polarisiert, es ist lesenswert – sicher aber nicht für jede und jeden.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag, 1999, broschiert vergriffen, ISBN: 978-3462028140

“Auf eine Zigarette mit Helmut Schmidt” von Helmut Schmidt und Giovanni DiLorenzo

helmut.jpgImmer am Freitagmittag trafen sich der ehemalige Bundeskanzler und jetzige ZEIT-Mitherausgeber Helmut Schmidt und der Chefredakteur der ZEIT Giovanni di Lorenzo auf eine Zigarettenlänge im Büro Lorenzos. Und dann beginnt ein Frage- und Antwortspiel der ganz besonderen Art und Güte.

Giovanni di Lorenzo fragt und Helmut Schmidt antwortet. Auf kurze aber sehr substantielle Fragen antwortet der ehemalige Bundeskanzler genauso kurz und auf den Punkt kommend. Beide reden nicht um den heißen Brei, denn eine Zigarettenlänge ist halt doch eine sehr endliche Zeitspanne.

In diesem Jahr wird Helmut Schmidt 91 Jahre alt und er hat immer noch etwas zu sagen, mischt sich immer noch ein und nimmt dabei weder auf Namen, Positionen oder Traditionen Rücksicht. Gradlinig vertritt er seine Ansichten und kann dabei durchaus sehr ätzend werden. Und es ist schon erwähnenswert und ein echtes Phänomen, dass man diesem Ex-Kanzler immer noch aufmerksam zuhört. Er drängt sich mit seinen Ratschlägen niemanden auf, aber sicher ist ihm auch bewusst, dass ihm nach wie vor sehr viel Aufmerksamkeit schenkt.

Wenn man dieses Buch liest, dann wird man sich sehr schnell der Tatsache bewusst, dass es Politiker seiner Couleur wohl leider kaum noch gibt. Helmut Schmidt ging es stets um die Sache, die eigene Person hat er nie sehr wichtig genommen – heute ist es leider vielfach genau anders herum.

Seinen ganz besonderen Reiz nimmt das Buch aus der Tatsache, dass es keine langen Monologe gibt, dass Frager und der Antwortende immer sehr schnell und ohne Umschweife auf den Punkt kommen.

Man erfährt viel über den Menschen Helmut Schmidt, über seine Gedanken zu Familie und politischen Weggefährten, über seine Beziehung zur Kunst und zur Musik, aber Fragen zum christlichen Glauben werden nicht ausgespart. Es ist ein durchaus emotionales und ein politisches Buch, es ist aber auch ein zutiefst menschliches Buch. Sehr empfehlenswert.

Jan

Kiepenheuer & Witsch Verlag 2009, Hardcover 16,95 €, 288 Seiten, ISBN: 978-3462040654

“Grenzgang” von Stephan Thome

grenzgang.jpgAlle sieben Jahre wird im hessischen Bergenstadt das „Grenzgang-Fest“ gefeiert. Drei Tage dauert dieses traditionelle Volksfest. Und abends im Festzelt geht es dann hoch her. Aber zwei Menschen stehen abseits. Da ist zum einen Thomas Weidmann, dessen Vertrag an der Universität nicht verlängert wurde und der nun als Lehrer am städtischen Gymnasium unterrichtet. Und zum anderen ist da Kerstin Werner, geschieden und zudem noch mit der demenzkranken Mutter belastet. Und auch ihr Sohn Daniel lebt seine pubertierenden Probleme in vollem Umfange aus. Und vor sieben Jahre – beim letzten Volksfest – da sind sich Thomas und Kerstin schon einmal begegnet, eine Begegnung die beiden mit gemischten Gefühlen zurückgelassen hat.

„Grenzgang“ ist ein durchaus gelungenes Romandebüt. Stephan Thome wurde 1972 in Biedenkopf/Hessen geboren. Er studierte Philosophie, Religionswissenschaft und Sinologie an der Freien Universität in Berlin und an verschiedenen Universitäten in China. Seit 2005 lebt Stephan Thome in Taipeh/Taiwan.

Sicher wird dieses Buch kein literarisches Erdbeben auslösen und auch den Literaturnobelpreis wird es schwerlich dafür geben. Aber Stephan Thome ist eine durchaus bemerkenswerte Milieustudie gelungen. Großstadt trifft auf Provinz und die Provinzler verhalten sich dabei aber nicht immer so, wie man es von ihnen eigentlich aufgrund der allgemeinen Vorurteilslage erwarten würde. Thome schreibt die Normalität in einer sehr ansprechenden Art und Weise. Sein Schreibstil ist ansprechend und da schaut man eben auch gern darüber hinweg, wenn an einigen Stellen sein Hang zu Formulierungsspielchen ein wenig zu ausgeprägt ist. Aber schafft es dann immer wieder sehr schnell die Kurve zu kriegen. Stephan Thome ist ein guter Beobachter seiner Mitmenschen. Es sind gerade die menschlichen Verhaltensweisen die er punktgenau schildert ohne sich dabei in Drumherumgerede zu verlieren. Seine Personen sind klar gezeichnet, lassen aber trotzdem noch Platz für eigene Vorstellungen der Leserinnen und Leser.

Wer irgendwelche bahnbrechenden epochalen Botschaften erwartet, den wird dieses Buch enttäuschen. Wer aber bereit ist, einem jungen Autor die Gelegenheit zu geben sich vorzustellen, der wird auf seine Kosten kommen. Wenn Stephan George dieses Level halten kann, dann kann aus einem hoffnungsvollen literarischen Talent über kurz oder lang sicher ein wirklich etablierter Autor werden.

Ein lesenswertes Buch.

Jan

Suhrkamp Verlag, 2009, Hardcover 22,80 €, 454 Seiten, ISBN: 978-3518421161

“2666″ von Roberto Bolano

2666.jpgWenn man dieses Buch aufschlägt, dann liegen rund 1100 Seiten eines wirklich beeindruckenden Leseerlebnisses vor den Leserinnen und Lesern, ein „Meilenstein der literarischen Evolution“ wie die ZEIT meinte. Roberto Bolano hat mit „2666“ ein Buch geschrieben, welches sich kaum in irgendwelche Kategorien einordnen lässt, ein Buch, das sich mit Händen und Füßen dagegen wehrt in irgendwelche Schubladen gepackt zu werden.

Aber worum geht es jetzt eigentlich in Bolanos „2666“? Eine Frage, so simpel sie auch ist, auf die eine eindeutige, eine klare Antwort sehr schwer fällt.

„2666“ besteht aus fünf Teilen, die aber kaum in einer Verbindung zueinander stehen, auch dann nicht, wenn berücksichtigt wird, dass man in den einzelnen Teilen immer mal wieder die eine oder andere Figur wiedertrifft.

Im ersten Teil treffen wir auf vier Literaturwissenschaftler aus Spanien, England, Frankreich und Italien. Drei Männer und eine Frau. Diese vier Wissenschaftler sind auf der Suche nach dem Werk des Schriftstellers Archimboldis, das sie seit den Achtzigern des vorigen Jahrhunderts fasziniert. Allerdings hat sich Archimboldis völlig aus der Öffentlichkeit zurückgezogen auch wenn sein Bekanntheitsgrad fast täglich wächst. Und es kommt wie es kommen muss, die drei Männer verlieben sich in ihre englische Kollegin und diese schläft auch abwechselnd mit ihnen, wobei der italienische Kollege nicht in den Genuss einer gemeinsamen Nacht mit ihr kommt, da er an den Rollstuhl gefesselt ist. Aber auch das Beziehungsgeflecht untereinander hält sie nicht davon ab, von Literaturkongress zu Literaturkongress zu eilen und ihrer Leidenschaft für diesen Autor zu frönen.

Ihre Suche führt die vier Literaturwissenschaftlicher letztendlich nach Mexiko in den Ort Santa Teresa. Hier sind in den letzten Jahren rund 400 Frauen einem Serienmörder zum Opfer gefallen. Hier treffen sie auch den Philosophieprofessor Amalfitano. Mit diesem beschäftigt sich dann der zweite Teil des Buches, aber eben nicht wie man denken könnte, mit ihm und den vier Literaturwissenschaftlern, nein, diese finden im zweiten Teil gar nicht mehr statt.

Im zweiten Teil geht es ausschließlich um Professor Amalfitano und seinen langsamen Trip in den Wahnsinn. Aber wir treffen dort auch seine Tochter Rosa, die dann im dritten Teil auf den Amerikaner Fate trifft, einen afroamerikanischen Journalisten, der eigentlich über einen Boxkampf berichten soll, sich aber viel lieber der Mordserie zuwenden würde.

Über diese Mordserie ist dann im vierten Teil zu lesen. Diese Mordserie hat es wirklich gegeben, Santa Teresa steht hier für den Ort Ciudad Juarez. Minutiös schildert Bolano dann das Schicksal von 108 ermordeten Frauen. Es sind kleine Berichte voller Grausamkeit und Gnadenlosigkeit.

Im letzten Teil kann man dann über das Leben des Schriftstellers Archimboldi lesen, über seine Schwester Lotte und deren Mann, einem Klaus Haas, den man für die Frauenmorde in Mexiko ins Gefängnis gesteckt hat.

Roberto Bolanos Buch ist nicht so richtig greifbar, aber gerade daraus zieht es seine ganz besondere Faszination. Es ist aber auch der fast monotone Erzählstil des Autors, der den Leser ganz schnell in seinen Bann zieht. Monotonie als besonderes Stilmittel – sehr gelungen und man hätte dieses Buch wohl auch kaum anders schreiben können.

Bolano zeigt mit seinem Roman die ganze Sinnlosigkeit der Welt, in der sich vieles einfach nur auf irgendwelchen Zufällen gründet und in der es für viele Sache eben keine rationale Erklärung gibt. Es passieren in dieser Welt so unendlich viele Dinge, die nichts miteinander zu tun haben und es ist da eben dem Zufall überlassen, diese Dinge so zu ordnen, dass sie plötzlich doch etwas miteinander zu tun haben. Wer aber nun meint und rund 1100 Seiten auf die finale Auflösung gewartet hat, der wird vielleicht enttäuscht sein, denn es gibt sie nicht, diese alles befriedigende Auflösung, diesen vielleicht herbeigesehnten alles erklärende Schluss des Buches. Es ist vielmehr ein Schluss, der genaugenommen eventuell neue Anfänge begründen könnte – ob er es aber auch tut? Keine Ahnung.

Roberto Bolano ist ein ganz besonderes Buch gelungen, ein Buch das sicher nicht so schnell aus dem Gedächtnis verschwindet – aber ob es auch ein großes, ein gutes Buch ist – dieses Urteil ist von jedem Leser individuell zu fällen. Auch die Frage ob es sich bei diesem Buch nun um einen realistischen Roman oder eher um eine Absurdität handelt, wird man nicht so einfach beantworten können. Einiges ist realistisch, aber es ist eine Realität, die sehr schnell in ein absurdes Etwas umschlagen kann.

Niemand sollte sich von diesem Umfang von 1100 Seiten beeindrucken lassen. Man liest sie schneller als man denkt, weil man von diesem Buch – so ging es mir wenigstens – kaum lassen kann.

Ein sehr interessantes, ein wahrhaft nicht alltägliches Leseerlebnis. Ein Jahrhundertbuch? Vielleicht – wer weiß….

Jan

Carl Hanser Verlag, 2009, Übersetzung: Christian Hansen, Hardcover 29,90 €, 1096 Seiten, ISBN: 978-3446233966

seite.jpgDie 12jährige Hero hat irgendwann beschlossen nicht mehr zu sprechen. Lediglich mit ihrem Bruder Athol redet sie. Ihren anderen Geschwistern und ihren Eltern Annie und Mike begegnet sie mit Schweigen. Hero lebt auch ein wenig in ihrer ganz eigenen Welt, eine Welt ohne Zugang für Dritte.

Eines Tages wird sie von der Nachbarin, Miss Credence, angeheuert sich für zehn Dollar die Stunde um den großen Garten zu kümmern. Doch schon bald wird Hero klar, dass diese Nachbarin von einem Geheimnis umwoben ist. Vielleicht passen zu diesem Geheimnis die seltsamen Geräusche die aus Miss Credence Haus kommen? Hero macht ihren Job und übernimmt dann zusätzlich auch noch weitere Hausarbeiten. Doch ganz langsam beschleicht sie ein unheimliches Gefühl welches stetig zunimmt. Auch Miss Credence scheint irgendwie merkwürdig zu sein. Eines Tages, als Miss Credence ihrem Job als Posthalterin nachgeht, macht sich Hero auf Entdeckungsreise durch das Haus. Und dann entdeckt sie das Geheimnis der Miss Credence und sie fast den Entschluß ihr Schweigen zu beenden.

Margaret Mahy hat eine spannende Geschichte geschrieben, in welcher dem Leser die unterschiedlichsten Charaktäre begegnen. Da sind die zum Teil etwas durchgeknallten Geschwister, an der Spitze die älteste Schwester Ginevra, die nach vier Jahren Abwesenheit plötzlich wieder zuhause auftaucht und so tut als ware sie nur kurz weggewesen. Da ist ihr Vater Mike, der seine Erfüllung als Hausmann findet und die Mutter Annie, die Pädagogik an der Hochschule unterrichtet.

Hero ist ein junges Mädchen welches seinen Platz in einer lauten, sich intellektuell gebärdenden Familie sucht. Kaum jemand hat ihr aber jemals zugehört, so dass sie beschloß einfach mit dem Reden aufzuhören.

Margaret Mahy macht deutlich, was es für einen jungen Menschen heist, seinen Platz im Leben zu finden und ihn dann auch noch auszufüllen. Sie fordert ihre Leser, gerade auch für die etwas jüngeren Leser dürfte dieses Buch “kein Spaziergang” sein. Die spannende Handlung scheint eigentlich nur mehr Beiwerk zu sein. Es geht hier um das Beziehungsgeflecht in einer Familie und um die gedankliche Flucht aus einem familiären Chaos. Dieses Buch ist mit großer Sensibilität geschrieben, nirgends wird der Zeigefinger erhoben und nichts wird mit dem Holzhammer präsentiert. Manchmal sind es gerade die leisen Töne die sich vorn drängen und dadurch eine ganz besondere “Lautstärke” entwickeln.

Ein sehr lesenswertes Buch – nicht nur für junge Menschen.

Jan

Deutscher Taschenbuch Verlag 2000, Übersetzung: Cornelia Krutz-Arnold, Taschenbuch leider vergriffen, 272 Seiten, ISBN: 978-3423705943