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Archiv der Kategorie Christine

“Das Wetter vor 15 Jahren” von Wolf Haas

15 Jahre lang verbringt Vittorio Kowatsch mit seinen Eltern den Sommerurlaub in einem österreichischen Tourismusort. Dort lernt er die gleichaltrige Anni, Tochter des Vermieters, kennen und lieben. Nach einem „Jahrhundertgewitter“ bricht jeder Kontakt ab, Vittorio kann seine Freundin aber nicht vergessen. Akribisch beobachtet er über die nächsten 15 Jahre das Wetter des Urlaubsortes, ein „Hobby“ das ihn zu einem Auftritt bei „Wetten, dass…“ bringt.
Nach 15 Jahren kommt es zu einem Wiedersehen mit Anni, die in Begriff ist, den Nachbarjungen Lukki zu heiraten. Ein neuerliches Aufsuchen der Stätten von damals verhilft ihm zu umwerfenden Erkenntnissen ….

Zugegeben, es klingt wie ein hochkitschiger, klischeehafter, vorhersehbarer Liebesroman (den ich nie lesen würde). Doch die originelle Erzählweise, die Wolf Haas wählt, ist genial. Anhand des Mitschnitts eines Interviews des Schriftstellers Wolf Haas mit einer Journalistin der „Literaturbeilage“ über dieses neu erschiene Buch erfährt man erst vom Inhalt. Dabei wird die Handlung nicht chronologisch erzählt, die Story ergibt sich aus den Fragen und Antworten, Reflexionen, Kritiken und Vermutungen im Interview. Es liegt am Leser, sich die Story „zusammenzubasteln“, was gar nicht so einfach ist … Das Ende wird vorweg genommen, zwischen den Zeitebenen wird munter hin- und hergesprungen und auch die Rolle des Autors wird beleuchtet. Voller Sprachwitz und mit viel Ironie wird hier das Handwerk eines Schriftstellers beschrieben, über literarische Kniffe, Wahrheitstreue, Verantwortung gegenüber dem Leser berichtet.

Ein literarisch höchst anspruchsvolles und außergewöhnliches Buch, das sich zwar locker-leicht liest doch aufgrund der Erzählweise alle Aufmerksamkeit erfordert.

Wenn Liebesgeschichten SO präsentiert werden, dann kann auch ich mich dafür absolut begeistern, bravo, Wolf Haas!

Christine

Deutscher Taschenbuch Verlag 2008, TB 8,90 €, 224 Seiten, ISBN: 978-3423136853

“Tirza” von Arnon Grünberg

Jörgen Hofmeester, Ende 50, wohlhabend, Vater zweier Töchter, Tirza und Ibi. Seine Frau hat die Familie vor 3 Jahren verlassen, um mit einem Jugendfreund auf ein Wohnboot zu ziehen. Der Vater kümmert sich fürsorglich, vorbildlich und rührend um seine Jüngste, Tirza ist sein ein und alles, Tirza ist sein Augenstern, seine Sonnenkönigin. Jeder Wunsch wird ihr von den Lippen abgelesen, der Weg geebnet, Komplikationen aus dem Weg geräumt. Nach außen hin ist Jörgen Hofmeester ein Bilderbuch-Vater und präsentiert sich auch dem Leser als solcher.

Im Zuge der Vorbereitungen zur Abiturparty seiner Tochter Tirza die Jörgen mit all seiner Pedanterie und Perfektionismus zu einem unvergesslichen Fest machen will und dem plötzlichen Erscheinen der Mutter der Kinder (die im Buch immer nur als „die Ehefrau“ bezeichnet wird), kommen die wahren Zustände und Verhältnisse ans Tageslicht und legen den wahren Charakter des Jörgen Hofmeester offen.
Die Ehefrau hat ihn verlassen, weil sie ihn nicht mehr aushielt, auf der Arbeit wurde er bei vollen Bezügen freigestellt, weil er unbrauchbar ist, für eine Entlassung aber zu alt. Mit Akribie baut sich Jörgen eine Scheinwelt auf, verlässt jeden Tag pünktlich – mit Aktentasche unterm Arm – das Haus, um seine „Arbeitszeit“ am Flughafen zu verbringen, kehrt zu „Dienstschluss“ wieder heim und kümmert sich um seinen einzigen (Über-)lebensgrund, seine Tochter Tirza. Ihr Vorhaben, nach dem Abitur auf Weltreise zu gehen, wirft ihn aus der Bahn.

In Rückblenden, Erinnerungen werden die 20 Jahre Ehe – vom Kennenlernen, über die Geburt der Töchter, den Bruch mit der älteren Tochter, bis zu seinen beruflichen (Miss-)Erfolgen mosaikartig zusammengebaut, Abgründe offengelegt, Zusammenhänge deutlich gemacht. Einzelne Hinweise, Andeutungen werden erst in den letzten Kapiteln des Buches erklärt, was den Leser in einen ungeheuren Sog versetzt, das Buch ist kaum aus der Hand zu legen.

Es ist ein ruhiges Buch, die Erzählung „plätschert“ dahin, ist aber in keiner Passage langweilig. Gefesselt und atemlos liest man über das Scheitern des Jörgen Hofmeester, sein Versagen in beruflicher, sexueller und zwischenmenschlicher Hinsicht, liest gebannt die Anfeindungen und Gehässigkeiten, die ihm seine Ehefrau vorwirft, erfährt die menschlichen Abgründe des Protagonisten mit all seinen Wahnvorstellungen und Neurosen, als würde man einen Reißverschluss langsam öffnen. Und am Ende? – Ja, damit hat wohl keiner gerechnet …..

Arnon Grünberg:
geb. 1971 in Amsterdam, lebt seit 1995 in New York. Er publiziert auch unter dem Pseudonym Marek van der Jagt. Mit seinen mit Preisen ausgezeichneten Romanen “Phantomschmerz” oder “Der Vogel ist krank” gelang ihm der internationale Durchbruch.

Genial aufgebaute Story, eines meiner Highlights 2010 und den „üblichen Verdächtigen“ ans Herz gelegt!

Christine

Diogenes Verlag 2009, Übersetzung: Rainer Kersten, broschiert 11,90 €, 572 Seiten, ISBN:  978-3257239379

“Wir fliegen” von Peter Stamm

In 12 kurzen Erzählungen begegnen wir typischen Stamm-Figuren aller Gesellschafts- und Altersschichten, einsame Menschen und Menschen, die mitten im Leben stehen, Menschen, die still ihr Leben ertragen und andere, die aufbrechen wollen. Und es wäre nicht Peter Stamm, würde dieser Aufbruch immer gelingen. Die Personen führen allesamt ein unbefriedigendes Dasein, oft selbstverschuldet, leiden leise, träumen, fantasieren und werden begleitet von mehr oder weniger heftigen Neurosen. Es sind keine spektakulären Geschichten, manche muten fast banal an, als könnten sie auch dir und mir passieren. Es geht um das Erwachsenwerden und das Altern, Einsamkeit, unvergessliche Jugendlieben, verpasste Chancen, zerstörte Hoffnungen, Ängste, Sehnsüchte, Identitätssuche, Scheitern und oft nur um das schlichte Bewältigen des Alltags. Einfach und fast lakonisch werden diese Lebenswege und Lebenswendungen beschrieben, schnörkellos, atmosphärisch dicht und sehr eindringlich. Sehr lesenswert!

Peter Stamm, geboren 1963, studierte nach einer kaufmännischen Lehre einige Semester Anglistik, Psychologie, Psychopathologie und Wirtschaftsinformatik. Längere Aufenthalte in Paris, New York und Skandinavien. Seit 1990 freier Autor und Journalist. Verfasste mehrere Hörspiele, ein Theaterstück und arbeitet seit 1997 als Redakteur für die Literaturzeitschrift “Entwürfe für Literatur”. Peter Stamm lebt heute in Zürich.

Christine

Fischer Verlag 2009, Taschenbuch 8,95 €, 176 Seiten, ISBN: 978-3596178032

“Die Demütigung” von Philip Roth

Simon Axler ist 65 und seine große Zeit als gefeierter Bühnenschauspieler ist abgelaufen. Jeder Auftritt wird zur Qual, das Publikum schwindet, und Versagensängste führen zu einem Zusammenbruch, der ihn für 26 Tage in die Psychiatrie bringt. Seine Frau – für die er zeit seiner Ehe der Fels in der Brandung war, verlässt ihn und Simon spielt mit Selbstmordgedanken. Als die um 20 Jahre jüngere – lesbisch veranlagte – Pegeen, die Tochter von Jugendfreunden bei ihm auftaucht beginnt er eine Affäre mit ihr, und spürt sich plötzlich wieder leben. Er wendet alle Kraft dafür auf, Pegeen zu „seiner“ Frau zu machen, muss aber schmerzhaft entdecken, dass er sich einer Illusion hingegeben hat.

Die Thematik ist nicht neu, man trifft auf typische Roth-Figuren. Im Mittelpunkt steht ein scheiternder, „ausgedienter“ Künstler, von sämtlichen Altersleiden gezeichnet, einsam, selbstherrlich, nicht wahrnehmen wollend, dass der Lebensabend erreicht ist, jedoch ausgestattet mit fast ausufernden sexuellen Phantasien.

Es ist zwar immer wieder ein Genuss, Philip Roths routinierten, kompakten, teils ironischen, teils berührenden Schreibstil zu lesen, doch ich habe vielleicht schon zu viele dieser Roth-Bücher gelesen, für mich gab es nichts Neues zu entdecken. Ein Buch, das mit seinen gut 130 Seiten schnell gelesen ist, aber auch genauso schnell wieder in Vergessenheit gerät. Für Roth-Kenner ein weiteres Stück in der Sammlung, für Roth-Neueinsteiger nicht empfehlenswert.

Christine

Hanser Verlag 2010, Übersetzung: Dirk von Gunsteren, Hardcover 15,90 €, 137 Seiten, ISBN: 978-3446234932

“Der liebe Gott macht blau” von Arto Paasilinna

Der liebe Gott ist seiner Schöpfung überdrüssig, von den Menschen genervt und möchte sich für ein Jahr eine Auszeit nehmen, um Abstand zu gewinnen und wieder Kraft zu tanken. In einem komplizierten Auswahlverfahren wird der finnische Kranführer Pirjeri Ryynänen als seine Vertretung bestimmt, der mit tatkräftiger Unterstützung von Petrus und dem Erzengel Gabriel die Geschäfte übernehmen soll.

Pirjeri ist voller Tatendrang und setzt sich als vorrangiges Ziel die Wiederherstellung des Weltfriedens und die Beseitigung der Armut. Doch bevor er diese großen Taten setzen kann muss er sich mit allerlei Kleinkram beschäftigen: Löschen eines Buschbrandes in Australien, Reparatur des Fahrrades eines alten Chinesen, Heilen von diversen Wehwehchen, … die Liste der Gebete, die eintreffen, ist unendlich. Zudem sitzt sein Freund, der unbeholfene aber größenwahnsinnige Geschäftsmann Torsti Rahikainnen ständig in der Klemme und begleitet und beschäftigt Pirjeri während dessen Amtszeit als Gott.

Bei seinem Vorhaben, Missstände aufzudecken und zu bereinigen merkt er rasch, dass es selbst als Gott gar nicht so einfach ist, festgefahrene Praktiken und Institutionen zu verändern. Er mischt sich in die Belange Indiens ein und wird von den Hinduisten ordentlich zurechtgewiesen, er lernt Mose kennen der ihm erklärt, warum er sich als Hauptverantwortlicher des Nahost-Konfliktes fühlt, er prangert die Bürokratie und Haltung des Vatikans an und schafft es dabei kaum, zu einer Audienz des Papstes vorgelassen zu werden. Zudem hat er mit der steten Versuchung des Satans, der überall seine Finger im Spiel hat, zu kämpfen. Pijeri muss eingestehen, „dass Gutes seine Zeit braucht und dass der ständige Kampf gegen das Böse undankbar und ermüdend ist“ (Seite 279).

Mit tiefschwarzem Humor zeigt Paasilinna die menschlichen Schwächen und die Missstände auf Erden auf und verschont dabei auch sein eigenes finnisches Völkchen nicht. Dennoch lässt sich immer wieder seine Verbundenheit zu Finnland herauslesen, nicht zuletzt als Pijeri alles daran setzt, den Himmelsthron von Bulgarien nach Finnland zu verlegen. Paasilinnas Auseinandersetzung mit der Gottesherrschaft ist ebenso skurril wie erschreckend real, ohne jemals die Pietät, die der Thematik zusteht, zu verlieren, ohne jemals in Geschmacklosigkeit abzugleiten.

Für mich war es das erste Kennenlernen des finnischen Erfolgsautors und es macht jedenfalls Lust auf mehr!

Christine

Bastei-Lübbe, 2008,  288 Seiten, Gebundene Ausgabe, ISBN: 978-3785716212

“Erklärt Pereira” von Antonio Tabucchi

 August des Jahres 1938. In großen Teilen Europa übernehmen faschistisch-diktatorische Regime die Macht, so auch in Portugal, wo sich die Diktatur des Antonio de Oliveira Salazar etabliert, Medienzensur, Überwachung und weitere totalitäre Instrumente prägen den Alltag.
Dies alles geht fast unscheinbar an Pereira, einem gebildeten, intelligenten aber sehr zurückgezogen lebenden Journalisten, vorbei. Er betreut das Kulturressort einer kleinen portugiesischen Abendzeitung, beschäftigt sich lieber mit den französischen Schriftstellern des 19. Jh. statt mit der unangenehmen Realität und spricht mit seiner verstorbenen Frau. Als er Monteiro Rossi, ein junger Mann, der über den Tod in der Literatur promoviert hat, kennenlernt und ihn als freien Mitarbeiter einstellt, um Nachrufe für die Zeitung zu schreiben, wird er mit der Realität konfrontiert. Die Zeitungskolumnen, die Rossi produziert, sind allesamt unbrauchbar, vielmehr ist Rossi politisch im Widerstand höchst aktiv. Pereira kann sich seine Faszination an der Person des jungen Mannes selber nicht erklären, sieht in ihm aber ein wenig den Sohn, den er selber nie hatte und fühlt sich in seine eigene Jugendzeit versetzt. Er unterstützt ihn wo er nur kann und wird auch selber immer weiter in die politische Realität hineingezogen.

Diese politische Bewusstseinswerdung vom zurückgezogen, einsamen, in der Vergangenheit lebenden Pereira zum regimekritischen, und letztlich auch aktiven Widerstandskämpfer wird ganz subtil und in kleinen Schritten in Form eines Protokolls erzählt, das mit den Worten „Pereira erklärt…“ beginnt und mit „… erklärt Pereira“ endet. Dazwischen wiederholen sich diese beiden Worte ständig, degradieren aber niemals zur nervigen Wendung sondern geben dem Bericht den Anschein eines Verhörs und entwickeln eine beklemmende Sogwirkung, der man sich nur schwer entziehen kann. Wer dieses Protokoll aufnimmt, erfährt man erst im Nachwort.

Ein sehr nachhaltig beeindruckendes Buch, dessen leichte Lesbarkeit nicht über den Anspruch des Inhalts hinwegtäuscht. Absolute Empfehlung!

Das Buch wurde 1995 von Roberto Faenza mit Marcello Mastroianni in der Hauptrolle verfilmt. Den Film kenne ich leider nicht.

Christine

Deutscher Taschenbuch Verlag 1997, Taschenbuch, 224 Seiten, ISBN-13: 978-3423124249

“Das Hotel New Hampshire” von John Irving

Win Berry und Mary Bates, beide geboren 1920, lernen Ende der 30er Jahre einander bei einem Praktikum im Hotel Arbuthnot-by-the-Sea kennen und lieben. Der Wiener Schausteller „Freud“, Gast des Hotels, erweist sich als treuer Freund und Ratgeber, überlässt den beiden seinen Tanzbären „O’State o’Maine“ ringt den beiden das Versprechen ab, nichts unversucht zu lassen, Träume zu verfolgen und einander alles zu verzeihen, ehe er in das brennende Europa zurückkehrt. Sein Leitspruch „Es ist eine harte Arbeit und eine große Kunst, dass das Leben nicht zu ernst wird“ wird die beiden und deren 5 Kinder sowie den furzenden Hund der Familie mit dem bezeichnenden Namen „Kummer“ auf ihren turbulenten Lebensweg begleiten, sie Schicksale überwinden, gegen Widrigkeiten kämpfen, Unabwendbares hinnehmen und dabei den Blick nach vorne und das Träumen nie verlieren lassen. Die Verwirklichung von Wins größtem Traum - ein eigenes Hotel – geschieht in 3 Anläufen inkl. einem Abstecher nach Wien, und ist jedes Mal von Hindernissen geprägt.

Erzählt wird die Geschichte dieser ungewöhnlichen Familie von John, dem mittleren der 5 Kinder. In bester Irving-Manier werden skurrile Charaktere mit eigentlich absurden Eigenschaften als alltäglich dargestellt, abstruse Situationen als völlig normal hingenommen, ein Feuerwerk von irrwitzigen, schrulligen, todtraurigen und doch sehr lebensnahen Situationen quer durch Gesellschaft, Politik, Zeitgeschichte, Literatur und zwischenmenschlichen Beziehungen abgelassen. Irvings Personen sind einzigartig, tiefgründig, jede mit einem Makel behangen und gerade deshalb so liebenswert. Manche Sätze hängen wie Schatten über dem Buch und werden nicht selten zu „running gags“, bei denen allerdings nicht selten das Lachen im Hals stecken bleibt.

Ein Meisterwerk, das John Irving mit diesem Buch geschaffen hat, ein Buch, das sich mühelos auf eine Stufe mit seinen (meiner Meinung nach größten) „Werken“ Owen Meany“ “Gottes Werk” oder „Garp“ einreihen lässt.

Christine

Diogenes Verlag 1984, Übersetzung: Hans Hermann, Sonderausgabe 12,90 €, 596 Seiten, ISBN: 978-3257211948

“Trotzdem: Menschen mit Lebensmut” von Christine Haiden und Petra Rainer

Christine Haiden, geb. 1962 ist eine renommierte österreichische Journalistin und berichtet in diesem Buch von 20 Menschen, die das Leben vor besondere Herausforderungen stellte. Sei es ein Unfall, die Diagnose einer schweren Krankheit, ein Unglück – das Leben der Betroffenen stand plötzlich still und wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt.
Zum einen sind es namhafte Persönlichkeiten, wie Erika Pluhar, die mehrere Tode, v.a. den ihrer einzigen Tochter zu beklagten hatte, oder Katrin Schmidt, über deren Schicksal man spätestens nach Verleihung des „Deutschen Buchpreises“ weiß, zum anderen sind es aber Menschen aus den verschiedensten Milieus – Sportler, Obdachlose, Bäuerinnen, Kinder; das Schicksal wählt nicht nach Status, Einkommen oder Beruf.

In persönlichen Gesprächen mit den Betroffenen werden sensible Porträts geschildert, die weder nach Effekte haschen, noch nach Mitleid verlangen oder entblößen. Es sind keine „Übermenschen“, die Betroffenen haderten mit ihrem Schicksal, rangen und zweifelten, doch jeder fand „seinen Weg“, auch wenn dieser Weg zum „Annehmen“ ein sehr beschwerlicher und kräfteraubender war.

Ergänzt durch großartige und sehr stimmige Fotos von Petra Rainer ist den beiden ein Buch gelungen, das den Leser in seinem „gestressten“ Alltag und Hamsterrad innehalten lässt, nachdenken lässt, und einem Betroffenen Hoffnung und Lebensmut vermittelt, dass das Leben „trotzdem“ lebenswert ist. So formuliert eine an einer Muskelkrankheit Erkrankte ihre Antwort auf die Frage, „Was macht Ihr Leben lebenswert?“ folgendermaßen: „Der eine hat eine Freude mit einer Kreuzfahrt, der andere, wenn er sich wieder einen Tag lang die Gabel selbst halten kann.

Und wenn die WHO Gesundheit mit „ein Zustand des vollständigen körperlichen, geistigen und sozialen Wohlergehens und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen“ definiert, dann bleibt mir nur zu sagen, diese Menschen sind alle gesund!

Ein Buch, das sich hervorragend als Geschenk für einen „Betroffenen“ eignet! Und die wunderschöne Aufmachung und hervorragende Qualität des Buches rechtfertigt auch den Preis!

Christine

Residenz Verlag 2009,  Hardcover 27,90 €, 156 Seiten, ISBN: 978-3701731497

“Eine Frau flieht vor einer Nachricht” von David Grossmann

Ora verlässt ihr Zuhause, als ihr geliebter Sohn Ofer sich freiwillig zum Militärdienst meldet. Sie hat Angst vor der Botschaft seines Todes und meint, wenn sie nicht zu Hause ist, wird sie die Nachricht nicht erreichen und somit ist der Tod ungeschehen. Ihr Jugendfreund Avrim, zugleich leiblicher Vater des Ofer, begleitet sie auf einer Reise quer durch Galiläa, die beiden verbindet eine turbulente Zeit über die letzten 30 Jahre.
Mit jedem Kilometer, den sie sich von ihrer Heimat entfernt, entflieht sie einerseits dem Alltag und den gegenwärtigen Problemen, nähert sich aber gleichzeitig den Geschehnissen in den letzten 30 Jahren, immer im Hintergrund der politischen Lage des Israel im ausgehenden 20. Jahrhundert. Aus dem anfänglichen Geplänkel über belanglose Angelegenheiten geht es immer mehr ans „Eingemachte“, gleichzeitig distanziert sie ihre Person von den Erlebnissen, die dadurch aber nur noch eindrücklicher werden. Da ist ihre Ehe mit Ilan und dem gemeinsamen Sohn Adam einerseits, demgegenüber Ofer, der geliebte uneheliche Sohn mit Avirm, der seinen Vater nie kennen gelernt hat und um den sich Ilan so fürsorglich kümmert. Und da sind vor allem ihre Ängste, wenn die Söhne in den Krieg ziehen, ihre Enttäsuchung über deren Begeisterung darüber, ihre Alpträume, ihre Mutmaßungen, und nicht zuletzt aber auch ihre Hoffnung.

Avrim, von Kriegsgefangenschaft gezeichnet und ohne jegliche Lebensfreude, ist anfänglich nur der stumme, passive Zuhörer (wenn überhaupt), wird aber immer tiefer in die Geschichte hineingezogen (in der auch er eine so große Rolle spielt) und entwickelt sich zu einem immer mehr Anteil nehmenden, betroffenen Zuhörer, der nach und nach selber in die Geschichte eingreift, seinen Part dokumentiert und seine Erlebnisse einbringt. Die Zerrissenheit der Familie spiegelt sich in der Zerrissenheit des Landes wider. Wunderschöne Beschreibungen des Landes Israel, das landschaftlich von Wüsten bis Gebirgszügen, von ausgetrockneten Wadis bis zu fruchtbaren Gegenden alles bietet, runden die Erzählung ab. Viele Rückblenden – die zudem nicht chronologisch erzählt werden - geschehen auf Gedankenebene, in inneren Monologen, die Kombination dieser Erzählstile entwickelt einen unheimlichen Sog, den Grossman meisterlich über 736 Seiten (!) aufrecht erhält, der einem allerdings die ganze Aufmerksamkeit abverlangt aber dem man sich kaum entziehen kann.

Ein großartiges Buch, ein eindringliches Buch, ein Meisterwerk!

Christine

Hanser Verlag 2009, Hardcover 24,90 €, 736 Seiten, ISBN: 978-3446233973

“Karambolagen” von Hellmuth Karasek

Hellmuth Karasek, geb. 1934, ist Buchliebhabern v.a. als Literaturkritiker und durch seine diskutierfreudige Rolle im legendären “Literarischen Quartett” bekannt. Doch Hellmuth Karasek blickt auf ein sehr bewegtes und abwechselungsreiches Leben mit vielen Begegnungen und Erlebnissen zurück und legt er mit dem Buch “Karambolagen - Begegnungen mit Zeitgenossen - Zeugnis davon ab.

Während seiner Laufbahn als Journalist, Chefdramaturg am Württembergischen Staatstheater Stuttgart und seinen langjährigen Tätigkeiten bei “Die Zeit” und “Der Spiegel” lernte er anlässlich von Preisverleihungen, Empfängen, Interviews und Recherchen aber auch ganz privat und zufällig das “who is who” der Kulturlandschaft - auch über die Grenzen von Europa hinaus - kennen.

In diesem Buch sammelte er Anekdoten über mehr oder weniger berühmte Zeitgenossen aus der Kultur-, Medien-, Theater-, TV- und Politikwelt, wobei manche Überschriften (wie z.B. “Wie ich in Marilyn Monroes Bett schlief….” oder “Mit Günter Grass im Regionalexpress”) oft mehr versprechen und spektakulärer sind als sich dahinter letztendlich verbirgt. Andererseits lässt er uns aber auch teilhaben an unvergesslichen Erlebnissen z.B. mit Woody Allen, Helmut Qualtinger oder Billy Wilder, dessen Biografie er verfasste.

Alles in allem aber eine sehr vergnügliche Reise durch die Jahrzehnte, manch menschliche Einblicke in das Leben der Promis oder auch in Karaseks eigenes bewegtes Leben, Rückschlüsse auf Sympathien und Antipathien (Stichwort Günter Grass) und die eine oder andere Insider-Info hinsichtlich des “Literarischen Quartetts”.

Christine

Ullstein Verlag 2004, Taschenbuch 7,95 €, 287 Seiten, ISBN: 978-3548364940