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Archiv der Kategorie Monika
“Der Meister des Jüngsten Tages” von Leo Perutz
18.1.2010 von Krümel.
Als das „mögliche(m) Resultat eines Fehltritts von Franz Kafka mit Agatha Christie“, bezeichnet der Schriftsteller Friedrich Torberg den Verfasser dieses Romans auf der Rückseite des Buches. Tatsächlich ist die Geschichte um eine Reihe von mysteriösen Selbstmorden, in die der Ich-Erzähler Freiherr von Yosch im herbstlichen Wien des Jahres 1909 verwickelt wird, vielschichtig, doppelbödig und faszinierend. Die ganze Zeit bleibt der Leser im Unklaren darüber, womit er es eigentlich zu tun hat. Mit einem Kriminalroman? Bestimmte Verdachtsmomente, die auf Mord statt Selbstmord verweisen und das klassische Rätsel des geschlossenen Raumes sprächen dafür. Oder hat man einen Psychothriller vor sich? Denn es ist auch die Rede von tiefen Urängsten, alptraumhaften Beklemmungen und schrecklichen Visionen. Schließlich scheint eine alte und mächtige Magie eine unheilvolle Rolle zu spielen, also handelt es sich vielleicht doch um eine phantastische Begebenheit. Welches Spiel spielt der undurchsichtige Yosch? Und was bedeutet die geheimnisvolle Farbe drommetenrot? Wenn auf den letzten Seiten die Auflösung erfolgt, haben sich die verschiedenen Lesarten im Kopf des Lesers zu einer einzigen unheimlichen Geschichte vermischt.
Jorge Luis Borges hat den „Meister des Jüngsten Tages“ in seine Edition der besten Kriminalromane der Welt aufgenommen. Aber als Kriminalroman wollte Leo Perutz seine Erzählung nicht verstanden wissen. Mit Recht. Denn sie geht weit über einen herkömmlichen Krimi hinaus. Der 1923 erschienene Roman ist nicht nur auf seine Art sehr spannend, er spielt auch mit verschiedenen Wirklichkeitsebenen und leuchtet psychologische Untiefen aus. Auf knapp 200 Seiten schafft es der Autor, in einer wunderbar klaren, eindringlichen Sprache Personen und Milieu lebendig werden zu lassen und einen Einblick in das bürgerlich-adlige Leben des historischen Wien vor dem ersten Weltkrieg zu geben. Die Bilder des Herbstes und die Erinnerungen des Protagonisten an versunkenes Glück schaffen zusätzlich zu der rätselhaften, düsteren Stimmung noch eine Atmosphäre von Vergänglichkeit und Verfall. Ein leicht zu lesendes, faszinierendes und schönes Buch von einem Autor, den wieder zu entdecken es sich lohnt.
Monika
Deutscher Taschenbuch Verlag 2003, Taschenbuch 8,90 €, 208 Seiten, ISBN: 978-3423131124
(Bild oben) Büchergilde mit Illustrationen von Bodo Rott, Leinen Hardcover 24,90 €, 240 Seiten, Bestellnr: 157454
Geschrieben in Monika, Klassiker | 1 Kommentar »
“Cheng. Sein erster Fall” von Heinrich Steinfest
15.11.2009 von Patrick.
Für Markus Cheng, Wiener Privatdetektiv mit chinesischer Abstammung, läuft es beruflich schlecht. Da Wirtschaftdelikte aller Art das klassische Verbrechen nahezu verdrängt haben, und das Herumschnüffeln in andrer Leute Privatangelegenheiten nun mal nicht sein Fall ist, gibt es für ihn wenig zu tun. Gerade ist ihm auch noch sein letzter Auftrag entzogen worden, als sich ein flüchtiger Bekannter mit einem ungewöhnlichen Problem an ihn wendet. Der aus Australien stammende Wissenschaftler Ranulph Field wird von einer unbekannten Frau bedroht, die ihn sogar bis in seine Wohnung verfolgt und dort einen Zettel mit der rätselhaften Botschaft „Remember St. Kilda“ hinterlassen hat. Vermutlich ist sie auch Urheberin des nicht gerade Karriere fördernden Gerüchts von einer angeblichen Affäre Fields mit der Frau seines Chefs. Das Gerücht kann Cheng aus der Welt schaffen, in der Sache mit „St. Kilda“ kommt er nicht weiter. Sechs Monate später wird Fields Leiche gefunden. In dem Einschussloch zwischen seinen Augen steckt ein Zettel mit dem Satz „Forget St. Kilda“. Er ist das erste Opfer einer Mordserie, bei der die Täterin jedes Mal die gleiche mysteriöse Botschaft zurücklässt. Ohne es zu wollen, wird Cheng in aberwitzige Geschehnisse verwickelt, bei denen er reichlich Federn lassen muss. Aber erst durch einen Zufall kommt er dem Rätsel auf die Spur. Am Ende landet der mittlerweile zum Invaliden gewordene Cheng absurderweise dort, wo er nie hinwollte: in China. Und erlebt noch einmal eine Überraschung…
Obwohl das Buch alle Merkmale eines klassischen Kriminalromans aufweist, ist der Mordfall hier nur Nebensache. Die Handlung mäandert munter vor sich hin, das Verbrechen wirkt stark konstruiert, die Wendung am Ende bleibt rätselhaft. Im Mittelpunkt steht der bekennende Loser Markus Cheng, der von einem Unglück ins andere gerät und dabei subversive Betrachtungen über die menschliche Natur im Allgemeinen und die österreichische im Besonderen anstellt. Steinfest ist nichts heilig, schon gar nicht die gehobene Wiener Gesellschaft. Er lässt keinen Zweifel daran, wo die wahren Schurken zu finden sind, zieht mit rabenschwarzem Humor und viel Sarkasmus über Seilschaften, Korruption und Geldgier her und nimmt die undurchsichtigen Machtstrukturen und die Doppelmoral der feineren Kreise aufs Korn. Das geht nicht ohne Klischees ab, ist aber so skurril und witzig gemacht, dass es eine Freude ist. Steinfests weitschweifige und detailverliebte, aber immer genau beobachtende Sprache ist voller bizarrer Einfälle, herrlich zugespitzter Formulierungen und stimmungsvoller Szenen. Der „modernen Unart ständigen Relativierens“ setzt er bewusst Parteilichkeit entgegen und erklärt mal mit hinterhältiger Ironie, mal mit blankem Zynismus, mitunter sogar mit drastischer Bösartigkeit, warum Flugzeugabstürze im Grunde eine Quelle des Glücks sind, der österreichische Rassismus nur eine andere Form der Selbstverachtung darstellt und in einem Mord nicht weiter ermittelt werden sollte, wenn ohne den Verblichenen die Zufriedenheit der Hinterbliebenen deutlich größer ist. Der Roman liefert keine atemlose Spannung, dafür aber bissige, intelligente und vor allem amüsante Unterhaltung, ist also auch für Krimihasser bestens geeignet.
Monika
Piper, broschiert 2009, 263 Seiten, 7,95€ ISBN: 978-3492248747
Geschrieben in Monika, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
“Angstspiel” von Jonathan Nasaw
29.6.2009 von Krümel.
Simon Childs ist ein Mann in den Fünfzigern, gut aussehend, wohlhabend – und ein Serienkiller. Er hat es auf Menschen mit ausgeprägten Phobien abgesehen, die er in seinem schalldichten Keller genüsslich zu Tode quält, indem er sie mit dem Gegenstand ihrer Ängste konfrontiert. Als nächstes Opfer hat er die unter einer Maskenphobie leidende Malerin Dorie auserkoren, die er vor Monaten bei einem Phobikerkongress kennen gelernt hatte. Doch Dorie ist inzwischen aufgefallen, dass mehrere der damaligen Teilnehmer durch bizarre Selbstmorde ums Leben gekommen oder auf mysteriöse Weise spurlos verschwunden sind. Die Polizei hält das für reinen Zufall, nur der kurz vor seiner Pensionierung stehende FBI-Agent Pender und seine neue, an Multiple Sklerose erkrankte Kollegin Linda Abruzzi schenken ihr Glauben. Sie ermitteln ohne das Wissen ihrer Vorgesetzten und kommen dabei Simon Childs empfindlich in die Quere. Er beschließt, Rache zu nehmen und weiß auch schon, wie. Denn schließlich hat jeder vor etwas Angst, man muss nur herausfinden, wovor…
Schade! Einen reichen psychopathischen Killer die „fette Ratte Langweile“ dadurch bekämpfen zu lassen, dass er Phobiker auf raffinierte Weise mit Hilfe ihrer Phobien ermordet, ist eine schöne und viel versprechende Idee. Leider hat der Autor nichts aus ihr gemacht. Kommt am Anfang und am Ende des Buches noch so etwas wie Spannung auf, plätschern die über 200 Seiten dazwischen müde dahin. Dabei hätte es ein aufregendes Katz- und Mausspiel zwischen dem Mörder und seinen Verfolgern werden können. Denn während Simon Child Informationen über Pender sammelt und ihm immer näher kommt, ziehen die Ermittler ihrerseits den Kreis um ihn enger und enger. Aber Nasaw bringt einfach keine Dramatik in die Handlung. Der Killer ermordet unterwegs zwar Diesen und Jenen, aber nicht mit Schmackes, sondern eher nebenbei und zum Teil auch recht unmotiviert. Ein Serienkiller, der nicht mit Liebe bei der Sache ist, macht einfach keinen Spaß. Der Verlauf der Geschichte ist ziemlich vorhersehbar, der Showdown am Schluss geht sehr schnell über die Bühne. Ein lieblos herunter geschriebener Krimi mit seltsam emotionslosen Figuren, die auch beim Leser kein Mitgefühl aufkommen lassen. Ich gebe dem Buch 2 bis 3 Sterne von 5, aber auch nur, weil der etwas ungeschlachte Special-Agent Pender mit seinem derben Witz mich entfernt an meinen Liebling Dalziel aus den Reginald Hill-Krimis erinnert.
Wenigstens lässt sich aus dem Buch eine wichtige medizinische Erkenntnis gewinnen: Man wird offenbar schlagartig von seiner Phobie geheilt, wenn man einem Serienkiller in die Hände fällt. Fragt sich nur, ob die Krankenkassen das als Therapie akzeptieren.
Monika
Heyne Verlag, 2006, Übersetzung: Sepp Leeb, Taschenbuch 8,95 €, 450 Seiten, ISB: 978-3453432017
Geschrieben in Monika, Krimi/Thriller | Keine Kommentare »
“Engel im Schnee” von Stewart O’Nan
18.6.2009 von Krümel.
Es ist Mitte Dezember. Seit Wochen herrscht ein schneidend kalter Winter in der kleinen Provinzstadt Butler, Pennsylvania. Es ist ein Winter, der alle Dinge schmerzhaft scharf hervortreten lässt, ein Winter der erstarrten Gefühle und der abgestorbenen Hoffnungen.
Der 15jährige Arthur Parkinson probt gerade mit dem High School Orchester draußen auf dem Footballplatz, als im nahe gelegenen Waldgebiet mehrere Schüsse fallen. Er wird Ohrenzeuge des Mordes an Annie Marchant, der hübschen, rothaarigen Annie, die vor Jahren seine Babysitterin und sein erster Schwarm war. Es ist der Schlusspunkt einer sich seit Wochen anbahnenden Familientragödie.
Annie kommt mit ihren Leben nicht zurecht. Nach der Trennung von ihrem labilen, antriebsarmen Ehemann hat sie eine Affäre mit dem Mann ihrer besten Freundin begonnen. Doch im Grunde weiß Annie, dass auch Brock ihr nicht den Halt geben kann, nach dem sie verzweifelt sucht. Enttäuscht und verbittert über ihr Geschick, überzeugt von ihrer eigenen Unzulänglichkeit und überfordert durch die Doppelbelastung von Schichtdienst und Kindererziehung, lässt sie ihren Frust auch an ihrer kleinen Tochter Tara aus. Ihr Ex-Mann Glenn kann sich mit der Trennung nicht abfinden. Seine Hoffnung auf Versöhnung bleibt jedoch vergeblich und so überlässt er sich mehr und mehr religiösen Wahnvorstellungen. Brock schließlich bemüht sich zwar, Annie und ihrer Tochter zu helfen, aber er ist der Situation nicht gewachsen und beginnt eine Affäre mit einem Mädchen aus der Firma. Hilflos müssen Annies Mutter und Glenns Eltern mit ansehen, wie das Leben ihrer Kinder buchstäblich den Bach hinuntergeht.
Hilflos ist auch Arthur den Ereignissen dieses Winters ausgeliefert. Er muss nicht nur die Trennung seiner Eltern und den Umzug mit seiner Mutter in ein ärmliches Wohnviertel verkraften, sondern kommt auch auf eine sehr tragische Weise noch einmal mit dem Schicksal Annies in Berührung. Doch er bleibt allein mit seinen Ängsten. Seine Eltern kriegen ihre persönlichen Probleme nicht in den Griff, seine ältere, bei der Air Force in Deutschland stationierte Schwester bürdet ihm telefonisch die Verantwortung für die immer haltloser werdende Mutter auf, die Bemühungen eines Psychiaters, zu dem er geschickt wird, bleiben halbherzig. Arthur schottet sich ganz bewusst gegen das Chaos und den Zerfall um sich herum ab. Er ist wild entschlossen, sich durch nichts, was in diesem Winter geschehen ist, vom Glücklichsein abhalten zu lassen. Und so übt er weiter Posaune im Schulorchester, bekifft sich hin und wieder mit seinem Freund Warren und erlebt die erste Liebe mit einem Mädchen aus der neuen Nachbarschaft. Doch Arthur ist erst fünfzehn und kann nicht verhindern, dass die Ereignisse dieses Winters Spuren hinterlassen.
Stewart O’Nan’s erster Roman ist eine ruhig erzählte Geschichte von leiser Dramatik und Eindringlichkeit. Die Sprache ist klar und präzise, sie bleibt dicht an ihren Figuren, beschreibt nur und erklärt nicht. Die Bilder des Winters, der die Menschen wie in einem Albtraum gefangen hält, unterstreichen die beklemmende Stimmung von Unabwendbarkeit und hoffnungsloser Kälte. Da die Vorgänge aus der Sicht der Beteiligten gezeigt werden, erlebt der Leser Annies Verhängnis und den Zusammenbruch von Arthurs Welt Schritt für Schritt mit. Einfühlsam und doch immer mit einer gewissen Distanz schildert der Autor die Perspektivlosigkeit seiner Figuren, ihre Suche nach Geborgenheit und Glück, ihr vorprogrammiertes Scheitern bei dem Versuch, ihr chaotisches Leben in den Griff zu bekommen. Die unschuldigen Opfer sind Arthur und Annies kleine Tochter Tara, die mit Entwicklungen konfrontiert sind, auf die sie keinen Einfluss haben.
Erzählt wird die Geschichte aus zwei Perspektiven. Die eine beschreibt Annies Schicksal. Sie ist in der dritten Person und im Präsens geschrieben, denn Annies Leben hat keine Zukunft und keine Vergangenheit mehr, es ist für immer erstarrt in der Kälte jenes Winters. Die andere gehört dem Ich-Erzähler Arthur, der bei einem Besuch in seiner Heimatstadt an den Schmerz und die Verzweiflung der letzten Tage seiner Kindheit zurückdenkt. Er beschließt seine Erinnerungen mit den Worten, er könne sich sehr genau vorstellen, “wie ich die Menschen, die ich liebte, jemals würde hassen können… und das würde sich sehr lange nicht ändern”. Eine bittere Feststellung, die die Auswirkungen der traumatischen Erlebnisse auf sein Leben andeutet und doch gleichzeitig schon die tröstliche Aussicht auf ihre Überwindung miteinschließt.
Monika
Rowohlt Verlag, 2000, OT: Snow Angels 1994, Übersetzung: Thomas Gunkel, broschiert 8,95 €, 250 Seiten, ISBN: 978-3499223631
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“Melnitz” von Charles Lewinsky
10.4.2009 von Krümel.
„Immer, wenn er gestorben war, kam er wieder zurück“. Mit diesem Satz beginnt und endet der Roman über das Leben einer jüdischen Familie in der Schweiz zwischen 1871 und 1945. Wer sich partout nicht begraben lässt, ist Onkel Melnitz. Als ruheloses Gespenst der Erinnerung an die von Verfolgung und Leid geprägte Geschichte der Juden geistert er durch die Handlung, mischt sich mal mit stichelndem Spott, mal mit beißender Ironie in die Entscheidungen seiner Sippe ein und warnt sie davor, sich Illusionen hinzugeben, denn „ein Jude bleibt ein Jude bleibt ein Jude“. Am Ende wird er Recht behalten.
Die Erzählung setzt 1871 in Endingen ein, einem von zwei Schweizer Dörfern, in denen Juden sich dauerhaft niederlassen durften. Hier lebt Salomon Meijer mit seiner Frau Golde, seiner verwöhnten Tochter Mimi und der Ziehtochter Channele mit den zusammengewachsenen Augenbrauen und dem nüchternen Verstand. Der knorrige Patriarch hat es als Viehhändler zu einem gewissen Wohlstand gebracht und ist stolz darauf, überall als ehrlicher Mann zu gelten. Doch das fest gefügte, von religiösen Traditionen geprägte Leben der Familie ändert sich grundlegend, als am Ende der Trauerwoche für Onkel Melnitz eines Nachts ein aus Kriegsgefangenschaft entflohener französischer Soldat an die Tür klopft und sich als entfernter Verwandter vorstellt. Janki Meijer will sich nicht mit einer stillen Existenz am Rande der Gesellschaft zufrieden geben. Er träumt von einem eigenen Geschäft, von Erfolg und Ansehen. Wenig später ist er nicht nur der Schwiegersohn Salomon Meijers, sondern auch Besitzer eines Stoffladens in der nahe gelegenen Kleinstadt Baden. Damit beginnt der wirtschaftliche Aufstieg der Familie, aber auch ihr ständiger Kampf um gesellschaftliche Anerkennung. Die Meijers haben Glück, in der Schweiz ist der Antisemitismus nicht mörderisch. Doch auch hier werden die Juden nur geduldet und müssen mit Ausgrenzung, Feindseligkeiten und Demütigungen leben. Vor dem Hintergrund des Zeitgeschehens folgt der Roman den Lebenswegen von fünf Generationen, deren Schicksal, vom altmodischen Opa Salomon bis zu dessen kämpferischen Ururenkel Hillel, immer auch exemplarisch für das Schicksal der Juden in dieser Epoche ist. Scheint sich ihre Hoffnung auf Gleichberechtigung in der wirtschaftlichen Blütezeit nach dem deutsch-französischen Krieg zunächst zu erfüllen, bedeutet das antisemitisch motivierte Schächtverbot 1893 einen herben Rückschlag. Auch von den großen Katastrophen des 20. Jahrhunderts, den Weltkriegen, den Judenpogromen in Osteuropa, dem Nationalsozialismus und der Massenvernichtung, bleibt die Familie nicht verschont. Wenn am Schluss Onkel Melnitz gar nicht mehr weggeht, in jedem Haus wohnt, an jedem Tisch sitzt, in jedem Bett schläft, werden auch die Hoffnungen und Pläne der Familie Meijer gescheitert sein.
„Melnitz“ ist eine facettenreiche, historisch detailgetreue Familienchronik mit nicht sehr differenziert gezeichneten, aber einprägsamen Figuren, lebendigen Dialogen und hintergründigem Humor. Obwohl sie spannend zu lesen ist, werden dramatische Töne vermieden. Die Meijers sind durchschnittliche Leute und führen ein durchschnittliches Leben, in dem wohltätige Kleidersammlungen, Veranstaltungen des Turnvereins und kleine Familienfeste schon die Höhepunkte bilden. Was ihnen an Glück und Leid widerfährt, und das ist im Laufe eines dreiviertel Jahrhunderts nicht wenig, wird mit großer Gelassenheit, Witz und Melancholie geschildert. Einen breiten Raum nimmt die Beschreibung jüdischer Sitten und Gebräuche ein, die der Geschichte Authentizität verleihen und trotz ihrer zunächst etwas exotischen Wirkung den Leser immer vertrauter mit der Familie werden lassen. Gekonnt verwebt Lewinsky die individuelle Geschichte seiner Figuren mit dem Schicksal der Juden in der Schweiz und in Europa. Bei aller Unterhaltsamkeit ist in dieser opulenten Familiensaga das pessimistische Weltbild stets spürbar. Auch im hanswurstartigen Auftreten des Widergängers Onkel Melnitz mit seinem meckernden Lachen und seinem um den knochigen Körper schlotternden schwarzen Anzug schwingt immer ein Moment des Grauens mit. Obwohl man bisweilen vorhersieht, was kommen wird, und die jüngeren Generationen etwas blass bleiben, ist „Melnitz“ ein gut gemachter, lesenswerter Schmöker.
Monika
Deutscher Taschenbuch Verlag, 2007, Broschierte Ausgabe 12,90 €, 784 Seiten, ISBN: 978-3423135924
Geschrieben in Monika, Roman | Keine Kommentare »




